Part 7
Ruth merkte nicht, daß er ging. Sie blieb mit emporgezogenen Knieen sitzen, die Arme auf die Kniee, und das runde Kinn auf die geballten Hände gestützt, wie auf zwei Säulen. So blickte sie angestrengt vor sich auf einen einzigen Fleck im Grase, wo eine weiße Gänseblume stand, und dachte mit Hingebung nach, gleich einem indischen Derwisch. Sie wußte ganz genau, wo sie stehen geblieben war, als Jonas kam und sie aufhören mußte.
Klare-Bel lag still und hatte die Augen geschlossen. Die Mittagssonne strahlte warm über den Bäumen, kein Lüftchen bewegte das duftende Laub. Ein paar gelbe Schmetterlinge flatterten naschend um die Frühlingsbeete, und zu Ruths Füßen zirpten die Heimchen laut und eifrig ihr Lied.
Ruth versank tiefer und tiefer in ihren Mittagssonnentraum. Wie in goldenen Lichtwellen wob er sich um die Gestalt, die Klare-Bels Erzählungen vor ihr heraufbeschworen hatten. Ein unklares Verlangen, halb Demut, halb Forderung, bemächtigte sich ihrer, diese Gestalt so lichtvoll, so schattenlos als möglich zu sehen, -- in einem warmen Glanze, der sie unter allen andern Wesen hervorhob. Warum? das wußte Ruth nicht.
Aber das wußte sie: in diesem Licht sahen die wirklichen Menschen, die sie sonst kannte, noch viel störender und sinnloser aus als bisher, -- fast als ob es nur lauter Leiber wären, in denen so gut wie nichts drinsteckte. Und die phantastischen Schattenbilder, die sie sich nach eingebildeten und fremden Menschen so schön entwarf, wie sie wollte, und wieder wegwischte, wann sie wollte, -- die sahen viel schattenhafter aus als bisher, ordentlich dünn waren sie geworden, und so durchsichtig, daß man meinen konnte, es seien nur Irrwische von Gedanken.
Ruth durchwanderte ihre ganze Welt wie der Schöpfer am sechsten Tage, fand aber nur das Chaos wieder. Und mitten darin den einzigen, wenn er wollte, alles beseelenden Menschen, den zu gestalten Phantasie und Wirklichkeit zusammenschmolzen. Es war, als stände er ihr ganz allein gegenüber in dieser einsamen, phantastischen Welt ihrer Träume, -- der ~erste Mensch~ am sechsten Schöpfungstage, unerkannt noch, und ein Wunder. Mit innerm Staunen stand sie still vor ihm, als müsse sie fragen. »Wer bist du? Wie kommst du hierher? Wie darfst du hier herrschen?« Er beschädigte ihre Gedanken so stark, er setzte sie so stark in Erstaunen, daß sie darüber sich selbst aus ihren Gedanken verlor und nur ihn anschaute. Es schien ihr notwendig, daß er etwas Besonderes, Merkwürdiges, ganz außer allem Vergleich Stehendes sei, wenn sie ihn da dulden sollte.
Und wieder erhob sich das unruhige Verlangen in ihr, Glanz auf Glanz, Licht auf Licht auf ihn zu häufen.
Nachdem Ruth lange Zeit stumm dagesessen hatte, richtete sie sich aus ihrer zusammengekauerten Stellung auf und ging langsam an die Gartenpforte. Die Arme über dem Zaun verschränkt, schaute sie die Straße hinab, die Erik entlang kommen mußte. Er kam bald. Sein erster Blick fiel auf ihr Gesicht und blieb aufmerksam und forschend darauf haften. Sie sah ziemlich blaß und schmal aus nach der Fiebernacht, aber der leidende Ausdruck von heute morgen war völlig aus ihren Kinderzügen verschwunden. Ein neuer Ausdruck, offen und verlangend, der Erik wohlgefiel, lag in ihren Augen.
Er nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie sprachen nicht miteinander, nur Ruths Hand schlich sich leise in die seine. Hand in Hand sah Klare-Bel sie auf sich zukommen.
