Part 14
Erik war außer stande, sich wieder schlafen zu legen; er kleidete sich vollständig an. Er fühlte sich frei; wie erfrischt von einem langen, gesunden Schlaf, wie gekühlt und gestählt durch ein erquickendes Bad. Die ganze schwüle Beklommenheit vom Nachmittag und Abend, die noch auf seinen Träumen gelastet hatte, war verflogen. In der Einwirkung auf einen andern, dessen Unruhe er bezwang, dessen innerste, widerstrebende Gedanken er bestimmte, -- im kurzen Kampf mit dem Knaben, der zugleich sich gegen ihn auflehnte und ihm vertraute, hatte er sich selbst zurückgefunden. Seine Kraft geweckt und gesammelt. Er wußte recht wohl, wie es damit stand: wenn er sich am schwächsten fühlte, dann erstarkte er an der Kunst, andre in überlegener Behandlung zur Stärke zu veranlassen; an der gehobenen und mutigen Stimmung, die er von ihnen forderte und in ihnen hervorrief, -- an seinen eigenen überzeugten, überredenden Worten kletterte er selbst zu neuem Mute, neuer Zuversicht empor, wie an einer langen Leiter, die sich manchmal mitten aus seiner eigenen Verzagtheit erhob, aber bis ans Unbegrenzte zu reichen schien, -- bis an ein unbegrenztes Selbstvertrauen.
Viele tausend solcher Leitern, festgehalten von den Händen einer Menschenmenge, die ihn umdrängte, die an ihn glaubte, die auf ihn angewiesen war, -- und er hätte einen Himmel auf Erden erstiegen.
Nur kein Zusammenbrechen der festesten dieser Stützen! denn Stützen waren es, -- wie sehr auch er selbst als der Stützende dabei erschien. Niemand ist absolut stark.
Erik wußte recht wohl, wo seine Gefahr lag, wo auch in ihm der Schwächling steckte: da, wo er sich allein überlassen blieb.
Draußen herrschte noch dunkle Nacht. Es schlug drei Uhr.
Erik litt es nicht im engen, warmen Zimmer. Er öffnete leise die Hausthür und trat hinaus.
Die Finsternis war so dicht, daß er nur langsam der Tiefe des Gartens zugehen konnte. Er empfand den aufsteigenden Nebel, ohne ihn zu sehen. Das knisternde Rauschen der Birkenwipfel belehrte ihn über die Nähe des kleinen Gehölzes. Darüber glänzte am verhängten Himmel hie und da ein verlorener Stern. Das letzte Mondviertel, der schmale, blasse Vorläufer der Morgenröte, war noch nicht sichtbar.
Unweit der Bänke am Gehölz blieb Erik lauschend stehen. Er vernahm absolut nichts als das leise Rauschen der Blätter. Aber er fühlte, daß er nicht allein sei.
»Ruth!« murmelte er unwillkürlich.
»Ja! was soll ich?« fragte sie schüchtern.
Mit einem Schritt stand er neben der Bank; er tastete nach ihr.
»Was du sollst?! Im Bett sein!«
Er riß seine Joppe von den Schultern und warf sie ihr um.
»Was thust du hier mitten in der Nacht? Weißt du nicht, daß Jonas sich in dieser gefährlichen, kalten Feuchtigkeit das Fieber geholt hat?«
»Ja, ich weiß es. Aber mir schadet das nichts,« versetzte sie zaghaft, »das Fieber thut so gut; ich kenne es gut: da liegt man im Traum und hört auf zu denken. Und da dachte ich, ich könnte es auch so gut haben.«
Jetzt fühlte sie seine Hand, die sich fest um ihr Handgelenk legte.
»Was sagst du da?« fragte er ganz langsam, »du ~suchtest~ das Fieber?«
»Nein! nein!« rief sie flehentlich, »ich will es ja nur ein wenig, -- ein klein wenig nur, -- nicht so, daß es die Abreise hindern sollte! Ganz gewiß nicht!«
Ein Laut brach von seinen Lippen, wie wenn er verwundet würde. Sie konnte hören, wie seine Zähne leise übereinanderknirschten.
Er beugte sich über sie.
»Und das -- das glaubtest du zu dürfen,« sagte er matt.
