Part 6
Und als er nun in jener Sturmnacht in seinen hohen Schifferstiefeln und seinem nassen Wollwams hereintrat, da hörte sie auf zu beten und streckte ihm mit einem Freudenschrei beide Arme entgegen. Er hob sie von den Knieen auf und küßte sie. »Thust du ~das~, Bel, wenn ich nicht bei dir bin?« fragte er sie leise.
»Wenn du nicht bei mir bist, Erik!« sagte sie weinend, »denn dann, scheint mir immer, muß ich es thun!«
Damals trug sie sich mit dem zweiten Kinde. Kurz darauf that sie den gefährlichen Sturz, der ihr die Gesundheit kostete, und das Kindchen wurde tot geboren.
Als Gonne mit einer brennenden Lampe hereinkam, fuhr Erik aus seinen Gedanken auf.
»Ich möchte jetzt zu mir hinübergehen,« bemerkte er und küßte seine Frau auf die Stirn, »ich habe noch Schularbeiten für morgen. Sobald du müde wirst, mußt du mich rufen lassen.«
Bei Erik im Zimmer war es schon fast dunkel. Nur von ein paar rosenroten Wölkchen, die sich von der großen Wolkenmasse losgewunden hatten und nun mit heiterm Leuchten selbständig auf einem breiten Stück Himmelsblau herumschwammen, fiel ein schwacher Schein durch die Fenster. Man konnte in ihm den Schreibtisch, den Bücherschrank, das alte lederbezogene Sofa an der Längswand ziemlich deutlich erkennen.
Erik stutzte und blieb auf der Schwelle stehen.
Er hatte einen Augenblick klar zu sehen geglaubt, daß auf dem Ledersessel am Fenster Ruth säße. An Halluzinationen konnte er doch nicht leiden.
Mit einem Gefühl des Aergers über sich selbst schloß er hinter sich die Thür und ergriff von einem Nebentisch einen Leuchter, um Licht zu machen.
Da fuhr er zusammen und setzte den Leuchter wieder hin. Auf dem Sessel saß wirklich jemand.
»Ich bin es!« sagte eine klägliche Stimme.
»Ruth!« rief er laut.
Sie war es. Durchnäßt bis auf die Haut, in Kleidern, von denen das Wasser schwer auf den Fußboden herabtropfte, und die an einer Seite zerrissen niederhingen. Ihre Zähne schlugen hörbar aneinander.
Erik hatte sie in seine Arme gerissen und betastete sie besorgt und erregt, mit liebkosenden Händen, -- Brust und Arme und das verworrene Haar, das so eng und feucht um ihr kaltes Gesichtchen klebte.
»Wann -- wann, -- von wo bist du gekommen? Warst du denn nicht zu Hause?«
»Ich war nicht zu Hause,« sagte sie zaghaft und schmiegte sich frostbebend an ihn; »ich bin vom Stadtbahnhof wieder zurückgefahren. Und hergelaufen. Gerade als es losging. Ich will nicht nach Hause,« fügte sie flehend hinzu, »mich friert so!«
»Mein Liebling, du sollst nicht nach Hause! Du sollst hier bleiben! Aber wie lange mußt du hier schon sitzen? Wie konntest du das nur thun? Und es hat dich doch niemand an der Thür auf der Terrasse läuten hören?«
»Ich habe nicht geläutet. Ich schämte mich. Ich bin hier in das Fenster geklettert. Aber es ging schwer,« gestand sie, und Mund und Augen lachten übermütig zu ihm auf.
»Und dann? Wenn ich nun gar nicht mehr hier hereingetreten wäre?«
»Dann hätte ich die ganze Nacht hier sitzen müssen!« erklärte sie schaudernd und rieb den Kopf an seinem Arm wie eine naß gewordene Katze. Und dann sagte sie ganz leise: »Denn vor den andern konnte ich es nicht sagen. Und doch mußte ich es sagen. Deshalb kam ich ja zurück! Ich mußte sagen: Ich will alles thun, was ich soll.«
Eine Viertelstunde später war Jonas nach dem Bahnhof geschickt worden, um ein Telegramm an Ruths Onkel aufzugeben, daß sie draußen übernachten müsse. Ruth selbst wurde wohlverpackt in Jonas' Bett gelegt, welches Gonne eilig für sie hergerichtet hatte. Dann bekam sie heißen Thee zu trinken und fiel in einen unruhigen Schlummer.
