Part 15
Klare-Bel im Hintergrunde der Wohnstube, in einem großen, bequemen Lehnstuhl. Jonas am Eßtisch: er hatte die Lampe dicht herangerückt, um besser sehen zu können, was er in sein Schulheft schrieb. Erik am Kamin, in welchem mächtige Holzkloben brannten; von Zeit zu Zeit bückte er sich und warf aus einem blankgeputzten Kohlenbehälter, der mit Tannenzapfen gefüllt war, ein paar von den braunen, herzigen Zapfen in die Glut.
Das Zimmer hatte ein ganz winterliches Aussehen bekommen. An Stelle der leichten Sommergardinen schwere, schützende Fenstervorhänge, am Kamin zwei Sessel aus der Stadtwohnung, unter denen ein mächtiger Bär seine Tatzen vorstreckte.
Schon im Anfang des russischen März, noch ehe der Winter zu Ende ging, war dieses Jahr die Uebersiedelung vor sich gegangen. Klare-Bels wegen. Hinter ihr lag der Leidensweg eines halben Jahres, der sie langsam zur Genesung führte.
In der Ecke lehnten zwei starke Stöcke mit Krückgriffen. An diesen Stöcken mußte sie täglich einige Schritte thun. »Laufen lernen,« wie Jonas lachend sagte, der ihr am liebsten die Stöcke ersetzte. Und diese Schritte sollte sie in frischer Luft thun.
Sie saßen alle zusammen und schwiegen zusammen. Klare-Bel saß in halb liegender Stellung und sann vor sich hin; die Handarbeit, die sie vorgehabt, entglitt ihren Händen. Sie fühlte sich müde von ihren wenigen Schritten.
Jonas, der war wie verrannt in seine Arbeit. Mit den schmalen Schultern, lang aufgeschossen, ein wenig weichen, blonden Flaum an Kinn und Lippe, bückte er sich über die Bücher. Der Sicherheit halber hatte er auch noch in jedes Ohr einen Finger gesteckt. Das war unnötig.
Und Erik blickte in die Glut -- --
»Bis ganz die Welt um uns versank --«
Gonne war es, die endlich die Stille unterbrach. Sie brachte den Abendthee herein. Klare-Bel ließ sich hinter den Samowar rücken: ihre täglich neu genossene Freude, wenigstens in solchen kleinen Dingen wieder Hausfrau zu sein.
»Heute warst du gewiß froh, Erik, ein so langer Brief von Ruth,« bemerkte sie dabei, »man muß sagen: sie schreibt treulich, -- regelmäßig. Aber manchmal einen Zettel, manchmal ein Buch!«
»Ich möchte wissen, warum du ihr noch nie geschrieben hast, Jonas?« fragte der Vater, »sie will oft von dir wissen.«
Jonas wurde sehr rot.
»Wovon soll man sich denn schreiben? Ich habe genug zu thun,« murmelte er über seinem Theeglas.
»Für so junge Menschen ist das Briefeschreiben auch nichts,« meinte Klare-Bel, »Ruth ist doch sicherlich begabt, nicht wahr? Und sind ihre Briefe nicht ganz entsetzlich nüchtern, Erik?«
»Nun ja. Wenn sie nicht etwas zu erzählen oder zu beschreiben hat.«
»Beschreiben? was denn? wie ein Berg aussieht, oder was für Wetter es ist, -- ein Schneetreiben im Winter, kann sie das nicht seitenlang erzählen? Aber ich finde, dabei erfährt man recht wenig von ihr selbst.«
Erik schwieg. Er fand es auch. Dies Entzücken an der Schilderung, selbst des geringsten, die Hingebung in der Wiedergabe dessen, was sie umgab, und was unmittelbar von ihr aufgenommen wurde, -- das alles lag neben einer spröden Wortkargheit, wo es ihre Gefühle betraf. Es war nicht Verschlossenheit, -- es war Haß gegen das Wort, das ungenügende. Schlechte Verse kritzeln, singen, stammeln, die Augen aufheben, -- ehe er das nicht wiedergesehen, nicht wiedergehört, war Ruth für ihn wie begraben.
Und wieder schwiegen sie.
Der Theetisch wurde abgeräumt. Nur eine Fruchtschale mit Aepfeln blieb darauf stehen. Jonas machte Miene, seine Bücher und Hefte wieder auszubreiten.
