Ruth

Part 3

Chapter 33,725 wordsPublic domain

Wie eines jener kleinen Insekten, welche zum Schutz vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder des Laubes annehmen, auf dem sie sitzen, so verhielt sich, halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer Umgebung. Es war ihre Art sich zu wehren.

Ruth löste sich aus der schwatzenden Mädchengruppe und verschwand hinter den hohen Thürflügeln eines umfangreichen steinernen Gebäudes, vor dem ein Soldat Wache stand. Eine Abteilung des Kriegsministeriums lag darin, nebst mehreren großen Kronswohnungen, von denen Ruths Onkel, der Staatsrat war, eine inne hatte.

Ihr Verschwinden gab das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Jetzt erst erschraken manche über die lange Versäumnis und suchten laufend eine Pferdebahnlinie zu erreichen oder unterhandelten mit den Droschkenkutschern, welche sofort, laut schreiend und sich gegenseitig nach Möglichkeit unterbietend, sie umringten.

Bis morgen vermißten sie Ruth nicht mehr; sie hatten sich ausgezeichnet unterhalten, sich ordentlich echauffiert! Morgen, wenn sie nach neuer Nahrung begierig wurden, kam sie wieder.

* * * * *

Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des Weges gefolgt, denn er hatte noch in einem Knabengymnasium und in einer Privatschule Stunden zu geben. Dann ging er in seine Stadtwohnung hinauf, die geräumig und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: dafür konnte man aus den Fenstern die Newa überschauen, durch deren blaue, mächtige Wogen noch der Ladogasee seine letzten Eisschollen trieb. Sie schimmerten durchsichtig im blendenden Maisonnenschein. Ueber seine Aussicht freute Erik sich täglich von neuem.

Nach Schulschluß pflegte er hier vorzusprechen, allerlei zu erledigen und eingelaufene Briefe mitzunehmen, denn die Landpost galt als unzuverlässig. Heute war er kaum eingetreten, als es klingelte.

Er öffnete die Thüre und blieb mit einem Lächeln neben derselben stehen.

»Warwara Michailowna!« sagte er.

»Was ist denn das?« fragte sie, rasch um sich blickend, »schon auf dem Lande? umgezogen? allein hier? Ich wußte es nicht! Dann haben Sie also meinen Brief -- --?«

»Ich habe ihn gestern hier vorgefunden,« versetzte er, sie in die angrenzende Wohnstube führend, wo die Polstermöbel schon ihre Sommertoilette empfangen hatten und in ihren weißen Leinwandhülsen gleich Gespenstern herumstanden. Unter dem runden Sofatisch war der Teppich entfernt worden, und ein leichter Geruch von Kampfer schwebte in der Luft.

»Ich wollte mir Ihre Antwort lieber selbst bei Ihnen holen -- oder bei Ihrer Frau!« sagte Warwara Michailowna und ließ sich in einen der weißbezogenen Sessel sinken, »trotz Staub und Sonne bin ich also da. Ich muß wissen, weshalb Sie nicht kommen wollen.«

Sie sah wunderhübsch aus in der gewählten Einfachheit ihrer Frühjahrskleidung, mit ihrem reizenden Mund und mit der Melancholie in den tiefdunkeln Augen, die einen so pikanten Gegensatz zu ihrem munteren Wesen bildete.

»Ich danke Ihnen!« erwiderte Erik und blickte sie an, »aber Sie nehmen mir in der That die Antwort schon von den Lippen: ich wollte wirklich nicht kommen. Mich eine Zeit lang ganz auf dem Lande vergraben. -- Dort können wir ja, wenn Sie erst hinausgezogen sind, so poetisch Fangball spielen und Croquet. -- Ich bin diesen Winter gar zu stark ins Gesellschaftstreiben geraten.«

»Und was schadet das? Fragen Sie nur Klare-Bel, ob sie Sie nicht auch im Gesellschaftsrock am liebsten sieht? Der Salon ist Ihr natürliches +milieu+. Sie sind nun einmal kein solcher deutscher Bär und Philister, wie sie mitunter mit goldenen Brillen und blonden Vollbärten zu uns kommen! Erst seit einigen Generationen hat sich Ihre Familie dort niedergelassen -- an der friesischen Grenze irgendwo, -- französische Emigranten, -- weiß ich's nicht gut?«

»So weit wollen Sie den Beweis herholen, daß ich in Gesellschaft gehen soll?«

Sie lachte und stieß belustigt den Elfenbeingriff ihres Sonnenschirms gegen die Tischplatte.