»Ja, ich durfte es; denn ich will ja thun, was ich versprochen habe. Bin nicht ungehorsam. Nur so ganz allein bin ich. Niemand, der nur ein bißchen hilft. Da sollte das Fieber mir helfen. Ich darf thun, was ich will, -- wenn es nichts aufschiebt,« versetzte sie finster.
»So. Und wenn du nur rechtzeitig fortgekommen bist, meinst du, -- dann könntest du thun, was du willst? Auch vielleicht dich irgendwo hinsetzen und krank werden, wenn dir das ›hilft‹? Du irrst dich, mein Kind. Ich lasse dich nicht los, indem ich dich fortlasse. Und aus der Ferne sollst du mir doppelt gehorchen. Dein Versprechen geht auf dein ganzes Leben. Du bist mein. -- Bist du es?«
»Ja!« rief sie inbrünstig.
»Steh auf und geh hinauf.«
»Ich kann es nicht so, -- ich muß erst wissen, -- wann reise ich?«
»Ich werde es dir morgen sagen. Heute nacht nicht. Du sollst dich hinlegen und zu schlafen versuchen. An nichts denken als daran, daß du schlafen sollst. Wirst du es?«
Sie war schon aufgestanden.
»Ja!« murmelte sie, »morgen! Ich muß morgen fragen, was ich will.«
»Das sollst du.«
Er gab ihr die Hand.
»Geh voraus. Gehe nur. Ich folge schon. Warte im Hause nicht auf mich.«
»Gute Nacht!« sagte sie gehorsam und ging.
»Mein Liebling! gute Nacht!« rief er ihr nach.
Und im Klang seiner Stimme lagen alle die Liebkosungen, nach denen sie den ganzen Tag, die ganze Nacht gehungert hatte.
»Verzeih mir! Liebling,« sagte er reuig vor sich hin, während er ihr langsam folgte. Allein gelassen hatte er sie, allein stehen lassen in dem Augenblick, wo sie seine ganze Kraft und Liebe erwartete und ihrer bedurfte. Weil er sich selbst nicht traute, nicht vertraute, -- aus Furcht vor seinen Sinnen, -- und vor diesem unwissenden Kindersinn, der ihm mit einem Lächeln entgegenkam.
Das war feige gewesen. Nicht durfte er aus solchen feigen Gründen in letzter Stunde seine Hand zurückziehen, nach der sie sehnsüchtig und gläubig griff, als nach der Hand des einzigen Menschen, den für sie die Erde trug. Nicht überlegen, nicht geizen, nicht einschränken das, was er ihr gab, und wonach es sie mit einer Inbrunst verlangte, -- mit einer Zärtlichkeit, wie sie auf der ganzen Welt nur das einsame, das nie geliebkoste Kind kennt.
Aus einer unendlichen Fülle heraus sollte noch einmal seine Liebe sie umhüllen, sie umgeben, weich und schützend wie Mutterliebe, -- aus einer so reichen, so kraftsichern Fülle heraus, daß er sich aller Bedenken entschlagen konnte, -- daß er sein Liebstes nur noch wie auf starken Armen hob und trug, -- es einem schlummernden Kinde gleich in einem letzten Traum hinübertrug in die fremde, die kältere Welt. --
Der Hausflur war schwach erhellt von dem Licht, das an der offenen Thür zu Eriks Zimmer stand. Ruth hing die Joppe über den Thürgriff, und ohne sich nach Erik umzusehen stieg sie hinauf.
Er löschte das im Luftzuge flackernde, tropfende Licht und warf sich ausgestreckt auf den Lederdiwan in seinem Arbeitszimmer, froh des Dunkels, der Einsamkeit.
Seit der Stunde seiner Rückkunft gestern verlangte ihn unbewußt nach dieser Stille und Einsamkeit.
In dem Augenblick, wo er gestern aus dem Flur zu seiner Frau hineintrat, in dem Augenblick, wo Ruth an seiner Brust lag, und Bels Stimme ihn rief, war etwas Sonderbares in ihm vorgegangen. Sie rief: »Erik, bist du wieder da?« -- Aber ihn durchgellte es wie: »Erik, gehst du fort von mir?«
Und als er sie wiedersah, sie daliegen sah in dem Zimmer, das er so gut kannte, genau so wie zwei Tage vorher, da kam es ihm vor, als läge eine lange, lange -- jahrelange Reise dazwischen, während der er seine Frau nicht gesehen, nicht mit sich genommen, -- ja, vergessen hatte. Es war fast wie ein Moment der Geistesstörung gewesen.