Erik hinderte ihn daran.
»Genug!« sagte er, »es ist ganz unmöglich, daß du mit deinen Schularbeiten noch nicht fertig sein solltest.«
»Ich bin es ja auch, Papa. Aber ich wollte jetzt abends noch Russisch treiben. Einer von den Jungens hilft mir in der Freistunde darin.«
»Ich sehe nicht ein, zu welchem Zweck? Schon im Herbst gehst du ins Ausland. Du wirst ja nicht hier studieren. Wozu also?«
»Es ist sehr nützlich, Papa. In Deutschland kann man jetzt mit russischen Stunden Geld verdienen.«
Erik war unangenehm berührt. »Geld? Mit Stundengeben? Ueberlaß mir das doch.«
»Erlaube es mir, bitte. Thue ich nicht genug für die Schule?«
»Ja, aber du bist ein entsetzlicher Stubenhocker geworden, Jonas! Bleibst mir zu schmalbrüstig, mein Junge. Flaum am Kinn, aber keine Kraft in den Knochen. Nicht genug.«
»Gesundheit ist der Güter höchstes nicht,« behauptete Jonas mit einem Ernst, der ihm drollig genug stand.
»Aber der Uebel größtes ist die Schuld, sie verscherzt zu haben,« ergänzte Erik und fuhr ihm liebkosend über den Kopf; »wenn du öfters mit solchen Citaten kommst, dann werde ich dich noch ganz von den leidigen Büchern fortnehmen. Zu einem Bauern in die Lehre.«
Damit ging er hinüber in sein Arbeitszimmer.
Ein Stoß Schulhefte mit blauen Deckeln lag schon bereit. Auch allerlei andres, das drängte.
Ihn drängte es nicht. Er schob es zurück.
Darunter lagen Ruths alte Hefte, auch neue Arbeiten; sie schickte sie ihm alle. Ihren Studiengang leitete er vollkommen. Aber alles das war immer noch nicht »Ruth«.
Er nahm eine Mappe vom Schreibtisch, in der sämtliche Briefe aus Heidelberg lagen, vom vorigen August bis zum heutigen April.
Anfangs lauter Briefe von Frau Römer. Ruth konnte nicht schreiben, sie lag im Fieber. Ein schleichendes Fieber, fürchteten sie. Erik war zur Abreise vollständig fertig gewesen, er depeschierte bereits seine Ankunft.
Da traf ein Telegramm ein, das ihn zurückhielt. Drei Tage später ein kurzer Brief von Frau Römer:
»Ihre Anwesenheit ist nicht erwünscht. Die Trennung würde dasselbe noch einmal ergeben. Ruth muß es lernen, ohne Sie zu leben. Daher dürfen Sie unter keinen Umständen herkommen. Mein Mann meint es als Arzt, ich meine es aber auch -- als Frau. Ich habe Ruth lieb wie mein Kind; wollen Sie mir helfen, wie eine Mutter über ihr zu wachen, so entfernen Sie auf immer aus Ihren Briefen alles, -- auch das Geringste, was Sehnsucht wecken könnte.«
Nach einer Woche schrieb Frau Römer:
»Mit unsrer Ruth geht es besser. Aber gestern hat sie uns sehr erschreckt. In ihrem Zimmer steht mein Lehnsessel, mit braunem Leder bezogen; sie wollte ihn durchaus haben, als sie ihn bei mir sah, und sagte dabei bedauernd: ›Wie schade, daß er nicht grün ist!‹
Diesen Sessel hatte sie gestern nacht mitten ins Zimmer, ihrem Bett gegenüber, gerückt. Als mein Mann noch einmal leise hereintrat, um nach ihr zu sehen, sieht er im Schein der kleinen Nachtlampe Ruth aufrecht im Bett, -- den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen starr auf den Sessel geheftet, das Gesicht verzückt.
Als sie meinen Mann sah, fiel sie in die Kissen zurück. ›Ach, -- nun ist er fort!‹ sagte sie traurig. Sie war in einer halben Ohnmacht, am ganzen Körper kalt.
Wir haben den Lehnstuhl aus ihrem Zimmer entfernen müssen. Mit den andern Stühlen ›geht es nicht‹, versichert sie.