»Sie sind ein Spötter. Ich wollte nur sagen: bilden Sie sich nicht ein, daß Sie zum Schulmeister geboren sind. Trotz der blauen Uniform da, die Sie noch anbehalten haben, -- die Ihnen übrigens gut steht, weil es ein Frack ist. Sie sind zum Weltmann geboren. Wenn Sie uns -- +mondains+ -- meiden, thun Sie sich selbst weh. -- -- Ich weiß es. Lachen Sie nicht.«

»Ich lache ja nicht. Sie sind sehr scharfsichtig, Warwara Michailowna. -- Vielleicht zu sehr.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie würden unsrer verwöhnten Gesellschaft nicht so gut gefallen, wenn Sie nicht selbst ein wenig von ihr berauscht würden. Habe ich nicht recht?«

»Nun, nehmen wir also an, ich will nicht berauscht werden,« sagte Erik und kreuzte die Arme; »daß gerade Sie als Versucherin kommen, ist freilich schlimm für mich. Ein Glück, daß die Saison zu Ende geht.«

Sie machte einen schmollenden Mund.

»Ich weiß schon. Mich halten Sie für die Inkarnation weltlicher Oberflächlichkeit.«

Er widersprach nicht.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie beide, und zwischen ihnen lag, unmöglich zu überhören, Warwaras stumme Frage: »Bin ich es, die dich berauscht?«

»Sie sind ein Egoist,« sagte sie dann aufblickend, »sonst hätten Sie bemerken müssen, daß Sie sich irren. Wissen Sie nicht, weshalb ich Sie so gern da habe, mitten unter den Menschen? Weil ich gerade ebensogut fühle wie Sie, daß dieses Treiben im Grunde eitel und hohl ist, -- inhaltsleer, -- und es mich dennoch berauscht -- wie Sie. Ihre Anwesenheit war also die eines Leidensgenossen für mich. Hand aufs Herz! sind wir nicht so etwas wie Leidensgenossen? Wir haben eine gemeinsame Versuchung.«

Er blickte sie fest an. Sie sprach rasch, ein wenig erregt, mit dem weichen, klingenden Tonfall, den er an den Slaven so einschmeichelnd fand. Ihr selbst war es in diesem Augenblick nicht ganz klar, ob sie mit ihm kokettierte, oder ob sie nicht vielleicht ehrlicher mit ihm sprach, als je mit sich allein. Es schien ihr wirklich manchmal -- und besonders in den seltenen Stunden des Alleinseins, -- als triebe ein verwandter Zug sie zu einander. Und dann war ihr Erik interessant: als Mensch. So, wie unter lauter Satten ein Hungriger interessant ist. Unter den Gesellschaftsmenschen ihrer Umgebung kam er ihr vor wie einer, der ungeduldig auf Beute ausgeht, und, weil er die ihm gemäße dort nicht findet, seinen Hunger mit Naschwerk zu betäuben sucht.

»Also: Kameradschaft in einer gemeinsamen Versuchung!« sagte Erik wegblickend -- »vielleicht ein Wettkampf, wer ihr besser erliegt?«

Sie erhob sich, um zu gehen.

»Sie haben vielleicht recht zu spotten, und es würde nur sentimental klingen, wenn ich antworten wollte: nein! mehr als das, -- eine gemeinsame Sehnsucht,« entgegnete sie, dicht neben ihm, der ebenfalls aufgestanden war, »Sie haben tausendmal recht. Wir haben ja nie ein ernstes Wort miteinander gesprochen. Und ein Mann braucht keinen Bundesgenossen. Er kann's allein.«

Sie sprach ganz ernst, es klang beinahe echt, und was sie sprach, stimmte so eigentümlich zu der Schwermut der dunkeln Augen. Eine Minute, -- eine verschwindende Minute lang, fühlte Erik, wie seine Phantasie ihm etwas vorgaukelte. Eine Sehnsucht brach heiß in ihm auf, über die der Verstand lachte, -- und ein wilder, herrischer Wunsch, den lachenden Verstand unter die Füße zu treten und einen schönen Selbstbetrug wahr zu machen.

