Ruth

Part 4

Chapter 43,812 wordsPublic domain

Sie nahm ihre Mütze vom Kopf und besann sich. In Gedanken durchlief sie die ganze Entstehungsgeschichte ihres Entschlusses, vom ersten Schuleindruck an, -- aber die ließ sich ja, so weitläufig und verworren wie sie war, ganz gewiß nicht wiedererzählen. Sie versuchte, die Hauptsache herauszuholen. Aber nun vergaß sie alles. Es war rein unmöglich.

Und plötzlich brach Ruth in Thränen aus.

»Mein liebes Kind!« sagte er sanft, und strich ihr das lose, lockige Haar aus der Stirn, das über das gesenkte Gesicht gefallen war. Dann nahm er ihre Hände wieder in die seinen.

»Hast du Vertrauen zu mir?« fragte er.

»Ja!« sagte sie leise.

»Unbedingtes?«

»Ja!« sagte sie wieder.

»Dann darfst du weder zittern noch dich fürchten. Versuche jetzt einmal ganz fest, es zu bezwingen. Ganz fest, hörst du? Es wird schon gehn.«

Sie machte eine Anstrengung, das nervöse Beben, das durch ihren Körper ging, zu unterdrücken. Er wartete ruhig einige Augenblicke, bis es ihr gelungen war. Dann beharrte er auf seiner ersten Frage: »So. Und nun sage mir, weshalb du kamst. Sage es, so gut du kannst. Versuche es nur. Ich werde dir helfen.«

Sie seufzte und begann unsicher. »Ich komme nun bald nicht mehr in die Schule --«

»Nein. Ich weiß. Und --?«

»Und da mußte ich hierher.«

Sie brach ab, wie um ihre Gedanken zu ordnen, dann fügte sie schüchtern hinzu, mit einem rührenden Ausdruck: »Ich bin ja allein!«

Erik wurde es warm bis ins innerste Herz. Nie noch meinte er eine so tiefe, so heilige Zärtlichkeit empfunden zu haben, wie diesem Kinde gegenüber. Der Wunsch, sich ihr zu widmen, die Hand auf sie zu legen, wie auf etwas, das ihm zugehörte, ward plötzlich so stark in ihm, daß er ihn unwillkürlich als bereits erfüllt nahm und kein Hindernis gelten ließ.

»Möchtest du hierher gehören, Ruth?« fragte er.

»Ach ja!« rief sie lebhaft, und dann sagte sie mit Inbrunst: »Immer!«

Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Augen sahen jetzt ganz dunkel aus und lachten aus den nassen Wimpern. Sie hätte so gern wieder gesagte »Danke!« Denn es lag der Inbegriff all ihres Denkens und Fühlens in dem Worte ausgesprochen. Aber sie scheute sich, es zu wiederholen.

Erik sah ernsthaft vor sich nieder, als erwäge er nachdenklich einen Plan.

»Nach dem Verlassen der Schule würdest du wohl noch mancherlei Unterricht erhalten,« bemerkte er, sie zur Wirklichkeit zurückführend, »wenigstens wäre das in hohem Grade wünschenswert. Möchtest du ihn bei mir nehmen?«

Sie nickte eifrig.

»Gut. Wir würden also miteinander arbeiten,« -- und in leichtem Tone setzte er hinzu: »sehr viel arbeiten, Ruth! Wirst du das auch wollen? In dem Aufsatz da, -- der hat uns ja zu einander geführt, nicht wahr? -- nun, da steht fast ebensoviel zum Erschrecken wie zum Freuen. Einen so ungeordneten kleinen Kopf, mit so krausen, wilden, unfertigen Einfällen und Vorstellungen habe ich noch gar nicht gesehen. Glaubst du das wohl?«

Sie lächelte nur und sah ihn vertrauensvoll an, als ob sie dächte: »Du wirst es schon ordnen und entwirren!«

Er blickte schweigend auf sie hin, und wieder erschien sie ihm wie ein scheuer, kleiner, mattgeflogener Vogel, der sich hilflos verflattert hat, und sich mit einemmal in einemn weichen Neste findet.

Draußen zögerte die Maisonne am Himmel, und durch den feinen Nebel hindurch, der von den feuchten Wiesen jenseits des Gartens aufstieg, fielen ihre Strahlen beinahe rot, wie flüssiger Purpur. Die beiden noch vorhanglosen Fenster gingen direkt auf den Hintergarten hinaus.