In aufrichtiger Freundschaft
Irene Römer.«
Bald darauf kam der erste, noch mit Bleistift aus dem Bett gekritzelte Zettel von Ruth selbst. Wenige Zeilen nur, darunter ein Postskriptum:
»Ich glaube, daß die Menschen zaubern könnten, wenn sie wollten.«
In der Mappe befand sich neben diesem kleinen Zettel ein Schreiben von Eriks Hand, -- ein vollständiges Briefkonzept, welches anfing:
»Mein Herzenskind!
Außer den bekannten zehn Geboten gibt es noch ein elftes, speziell für Dich: ›Du sollst nicht zaubern.‹
In ururalten Zeiten nahmen die Menschen, wenn ihre Götter die Wünsche einzelner nicht erfüllten, mitunter ihre Zuflucht zu fremden und bösen Geistern, die sich durch Zauberkunst und Zauberformeln beschwören ließen. Das mögen die Menschen aus zweierlei Ursachen gethan haben: aus Kleinmut oder Hochmut; aus dem mangelnden Glauben, daß im Willen ihrer Götter auch wirklich eine weise, gute Macht über ihnen waltet, -- oder aus dem Trotz, der es müde geworden ist, zu gehorchen und zu vertrauen.
Du machst es doch nicht ebenso, -- gleichviel aus welchem dieser beiden Gründe? Nimmst Dir doch nicht hinter dem Rücken und aus eigener Machtvollkommenheit, was Dir vorenthalten bleiben soll? Rufst doch nicht, wie damals, in der letzten Nacht, einen fremden, bösen Geist, das Fieber, um Dir zu helfen und Dich in eine Wirklichkeit zu entführen, die keine ist?
Du sollst nicht zaubern. Sollst Dich an die Wirklichkeit hingeben, die um Dich ist, -- ganz, voll Glauben und voll Vertrauen, daß Du in ihr zu Hause bist --«
Hier brach das Briefkonzept ab; die nächsten Zeilen waren ausgestrichen, -- wiederholt, und wieder ausgestrichen. Sie waren ihm sichtlich schwer von der Hand gegangen.
Aber die Konzepte mehrten sich; hinter jedem Briefe Ruths folgte eines; Erik blätterte sie ungeduldig beiseite: ~daß~ sie da lagen, das besagte genug.
Sein Blick verweilte nur länger, wenn er wieder auf die feine, charakteristische Handschrift Frau Römers traf. Er konnte das Gefühl nie ganz los werden, als ob er mit ihr -- oder sie mit ihm? -- in einem geheimen, unbewußten Kampf stände; und doch erquickten ihn diese Briefe. Wenn sie wider Wissen und Willen ein Feind war, so war's ein herrlicher. Einer, wie man ihn sich wünschen soll, um sich mit ihm zu messen.
Um diese Frau wehte es wie helle, reine Luft, -- man mußte sich wohl darin fühlen. Und jedes ihrer Worte ein so klarer Ausdruck dessen, was sie warm empfand. Während man las, glaubte man ihre Stimme zu vernehmen: eine heitere, entschlossene Stimme.
Schon wollte Erik die Mappe schließen und an ihren frühern Platz legen, als ihm noch ein Brief Ruths in die Augen fiel. Vor vielen Wochen geschrieben und durchaus nicht gefühlsmäßigern Inhaltes als die übrigen, -- auch, gleich den übrigen, ohne Anrede und ohne andern Abschluß als »Ruth«. Aber auf der letzten Seite, da hatte sie sich verschrieben: da stand einmal »Du«, anstatt »Sie«.
Sie hatte den kleinen Verräter energisch ausgestrichen und das ihm beigefügte Zeitwort umkonjugiert. Aber am Rande der Seite war's treuherzig bekannt: »Ich habe ›Du‹ gesagt, ich wollte aber ›Sie‹ sagen.«
Erik schaute nie in die Mappe hinein, ohne an dieser Stelle hängen zu bleiben, -- und er schaute oft hinein.
Diese eine Silbe war ihr einziger wirklicher Gruß an ihn. Mündlich würde sie sich schwerlich je versprochen haben. Sie bedurfte dessen nicht. Sie ~hatte~ »Du« zu ihm gesagt, an jedem Tage, in jeder Stunde fast, mit Blick und Ton und Miene. Jetzt erst ward es zum verständlichen Wortlaut, unwiderstehlich: ein Ersatz für alle wortlose Nähe.