»Wie lange hast du heute in der argen Sonne auf mich warten müssen, meine Arme!« sagte er zu seiner Frau, »nun sollst du auch keinen Augenblick länger daliegen.«
Damit schob er ihren Stuhl in die Nähe der Terrasse, hob sie heraus und nahm die kleingewachsene Gestalt so behutsam in die Arme, wie man ein Kind an der Brust bettet.
»Du allzuleichte Last!« scherzte er und sah heiter und belebt aus.
Klare-Bel lachte vor lauter Vergnügen und hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen.
Ruth griff nach einem herabgeglittenen Kissen und folgte ihnen die Stufen hinauf. Am liebsten hätte sie ihnen den ganzen Stuhl nebst Zubehör nachgetragen, um dasselbe zu thun, was Erik that. Das Mitleid, das sie während Klare-Bels Erzählungen mit ihm empfunden hatte, war in nichts verflogen, -- und an dessen Stelle blieb die Bewunderung stehen. Es kam ihr jetzt ganz natürlich vor, daß die kranke Frau sich nicht als Last und Hindernis auf dem Wege des gesunden Mannes fühlte, sondern daß sie lachte und ihre Hände um seinen Nacken schlang.
Als Ruth ihren Platz bei Tisch einnahm, vergaß sie ganz, daß es heute zum erstenmal geschah, und daß sie erst gestern hatte weglaufen wollen. Sie fühlte sich als ein längst hierher gehöriger Hausgenosse, -- zufrieden und ohne weiteres eingereiht unter die übrigen.
»Von deinem Onkel bring' ich dir was mit,« sagte Erik, der sie zu Mittag neben sich gesetzt hatte, »nämlich die Erlaubnis, so lange hier zu bleiben, als du willst. Ich denke, wir antworten ihn vorläufig: den ganzen Sommer. Was meinst du?«
Sie nickte nur und sah glücklich aus. Wenn er aber nicht unablässig auf sie geachtet und ihr selbst vorgelegt hätte, so würde sie lieber keinen Bissen gegessen haben.
Als sie beim Kaffee waren, und die Kinder hinausliefen, blickte Erik seine Frau an und fragte: »Und nun, Bel, wie gefällt sie dir?«
»O Erik! mir gefällt sie gut für dich! Denn sie hat etwas so Unverständliches, finde ich. Das ist gerade was für dich. Was zum Raten.«
»Sie ist ein scheuer Vogel,« sagte er mit einem Lächeln, »und es ist noch nicht gewiß, ob ich sie eingefangen habe. Eine falsche Bewegung, -- und sie fliegt mir fort.«
»Ja, Erik, das denke ich mir nun wieder ungeheuer angreifend. Es macht doch unsicher. Förmlich schwindlich würde es mich machen. Wie ein konfuses Stickmuster.«
»Unsicher? Nein, Bel, im Gegenteil. Man wird sich wieder dessen bewußt, was man vermag -- ~ob~ man's vermag. Man sammelt die Kraft, -- die vergessene, eingerostete. Und so kommt man endlich wieder zur großen Sicherheit des Lebens und zum alten Glauben an sich selbst.«
»Ja, ja, Erik. Wenn nur alles gut geht.«
Er stand auf und legte herzlich seinen Arm um ihre Schultern: »Sorgenmütterchen! nur ein einziges Mal: laß die Sorgen, die grauen! Mir ist froh. Du sollst es noch sehen: an dem Mädel wächst mir mein Meisterstück!«
Sie seufzte und gab ihm im stillen ganz recht. Daß er Ruth zu sich nahm, das war ungefähr so, wie wenn ein Gelehrter eine recht unentzifferbare Handschrift irgendwo ausgräbt, -- meinte sie; an der liest er dann lieber und eifriger herum als am bestgeschriebenen Buch. Es war nun einmal nicht anders: darin steckte sein Talent und sein Beruf.
Erik ging fort; er wollte noch nach dem Bahnhof, um zu veranlassen, daß Ruths Gepäckstücke durch einen Bauernwagen herübergeschafft würden; der Onkel hatte sie bereits herausgeschickt.