Jonas fühlte sich sehr stolz, als er bei seiner Rückkehr hörte, daß er Ruth das wichtigste Möbel, das der Mensch besitzt, sein Bett, abgetreten habe. Und voll Begeisterung streckte er sich an diesem Abend in Eriks Arbeitsstube auf dem alten Lederdiwan aus, dessen Polsterwerk an Härte und unbegreiflichen Beulen nichts zu wünschen übrig ließ. Auch war Jonas zu aufgeregt, um bald einzuschlafen, und alle Augenblicke guckte er durch die Thürritze und fragte, was denn Ruth jetzt wohl mache.
Sie fieberte heftig und sprach im Halbtraum wild und wirr durcheinander.
»Der Sandkuchen,« hörte Erik sie mehrmals ängstlich sagen, »er drückt mich so. Er ist immer größer und größer geworden. Ich fürchte mich. Er verschlingt mich. Und anfangs war er so weich und klein und so wunderschön zum Kneten!«
Erik wachte bei ihr, bis der Morgen aufstieg.
Sie warf sich ruhelos in den Kissen umher, und immer wieder sprach sie mit sich selbst in abgerissenen Sätzen. Aber wie ihm schien, waren es keine eigentlichen Fieber-Phantasien, sondern sie enthielten einen deutlichen Zusammenhang. Es kam ihm der Gedanke, daß sie vielleicht oft so mit sich selbst spräche, ohne daß ein Mensch es hörte, und daß jetzt das Fieber vielleicht nur den gewaltsamen Anstoß gegeben habe, es unbewußt vor Menschenohren zu thun.
Er konnte ihren Worten entnehmen, daß sie sich fortwährend noch mit dem Gewittergang beschäftigte. Manchmal erwähnte sie diesen in einer Weise, als habe sie ihn gar nicht selbst gemacht, sondern als sei sie gegen ihren Willen des Weges geschoben worden, -- mit Gewalt hinausgetrieben in Sturm und Blitz und Donnerschläge. Sie sah sich auf dem einsamen, dunkeln Weg dahingehen, während Hagel und Wind ihr entgegentosten, und ihre Füße im tiefen, durchweichten Lehmboden stecken blieben.
Und damit vermischte sich dann ein andres Fieberbild: der Versuch vor etwas fortzulaufen, ohne es zu können, wie es wohl im Traume geschieht.
»Ich laufe und laufe, und bleibe immer am Fleck!« klagte sie unruhig, und das Fieber nahm zu, wenn sie daran dachte.
Am nächsten Morgen war Ruth fieberfrei. Als Erik, zu seinem Schulgang fertig angekleidet, zu ihr hereintrat, saß sie aufrecht im Bett, in einem Nachtjäckchen von Klare-Bel, das ihr zu kurz und zu weit war, und blickte ihm mit schüchternen Augen entgegen.
Auf der Bettdecke lagen Blumen verstreut, die Jonas in aller Frühe hereingeschickt hatte. Sogar ein paar fast unversehrte Zweige von seinem Kirschbaum waren dabei. Er hatte sie mit Todesverachtung abgerissen.
»Muß ich nun nach Hause?« fragte Ruth ängstlich.
»Nein, mein Liebling. Du sollst hier doch nicht nur krank liegen, sondern auch gesund umherspringen. Meine Stube wartet ja noch auf dich. Wollten wir nicht zusammen arbeiten?«
»Ja!« sagte sie eifrig und machte eine Anstrengung, wie um aufzustehen, so daß die Blumen von der Decke glitten.
»Aber, mein liebes Kind, doch nicht jetzt im Augenblick. Später!«
»Später!« wiederholte sie gehorsam, indem sie sich zurücklehnte und die Augen schloß.
Erik faßte nach ihrem Handgelenk und prüfte den Puls.
»Wenn ich heute von der Stadt nach Hause komme,« bemerkte er dazwischen, »dann finde ich dich im Garten, im Sonnenschein, und ganz gesund. Nicht wahr?«
»Ja,« sagte sie folgsam, ohne die Augen zu öffnen. Aber auf ihrem Gesicht war ein Ausdruck von Leiden oder Kummer, der ihn beunruhigte.