Und die Erregung, in der alle seine Nerven noch zitterten, ließ keine Selbstbesinnung zu.
Aber jetzt -- jetzt stellte er sich wieder dahin, auf die nämliche Stelle, Bel gegenüber und ihrer fragenden Stimme, und jetzt antwortete er ihr: »Es ist eine lange, lange Reise gewesen. Ich ~habe~ dich nicht wiedergesehen all diese Zeit hindurch, -- dahin nicht mehr gesehen, wo du bist: dich vergessen.
Nicht zufällig, nicht unabsichtlich, nicht im Rausch des Augenblicks. Nein, bewußt und gewollt. Mit allen Sinnen und Gedanken wollte ich nur ~einen~ Punkt vor Augen haben, ihn durchschauen, durchdringen, -- in eine verhüllte Zukunft schauen und dringen. Unbeirrt von allem, was hindert und bindet. Frei, wie einer, der alles hinter sich geworfen hat, und dasteht wie ein Bettler oder wie ein König, wollte ich meine Hände aufheben zu meinem Glück.
Dann -- einst -- ist es an der Zeit, zurückzukehren zu den Fragen und Forderungen, den Pflichten und Fesseln des täglichen Lebens, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Zu dir zurückzukehren. Zum Kampf. Zum Kampf um mein Glück.«
Erik hatte die letzten Worte fast laut gemurmelt: »Kampf -- -- -- Glück.«
Er öffnete, wie erwachend, die Augen.
Es war hell um ihn. Die Nacht vorbei. Glutrot stand der Himmel, wie in Flammen.
Hinter dem Gehölz ging die Sonne auf. Purpurn, strahlenlos wie ein ungeheurer Mond leuchtete sie durch den Morgennebel. Und purpurner Glanz auf den Fenstern, auf dem Fußboden.
Noch war im Hause niemand zu hören. Nur die Schwarzdrosseln schwatzten vor dem nahegelegenen Küchenfenster und unterhielten sich darüber, ob Gonne ihnen wohl bald, beim Zubereiten des ersten Frühstücks, ein paar Krumen zuwerfen werde?
Erik stand auf, stand still angesichts der Morgenherrlichkeit.
Er hatte Bel geliebt, -- so sehr, wie, nach seiner Meinung, der Mann bisher das Weib überhaupt lieben kann: nicht nur mit der Habgier der Sinne, nicht nur zu einem flüchtigen Liebesbündnis, das zufällig »Ehe« hieß, sondern zu einem wirklichen Lebensbündnis, das kein Staat, kein Priester, das nur der eigene, bewußte Wille besiegelt. Es war gewesen, wie er damals, im scherzenden Gespräche über die Ehe, zu Warwara gesagt: kein Pflichtbewußtsein, sondern das dauernde Glücksbewußtsein, seinem Weibe, auch nach dem Schwinden der Sinnenliebe, alles in allem zu sein. Daran hatten weder Krankenlager noch Altern, weder Lebensenttäuschungen noch Liebesversuchungen jemals das Geringste zu ändern vermocht.
Wenn er ihr je untreu geworden in einer heißen Aufwallung des begehrlichen Blutes, -- oder auch in einem bittern Rückblick auf die zerstörten, für sie hingegebenen Hoffnungen seiner Jugend, dann lehnte er sich gegen sich selbst auf mit Kraft und Härte. Niemals hätte er es doch zugegeben, daß irgend eine Gewalt stärker über ihn werden könne als sein Wille, seine Bürgschaft.
Und nun, wenn er alles sammelte, was er an Scham und Selbstvertrauen, an Stolz und Herzensgüte besaß, -- wenn er das alles sammelte und zusammenraffte, war es nicht genug, um Bel, die Wehrlose, gegen einen Kampf mit ihm zu schützen? Oder, wenn es denn in der Zukunft zu einem solchen Kampfe kam, gab es in seinem vergangenen Leben nichts, was stark genug, heilig genug, barmherzig genug war, um für Bel einzutreten und gegen ihn selbst zu siegen?