Klare-Bel lag und dachte nach. Sie zwang sich dazu, an die Zeit zu denken, die sie sonst immer in ihrer Erinnerung zurückschob. Es war doch schön, daß Erik wieder so froh sein konnte und so voll von sanguinischen Hoffnungen. Das war doch besser und natürlicher für ihn, als diese langen, langen Leidensjahre, in denen nur der ~eine~ Gedanke ihn erfüllte: wie seine Frau wieder gesund zu machen sei.
Ein einziger jahrelanger Kampf, -- ein schmerzensreicher, gräßlicher.
Namenloses hatte Klare-Bel aushalten müssen um seiner Hoffnungszähigkeit willen, die nicht nachließ, nichts unversucht ließ, die noch ans Unmögliche anrannte, und mit unermüdlichem Trotz den alten Kampf immer wieder aufnahm. Es war nicht leicht, denn wegen einer geringen Herzschwäche durfte bei Klare-Bel die Narkose nicht angewendet werden. Aber immer wieder wußte er sie zu neuem Wagnis, neuer Qual zu überreden und mit seinem unbegrenzten Einfluß zu zwingen. Er war in diesem Kampfe zum Arzt geworden; was er früher aus Lust und natürlicher Begabung nebenher betrieben, wurde ihm Beruf. Seine ganze, ungeteilte Kraft warf er hinein: er wollte es nicht glauben, nicht dulden, daß ein einziger blöder und blinder Zufall auf Lebenszeit das Glück verschütten könne.
Und nun, da er's glauben und dulden mußte, war es doch hart, alles das umsonst geopfert zu haben, woran noch seine Hoffnungen gehangen hatten. Und wenn Ruth ihm nur eine davon zurückgab, wollte Klare-Bel sie lieben. Es war ja nicht mehr als eine kleine, späte und unscheinbare Blume für einen ganzen Strauß, den das Leben ihm schuldig geblieben.
Noch nie war das Klare-Bel so klar geworden, wie heute, seit dem Gespräch mit Ruth am Springbrunnen im Garten.
Jonas kam herein und setzte sich an das Fußende ihres Ruhebetts. Er griff nach einem Bund Garn, das Klare-Bel abzuwickeln begonnen hatte, und hielt es ihr auf den Fingern.
»Wird Ruth nun bei uns bleiben, Mama?« fragte er.
»Jawohl. Du hörtest es doch. Freut es dich nicht?«
»Ueber alles freut es mich. Nur werde ich mich jetzt so ganz umsonst anstrengen.«
»Wie meinst du das, mein Kind?«
»Ich meine: Papa wird Ruth ganz gewiß viel lieber haben als mich. Ganz gewiß. Sie ist sehr klug, -- meinst du nicht?«
»Das kann ich unmöglich wissen. Aber was ist das für ein Unsinn, Jonas. Weil Papa dich lieb hat, will er ja, daß du dich mehr anstrengst und besser vorwärts kommst.«
»Ach, Mama, ich strenge mich schon an so sehr, wie ich kann. Ich komme ja auch vorwärts. Aber Papa ist so schwer zufrieden zu stellen. Er ist der strengste Lehrer bei uns. Sie fürchten ihn alle. Aber ich am meisten. Von mir verlangt er am meisten.«
»Darüber solltest du froh sein. -- Mach nur jetzt keine Eifersüchteleien, Jonas; hörst du?«
Da lachte er über das ganze Gesicht, scheinbar völlig unmotiviert, so daß er wirklich einfältig aussah.
»Nein, Mama, das thue ich gewiß nicht. Wenigstens nicht so, wie du es meinst. Aber wenn es Ruth einfallen sollte, -- Papa lieber zu haben als mich -- --«
»Aber Jonas!«
Er ließ das Garn vom Finger gleiten, so daß es fast in Verwirrung geriet.