Er beugte sich zu ihr nieder und strich sanft das Haar aus ihrer Stirn.
»Aber nicht nur gesund, Ruth,« fügte er hinzu, »sondern auch froh! Nicht diesen in sich gekehrten, verschlossenen Ausdruck! Du darfst dich nicht wieder so scheu vor mir zuschließen, mein Kind. Bist du denn nicht mehr gern bei mir? Thut es dir nicht wohl, hierher zu gehören?«
Sie schlug die Augen auf und blickte ihn voll an.
»Es ist, als ob ich ins Meer gestürzt wäre,« sagte sie. --
Erik ging früher als sonst fort, um noch vor Beginn seiner Schulstunden bei Ruths Verwandten vorsprechen zu können. Er traf sie beim ersten Frühstück. Basil ließ ihn erst auf seinen ausdrücklichen Wunsch, etwas zaudernd, in den Speisesaal eintreten, wo die Tante, im Morgenhäubchen, sich noch hinter dem Samowar befand. Sie zeigte sich ein wenig befremdet über den allzu frühen Besuch. Der Onkel, schon im Begriff, wie allmorgendlich, ins Ministerium hinunterzugehen, saß in Militärbeinkleidern und eleganter geschlossener Joppe beim letzten Glase Thee. Er sprang auf und kam Erik mit lebhaften besorgten Fragen nach Ruth entgegen. Erik erzählte, wie sie auf dem Heimweg umgekehrt, ins Gewitter geraten und vor Aufregung krank geworden sei.
»Das kleine Ding!« äußerte der Onkel in zärtlich besorgtem Ton; er warf sich im stillen vor, daß er Ruth eigentlich dazu aufgemuntert habe, »wegzulaufen«. »Wie schlimm muß das für sie gewesen sein! Schon wenn Ruth einmal unerwartet vom Warmen ins Kalte gerät, da schaudert ihr die ganze Haut und sie zittert. Und dann kann sie sich auch so ganz entsetzlich fürchten.«
Liuba kam herein, begrüßte Erik und schenkte sich mit schlafgeröteten Augen Thee ein; sie war in Gesellschaft gewesen und spät aufgeblieben.
»Ja, Courage hat Ruth mal nicht,« bestätigte sie, »als wir ihr einmal eine Raupe auf den Hals setzten, fiel sie in Krämpfe.«
Erik blickte mit bestürztem Gesicht auf.
»Hat sie ~dazu~ Anlage gezeigt?« fragte er langsam.
»Aber nein, sonst niemals!« erwiderte der Onkel ärgerlich, »es ist schon Jahre her. Dreizehn Jahre war sie wohl alt. Es war irgendwo in der Schweiz. Ruth trug ein dünnes Sommerkleid mit bloßem Halse. Es war sehr schlecht von euch, sie so zu erschrecken, Liuba. Du solltest lieber davon still sein.«
»Wir haben uns doch nichts Böses dabei gedacht,« sagte Liuba, »warum saß sie auch immer so ganz versonnen und vertieft herum, so ganz wie ein Stein, der weder sieht noch hört. Es störte das Spiel der andern. Und da, wie nichts sie aufwecken wollte, setzten wir eine Ligusterraupe auf ihre Halskrause. Aber die Raupe kroch in den Halsausschnitt hinein. Ruth schrie nicht einmal auf. Sie fiel um.«
»Die Hauptsache habt ihr vergessen,« bemerkte die Tante, -- »das, was die unartigen Mädchen entschuldigt und Ruths Schreck erklärt. Ruth war nämlich als Kind fest überzeugt davon, daß in den Raupen, Schlangen und allem Gewürm der leibhaftige Böse sitze. Sie steckte überhaupt immer voll von gottlosen Ammengeschichten. Weiß Gott, wo sie die auflas. In solchen Dingen ist Ruth immer so merkwürdig kindisch gewesen, und auch geblieben. Sie hat dasselbe Grauen unvermindert noch heute.«
»Aber es ist ihr seitdem alles aus den Augen geräumt worden, was sie daran erinnern könnte,« sagte der Onkel zu Erik.
