Ruth

Part 8

Chapter 83,784 wordsPublic domain

»Nur daran denkst du dabei, Ruth? Und ich glaubte, dich selbst solle es glücklich machen.«

»Das thut es ja eben!« erklärte sie erstaunt und stand auf.

»Was willst du nun heute morgen thun? Wir wollen in den Garten gehen. Es regnet nicht mehr. Oder meinst du, daß du schlafen könntest?«

Sie schüttelte lachend den Kopf.

»Ich möchte nicht, daß du später allein bleibst, ohne Beschäftigung und Morgenfrische,« sagte Erik; »arbeiten sollst du nicht. Vielleicht solltest du mit mir zur Schule kommen. Noch immer warten die Mädchen auf deinen versprochenen Besuch. Und in ein paar Tagen ist Klassenschluß. Es wird dich ablenken und zerstreuen. Und wenn es dich ermüdet, desto besser.« --

Gonne hatte auf der Terrasse den Frühstückstisch gedeckt, und Klare-Bel lag schon neben demselben in ihrem Stuhl, als Erik, Ruth und Jonas, erst auf wiederholte Rufe, aus dem Garten herankamen. Jonas sah ganz erhitzt aus, und der Strohhut saß ihm im Nacken; in seiner rechten Hand trug er einen hohen Eimer, den er von Gonne erbeutet hatte und jetzt auf die Stufen, die zur Terrasse führten, niedersetzte. Eine wohl zwei Fuß lange, stahlfarbene, bläulich glänzende Schlange wand sich darin.

»O pfui, Jonas!« rief Klare-Bel entsetzt, »wie magst du nur ein so greuliches Tier herbringen! Könnte sie uns nicht alle totbeißen, Erik?«

»Das kann sie nicht. Es ist eine Ringelnatter,« versetzte er lächelnd.

»Aber eine prachtvolle, Mama! ich fand sie hinter dem Gehölz, da wo der kleine Bach sich im Wiesengrund verläuft,« sagte Jonas voll Stolz und Bewunderung; daß er einen solchen Fund that, war ihm ein ganz unerwartetes Landvergnügen, er hatte eigentlich nur auf Raupen gerechnet, und höchstens auf eine Blindschleiche.

Ruth beteiligte sich nicht an der Unterhaltung über die Schlange, die Jonas gar nicht aufhören konnte zu bewundern, während sie Kaffee tranken. Seitdem sie im Garten Jonas mit dem Eimer in der Hand begegnet waren, verhielt Ruth sich ganz still. Sie hatte heimlich gehofft, Klare-Bel würde gegen die Schlange protestieren, aber die erkundigte sich ja nur danach, ob das Tier wohl jemand totbeißen könnte. Und das war an einer solchen Schlange doch wohl das Geringste, fand Ruth.

Jetzt gelang es der Ringelnatter, nach mehreren vergeblichen Versuchen, sich auf dem Boden des Eimers aufzurichten, sie wiegte rhythmisch ihren Oberkörper und guckte mit ihren kleinen klugen schwarzen Augen die Anwesenden an.

Klare-Bel blickte zufällig auf Ruth, deren Glieder ein Zittern durchlief, und die die halbgefüllte Tasse niedersetzte und erblaßte.

»Wirf das Untier fort, aber schnell, Jonas,« sagte seine Mutter rasch, »siehst du denn nicht, daß Ruth sich ängstigt?«

»Nein, lasse sie nur da,« fiel Erik ruhig ein, der Ruth die ganze Zeit über beobachtet hatte, »darauf soll keinerlei Rücksicht genommen werden.«

Dann wandte er sich in leichtem Ton an sie: »Liuba hat mir erzählt, daß du einmal wegen einer ähnlichen Kleinigkeit umgefallen bist. Strafe sie Lügen.«

»Hat Liuba gesagt: wegen einer Kleinigkeit?« fragte Ruth erstaunt. »Es war keine Kleinigkeit. Es war etwas fürchterliches, -- kalt und grausig, -- was so gewaltsam von außen kam, -- so, wie wenn man einen umbringt.«

»Um Gottes willen!« bemerkte Klare-Bel, »was kann denn das nur gewesen sein?«

»Eine kleine Raupe!« entgegnete Erik spottend.