»Verzeih, Mama. Ich bringe es gleich wieder in Ordnung. -- Weißt du, du hattest eben ganz recht, als du sagtest, ich solle nur froh sein, daß Papa so viel verlangt. Das denkt sich nämlich Ruth angenehmer, als es ist. Sie wird das noch merken. Und ich werde nie etwas Unangenehmes von ihr verlangen.«
»Du bist wirklich ein recht dummer und unnützer Junge!« sagte Klare-Bel ärgerlich und sah sich ihren Sprößling genauer an. Er machte ein ganz treuherziges Gesicht. Das Lachen hatte sich in die Winkel der Augen verkrochen. »Wenn Papa so was hörte. Und da wunderst du dich noch, wenn Papa Ruth dir vorziehen sollte.«
»Ich wundere mich ja gar nicht, Mama. Das kann ich ihm doch nie im Leben übelnehmen. Wie sollte Ruth ihm denn nicht besser gefallen als ich?«
»Wo steckt Ruth nur eigentlich?«
»Sie ist oben in die Giebelstube gelaufen, wo Gonne noch herumwirtschaftet. Um sich ihre Wohnung selbst herzurichten, sagt sie.«
Als Erik vom Bahnhof zurückkam, und Ruths Kopf oben aus dem offenen Fenster herausschaute, stieg er zu ihr hinauf. Das kleine, nach hinten zu abgeschrägte Gemach war schon in Ordnung. Außer dem heute beschafften Bett und einer großen Holzkiste, die durch zierlich gekrauste und gefaltete Mullvorhänge beinahe das Aussehen einer wirklichen Waschtoilette bekommen hatte, gab es jedoch hier noch nicht viel zu sehen. Ein Geruch von Seife und frisch aufgenommenem Oelanstrich machte sich bemerklich.
Ruth saß auf dem schmalen Fensterbrett, zu dessen Seiten schon kleine weiße Gardinen niederhingen; die Leiter lehnte noch daneben. Ein leichter Wind bewegte die Zweige der großen alten Ulme vor der Terrasse, so daß sie am Fenster auf und nieder schwankten und fast Ruths Gesicht berührten. Man sah von hier oben nur in die Wipfel der Bäume, und das, fand Ruth, sah lustig aus: wie ein grünes rauschendes Gewoge, von dem man sich einbilden konnte, es schwebe in der Luft, ohne Stamm und Wurzel. Wie viele Vögel mochten im Sommer darin nisten! Und unter dem vorspringenden Dach, gleich über dem Fenster, klebten zwei vorjährige Schwalbennester.
Als Erik auf die Schwelle trat und die Einrichtung des Zimmers bemerkte, fing er an zu lachen.
»Es ist wahrhaftig ein richtiger Karzer, wie gemacht für böse Kinder, die eine Strafe abbüßen sollen,« sagte er und blieb im Rahmen der Thür stehen, »oder für Durchgänger, die man mit Gewalt einsperren muß. Meinst du nicht, Ruth?«
»Nein. Es ist sehr schön!« versetzte sie mit Nachdruck und nahm es fast übel, daß er ihre Wohnung verspotten konnte; »es ist nur noch nicht fertig, und das ist das schönste. Wenn ich drin bin, wird es von selbst fertig. Es ist sehr schön. Ganz so, wie ich es haben will.«
»Das ist freilich die Hauptsache, meine kleine Königin,« gab er lächelnd zu und kam zu ihr ans Fenster; »als wir zuerst aus dem Auslande angereist kamen, da sahen die Stuben in unsrer Stadtwohnung auch nicht viel besser aus. Und es gefiel mir auch ganz gut. Man konnte so ganz von vorn und nach eigenem Ermessen anfangen.«
Sie wandte sich halb nach ihm um und sah ihn mit Interesse an.
»Ach ja!« sagte sie, »aber außerdem muß es doch schrecklich schwer gewesen sein, -- da von der kleinen Insel weg -- und hierher; weg vom Meer und von all den vielen Leuten?«
Er hatte seine Hände auf ihre schmächtigen Schultern gelegt und zwang sie mit sanftem Druck nach dem Rücken zu, denn es machte ihm heimlich Sorge, daß sie sich so gern vornüberneigten.
»Warum schwer?« fragte er dabei mit seiner ruhigen Stimme, »hier gibt es ja auch Buben und Mädchen genug zu unterrichten, -- schlimme kleine Mädchen mit ganz schlimmen Aufsätzen, wie du weißt.«
»Ach, -- die!« sagte sie im Tone tiefer Verachtung und zuckte mit den Achseln, »die sind's nicht wert.«
»Auch du?« fragte er zweifelnd und sah sie aufmerksam von der Seite an.
»Ja, auch ich,« meinte sie treuherzig.
