Ruth

Part 13

Chapter 133,756 wordsPublic domain

In dieser Nacht lag Klare-Bel viel wach und dachte an Ruth und an Erik. Sie hatte bestimmt geglaubt, Ruth werde bis zum Spätherbst bei ihnen im Haus und dann, vom Hause ihres Onkels aus, nach wie vor in engster Verbindung mit ihnen bleiben. Wie oft hatten sie darüber gescherzt, ob sie dann, später, mit Jonas zusammen auf die Universität abgehen solle? Erik hatte kein Wort davon gesagt, daß seine Absichten wohl von Anfang an andre waren. Ganz plötzlich kam er jetzt mit ihnen heraus.

Aber Klare-Bel fiel es gewiß nicht ein, Kritik an dieser Handlungsweise zu üben. Da er es so wollte, mußte es so wohl gut sein. Gut für Ruth. Er liebte sie so sehr, er konnte nur ihr Bestes dabei im Auge haben. Auch dabei, daß es so unerwartet über sie kam.

Aber gern wäre sie jetzt zu Ruth hinaufgegangen und hatte sie geliebkost und getröstet. Sie nahm sich vor, es den nächsten Tag zu thun. Zum erstenmal fühlte sie eine echt mütterliche Zärtlichkeit für Ruth, -- nicht nur das indirekte Interesse, das durch Erik hindurchging und alles auf ihn bezog. --

Der Morgen war herbstlich und grau, die Terrasse noch feucht von den kalten Nebeln der Nacht. Man mußte das Frühstück im Wohnzimmer einnehmen. Ruth fand sich zur gewöhnlichen Zeit dort ein; sie war blaß und ernst, aber gesund, wie Erik es gesagt hatte, und ganz gefaßt und still.

Als sie, noch vor Jonas, hereinkam, streckte Klare-Bel ihr die Arme entgegen: »Komm zu mir,« sagte sie liebevoll, »sei nicht traurig, denke nicht an die Abreise. Noch bist du hier!«

Ruth sah auf, ohne daß sich eine Miene in ihrem stillen Gesicht verändert hätte, und schüttelte den Kopf.

»Ich bin schon fort!« entgegnete sie.

Diese Antwort ergriff Klare-Bel sehr. Ihr schien, es lag etwas Schmerzlicheres darin, als in Klagen und Thränen, -- etwas, das die bloße Ankündigung der Trennung schon mit ganzer Wucht als Trennung empfand und nicht mehr davon los konnte.

Sie fühlte heißes Mitleid in sich aufsteigen. Und jetzt kam Erik ihr doch hart vor. Wie konnte er nur wollen, daß Ruth so von Haus zu Haus, von Hand zu Hand ging. Unwillkürlich suchte sie nach Worten, die wahrhaft trösten könnten. Gab es keine solchen? In ihrer Ratlosigkeit griff sie nach dem Höchsten, das sie gekannt hatte.

»Wir wissen alle nicht, wo wir bleiben, und was mit uns geschieht,« sagte sie zögernd, »wir wissen es nie. Es steht in Gottes Hand. Aber wir sind auch nie allein, wo wir auch hingehen. Gott ist allgegenwärtig.«

Ruth lächelte flüchtig.

»Ja,« versetzte sie traurig, »was kann es helfen, daß Gott allgegenwärtig ist, wenn die Menschen es doch nicht sind? die Menschen, von denen wir fortgehen.«

Klare-Bel schwieg peinlich berührt. Sie gab es auf, Ruth trösten zu wollen. Wenn diese so etwas sagte, klang es kindisch und vermessen zugleich. Wer mochte darauf antworten?

Ueber Eriks Abwesenheit äußerte Ruth kein Wort; obgleich er ihr nicht davon gesprochen hatte, wunderte sie sich doch nicht darüber, ihn nicht zu sehen. Es mußte wohl so sein: war doch alles in Auflösung begriffen.

Jonas erfuhr nichts von der bevorstehenden Trennung. Niemand teilte es ihm mit. Er hörte nur, daß Ruth wieder gesund sei, aber das glaubte er nicht. Wie konnte sie gesund sein, wenn sie doch so ganz verwandelt war seit gestern. Und nicht nur Ruth, alles schien ihm wie verwandelt.