Ohne genau zu wissen, was er that, hatte er die Hand ausgestreut; es war eine fast befehlende Bewegung, wie ein: »Bleib!« Er sah nichts mehr deutlich, er empfand nur die Nähe dieser schmiegsamen Gestalt, dieser Augen, von denen Sehnsucht ausging.

Und plötzlich küßte er sie mit geschlossenen Augen auf den Hals und die Wange. Nicht tändelnd, versuchend. Rasch, heftig, fast gewaltthätig.

Er murmelte halb unverständlich: »Mach es wahr! mach es wahr! laß mich nicht aufwachen! Suchtest du mich?«

Bei seinen bewußtlosen Küssen überfiel Warwara ein plötzlicher Schreck. Sie war selbst berauscht gewesen, einen Augenblick lang, aber die Wucht, mit welcher er darauf einging, ernüchterte sie ebenso rasch. Durch die momentane Erregung seiner Sinne hindurch spürte sie etwas von dem tiefinnersten Hunger und der Sehnsucht in ihm, an die sie unvorsichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreistigkeit die erstaunt oder verletzt, empfand sie seinen Kuß, sondern wie eine lähmende Gefahr für Leib und Seele, die zu verschlingen droht, was ihr zu nahe gekommen ist.

Mit einer heftigen Bewegung hatte sie sich freigemacht.

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich sollte er ihr wie ein Kind vorkommen, das so erfüllt ist von Lebensverlangen und ungeduldiger Erwartung, daß es nicht mehr zu spielen vermag. Es zerbricht gewaltsam das dargebotene Spielzeug, um zu sehen, was dahinter ist, und bleibt mit enttäuschtem Gesicht stehen.

Das wollte sie nicht. Lieber noch gespielt haben, als zu ernst genommen werden, -- so ernst, daß ihr Inneres bloßgelegt und an unmöglichen Illusionen gemessen würde. Sie fürchtete sich vor dem enttäuschten Gesicht.

Erik mißverstand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber sie weckte auch ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick vergessen, daß sie spielte. -- Seine Erregung verflog sofort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und um den Mund zurück. Spott über sich selbst.

Die Luft im Zimmer war zum Ersticken schwül. Fast ungehindert schien die Sonne durch die dünnen, weißen Fenstervorhänge, und mißtönend klang von der Straße der Lärm der Droschken und Pferdebahnen herauf.

Warwara war langsam in den Vorflur gegangen, und Erik geleitete sie an die Hausthür. Sie wechselten kein Wort miteinander.

Erst an der Thür wandte sie sich um zu ihm und maß ihn mit einem sonderbaren Blick, den er nicht verstand. Bedauern lag darin, aber auch Ablehnung, eine kleine Ueberlegenheit über ihn, den Mann, und dann noch etwas, wie ein ganz leises Eingeständnis: »Ich möchte wohl die sein, die du brauchst, und die dich sättigen könnte, du Wilder. Aber ich bin's nicht.«

»Ich nehme an: Sie kommen nicht,« bemerkte sie dabei zerstreut.

»Mit Ihrer Erlaubnis: nein!« entgegnete er, und sann dem Blick nach.

Die Thür fiel ins Schloß. --

* * * * *

Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur festgesetzten Mittagsstunde, im Speisesaal erschienen, der, hoch und groß, mit dunkeln Mahagonimöbeln ausgestattet, in der Mitte einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte ihren äußern Menschen so glatt gebürstet und gestriegelt, wie der Onkel, die Tante und die Cousine sich zu tragen pflegten, und saß schweigsam auf ihrem Platz am Tisch, den ein Diener in weißbaumwollenen Handschuhen geräuschlos bediente. Während des Essens, das die Beteiligten in ausgiebigster Weise beschäftigte, blieb die Unterhaltung recht einsilbig. Der Onkel liebte keine langen Tischgespräche, und seine Frau hatte genug damit zu thun, ihn mit den richtigen Stücken zu versorgen.

