Part 10
Klare-Bel lächelte in der Einsamkeit der hellen Nacht, und inbrünstig streckte ihre Sehnsucht sich ihm entgegen. --
Wie sie es vorausgesehen, befand sich Erik erst Stunden später auf dem Heimweg. Er hatte mit vielen andern dem Freunde das Geleit bis zum Moskauer Bahnhof gegeben, und dann blieb man noch eine Weile zusammen, -- ein ganzer Haufen von Menschen, von Fremden und Bekannten, mit denen der Abend in angeregter Geselligkeit verbracht wurde. Erik ließ sich nicht mehr die Zeit, zu Hause vorzufahren, um sich umzukleiden; er erreichte eben noch den letzten Nachtzug und fuhr aufs Land hinaus.
Der lange Gang von der Station aus that ihm nach den verflossenen Stunden und Eindrücken wohl; die freie Nachtluft erfrischte ihn. Kein Lufthauch bewegte sich; am fast taglichten Himmel stand blaß und glanzlos der Vollmond; einzelne Wolken ballten sich aufeinander, und von Zeit zu Zeit sprühte ein feiner Regen nieder.
Als er am Hause ankam, das unter den regungslosen Bäumen in der Nachthelle dalag, wich langsam die noch erregte Stimmung einem Gefühl ruhiger Freude, wieder daheim und bei den Seinen zu sein. Bei ~den~ Seinen! Auch Ruth gehörte jetzt dazu. Gehörte ihm zu.
Er stieg leise die Stufen zur Terrasse hinauf und warf einen Blick auf die Giebelstube, wo sie jetzt schlief und träumte. Da, als er fast geräuschlos die Hausthür aufgeschlossen hatte, knarrte die schmale Holztreppe, die vom Flur nach oben führte, unter einem leichten Fuß. Völlig angekleidet, nur das Haar ein wenig wirr um den Kopf, erschien Ruth auf dem untersten Treppenabsatz.
»Aber, Ruth, was fällt dir ein? Wie konntest du aufbleiben? Schnell ins Bett!« sagte er.
Er schalt, doch klang es sehr herzlich. Empfand er doch ihr liebes Gesicht wie einen Willkommgruß.
»War es schön?« fragte sie entgegen und blickte ihn mit großen überwachen Augen an, »sollte ich denn dabei schlafen? Nein, das konnte ich nicht! denn ich war auch da, -- immer mit da. War es schön?«
Er faßte nach der sich ihm entgegenstreckenden Hand und hielt sie fest. Alle Eindrücke des Tages, alle Erinnerungen, die von ihnen aufgewühlt worden, verflogen; er hatte den ganzen Menschenstrom hinter sich gelassen und war nur noch ganz allein mit ihr.
Was bedeutete ihm alle Anregung, ja, was aller so ersehnte Beifall oder Erfolg, nach dem er im Leben gegeizt und gerungen, gegenüber dem zarten Lob, wie es aus Ruths kindlicher, gläubiger Hingebung an ihn redete? Wie schal und brutal erschien ihm daneben alles, was von einer Menge ausging und sich laut äußerte. Nur wessen Sinne zu stumpf geworden für so feinen Duft, der mochte nach schärfern Würzen suchen.
Dieser Gedanke flog Erik durch den Kopf und darüber vergaß er zu antworten.
Er sah gut aus im Gesellschaftsanzug, den weiten Mantel lose umgeworfen, regenbesprüht, und darüber das belebte Gesicht. Wie sie so einander gegenüberstanden in der schweigenden Nacht, während die ganze Welt um sie her im Schlummer lag, erschienen sie beide wie gesättigt mit Leben; und etwas Verwandtes schien aus beider Ausdruck zu sprechen, -- verwandt über Alter und Geschlecht hinaus, -- ein Lebenverlangendes, Lebenforderndes. Es war dasselbe, was Erik so verwandt berührt und ergriffen hatte, als er Ruth zuerst im Schulhof sah, mit dem Uebermut in den Augen und den erhobenen Armen.
Sie standen und schwiegen, und um sie her träumte die magische Helle, in der Abend und Morgen unmerklich ineinanderschmolzen.