Gern hätte er sie gebeten, ihm zu sagen, was gestern geschehen sei, aber sie ging den ganzen Tag mit so in sich gekehrtem, fremdem Blick an ihm vorbei, daß er es nicht herausbrachte. So begnügte er sich damit, so oft er nur konnte, neben ihr zu sitzen, den Arm um ihre Stuhllehne gelegt, und von Zeit zu Zeit behutsam und zärtlich ihre Hand zu streicheln. Manchmal duckte er sich auch und küßte ihre Hand, ohne daß Ruth es beachtete.

Daß Erik nicht zu Hause war, verstärkte in Jonas noch die Empfindung, daß er über Ruth zu wachen habe, wie ein getreuer Wächter. Am liebsten hätte er sie mit Leib und Leben verteidigt, aus Todesgefahr errettet, -- wenn er nur gewußt hätte, wovor und vor wem.

Spät abends, als sie längst in ihre kleine Stube hinaufgestiegen war, patrouillierte Jonas noch unermüdlich im Garten vor ihrem Fenster auf und ab, und es that ihm leid, daß so absolut nichts passieren wollte. Endlich verfügte er sich mit einem krampfhaften Gähnen in sein Bett, aber er schlief unruhig und erwachte bald wieder.

Da sah er deutlich im Garten vor der Terrasse Ruths Fensterkreuz auf einem hellen Lichtfleck abgezeichnet: bei ihr mußte jetzt, gegen Morgengrauen, noch Licht brennen.

War sie krank? unglücklich?

Er hielt es im Bett nicht aus. Im Nu war er in seinen Kleidern und kletterte geräuschlos aus dem Fenster. Vor der Terrasse stand die alte Ulme; sie besaß einen bequemen Sattel, von dem aus zwei mächtige Aeste sich gabelten. Wie eine Katze glitt Jonas am bemoosten, von den starken Niederschlägen der Nacht schlüpfrig gewordenen Stamm hinauf.

Verlangend blickte er in den gelblichen Kerzenschein, der aus der Giebelstube fiel.

Ruth saß auf dem Bett. Vollständig angekleidet, so wie sie hinaufgestiegen war, saß sie noch da; die Arme vor sich hingestreckt, die Hände auf den Knieen gefaltet, kehrte sie Jonas fast voll ihr Gesicht zu. Den Kopf ein wenig erhoben, schaute sie weit hinweg über die dunkeln Wipfel des Gartens.

Sie schaute so geheimnisvoll, wie in eine unendliche, verklärte Ferne. Und um die festgeschlossenen Lippen lag ein stiller Ausdruck, -- lag Ergebung.

Jonas starrte auf sie hin mit weitgeöffneten Augen. Er war so im Bann des ~einen~ Bildes, daß er gar nicht mit Bewußtsein wahrnahm, was das flackernde Licht auf dem Tisch sonst noch beleuchtete. Er sah nicht, daß der Tisch selbst abgeräumt war, die Stühle zusammengeschoben, -- nicht, daß auf ihnen ein offener, halbgefüllter Koffer stand, und daß die Wände, ohne den Schmuck seiner Bleistiftsskizzen, kahl und leer auf Ruth niederblickten.

Er sah nur sie, seine lustige Ruth, wie in dem Bilde einer betenden Heiligen, und alles, was in dem gestrigen Erlebnis seine schwerfällige Knabenphantasie in mächtige Schwingungen versetzt hatte, gewann erneute Gewalt über ihn. Ruth selbst wurde zu etwas Geheimnisvollem und Leidendem für ihn; aus der fröhlichen Spielgefährtin zu einem Wesen, das seine Schwärmerei wachrief.

In Gedanken hörte er wieder den leisen Klagelaut von gestern; er sah sie auf dem Bett daliegen, den Vater über sie gebeugt, -- und sein Herz schlug beklommen. Er vermochte die Augen nicht vom Fenster abzuwenden.