Erik schob die Briefe von sich; er wollte arbeiten. Arbeiten, -- nur nicht dieses unnatürliche, vollständig entnervende Hinleben in Gefühlen und Gedanken, -- dieses unsichere Tasten ins Blaue, in die Ferne, mit dem Verzicht darauf, zu handeln. Wie leicht war dagegen selbst die Trennungszeit für ihn gewesen: innerste, angespannteste Aktivität bis zur letzten Sekunde, aufs höchste gesammelte und gesteigerte Kraft: für Ruth.
Nun der Rückschlag. Nachlassen, -- gehen lassen. Es machte ihn fast krank.
Und er arbeitete Stunde um Stunde, bis eines der blauen Schulhefte nach dem andern mit den notwendigen roten Tintenstrichen durchsetzt war.
Dann erst lehnte er sich müde in seinen Stuhl zurück. Und wieder las er, mit immer neuen Kommentierungen, an der einzigen Silbe »Du«. --
Der nächste Tag brachte draußen die erste echte Frühlingsstimmung. Ein tiefblauer Sonnenhimmel strahlte über den kahlen Bäumen. Noch zog sich am Rande der Kieswege, schmal und vergraut, eine durchlöcherte Schneekruste hin, aber aus dem toten Gras hoben sich schon frisch die saftgrünen Hälmchen, und an den Birkenzweigen hingen seit Wochen, geduldig wartend, längliche braune Knospenzipfel. Der Wiesengrund hinter dem Garten stand ganz unter Wasser und spiegelte blinkend Himmel und Sonne wieder; vereinzelte zersplitterte Eisschollen trieben darin umher.
Erik hatte, wie jetzt fast immer, den ganzen Tag in der Stadt zu thun; neben seinem Schulunterricht noch den freiwillig erteilten, den er, mit sich daran anschließenden Vorträgen, in diesem Winter durchführte: teils in seiner Stadtwohnung unter Beteiligung Erwachsener, teils in einem leerstehenden Klassenzimmer der Mädchenschule.
Diejenigen, die sich hier einfanden, gehörten ebenfalls der Schule nicht mehr an, oder doch fast nicht mehr. Man konnte es den Gesprächen entnehmen, mit denen sie ihn meistens erwarteten. Es wurde nicht mehr von Phantasieereignissen gesprochen, sondern von Bällen und Gesellschaften und von Anbetern, die wohl nicht mehr in der bloßen Einbildung existierten. Von Schulangelegenheiten niemals, wenn nicht etwas ganz Sensationelles vorfiel, wie heute morgen, wo ein kleines Mädchen beim Frühgebet im großen Schulsaal umgefallen und liegen geblieben war, -- ein Fall von Epilepsie. Es hieß, das bloße Ansehen wirke ansteckend, nichtsdestoweniger hatten die meisten, wie gebannt, auf die Zuckende hingestarrt, welche, Schaum an den Lippen, vor ihnen lag.
Mitten in das Gespräch darüber kam, als die Späteste, und mit einem unterdrückten Gähnen, die hübsche Wjera mit den kecken dunkeln Augen. Sie war seit der Zeit ihrer Backfischstreiche noch hübscher geworden.
»Bist du auch wieder da?« rief Eriks fleißigste Schülerin sie an, »ich möchte wissen, wozu? Ob es dir wohl angenehm ist, daß er immer nur Spott für dich hat?«
»Und Lob für dich; da ziehe ich mein Teil vor,« erwiderte sie mit Ueberzeugung; »laß ihn nur spotten, das thut ihm gut, er ist bei schlechter Laune. Glaubst du, daß dein Fleiß ihn beglückt, mein geliebtes Gänschen?«
»Mehr als fleißig sein kann niemand,« bemerkte eine, die in Erwartung des Kommenden auf dem Fensterbrett saß und häkelte.
Wjera lachte boshaft: »Nun, er könnte noch allerlei andres schmerzlich vermissen, -- zum Beispiel Verstand. -- -- Lieber Gott, was kann es nützen, sich so anzustrengen?«
»Warum bleibst du denn nicht weg? Du wolltest ja haben, was Ruth hatte, -- du am meisten.«
Wjera saß nachlässig hingegossen, die Arme längs der Banklehne ausgestreckt, und schielte seitwärts in den kleinen Handspiegel, den jemand in der Nähe des Fensters angebracht hatte, und der immer umstanden war.