Erik schaute geradeaus, hinein in das rote Flammenmeer am Himmel. Er wollte, -- er mußte ehrlich sein.
Und er sagte sich: »Nein.« -- -- --
* * * * *
Auf der Terrasse wurde der Morgentisch gedeckt. Eriks Platz am Tisch blieb aber heute leer. Ganz früh hatte er sich Thee auf sein Zimmer bestellt, dann ging er zu Jonas hinein, um nach ihm zu sehen.
Gleich nach dem Frühstück ließ er Ruth zu sich bitten.
Als sie kam, streckte er die Hand nach ihr aus.
»Du schlechtes Mädel. Bist du gesund geblieben? Laß mich sehen.«
Sie nickte und trat zu ihm an den alten Ledersessel am Fenster.
Aufmerksam betrachtete er sie. Ihre Augen waren dunkel umschattet. Aber sie blickten sicher, -- fest. Es fiel ihm auf. Sie blickten beinahe kalt.
Er strich ihr das Haar aus dem blassen Gesicht zurück.
»Weißt du auch noch, daß hier dein alter Platz ist? Hier am Stuhl. Wo du zuerst herkamst. Wir haben ihn wohl fast vergessen, draußen im Garten und -- bei den andern. Monatelang. Aber der heutige Morgen gehört uns allein. Uns zusammen. Und den wolltest du krank zubringen.«
Sie antwortete nicht.
Ganz leise nur beugte sie gegen ihn den Kopf vor, so daß seine Hand durch die Haarwellen hindurchglitt, und schwieg still.
»Du bist ein dummes Kind,« sagte er, »sonst hättest du gewußt: wenn ich etwas von dir verlange, so sollst du es klar und still thun. Niemals in einem Fieberrausch. In keinem Sinn. Ich weiß, es ist tausendmal schwerer. Aber niemals sollst du es dir erleichtern. Durch nichts. Nur war ich dieses Mal selbst nicht ohne Schuld, Ruth. Ich selbst war wie krank, -- nicht wie ich sein sollte. Siehst du, nun beichte ich es dir auch. -- -- -- Ist es nun gut?«
Sie blickte ihn unverwandt an. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Eins fehlt noch,« sagte sie.
Ihm kam ein Lächeln.
»Noch etwas? Was denn, mein anspruchsvolles Fürstenkind?«
»Darf ich nicht anspruchsvoll sein?«
»Das darfst du. Halte deine Hände offen, Liebling, und laß dich beschenken.«
Da glitt sie am Sessel nieder, auf ihren alten Platz zu seinen Knieen, und hob ihr Gesicht auf zu ihm, -- Trotz in den Augen.
»Ich meine kein Geschenk. Ein Recht.«
Erik stutzte.
Er schaute forschend in ihre Augen, mit dem fest auf ihn gerichteten rätselhaften Blick.
»Nimm dir dein Recht, Ruth,« sagte er einfach.
Sie flüsterte kaum hörbar: »Daß ich erfahre, ~warum~. Das plötzliche Fortmüssen, -- -- -- ~warum~?«
Er legte ihr die Hand über die Augen.
Eine lange Pause entstand.
»Du hattest vorhin ganz recht: eins fehlt noch,« antwortete er dann, »zwischen uns fehlt ~eins~. Weißt du, was es ist? Daß zwischen dir und mir ein zu großes Stück Menschenleben liegt, -- daß wir im Alter so weit voneinander entfernt sind. Denke nur: du und noch einmal du, das gibt immer noch nicht: ich. Auf eine so große Entfernung hin ist es bisweilen schwer, manches miteinander zu teilen, -- mitzuteilen. Aber nun sieh das Wunder: dieser Mangel, diese Lücke und Leere zwischen dir und mir, -- ~sie~ eint uns gerade. Nur sie macht, daß ich dich leiten und dir befehlen kann. Sie macht, daß du da so vertrauensvoll knieen kannst, wie eben jetzt, und mit deinen trotzigen Augen zu mir aufschauen. Sie macht, daß ich den Weg besser kenne als du. Denn ich habe den halben Weg schon zurückgelegt. -- Oder könntest du das missen? möchtest du lieber, ich stände neben dir, von gleichem Wuchs wie du? noch suchend, irrend, eines Wegweisers bedürftig, wie du?«
»Nein!« sagte sie lebhaft, »das wäre wie zwei Kinder im Walde.«
»Dann nimm es hin, daß ich dir nicht antworte.«
Sie erwiderte nichts, aber er fühlte, wie ihr Herz wild zu schlagen begann. Sie gab nicht passiv nach, wie bis gestern noch. -- Sie war gestern irre geworden. --
Mit letzter Kraft mochte sie sich gegen ihn zusammengerafft, -- sich eingeredet haben, ihm gegenüber noch Kraft zu besitzen: Selbständigkeit. Im arglosen Schlummer erschüttert, mochten ihre Gefühle in Gärung gekommen sein, -- mochte eine Welt von unverstandenen Empfindungen in ihr ringen.