Ein herber, frischer Duft nach Birkenknospen wehte mit dem lauen Abendwind ins Zimmer, und unermüdlich tönte das inbrünstige Locken der Nachtigallen.

Während Erik auf Ruth schaute, kam ihm eine störende Erinnerung.

»Erzähle mir doch,« sagte er unerwartet, »was denn das für ein Mann war, den du auf der Straße grüßtest?«

Sie errötete etwas und wurde verlegen, aber um ihre Mundwinkel zuckte es dabei, wie von verhaltenem Mutwillen. Auf den Wangen erschienen verräterisch zwei Schelmengrübchen.

»Ich -- -- -- ach, der! Den kenne ich ja gar nicht.«

»Aber er sah dich doch so an, als ob ihr euch recht gut kenntet. Wie kam denn das?«

»Ja, das kam so,« begann sie mit einem Seufzer, und überlegte, »-- es ist wirklich nicht leicht zu erzählen. Ich habe ihn mir ausgesucht, aber er weiß ja nichts davon.«

»Ausgesucht? Aber, liebes Kind, das kann doch kein Mensch verstehen,« sagte er ungeduldig, »nimm dich besser zusammen, Ruth! sprich deutlicher. -- Nun?«

»Ich will ja!« rief sie eingeschüchtert, »es ist bloß so schwer! Es war eine bloße Geschichte, -- die wir untereinander spielten, -- im Schulhof, in der Frühstückspause, -- und da mußte jemand vorkommen, der ungefähr so aussah. Und da -- habe ich mir diesen ausgesucht, weil es schöner geht, wenn man dabei an einen lebendigen Menschen denkt.«

»Aber was sollte er denn davon denken? Zum Beispiel schon davon, daß du ihn zuerst grüßtest?«

»Das mußte ich ja thun! Wie sollte er sonst wissen, was er zu thun hatte? Ob er grüßen durfte?«

»Und wenn er nun auf der Straße mit dir angebunden hätte? Hast du denn das nicht überlegt?«

Sie sah erstaunt auf.

»Das durfte er ja gar nicht. Das hätte gar nicht in seine Rolle gepaßt. Er mußte edel und unglücklich sein.«

Erik entfuhr ein kurzer Laut. Seine Augen blickten ernst, fast besorgt auf sie.

»In eurem kindischen Spiel -- ja. Aber in der Wirklichkeit?« fragte er langsam. »Kannst du deine Gedanken nicht besser in Zucht nehmen? Kannst du das nicht auseinander halten? Das mußt du können, Ruth! Und nun sage mir, was du gethan hättest, wenn er aus der eingebildeten Rolle gefallen wäre?«

Sie dachte nach.

»Dann hätte ich die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.«

»Wärst du denn dadurch unsichtbar geworden, daß du die Augen zumachst?«

»Ich? Nein! aber doch er. Denn dann hätte ich ja einen andern suchen müssen.«

»Einen andern?!«

Sie nickte.

»Es gibt ihrer viele!« versicherte sie treuherzig.

»Und das hättest du wirklich gethan? Besinne dich mal! Wäre es dir wirklich auch dann noch nicht klar geworden, wie kindisch und dreist dein Benehmen war?«

Ruth sah unglücklich aus. Offenbar machte er ihr einen Vorwurf. Sie dachte nach, was er nur damit meinen könnte? Sie konnte nicht begreifen, was dieser fremde Mann, außerhalb seiner Rolle, sie kümmern sollte?

»Ich brauchte ihn, und da nahm ich ihn mir!« rief sie mit kläglichem Gesicht.

Erik stand auf und ging ein paarmal durchs Zimmer. Dann blieb er vor Ruth stehen, die sich auf die Kante seines Stuhles gesetzt hatte.

»Sage mir, gibt es mehr solcher fremder Menschen, die du auf der Straße grüßest?«

»Ja. Alle Straßen sind voll davon.«

»-- Männer --?« fragte er zögernd.

