Ruth

Part 12

Chapter 123,834 wordsPublic domain

Erik stand mit einemmal im Halbdunkel dicht neben ihr. Er hob die Hände und strich leise über ihr Haar hin, so daß sie sich in den weichen, lockigen Wellen verloren, und dann blieben sie auf ihren Schultern liegen, und er beugte sich tief über Ruth.

»Sage mir das nicht mehr, -- was du vorhin sagtest: daß du immer und fraglos thun würdest, was ich will,« bemerkte er mit gesenkter Stimme, »du sollst mir nicht in jedem Fall und blind folgen. -- Ich könnte ja auch ein Unrecht von dir wollen. -- Hast du daran nicht gedacht?«

Sie legte sich weit in seinen Arm zurück und schüttelte den Kopf.

Er umfaßte sie fester.

»Und wenn es doch so wäre?« fragte er fast heftig, »was würdest du thun?«

Nun erst blickte Ruth auf und sah ihn lange und ruhig an. Sie schien sich den Fall ernsthaft zu überlegen.

»Unrecht thun!« sagte sie dann laut.

Erik fuhr zusammen. Er murmelte etwas, was sie nicht verstand. Sie lachte aber über das ganze Gesicht.

»Für mich ist immer ~das~ das Rechte, was Sie wollen, -- niemals ein Unrechtes. Besser weiß ich es nicht. Ich brauche es aber auch nicht besser zu wissen.«

»Mein armes Kind,« sagte er leise.

Sie richtete sich in seinem Arm hoch. Ein lauschender Ausdruck kam in ihr Gesicht.

»Wer? ich? Warum sagen Sie das?« fragte sie mit veränderter Stimme und machte sich langsam frei. »Was ist das? Warum sagen Sie mir das alles? Ich bin kein armes Kind. Ich bin ja ~Ihr~ Kind!«

Und als er nicht gleich antwortete, faßte sie ihn plötzlich an beiden Armen und schüttelte dieselben mit leidenschaftlicher Kraft. »Bin ich es denn nicht?« fragte sie wild. »Worum soll ich nicht mehr thun, was Sie wollen? Bin ich denn nicht Ihr Kind? Nicht mehr?! Dann wäre es besser, tot zu sein.«

»Ruth!« rief er erschüttert.

Sie suchte sich zu fassen. Ihre Hände sanken von seinen Armen und schlangen sich ineinander. Dann hob sie den Kopf.

»Ich will alles thun, -- alles! Recht oder Unrecht, Gutes und Böses, -- alles! Ich will gehorsam sein bis in den Tod. Stellen Sie mich auf die Probe. Aber gehorchen muß ich Ihnen dürfen, -- Ihr Kind sein dürfen, -- zu Ihnen sagen dürfen: ich will thun, was Sie wollen. Immer! Immer! Das muß ich -- muß ich dürfen. -- -- Darf ich?«

Unwillkürlich hob sie ein wenig die gefalteten Hände. Eine Gebärde unsäglicher Demut. Aber ihr Gesicht sah dabei fast finster aus, und ihre Stimme klang wie Metall. Und nun ein ganz weicher, kindlicher Ton: »-- Darf ich?«

Erik wurde zu Mute, als schaue er plötzlich, erst in diesen vorüberblitzenden Sekunden, mit weitem Blick hinein in die verhüllte Tiefe, aus der allein Ruths Liebe geboren werden konnte. Zum erstenmal hinein in das Geheimnis ihres Wesens, -- hinein in die stumme Einsamkeit und Sehnsucht vieler, vieler Jahre, aus der mit rückhaltloser Gewalt die langgehemmte, lang aufgestaute Inbrunst hervorgebrochen war, als er in ihr Leben trat. Ihn lieben dürfen, das hieß: endlich -- endlich ~Kind sein dürfen~, gehorchen, sich hingeben, sich weggeben, auf den Knieen noch. Es hieß sammeln und ausstürzen dürfen die ganze leidenschaftliche Zärtlichkeit des Kindes, das noch keine Kindheit gehabt. Und das doch gerade dessen -- nur dessen bedurfte.

Ruths Augen blitzten ihn durch die Dämmerung an.

»Bin ich noch immer arm, -- ein armes Kind?« schienen sie ihn unverwandt zu fragen.