Ruth wollte wahrheitsgemäß verbessern: »Eine große Raupe,« aber sicherer erschien es ihr, nicht noch ausdrücklich zu bestätigen, daß es nur eine Raupe gewesen war.

»Paß mal auf,« rief Jonas, »ich werde das Prachttier zähmen; Ringelnattern sind zutraulich und verständig, man kann sie gern um den Hals winden. Dann spielen wir ›Schlangenbändiger‹. Hast du je schon etwas so Schönes gehört? Ich bin der Schlangenbändiger. Da brauchst du dich gar nicht zu fürchten. Du siehst nur zu und -- und bewunderst mich.«

Erik lachte und griff ihm ins kurzgeschorene Blondhaar.

»Stopf deiner Eitelkeit den losen Mund,« warnte er, »denn schon ist die Zeit ganz nah, wo Ruth sich nicht mehr mit der Zuschauerrolle begnügen wird. Wo sie selbst, freiwillig, aus eigenem Antriebe, an die Schlange herantritt, sie in die Hand nimmt und sich auf den Körper hinaufkriechen läßt.«

Ruth hatte vergeblich versucht, ihn zu unterbrechen.

»Ich! Wann wird das sein?« fragte sie, ganz außer sich vor Erstaunen.

»Wann? vermutlich schon bald.«

»Nein! Nie!« versicherte Ruth, noch ganz fassungslos über seinen Irrtum, »ich würde mich ja immer fürchten.«

»Das würdest du wohl. Aber das ist noch kein Gegengrund. Es kommt vor, daß man stärker ist als die eigene Furcht, und daß man sie totschlägt.«

»Nun, Erik, das ist ein starkes Stück,« sagte Klare-Bel halblaut.

Jonas sah verdutzt aus, daß sein Vater so etwas im voraus wissen konnte, was doch Ruth selbst noch nicht wußte. Aber er begriff, daß Erik ihr etwas Unangenehmes geweissagt hatte, denn sie schauderte unwillkürlich zusammen.

»Weißt du was?« schrie Jonas ihr plötzlich zu, und der rettende Einfall verklärte förmlich sein Gesicht. »Ich weiß einen Ausweg: -- thu's eben nicht! Einfach! denke nur: du brauchst es ja einfach nicht zu thun!«

Er mußte sich von seinen Eltern auslachen lassen, und das Gespräch wandte sich andern Dingen zu.

Ruth saß regungslos da und blickte scheu nach dem Eimer. Wie gebannt, mußte sie den länglichen, schilderbedeckten, züngelnden Kopf ansehen, der sich dort herüberreckte. Es war, als grüße er sie. Es war, als schaue er nur gerade sie an. Nur sie ganz allein. Als sei sie ganz allein mit der Schlange.

Die kleinen runden schwarzen Augen schienen sich mehr und mehr zu erweitern, wie ein grausiger Höllenabgrund, in dem alles Unheimliche sein Spiel trieb. Und hinter dem Kopf mit den Augen hing das ekle, schlüpfrige Gewürm und wand sich ungeduldig. Es war ganz gewiß: die Schlange lauerte schon auf sie.

Sie sah doch wirklich so aus, daß man das Schlimmste von ihr denken konnte.

Ruth und die Ringelnatter maßen sich mit den Blicken.

Ruth errötete langsam, immer dunkler, ohne ein Wort zu sprechen.

Da, als Erik sich vom Frühstückstisch erhob, und Jonas wieder in den Garten laufen wollte, sprang Ruth hastig auf und sagte wild. »Dann lieber gleich!«

Die andern verstanden sie nicht recht, nur Erik, der sie unausgesetzt im Auge behalten hatte, entschlüpfte ein Laut der Ueberraschung.

»Jetzt gleich?« wiederholte er, »nein, mein Kind, das ist weder gut noch notwendig. Es wäre eine ebensolche Uebertreibung wie das mit dem Nachtarbeiten. Und nach dieser Nacht bist du mir jetzt nicht fest genug dazu.«

»Ich bin fest!« versicherte sie fast flehend, »aber warten kann ich nicht auf etwas so Grausiges! Ich kann es nicht so heranschleichen sehen, -- Tag für Tag, -- immer näher, -- immer gewisser; -- mit einer Schlange zusammenwohnen, vor der ich mich fürchte, -- und die mit der ganzen Familie immer intimer wird, -- -- und nur auf mich lauert, -- nein, das kann ich wirklich nicht!«

Erik lachte, sah aber dabei besorgt aus. Dies kam ihm ganz unerwünscht.