»Du bist ja ungeheuer demütig heute,« bemerkte er, »allzu demütig, Ruth. Das ist nicht gut.«
»Warum ist nun das auch wieder nicht gut?« fragte sie zerstreut.
»Weil es nicht aus dir selbst herauskommt, Mädel. Nicht aus deiner Natur. Es ist, wie wenn jemand eine Stellung festhalten wollte, für die er sich verrenken muß. Das sollst du nicht thun.«
Sie erwiderte nichts darauf, vielleicht hörte sie kaum hin. Ihre Gedanken waren auf etwas andres gerichtet, das sie nicht anzubringen wußte. Nach einer kleinen Pause sagte sie leiser: »Sie sehen so froh aus. In den Augen -- und überhaupt. Warum?«
»Weil ich dich wieder habe, mein Kind,« entgegnete er ernst.
»Mich! aber all die andern?«
»Wen denn, Ruth?«
Nun hielt sie es nicht länger aus.
»Ich meine: bloß Buben und Mädchen zu unterrichten, die es gar nicht wert sind, und sonst nichts! Anstatt etwas ganz andres thun zu dürfen, etwas viel, viel Größeres, -- so groß wie ein Meer mit allen Schiffen darauf,« versuchte sie es auseinanderzusetzen und nestelte dabei, ohne es zu merken, erregt an seiner Uhrkette.
Er sah erstaunt auf sie nieder.
»Phantasierst du, Kind? Du sollst dem nicht so nachgeben,« sagte er eindringlich, »was hast du eigentlich zusammengedichtet? Du mußt es klar sagen können. Nun?«
»Es ist ja etwas Wirkliches!« rief sie schüchtern, »es ist gar keine Phantasie. Wir sprachen im Garten darüber, -- am Vormittag.«
»Mit meiner Frau?«
Ruth nickte.
»Sie hat mir erzählt. Von früher und von jetzt. Sie erzählt so wunderschön! Ganz wunderschön erzählt sie.«
»So. Thut sie das? Ader was hat sie dir denn erzählt?« fragte er, und sein Blick war forschend und gespannt.
»Alles. Und da, -- ja, da schien es mir so ganz entsetzlich, -- so ganz unmöglich schien es mir, daß nichts daraus geworden ist. Aus all den großen Plänen nichts geworden,« sagte sie leidenschaftlich, und ihre Finger umklammerten die Uhrkette, als müßte sie irgend etwas zerbrechen, »nichts als eine Schulstube. Und daß es immer so bleiben soll. Es kann ja nicht so bleiben.«
Sie sprach beinahe zornig, und in ihren Augen standen große Thränen.
Erik antwortete nicht gleich. Seine Hand hob sich und strich sanft hin über ihr loses weiches Haar, und als Ruth aufblicken wollte, da glitt die Hand tiefer und legte sich leise über die fragenden Augen. Er schaute über sie weg, hinein in die grünen rauschenden Baumwipfel, und kämpfte eine Erregung nieder. Ihm war seltsam zu Mute. Er wußte, daß das, was Ruth empfand, nicht von seiner Frau kam; weder die leidenschaftliche Auffassung, noch die phantastische Unklarheit des Bedauerten war seiner Frau möglich. Noch nie, seit er sich verheiratet, hatte er zu einem Menschen, hatte ein Mensch zu ihm von den Enttäuschungen seines Lebens gesprochen. Und da stand sie nun, die ihn seit vier Tagen kannte, in Zorn und Gram und Thränen und härmte sich um diese Enttäuschungen, als seien es ihre eigenen.
Als mehrere Minuten in Schweigen verstrichen, bückte Ruth den Kopf tiefer, und ihre Hand sank von seiner Uhrkette.
»Ich will es gewiß nie wieder sagen!« sagte sie leise, abbittend.
Er griff heftig nach ihrer Hand und preßte sie in der seinen zusammen.
»Du sollst mir immer alles sagen, alles, was dich beschäftigt,« versetzte er ruhig, aber seine Stimme klang verändert und gedämpft, »niemals sollst du Gedanken, die dich aufregen, vor mir verbergen, -- und nun gar Kümmernisse, mein Kind, -- solche kindischen und phantastischen Kümmernisse.«
Dann lehnte er sich gegen das Fensterbrett, vom Licht abgekehrt, das Gesicht im Schatten.