»Ich glaube nicht daran, daß er mit uns so ist wie mit Ruth,« murmelte sie; »es wäre der reine Betrug. Entweder hat Ruth uns gefoppt, -- oder wir sind -- dumm. Glaubt ihr etwa, Ruth meinte ~das~, als sie so außer sich vor Entzücken sagten ›O -- -- dahinter gibt es das ganze Leben?‹ Wir stehen noch ~vor~ der Mauer, -- wie eine Hammelherde.«
»Na, so geh doch hinüber.«
»Ich werd' auch,« versetzte Wjera kurz, -- »noch heute. Wollt ihr? Mit ~einem~ Satz! Aber daß ihr nicht schreit! Ihr könnt ja nachspringen.«
Im Nu drängten sie sich um sie, brennend vor Neugier.
»Was wirst du thun?!«
Sie erwiderte nichts. Sie hob nur das Gesicht ihnen entgegen und spitzte den Mund ein wenig.
»Ein Kuß?!«
Sie schrieen jetzt schon.
Da trat Erik herein. Er bemerkte, daß sie zerstreut waren, beachtete es aber nicht. Wjera las vielleicht ganz richtig in seinen Augen: »Wie eine Hammelherde.« Er vermißte Ruth unter ihnen, nicht weil er sie liebte; er vermißte sie, weil sie ihn fortwährend angeregt, fortwährend seine Geistesgegenwart verlangt hatte. Für sie mußte er auf der Höhe seiner selbst stehen, um niemals fehlzugreifen.
Das war hier unnütz.
Nach kurzer Zeit erhob sich Wjera und ging, ein Blatt Rapier in der Hand, auf Erik zu.
»Sollte es möglich sein?« fragte er sarkastisch, indem er annahm, sie wolle ihm eine Arbeit vorlegen, »es wäre das erste Mal.«
Sie stieg die beiden Stufen zum Katheder hinauf und beugte sich zu ihm, -- so tief, daß er aufsah. Bei dieser Bewegung seines Kopfes berührten sich fast die beiden Gesichter.
Da durchgellte ein Schrei die Klasse, einstimmig. Sie hatten's nicht aushalten können.
Aber gleich darauf folgte ein zweiter, ganz anders im Ton: Wjera war, kaum daß der Schrei erscholl, hintenübergestürzt.
Erik selbst gingen Ursache und Wirkung durcheinander, ob der erste Schrei vorherging, ob er folgte, -- ob sie sich niedergebeugt, weil sie im Stürzen war. -- Er hatte auch vom Fall im Schulsaal gehört, und jetzt ergriff die Erinnerung daran die Mädchen mit kopflosem Entsetzen.
Die meisten sprangen auf, einige sprangen im plötzlichen Schreck auf die Bänke, -- auf das Fensterbrett.
Erik brach sich Bahn. Er hatte die wie leblos Daliegende auf seine Arme gehoben und trug sie hinaus.
Als er raschen Schrittes den Gang entlang dem nächsten leeren Zimmer zuging, kam Leben in sie. Der ganze weiche, geschmeidige Körper bewegte sich, als strebe er, erzitternd, sich an ihn zu schmiegen; ihr Atem flog; wie um sich zu halten, schlang sie den Arm um seinen Nacken, und jetzt -- jetzt fühlte sie deutlich, wie es ihn heiß überlief.
Blitzschnell, eh' er's nur gewahr wurde, hatte sie ihren Mund auf seine Lippen gedrückt.
Aber in der nächsten Sekunde fand sie sich schon auf ihre Füße gestellt -- hart, so plötzlich, daß sie fast zusammengestürzt wäre. Eine sinnlose Wut überfiel ihn. Wie ein Bild stand vor ihm der Augenblick, wo er Ruth, wie ein lebloses Kind, in seinen Armen auf ihr Bett getragen.
Er ergriff die verblüffte Spitzbübin beinahe brutal beim Handgelenk und zwang sie die wenigen Schritte bis an die hohe Flügelthür, die den Hallengang gegen das Treppenhaus hin abschloß. Er stieß die Thür auf.
»Hinaus. Ohne Wiederkehr,« sagte er kurz.