Die feine, ruhige, gerade Linie, in der sie sich vor Eriks Augen so kindlich weiter entwickelt hatte, wurde ihm undeutlich, wurde unruhig, -- sie schien sich zu biegen, -- eine Wendung zu machen: eine Wendung zu ihm hin -- oder von ihm fort.
Ueber Erik kam eine Spannung, die alle seine seelischen Fähigkeiten aufs äußerste schärfte, sein ganzes Wesen erwartungsvoll spannte, und jegliche sinnliche Erregung vollkommen niederhielt.
Er legte seinen Arm um Ruth und bog mit der Hand ihren Kopf zurück. Ihre Lippen zitterten.
»Sieh mir in die Augen, du Trotzkopf!« sagte er, »was hat sich da in dir geregt? Brich den letzten Trotz, -- denn es war einer. Laß mich ihn brechen. Es schadet nichts, wenn es einen Augenblick schmerzt. Gib nach, laß es geschehen. Wirf dein Recht von dir, mache dich rechtlos. Um Kinderrecht zu haben: um folgen zu dürfen, ohne zu fragen. Um zu gehen, ohne ein Warum.«
»Wann -- gehen?« fragte sie undeutlich.
Er drückte ihren Kopf an sich.
»Heute,« sagte er mit bedeckter Stimme, »jetzt. Jetzt gleich. Nein, nicht zusammenschrecken. Sei mein mutiges Kind. Wir haben nur noch diese Stunde, Ruth. Dann bringe ich dich in die Stadt. Zum Zuge, der ins Ausland fährt. Frau Römer wartet auf uns.«
Sie hatte sich in seine Arme geworfen. Sie umfaßte ihn so fest, als solle nichts sie von da wegreißen. Doch wußte er: sie widerstrebte nicht länger. Sie gab nach, willenlos.
Aber es war vielleicht nur die Angst des Abschiedes. Der Schreck davor, der sie überfiel. Gestern war sie doch irre geworden an ihm, -- und morgen? -- -- da besaß er keine Macht mehr über sie. Wußte nicht mehr, was in ihr vorging.
Er sagte sehr sanft: »Du gehst nicht fort, weil ich dir weh thun will, sondern weil ich dich lieb habe. So lieb, daß ich dir weh thun ~kann~. Gib dich dieser Liebe, Ruth, -- ohne Rückhalt, ohne Zweifel, -- gib dich ganz. Denke täglich, daß ich es zu dir sage, -- des Morgens mit deinem Erwachen, des Abends mit deinem Einschlummern: ~Ich hab' dich lieb.~«
Sie sah auf, ohne von ihm zu lassen, -- mit grenzenlosem Dank in den Augen sah sie auf. Ein kaum merkliches Lächeln spielte ihr um den Mund, -- ein wenig zaghaft noch.
»Da gehe ich ja nicht fort, -- da nehme ich Sie ja mit,« sagte sie, fast schelmisch.
Das Glück brach aus ihren Augen, -- ja, der Schalk.
Es berauschte ihn. Aber anders als gestern. Wohl hielt er sie im Arm, wohl kniete sie an seiner Brust, aber nicht seine Sinne wurden berauscht. Etwas unendlich viel Feineres, eine Wollust so fein, wie sie sich durch keine Sinne vermittelt, erfüllte ihn mit kraftvollem Genügen. Er konnte Ruth nicht unbedingter zu eigen nehmen, nicht stärker sich aneignen als in diesem Augenblick, wo er sie von sich löste, wo sie auf sein Geheiß von ihm ging, weil sie ihm lieb war.