»Ich will dir eine Geschichte erzählen, Ruth; soll ich?«
Sie nickte gehorsam, ohne den gesenkten Kopf zu heben; man konnte sehen, daß ihr an dieser Geschichte nicht allzuviel lag, und daß sie sich als Kind behandelt fühlte.
»Es war einmal ein Mann,« begann er, »den gelüstete es sehr, ein großes, weites Feld zu bebauen, -- ein Feld, wohl so groß wie ein Meer. Denn er wußte, der Boden war gut, und nur der Arbeiter gab es noch wenige, -- viel zu wenige. Aber es kam anders, als er es sich gewünscht hatte, und an dem großen Felde durfte er so gut wie gar nicht mitarbeiten. Nur ganz fern, in einem äußersten Winkel desselben, wies man ihm ein kleines Stückchen Erde an, wo er Kohl pflanzen konnte und Kartoffeln. Nur eben genug, um zu leben.«
Sie hatte längst die Augen mit aufblitzendem Verständnis zu ihm aufgeschlagen. Groß, ungeduldig hingen sie an seinen Lippen. Ihre ganze Seele war in diesen Augen.
»Und da --?« fragte sie atemlos.
»Und da,« fuhr er fort, »fand er eines Tages unter seinen Kohl- und Kartoffelstauden eine fremdartige kleine Pflanze. Von irgendwoher mochte ihr Samenkörnchen in diesen Boden gefallen sein. Es war nur ein unscheinbarer, zarter Trieb, dem man noch nicht ansehen konnte, was darin steckte. Aber vielleicht konnte er sich einmal zum Bäumchen auswachsen. Und wenn das gelang, -- wenn ein guter Gärtner an diesem Bäumchen unablässig seine Dienste that, und wenn das Bäumchen sich willig behandeln und biegen, pfropfen und beschneiden ließ, -- dann, -- ja, dann konnte es am Ende seltnere Früchte tragen, als irgend etwas, was sonst auf dem Feldwinkel wuchs.«
»Bin ich das Bäumchen?« fragte sie naiv und glitt leise vom Fensterbrett.
Er antwortete nicht, aber er zog sie näher an sich, so daß ihr Haar seine Schultern berührte. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der kein Lächeln war und kein Ernst, und doch wie ein gesteigerter Abglanz von beiden, der einer Ekstase glich. Er erinnerte Erik plötzlich an jenen Aufsatz mit der Ueberschrift: »Seligkeit!« Zum erstenmal erinnerte ihn dieses schmale Kindergesicht mit den beredten Augen und den geschweiften Lippen an die Verse im Schulheft.
»Möchtest du ein solches Bäumchen für den Gärtner werden, Ruth?« fragte er sie mit gesenkter Stimme.
Sie atmete tief auf.
»Noch lieber möchte ich der Gärtner werden,« sagte sie unerwartet, »aber es ist vielleicht fast dasselbe.«
III.
Jeden Morgen, ganz früh, noch ehe das Haus wach wurde, fanden Erik und Ruth sich im Studierzimmer zusammen. Sie standen beide ein paar Stunden zeitiger auf als sonst, um es zu können, und jeden Morgen nahm er mit ihr ihre Arbeit für den Tag durch, der er sie dann allein überließ.
Es war immer dasselbe Bild: Ruth war immer schon da, und stand, ihn erwartend, ins offene Fenster gelehnt. Sie horchte auf die kleinen Buchfinken draußen und zugleich, ob sein Schritt nicht über den Flur käme. Gewöhnlich sah sie ein bißchen blaß und bange aus, denn so übermütig froh sie auch tagsüber vor Erik sein konnte, -- als Lehrer fürchtete sie ihn. Und auch jetzt noch, wenn sie seinen Schritt im Flur vernahm, überfiel sie, wie am allerersten Abend, das Herzklopfen und die alte Schüchternheit.