»Auch Männer. Ich brauche immer frische für die Schule. Auch Frauen, Kinder, alte Leute.«

»Was meinst du damit, daß du Männer ›für die Schule‹ brauchst?«

»In den Geschichten für die Mädchen muß immer einer vorkommen. Am liebsten einer mit einem kleinen Schnurrbart. Aber ich habe auch andre Geschichten, -- viel, viel schönere, -- wunderschöne,« fügte sie lebhaft hinzu, -- »und die mit Kindern sind nur die liebsten.«

»Erzählst du die den Mädchen in der Schule nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie finden sie nicht schön!« sagte Ruth traurig.

Er setzte sich zu ihr auf einen Ledersessel, der am Fenster stand, und neigte sich ein wenig vor.

»Willst du sie künftig mir erzählen?« fragte er ernst, »aber alle, ohne eine Ausnahme. Und ohne einen Winkel, in den ich nicht hineinsehen könnte. Ich muß alles wissen und hören, was durch diesen phantastischen, unnützen Kopf geht. Wir wollen einen ordentlichen Vertrag machen: du sollst sie auch niemand sonst mehr erzählen. Nur mir. Immer, mit allem hierher kommen. Du wolltest ja hierher gehören. -- Wirst du es bedingungslos und gehorsam thun?«

Ihre Augen waren groß und dankerfüllt auf ihn gerichtet; er konnte es an ihrem Gesicht sehen, wie die Gedanken in ihr vergebens nach Ausdruck rangen, aber er hatte dennoch keine Ahnung davon, mit welch einem innern Jubel ein neues Glück ihr aufging. Sie wollte es ihm so gern sagen, aber in ihrem wortarmen Gefühl verstummte sie statt dessen gänzlich, und plötzlich, als müßte sie sich anstatt des Wortes wenigstens durch die Gebärde helfen, glitt sie nieder vom Stuhl und kniete bei Erik hin, -- wie auf einen ihr nun zugewiesenen Platz, erwartungsvoll, mit einem Blick wie ein Kind um Weihnachten.

Sie fühlte sich so glücklich. Zu Hause. Geborgen. Von hier aus mußte alles Gute kommen.

Er strich ihr leise über das Haar. »Also höre unsern Vertrag zu Ende,« sagte er in dem ruhigen Tone, unter dem sie ganz still wurde und lauschte, »wenn du mir deine Geschichten schenkst, dann schenke ich dir auch etwas. Du sollst, soweit es an mir liegt, nicht in deiner eigenen Phantasie stecken bleiben, sondern mit klarem Blick so weit schweifen lernen, wie das Leben -- das wirkliche, herrliche Leben -- reicht. Und, wenn es auch anfangs Anstrengung von dir verlangen sollte, meinst du nicht, daß ich dich damit etwas Schöneres lehren werde, als du bisher dir geträumt und zusammengedichtet hast?«

»Ach ja!« rief sie sehnsüchtig, als strebe sie verlangend beide Hände nach etwas Erwartetem aus, -- »das ist sie ja: von allen die allerschönste Märchengeschichte!«

Ihm fiel der Ausdruck auf, weil sie ihn schon im Schulhof den Mädchen gegenüber gebraucht hatte.

»Gerade das sagtest du ja, als du heute morgen den Mädchen erklärtest, daß du etwas Neues vorhabest. Was war es denn?«

Zu seinem Erstaunen fuhr Ruth zusammen, und senkte den Kopf.

Erik sah betroffen aus.

»Was war es?« fragte er streng.

»Ich kann es nicht sagen,« versicherte sie scheu, »bitte, bitte nicht.«

Er faßte ihre Hand hart im Gelenk, so daß es sie schmerzte.

»Wenn es etwas ist, was dir so schwer fällt, auszusprechen, dann ist es um so notwendiger, daß du es sagst. Ich muß es wissen, -- jetzt gleich, Ruth.«

Sie versuchte, die schmerzende Hand aus der seinen zu ziehen, und als es ihr nicht gelang, senkte sie das Gesicht noch tiefer, so daß es sich an seinem Rockärmel fast versteckte.

Er bog ihren Kopf zurück und sah ihr in das Gesicht. Es war über und über in Glut getaucht.

»Es hilft nichts, sich zu verstecken,« sagte er unerwartet sanft, »du wirst mir immer nachgeben müssen, mein Kind. Mach es kurz!«

Ihre Hände schlangen sich nervös auf seinen Knieen ineinander, dann hob sie sie mit einer bittenden Gebärde zu ihm auf.

