Ruth

Part 5

Chapter 53,888 wordsPublic domain

»Keine Bilder. Nur ein Knallbonbon. Das brachte er mir einmal vom Kaiser mit. Von einem Galadiner. Ich glaubte so bestimmt, es müßten goldene Kleider drin sein. Aber Großpapa meinte, es wären nur Kleider von dünnem Seidenpapier mit einem kleinen Rand von Flittergold. Da habe ich das Bonbon lieber nicht knallen lassen. Ich habe es noch. -- Und so sind eigentlich noch immer goldene Kleider drin.«

Dem Onkel kam ein Lächeln. Erik imponierte ihm lange nicht mehr so sehr. Großpapas Küsse, Knallbonbons, goldene Kleider und Kleider aus Seidenpapier -- das waren doch sicherlich normale und harmlose Phantasien eines Kinderkopfes. --

Als Ruth am nächsten Nachmittag zu ihrer ersten Unterrichtsstunde fortging, zupfte Onkel Louis sie tröstend am Ohrläppchen und raunte ihr zu: »Du! wenn du ihm weglaufen solltest, so nehme ich dich in Schutz!« --

Aber als Ruth diesmal am Gartenzaun des Landhauses stand, kam ihr nicht, wie neulich, der Gedanke an Weglaufen. Sie zauderte auch nicht mehr so lange einzutreten, sondern stieß die Pforte auf und ging geradeaus -- nicht hinten die Terrasse hinauf und in das Haus, sondern weiter, in die Tiefe des Gartens, der sie das erste Mal so gelockt hatte.

Dort stand Jonas bei den Obstbaumgruppen, emsig beschäftigt, Raupen zwischen den kleinen Blättern herauszusuchen. Eigentlich waren noch gar keine Raupen da. Aber er konnte es nicht erwarten, sie abzulesen.

Als er Ruth herankommen sah, riß er den breitrandigen Strohhut vom Kopf und machte ein verlegenes Gesicht, denn der Sonnenwärme wegen hatte er die Jacke abgeworfen.

»Papa ist im Hause!« bemerkte er diensteifrig und bückte sich nach seiner Jacke, die auf dem Rasen lag.

»Ja! Er stand am Fenster,« bestätigte Ruth, und lehnte sich gegen den dicken Stamm einer alten Ulme.

Daraus wußte er nichts zu entgegnen, und so schwiegen sie beide einige Augenblicke.

»Wie wunderschön!« sagte Ruth dann, ganz in ihren Frühling versunken, und breitete beide Arme nach den mächtigen, leise schwankenden Aesten empor, die über ihr rauschten.

Jonas sah angestrengt in die Höhe, gewahrte aber nichts.

»Wo ist das schöne?« fragte er verwundert.

»Diese kleinen, drolligen Ulmenblätter! Die andern Bäume haben schon viel größere Blätter. Aber diese sitzen noch so zusammengedrückt in den Knospen -- und alle miteinander an den Zweigspitzen, -- als getrauten sie sich nicht. Oder als guckten sie frierend nach den braunen, klebrigen Hülsen, die sie schon heruntergeworfen haben. Sieht es nicht aus, als wären sie in lauter kleinen Sträußchen auf dem Baum verstreut? Es sieht aus, als wären sie ihm nur so angeflogen. Und als könnten sie wieder wegfliegen.«

»Sie fliegen aber nicht weg,« versicherte Jonas und wandte sich wieder seinen vermeintlichen Raupen zu.

»Nein. Nur diese hier thun es,« bemerkte Ruth und streckte ihre Hand gegen den Kirschbaum aus, von dem unter Jonas' unvorsichtiger Berührung die zarten Blütenblätter auf ihren Arm niederschwebten.