Die Nacht war kalt; vom Rasen unter ihm stieg der Nebel auf. Schmal und blaß hing die kleine Mondsichel am östlichen Himmel, und aus dem Gehölz klang verschlafen ein Rabenkrächzen.

Jonas fror; er schob die Hände unter seine dünne Sommerjacke und drückte sich dichter gegen die breiten Aeste, deren Feuchtigkeit ihn allmählich durchdrang. Dabei fiel ihm der eine seiner roten Pantoffeln klatschend aus die Terrasse nieder.

Er zog den nackten Fuß unter sich und überlegte ärgerlich, ob er hinuntersteigen solle, den verlorenen Schuh zu holen. Da bewegte Ruth sich. Das Geräusch draußen hatte sie aus ihrer Traumversunkenheit geweckt.

Sie stand langsam auf und löste ihre Bluse von den Schultern.

Ein Arm hob sich heraus und, unter dem von keinem Schnürleib bedeckten Hemde, die zarte Wölbung der Brust.

Einen Augenblick stand sie mit gesenktem Kopfe still. Dann hob sie die entblößten Arme hoch über sich, stürzte vor ihrem Bett auf die Kniee und warf sich mit ausgebreiteten Armen darüber hin, den Oberkörper langgestreckt, in den Kissen vergraben. So blieb sie regungslos liegen.

Jonas verharrte unbeweglich und hielt den Atem an. Er hatte den Schuh, er hatte die Kälte vergessen.

Vor seinen Augen flimmerte es.

Weit vorgebeugt, die Finger hineingekrallt in die belaubten Zweige, um nicht zu fallen, starrte er mit klopfenden Schläfen nach dem Bett.

Ueber ihm glomm langsam der Morgen herauf. --

* * * * *

Als Gonne früh morgens, beim Fegen der Terrasse, den Pantoffel auflas, war Jonas längst frostbebend in sein Bett gehinkt, halb bewußtlos vor Kälte und Erregung. Er gab sich den nächsten Tag große Mühe, ein starkes Unwohlsein zu verbergen, konnte aber vor Heiserkeit kaum sprechen, und seine Augen glänzten im Fieber. Auf Klare-Bels besorgtes Drängen und Fragen bekannte er, die Nacht im Garten gesessen zu haben.

Nach dem Essen warf er sich angekleidet auf sein Bett.

Um diese Zeit kehrte Erik nach Hause zurück. Klare-Bel erwartete ihn erst mit Einbruch der Nacht. Aber er hatte auch von Moskau den Nachtzug benutzt.

Ruth stand in seinem Arbeitszimmer, bemüht, ihre Papiere und Hefte unter den seinen herauszusuchen, um sie einzupacken. Was war nun seines, -- was ihres? Der ganze Inhalt ihrer Studien in Niederschriften von seiner Hand, -- der ganze Inhalt seiner Pläne und Arbeiten für den Winter, seiner Gedanken und Vorträge wiedergegeben, niedergeschrieben von ihrer Hand.

Da vernahm sie unerwartet im Flur einen raschen, festen Schritt.

Die Thür von Eriks Zimmer in den Flur flog auf, und Ruth an seine Brust.

Sie hatte über Zweck und Dauer seiner Reise nicht nachgedacht. Von der einen Gewißheit hypnotisiert, daß sie fort mußte, nahm sie alles passiv hin.

Um so mächtiger jedoch wirkte der plötzliche Anblick Eriks jetzt auf sie. In diesem einen Augenblick vergaß sie alles, -- in diesem einen Augenblick siegte die Gewalt der Gegenwart über jeden Kummer, der bevorstand, -- leugnete ihn, vernichtete ihn, -- in diesem Augenblick wurde alles, -- alles gut.

Sie vermochte nichts zu denken, als daß er da war. Und daß sie bei ihm war.

Fest, -- fest schlangen sich ihre Arme um seinen Nacken, fest barg sich an seiner Schulter ihr Gesicht.