Erst als die Mundspüler von grünem Glas, die kein Mensch benutzte, vor jeden einzelnen niedergesetzt waren, und vor der Tante die silberne Kaffeemaschine stand, auf der sie den Kaffee immer eigenhändig bereitete, wurde es ein wenig lebhafter bei Tisch. Darauf schien Ruth nur gewartet zu haben. Sie erhob sich leise von ihrem Sitz und wollte verschwinden.

»Gehst du schon auf dein Zimmer, mein Kind?« fragte die Tante, »dann sieh dich mal darin um. So unordentlich, so wenig zierlich sollte es bei keinem jungen Mädchen im Zimmer aussehen.«

Ruth machte eine Armesündermiene. »Ich will wunderschön aufräumen,« sagte sie eilig; »darf ich dann bis zum Thee noch einmal fortgehn?«

»Bis zum Thee? Ist es denn etwas so Dringendes?«

»Es ist etwas Dringendes,« sagte Ruth. Der Onkel sah auf.

»Zu wem willst du denn gehn? Es ist wohl jemand aus der Schule?«

»Ja,« erklärte Ruth und rieb ungeduldig den Thürgriff, den sie schon in der Hand hielt.

»Sage dem Diener, daß er dich begleitet und dort auf dich wartet.«

Der Onkel blickte ihr nach, wie sie leise die Thür hinter sich schloß.

»Ein merkwürdig bequemes Ding ist sie doch,« meinte er dann, seine Cigarette anzündend, »ich kenne niemand, der weniger verlangt und sich weniger bemerkbar macht als sie.«

»Weil man ihr alles gewährt,« ergänzte die Tante mit ihrer etwas hohen Stimme, die den baltischen Accent noch unangenehmer hervortreten ließ. Sie war eine Baronesse aus Livland.

»Alles? nun weißt du, ein andres Kind würde nicht so zurückhaltend sein. Sie weiß zum Beispiel: dies ist die Stunde des intimsten, ungestörtesten Beisammenseins, -- und immer geht sie fort. Aber mit knapp sechzehn Jahren handelt man doch nicht aus Takt.«

»Nein, das thut sie auch nicht. Du idealisierst Ruth immer. Sie liebt uns einfach nicht genug, um sich enger an uns zu schließen. Manchmal denke ich: sie ist vielleicht herzlos.«

»Aber Mathilde! wie kannst du dem kleinen Ding etwas so Böses nachsagen! Lies mal den letzten Brief aus Belgien, wie sie sie da in der Pension loben und zurückverlangen.«

»Ja, das kennt man, mein Lieber. Sie war ein einträglicher Pensionär. Und dann sind sie dort katholisch. Wie kann man ihnen trauen? Ich bin es gerade, die deswegen für Ruths Uebersiedlung zu uns gewesen ist. Wir sind doch schließlich verantwortlich für sie. Dafür, daß sie in Zucht und Ordnung aufwächst. Was hat man davon, daß ihre Verwandten dort von vlämischem Adel sind? Die Ansichten sind doch die Hauptsache. Und die Leute dort kennt man nach der Richtung gar nicht.«

Der Onkel schwieg mit verdrießlichem Gesicht. Er wußte, daß für seine Frau alle Menschen außerhalb der kleinen baltischen Provinzen »diese Leute« waren, -- während für ihn, gerade umgekehrt, die Welt erst jenseits der russischen Grenze anfing. Ihm kam nicht nur die beschränkte provinzielle Exklusivität seiner Frau lächerlich vor, sondern sogar auch ihr baltisches Heimatsgefühl. Mit seinem französischen Namen und den sowohl deutschen wie slavischen Elementen in seiner Familie fühlte er sich dermaßen als Kosmopolit, daß er nie eine Gemütsbeziehung zu irgend einem Lande und Volke besessen hatte. Er schalt und klagte nur deshalb nicht über Rußland, wie die meisten seinesgleichen, weil er dies für unvornehm hielt.