»Das hätte es nicht dürfen,« entgegnete dieser bestimmt, aber sein Gesicht war sehr nachdenklich geworden. »Man kann mit Ruth nicht behutsam genug, aber gleichzeitig auch nicht fest genug umgehen, wenn man ihr nützen will.«
Er erhob sich, um Abschied zu nehmen.
Der Onkel schwieg einen Augenblick, zerdrückte stehend seinen Cigarettenrest auf dem Aschenbecher und sagte dann plötzlich herzlich zu Erik: »Wissen Sie, -- ich bin froh, ordentlich froh bin ich, daß die Ruth bei Ihnen ist.«
»Ich wünsche nichts lieber, als daß sie mir bleibt!« entgegnete Erik einfach.
»Ja, sehen Sie,« fuhr der Onkel fort, indem er dicht an ihn herantrat, »ich glaube, gerade bei Ihnen ist das kleine Ding endlich einmal vor die rechte Schmiede gekommen. Nach all ihren Irrfahrten. Und vor die rechte Schmiede, das heißt fast so viel wie: ~nach Hause~.«
»Aber, ich bitte dich,« fiel die Tante, unangenehm berührt, ein, »nach deinen Worten muß jeder denken, Ruth sei hier mißhandelt worden.«
»Ach, wieso denn mißhandelt,« sagte er verdrießlich. »Nein, gut behandelt, natürlich, wie sollte es denn anders sein? Aber wozu sollen wir's leugnen: Sie wissen sich besser um sie zu kümmern, als wir es verstehen. Neulich fühlte ich's schon, heute weiß ich's ganz deutlich. Ich ~freu'~ mich ja auch an ihr, -- ja, das thu' ich, weiß Gott, -- aber im übrigen: das Kind ~hat~ nichts davon. Das ist es nur, was ich meine.«
»Nun ja,« lenkte die Tante ein, »sicherlich müssen wir Ihnen dankbar sein. Aber sprich nur nicht so sündhaft. Es klingt ja geradezu so, als ob du Ruth los sein wolltest. Grüßen Sie das liebe Kind von mir. Und wenn sie erkranken sollte, komme ich ganz bestimmt hinaus und pflege sie.«
Erik versprach, das »liebe Kind« zu grüßen, das er ihr am liebsten nie wiedergegeben hätte. Er ging mit dem Onkel fort und erwog einen Plan, für den er ihn zu gewinnen hoffte. Sie waren beinahe Freunde geworden. --
Als Ruth im Laufe des Vormittags aufstand, sah sie Klare-Bels langen Stuhl schon am steinernen Springbrunnen aufgestellt. Ein Stück gestreiftes Segeltuch, das man zwischen den Obstbäumen angebracht hatte, schützte sie vor der Morgensonne.
Nach dem Gewitter schien sich das Laub ringsum wie durch einen Zauber entfaltet zu haben. Der Garten stand ordentlich grün da, und die letzten Blätter drängten sich aus der Knospe. Ruth ging langsam durch den Garten hin, und mit Entzücken hefteten sich ihre Augen auf die frische, sonnenwarme Schönheit um sie her und auf die kranke Frau, die inmitten derselben ruhte.
»Guten Morgen, Ruth!« rief Klare-Bel ihr entgegen und streckte liebreich die Hand nach ihr aus, »willkommen, mein liebes Kind! Du weißt wohl, wer ich bin? Ich konnte nicht zu dir kommen, als du die Nacht krank dalagst. Ich bin froh, daß du wieder gesund bist, und daß du nun zu mir kommen kannst.«
Ruth ergriff die kleine, weiche Hand, der man es ansehen konnte, wie rund und rosig, mit Grübchen über den Knöcheln, sie gewesen sein mochte. Und, einem raschen Gefühle folgend, beugte sie sich nieder und küßte die Hand. Sie blickte Klare-Bel mit einer Art von Ehrfurcht an, wie den kostbarsten Gegenstand hier im Hause.
»Erik und Jonas sind in der Stadt,« sagte Klare-Bel, »ich liege jetzt ganz allein hier. Willst du mir ein wenig Gesellschaft leisten, Ruth?«
Ruth nickte, noch immer ohne zu sprechen; sie war wie berauscht vom Frühling und von dem starken, frischen Duft, den alles um sie herum ausströmte. Am liebsten hätte sie aufgejauchzt.