So stehen bleiben, -- für immer so stehen bleiben, festgewurzelt für immer an dieser Stelle, hineingeschmiegt in die weiten, weichen Falten des geöffneten Reisemantels, -- nichts fühlen, nichts vernehmen, als den starken, dumpfen Herzschlag, der ihr entgegenpochte, -- für das ganze Leben nichts -- nichts mehr.

Sie wechselten kein Wort.

Aus Eriks Hand war die Reisetasche auf den Boden geglitten; stumm hielt er Ruth an der Brust, schwer atmend und den Kopf niedergebeugt auf ihr Haar.

Und plötzlich gruben sich seine Hände hart in ihre Schultern, um ihre Hüften, und umschlossen sie mit so gewaltthätigem Griff, daß es wie Schmerz und Ersticken über sie kam, -- als müsse er sie nun zerbrechen. Zerbrechen unter seinen Händen und an seiner Brust, -- sterben, -- nicht fortgehen, -- dachte sie, und es überflutete sie mit einem jauchzenden Glücksgefühl, wie sie es nie gekannt.

Erik sah sie lächeln.

Er verlor die Besinnung.

»Wahnsinn!« schoß es ihm wie Feuer durch den Kopf, »Wahnsinn! Wahnsinn, sich zu lassen, wenn man sich liebt.«

Eine Sekunde lang, -- dann ließ er sie so jäh los, daß sie zurücktaumelte. --

»Erik!« rief Klare-Bels Stimme durch das Nebenzimmer, »Erik, bist du wieder da?«

Er hing den Mantel an den Ständer, dann öffnete er die Thür zu der Wohnstube, in der sie lag.

»Denke nur, Erik, Jonas ist inzwischen krank geworden, -- so schwer erkältet, -- hoffentlich ist es nicht schlimm. Er hat -- -- aber was ist dir?«

Er stand da wie ein Betäubter, das Blut in den Augen.

»Nichts. Ein Schwindel,« murmelte er, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf auf die Handflächen.

»Das ist diese übertriebene Eile!« klagte sie besorgt, »-- daß es mit solcher Windeseile vor sich gehen soll. Wann ist es denn nun, daß sie reist, Erik?«

»Morgen, -- um Mittag,« sagte er leise.

»Mein Gott, so schnell ist es aber doch rein unmöglich! Denke doch nur, was es für eine solche Abreise alles zu ordnen und zu überlegen gibt. Ruth braucht doch gewiß noch manches, was für sie beschafft werden muß.«

»Es kann alles in Heidelberg beschafft werden.«

»Nun ja, Erik. Aber wenn du wüßtest, wie tief es ihr geht. Wie blaß und elend sie ausgesehen hat, gestern und heute. Sie ist doch nur zart.«

»Hör auf!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Ach, Erik, ich widerspreche dir ja nicht! Das thue ich ja niemals! Sie thut mir nur so leid. So allein ist sie, und so liebebedürftig. Und nun: von Haus zu Haus, von Hand zu Hand. Und wenn sie nun erkrankt, --«

»Hör auf!« unterbrach er sie außer sich und sprang auf, und warf den Stuhl zurück, daß er zu Boden schmetterte, »hör auf, Bel! Es ist genug! Ich will es so!«

Damit verließ er das Zimmer.

Mit erschrockenen Augen sah sie ihm nach. Erik war fast immer sanft gegen sie, obschon -- oder vielleicht weil -- ihr Wille gegen den seinen nie recht in Betracht kam. In so heftigem Ausbruch hatte sie ihn lange nicht mehr gesehen, -- wohl seit ihrem Krankenlager nicht mehr. Kranke sind gute Lehrmeister!

Nur in den ersten Jahren ihrer Ehe. Da war ihm der rasche Zorn noch nicht verraucht, da ward er leicht heftig, wenn seine Frau nicht ganz dem entsprach, was er erwartet, was er mit ihr gewollt hatte.

Seltsam: damals erschreckte es sie nicht, -- nein, mehr noch, so wunderlich es auch sein mochte: sie liebte diesen Zorn. So deutlich fühlte sie, daß Eriks Liebe damit verknüpft war. Gegen einen ihm gleichgültigen Menschen konnte er nie heftig werden. Mit dem Interesse an einem Menschen wuchs in dieser herrischen Natur das Verlangen, ihn zu formen, zu gestalten, nach seinem Willen umzuprägen. Liebe und Härte fielen zusammen.