»Du bist nicht arm, -- mein Kind bist du, -- und darfst gehorchen, -- mir folgen, -- du sollst es immer dürfen,« sagte er heiser.

Und er öffnete die Thür nach der Treppe, über der hell das Lampenlicht aus dem Flurraum heraufschien. --

Diesen Abend zog sich Erik schon gleich nach dem Thee in sein Arbeitszimmer zurück. Klare-Bel merkte recht wohl, daß er wieder die halbe Nacht aufblieb. Obgleich doch am andern Tag der Unterricht ausfiel.

Den nächsten Morgen fragte Erik am Frühstückstisch, ob Briefe in die Stadt mitzunehmen seien.

»Willst du zur Stadt fahren? gerade heute? am Sonntag?« fragte seine Frau erstaunt.

»Ja. Ich muß selbst zwei Briefe, die dringend sind, besorgen und einen notwendigen Besuch machen,« versetzte er.

Die beiden Briefe sah Klare-Bel auf dem Nebentisch liegen. Der eine an Römer nach Heidelberg, der andere an dessen Frau nach Moskau. Beide doppelt frankiert.

Sie wagte nicht, ihn zu fragen, was er denn an Frau Römer so viel zu schreiben habe? Er machte ein so ablehnendes, verschlossenes Gesicht. Aber als er fortgegangen war, sann Klare-Bel den ganzen Vormittag traurig und besorgt diesem Gesicht nach.

Dies Wortkarge, Verschlossene kannte sie als ein schlimmes Zeichen. Erik war offen und mitteilsam, wenn er froh war; wenn er schwieg, so litt er. Und gerade dann hätte Klare-Bel am liebsten alles mit ihm geteilt. Dem Glücklichen, Frohen gegenüber fühlte sie sich leicht ein wenig gedrückt, ein wenig überflüssig. Dagegen erschienen ihr immer Leiden und Kummer als die geeignetsten Zugänge, die wohl auch sie zu Eriks Innerem hätte finden müssen, -- um ihm nahe zu kommen, um ihm notwendig zu werden. Aber gerade wenn er litt, wurde er am unzugänglichsten, -- wurde er stets abweisend, bis zur Schroffheit. Nur in seinen frohen Stunden erschloß er sich ihr.

So war es also wohl nichts für sie: weder mit der Freude, die sie ihm so gern bringen wollte, -- noch auch mit dem Kummer, den sie mit ihm getragen hätte. --

Inzwischen befand sich Erik in der Stadt bei Ruths Verwandten. Ganz gegen seine Vermutung fand er auch die Tante vor, die soeben von Wiesbaden zurückgekehrt war, um, nach kurzem Aufenthalt, zu den Ihrigen nach Livland zu reisen, wohin ihr Mann sie begleiten sollte.

»Vor Anbruch des Winters kommen wir von dort nicht mehr heim,« sagte der Onkel zu Erik, den er auf das herzlichste wieder begrüßt und erst nach längeren, zwanglosem Gespräch zu zweien in das Empfangszimmer zu seiner Frau geführt hatte. »Aber alles, was Sie mir da erzählt haben, eilt ja auch nicht von heute auf morgen, denke ich mir. Wenn Sie Ihre Absicht ausführen, Ruth ins Ausland zu senden, so ließe sich dabei der Zeitpunkt unsrer Rückkehr ein wenig mit berücksichtigen, nicht wahr?«

»Nein!« entgegnete Erik, »das, was ich von Ihnen erbitten wollte, war eben dies: mir auch hierin vollständig freie Hand zu lassen. Und für Ruth an dem Reiseanschluß festzuhalten, den ich im Auge habe. Auch wenn das ihre Abreise unberechenbar beeilen sollte. Ich weiß, daß ich Ihnen damit viel zumute. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben, dann lassen Sie mich noch einmal über Ruth entscheiden, so unbedingt wie damals, als ich sie Ihnen fortnahm.«