»Dies hier sind gute Kirschen. Hoffentlich von den roten, durchsichtigen,« meinte Jonas, »denn die esse ich am liebsten. Sonst haben wir fast nur Apfelbäume und gewöhnliche Holzbirnen.«

»Sie sehen ebenso schön aus,« entgegnete Ruth; »wenn man am Gitter steht, sieht es aus wie ein Märchen. Aber später werden sie so grün und natürlich wie die andern Bäume. Nur kleiner.«

»Das muß so sein,« erklärte Jonas gleichmütig, »sonst würde der Rasenplatz ja niemals rechten Schatten kriegen. Und der ist das Beste vom Sommer. Denn gerade hier, am Springbrunnen unter den Obstbäumen, liegt meine Mutter im Ruhestuhl. Und sie kann die viele Sonne nicht vertragen.«

Ruth sah ihn mit Interesse an. Es kam ihr als etwas Besonderes vor, daß er sich seiner kranken Mutter wegen über die Bäume und den Schatten freute und die grünen Blätter besser fand, als all die wunderschönen weißen Blüten. Die Schulmädchen, die sie kannte, besaßen zwar meistenteils auch Mütter, aber die pflegten gesund zu sein, und nie hatte sie gehört, daß sie sich derentwegen auf den Sommer freuten, sondern immer nur wegen der Ferien. Und dann waren es Mädchen. Dies hier aber war ein Junge.

Sie betrachtete Jonas genauer, und er gefiel ihr sehr gut. Und auch er sah jeden Augenblick zu ihr hinüber, und auch sie gefiel ihm über die Maßen.

»Ist sie sehr krank?« fragte sie nach einer Weile zaghaft.

»Nicht sehr. Sie kann nur nicht aufstehen, -- schon viele Jahre nicht;« belehrte er sie, »wenn sie das thun will, dann nimmt Papa sie in die Arme und trägt sie. Das kann er so prachtvoll. Manchmal hat sie auch Schmerzen, und weint. Und dann muß Papa immer bei ihr sein, und das hilft ihr.«

Ruth wandte unwillkürlich den Kopf dem Hause zu, wo die kranke Frau lag, und wo er war, der sie trug, und der ihr half, wenn sie Schmerzen hatte.

»Hinter diesem Fenster,« sagte Jonas und wies mit der Hand über die Terrasse nach dem Wohnzimmer; »da ist eben ihr Stuhl der Sonne wegen hineingetragen worden.«

Aber im breiten Rahmen des geöffneten Fensters war nur Eriks Gestalt zu sehen, der ihnen den Rücken zukehrte. Und nun wandte er sich langsam um.

Ruth löste sich ein wenig hastig vom Stamm, an dem sie lehnte. »Jetzt will ich hineingehen,« sagte sie.

Nachdem Erik von der Straßenseite her Ruth in den Garten hatte treten sehen, war er wirklich an das Fenster des Wohnzimmers gegangen und hatte von Zeit zu Zeit nach der Obstbaumgruppe hinübergeblickt, wo sie mit Jonas stand und plauderte.

Klare-Bel lag neben dem Fenster, mit einer mühsamen und kunstvollen Handarbeit beschäftigt, die darin bestand, an einer schadhaft gewordenen Damastserviette das Muster nachzuziehen. Man nannte diese Arbeit in Holland »Maazen«. Und wer es ernst damit nahm, der wollte das »Maazen« bis auf das Ausbessern der Strümpfe und Unterjacken erstreckt wissen.

»Kommt Ruth noch immer nicht herein?« fragte sie nach einer langen Pause.

Er zog die Uhr.

»Nein. Noch fehlen einige Minuten an der Zeit,« bemerkte er einsilbig.

»Das ist doch eigentlich kein Grund, nicht hereinzukommen, wenn sie einmal da ist. Aber vielleicht steht sie viel lieber im Garten und plaudert mit Jonas, als daß sie im Zimmer sitzt und lernt, Erik. Das ist am Ende auch ganz natürlich.«

Er schwieg und blickte mit einem Ausdruck von Ungeduld auf ihre Handarbeit nieder. Erik konnte das »Maazen« nicht leiden. Er behauptete, es verdürbe die Augen, und sogar den Charakter.

»Bitte, hör' jetzt einen Augenblick mit dem Sticheln auf,« sagte er und nahm ihr einfach die Nadel aus der Hand, »ich weiß nicht, -- das Zeug macht nervös.«

Dann sah er aber doch wieder auf die Uhr.