»Hätte ich nicht fortgehen sollen, Ruth?« fragte er unwillkürlich und blickte sie mit einem Lächeln an.
»Doch! aber mich mitnehmen!« entgegnete sie, und im Klang ihrer Stimme verriet sich die ganze Sehnsucht und Selbstentrückung, in der sie den Tag über umhergegangen war. Erik verstand sie nicht ganz, er nahm die nachträgliche Bitte kindischer und tatsächlicher, als Ruth sie meinte, aber Blick, Ton und Haltung drückten es so kindlich aus, daß sie sich in seiner Abwesenheit wie verloren gefühlt hatte, daß eine tiefe Rührung über ihn kam.
Ihm schien, Ruth sah wie verzaubert aus, -- anders, lieblicher als sonst.
Im Hause blieb es ganz still, und beide sprachen mit gesenkter Stimme. Nur durch die offen gebliebene Hausthür zog es ganz leise wie ein geheimnisvolles Raunen und Rauschen, -- ein Flüstern, das draußen durch das niedrige Gebüsch ging, -- die erste Ankündigung des neuen Tages.
»Es ist Zeit!« sagte Erik aufschreckend, »lege dich schlafen. Gute Nacht! Guten Morgen. Liebling!«
Und mit einer raschen Bewegung zog er sie an sich, -- fest, so daß sie an seiner Brust lag, und küßte sie auf den Mund.
Als er sie ebenso rasch wieder losließ, hatte Ruth seine Hand ergriffen und drückte ihre warmen Lippen darauf.
Dann flog sie geschwind die schmalen Stufen zu ihrer Giebelstube hinauf.
Erik öffnete die Mittelthür im Flur, die in das Zimmer von Jonas führte. Er mußte hindurchgehen, um sein dahinter gelegenes Schlafzimmer zu erreichen. Dabei wachte Jonas auf.
»Na, Papa, war es schön?« fragte auch der und drehte sich schlaftrunken auf die andre Seite; »hat es denn auch Champagner gegeben?«
Damit schlief er weiter.
Erik stieß ein Fenster auf und blickte in die lichte Ferne hinaus. Ein farbloses, blasses, gleichmäßiges Grau breitete sich in der Stube aus, und der dämmernde Morgen fing an, sie mit herber Kälte zu erfüllen.
Das leise Raunen und Rauschen schlich nicht mehr flüsternd am Boden hin, es hatte sich höher erhoben. Es bewegte die Zweige der wilden Akazien, die dicht vor dem Fenster standen, und dann schwoll es machtvoll an, bis es in majestätischem Brausen die alten Wipfel durchklang, die vorhin lautlos gegen den hellen Nachthimmel starrten.
Wie ein Morgenchoral klang es, und -- ganz leise, -- versuchend, wie im Halbschlafe noch, fiel hie und da ein kleiner froher Vogellaut ein. Und bald darauf, gleich einem Aufjauchzen, ein lang gezogener unermüdlicher Buchfinkentriller.
Erik hatte sich zur Ruhe gelegt, aber mit wachen, lauschenden Sinnen nahm er das Nahen des Tages auf, und es kam ihm vor wie eine geeignete Begleitung zu seinen Gedanken, die noch an Ruth hingen. Denn auch über ihnen lag eine zarte und halbverhüllte Stimmung, eine Morgentraumstimmung, so schien ihm.
Noch nie hatte ihn die Empfindung so gepackt wie heute, daß sie ja unwiderruflich zu einander gehörten, daß sie im Grunde gleichgeartet, gleichen Wesens seien. Und nun erst meinte er ihre Bitte zu verstehen: »Mich mitnehmen!« Was er war, das wollte auch sie sein, denn nur in ihm erfaßte und ahnte sie sich selbst. Der gleiche Lebensdrang schlummerte stark und freudig in ihnen beiden. Nur daß in ihr aus unbewußtem, unberührtem Naturgrunde hervorbrach, was in ihm bewußter Entschluß, Verstand und Wille gewesen. Und daß in ihr mit reiner Flamme brannte, was in ihm die Berührung mit dem Leben mit Schlacken und Asche vermengt hatte.