»Ich weiß keinen Menschen aus der weiten Welt, zu dem ich mehr Vertrauen fassen könnte, als zu Ihnen,« versetzte Ruths Onkel, dem bei Eriks sonderbar bestimmtem Ton die Gemütlichkeit schwand, »und was Ruth betrifft, so habe ich von allem Anfang an das Gefühl gehabt, als ob selbst so nahe Verwandte wie wir, Ihnen ein Recht auf die Kleine abtreten müßten. Wenn Sie also so fest glauben, daß es gut an ihr gehandelt ist, handeln Sie so! Ich meinerseits will, -- wenn ich sie nicht wiedersehe, -- ich will Weihnachten einen kurzen Urlaub nehmen und unsre kleine Studentin in Heidelberg besuchen.«

»Aber ich bitte dich! nenne es doch wenigstens nicht gleich beim ärgsten Namen!« fiel die Tante ein, der die Nachgiebigkeit ihres Mannes unverantwortlich vorkam. »Ruth soll doch nicht wirklich studieren? Ich meine, mit einem Studentenplaid und kurzen Haaren, wie es hier geschieht? Bei uns in den Ostseeprovinzen wäre so etwas rein undenkbar.«

»Einstweilen soll sie lernen,« antwortete Erik etwas ablehnend, »das Weitere wollen wir ruhig ihr selbst und der Zeit überlassen.«

Sie sah ihn prüfend und mißbilligend an. Wie konnte man so etwas der »Zeit« überlassen? Hätte er noch gesagt »der Vorsehung«. Wenn er für das Frauenstudium eintrat, dann war er auch ganz sicherlich ein Atheist. Und solchen Leuten war doch wohl alles zuzutrauen.

»Ich sehe mit Verwunderung, daß mein Mann sehr sorglos darüber denkt,« bemerkte sie, als Erik schon aufstand, um sich zu verabschieden, »aber um so mehr muß ich ein Wort hinzufügen. Du sprichst so ruhig von Recht abtreten, Louis! Aber ~ein~ Recht kannst du doch nie und nimmer abtreten. Ich meine das Recht der moralischen Verantwortlichkeit. Das mag ja eine altmodische Ansicht sein. Aber ich möchte doch wissen, wie Herr Matthieux darüber denkt.«

Erik sah ihr ernst und ruhig in die kampflustig auf ihn gerichteten Augen. Zum erstenmal gefiel sie ihm. Eben die Kampflust gefiel ihm. Obwohl der Onkel Ruth lieb hatte, war sie doch ein besserer Wächter als er.

»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so fürchten Sie, daß ich mit meinem Recht an Ruth nicht zugleich auch alle Pflichten ihr gegenüber übernehmen würde. Wenn es etwas gibt, was Sie von dieser Furcht befreien kann, so nennen Sie es nur.«

Der Onkel sah fast verlegen aus, aber sie beachtete es nicht.

»Ich antworte Ihnen als gläubige Frau,« entgegnete sie, die stolz war auf baltische Ueberzeugungstreue, »mir bedeutet moralische Verantwortlichkeit: schuld sein wollen an einem Menschen, -- schuld an dem, was an seinem innern Menschen geschieht. Nicht zulassen, daß er Schaden daran nimmt. Wie sollte man das ohne Gott, ohne religiösen Glauben auf sich nehmen können? Wenn Sie nun Ruth fortgeben, -- können Sie eine solche Pflicht in diesem Sinne übernehmen?«

Ueber Eriks Züge ging ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wußte, der sie aber wider ihren Willen ergriff.

»Nun verstehen wir uns,« sagte er mit unterdrückter Bewegung, »denn eben das soll mein Recht sein: ich will schuld sein an diesem Kinde!«

Sie fand, es klang arroganter als je. Es war nichts, das ihre religiösen Bedenken beruhigen konnte. Aber ihr war dennoch, als habe er »Gott« gesagt. --

Erik ging dem Bahnhof zu. Fast kein Mensch außer ihm in den leeren Straßen; auch die letzten, die den Sommer in der heißen, ungesunden Sumpfluft der Stadt zubringen mußten, entrannen ihr am Sonntag. Nur hier und da taumelte ein Betrunkener aus der offenstehenden Thür einer Kellerschenke, oder rasselte eine vereinzelte Droschke holpernd über das schadhafte Holzpflaster, das stellenweise noch weit aufgerissen dalag und darauf wartete, daß seine alljährlichen Löcher in schöner Mosaikarbeit zugestopft würden.