Klare-Bel hatte ein russisches Geschichtenbuch gesehen, da befanden sich auf dem dazu gehörigen Titelbilde zwei Bauersfrauen: die eine, im roten Sarafan, auf die ihr Eheliebster mit einem Weidenprügel dreinschlug, lachte über das ganze Gesicht; die zweite, im blauen Sarafan, saß daneben am Weg auf einem Stein, sah neidisch zu und weinte sich die Augen aus, indes ihr Liebster mit einer andern spazieren ging.

Das war gewiß eine dumme Geschichte. Aber diese beiden Bauersfrauen konnte Klare-Bel gut verstehen.

Niemals sollte sein Zorn sie schrecken: nur, daß er mit seinem Zorn seiner Liebe vergäße. --

Der Tag schlich langsam zu Ende. Es war so still im Hause, als ob keiner darin anwesend sei. Erik hatte lange bei Jonas gesessen, ihn genau angesehen, alles Notwendige veranlaßt und den heftig Widerstrebenden gezwungen, sich ganz zu Bett zu legen. Es handelte sich um eine starke Halsentzündung mit beträchtlichem Fieber.

Ruth stand auf dem Flur, gegen das Treppengeländer gelehnt. Sie wußte selbst nicht, warum sie dort stand. Wahrscheinlich weil alle Thüren sich in den Flur öffneten. Und aus einer der Thüren mußte doch endlich Erik kommen. Und wenn er kam, mußte er doch zu ihr treten. Sich nach ihr umwenden. Er mußte doch einsehen, daß es unmöglich war, so fremd aneinander vorüberzugehen, wie er es heute abend that.

Sie wollte so wenig: nur seinen Blick auf sich gerichtet sehen wollte sie, -- nur seine Hand fühlen, einen Augenblick lang.

Seitdem Erik sie an sich gerissen, und von sich gestoßen hatte, war eine ratlose Verzweiflung über Ruth gekommen. Die äußere Trennung, die nahm sie ja hin, wie etwas Furchtbares, aber Unabwendbares, weil er es so forderte. Aber daß er sie ganz plötzlich auch innerlich von sich losriß, das konnte sie nicht ertragen. Ihn den Blick absichtlich fortwenden zu sehen, -- ohne ein Wort der Liebe für sie, ihn wie einen Fremden dastehen zu sehen, -- das konnte sie ganz gewiß nicht ertragen.

Zur Schlafenszeit trat Erik aus dem Wohnzimmer heraus. Als er Ruth an der Treppe bemerkte, sagte er ihr gute Nacht. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, ihre Augen schauten dunkel und vorwurfsvoll zu ihm auf. Aber er sah ihr nicht in die Augen. Er gab ihr nur flüchtig die Hand. Dann ging er an ihr vorüber, zu Jonas hinein.

Bald darauf siegte die Uebermüdung über ihn; wider Erwarten fiel er in einen schweren Schlummer. Aber aufregende und häßliche Träume erfüllten seinen Schlaf, furchtbare Träume, die seinen Körper mit kaltem Schweiß bedeckten.

Er sah Ruth vor sich, gealtert, verwelkt, mit gefurchten Zügen und gekniffenen Lippen, mit Lippen, wie sie eine leere, liebeleere Jugend gibt; er sah sie in einem lächerlichen Bilde, wie in einer Theaterposse, als tugendsame hysterische alte Jungfer, mit der unerfüllten Sehnsucht nach Zärtlichkeit im erloschenen Blick. Und da, als er in der Angst des Traumes gewaltsam seine Augen von der Fratze wandte, -- fort, einem andern Ruthbilde zu, -- da wandelte es sich vor ihm -- zu nackter, entblößter Schönheit. Nackt sah er Ruth, -- und schamlos, fremden Männern preisgegeben, -- einen weißen Körper, der nicht der ihre war, ein lachendes Antlitz, das nicht das ihre war, -- und doch wußte er: es sei Ruth.