Einigung und Trennung, selbstloses Verzichten und selbstsüchtiges Eingreifen, Schützen und Vergewaltigen, Dienen und Herrschen verschlangen sich ununterscheidbar in einem einzigen Gefühlsknoten, in einem einzigen Augenblick berauschenden Erlebens.
»Ist es nun nicht gut, daß du mir gehorchen und vertrauen mußt? daß wir ~nicht~ sind wie ›zwei Kinder im Wald‹, die sich verlaufen? Für die es schlimm wäre, wollte eines das andre aus den Augen verlieren, -- verlassen. Mir kommst du aus den Augen, und doch nie von der Hand. Ich bin mit dir wie jemand, den du nicht neben dir stehen siehst, und doch um dich weißt -- über dir walten, wo du auch gehst und stehst. Wie jemand, den du nicht fragen kannst, und der zu manchem schweigt, -- der aber doch alles weiß, was dir not thut und gut thut wie --«
»Wie Gott,« sagte Ruth keck.
Das Wort lief wie ein Schauder über ihn hin.
Aus Gespensterfurcht?
Nein. Aber wohl, weil er ahnte, was mit diesem Wort in ihr selbst aufwachen mochte, an unbewußtem, ungeheurem Fordern und Bewundern und Erwarten.
Sie sagte es, gar nicht in Ekstase. Wie etwas Selbstverständliches. Wie ein Kind einen Kuß gibt.
Aber er ahnte: nie, noch nie war sie der Liebe, der vollen Liebe, so nah wie in diesem kindlichsten Bekenntnis, -- dem vermessensten.
Nein, keine Gespensterfurcht! vor nichts.
Und er küßte sie aufs Haar.
»Nicht wie Gott, Ruth. Und doch für dich: wie dein Gott.« --
Im Wohnzimmer war Klare-Bel damit beschäftigt, Ruths Koffer zu schließen und ihr eine kleine Reisetasche zu füllen. Gonne half, das Letzte zu ordnen und zu besorgen. Am Gartengitter draußen stand ein leichtes Fuhrwerk, eine ländliche »Karfaschka«, welche das Gepäck aufnehmen sollte. Erik wollte mit Ruth zu Fuß zum Bahnhof gehen.
Als das Gepäck aufgeladen wurde, kam er mit ihr aus seinem Arbeitszimmer heraus. Klare-Bel blickte erstaunt auf. Weder er noch Ruth machten ein trauriges Gesicht. Und doch wußte sie: erst jetzt, dort im Zimmer, hatte er es Ruth mitgeteilt.
»Wie er das nur zu stande gebracht hat? Er kann doch alles, was er will!« dachte sie bewundernd.
Das kleine Fuhrwerk rasselte davon, auf dem holperigen Landweg in beständiger Gefahr, eines seiner wackelnden Räder zu verlieren. Erik scherzte darüber, und Ruth harte ihre Schelmengrübchen in den Wangen.
Es war eine Heiterkeit, wie wenn an einem großen stummen, dunkeln Gewässer ein Sonnenrand aufblitzt und die Oberfläche mit glitzernden Perlen überblitzt.
Nur Gonne stand in der Küche und weinte mit einem mürrischen, verschämten Gesicht.
Einige Minuten lang konnte Ruth noch bei Jonas im Zimmer verweilen. Dann trat sie reisefertig, die graue Wollmütze auf dem Kopf, heraus.
Jonas horchte angestrengt. Er hörte sie über den Flur gehen, -- den letzten, grüßenden Zuruf seiner Mutter, -- die Thüren gingen, -- -- dann eine Minute der Pause, -- -- und nun fiel, mit einem schwachen Knarren, die Gartenpforte ins Schloß. -- -- --
Langsam, totenstill schlichen die Stunden hin, eine um die andre. Am frühen Nachmittag kehrte Erik aus der Stadt zurück.
Aber es blieb so still wie zuvor.
Jonas hielt es nicht länger im Bett aus; er stand auf, und seinen kalten Umschlag um den Hals, einen dicken Wollstrumpf darüber gebunden, stahl er sich auf seinen roten Pantoffeln in das Zimmer des Vaters.