Verlorene Glockenklänge, die letzten von einer der zahllosen Kirchen, zitterten über die ausgestorbenen Straßen hin, wie Grabgeläute über einer Totenstadt.

Erik ging langsam, müden Schrittes heimwärts.

»Nicht zulassen, daß sie Schaden nimmt,« wiederholte er die eben gehörten Worte. Ja, genau das wollte er doch. Noch war die Umpflanzung in einen neuen Boden möglich, wenn er seinen kleinen Baum behutsam, mit allen feinsten Würzelchen, dort eingrub. Nur so konnte er jetzt seine Gärtnerdienste an ihm thun, damit derselbe nicht Schaden nehme an seiner Entwickelung, die noch in hart und fest geschlossenen Knospen vor sich ging, -- undurchsichtig von allen Seiten.

Denn manchmal, da wachte etwas Gewaltthätiges in ihm auf, -- im pflegenden Gärtner die verbrecherische Ungeduld des Knaben, der sich am Frühling vergreift und die Knospen zerstören möchte, um zu sehen, ob eine rote oder eine weiße Blüte in ihnen schläft.

Aber er fiel sich selbst in die gewaltthätige Hand; er selbst riß Ruth sich aus der Hand.

Verdirbt denn ein Vater sein Kind, ein Mann sein Weib, ein Künstler sein Werk?

Und ihm schien: seine Liebe zu Ruth sei alles dieses.

Zu Hause hatten sie mit dem Essen auf ihn gewartet; als er kam, wurde es einsilbig eingenommen. Klare-Bels Hoffnung, Erik werde erzählen, bei wem er den Besuch gemacht, erfüllte sich nicht.

Er wußte wohl, daß er nun davon sprechen mußte. Mit ihr und mit Ruth. Es war ihm das Schwerste.

Das dachte er, als er dann endlich am Fenster seines Arbeitszimmers stand und wartend in den Hintergarten hinausblickte, wo Ruth sich mit Jonas erging: »Nur nicht sprechen, -- nur nicht grübeln, -- handeln! Sie aus den Arm setzen und forttragen. Handeln! Wer es wortlos dürfte!«

Und nun ging Jonas ins Haus.

Erik stieg zu Ruth in den Garten hinunter.

Sie saß auf ihrem Lieblingsplatz, dem Steinrand des Springbrunnens. Dort saß sie mit gebücktem Kopf und stocherte mit einem trockenen Ast im Grase.

Wie sie ihn kommen sah, warf sie ihren Zweig fort und lief ihm entgegen. Er hatte sie kaum begrüßt bei Tisch, zum verspäteten Essen, und nun schlich sich ihre Hand in die seine.

Ohne recht zu bemerken, was er that, steckte er sie mitsamt der seinen in die Seitentasche seiner Joppe.

Ruth lachte darüber und blickte zu ihm auf, aber als sie den ernsten, beinahe strengen Ausdruck seines Gesichtes sah, verstummte sie ebenso plötzlich.

Sie gingen einige Schritte dem kleinen Gehölz zu.

»Heute war ich bei deinen Verwandten, Ruth,« sagte Erik, »sie waren beide da. Ich wollte sie einmal etwas auf das hin ausfragen, was wir in den letzten Monaten schon öfters miteinander besprochen haben. Weißt du nicht? Ich meine daraufhin, ob du nicht einmal im Auslande tüchtig weiterlernen könntest.«

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Dies da interessierte sie sehr und ein wenig beunruhigte es sie auch. Denn es handelte sich doch eigentlich erst um ein ganz allgemein gehaltenes, unbestimmtes Zukunftsbild, -- nicht um etwas, was schon erwogen und besprochen werden mußte.

»Nun? und was meinten sie darauf?« fragte Ruth gespannt, als er schwieg.

»Sie haben nichts dagegen einzuwenden, Ruth. Nichts Ernstliches. Da ist es denn Bernhard Römer gewesen, an den wir dabei gedacht haben. Dort wüßte ich dich im richtigen Hause geborgen. Es wäre fast so, als wenn ich selbst bei dir bleiben konnte.«

Ihre Hand, die er noch umfaßt hielt, erkaltete in der seinen.