Ihm war die Ahnung gekommen, daß es doch nicht so ganz von selbst gelingen werde, bestimmende Macht über Ruth zu gewinnen, wie er es sich an jenem wundersamen Maiabend gedacht. Sie wollte durch keine unerwartete oder unerwünschte Bewegung seinerseits in ihrem selbständigen Traumleben gestört werden, und erhob sie ihn auch zum Helden ihrer »allerschönsten Märchengeschichte«, so mußte er sich dabei doch ganz still verhalten und auf alle ihre Intentionen eingehen, -- sonst entglitt sie ihm leise wieder, so leise und traumhaft, wie sie in sein Leben gekommen war.

Das durfte nicht sein; der Erzieher in ihm litt es nicht, daß ihm mißlinge, was er sich mit Ruth vorgenommen hatte. Er wußte: er würde nicht eher ruhen, als bis er ihren Willen ganz in der Hand hielte. Aber welch eine zarte Hand wollte er dann für sie haben!

Neben diesen pädagogischen Erwägungen erfüllte ihn eine ungeduldige Freude. Freude über den Kampf, der ihm mit Ruth bevorstand. Erik, der andre weit besser zu erforschen verstand, als sich selbst, ahnte gar nicht, wie stark sich unter dem Deckmantel des Pädagogen ein jugendliches, herrschsüchtiges Verlangen in ihm regte.

Er wandte sich dem Garten zu.

»Jetzt kommt sie!« sagte er, und wirklich, es klang wie ein Seufzer der Erleichterung.

Seine Frau unterdrückte ein Lächeln und nahm ihre Arbeit wieder auf. »Nun, viel Erfolg, Erik! Vergiß nur nicht, daß wir um neun Uhr den Thee nehmen. Du wirst sie hungrig und durstig machen, denke ich mir.«

Er war über den Flur in seine Arbeitsstube gegangen und öffnete schon von innen her die Thür, als Ruth kam und anklopfen wollte.

»Endlich!« bemerkte er, während sie eintrat, »weißt du, Ruth, was meine Frau soeben meinte? Sie meinte, du seiest gewiß viel lieber mit Jonas draußen im Garten, als bei mir hier in der Stube. Was sagst du dazu?«

Sie blickte ihn unsicher an und setzte sich auf seinen Wink in den Ledersessel, der am Fenster stand. Dann erwiderte sie mit niedergeschlagenen Augen: »Ich bin doch gekommen, weil ich wollte, -- nur weil ich's wollte. Daß Jonas auch hier ist, wußte ich doch gar nicht. Das ist ja nur Zufall. Den fand ich hier.«

Er wußte nicht gleich, was ihn an der Antwort, die keine war, überraschte. Sie betonte ausschließlich, daß sie ganz aus freien Stücken hier sei. Auf einen Vergleich ließ sie sich vorsichtshalber gar nicht ein.

»Wenn es in der Folge nur nicht umgekehrt kommt, mein liebes Kind,« sagte er, an seinen Schreibtisch tretend, und legte einige Hefte und Bücher zurecht, »denn mit Jonas plaudern oder im Garten umhergehen wirst du ja in der Folge nur, wenn du ›willst‹, das heißt, wenn Stimmung und Laune dir zufällig danach stehen. Hier hingegen, wo du freiwillig hergekommen bist, kann es doch nicht ganz so bleiben. Hier wird dich notwendigerweise etwas fest Bestimmtes erwarten, das vom Augenblick und seinen Stimmungen unabhängig ist. Also auch etwas, wovon du manchmal denken wirst: ›ganz so möchte ich's nicht, -- ganz so meinte ich's nicht, -- dies da soll anders sein, -- das da soll heute nicht da sein‹. Ist es nicht so?«

Sie schwieg hartnäckig und machte ein verschlossenes Gesicht. Es war ihr wirklich ungefähr das durch den Kopf gegangen, was er da sagte. Aber daß er das wissen konnte, kam ihr sehr unangenehm vor.

Er blieb bei ihr stehen und nahm ihr die Wollmütze, die sie aufbehalten hatte, vom Haar.