»Ich werde hier sitzen bleiben,« erklärte sie und kauerte sich mit emporgezogenen Knieen auf den bemoosten Steinrand des Springbrunnens, aus dessen geborstener Wasserurne über ihr ein langes, dünnes Schlinggewächs sich schlangengleich herunterrankte; »denn hier ist es am allerschönsten in der ganzen Welt!«
»Sie übertreibt alles!« dachte Klare-Bel, sie heimlich betrachtend, fühlte sich aber in diesem Augenblick doch angenehm berührt. »Am Meer ist es jetzt noch viel schöner, Ruth,« sagte sie, »da, wo wir früher gewohnt haben, -- auf der kleinen Insel weit draußen. Bist du schon einmal am Meer gewesen?«
»Ja, mehreremale,« versetzte Ruth, »aber viel lieber wäre ich gerade da gewesen, wo Sie gewohnt haben, -- auf der kleinen Insel. Aber ich wußte damals nichts davon. Nein, ich wußte es nicht.«
Es kam ihr sichtlich ganz wunderbar und eigentlich unbegreiflich vor, daß sie jemals nichts davon gewußt haben sollte. Klare-Bel fand, sie spräche ganz wie ein Kind: etwas so Selbstverständliches mit einem so ernsten und bewegten Gesicht.
»Und Sie wissen alles darüber!« setzte Ruth mit demselben Ausdruck hinzu, »alles, ganz so wie es war. War es wunderschön?«
Klare-Bel war nicht redseliger Natur; sie sprach ebenso wenig, wie Erik viel sprach. Aber sie bekam große Lust, sich mit Ruth zu unterhalten.
»Soll ich dir davon erzählen?« fragte sie und sah sie lächelnd an.
»Ja!« sagte Ruth dringend, und ein Gefühl, mächtiger als nur Neugier, trat in ihren Blick, »aber alles! wie die Menschen waren, und das Leben, und das Haus, und das Meer, und auch die Schulkinder.«
Klare-Bel fand, daß man mit dem Hause anfangen müsse. Und nachdem sie beschrieben, wie dörflich-klein und doch wie wunderbehaglich es gewesen sei, trotz seiner niedrigen Balkendecke und der schmalen Fensterscheiben, die von der Salzluft immer beschlagen waren, -- kam sie auf die Menschen zu sprechen, die dort aus- und eingingen. Viele Menschen waren das, -- ein ganzes Volk schien es Ruth, -- und immer scharte Klare-Bels Erzählung sie um den einen, den sie in den Mittelpunkt stellte, um den einen, der mit ihnen alles teilte und alles that, und den das jüngste Kind und das älteste Weib mit dem gleichen Lächeln grüßten.
Ruths Augen blitzten. Was Klare-Bel erzählte, das glaubte sie wahrzunehmen, zu schauen, mitzuerleben; sie ergänzte unbewußt das Bild bis zur greifbarsten Deutlichkeit, indem sie es mit den Goldfarben übermalte, die Klare-Bel selbst ihr auf die Palette rieb. Und um dieses ganze Bild hörte sie unablässig das gewaltige Meer donnern und schäumen.
Sie roch die Salzluft und fühlte den feinen Meersand unter den Füßen knirschen; mit nachdichtender Schnelligkeit folgte ihre Phantasie den Andeutungen der Frau, die gar nicht wußte, wie liebevoll sie idealisierte, was sie Ruth beschrieb.
Als Klare-Bel geendet hatte, atmete Ruth tief auf mit lebhaft geröteten Wangen.