»Ruth würde jetzt gewiß nicht von hier fortgehen mögen, Mama,« bemerkte die Tochter, »jetzt, wo sie so gut wie erwachsen ist. Nirgends kann man doch so gut in die Welt geführt werden wie hier.«

»Aber mir scheint, das will sie gar nicht,« versetzte der Onkel lächelnd, der seine hübsche Tochter sehr gern in Gesellschaften begleitete, »sie hat ja ohnehin so viel Welt und Menschen gesehn und macht sich nichts daraus. Gott sei Dank also, daß wir mit ihr nicht noch einmal dieselben Umstände haben werden, wie seit einem Jahre mit dir, Liuba.«

»Nun bist du wahrhaftig im stande und setzest dein eigenes Kind für Ruth herab,« sagte seine Frau nervös, die kein Gehör für einen scherzenden Ton besaß, »laß sie doch nur in Gottes Namen nach Belgien reisen!«

»Nein!« entgegnete er ärgerlich, drehte seinen Stuhl vom Tisch ab, ergriff eine Zeitung und vergrub sich hinein. Als eine der unangenehmsten Eigenschaften an seiner Frau war ihm stets ihre unleugbare Vortrefflichkeit erschienen, gegen die es niemals einen Appell gab, aber beinahe noch unangenehmer erschien ihm dieser gänzliche Mangel an Humor.

Die Stunde des »intimsten, ungestörtesten Beisammenseins« war gründlich verdorben. --

Ruth freilich ahnte nicht, daß sie von ihrem leeren Platz am Tisch den unschuldigen Störenfried spielte, ja, sie hatte im Augenblick vielleicht fast vergessen, in welchem Lande der Erde, ob in Belgien oder Rußland oder Deutschland oder sonstwo sie sich befinde. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf ein wenig gesenkt, ging sie rastlos in ihrer Stube auf und ab, und dabei trug ihr Gesicht den Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens, wie vorhin auf der Schulbank während des Unterrichts. Ihre Wangen waren heiß und lebhaft gerötet, und von Zeit zu Zeit schüttelte sie den Kopf, als könne sie mir ihren Gedanken nicht recht ins reine kommen.

Nach einer Weile blieb sie stehen, strich sich das Haar aus der Stirn und entsann sich ihres Versprechens, »wunderschön aufzuräumen«. Damit ging es außerordentlich rasch. Jedes einzelne Ding, das herumlag, wurde in die ihm zunächstgelegene Schublade befördert, und als dies gewissenhaft geschehen war, zeigte es sich, daß im Zimmer verblüffend wenig Gegenstände übrig geblieben waren, die man nach der Vorschrift der Tante »zierlich« hätte ordnen können. Es war ein ganz wohnliches kleines Zimmer, mit hübschen Möbeln, einem rotsamtenen Ecksofa und sogar einer Nippesetagère, auf der ein gläserner Mops stand. Aber es trug nicht das Gepräge seiner Besitzerin, sondern das einer gut eingerichteten Hotelstube. Weder Arbeiten noch Liebhabereien plauderten etwas über das Wesen derjenigen aus, die hier schlief und lernte und träumte. Es hatte den Anschein, als sage Ruth täglich auch zu dieser Umgebung, wie vorhin in der Schule: »Ich gehe doch bald fort.«

Als Ruth fertig war, griff sie hastig nach einem weichen englischen Wollbarett von leichter grauer Strickerei, setzte es wie eine Knabenmütze auf den Kopf und rief den Diener aus der Dienerstube neben der Küche. Dieser saß in seinem geblümten Zitzhemde, die Messer putzend, rittlings auf einer Bank und sang dazu, so daß die Messer im Takte flogen. Es war ein junger Tatar, sehr gewandt und, als Mohammedaner, musterhaft nüchtern. Beten, singen und schlafen waren seine liebsten Beschäftigungen. Wie er Ruth rufen hörte, schlüpfte er eilig in seine dunkle Livree und öffnete ihr die Hausthür.