»Nun, Ruth, gestern hast du mich nicht ansehen wollen, und heute willst du mich nicht anreden. Hältst du so unsern Vertrag? Und ich hoffte bestimmt, daß du mir viel erzählen würdest. Viel -- alles. Alle deine schönsten Geschichten.«

»Nein,« erklärte Ruth, »nie und nimmer. Ich will nichts erzählen. Ich will alles für mich allein behalten.«

»Du Geizhals!« sagte er und lachte, »das ist sehr schlimm. Ist es nicht schlimm, wenn man einen zu Gaste geladen hat und dann die Hausthüre vor ihm zuschlägt? Aber zum Glück kannst du das gar nicht mehr, Ruth. Hast du mir nicht deine Geschichten geschenkt? Hast du das vergessen? Nun sind sie mein Eigentum. Ich kann mit ihnen machen, was ich will. Ich kann sie dir aus dem Kopf herausnehmen und für mich ganz allein behalten.«

»Ach nein!« fiel sie etwas lebhafter ein und griff unwillkürlich nach ihrem Kopf, »das geht ja gar nicht. Es geht nicht, wenn ich nicht will.«

»Du spricht so viel von deinem Willen, Ruth. Und daß du nur hier bist, weil du gerade willst. Aber weißt du denn eigentlich auch, ~wozu~ du es willst?«

Sie stutzte und blickte auf. Als sie nicht gleich eine Antwort fand, fügte er hinzu: »Ich weiß es für dich: du wolltest eben diesen Willen klären und erziehen lassen von jemand, der dich lieb genug dazu hat. Alles Lernen ist nur ein Mittel dazu.«

Ruth legte ihre Hände an die Seitenlehnen des Sessels, und ihr Gesicht wurde noch ablehnender. »Wie wenn sie ein Visier vorgelegt hätte!« dachte Erik, sie betrachtend. Aber hinter diesem Visier arbeitete eine steigende Erregung in ihr. Die passive Stimmung, in der sie heute hergekommen war, hielt unter Eriks Andrängen nicht stand, aber noch weniger vermochte sie den Traum und das seltsame Glück des ersten Abends wieder zu erhaschen. Sie verschloß und verbarg sich daher instinktiv vor ihm, wie vor einer Macht, die man sich erst genau ansehen muß, ehe man sich mit ihr einläßt.

»Alles ist heute anders!« murmelte sie.

»Es wird immer anders sein, als du es dir willkürlich ausmalst,« entgegnete er in ruhigem Ton, »und das soll es auch, Ruth! Es soll zu ernst sein für ein bloßes Spiel der Phantasie. Siehst du, auch ich habe mir etwas Schönes ersonnen und geträumt, das ich in dir verwirklicht sehen möchte. Ich versprach dir doch: für die Geschichten, die du mir ~erzählen~ wolltest, solltest du eine durch mich ~erleben~. Die Allerschönste -- sagtest du nicht so? Mit dem Erzählen mußt du es nun halten, wie du willst, aber mit dem Erleben wirst du es halten, wie ich will. Es war mein Geschenk für dich. Und wenn du heute auch nichts davon wissen willst, so wirst du es doch trotzdem annehmen müssen.«

Ruth wurde unruhig. Sie kannte nur zwei Sorten Menschen, und daß sie Erik in keiner von beiden unterbringen konnte, ängstigte sie. Die eine Sorte bestand aus ihrer jeweiligen täglichen Umgebung, die ihr meistens störend oder gleichgültig war und wirkungslos an ihr abglitt; die andre bestand aus den fremden Menschen, die sie, wie Schattenbilder, aus der Ferne betrachtete, und denen sie die äußere Anregung zu ihren Phantastereien entnahm. Zu denen konnte Erik nicht gehören, denn die thaten nur, was sie wollte, -- sie ~waren~ ja nur, was sie wollte. Er hingegen war eine Wirklichkeit, die auf sie eindrang. Sie konnte ihn aber auch nicht abwehren, wie sie die Ihrigen von sich abwehrte, denn es war etwas da, was sie mächtiger reizte und anregte, als es alle Schattenbilder zusammen gethan.

Sie sah ihn scheu an.