Er erwachte mit einem stöhnenden Laut. Und noch aus dem Traume heraus hörte er küssen und lachen.

Aber das leise Stöhnen wiederholte sich, als habe es ein Echo an den Wänden des Zimmers gefunden, und ein unterdrücktes Weinen schlug an Eriks Ohr.

Er richtete sich auf und lauschte.

Das Weinen kam aus Jonas' Bett, welches neben der offenen Verbindungsthür beider Stuben stand. Man konnte deutlich hören, wie er es in den Kissen zu ersticken suchte.

Erik ermunterte sich völlig. Er machte Licht und näherte sich Jonas' Bett. Als dieser ihn kommen hörte, verkroch er sich nur tiefer in seine Decken.

»Hast du Schmerzen?« hörte er den Vater fragen, »bist du kränker geworden?«

»Ich bin nicht krank!« murmelte Jonas, »es ist unnütz, mich mit Gewalt im Bette zu halten. Ich weiß doch alles! Ich weiß jetzt alles! Es hat nichts genützt, es vor mir zu verheimlichen! Und was ich noch nicht wußte, habe ich gehört! Ich habe gehorcht und habe es gehört!«

Erik schwieg einen Augenblick betroffen.

»Du sprichst im Fieber,« sagte er dann, »was weißt du denn, was hast du gehört?«

»Daß sie fortgeht! Daß sie morgen fortgeht!«

Und er wühlte sich schluchzend in seine Kissen.

Erik tastete nach seinem Gesicht und legte ihm die Hand besorgt an die trocken brennende Stirn. Aber Jonas stieß seine Hand zurück.

»Nein!« sagte er fast keuchend, -- »du willst es ja, -- du bist es ja -- schuld, daß sie fortgeht. Vor dir schützen muß ich Ruth, -- schützen, denn was weißt du, -- wie ihr zu Mute ist. Du weißt nicht, hast nicht gesehen, -- wie sie daliegt die Nächte, -- halb ausgekleidet, an ihrem Bett, -- wie gestern.«

Erik preßte die fieberglühende Hand in der seinen zusammen, so daß Jonas die Zähne mit Gewalt aufeinanderbiß, um den Schmerz zu beherrschen.

»Was hast du -- gestern -- gesehen?« fragte Erik mit heiserer Stimme.

Jonas setzte sich auf.

»Sie kniete vor ihrem Bett,« sagte er traurig, »vielleicht weinte sie, -- oder betete, -- so geheimnisvolle Augen hatte sie, -- und ich habe mit ihr gewacht, -- ganze Nacht, heimlich, oben, in der alten Ulme vor der Terrasse.«

Erik sprach kein Wort.

Aber nach einer langen Pause hob er die Hand, und leise strich er Jonas über Stirn und Haar hin. Diesmal wurde die Hand nicht zurückgestoßen. Die sanfte, liebkosende Bewegung des Vaters, der ihn so selten liebkoste, empfand Jonas als ein wortloses Verstehen und Mitfühlen, das ihn um die letzte Fassung brachte.

Und plötzlich warf er die Arme um den Nacken des Vaters. Und wie ein unaufhaltsamer Strom, fieberheiß, halbverständlich, brachen die Worte aus ihm hervor, überstürzten sich und verklangen in einem Stammeln: »Papa, lieber Papa, hilf mir! Ich kann es nicht aushalten, daß sie fortgeht! Ich war böse auf dich, -- nimm's nicht übel, -- hilf mir! halte sie, Papa! sie bleibt da, wenn du es willst. Früher war ich mal eifersüchtig auf Ruth, ich glaubte, daß du sie mehr liebst als mich. Aber es schadet nichts, wie sehr du sie auch liebst, Papa! Denn ich liebe sie ja auch viel mehr als dich! Mehr als dich! Mehr als alles auf der Welt!«

Erik löste leise die Hände von seinem Nacken und hielt sie fest.

»Nimm dich zusammen!« sagte er halblaut, aber mit der eindringlichen Stimme, der Jonas unbedingt zu folgen gewöhnt war, »du darfst nicht hier liegen und dich so haltlos gehen lassen. Selbst nicht im Fieber. Nimm dich zusammen.«

Fast mechanisch versuchte Jonas zu gehorchen. Er atmete mühsam.

