Part 11
Als sie damals aus seiner Stadtwohnung nach Hause fuhr, hatte sich ihr fortwährend ein ganz abscheulicher Vergleich aufgedrängt. Sie konnte denselben nicht verscheuchen. Immer sah sie ein Weib vor sich, das falsche Brüste angelegt hat und sich deshalb vor der Berührung des Mannes, den ihre Gestalt fesselt, hüten muß. Hatte ihre Koketterie nicht ganz ähnliche Gründe? Sie fürchtete die geistige und seelische Entblößung. Und die Arbeit an sich selbst.
Es war aber wirklich ein abscheulicher Vergleich. Und zum größten Erstaunen ihrer Nachbarin errötete Warwara mitten im Vortrag.
Nach dem Schluß desselben, im Treppenhause, wo Warwara beiseite trat, um nicht in die hinausdrängende Menge zu geraten, bemerkte Erik sie und kam auf sie zu. Seine Augen leuchteten so. Warwara war blaß.
»Nun?« fragte er lächelnd und ganz in seinem alten, leichten Ton ihr gegenüber, »fand der ›Toast‹ Gnade vor ihren Augen? Vielleicht war es wirklich einer.«
»Wenn es einer war, so könnte ich wohl auf ~die~ eifersüchtig -- nein, aber neidisch sein, deren Wohl Sie da ausgebracht haben,« versetzte sie, ebenfalls in ihrem gewöhnlichen Scherzton, aber ihr Gesicht blieb ernst; »~unser~ Wohl ist's nicht. Ich begreife jetzt, daß Sie anderswohin gehören wollen, als unter uns Gesellschaftsgelichter.«
»Aber, Warwara Michailowna!« sagte er, von ihrem Ausdruck frappiert, »warum nehmen Sie sich nicht aus?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Aus Selbsterkenntnis. Ich hab' Sie heut verloren,« entgegnete sie und gab ihm die Hand, »also adieu, -- nicht nur für heute. Ich verzichte auf Sie. Ich entlasse Sie. -- Aber nun hören Sie: es ist doch der Schulrock, und nicht der Gesellschaftsrock, der Ihnen am besten steht.«
Er sah ihr nach, wie sie langsam die breite Treppe hinunterstieg. Aber als sie seinen Augen entschwunden war, vergaß er auch schon wieder, was ihm, durch den Scherz hindurch, heute an ihrem Wesen so aufgefallen war.
Und sein Blick glitt von ihr fort über die andern hin, die ihr folgten, über jung und alt, und vertiefte sich in die Mienen der einzelnen mit dem Interesse, das der wechselnde Ausdruck in den verschiedenen Menschengesichtern stets in ihm hervorrief.
Ja, nun begannen die Ferien, und die langen, nicht enden wollenden Sonnentage. Da würden seine Gedanken erst recht hierher wandern, in die Schule. Einen andern Wirkungskreis gab es wohl nie mehr für ihn, -- einen breitern. Er wollte auch keinen in diesem Augenblick. Sein Ehrgeiz schwieg still. Zu Kindern reden lernen wollte er, und die Großen zu Kindern machen, bis auch sie empfänglich wurden, gleich denen, die da noch wachsen.
Mit diesen Gedanken verließ Erik das Schulgebäude.
Er war ungeduldig, heimzukommen: er sah eine Bank im Garten, hinten am kleinen Gehölz, unter den überhängenden Birkenzweigen, und Ruth saß darauf, und lauschte, während er ihr von allem erzählte, was »er sich ausgedacht«. Zusammen wollten sie's sich ja ausdenken, hatte er ihr versprochen.
Daheim sein bedeutete jetzt nicht mehr bloß die Stille und das Behagen, aus denen seine unbefriedigte Thatkraft ruhelos und vergeblich in die Weite gestrebt hatte. Daheim umfing ihn gerade seine liebste Arbeit und Aufgabe, -- daheim fiel jetzt Innen und Außen, Ruhen und Wirken, Träumen und Schaffen in ~eins~ zusammen. In Ruth war etwas, das machte sein ganzes Wesen produktiv, erregte und vertiefte alle seine Kräfte, so daß leise von ihnen abglitt, was dem äußern Ehrgeiz angehört.