»Ja, -- aber -- das ist ja noch so lange hin!« meinte Ruth ganz langsam, und dann immer schneller, in wachsender Unruhe: »Es ist doch noch lange hin? Sehr lange? Ich soll doch nicht -- bald fortgehen? ~Von hier~ -- -- fortgehen!«

Er umschloß ihre Hand fester und ging auf die Bänke zu, die unter den Birkenbäumen standen.

»Komm zu mir,« sagte er sanft, »setze dich zu mir her, mein Liebling, und laß uns ruhig darüber sprechen. Ganz ruhig, -- hörst du?«

Sie folgte ihm schweigend, aber ihre Augen hingen unverwandt, mit tausend aufgestörten bangen Fragen, an seinem ernsten Gesicht.

»Sieh, Kind,« fuhr Erik fort, »wenn wir hier, während unsrer gemeinsamen Arbeit, an deine Zukunft dachten, dann schwebte sie dir wie ein erwünschtes, lockendes Bild vor. Ich wollte, daß du dich später weiter entwickelst, und du wolltest es auch. Ich dachte oft bei mir, wenn ich dir zusah: manches von dem, was ich selbst einst erstrebt, könntest, in andrer Form, du einst verwirklichen. Aber was so, als Zukunftsmöglichkeit, in der Ferne stand, wird doch näher rücken müssen, bis es unwiderrufliche Wirklichkeit und Gegenwart geworden ist. Und ich wünsche, daß du diesem Gedanken jetzt nahe trittst, mein Kind.«

»-- -- Wie nahe -- -- ist es denn?« fragte Ruth mißtrauisch, aber kaum war es ihr entschlüpft, als sie ihre Hand aus der seinen riß und ihre beiden Hände flach gegen die Ohren preßte.

»Nicht!« murmelte sie undeutlich, »ich will es nicht wissen! bitte, nicht! bitte, bitte, nicht weitersprechen.«

Einen Augenblick schloß er die Augen.

Dann faßte er sanft nach ihren Händen und zwang dieselben zu sich nieder.

»Es hilft nichts, mein Kind,« sagte er fest, »es hilft nichts, sich vor etwas Unwiderruflichem zu verschließen. Gerade hiervon werden wir weitersprechen. Denn, je mehr du noch davor zurückscheust, desto dringender, desto eher muß es geschehen.«

Ruth war sehr blaß geworden.

Ein unbestimmtes Grauen stieg dunkel in ihr auf. Vor etwas, was sie noch nicht fassen, nicht deutlich begreifen konnte, was aber vor ihr empordämmerte, -- unerwartet, unversehens, aus dem Nichts, -- schattenhaft, gleich einem Riesengespenst.

»Ich kann nicht!« stieß sie hervor. »Es kann ja so nicht sein! Ich will nicht, daß es so ist. Ich kann nicht!«

Er beugte sich zu ihr und suchte ihren Blick.

»Wirklich nicht?« fragte er ruhig; »auch nicht, wenn du weißt: ich will es? Auch nicht, wenn ich selbst es bin, der dich bei der Hand nimmt, dich vor etwas hinstellt, das dir schwer fällt, damit du lernst, es herankommen zu sehen, ohne davor fortzulaufen?«

Sie schmiegte sich an ihn und versteckte den Kopf an seiner Schulter.

»Ich fürchte mich,« sagte sie, wie ein Kind im Dunkeln, »-- irgend etwas Schreckliches ist da, -- seit gestern ist es da, -- und kommt heran, immer näher, -- ganz dicht heran, -- ganz nahe. Wie ein Ungeheuer, das sich um mich ringelt. -- Ist es etwas Schreckliches -- --?«

»Nicht das, was du gestern fürchtetest,« sagte er leise, »-- nur das, was du gestern selbst wolltest, selbst fordertest. Weißt du nicht, was du mir versprachst? die Probe stellen. Wenn ich es nun thue, Ruth, -- ziehst du dein Versprechen zurück?«

»Nein!« entgegnete sie rasch und richtete sich auf. Dagegen gab es keine Auflehnung. Nur Gehorsam.

»Worin besteht die Probe?« fragte sie entschlossen, »was soll ich thun?«

Er antwortete nicht gleich. Er hatte die Brauen zusammengezogen, und seine Zähne gruben sich in die Lippe, als litte er körperlichen Schmerz.