Und über diesen unklaren Gedanken fing Erik an zu schwärmen.
Der erste Jubel der Vögel draußen legte sich, und der Morgenwind schwieg still. Wieder ragten die alten Bäume regungslos gegen den Himmel, durch dessen Blau zerrissene weiße Wolken schwammen. In einem breiten Goldstrom flutete das Sonnenlicht durch das Gemach.
Hinter Eriks geschlossenen Augenlidern malte es lächelnd rosige Farben. Im Sonnenschein war er eingeschlafen.
Er erwachte viel später als sonst und besann sich nicht gleich, weder auf den gestrigen Tag, noch auf die Nachtstunde. Irgend ein Traum, ein wunderbarer, von dessen Vorgängen er aber nichts mehr wußte, hielt ihn noch fest in Bann. Und offenbar aus diesem Traum heraus kam ihm zwingend die seltsame Frage: »Ist sie schön? Ich weiß es nicht; ich glaube eher: nein. Aber sie sieht aus wie -- Ruth. Es ist ja Ruth.«
Und ihm schien, es könne nur ~eine~ solche geben.
Er fühlte eine Mischung von Glück und schmerzlicher Beklommenheit.
Und blitzähnlich wurde er vollständig wach.
Wie ein Schicksal, groß und schwer, stand vor ihm die Erkenntnis seiner Liebe.
Noch nie hatte er über sein Gefühl für Ruth nachgedacht. Vielleicht, weil es überhaupt wenig seiner Natur entsprach, über sich nachzudenken. Vielleicht aber auch, weil dieses Gefühl einem leidenschaftlichen Interesse am Menschen, nicht am Weibe, entsprungen war.
Plötzlich war das alles anders geworden. --
Auf der Terrasse saßen sie schon lange und warteten am Frühstückstisch auf Erik, als er endlich zu ihnen heraustrat. Klare-Bel bemerkte augenblicklich etwas Verändertes, Verschlossenes in seinem Gesicht, und sie bewies es, indem sie keine Frage an ihn richtete und von Gleichgültigem zu reden begann.
Erik jedoch erzählte unaufgefordert manches vom Zusammensein mit dem Freunde. Die Frau war wirklich auch dabei gewesen; sie war eine Deutschrussin und besaß Verwandte bei Moskau.
Sie hatte Erik außerordentlich gut gefallen. Heiter, gütig, praktisch, -- ein kluger und reifer Mensch, sagte er von ihr.
Klare-Bel hörte nur mit halbem Ohre zu. Sie fühlte sich sonderbar beunruhigt und fand im stillen, daß Erik nach der gestrigen Zerstreuung reichlich überwacht und angegriffen aussähe.
Um so frischer und heller sah Ruth aus. »Wie angesteckt von der Morgensonne,« dachte Erik, während sein Seitenblick sie streifte. Dabei konnte er ihr ansehen, wie sie nur mit Mühe einen Witz darüber unterdrückte, daß er verschlafen habe. Sie hatte nicht verschlafen. Sie hatte den ganzen Frühmorgen im Garten umhergetollt.
Mit der gemeinsamen Arbeit wurde es heute nun nichts. Hastiger als sonst stand Erik auf, um zu gehen. Die Zeit drängte, und Jonas war schon fort.
Erik konnte es kaum erwarten, daß das Haus weit hinter ihm lag, und er wieder mit sich selbst allein blieb. Aber dennoch war ihm weder zum Träumen noch zum Grübeln zu Mute. Nur nach ~einem~ verlangte es ihn dringend und ungeduldig, als hinge das Leben davon ab: voll und klar ins Auge zu fassen, was seit wenigen Stunden wie sein Schicksal vor ihm stand. Nur nach ~einem~ verlangte ihn: davor stillzustehen und den Blick darauf ruhen zu lassen, fest und forschend, wie auf einem fremden Antlitz.