Als Erik die Gartenpforte öffnete, sah er auf dem Rasen, zwischen den Bäumen, ums Gehölz herum, eine wilde Jagd. Er sah Ruth, Jonas -- und noch einen. Einen mittelgroßen, etwas untersetzten Mann mit kurzem dunkeln Vollbart und Brille. Der jagte sich mit Ruth, und haschte vergeblich nach ihr. Seine Stimme klang scherzend und lachend herüber.
Es war Bernhard Römer.
Nun wurde er Eriks ansichtig und kam heran.
»Auf einen Tag und eine Nacht, wenn's recht ist!« rief er, ein wenig außer Atem, und fuhr sich mit dem Taschentuch über das kurzgeschorene dichte braune Haar; »-- und die Ruth nehme ich gleich mit fort, -- das heißt, wenn ich sie hasche. Dann soll ich sie kriegen, haben wir ausgemacht,« fügte er hinzu, während sie sich die Hände schüttelten, »das ist ja ein reizendes Ding. Sieht aber noch aus wie ein Kind. Vierzehnjährig.«
»Sie ist zart,« sagte Erik und stieg mit ihm die Terrasse hinauf.
»Zart? Muskulatur wie eine stählerne Feder. -- Es ist ungerecht, daß du sie hast. Wir brauchen ein Hauskind. Ihr habt ja den Jungen.«
»Bist du schon so schnell zurückgereist? Und deine Frau?« fragte Erik, ihn unterbrechend, und bot ihm einen Stuhl neben Klare-Bel, die auf der Terrasse lag und lächelnd dem lustigen Treiben zugesehen hatte.
»Ich mußte zurück. Und meine Frau? Ja, die wollte noch nicht zurück. Die Frauen sind heutzutage entsetzlich selbständig. Sei froh, daß Bel dir nicht fortlaufen kann. -- Meine Frau, die reist also herum und besichtigt Suppenanstalten.«
»Suppenanstalten?«
»Na ja. Und besucht auch noch den verrückten Grafen in Jasnaja Poljana. Für so etwas interessiert sie sich nun einmal. Von Rechts wegen sollte ich wohl meine hochwohllöbliche Professur aufgeben und ein russischer Bauer werden, der das Feld pflügt. Aber ein so edler Mann und Ehemann bin ich nun doch nicht.«
»Ich finde: sehr,« bemerkte Klare-Bel staunend, »da Sie Ihrer Frau alles das erlauben.«
»Erlauben?« Bernhard Römer lachte herzlich und setzte sich zu ihr. »Meine liebe gnädige Frau, ich will es Ihnen nur gestehen: ich habe gar nichts zu erlauben. Wissen Sie warum? Ich bewundere nämlich ein wenig meine unartige Frau. Bei uns zu Hause hat sie auch so etwas wie Suppenanstalten eingerichtet. Natürlich nur sehr im kleinen, -- sagen wir lieber: im winzigen. -- Aber nun will ich dir etwas sagen, mein lieber Erik: wir haben einst so im größten, im allergrößten, herrliche Pläne gemacht von Vervollkommnung des Lebens und der Menschen, -- aber meine Frau, die führt sie im kleinwinzigen aus. Nur sie. Das ist die Art, wie sie sich meine Pläne zu Herzen genommen hat, nachdem ich wohlbestallter und -- wohlbeengter Professor geworden bin. Daß sie nur so wenig kann, hält sie von nichts zurück. Das Leben ist Frauenhand und Frauenarbeit -- mutige. Wir sind Stümper dagegen.«
»Deine Frau ist sehr außergewöhnlich,« bemerkte Erik, »ich bin froh, sie kennen gelernt zu haben. Aber entbehrst du sie denn nicht jetzt zu sehr im Hause? Wie lange bleibt sie noch fort?«
»Bis zu den Ferien. Den deutschen Universitätsferien. Entbehren? Ja, -- doch in der Arbeitszeit, da behelfe ich mich schon mit der Wirtschafterin und schlecht bereitetem Kaffee. Denke mir halt dabei: 's ist Arbeitzeit, Wochentag. Aber in den Ferien, -- ~meinen Ferien~, -- da muß ich Sonntag haben. Da muß ich -- muß ich meine Frau um mich haben.«
Klare-Bel sah ihn erfreut an. Sie freute sich über seine herzlichen Worte. Freute sich, ihn wiederzusehen. Kaum konnte sie's glauben, daß er selbst es war: der bartlose Jüngling mit dem braunen Lockenkopf, -- sanfter als Erik, stiller, ein schwärmerischer Utopist mit einem kleinen Stich ins Phlegma und in den deutschen Michel.