»Es war nur, -- ich hatte alle diese Geschichten auf einmal so satt; alles stockte auf einmal, -- nichts mochte ich mir weiter ausdenken. So schön ich es mir auch ausdachte, mit so vielen Menschen drin ich es nur auch ausdachte, -- ich blieb immer allein. Die Menschen grüßten, und gingen vorüber. Und da -- da kam eine solche Sehnsucht, -- seit vier Tagen solche Sehnsucht. Ich konnte nicht mehr spielen. Nie mehr.«

»Sehnsucht -- wohin?« fragte er halblaut.

»Hierher!« sagte sie mit leiser Stimme und wandte den Kopf hinweg.

Er ließ ihn frei, ließ zu, daß sie ihn wieder an seinem Rockärmel versteckte.

Beide Arme hatte er um sie geschlungen.

II.

Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und Handschuhe auf den Knieen und blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Gespräch der beiden zuhörte.

»Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde,« sagte der Onkel jetzt, »denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist Ruth gerade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohnedies nicht, was die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehen.«

Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde stark durch dieselbe beeinflußt. Der Onkel, mit seinem aschblonden, schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und mit seinen frauenhaft feinen Händen, gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine ausgesprochene Antipathie.

»Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären jetzt auch durchaus keine geeignete Beschäftigung für Ruth,« bemerkte er aufblickend; »sie muß zu thun haben, -- wirkliche Arbeit und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige Ueberanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am meisten.«

»Siehst du; was sage ich immer?« fiel die Tante ein, und nickte ihrem Mann bedeutsam zu; »ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren. Aber du hast das immer am bequemsten gefunden.«

»Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen Frauenzimmer anfangen,« versetzte der Onkel begütigend, »man konnte sie doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?«

»Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du mir wirklich nicht vorzuhalten, -- es ist ja gerade, als ob ich Ruth Dinge verrichten ließe, die sich nur für den niedersten Dienstboten schicken!« sagte seine Frau, die scherzende Uebertreibung unerbittlich ernst nehmend, »aber ein wenig sich im Häuslichen umsehen, -- das hätte Ruth ganz wohl können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der Beruf der Frau.«

Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große, stattliche Erscheinung der Tante, an der es ihm charakteristisch für ihr ganzes Wesen vorkam, daß die ihr gewohnten guten Formen des äußeren Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht verdecken konnten.

»Was das anbetrifft,« unterbrach er sie ungeduldig, »so brauchen Sie sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte ›häusliche Hilfe‹, bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall eine gleichgültige Spielerei, -- im schlimmern Fall weckt sie die Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätte ich gegen das Stubenscheuern nicht viel einzuwenden.«

Der Onkel lachte erfreut auf. »Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau gründlich verdorben!« drohte er scherzend, »aber ich muß bekennen, daß ich gar nicht begreife, warum sie alle beide so versessen darauf sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich habe ich nicht das Geringste gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen, -- im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu sein.«

»Ich glaube, Sie täuschen sich,« entgegnete Erik in bestimmtem Ton, »Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung gesehen. Wenn dieselbe nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läuft Ruth Gefahr, an ihrer Phantasie geistig zu erkranken.«

Der Onkel schüttelte verwundert den Kopf.

»Das ist doch kurios,« sagte er, »ich habe Ruth stets für ein höchst praktisches kleines Frauenzimmer gehalten. Von Phantasie war doch nie eine Spur an ihr zu bemerken. Alles was sie sagt, ist ja so direkt und nüchtern. Und am liebsten sagt sie gar nichts. Sie sollten nur wissen, wie nüchtern sie in allem ist, wo die jungen Mädchen sonst ihre Phantasie sitzen haben! Das hat mir stets so gut gefallen. Da kann Liuba gar nicht mitkommen.«

Seine Frau sah ihn verletzt an.

»Glücklicherweise nicht!« bestätigte sie etwas erregt, »Liuba würde nicht umhergehen, wie in einen grauen Sack gekleidet, bloß weil es so am bequemsten ist. Und überhaupt, -- denken Sie nur, neulich höre ich, wie meine Tochter zu Ruth sagt: ›paß nur auf; wenn du ein Jahr älter bist, dann wirst du schon wissen, was schön und häßlich ist, und wirst am Spiegel fragen: Wie gefall' ich ihm?‹ -- -- Mein Gott, Sie wissen ja, wie junge Mädchen so untereinander reden! Aber was antwortet Ruth darauf? Sie lacht nur, und dann fragt sie erstaunt: ›Warum nicht lieber: wie gefällt er mir?‹«

In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Ruth trat ein.

Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß sie Besuch vorfinden würde. Als sie so unerwartet Erik erblickte, fuhr sie zurück und wurde glühend rot. Diese plötzliche Anwesenheit seiner Person inmitten der Ihrigen, die ihr so fern standen, -- die unerwünschte Vermischung eines sie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die sie mied und floh, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf sie. Etwa so, wie wenn eine Traumgestalt aus herrlichen Phantasien ins wirkliche Leben niedersteigt, um ein banales Gespräch zu führen; -- etwa so, wie wenn man das Intimste, was nicht einmal Worte besitzt, in die Sprache des Pöbels übersetzt findet.

Daß Erik herkommen, daß er sich überhaupt mit ihren Verwandten auseinandersetzen mußte, das fiel ihr nicht im geringsten ein. Er hätte das schon so einrichten müssen, daß es eine Angelegenheit aus einer andern Welt -- aus ~ihrer~ Welt blieb. Lieber noch wäre sie dann des Nachts, heimlich, und auf bloßen Füßen bis zu ihm hingelaufen.

Entsetzlich rot und linkisch sah sie aus, wie sie sich da, verlegen und mit scheuem Gesicht, in die Thürspalte drückte. Aber nicht Verlegenheit empfand sie, sondern eine unentwirrbare Mischung von Zorn und Scham, -- Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges, vor fremden Augen herumgezeigt und besprochen wurde.

»Nun, Ruth, benimmt man sich so?« bemerkte die Tante verweisend, »kannst du nicht näher kommen?«

Da that sie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände vor die Augen, und so, mit scheuklappenartig verdecktem Gesicht, ging sie, wie ein Kind, das sich vor fremden Gästen fürchtet, durch das Zimmer bis vor den geschnitzten, runden Sofatisch, um den sie saßen.

Der Onkel lachte, seine Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte strafend: »Ein so großes Mädchen!«

Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr gewandt hatte, blickte sie schweigend und aufmerksam an. Als sie dicht neben ihm stand, hob er die Hand und zog ihr die Hände vom Gesicht fort. »Warum willst du mich heute nicht ansehen, Ruth?« fragte er sie.

Sie antwortete nicht. Noch war sie sehr rot und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Dieses »Du«, das er zu ihr sagte, und das sie gestern so dankbar hingerissen hatte, verletzte sie heute beinahe. Es klang ganz anders -- hier, an dieser Stelle, -- es klang wie die Anrede, die man einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Erwachsenen dasteht. Ja, sie stand ihm und den andern ~gegenüber~, und sie verhandelten da über sie, als wäre sie verraten und verkauft, -- als handle es sich gar nicht um ihre -- ~ihre~ eigene, ~eigenste~ Angelegenheit.

Durch Erik fühlte sie sich verraten und verkauft.

»Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen Seite kennen,« meinte der Onkel, noch immer lächelnd, »aber sie ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Was ist dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab' ich dich noch nie gesehen.«

Erik, der sie unverwandt ansah, suchte jetzt die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.

»Wir wollen schon mit einander zurechtkommen,« sagte er mit warmer Stimme und wandte sich an den Onkel mit einer Frage wegen Tag und Stunde des geplanten Unterrichts.

Ruth stand teilnahmlos daneben, ohne die Wechselreden der andern zu beachten. Nur die Röte wich allmählich von ihrem Gesicht und machte einem Ausdruck verhaltener Traurigkeit und Enttäuschung Platz. Sie blickte nicht auf, sondern studierte eingehend das glänzende Muster des Parkettfußbodens.

Da, als Erik schon Miene machte, sich zu verabschieden, hörte sie ihren Onkel sagen: »Also, wenn es Ihnen wirklich kein zu großes Opfer ist, erwarten wir Sie jedesmal hier, am Nachmittag, nach Ihren Schulstunden!«

»Nein!« warf Ruth plötzlich laut dazwischen. Es war, als ob sie aufwachte. Erstaunt und blitzend gingen ihre Augen vom einen zum andern; »~hierher?~ das ist ja ein Irrtum. Ich werde hinauskommen.«

Alle sahen sie verwundert an, als sie das so kategorisch, ohne eine Spur von Befangenheit erklärte. Erik aber erhob sich rasch.