»Aber Ruth!« sagte er, »hat dich denn deine Phantasie mit Haut und Haar aufgefressen? Eine solche Kleinkinderangst legt man am sichersten in allmählicher Gewöhnung ab. Mir ist es lieber, wenn es allmählich geschieht. Ueberlege es dir! Denn, wenn du darauf bestehst, gibt es kein Zurückweichen mehr! Dann kein Spielen und Versuchen! Das würde ich nicht dulden. Deiner selbst mußt du sicher sein.«

»Ja!« behauptete Ruth, und die Stirn wurde ihr feucht.

»Willst du es trotzdem? Gut. Dann komm her.«

Erik beobachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit und trat zugleich von hinten an sie heran, damit sie sich mit dem Rücken gegen ihn lehnen mußte, wenn sie etwa »umfiel«.

Sie stand mit herabhängenden Armen da und machte ein entschlossenes, beinahe finsteres Gesicht. Als er sich aber nach dem Eimer bückte, und sie, dicht vor sich, die Schlange in seiner Hand sich winden sah, überfiel sie ein Schwindel.

Unwillkürlich schlossen und ballten sich krampfhaft ihre Hände, denen sie befahl, sich nach dem glatten Wurm auszustrecken; sie machte zuckend die Augen zu, und es fing an, ihr vor den Ohren zu sausen.

Da hörte sie Eriks ruhige Stimme: »Fürchtest du dich sehr?«

Sie nickte fast unmerklich.

»Dann wollen wir es lassen, mein Kind.«

Ruth öffnete erwartungsvoll und groß die Augen.

»Für immer?« fragte sie schnell.

Er mußte lächeln.

»Nein. Nicht für immer,« sagte er ruhig und freundlich, »aber es eilt nicht.«

Sie nahm sich zusammen.

»Dann jetzt gleich!« murmelte sie.

Und sie streckte den Arm aus und nahm ihm die Schlange aus der Hand. Bei der ersten Berührung erschütterte es ihren ganzen Körper wie ein elektrischer Schlag, sie warf den Kopf zurück und drängte sich hilfesuchend enger an Erik. Aber ihre Finger hielten dabei den langen, glatten Schlangenleib fest umspannt, und ohne einen Laut über die erblaßten Lippen zu bringen, sah sie mit weitgeöffneten Augen zu, wie die Ringelnatter sich an ihrem Arm hochstreckte, sich um denselben herumschob und den Kopf mit der feinen gespaltenen Zunge wiegend zur Seite niederhängen ließ.

Der Arm blieb ausgestreckt, als wäre er erstarrt. Und Ruth machte ein Gesicht dazu, als ob sie hingerichtet würde.

»Bravo!« sagte Erik, der seine Hände schützend und ermutigend um sie gelegt hatte, »auch das hast du gut gemacht, Mädel.«

Als er sie aber losließ und mit raschem Griff die Schlange wieder in den Eimer schüttelte, da taumelte Ruth.

»Nein, nein!« rief er heiter, »du mußt nicht denken, daß du jetzt noch ›umfallen‹ darfst. Damit ist es nun nichts mehr.« Und er schob ihr einen Stuhl zu.

Aber Ruth beachtete den Stuhl nicht, sondern ging, ohne aufzusehen, mit unsicheren Schritten an Erik vorbei, quer über die Terrasse und in den Flur hinein. Dort, so weit von ihm entfernt wie möglich, setzte sie sich in eine Ecke, hinter den Mantelständer, versteckte ihr Gesicht in den Mänteln, die dort hingen, und fing an zu weinen.

Erik sah ihr verwundert zu.

»Aber Ruth, du Narr!« rief er, und mußte doch lachen, »nun solltest du froh sein, und sogar stolz. Was kann es nützen, hinterdrein zu weinen?«

Sie guckte hinter dem Mantelständer hervor und blickte ihn vorwurfsvoll an.