Und während Erik ins Haus ging, vertieften sie sich von neuem in die alten Erinnerungen, wie sie es schon heute morgen miteinander gethan. Und beide wurden warm beim Heraufbeschwören der Jugend und empfanden beide mit uneingestandener Wehmut, daß die Jugend Vergangenheit war.
Erik störte sie nicht. Er stand in seinem Zimmer. In erregter Stimmung.
Ruth mit Römer, -- nicht mit ihm: er konnte das Bild nicht loswerden.
Des Freundes Leben daheim stand ihm klar vor Augen. Ein seltenes Heim, -- das seltenste: eine vollglückliche Ehe. Neben dem Mann die gleichaltrige Frau, in der, wie ein Stückchen seiner Jugend, das nicht sterben wollte, die Frische weiterlebte, die ihn vor dem Vertrocknen in Professorenweisheit und zufriedener Sattheit bewahrte. Daher seine ewigfrische Liebe zu ihr, daher für alles, was sie plante, das offene Herz und die offene Hand.
Dort würde Ruth haben, was ihr not that: in körperlicher, geistiger, praktischer Beziehung. Und indem sie ~ihn~ verlor, eine mütterliche Freundin gewinnen, der er sie blind anvertrauen konnte.
Irgend etwas raunte Erik zu: »Gib sie hin. Dort wäre die selbstlosere Liebe. Schütze sie vor dir selbst.«
Seine Augen verfinsterten sich, und um seinen Mund erschien eine harte Linie.
Nun ja, er gestand es sich ein: daß er selbstlos Ruth dienen wollte, das war nur, um sie zu behalten. Er hatte außer ihr nichts zu verlieren, was ihn ganz erfüllte. Er kämpfte um das Schönste und um das Letzte, -- das fühlte er. Und um das Höchste: um sich selbst.
Man sagt oft: erst der Zusammenbruch des ganzen persönlichen Glückes führe manchen zur wahren, menschlichen Größe, lehre ihn erst, wahrhaft thatkräftig den andern zu dienen, auf andre zu wirken.
Gewiß gab es solche milden Menschen in der Welt. Aber galt es von ihm? Konnte er je zu ihnen gehören? Laut schrie es in ihm: Nein! Nein!
Seine Kraft und sein Glücksverlangen wollten sich nicht trennen. Miteinander verwachsen waren sie von der Wurzel an. Glück brauchte er, um Mensch zu bleiben. Viel Glück, um gut zu bleiben. Er mußte es zu sich zwingen in irgend einer Form, -- und um jeden Preis.
Um jeden? Gab es nichts, was ihn veranlassen konnte, einst selbst die Axt an die Wurzel zu legen?
Bels Glück? Nein! Aber Ruths Glück.
Er versuchte, gewaltsam, den Gedanken fortzustoßen. Er setzte sich an den Schreibtisch und versuchte, ein paar Aufzeichnungen auszuführen, die er sich unterwegs für seine Winterpläne entworfen. Er versuchte, sich dabei die Mienen einzelner zu vergegenwärtigen, die er an der Treppe, im Vorbeigehen, studiert, und in denen er den Ausdruck der Freude und der Anregung gelesen hatte.
Aber die Gedanken verschwammen, und die Gesichter verblaßten. Er sah nur noch ein Chaos fremder, gleichgültiger Physiognomien, -- ohne Ausdruck, ohne Freude, ohne Blick.
Unschöne, an denen sein Auge vorüberglitt, -- hübsche, aus denen es teilnahmslos haften blieb.
IV.