Sie ließ sich von ihm bis zum finnländischen Bahnhof begleiten; dort entließ sie ihn.

»Jetzt kannst du zu deinen Bekannten gehn, Basil,« sagte sie zu ihm, als er mit gezogenem Hut an der Waggonthür stand, »aber um neun Uhr mußt du mich hier wieder erwarten.«

Er nickte verständnisvoll mit dem kurzgeschorenen Kopf, der oben eine kreisrunde, glatt ausrasierte Stelle zeigte, sah aber dabei seine kleine Herrin etwas besorgt an. Er wollte gern zu »seinen Bekannten« gehn, aber unerhört kam es ihm vor, sie so schutzlos in die weite Welt hinauffahren zu lassen, namentlich gegen Abend, wo es so viele Betrunkene auf den Straßen gab.

»Dürfte ich nicht um die Erlaubnis bitten, mitzufahren?« fragte er und kämpfte mit dem heroischen Entschluß, freiwillig aus sein Vergnügen zu verzichten.

Ruth lachte über sein pfiffiges Tatarengesicht, das eben jetzt fast treuherzig aussah, und schüttelte den Kopf.

»Wo ich jetzt hingehe, darf niemand mitgehen!« sagte sie feierlich.

Während der Fahrt blickte sie ungeduldig hinaus, wie eine, die froh ist, alles hinter sich zu lassen; die kurze Strecke kam ihr lang vor, als führe sie wirklich weit -- weit, in eine ganz andre Welt. Aber als sie dann am kleinen Stationsgebäude ausstieg und sich nach dem richtigen Wege durchfragen mußte, da wurde ihr bänglich zu Mut. Was ihr vorgeschwebt hatte, -- zwingend, unwiderstehlich, -- war ein ganz bestimmtes Traumbild, und solange nur ihre Phantasie daran herummalte, schien alles sich ihr von selbst zu verwirklichen. Das Wirklichkeitsbild aber, das ihr jetzt fremd entgegentrat und in den Traum eingriff, verschüchterte sie; es wäre eigentlich schöner gewesen, wenn alles sich auch noch weiter so von innen heraus geformt hätte, wie man es sich eben träumen läßt.

Die bange Empfindung nahm nicht ab, sondern zu, wie sie endlich dem Hause nahe kam, das sie suchte. Es war ihr, als erwache sie plötzlich und befinde sich todesallein in wildfremder Gegend. Eine förmliche Angst überfiel sie vor lauter Schüchternheit und wie gelähmt blieb sie am Gartengitter stehen.

Da lag das Haus vor ihr; eine Magd fegte auf dem breiten Kiesweg vorn die Strohhalme zusammen, die bis auf die Straße verstreut waren, und daneben stand ein Knabe, den Hut im Nacken, und sah zu. Der mußte sie sicher gleich bemerken. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt.

»Die Augen zumachen -- fortlaufen!« dachte sie sehnsüchtig. Aber das durfte sie nicht. Ihren eigenen Willen durfte sie ganz gewiß nicht hinterdrein im Stich lassen.

Da sang eine Nachtigall im Fliedergebüsch am Zaun.

Und leise -- leise, mit werbendem Klang, lockte aus der Tiefe des Gartens die zweite.

Ruths Augen schweiften am Hause vorbei über den Garten und blieben entzückt darauf haften.

»Der Frühling!« sagte sie jauchzend, ganz laut.

Sie hatte ihn noch gar nicht gesehen in diesem Jahr. Nun erst ward sie sich dessen bewußt, daß sie doch soeben, auf dem Wege vom Bahnhof, unter grünenden Birken gegangen war, und daß im Grase am Wegrand weiße Anemonen standen. Jetzt kam es ihr vor, als sei das nur so ein wenig Frühling gewesen, der von den Menschen, die aus diesem Garten traten, unterwegs verstreut wurde. Aber hier war der Frühling zu Haus, von hier mußte er kommen; und nun stand sie dicht am Gitter, hinter welchem er blühte. In dem rotgoldenen Duft, den die Sonne darum wob, schaute er mit der eben aufbrechenden Obstblüte und dem zarten Laub der Bäume wie ein Märchen hinter dem alten Hause hervor. Da einzutreten, das war fast, als ob man aus einem Traum gar nicht herauskam.