Der Vater war nicht da.
Jonas setzte sich an den großen Schreibtisch. Er mußte machen, daß er fertig wurde, ehe der Vater ihn hier überraschte.
Und seine Feder kratzte über das Papier.
Er schrieb an Ruth:
»Süße, liebe Ruth!
Ich habe mich in Papas Zimmer hingesetzt an den Tisch, an dem du arbeitetest.
So ungeheuer gern wär' ich zum Bahnhof mitgegangen! Weinen wollte ich aber nicht, ich biß ins Kissen. Als aber in der Ferne der Zug lospfiff (vielleicht war es gar nicht dein Zug), da habe ich trotzdem ein bißchen geweint. Ich dachte: nun fährt sie fort.
Papa hat mir aber einen guten Rat gegeben. Ich will dir noch nicht sagen, was für einen. Ich will ihn lieber erst befolgen. Und solange ich ihn befolgen muß, was ziemlich lange dauern kann, werde ich dir nicht schreiben. Aber dann schreibe ich dir, daß du meine Frau werden mußt. Im Spiel hast du es niemals sein wollen, und das hat mich manchmal so schwer gekränkt. Aber das war dumm von mir. Denn erst muß ich ein ganzer Mann für dich geworden sein.
Darüber habe ich Papa noch nichts zu sagen gewagt.
Jetzt muß ich schließen. Aber ich mußte es dir gleich schreiben, damit du es weißt. Vergiß mich nur nicht, wenn du dort einen andern Jungen findest. Am Ende sogar einen fertigen Studenten? Dann würde ich mich ja hier so ganz umsonst anstrengen.
Aber vielleicht findest du keinen.
Ich küsse dich mit tausend Küssen.
Dein Freund, (dein zukünftiger Mann,) Jonas.
+Pst. Scr.+: Ich weiß nicht, wo Papa jetzt ist, ich bin heimlich auf. Sonst würde er dich sicher grüßen lassen.«
* * * * *
Erik war oben in der leeren kleinen Giebelstube.
Er stand am Fenster und weinte.
V.
Unflüggem Vöglein gleich, dem bangt, Wo's flatternd eine Zuflucht fände, So bin ich, flüchtend nur, gelangt, Ein armes Kind, in deine Hände.
Kam scheinbar wohl in trotz'gem Sinn, -- Doch nur von Einsamkeit getrieben, und kniete schweigend bei dir hin, und wollte nichts, als Etwas lieben.
Und wollte nichts, als, kurze Zeit, Gleich einem Kind mich wieder wissen, Nichts, als ein wenig Zärtlichkeit Ganz scheu, von ferne, mitgenießen.
Nichts, als von kindlich tiefer Qual Auf einen Augenblick nur rasten, Nichts, als die junge Brust einmal In heißer Hingebung entlasten.
Wie ward mir wohl, da ich dich fand, Als müßte jeder Wunsch sich stillen, Seitdem du mich, mit sanfter Hand, Geborgen ganz in deinem Willen.
Als würde plötzlich alles klar, Als müßten alle Wirren weichen, Seit über das verwehte Haar Mir deine lieben Hände streichen.
Bis daß ein jeder Schmerz hinfort Versank vor zaubermächt'gem Troste, Seit, mit dem ersten Liebeswort, Dein Blick mich zwang und mich liebkoste;
Bis ganz die Welt um uns versank, -- Und nichts von allem mehr geblieben, Als nur ein grenzenloser Dank, -- Und nur ein grenzenloses Lieben.
Ruth hatte das nicht gedichtet. Erik hatte es gedichtet. Aber Ruth hatte es gestammelt. Ungezähltemal. Vielleicht auch in ungezählten Versen.
Er wußte es nicht. Aber oben in der Giebelstube, unter fortgeworfenen Papieren und verwelkten Blumen, hatte das durchgerissene Blatt mit den gestammelten Versen gelegen.
Und seitdem dichtete er diese Verse, er sah vor sich hin und dichtete an ihnen.
Ruth hatte sie nicht gedichtet. Erik hatte es gethan.
Aber so, -- so in jedem Worte würde sie sie gedichtet haben, -- ein wenig später, -- im Rückblick.
* * * * *
Sie saßen alle zusammen.