»Das ist am Ende wirklich das Bessere,« stimmte er ihr unwillkürlich bei, »und wenn Ruth den Weg nicht scheut und den Abend dann bei uns verbringen will, so wäre es in der That während dieser Sommertage vorzuziehen.«

Er sprach nicht mehr mit ganz der gleichen, überlegenen Sicherheit wie vorhin, sondern etwas hastig. Ein schwacher Reflex von dem, was Ruth so peinigend und störend an der Situation berührt hatte, schien jetzt auch auf ihn überzugehen, als ahne oder begriffe er plötzlich ihre zornige Scheu. Als er ihre Augen so vorwurfsvoll und mit einem unkindlichen, fast strengen Blick auf sich gerichtet sah, da kam es ihm selbst mit einemmal sonderbar vor, daß er sie anderswo um sich hatte haben wollen, als in seinem eigenen, stillen Zimmer, -- dort, wo sie zu ihm gekommen war. Beinahe hätte der Zufall es so gefügt. Aber sie ließ keinen Zufall zu. Klar und zwingend wie eine Vision stand vor ihren Augen, was sie sich ersehnt und erträumt hatte.

Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, und die Tante hinausging, blieb Ruth regungslos stehen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gebückt, wie immer, wenn etwas sie sehr beschäftigte. Im Flur hörte sie die Hausthür gehen, dann einen raschen Schritt auf der steinernen Treppe. Darauf wurde es ganz still.

Sie sah das Zimmer wie durch einen Schleier, überschüttet von blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen Blattgewächse und Palmengruppen in beiden Fensterecken hindurchschimmerte und an den vergoldeten Rahmen der Gemälde aufblitzte, die schon einen dünnen Tüllbezug gegen Staub und Licht erhalten hatten.

Ruth ging langsam auf den Stuhl zu, auf dem Erik vorhin gesessen hatte. Sie setzte sich hin, legte beide Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.

Und dann fing sie an bitterlich zu weinen. --

Bei Tisch, zu Mittag, beobachtete der Onkel Ruth nachdenklich. Es hatte ihm so sehr imponiert, daß Erik alles zu ergründen schien, was in ihr vorging. Da saß sie nun so schweigsam. Freilich konnte man nicht wissen, woran sie dachte. Aber das konnte dieser Lehrer doch auch nicht. Er war doch kein Hellseher.

»Woran denkst du eigentlich den ganzen Tag?« fragte Onkel Louis plötzlich ärgerlich.

»Ich? An gar nichts!« versicherte sie mit einem verwunderten Blick.

»Aber an irgend etwas mußt du doch denken. Das thut ja jeder Mensch. Woran dachtest du zum Beispiel jetzt eben?«

»Jetzt eben dachte ich an Großpapa,« sagte Ruth.

Darüber freute sich ihr Onkel und sah sie freundlich an. Er hatte seinen Vater unendlich lieb gehabt.

»Du warst erst fünf Jahre, als deine Eltern starben, und du damals hierher kamst; erinnerst du dich denn seiner noch?«

Sie nickte, und vor ihrem Blick tauchte die erste ganz bewußte und deutliche Erinnerung aus ihrer Kindheit auf: eine Generalsuniform, ein schneeweißer, großer Schnurrbart, und darüber zwei gütige blaue Augen -- Kinderaugen eigentlich.

»Einmal hob er mich aus dem Bett -- er sah so schön aus, mit Bändern und Sternen, und blitzte über und über, -- und da kam seine brennende Cigarette an meinen bloßen Arm. Ich schrie sehr. Und da kamen ihm Thränen in die Augen -- aber wirkliche, große Thränen, so daß die Augen ganz voll davon standen. Und dann drückte er mich an sich und küßte mich, -- auf den Arm und den bloßen Hals und das Gesicht und den ganzen Körper. -- So war Großpapa. -- Jetzt würde ich mir gern den Arm abbrennen lassen, wenn er mich nur noch einmal so küssen wollte!« fügte sie wild hinzu.

Man sah, wie es in ihr gärte. Großpapas Zärtlichkeit hatte sie nie vergessen können.

»Hast du Bilder und Andenken von ihm?« fragte der Onkel und dachte darüber nach, was er ihr schenken könnte.

Sie schüttelte den Kopf.