Kurz und glühend, wie immer, war der russische Hochsommer vorübergeflogen, und früh, mitten im August, nistete sich leise der Herbst im Garten ein und verlöschte mit seinen langen dunkeln Abenden die Sonne. Der Rasen sah fahl und versengt aus, und längs den Kieswegen sammelten sich die ersten dürren Blätter.
Gerade da, wo Klare-Bel in ihrem Stuhl am Rande des kleinen Gehölzes lag, konnte sie an den Birkenzweigen über sich in einen breiten goldgelben Fleck hineinschauen, der täglich ein wenig zunahm. Und von Zeit zu Zeit sank eines der entfärbten Blätter, drehte sich in der Luft ein paarmal herum und flatterte zu ihr nieder.
Gleich daneben stand ein Tisch, roh aus ungeschälten Baumästen gezimmert, und zwei Bänke mit Rückenlehnen aus einem groben Flechtwerk von Weidenzweigen. Da saßen Erik und Ruth schon den halben Tag und arbeiteten.
Klare-Bel konnte nicht begreifen, wie sie das nur so ununterbrochen aushielten; manchmal schienen es ihr allerdings nur Unterhaltungen und Gespräche zu sein, die sie führten, aber sie wußte, wie ernst sie es damit nahmen, und daß Erik mitunter die Nacht aufblieb, um seinen Unterricht vorzubereiten.
Gern lag sie so und lauschte darauf; nicht auf die Worte, aber auf die Stimmen. Denn darüber täuschte sie sich nicht: nur in solchen Stunden noch klang Eriks Stimme gerade so froh wie früher. Und da war es wirklich gut, daß er sein Zimmer jetzt förmlich mied und mit Ruth immer in ihrer Nähe saß, wo sie ihn hören konnte.
Oft dachte sie dabei mit heimlichen Sorgen und Zweifeln an den ersten Tag im Juni zurück, den Erik mit Bernhard Römer und dessen Frau in der Stadt verbracht hatte. Seit dem darauffolgenden Morgen blieb er verändert. Und mit diesem Tage mußte es zusammenhängen. Aber den wahren Grund suchte sie in der fernsten Vergangenheit: namentlich seitdem sie den gemeinsamen Jugendfreund selbst wiedergesehen.
Denn seitdem begriff sie ganz gut, daß Erik vielleicht noch im stillen den alten Erinnerungen nachgehen mochte. Kehrten doch sogar ihre eigenen Gedanken häufiger als je dorthin zurück, wohin es keine Rückkehr gibt.
Die Jugend ersteht nicht wieder auf.
Wenn es doch eine Freude gäbe, -- dachte sie ganz heimlich bei sich, -- eine große, gewaltige Freude, die sie einmal über Eriks Leben bringen könnte, so daß er alles darüber vergäße! Aber sie besaß nichts, -- sie hatte immer nur so dagelegen, mit leeren Händen, und Opfer gekostet.
Vor wenigen Tagen brachte Erik unerwartet den Professor heraus, den er manchmal bei ihrer Behandlung hinzuzog. Sie war auf ihr Bett gelegt worden, und dann hatte Erik die in Angst und Schmerz Zitternde ganz fest in seinen Armen gehalten, bis qualvolle Minuten überstanden waren. Er selbst war ganz blaß. Aber der Professor wollte wiederkommen.
»Muß es sein, Erik?« fragte sie zagend.
»Es muß sein. Eine Aenderung ist da,« antwortete er ausweichend.
Aenderung! vielleicht Genesung!
Ja, nur ~eine~ große, gewaltige Freude konnte es noch geben: wenn sie selbst auferstand von ihrem Lager und zu ihm trat aus eigenen Füßen, -- da mußte er wohl wieder froh werden.
Und sehnsüchtig schaute Klare-Bel in die durchsonnten goldgrünen Zweige, von denen sich langsam die Blätter lösten. Und ihre Gedanken verträumten sich.
Als die Strahlen der Nachmittagssonne schräger fielen, und die Schatten der Bäume anfingen, sich zu dehnen und zu strecken, verstummten die beiden am Tisch, und Ruth stand auf.