Darüber entschwand alles andre, was ihn hätte beschäftigen und beunruhigen können, völlig aus seinem Gesichtsfeld. An allem, was bisher sein Schicksal ausgemacht und zwingend sein Leben bestimmt hatte, an allen innern und äußern Verhältnissen, in denen er lebte, sah er vorbei, -- ganz gerade, ganz unverwandt auf den ~einen~ Punkt, ohne nach rechts oder links zu schauen. Für etwas andres blieb kein Blick, kein Raum, es blieb nur eine dunkle, trotzige Nebenempfindung: über ~Hindernisse~, und wären es Menschen, geht's hinweg. --
Ehe Erik sich mit Klare-Bel verlobte, hatte sie ihm einmal eine Photographie geschenkt, auf der sie sich im Kreise ihrer ganzen Familie befand. Er steckte das Bild in einen Rahmen und legte zwischen Rahmen und Glas ein Blatt Papier, in das er eine nur Bels Gestalt entsprechende Oeffnung ausgeschnitten hatte: so war er mit ihr allein. Ihre Sippe deckte er zu, weil sie ihm nicht gefiel.
Erik war es sich nur halb bewußt, daß er es jetzt ebenso machte: mit feiner eigenen Familie, mit den Menschen und Pflichten seiner täglichen Umgebung, ja, mit der gesamten Welt, die er in seinen Gedanken weglöschte, bis nichts übrig blieb als eine unermeßliche leere Weite, eine Welteinsamkeit, in der nur Ruths Bild vor ihm stand.
Sie und er, allein miteinander, und Auge in Auge.
Aber je länger er auf sie hinschaute, desto stiller wurde sein Blick. Was alle Hindernisse und Schranken in ihm wie außer ihm nicht an sein Bewußtsein heranbringen konnten, das ging von dem fröhlichen Kinderbilde selbst aus. Alles harte und leidenschaftliche Fordern in ihm wurde still.
Was liebte er denn an ihr, wenn nicht eben dieses Kindhafte, in dem noch, geheimnisvoll und verheißungsvoll, die ganze Fülle der Möglichkeiten ruhte, -- dieses Keimende, Werdende, Zukünftige, das noch auf lange hinaus der schützenden Hülle bedurfte, -- den zarten, kostbaren Stoff, nach dem seine Hand sich nur herrisch ausgestreckt, weil sie allein ihm die edelste Form geben wollte?
Ihm fiel das Gleichnis vom Gärtner und seinem Bäumchen ein, das er Ruth einmal erzählt hatte. Es enthielt eine Wahrheit, es enthielt seine Liebe. Unsäglich liebte er in ihr seine Gärtnerkunst und seine Gärtnerhoffnungen.
Je länger Erik sich aber so in das ihm vorschwebende Bild vertiefte, um so weniger klärte sich ihm sein eigenes Gefühl. Er sprach zu sich selbst nur noch mit geringer Ehrlichkeit. Unwiderstehlich erhob sich aus dem leidenschaftlichen Begehren der Hang zu idealisieren. Allmählich büßten in seiner Phantasie er wie Ruth viel von ihrer Wirklichkeitsfarbe ein, und immer höher ging der Schwung der Gedanken.
Während Erik glaubte, es sei der Erzieher und Menschengestalter in ihm, der in reiner Hingebung an einem Frauenbildnis meißele und dichte, damit es einst Wirklichkeit werde, schwelgte und berauschte sich der Liebende an Ruths unähnlichem Idealporträt. --
Ruth hatte inzwischen den Vormittag in einer Weise verbracht, die diesen hochfliegenden Vorstellungen nur wenig entsprach.
Anfangs überlegte sie ein Weilchen, ob sie die Absicht hege, ganz für sich allein fleißig zu sein. Nein, die hegte sie entschieden nicht. Am besten hätte es ihr gepaßt, jetzt Jonas da zu haben, aber der saß in der Schule und lernte, der Aermste. So entschloß sie sich denn, zu Gonne in die Küche hinunterzugehen. Denn lieber noch wollte sie mit den Händen thätig sein als mit den Gedanken, meinte sie, und irgendwie lebhaft sich bethätigen mußte sie durchaus. War ihr doch froh, so vogelfroh, so gar nicht zum Stillsitzen und zum »Nachdenken«. Und dann war es auch ganz unterhaltend, mit Gonnes Eimern am Brunnen zu plantschen.