Ein paar Augenblicke verharrten sie schweigend bei einander.

Ein kühler Luftzug strich durch die Bäume und warf ein rundliches gelbes Birkenblatt nach dem andern ihnen in den Schoß. Mühsam schien die Sonne durch breite weiße Wolkenmassen in den Garten, und aus den Vogelnestern ringsum unterbrach hin und wieder ein kleiner, satter Ton die Stille um sie.

Da antwortete Erik mit einer Stimme, die fast rauh klang: »Du sollst dich in einer großen Sache ebenso tapfer erweisen, wie du dich einmal in einer kleinen erwiesen hast. Du sollst thun, was du schon einmal thatest, als dir das langsame Herankommen, -- Näherkommen von etwas Gefürchtetem bevorstand. Es war damals, als Jonas uns die Schlange ins Haus brachte. Sie flößte dir solchen Schrecken ein. Weißt du nicht mehr, was für ein Mittel deine eigene Tapferkeit dagegen fand?«

»Nein!« sagte sie stutzend und blickte auf, »was war das für ein Mittel?«

»Du sagtest: ›Dann lieber -- gleich!‹«

Ruth sprang jäh von der Bank auf und machte eine wilde Bewegung gegen ihn hin, als ob sie ihn noch rechtzeitig an etwas hindern wollte.

Dann, ohne einen Laut der Erwiderung, brach sie vor ihm in die Kniee, in das welke Augustlaub, das zu seinen Füßen lag.

»Ruth!« murmelte er angstvoll und breitete seine Arme um sie, »mein Kind! mein Liebling! hörst du mich?«

Aber sie hörte nicht mehr. Ihr Kopf fiel zurück. Sie hatte das Bewußtsein verloren.

Inzwischen kam Jonas in den Garten gelaufen, der vom Fenster aus beobachtet hatte, wie der Vater mit Ruth in das kleine Gehölz hineingegangen war.

Wie versteinert stand er still, als er jetzt Erik zwischen den Bäumen hervortreten sah und Ruth mit geschlossenen Augen regungslos in seinen Armen. Ihre rechte Hand hatte der Vater um seinen Nacken gelegt, die linke hing schlaff herunter.

»Geh voraus!« gebot Erik dem Knaben, »ohne Lärm. Halte mir die Thüren offen. Ich muß Ruth auf ihr Bett tragen.«

Jonas blieb jegliche Frage in der Kehle stecken; er rannte voraus, nicht ohne sich fortwährend nach dem Vater umzuschauen, und ins Haus hinein. Dort lief er, ohne die Mutter oder Gonne zu alarmieren, die Holztreppe zu Ruths Giebelstube hinauf. Als Erik mit Ruth in den Armen oben ankam, stand Jonas wartend an der weitgeöffneten Thür, durch welche man das schmale weiße Bett mit den zurückgeschlagenen Decken sehen konnte.

Jonas blickte dem Vater ängstlich bittend ins Gesicht; er wäre so gern mit hineingegangen, um bei Ruth zu bleiben. Aber Erik ging schweigend an ihm vorbei und zog die Thür hinter sich zu.

Dieser Augenblick prägte sich ihm mit merkwürdiger Gewalt ein: wie der Vater, Ruth an der Brust, so stumm an ihm vorüberschritt, während ~er~ zurückbleiben mußte.

Im Blick und Ausdruck des Vaters empfand er etwas Außerordentliches, einen starren, wortlosen Ernst, -- so, wie wenn Ruth schon so gut wie tot sei.

Jonas überlief es kalt.

Er klammerte sich an den Thürgriff und lauschte mit zurückgehaltenem Atem. Anfangs unterschied er nichts. Dann hörte er Eriks Stimme, halblaut, kurz, sehr bestimmt im Ton. Sie wiederholte sich. Darauf eine Pause, -- und plötzlich ein Klagelaut drinnen, ein einziger Laut, aber so schmerzlich, daß den Knaben Entsetzen faßte.

Was that man mit Ruth, mit seiner lieben Ruth? Was that der Vater ihr an? Etwas Furchtbares mußte es sein. Etwas Furchtbares mußte heute im kleinen Gehölz vor sich gegangen sein.