Da erschien Klare-Bel jedesmal von neuem ganz eigentümlich bei diesem Unterricht, daß immer Ruth es war, die seinen Schluß angeben sollte. Erik wollte es so; nur diese selbst konnte genau wissen, wann ihre volle Frische und Empfänglichkeit nachließ. Er seinerseits konnte nur seine ganze und ungeteilte Kraft in das hineinlegen, was er ihr gab, -- und das that er. Er sammelte alle Kräfte des Willens und des Geistes und konzentrierte sie auf einen einzigen Punkt: er hielt Ruth wie ein Fürstenkind, das man nur mit dem Auserlesensten beschenkt.
Er blickte sie an, wie sie, sonnengebräunt und mit vornübergewehtem Haar, neben ihm stand, in einer richtigen russischen Bauernbluse von grobem, ungebleichtem Leinen, mit roter Stickerei auf den Achselstücken und Oberärmeln, -- fast wie ein Kind aus dem Volk. Aber sein Fürstenkind war sie doch.
Er hatte ein Heft herangezogen, ohne Absicht es durchzusehen; nur mechanisch glitten seine Augen über die Zeilen hin. Doch Ruth blieb neben ihm stehen, und nun beugte sie sich über ihn, um hineinzublicken. Von Sekunde zu Sekunde wurde Erik nervöser. Und plötzlich, wegen eines geringfügigen Versehens, das er fand, herrschte er sie so heftig an, daß Klare-Bel erschrocken aufsah.
Ruth zog Schultern und Augbrauen hoch und schüttelte entrüstet den Kopf.
»Es ist nicht zu glauben. Wie kann man nur so kopflos sein, -- nicht wahr? Geradezu verdummt muß man schon dazu sein!« setzte sie mit unverhohlener Selbstverachtung seine Vorwürfe fort.
Erik war verblüfft und mußte über sie lachen.
Aber es berührte ihn wunderlich. Noch vor ein paar Monaten hätte etwas derartiges sie scheu gemacht, -- sie ~ver~scheucht. Jetzt weinte sie nicht mehr darüber, daß er sie ein dummes Kind nannte. Sie lachte. Lachte sich aus. -- Ihre Augen sahen ihn so spottend an. Wen verspottete sie eigentlich? Sich selbst, -- daran war kein Zweifel. Sich selbst nahm sie als einen fremden Gegenstand, den sie nur noch von Erik aus beurteilte; sie empfand, dachte und handelte nur noch wie aus seinem Wesen heraus.
Was war diese Selbstentrückung, dieses Uebermaß von Selbstvergessen im Grunde? war das Liebe? war es das, worauf er, halbbewußt und wider seinen Willen, -- wartete?
Klare-Bel hatte mitgelacht.
»Es wird dir noch sonderbar vorkommen,« sagte sie, »wenn du mit dem Herbst so viele Lerngenossen bei Erik bekommst. Wenn du mit ihnen alles teilen mußt. Wirst du nicht eifersüchtig sein, wenn nun eines von den Mädchen mehr kann als du?«
»Warum nicht?« fragte Ruth, und der Schalk ging durch ihre Augen, »dann wollen wir die eine lieber haben als mich. Wir haben Raum für viele da. Je mehr es sind, desto besser.«
Erik blickte auf. Am Ende würde sie wirklich eine dritte im Bunde mit Begeisterung empfangen? Aber wenn sie so spitzbübisch aussah, konnte niemand wissen, was sie bei sich dachte.
Er erhob sich und schob den Stuhl seiner Frau dem Hause zu, um sie vor Sonnenuntergang hereinzutragen. Jonas kam ihnen entgegen; den ganzen Nachmittag hatte er sich draußen auf den gemähten Wiesen herumgetrieben, aber immer paßte er den Augenblick richtig ab, wo er Ruth in Beschlag nehmen konnte.
Als Erik wieder aus dem Hause trat, sah er Ruth mit Jonas unter den Birken auf und ab gehen. Sie hielten sich lose umschlungen und stießen sich gegenseitig an den grasbewachsenen Wegrand, wo der Frühherbst das welke Laub angehäuft hatte. Es machte ihnen offenbar lebhaftes Vergnügen, mit den Füßen durch die Blätter hindurchzurascheln.