Gonne litt es glücklicherweise gut, wenn Ruth ihr so unerbeten mitten in die Arbeit sprang. Da sie nichts von der hierzulande üblichen Devotion besaß, so betrachtete sie es als eine Auszeichnung für Ruth, daß sie sich deren Hilfe gefallen ließ. Und Ruth nahm es auch nicht anders, und zum entsprechenden Dank sang sie ihr mit ihrer weichen ungeschulten Stimme russische Volkslieder zur Arbeit, und Gonne hörte tiefernst zu.
Erik fand bei seiner Heimkehr Ruth mit aufgeschürztem Rock und zurückgestreiften Aermeln singend und seelenvergnügt am Brunnen. Bei diesem unerwarteten Anblick zerflatterte plötzlich das meiste von dem, was er sich zusammengesonnen und zurechtgelegt hatte; die verklärte Gestalt seiner Phantasie, um derentwillen er die wirkliche Ruth am tiefsten zu lieben glaubte, war wie versunken. Eine stürmische Zärtlichkeit erfüllte ihn, ein heißes Verlangen, sie an sich zu ziehen, die schlanken wasserübersprühten Arme unter seiner Hand zu fühlen, die lachenden Lippen zu küssen und das stets verwirrte Haar und den feinen von der Sonne schwach gebräunten Hals.
Im Begriff an der Terrasse vorüber zum Brunnen zu gehen, machte Erik plötzlich Halt, kehrte um und ging in sein Zimmer.
Dort, auf dem Schreibtisch, lagen noch, unordentlich, Ruths Hefte und Bücher umher, die heute morgen umsonst auf ihn gewartet hatten. Erik setzte sich davor nieder und beugte den Kopf auf seine Hände. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, und er drückte die Zähne gegeneinander. -- -- --
Mußte Ruth fort?
Er zwang sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Ihn überschlich eine Ermattung, eine bleischwere Müdigkeit, die alles klare Denken umschleierte.
Halb mechanisch blickte er über die Hefte hin, die aufgeschlagen dalagen; ohne zu lesen, folgte er den einzelnen Buchstaben, als enthielten sie eine erlösende Antwort. Es war eine rasche, in den Grundstrichen harte Schrift, deren Züge alle fest zusammenhingen. Noch keine ausgeschriebenen Rundungen, aber auch kein überflüssiger Schnörkel.
Ihm fiel wie von ungefähr auf: in Ruths Handschrift lag im Grunde eine fremde Ruth. Nichts von ihrer Phantasie, -- ihrem Ueberströmen. Etwas merkwürdig Logisches.
Seine Blicke und Gedanken blieben darauf haften.
Lag nicht vielleicht auch in ihr selbst noch eine ihm fremde Ruth? Die noch nicht erwacht war, die er noch nicht kannte?
Da lachten ihre Augen durch das Fenster. Ruths Kopf erschien zwischen den krausen Ranken und Blättern des wilden Hopfens, der am Fensterkreuz emporkletterte.
»Soll ich arbeiten?« fragte sie.
»Nein. Wir wollen auch Ferien machen. Wenigstens für heute,« sagte er und stand auf, »weißt du, was es für eine Ueberraschung gab, -- in der letzten Stunde vor den Ferien, in der Mädchenschule? Sie erhoben sich alle und trugen feierlich eine Bitte vor. Was es war, ließ sich nicht leicht herausbringen. Sie wußten es selbst nicht genau. Sie wollten dasselbe, was du gewollt hast, sagten sie. Sie wüßten es nur nicht zu bewerkstelligen.«
Von Ruth kam nur ein Gelächter. Er hatte es schon in der Schule um sich zu hören geglaubt. Ganz deutlich empfand er aus dem unerwarteten »Massenerfolg« den übermütigen Einfluß einer einzelnen heraus. Aber gerade dies hatte ihn heute aus seiner zerstreuten Gleichgültigkeit gerissen, ihn mit Wärme und Freude erfüllt. Aus dem Bilde der ganzen Klasse, aus der Gesamtphysiognomie all dieser braunen und blonden Mädchenköpfe, schaute ihm, wie aus einem Vexierspiegel, Ruths Gesicht entgegen: mit einem Schalkslächeln um den Mund, aber auch mit unbegrenzter Hingebung in den Augen. Ganz so, wie sie jetzt eben zwischen den Hopfenranken dastand.