Es war immer dasselbe: ohne daß sie sich nach ihm umwandte, trat Erik dicht an sie heran, bis ihr Rücken gegen ihn gelehnt war, dann schloß er ihre beiden Hände in den seinen zusammen, so daß sie wie eingefangen war zwischen seinen Armen. Es lag für sie darin nicht nur eine Liebkosung, sondern auch etwas zugleich Beschwichtigendes und Zwingendes, unter dem sie unwillkürlich stillhielt und sich sammelte. Und dann, ohne Zeitverlust oder überleitende Gespräche, nahm er sie sofort nüchtern und ernsthaft vor. So ging der Morgengruß unmerklich in die Morgenarbeit über.
Als Erik heute morgen die Thür zu seinem Zimmer öffnete, blieb er einen Augenblick überrascht stehen. Vor den Fenstern waren die weißlackierten Innenläden geschlossen worden, so daß die graue Regenluft draußen nur durch die Ritzen hereinschauen konnte; ein einzelnes Licht brannte mit trübem Schein auf dem Schreibtisch. Vor demselben saß Ruth, umgeben von Heften und Büchern, und schrieb, ohne auch nur aufzublicken.
Erik sagte nichts. Er schlug einen Laden zurück und öffnete das Fenster, so daß Luft und Licht in breitem Strom eindrangen, dann kam er an den Schreibtisch und blies das Licht aus, während Ruth verwirrt emporfuhr.
Er beugte sich zu ihr nieder, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und blickte sie aufmerksam an.
»Du hast geweint. Worüber?«
Sie errötete und zauderte einen Augenblick.
»Ich mag nicht dumm sein!« rief sie dann außer sich mit sprühenden Augen.
Er lachte.
»Du bist nicht dumm. Habe ich das gesagt? Wenigstens nicht hoffnungslos. Solange ich dich nicht aufgebe, brauchst du es auch nicht zu thun.«
Er rückte ihren Stuhl vom Tisch ab und nahm ihr die Feder aus der Hand.
»Aber du darfst nicht nachts aufstehen und arbeiten. Nie ohne mein Wissen. Das ist Unfug. Wenn ich abends deine Arbeiten durchgesehen habe, dann sollst du aufhören.«
»Die Sonne hörte auch nicht auf,« sagte Ruth, »sie schien hell fast die ganze Nacht durch. Im Gehölz rief ein Kuckuck; die Drosseln vor meinem Fenster unterhielten sich. Da kam ich leise her.«
Erik griff über ihre Schulter nach dem Heft, in dem sie geschrieben hatte, aber Ruth hielt es zögernd und schüchtern fest. Man konnte ihr ansehen, daß sie in ihrer Erregung beinahe litt.
»Ruhig!« sagte er eindringlich und entfernte ihre Hand vom Heft.
Schweigend las er darin eine Zeit lang, während Ruth mit gefurchter Stirn dasaß, die Hände im Nacken verschränkt und ganz blaß.
Dann legte er ihre Arbeit vor sie hin.
»Das hast du gut gemacht,« bemerkte er, »hat es dir Mühe und Ueberwindung gekostet?«
»Ja,« gestand sie ehrlich, ohne ihre Haltung zu verändern, »aber es schadet nichts.«
»Nein. Es schadet nichts. Siehst du das nun selbst ein? Es konnte nichts helfen, mit dir zu treiben, was dir lieb und leicht ist; durch das, was deinen kleinen phantastischen Kopf am härtesten anmutet, durch das, was ihm am schwersten fällt, gerade da muß er hindurch.«
Er löste ihre im Nacken verschlungenen Hände und behielt sie in den seinen.
»Ich weiß, daß es manchmal ein harter Zwang war,« sagte er, »und du dein eigenes Wesen unterdrücken mußtest; es that weh, nicht wahr? Aber es mußte sein. Und nun, -- nun bekomme ich dich allmählich gerade so, wie ich dich haben will, Mädel. Ist es nicht schön?«
»Wunderschön ist es!« rief sie, mit leuchtenden Augen sich nach ihm zurückwendend, »das denke ich ja immer dabei, wenn es mir schwer fällt! Ich such's zu vergessen und denke mich nur hinein: wie wunderschön muß es sein, jemand, der ganz anders ist, gerade so zurecht zu kriegen, wie man ihn haben will!«
Ein Schatten von Enttäuschung ging durch Eriks Augen.