»O wie herrlich Sie erzählen,« rief sie dankbar; »ich möchte nichts andres thun, als Ihnen den ganzen Tag zuhören. Den ganzen Tag. Ach, das möchte ich auch erleben! Wie schön muß es gewesen sein!«
»Das war es auch,« bestätigte Klare-Bel zufrieden, der es selbst noch nie so schön erschienen war, wie heute während ihrer eigenen Erzählung. Von sich selbst hatte sie bisher noch gar nicht gesprochen, nur von Erik. Aber auf Ruths Ausruf fügte sie mit dem Stolz der Frau, die sich ihr Glück liebend verdient hat, hinzu: »Schön und auch schwer, Ruth. Denn es ist schwer, mit so vielen teilen zu müssen, die alle von demselben Rat und Beistand und Teilnahme wollen und ihn immer in Anspruch nehmen, -- ihn immer fortnehmen. Es ist nicht leicht, man muß bescheiden werden. Das würdest du erst lernen müssen.«
»~Das?~« sagte Ruth verdutzt, »nein, das möchte ich lieber nicht. Das hatte ich mir dabei gar nicht ausgewählt. Aber so unter den Menschen stehen und alles können, als ob man ein Hexenmeister wär' -- das muß herrlich sein. Es muß sein, als ob man plötzlich viele Menschen auf einmal wäre -- und dann auch noch mehr, als sie alle zusammen.«
Klare-Bel schwieg betroffen. Sie fühlte recht wohl die enthusiastische Bewunderung in Ruths Ton heraus, aber sie konnte nicht begreifen, wie dieser Enthusiasmus, weit davon entfernt, dem Bewunderten dienen zu wollen, sich einfach egoistisch an dessen Stelle wünschte.
Ruth vertiefte sich inzwischen ganz in das Bild, das sie sich ausgemalt. Nach einer kurzen Pause hob sie wieder an: »Und das war doch nur ein Dorf. Eine ganz gewöhnliche Insel. Ringsherum Wasser, so daß da alles aufhörte. Es hätte aber etwas noch viel Größeres sein können, nicht wahr? Vielleicht mit noch viel mehr Menschen darauf. Ich weiß nicht recht, wie. Aber ich denke mir: so stark sein, -- und dann etwas Gewaltiges thun dürfen. Es braucht nicht beim Dorf zu bleiben.«
Klare-Bel berührten diese Worte wunderlich. Sie dachte im stillen, das sei es vielleicht so ungefähr gewesen, was ihr Mann einst gewünscht und erhofft habe. Damals, als alles um sie her noch Zukunft und Hoffnung war.
»Es wäre am Ende auch nicht beim Dorf geblieben,« meinte sie und sah Ruth an, »daran waren nur die Verhältnisse schuld. Er hatte früher so große Pläne. Ach, was hatte er alles für Pläne! Aber dann kam das Unglück, daß ich liegen mußte. Und es kamen die Aerzte, die Reisen, die Operationen. Zuletzt kamen die Schulden. Da war es mit den Plänen aus. Das hat alles schrecklich viel Geld gekostet, Ruth. Und ganz umsonst.«
Ruth blickte aus weitgeöffneten Augen auf die Frau, die das so ruhig sagen konnte.
»Ich könnt's nicht überleben!« stieß sie entsetzt wider Willen hervor.
»Ach, mein liebes Kind! Das denkt man, wenn man noch so jung ist wie du. Dann aber lernt man, sich in das Schicksal und seinen Willen fügen. Sogar in das Schwerste: stillzuliegen und nicht mehr mit eigenen Händen sorgen zu dürfen für das Behagen derjenigen, die man liebt. Denn das ist das Allerschwerste, Ruth.«
Es klang so sanft und liebevoll, wie sie das auf Ruths unbesonnenes Wort sagte. Keine einzige Klage hatte sie für sich selbst. Sie beklagte es nur, den andern nicht mehr dienen zu können.
Aber Ruth fand, es sei beinahe gleichgültig, ob man in einem solchen Fall den andern noch dienen konnte. Was sie so entsetzte, war die Vorstellung, durch ein derartiges Unglück die Ursache zu werden, daß ein Andrer, Starker, Gesunder aufhören mußte, ~seiner~ Sache zu dienen.
Es verwirrte sie ganz, daß die sanfte kranke Frau ihr gar nicht leid that. Sie hatte das Gefühl: diese würde ihr schon leid thun, wenn sie nur erst Zeit hätte, an sie zu denken. Aber sie mußte immer an Erik denken. Und sie empfand Mitleid mit ihm, stürmisches Mitleid bis zum Weinen.
Klare-Bel lag gerade ausgestreckt und blickte mit ihren ruhigen blauen Augen in den klaren blauen Himmel hinauf. Sie dachte an das Glück, wie sie es hätte behalten mögen, -- so klar und blau und ruhig, wie der.