»Aber nun wird Ernst damit gemacht,« bemerkte er und lehnte sich ans Fenster; »im Herbst, wenn alle wieder zusammenkommen. Vielleicht in Form von allgemeinen Kursen bei mir zu Hause. Vielleicht bei Beteiligung Erwachsener. Ich weiß noch nicht, wie.«
Sie sah ihn voll Interesse an.
»Das ist gut!« sagte sie eifrig und nickte, »je mehr, desto besser. Aber alle werden nicht kommen dürfen, und manche werden bald wieder fortbleiben. Daß die Braut da ist, nimmt vielen die Lust zu so etwas fort.«
»Die Braut?«
»Ja. Denn da denken sie nun, so schön könnten sie es jetzt bald alle kriegen. Und dann hat ja all das andre keinen rechten Zweck mehr, meinen sie. Denn sie finden: Braut sein, das sei doch das Allerhöchste. Darüber haben wir uns vorgestern im Schulhof unterhalten.«
Er blickte auf sie.
»So. Und was hast denn du dazu gemeint? Hast du auch gefunden, daß es das Allerhöchste sei, und daß dann all das andre keinen rechten Zweck mehr hat?«
»Ich? Das kann ich ja gar nicht wissen. Wie soll ich wissen, wie es dann ist? Aber ich brauche es doch auch gar nicht zu wissen. Denn ich kann niemals Braut werden,« sagte Ruth.
Das Wort erschütterte ihn in seiner nervösen Erregung. Er war so betroffen, daß er nicht gleich antworten konnte. Dann entgegnete er: »Wie kommst du auf diesen wunderlichen Gedanken? Wo hast du diesen Einfall her? Du bist ein Kind, das nichts davon voraussehen kann, wie sein zukünftiges Leben sich gestalten mag. Und deine Phantasie soll nicht damit spielen. Du sollst nicht damit spielen!« wiederholte er mit plötzlichem, unmotiviertem Zorn. »Sage mir, wie du darauf gekommen bist.«
»Es ist von selbst gekommen,« sagte sie einfach, »ich habe nicht damit gespielt. Es ist gekommen, weil ich wußte: um Braut zu werden, muß man einen lieb haben. Und das kann ich ja nicht mehr. So lieb kann ich in der ganzen Welt nie mehr jemand haben.«
»~Wie~ lieb, Ruth?«
Seine Stimme klang gedämpft und heiser.
Sie sah ihn an mit ihrem offenen naiven Kinderblick. Nie noch, meinte er, eine solche Unschuld und Treuherzigkeit in einem Menschenblick gesehen zu haben.
»So lieb wie Sie,« sagte Ruth.
Erik machte eine kurze Bewegung und, niederblickend, schob er die Hopfenranken zur Seite, die sich überall festnestelten und anklebten. Die linke Hand, die in der Seitentasche seiner Joppe lag, ballte sich zur Faust.
Ruth betrachtete ihn unverwandt, aber sie verstand nicht den Ausdruck, der über sein Gesicht ging.
Da, wie Erik, fast furchtsam, aufschaute und die fragenden Augen vor sich sah, durchzitterte es ihn. Ihm kam es vor, wie wenn dieser eine Blick und Augenblick über ihn entscheide.
Er beugte sich etwas vor, ergriff Ruths Hände und bedeckte damit seine Augen.
»Weißt du, Mädel,« sagte er halblaut, »wenn du groß bist, -- denn jetzt bist du doch nur erst ein kleines Mädel, -- aber wenn du längst eigene und reife Vorstellungen gewonnen hast über alle diese Dinge, und viele andre noch, -- dann -- ~dann~ sollst du noch einmal zu mir kommen und mir sagen können: daß du mich lieb behalten hast. Und daß du von mir -- ~von mir~ dein Bestes hast. Dein Eigenleben und deine Entwickelung. Deinen Glauben an deinen Selbstwert und den Glauben an den Wert der Menschen. Wer du dann bist, Ruth, das wissen wir beide nicht; wer ich dann bin, das weiß ich ja wohl: ein alter Mann. Aber ein alter Mann, der dafür gelebt hat, daß du, Mädel, ihm bleiben darfst, was du ihm heute bist: sein Stolz, sein Werk, sein Kind und seine höchste Hoffnung.«
Und er ließ ihre Hände los und verließ das Zimmer.