»Ich thue mir so leid!« sagte sie und weinte weiter.

Jonas, der die ganze Zeit mit offenem Munde dagestanden, aber auf einen Wink seiner Mutter seine steigende Verwunderung für sich behalten hatte, sah auf diese Worte hin den Vater ebenfalls sehr vorwurfsvoll an. Er lief in den Flur, um Ruth zu trösten.

Eine Stunde später fuhr Ruth aber dennoch mit ihm und Erik zur Stadt.

Die Mädchen in der Schule warteten schon lange auf ihren Besuch. Es interessierte sie außerordentlich, daß Ruth jetzt bei Erik im Hause lebte, und in jeder Stunde erkundigten sie sich nach ihr bei Erik. Sie fanden, alles sei plötzlich so nüchtern geworden. Nur eine kleine Partei, freilich die beste, vermißte Ruth nicht. Das waren die Musterschülerinnen, die sich jetzt vor ihren Ausgelassenheiten sicher fühlten und durch keine argen Einfälle mehr in Versuchung geführt wurden. Aber die Stimmung blieb flau, und als es nun, so kurz vor den Ferien, zu regnen anfing, da verdüsterten sich die Gesichter auch der Fleißigsten.

So gab es doch eine gewaltige Freude, als heute, in der Freistunde, Ruth wieder auf dem Schulhof erschien, mit einem großen Regenschirm, unter dem ihr Gesicht vergnügt hervorschaute. Alle umringten sie, und der Lärm wurde so schlimm, daß im Hinterhause die Leute aus den Fenstern herabschauten, um zu sehen, was es gäbe, und warum die Schulvögel noch lauter zwitscherten als sonst.

Ruth war von ihnen die einzige Stille. Als sie so mitten unter ihnen stand, von allen bedrängt, da kam es ihr vor, wie wenn sie aus einer Weltferne zu ihnen zurückgekehrt sei, und sie wurde fast schüchtern. All das Viele, was sie zu erzählen hatte, all das Viele, worauf jene begierig waren, schmolz zu einem bloßen Blick und Lächeln zusammen, und es blieb nichts, als auf ihrem Gesicht der Ausdruck von Kinderglück, der an ihrer Statt erzählte.

Die Schülerinnen schoben sich an der Hauswand aneinander, wo das überragende Dach sie vor dem schwachen Sommerregen schützte, und wie damals, als Erik aus dem Klassenfenster auf sie niederblickte, fand Ruth ihren Platz wieder auf dem umgestülpten Wasserfaß.

Sie erschien den Mädchen verändert, ohne daß diese sagen konnten, wodurch. Denn wie ein Junge im Blusenkittel sah sie noch immer unter ihnen aus, und einen Zopf hatte sie ja auch noch nicht bekommen. Daß sie nicht sprach, entging ihnen vollständig; der in ihnen selbst aufgespeicherte Mitteilungsstoff brannte auf den Zungen, und, anstatt dessen, was sie von ihr erfahren wollten, erfuhr Ruth binnen weniger Minuten das Schicksal einer jeden einzelnen, von damals bis heute, nebst dem ganzen Gang der »öffentlichen« Angelegenheiten.

Das größte Ereignis stellten sie ihr in Person vor. Das war eine Braut. Eine wirkliche Braut aus ihrer Klasse. Ein großes, blondes Mädchen von frauenhafter Gestalt, mit ruhigen, freundlichen Gesichtszügen. Als Legitimation wurde ihr ein Ring von der linken Hand gestreift und seine Inschrift triumphierend vorgezeigt, -- der glatte goldene Traureif fiel Ruth in den Schoß.

Die Braut wehrte sich nur schwach dagegen, so als Gemeingut behandelt zu werden. Sie war begreiflicherweise mit ihren Gedanken längst aus der Schule heraus und fühlte sich mit deren Insassen nur noch durch das unendliche Interesse verbunden, welches ihr, ihrem Liebsten, und ihrem Glück wahrhaft glühend entgegengetragen wurde. Denn mit ihr betrachtete sich sozusagen die ganze Klasse als mitverlobt und an den Mann gebracht.