Jonas hatte Ruths Hand gefaßt, die auf seiner Schulter lag, und von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf seitwärts und fuhr mit ihrer Hand liebkosend über seine eigene Wange.
»Jonas!« rief Erik den Knaben laut an.
Der schrak auf bei dem Ton.
»Was soll ich?« fragte er und kam betreten näher.
»An deine Ferienarbeiten sollst du!« sagte Erik, und schämte sich vor sich selbst.
Ruth folgte Jonas ins Haus.
Erik war im Garten stehen geblieben und sah den beiden nach.
Da war es wieder, -- dies Kindhafte, Kindische, dieses Unausgewachsene und sonderbar Unreife, über das er in Ruths Wesen nicht hinwegkam. Es nahm nicht ab, es nahm zu, -- es steckte ganz tief irgendwo, im Kerne ihrer Natur. Geistig hatte sie sich rasch und stark entwickelt, wie junges Laub in warmem Mairegen. Aber es war, als ob nun erst auch alle kindlichen Elemente sich entwickelten und zu immer vollerer Auslebung drängten, -- und daneben andere, beinahe männliche, die er in ihr bis dahin nur geahnt. So schnell gewöhnte sie sich daran, ihre Gedanken zu logischer Schärfe zu formen und ihnen eine energische Richtung auf das Erkennen zu geben, als habe sie nie in der Phantastik der Träume gelebt. Sichtlich hatte das Unentwirrbare, Unklare und Wildschweifende ihres Denkens nur mit den phantastischen Stoffen selbst zusammengehangen und fiel mit diesen von ihr ab.
Erik ging langsam in das Haus zurück, wo Jonas im Wohnzimmer mit resignierter Miene über seinen Büchern saß und zu lernen schien; aber im stillen grübelte er darüber nach, wie er Ruth dem Vater am besten abspenstig machen könnte, um sie mehr für sich zu haben. Morgen war ein Sonntag, da konnte man viel unternehmen; in diesen Ferienmonaten wurde schon früh gegessen, und so bekam man einen reichlich langen Nachmittag und Abend heraus. Aber Jonas fand es ungerecht, daß auf sechs Wochentage nur ein Sonntag fiel, und daß der Vater sich gerade die Wochentage genommen hatte.
Ruth saß nicht mit im Wohnzimmer. Sie mußte in ihre kleine Giebelstube hinauf gegangen sein.
Erik trat wieder in den Flur zurück und horchte, ob sich oben nichts rege.
Und dann stand er auch schon gleich darauf am Fuß der schmalen Holztreppe.
Wie ein Dieb erschien er sich selbst, als er da, in der Halbdämmerung, auf dem untersten Treppenabsatz zögerte.
Nur langsam nahm er die ersten Stufen, dann rasch die nächsten.
Wie lange, lange war er nicht mit Ruth allein gewesen, -- ganz allein. -- --
Oben klopfte er kurz und laut an. Ruth antwortete mit heller Stimme. Sie stand vor dem geöffneten Wandschrank, in dem sich ihre Sachen befanden, und kramte darin.
Außer einem Tisch und Stuhl am Fenster enthielt das kleine Gemach nicht viel mehr als am ersten Tage. Aber das Fensterbrett war mit Blumen gefüllt, mit gewöhnlichen Sommerblumen, wie die Straßenhändler sie auf einem Kopfbrett vorübertrugen, und darunter standen, am Boden, Töpfe mit Ablegern aus dem Garten. Und die Tapetenwand war bedeckt mit Bleistiftzeichnungen, die einen breiten Tintenrand als Rahmen empfangen hatten. Sie rührten alle von Jonas Hand her und stellten alle irgend einen Winkel des Gartens oder des Hauses dar.
Erik sah auf den Tisch nieder, auf dem Nähzeug und Papiere unordentlich durcheinander lagen.
Es fiel Ruth nicht ein, zu fragen, weshalb er heraufgekommen sei, aber in der leichten Verlegenheit, die er selbst empfand, suchte er nach einem Wort und zog eines der Papiere unter dem Nähzeug hervor.
»Schreibst du hier Verse?« fragte er überrascht.
Sie wurde dunkelrot.