Erik hatte sich auf die Kante des Bettes gesetzt, ohne seine Hände los zu lassen.

»Lege dich nieder. Ganz ruhig. Unterdrücke die Unruhe. Komm, mein Junge! strammer! Und nun höre mich: ich will dir helfen, wenn du mir folgst, aber anders als du denkst. Von Ruth mußt du dich jetzt trennen. Wir alle müssen es. Denn morgen schon reist sie fort, und bis dahin wirst du nicht aufstehen dürfen.«

Jonas fuhr empor.

»Papa! das muß ich! ich springe aus dem Bett! Ihr haltet mich nicht! Ich muß Ruth küssen, -- ich muß sie küssen, -- wenn sie geht!«

»Mit einem kranken, entzündeten Hals und Fieber wirst du Ruth nicht küssen wollen, hoffe ich,« unterbrach ihn Erik in einem Ton, der jede Widerrede abschnitt; »und du wirst es nicht nur unterlassen, sondern auch alles thun, was ich von dir verlange. Dich vollkommen beherrschen, wenn sie von dir Abschied nimmt. Mit keinem Wort, keiner Heftigkeit, keinem einzigen klagenden Ton es ihr noch erschweren. Alle Aufregung mit festem Willen niederzwingen. Das alles wirst du thun. Ich muß mich unbedingt auf dich verlassen können, wenn ich sie zu dir hereinführen soll. -- Kann ich es?«

»Ja!« stieß Jonas hervor, während ihm die Lippen noch zitterten. Er konnte nicht an gegen diesen Willen, der den seinen in Bann hielt.

»Gut. Und nun will ich dir einen helfenden Trost geben für deinen ersten großen Schmerz,« sagte Erik mit so weicher Stimme, daß es Jonas war, als spräche er mit den Lauten seiner Mutter zu ihm, »wenn Ruth von dir gegangen ist, blicke nicht zurück auf sie, sondern vorwärts in dein Leben; sorge dafür, daß du dich tüchtig entwickelst, arbeite daran, daß du bald ein ganzer Mann wirst, -- damit du ihr einst ein ganzer Freund sein kannst, wenn sie deiner bedarf. So kommst du, in allem was du thust, zu ihr zurück, -- ihr nahe. Dulde es nicht, daß sie dich so ganz überflügelt und dich einst weit -- weit hinter sich zurückläßt! Jetzt kannst du zeigen, was du wert bist, -- und ob du's wert warst, Ruth gehabt zu haben.«

Jonas lag ganz still und lauschte.

»Ja!« sagte er begeistert, »das will ich! ach, Papa, das will ich!«

Und er hob den Kopf und küßte den Vater. Erik hielt seinen Kopf einen Augenblick lang an sich.

»Wir werden ~nie mehr~ hiervon miteinander sprechen,« sagte er leise, -- »nie mehr. Aber vergiß es nicht. Zwinge deine Gedanken auf die Arbeit, auf das, was vor dir liegt. Suche dich mit mehr Festigkeit zu beherrschen. Ich werde darauf achten und dir nichts durchgehen lassen. Streng mit dir sein müssen, mein Junge. Mache es mir nicht schwer.«

»Papa,« versetzte Jonas so zutraulich, wie er sonst nur mit Klare-Bel zu sprechen verstand, »ich will mich nie wieder vor dir fürchten. Sei so streng du willst gegen mich. Du hilfst mir ja damit, nicht wahr? Tüchtig zu werden. So fest und tüchtig wie kein andrer. Ausstechen muß ich jeden andern! Hilf mir schnell, ein ganzer Mann zu werden! -- Ein Mann für -- für -- ich meine: ein Freund für Ruth.«

Am liebsten hätte er sich im Bett aufgesetzt und geplaudert; Erik mußte ihm das Sprechen verbieten und das Zimmer verlassen. Nun schwieg er; er lag zufrieden im Bett und dachte angestrengt an die Zukunft.