»Er ist dunkelhaarig!« erklärte das kleine blonde Gretchen, die besonders zärtlich an Ruth hing, »ach, Ruth, ein solcher, wirklicher Bräutigam bleibt doch das Allerhöchste. Denke dir nur, was man als Braut alles zu erzählen hat! Wenn wir so zusammensitzen, und sie spricht von ~ihm~ und dem Leben und der Ehe und der Zukunft, dann meint man, daß man in einer Stunde mehr erfährt als in all den Schuljahren mit ihrem Kram.«

»Wieso?« sagte Ruth, »sie weiß ja selbst noch nichts davon.«

Gretchen schwieg etwas betroffen.

»Nun, du bist auch nicht wenig prosaisch geworden!« fiel eine andre ein und lachte, »sie lieben sich ja doch! Findest du denn das nicht wunderschön?«

»Doch!« sagte Ruth und betrachtete nachdenklich den schmalen Goldreif in ihrer Hand; »vielleicht ist es wunderschön.« Dann gab sie ihn der Braut mit einem vollen Blick zurück und fügte hinzu: »Aber das Wunderschöne daran läßt sich ja doch nicht erzählen. Nicht wahr?«

Die Angeredete errötete etwas und sah Ruth erfreut an. Sie fühlte sich zum erstenmal zu dem beglückwünscht, was sie ganz für sich allein besaß, als Braut, -- was sie mit den andern nicht gemein haben konnte. »Es wäre eigentlich schöner gewesen, nicht so viel und so ausführlich mit allen darüber zu sprechen,« dachte sie plötzlich, mit Scham und Stolz. Und während sie den Ring überstreifte und Ruth anblickte, konnte sie dem Gedanken nicht wehren: »Diese hier ist gewiß die nächste Braut.«

»Ja, Ruth, du hast recht: zum Erleben mag es schmecken, zum Erzählen ist es fade!« rief die hübsche dunkle Wjera dazwischen, die schon immer zu den Kecken gehört hatte und sich jetzt aus allen Kräften gegen das Uebergewicht der »Brautschaft« in der Klasse sträubte, »was hattest du immer für herrliche Geschichten und Abenteuer für uns auf Lager! Und jetzt: der reine Hausfrauenzettel! Ich bin die einzige, die noch dem ›Edlen, Unglücklichen‹ nachsteigt.«

»Ist der noch da?« fragte Ruth.

»Ja, stell dir nur vor,« klatschte eine an Ruths Ohr, »sie macht förmliche Straßenbekanntschaften. Es hat schon einen Verweis gegeben.«

»Laß dir nichts in die Ohren blasen, Ruth,« unterbrach die Geschmähte sie, »es ist ja alles deine Schuld und dein Vermächtnis! Warum bist du auch fortgeblieben mit deinen schönen Freistundengeschichten?«

Ruth hatte ihren Kopf gegen die Hausmauer gelehnt und sah schweigend in den verregneten Hof. Gerade vor ihr erhob sich ein hoher Schornstein, dessen Rauchsäulen jahraus, jahrein die Mauern schwärzten und ihren Ruß auf den Schulhof niederstäubten. Gegenüber sperrte die mächtige gelbe Wand des Hinterhauses jede Aussicht ab. Die Luft war schwül; sie hatte es draußen im blühenden Juni gar nicht bemerkt.

»Wie ein Gefängnis!« dachte Ruth und sagte laut: »Das mit den Geschichten war ja nur ein Notbehelf. Phantastereien.«

»Wieso ein Notbehelf?«

»Würdest du uns keine mehr erzählen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Keine Phantasiegeschichten mehr. Nie mehr. Aber wenn man vor einer großen Mauer sitzt, dann malt man sich natürlich aus, was es hinter der Mauer gibt. Und wir wußten nichts, als daß es dahinter Männer gibt. Und da malten wir sie uns mit lauter Männern aus. Ihr wolltet es ja so.«

»Nun, und was? Was gibt es sonst noch dahinter?«

»Weißt du jetzt etwas davon, was es da gibt?«

»O!« sagte Ruth nur, aber ihre Augen öffneten sich groß und strahlten alle an, wie zwei unergründlich verheißungsvolle Glücksgeheimnisse, »dahinter gibt es das Leben.«

In ihrem Blick und Ausdruck lag etwas dermaßen Aufstachelndes, die Neugier und das Verlangen Aufreizendes, daß in diesem Augenblick den meisten selbst der »Bräutigam« schon etwas schal und abgestanden erschien. In den Gesichtern prägte es sich deutlich aus, daß ein neuer Hunger sich geltend machte.