»Ich will lieber ein andres Mal kommen,« bat sie leise, »ich kann heute nicht lernen. Ich kann's nicht.«

»Doch! doch!« entgegnete er beschwichtigend, »du kannst es. Und im Grunde willst du es auch. Aber wir können nicht in jedem Augenblick den Kampf darum von neuem aufnehmen. Der muß ein für allemal entschieden werden. Du oder ich, Ruth! Einer von uns beiden muß gehorchen.«

Da sprang Ruth plötzlich auf und sagte undeutlich: »Dann kann ich auch fortbleiben.«

Es war ihr ganz spontan, wider alle Ueberlegung, entfahren. Aber nun half es nichts. Nun war es heraus.

Erik sah, wie sie ganz blaß und über sich selbst erschrocken dastand, und ein heftiges Mitleid mit ihr erfaßte ihn. Ihm kam es vor, als habe er sie mißhandelt, und sein Blick wurde sehr weich.

Aber er dachte nicht daran, dieser weichen Regung nachzugeben. Er wünschte, die entscheidende Situation so scharf als möglich zum Austrag zu bringen. Am Gelingen zweifelte er nicht. Und voll Freude fühlte er: war es erst überstanden, so konnte er alle Strenge in die Rumpelkammer werfen. Dann war er Ruths für alle -- alle Zeit sicher.

»Gewiß kannst du fortbleiben,« bestätigte er ruhig, »wenn es sich für dich wirklich nicht um mehr gehandelt hat, als um einen solchen Zeitvertreib, wie ihr ihn unter euch im Schulhof treibt. Weißt du noch, was du von dem Fremden sagtest, den ihr in euer kindisches Spiel hereingezogen habt? ›Wenn er mir nicht gepaßt hätte, wenn er aus der Rolle gefallen wäre, die ich ihm zugewiesen, dann hätte ich mir einfach einen andern suchen müssen, -- ich hätte die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.‹ Ist es hiermit ebenso oder auch nur annähernd so, -- -- dann laufe nur fort.«

Während er sprach, fühlte er beständig das große Mitleid. Sie sah nur ein einziges Mal auf, und wie sie seinem weichen Blick begegnete, da war es, als ginge ihre passive Abwehr in eine Art von Angriff über, -- als suche sie nach einer Waffe, nach irgend etwas, was sie von ihrem Leiden befreien, ihm weh thun und ihr Macht geben könne. Ihm fielen die Worte ein, die sie vom Fremden gebraucht hatte: »Ich brauchte ihn eben, und da nahm ich ihn mir!«

Ruth langte nach ihrer Wollmütze, die auf dem Schreibtisch lag, und drückte sie zwecklos in den Händen zusammen.

»Ich will nach Hause gehen!« wiederholte sie, und zitterte am ganzen Leibe.

»Wie du willst.«

»Also adieu,« sagte sie, und ging langsam, wie gelähmt, der Thüre zu.

»Adieu, mein Kind.«

Sie hatte Mühe, den Thürgriff zu finden und niederzudrücken, ihre Hände waren kalt und gehorchten ihr nicht. Als aber die Thür offen stand, und sie in den Flur hinaustrat, da blickte sie beim Schließen der Thür mit brennenden Augen ins Zimmer zurück.

Erik saß auf dem von ihr verlassenen Ledersessel am Fenster. Er hatte den rechten Arm auf die Lehne desselben gestützt und die Hand über die Augen gelegt.

Und plötzlich überfiel Ruth das Bewußtsein: daß all sein Herrschenwollen im Grunde doch nur ein Dienenwollen sei. Plötzlich überfiel es sie: daß er eben jetzt leide, -- um sie leide, die ihn verletzt hatte.

Es traf sie mit einem Schmerzgefühl, aber dieses Gefühl war seltsam und berauschend; es lag Triumph darin. Es war ein Schmerz, der sich wie ein Glück anfühlte.

Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, aber nicht mehr in der Angst der Flucht. Sie hatte mitten in der Angst ihrer Flucht Halt gemacht, sich gegen den Feind gekehrt und ihn besiegt gesehen.

Wer Ruth über den Flur gehen sah, der konnte meinen, sie sei trunken. --

Um neun Uhr -- Gonne hatte bereits den Thee und die gerösteten Brotschnittchen auf den Tisch gebracht -- kam Erik endlich in das Wohnzimmer herüber.