»Nicht mehr so oft,« antwortete sie fast bestürzt, »und ich will ja auch gar nicht! Aber manchmal, wenn -- manchmal muß ich es noch thun.«
»So Verborgenes thun. Verborgen vor mir. Und ich habe geglaubt, daß kein Gedanke unausgesprochen, den ich nicht kenne, durch deinen Kopf geht.«
Sie machte ein so schüchternes Gesicht wie in alten Zeiten.
»Nicht verborgen,« sagte sie leise, »es sind nur eben keine Gedanken. Und aussprechen kann man sie auch nicht. Und die kommen nun und drängen sich, und dann muß man Verse schreiben.«
Erik lachte.
»O weh, die armen Verse!« bemerkte er, »also einen solchen stillen Winkel hast du dir noch in deinem Kopf referiert, während es aussieht, als ob du die schönste Ordnung gemacht hättest. Die ist wohl nur in den Staatsstuben, auf der Oberfläche. Dahinter liegt eine wunderschöne, unergründliche Rumpelkammer. Was sollen wir mit der machen?«
Sie sah ihn ganz ernsthaft an.
»Was Sie wollen,« versetzte sie treuherzig.
»Würdest du denn fraglos thun, was ich will? Auch im geheimsten, was du für dich treibst? Auch im Verborgensten deiner Rumpelkammer? Immer?«
»Immer.«
Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände.
»Und wenn ich sie dir nun ausräumen wollte? und wenn es zufällig gerade dein liebster Winkel wäre? und wenn es nun, irgend wann einmal, vielleicht keine bloße Rumpelkammer mehr wäre, sondern dein glückliches geistiges Zu Hause? würdest du dann auch noch ebenso antworten: ›Was Sie wollen‹?«
»Ja!« sagte sie einfach.
Erik machte eine Gebärde, wie wenn er sie in seine Arme ziehen wollte, dann aber ließ er sie frei, trat zurück und ans Fenster, neben welchem, an der Seitenwand, ein kleiner Bücherbort hing.
Ein paar Minuten vergingen.
Ruth sah ihm zu, wie er anscheinend die Titel der Bücher studierte, die sich in der langsam zunehmenden Dämmerung nicht mehr erkennen ließen. Aber Erik wußte ungefähr, was alles sich hier auf das sonderbarste einträchtig zusammengefunden hatte. Eine lateinische Grammatik aus Jonas' Nachlaß und die Märchenwelt von Tausend und eine Nacht, eine Auswahl aus Platos Werken in deutscher Uebersetzung und ein zerrissener Band alter russischem Volkserzählungen, Ueberwegs »System der Logik« und die französische Uebersetzung des Don Quixote mit den Illustrationen von Doré, und so fort.
»Warum haben Sie nie ein Buch geschrieben?« fragte Ruth plötzlich vom Fenster her.
»Weil ich es nie gekonnt habe. Bücher zu schreiben verstehe ich nicht, Ruth. Und mir schien wohl auch immer: Bücher sind tot, nur das gesprochene Wort lebt. Und ich fürchte, du wirst es auch nie können, nie verstehen, mein armes Mädel.«
»Ich? Ich will auch nicht. Ich möchte etwas andres.«
»Was möchtest du denn?«
»Ein Märchen erzählen. Ein einziges. Eines, in dem alles drin ist. Aber nicht mit Worten.«
»Das würdest du ja auch schreiben oder sprechen, malen oder meißeln müssen, wenn du es mitteilen willst.«
»Es muß noch auf bessere Weise gehen,« meinte Ruth.
»Nicht, wenn es für alle sein soll. Sonst kann man es auch wohl einem lieben Menschen an den Augen ablesen.«
»Das ist schon besser,« sagte sie und lehnte ihren Kopf gegen das Fensterkreuz zurück.
Kurze Zeit schwiegen beide.
Die Dämmerung sank tiefer. Ueber den Steinfliesen der Terrasse unter ihnen blinkte es hell auf, im Wohnzimmer wurde die Lampe angezündet.
Um den Wipfel der alten Ulme vor dem Fenster spielten die Fledermäuse. Lautlos huschten sie unter dem Dachfirst hervor und flatterten hinter Ruths Rücken hin und her im Zickzack.