»Wie kommt man denn über die Mauer?« fragte die unternehmende Wjera.

Ruth lachte.

»Man klettert eben hinüber,« sagte sie und lachte noch immer, »und dann geht man geradeaus, und noch rechts und nach links, ringsherum und nach allen Seiten. Bis man alt ist.«

»Nehmt euch in acht!« rief eine von den Musterschülerinnen warnend, »seht ihr denn nicht, wie sie euch foppt? Gerade so machte sie es immer mit euch. Sie spielt und phantasiert, und dann lacht sie uns aus, weil wir's ernst nehmen.«

»Nehmt's nur für Ernst!« sagte Ruth und gab sich vergebliche Mühe, den Schalk zu zügeln, der ihr im Nacken saß.

»Da sollen wir wohl zu Herrn Matthieux gehen und ihn bitten, uns auch über die Mauer zu helfen?«

»Das könnt ihr ja thun.«

»Der hätte wohl gerade Lust und Zeit dazu!«

»Die hat er gewiß,« versicherte Ruth; »und Lust hat er auch. Er hat alles, außer den Menschen, die dazu gehören.«

Sie sahen sich mit unsicheren und lächelnden Blicken untereinander an. Und dann auf Ruth, die gleichmütig dasaß, wie das verkörperte Behagen.

Die Spannung wuchs. Dies hier schien ihnen ihre schönste Geschichte zu sein.

»Sage mal: ist es auch gewiß, daß es dahinter angenehm ist? Hast du da auch gewiß nie etwas Unangenehmes vorgefunden?« fragte eine von ihnen vorsichtig.

»Nie!« behauptete Ruth, und es blitzte über ihr Gesicht, als ihr beiläufig einfiel, daß ihre Augen seit gestern noch nicht trocken geworden waren.

Die dünnstimmige Klassenglocke fing an zu bimmeln, und die Mädchen verließen den Platz am Brunnen.

»Du könntest Herrn Matthieux ja mal für uns fragen,« meinte die hübsche Wjera, »das kostet nichts.«

»Warum?« entgegnete Ruth; »es ist eure Sache. Laßt es euch nur was kosten.«

In aufgeregtem Meinungsaustausch drängten sie dem Hause zu. Darüber blieb es unbeachtet, daß Ruth ihnen nicht folgte. Ueber der Spannung, die sie hervorgerufen, war sie selbst vergessen worden. Als die Mädchen sich dann nach ihr umsahen, um einen gemeinsamen Heimweg zu verabreden, war Ruth verschwunden. Das letzte, was sie noch von ihr vernahmen, war ein Gelächter.

Erik brauchte an diesem Vormittag nicht ganz so viele Stunden zu geben wie sonst, denn mehrere Privatschulen hatten schon Ferien gemacht. So kam er bereits früh in seine Stadtwohnung hinauf, wo Ruth ihn erwarten sollte. Noch war nichts von ihr zu erblicken. Erik erledigte, was es hier noch zu thun gab, und kleidete sich um, froh, der heißen Uniform zu entrinnen. Als Ruth sich dann immer noch nicht melden wollte, öffnete er etwas beunruhigt die Thür zum Wohnzimmer und schaute hinein.

Da lag sie und schlief.

Sie hatte ihre kleinen Schuhe ausgezogen und unter einen Stuhl gestellt. Dann hatte sie sich, mit emporgezogenen Füßen, auf dem weißen Leinwandbezug des Sofas zusammengekauert. Den Kopf gegen das Seitenpolster gedrückt, schlummerte sie, mit ernstem Gesicht und schlafgeröteten Wangen, fest und eifrig, wie ein Kind.

Die Müdigkeit mußte sie beim Warten überfallen haben.