Jonas hatte sich neugierig der Gartenpforte genähert, an der jemand stand, von dem er nicht recht wußte, ob es ein Mädchen sei.

»Ich möchte hier herein!« sagte Ruth bittend. --

Erik und Klare-Bel saßen an dem noch nicht abgedeckten Mittagstisch im Wohnzimmer an der Terrasse, und wie immer erzählte Erik seiner Frau lebhaft und mitteilsam von den kleinen Begebenheiten des Tages. Voll Humor schilderte er ihr die Mädchenschule und Ruth. Warwaras Besuch in der Stadtwohnung erwähnte er nur flüchtig.

Da kam Jonas atemlos ins Zimmer gestürzt. »Papa! da ist jemand, der dich sprechen will. Ruth heißt sie. Ich habe sie in dein Arbeitszimmer geführt.«

»Aber Jonas!« rief seine Mutter, »wie konntest du das nur thun! Da drin muß es ja noch schauderhaft aussehen! Bringe sie doch herüber, Erik! bitte, bringe sie lieber herüber! Wenn Gonne nur abräumen möchte!«

Erik hörte es nicht mehr. Er war schon fort.

Als er raschen Schrittes über den Flur in sein Zimmer trat, stand Ruth mitten in demselben, etwas vornübergeneigt und die Hände fest gegen die Brust gedrückt. Der erste Eindruck, den er empfing, war wieder der des Scheuen, Vereinsamten, wie in dem Augenblick, wo sie so still gesagt hatte: »Mir hilft niemand!« Wie er sie so dastehen sah und sie ihm mit großen, bangen Augen entgegenblickte, erinnerte sie in keinem Zuge mehr an den ausgelassenen Jungen im Schulhof.

Erik kam nur undeutlich die Vorstellung davon, daß man im Fall eines unerwarteten Besuches zunächst einen Stuhl anbietet und irgend etwas Freundliches sagt. All dies Gethue kam ihm wie zu einer andern Welt gehörig vor, -- jedes konventionelle Wort vergaß er dieser schüchternen, kindlichen, sichtlich aufs tiefste ergriffenen Gestalt gegenüber. Es war, als stände sie auf einer einsamen Insel, am weiten Meeresstrande, ganz allein vor ihm -- ein Kind aus dem Volke -- und ringsum nichts als ein paar schwebende Möwen über ihren Köpfen.

Ganz unwillkürlich, aus diesem Eindruck heraus, fand er nur das Wort der Freude: »Kommst du zu mir?«

Das »Du« wirkte wie eine Erlösung auf sie. Es schien ihr in dieser Einfachheit ein Zauberwort, das die fremde, herzbeklemmende Wirklichkeit mit einem Schlage verwandelte, -- sie umwandelte zur traumhaften Verwirklichung dessen, was Ruth ersehnt und ersonnen hatte.

Sie machte einen Schritt auf Erik zu, ein heller Ausdruck flog über ihr ganzes Gesicht, und die Hände fester gegen die Brust pressend, deren Herzklopfen ihr den Atem benahm, sagte sie kindlich: »Danke!«

Er hatte sich auf einen der umherstehenden Stühle gesetzt und faßte ihre Hände in den seinen zusammen. Die Hände zitterten, und es fiel ihm auf, wie blaß und schmächtig sie aussah, wenn nicht der Ausdruck übermütiger Lebenslust, den er an ihr gesehen, darüber wegtäuschte.

»Fürchtest du dich?« fragte er, und sein Blick ruhte aus dem schmalen Gesichtchen.

Sie nickte ganz leise mit dem Kopfe, und noch immer zitterte sie, wie ein Vogel, auf den eine fremde Hand sich legt.

»Du fürchtest dich doch nicht vor mir, zu dem du kamst? Sage mir, weshalb du kamst.«