»Das wünschte ich dir,« sagte sie zu Ruth, die ganz verstummt war, »einmal so von ganzem Herzen jemand dienen zu dürfen, den du lieb hast. ~Dazu~ gesund zu sein, und schön und gut und klug obendrein! Gleichviel, ob er dann Großes oder Kleines in der Welt vollbringt, -- daran liegt's nicht! Das Lieben und das Dienen ist doch das Schönere. Namentlich für uns Frauen. Es ist viel schöner, als derjenige zu sein, dem es gilt. Das brauchen wir nicht zu beneiden.«
»Ach nein!« rief Ruth lebhaft, »es kann ja gar nicht möglich sein, daß es das Schönere ist. Der, dem's gilt, hat es besser. Sonst hätte Gott es ja schlechter als die Menschen!«
Klare-Bel warf ihr einen erstaunten Blick aus den blauen Augen zu, -- einen tadelnden Blick. Aber sie wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. Man mußte wirklich ziemlich viel Nachsicht haben mit Ruth. Klare-Bel fühlte sich nur sicher, so lange Ruth zuhörte. Sie hörte so hübsch zu. Aber sobald sie sprach, mußte man sich verwundern und eigentlich auch ärgern. Die war sicher mehr für Erik geschaffen als für sie. Er würde wohl aus ihr klug werden. Denn das war ja seine Spezialität.
Inzwischen war Jonas, lustig pfeifend, von der Straßenseite her in den Garten getreten, und man sah ihn, den Schulranzen auf dem Rücken, zwischen den Bäumen im Hause verschwinden. Als er wieder zum Vorschein kam, war der Ranzen abgeworfen, und in der Hand hielt er ein mächtiges Butterbrot, in das er hineinbiß.
Er lief auf seine Mutter zu, küßte sie, streckte Ruth die Hand hin und sagte: »Du, -- Sie -- haben --,« stockte und wurde rot.
»Du!« entschied Ruth ernsthaft und betrachtete ihn.
»Ja, nicht wahr?« meinte er fröhlich und nahm neben ihr aus dem Rande des Springbrunnens Platz, »denn jetzt sind wir ja Hausgenossen. Eigentlich Geschwister. Nicht wahr, Mama? Und Altersgenossen auch. Wie alt bist du denn?«
»In elf Monaten siebzehn,« sagte Ruth.
»Ich bin erst sechzehn,« gestand er betreten, aber dann klärte sich sein Gesicht auf, -- »das heißt jetzt. Aber in elf Monaten längst nicht mehr. Sogar schon eher. Jetzt solltest du ein Stück Butterbrot mit mir essen, denn es ist noch eine gute Stunde, bis wir Mittag bekommen,« fügte er hinzu und brach, im lebhaften Drang sein Brot mit ihr zu teilen, es in zwei Hälften.
»Ich mag nicht essen,« sagte Ruth und lachte über seinen Eifer.
»Dann bist du gewiß noch krank!« behauptete er, »aber das war auch ein rechtes Glück, weißt du, denn sonst wärst du ja gar nicht bei uns geblieben. Es war eine gute Idee von dir, so im Gewitter herumzulaufen. Denk nur! wo du so bequem gleich bei Papa hättest sitzen bleiben können.«
»Ja. Wenn ich sitzen geblieben wäre, wäre ich auch fortgegangen,« bemerkte Ruth tiefsinnig.
Jonas konnte sich diesen Fall nicht ganz klar machen, und so sagte er schnell. »Komm mit mir in das Gehölz, Ruth. Du kennst es noch gar nicht. Da sind so viele Nester. Und mitten hindurch fließt ein kleiner Bach nach dem Wiesengrund zu. Wir können leicht hinüberklettern; der Zaun ist nur niedrig.«
»Nein,« erwiderte sie, »gehe nur hinter das Gehölz. Ich muß jetzt hier bleiben.«
»Was willst du denn hier thun?«
»Ich muß nachdenken.«
»Nachdenken?«
Jonas sah sie etwas verdutzt an; es schien ihm jedoch eine Beschäftigung zu sein, die Respekt verlangte. So stand er seufzend auf und trollte sich ins Haus, denn er wußte nicht recht, wie er sich daran beteiligen könnte.