Aus dem grauen Regenhimmel stahlen sich durch die niedergelassenen Fenstervorhänge einzelne Strahlenbündel, in denen der Staub in breiten Wellen flimmerte und zitterte, und huschten über Ruths Gesicht. Ein leises Lächeln glitt mit den Sonnenstrahlen über dasselbe hin und blieb auf den Lippen stehen, wie im Traum. Dann, als die Sonne zudringlicher wurde, zog sie ein paarmal Stirn und Nase kraus, und endlich mußte sie heftig niesen.

Das Lachen breitete sich über ihr ganzes Gesicht. Lachend wachte sie auf und hörte Erik lachen.

»Ist es Morgen?« fragte sie verwundert und setzte sich auf.

»Nein. Es ist Mittag. Warum bist du denn den Mädchen so rasch weggelaufen? Sie fragten noch nach dir,« sagte er.

Ruth rieb sich die Augen.

»Ach so, die Mädchen. Jetzt weiß ich schon,« versicherte sie; »ja, mit den Mädchen ist es nichts. Glaub's nicht. Aber mir ist eingefallen: wenn man keine lebendigen Menschen aufbringen kann, -- dann gäb's am Ende auch noch ein andres Mittel.«

»Mädel! Schüttle den Schlaf ab. Träumst du denn noch?«

»Nein, nein. Kein Traum,« sagte sie eifrig, glitt mit den Füßen vom Sofa herunter, stützte die Arme auf den staubigen Tisch davor und drückte das Kinn auf die geballten Hände; »ich habe es mir nämlich so gedacht: wenn man zu den Menschen sprechen will, -- in sie hineinwirken, -- an ihnen was Großes schaffen, -- und man findet nicht recht die richtigen Menschen, die gut dazu passen würden, dann muß man es ~so~ machen: man muß sich etwas ausdenken, was man ihnen vor Augen stellt, -- so recht überzeugend und gewaltig vor Augen, bis sie Lust kriegen. Kann man das nicht? Warum nicht? Zu den Menschen vom Allerschönsten reden und nicht müde werden, -- bis sie Lust kriegen.«

Sie sprach rasch und belebt, mit wachen, glänzenden Augen, sichtlich bemüht, ihm etwas deutlich zu machen, das sie da, wie einen Traum, mitten aus ihrem Schlaf hervorgeholt zu haben schien.

»Wer soll das thun?« fragte er langsam, von ihrem Gesichtsausdruck wie gebannt, und trat heran an den Tisch.

»~Sie~ sollen es!« rief sie hell, »wer denn sonst? Sie haben mir immer gesagt: mit den Phantastereien ist es nichts, aber das Leben ist schön und weit. Ich glaub's ja! Ader nun weiß ich, wozu die Phantasiegeschichten gut sind, -- denn zu etwas sind die auch gut. Dazu, daß man sich ausdenken kann, was noch am Leben fehlt, und es hinzuthun. Am Leben und an den Menschen. Nicht wahr?«

Während sie sprach, ging Erik im Zimmer auf und ab. Ihm schien, als lausche er auf den kindlichen Ausdruck dessen, was er nur künstlich in sich selbst zurückgedrängt hatte. Es kam wieder und redete mit Kinderstimme zu ihm. Eine Reihe noch unklarer Pläne blitzte ihm durch den Kopf. Alte und neue durcheinander. Sie hatten immer nach Gestaltung verlangt. Und er, durch die Verhältnisse enttäuscht, hatte versucht, sie von sich abzuschieben, -- zu vergessen. Im vergangenen Winter hatte er sich in einen förmlichen Gesellschaftsrausch gestürzt, um sie zu vergessen.

Ruth saß und folgte ihm mit den Augen.

»Jetzt denkt er sich gewiß was aus!« dachte sie.

Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Beide merkten nichts davon, daß die Luft im Zimmer dick und staubig war, und ungezählte Mücken umherschwirrten.

Dann blieb Erik stehen, nickte zu ihr hinüber und sagte heiter: »Danke dir, Mädel. Erinnerst du dich, daß du mir etwas schenken wolltest, was ich eigentlich nie bekommen habe? Nun hast du mir aus deinen Phantasiegeschichten heraus doch etwas geschenkt. Zur guten Stunde.«

Sie sprang vom Sofa und kam auf ihren Strümpfen lautlos zu ihm.