Und er durfte die Thür nicht aufstoßen, er wagte es nicht. Aber eine rasche, wilde Empfindung, wie plötzlicher Haß, loderte unverstanden in ihm auf: daß er ein Knabe war, und der Vater ein Mann! Daß er nicht eindringen durfte mit gleichem Recht, -- mit Gewalt!

Aber ebenso rasch erlosch sie wieder. Ruth konnte nichts geschehen, wenn sie bei seinem Vater war.

Jonas schlich sich hinunter, in das kleine Zimmer von Klare-Bel neben der Wohnstube. Er konnte nicht allein sein.

Dort setzte er sich am Eingang auf die äußerste Kante eines Stuhles und brach in Thränen aus.

»Ruth ist halbtot, Mama!« sagte er außer sich, »ach Mama, sie stirbt! Die Augen hat sie schon zugemacht. Und Papa, -- ich weiß nicht, was Papa thut, aber ganz bestimmt thut er ihr weh. Sie darf aber nicht sterben! Vorhin war sie ja noch so vergnügt und raschelte mit mir durch die Blätter im Garten!«

Klare-Bel war nach diesem Bericht nicht weniger erschrocken als er selbst, und mit ängstlicher Spannung warteten sie darauf, ob Erik nicht bald herunterkäme. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis er kam.

»Um Gottes willen, was ist denn mit Ruth geschehen?« rief sie ihm in großer Unruhe entgegen.

»Sei nur ruhig; es war eine Ohnmacht,« versetzte Erik und gab Jonas einen Wink, hinauszugehen. Dann trat er an seine Frau heran und sagte: »Ich mußte Ruth eine Mitteilung machen, auf die sie nicht genügend vorbereitet war. Jetzt mußt auch du es erfahren: Ruth geht schon in diesen Tagen fort. Nach Heidelberg, zu Römer ins Haus.«

Klare-Bel erhob sich ein wenig auf ihren Kissen und sah ihn voll tiefen Staunens an.

»Ist das dein Ernst? Du gibst Ruth aus der Hand? Aber was willst du denn ohne Ruth machen? Kannst du sie denn entbehren?«

»Das muß ich doch können, Bel.«

Im beginnenden Zwielicht vermochte sie nicht seine Züge genau zu erforschen. Aber dieselben kamen ihr vor wie aus Stein gehauen. Und diesen Ausdruck kannte sie.

»Erik!« sagte sie ängstlich, »thu nur nichts so gewaltsam. Du siehst ja, daß es sie krank macht. -- Warum siehst du so hart aus, Erik?«

»Hart?« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn; »für mein Aussehen kann ich nicht. Aber ängstige dich um nichts. Ruth wird morgen gesund sein, und auch gefaßt. Für ihre Haltung stehe ich ein. Aber sei gut und freundlich zu ihr. Ich muß auf ein bis zwei Tage verreisen.«

»Verreisen? Du reisest fort, Erik? Wohin?«

»Nach Moskau.«

»Zu Frau Römer?« fragte sie lebhaft.

»Ja. Ihr soll Ruth sich anschließen. Und sie wird sich wahrscheinlich hier nicht mehr aufhalten. Ich muß daher alles mit ihr verabreden und besprechen. Mündlich.«

Klare-Bel schwieg. Es wurde dämmerig im Zimmer, und draußen im Flurraum hörte man Jonas unruhig auf und ab gehen.

Da, ganz leise, fühlte Erik seine Hand von Klare-Bel erfaßt.

»Erik!« flüsterte sie, »-- laß mich dich bitten: lasse sie noch ein Weilchen bei uns. -- -- -- Auch ich werde sie ja vermissen, Erik!«

»Du -- -- -- Bel?«

»Ja. Denn sie hat dich so glücklich gemacht.«

Er zog ihre Hand an sich, und an den Mund und küßte sie voll Scham und Ehrfurcht.

»Ich danke dir für diese Bitte. Ich danke dir, Bel. Aber es kann nicht sein.« --

Er zog sich zurück, um Ruths Onkel die definitive Entscheidung mitzuteilen. Dann packte er eine Handtasche, und eine Stunde später war er fort. Er reiste noch mit dem Nachtzuge nach Moskau ab.