Ruth stand noch draußen am Fenster. Sie hatte die Arme aufgestützt und blickte ihm regungslos mit ernstem Gesichte nach.
An einem der nächsten Tage, um die Mittagsstunde, füllte eine bunte Menschenmenge den großen Mädchenschulsaal. Eltern und Angehörige der Kinder, eine Flut von Neugierigen aus den obern Gesellschaftsschichten und viele, die Erik reden hören wollten, von dem die Mädchen zu Hause so viel erzählten.
Er stand auf der Tribüne im Hintergrunde des Saales und sprach zu ihnen und ihren Kindern; er erwähnte den Vorschlag, den seine Klasse ihm gemacht, die Gemeinsamkeit des Lebens und Arbeitens über die Schule hinaus zu erstrecken, und knüpfte daran seinen Lieblingsgedanken von der Notwendigkeit einer reichern Weiterentwickelung für die Frau, als die Gegenwart sie ihr außerhalb der Schuljahre gewähre. Ueber die Möglichkeit, eine lebensvollere, geisteskräftigere Zukunft heraufzuführen, sprach er ihnen, und über die Zukunft der Frau, die, erst geahnt und nur halbenthüllt, noch vor ihr liege, von der sie aber Besitz ergreifen könne in allem, was ihr Wesen der innern Entfaltung und Vollendung näher bringe.
Und während er sprach, dachte er an Ruth, der er nicht erlaubt hatte, mitzukommen; denn im Grunde war sie es ja, von der er redete, zu der er redete. Sie war es ja, die in ihm die Lust wiedererweckt hatte, zu den Menschen zu reden, und die Menschen für ihn suchte, wie man für einen Armen Brot sucht, damit er seinen Hunger stille. Und was er seinen Menschen gab, entnahm er ihr: denn das Höchste, was er von ihr erhoffte, das Schönste, was er sich in ihr träumte, legte er seinem Zukunftsbild unter, und dann erhob und verklärte er es zu allgemeinen Formen.
Es war, wie wenn er eine überlebensgroße Gestalt vor den gebannten Menschenaugen aufrichtete, in der durch diese Größe die individuellen Züge unerkennbar wurden. Zu groß sicherlich, für das wirkliche Leben, aber von einer Fülle und Wärme der Farben, die unwillkürlich mit fortriß und sich dem weiblichen Teil unter den Zuhörern gewaltig einprägte.
So stand Erik und hielt eine Art von Selbstverteidigung seiner Liebe, und die tiefe Bewegung, die in ihm war, verlieh einem jeden seiner Worte eine eigentümliche Wucht.
Unter der Menge im Zuschauerraum befand sich auch Warwara, wie sie es ihm vorhergesagt. Sie blickte voll Interesse auf ihn. Ihr schien, als sähe sie vor ihren Augen entfesselt und entfaltet, was sie, mit ihrem feinen Instinkt, immer schon dunkel und undeutlich geahnt, wenn sie mit Erik zusammen gewesen: daß er Gewalt über Menschenleben besaß, und daß er in Hunger und Sehnsucht nach ihnen lebte. Es war also das, was sie zu gleicher Zeit so seltsam an ihm anzog und von ihm abstieß, -- das, was sie koketter erscheinen ließ, als sie war. Ihr fiel die Scene in seiner Stadtwohnung ein. Ja, ein Heiliger war Erik wohl sicher nicht. Aber selbst damals hatte sie mit Schrecken empfunden, wie suchend und sehnend und ungeduldig er aus das Innerste ging. Auf das, worin sie ihn enttäuscht hätte. Und das ließ ihre Eitelkeit nicht zu.