»Es ist doch nichts vorgefallen?« fragte seine Frau mit einem Blick in sein Gesicht, »Ruth ist ja schon so bald fortgegangen. Und ich dachte doch, daß sie mit uns bleiben sollte?«

»Für heute war es besser so,« versetzte er, und Klare-Bel fragte nicht weiter.

Aber Jonas that es statt ihrer.

»Ruth habe ich ganz ungeheuer gern,« versicherte er, »kommt sie bald wieder her, Papa?«

»Bald!« sagte dieser.

»Denke dir nur, sie wollte es mir nicht sagen,« plauderte Jonas weiter, »ich habe sie nämlich noch im Garten gesprochen, wie sie fortging. Da sah sie so kurios aus, Papa, ihre Augen waren so groß und glänzten so, -- sie sah aus, als ob sie gerade was geschenkt bekommen hätte.«

»Was geschenkt?« wiederholte Erik, und setzte das Theeglas, das er zum Munde führen wollte, hart auf das Tischtuch nieder.

»Ja, ganz gewiß, gerade so sah sie aus. Aber sie antwortete mir nicht, und dann, am Gitter, da bat sie mich um ein Glas Wasser.«

»Es ist ihr doch nicht unwohl geworden?« fragte Klare-Bel besorgt.

»Nein, aber sie zitterte ordentlich. Das Wasser habe ich ihr vom Brunnen geholt. Und dann ist sie fortgegangen. -- Ich habe ihr aber noch lange nachgesehen,« fügte Jonas hinzu.

»Gewiß warst du zu streng mit ihr, Erik,« sagte Klare-Bel, »ich konnte es dir schon ansehen, wie du hinübergingst.«

»Zu streng? Aber, Bel, dann sieht man doch nicht aus, als ob man etwas geschenkt bekommen hätte.«

Er sprach in leichtem Ton, doch beschämte ihn, was Jonas erzählt hatte. Es war etwas Neues, Unerwartetes, worin er sich nicht gleich zurechtfinden konnte. Daß sie trotzte und selbst, daß sie weglief, begriff er ganz gut und rechnete damit. Aber dies hier begriff er nicht. War es denn möglich, daß sie gern, -- mit Freude, fortging? -- -- Und daß sie nicht wiederkam? -- --

Während sie noch beim Thee saßen, zog draußen ein schweres Gewitter heraus. Klare-Bel blickte ängstlich nach dem Fenster, durch das man die dunkle, schwarzgelbe Wolkenbank am Himmel stehen sah. Ein Sturmwind fuhr durch die Baumkronen, schüttelte und beugte sie; der Tagesschein, den die lange Maihelle noch über den Garten gebreitet hatte, verschwand unvermittelt. Und gleich darauf prasselte, unter grellzuckenden Blitzen und gewaltigen Donnerschlägen, ein heftiger Platzregen nieder.

»Bitte, laßt doch die Fenster schließen! bitte, Jonas, iß nicht mehr! Ach, Erik, der Donner!« sagte Klare-Bel, die vor jedem Blitz die Augen schloß.

Erik stand auf, blieb einen Augenblick am Fenster stehen und schaute in den Aufruhr hinaus, dann schloß er es und kehrte zu seiner Frau zurück. Die Gewitterangst war etwas, das sie überkommen hatte, seitdem sie hilflos dalag. Als junge Frau kannte sie dergleichen nicht, und Erik würde es an ihr auch wohl nicht geduldet haben. Jetzt hatte er Geduld damit.

»Wenn man eine Lampe anzünden könnte! Es ist so dunkel geworden auf einmal. Und dann ist der Blitz so furchtbar hell, Erik!«

»Gonne braucht keine Lampe hereinzubringen,« erwiderte er lächelnd und legte seine Hand über ihre Augen; »bist du nun nicht geborgen, Bel?«

Sie nickte dankbar und drückte ihr Gesicht gegen seine Hände.

Es war ein arges Gewitter. Unaufhörlich folgten sich Blitz und Schlag. Auf Augenblicke sah der Garten aus wie unter bengalischer Beleuchtung, und im bläulichen Scheine konnte man die vom Sturm losgerissenen Blätter und Blüten in tollem Wirbel durcheinander fliegen sehen.

Wenn der Donner besonders gellend krachte, fuhr Klare-Bel jedesmal zusammen.

»Ob Ruth wohl schon zu Hause war, ehe es losging?« fragte sie.

»Längst. Sie muß zu Hause gewesen sein, ehe wir uns zu Tisch setzten,« beruhigte er sie, »und der Diener wird sich freuen, daß er sie bei diesem Unwetter nicht zu holen braucht.«

Es währte noch eine ganze Weile, ehe Blitz und Sturm auch nur ein wenig nachließen, und der grobkörnige Regen mit schwächerem Ton auf das Dach niedertrommelte.

»Nun, Bel, jetzt wird es besser,« sagte Erik und nahm seine Hand von ihrem Gesicht. Er öffnete wieder das Fenster, durch das die abgekühlte Abendluft jetzt frisch und gewürzig hereinströmte.

Jonas stand vor dem Fenster auf der regenumsprühten Terrasse und blickte, über deren Brüstung gebeugt, in den verwüsteten Garten hinaus. Ein großer Ulmenast war quer über den Kiesweg gestürzt, die Obstblüte hatte den Aufruhr in der Natur mit dem Leben bezahlen müssen.

»Nun sind sie wahrhaftig davongeflogen, alle mit einemmal, die weißen Blüten,« rief Jonas bedauernd, »so wie Ruth es gesagt hat! wie leid wird es ihr thun. Sie fand sie so schön. Aber dort oben wird es schon wieder blau, Papa.«

»Gott sei Dank!« meinte Klare-Bel, »solche Aufregung und Verwirrung draußen ist schrecklich. Man wird förmlich mit hingerissen.«

»Ja, das ist nichts mehr für dich, meine Arme,« sagte Erik, »es gab aber Zeiten, wo du solche Gewitterstürme und dazu das Brüllen des Meeren aushalten mußtest, ohne daß ich bei dir war.«

»Das war auch entsetzlich, Erik, ganz entsetzlich war es,« versicherte sie zusammenschaudernd, »damals, als du mit den Leuten hinausfuhrst, wenn ein Schiff in Gefahr war. Und das eine Mal, weißt du, wo du ganz allein es warst, der den Niels und die andern dazu beredete. Denn die hatten ja auch Frau und Kind. Aber das hast du immer so gut gekonnt: die Leute bereden. ›Es wird gehen!‹ sagtest du ihnen, und da glaubten sie dir.«

»Du glaubtest mir ja auch, Bel, wenn du allein Zurückbleiben mußtest, und wenn es dir schien, als ginge das nicht.«

»Ja, Erik. Manchmal dachte ich, der Schreck würde mich töten. Aber dann sagtest du so zuversichtlich: ›Wenn ich nach Hause komme, naß und müde, Bel, dann muß ich da doch meine Frau finden und den kleinen Jungen, und beide vergnügt und gesund.‹ Nun, und da mußte es wohl so sein.«

Er schwieg. Vor seinem Blick stand eine Sturmnacht, in welcher er, aus wirklicher Lebensgefahr heimkehrend, seine Frau gefunden hatte, wie sie, das Kind neben sich, mitten in der kleinen Stube auf den Knieen lag und laut betete.

Einen Augenblick lang war er fast bestürzt auf der Schwelle stehen geblieben, denn noch nie hatte er sie beten sehen. Als sie heirateten, waren ihm unter ihren Sachen ein paar Andachtsbücher in die Hände gefallen, und wie sie ihn darin blättern sah, fragte sie ihn: »Glaubst du an das, was darin steht?« Er hatte mit ernsten Augen aufgeblickt und geantwortet: »Nein, Bel.« Seitdem war dieser Gegenstand nur noch ein einziges Mal, nach Jahren, im Gespräche wieder berührt worden, und da war es ihm mit innerem Staunen aufgegangen, daß seine Frau, ohne es auch nur selbst recht zu merken, ihren Glauben gar nicht mehr besaß. Auf seine Frage, wie denn das geschehen sei, hatte sie mit ihrem freundlichen Gleichmut verwundert erwidert: »Ja, Erik, wenn es doch gar nicht so ~ist~, -- was kann es dann noch nützen, daran zu glauben?«