Sie errötete und erblaßte. Sie ging nur langsam hinunter, Stufe für Stufe, und hielt sich am Geländer. Was würden die andern in der Klasse wohl denken, wenn sie nie wieder kam? Daß er ihr über die Mauer geholfen habe? Ja, gründlich. Mit einem Satz.
Und das Schlimmste: sie hatte eine gehörige Beule weg, gerade vorn an der Stirn. --
Erik gab sich Mühe, bei der Rückkehr in seine Klasse, der Stimmung Herr zu werden, die ihn peinigte und niederschlug. Er hatte sich jedesmal gewundert, den bildhübschen Nichtsnutz mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit noch auf ihrem Platz dasitzen zu sehen, und dennoch fest entschlossen, nichts zu lernen. Er hatte sich auch ein wenig gefreut. Weil sie ein kluges Ding war, voll Mutterwitz und Phantasie. Er wußte jetzt, von was für einer Art von Phantasie.
Aber lag es nicht an ihm? War es nicht an ihm, allen diesen jungen Menschen unausweichlich die Richtung zu geben? Auswüchse auszuschneiden, Fehlendes zu ergänzen, Schlummerndes zu wecken? Er hatte sich seiner Aufgabe wohl mit seinem Willen hingegeben, aber nicht mit seinem Herzen. Und kein noch so guter Wille vermochte sein mächtigstes Erziehungsmittel zu ersetzen: das war die Frische und Fülle der Stimmung, deren immer bereites Interesse sich auch noch in das Geringste eingrub, suchend, lockend, verständnistief. Und er bedurfte dessen ganz besonders. Denn seine Vorzüge wie seine Schwächen als Lehrer bestanden darin, daß er seine Persönlichkeit und seinen Unterricht nicht zu trennen wußte; gelang es ihm nicht, sich selbst zu geben, so mißlang ihm alles. --
Am Thorweg des Schulgebäudes wartete Jonas auf den Vater. Sie fuhren zusammen nach Hause aufs Land.
Im Eisenbahnwagen sagte Jonas: »Mama spricht jetzt immer davon, daß sie bald verreisen muß. Sie kann doch nicht so früh im Jahr ins Bad reisen?«
»Ich weiß noch nicht. Vielleicht wird es wünschenswert sein. In Deutschland ist es ja nicht mehr so früh im Jahr. Dagegen spricht nur, daß ich sie jetzt noch nicht selbst hinbringen kann. Das müßtest du dann thun, Jonas. Und sie würde Gonne mitnehmen.«
»Wenn ich Medizin studieren werde,« bemerkte Jonas nach einer Pause, »dann wird es mir immer vor Augen stehen, das Wunderbare, daß es mit Mama besser geworden ist. Ich denke mir: Arzt zu sein, und ein einziger solcher Fall, -- das muß auf alle Lebenszeit einen glücklichen Menschen machen.«
»Du bist ein guter Kerl, Jonas. -- Ich hätte übrigens nicht gedacht, daß du speziell ›Medizin‹ wählen würdest. Ich dachte: Naturwissenschaften.«
»Ja, ich selbst auch, -- früher. Am liebsten Zoologie. Aber es ist eine so ungewisse Zukunft damit. Ein Arzt findet überall sein Brot.«
»Das ist richtig. Aber das allein Ausschlaggebende dürfte es nicht sein. Es kam immer noch auf die Stärke der besondern Neigung und Befähigung an. Wenigstens für dich. Das andre war dann meine Sache.«
»Ich möchte aber so früh als es geht unabhängig werden, Papa. Selbständig.«
»Ist es dir so unangenehm, dich von mir abhängig zu wissen, mein Junge? Es ist nur dein gutes Recht. Noch lange. Ich will nicht, daß dir deine Studien durch irgend etwas verkürzt oder eingeschränkt werden.«
Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Jeder blickte, in seine eigenen Gedanken vertieft, zu einem andern Fenster hinaus.
Zu Hause, über dem Garten, dunkelte es schon. Aus dem Wohnzimmer blinkte Licht. Der späte Mittag, der jetzt in den Abend fiel, wartete auf sie.
Erik legte beim Eintreten eine Handvoll blaßblauer Fliederzweige auf den Tisch. Er hatte sie in einer Hülle von Seidenpapier mitgebracht.
»Aber, Erik!« sagte Klare-Bel vorwurfsvoll, während sie doch vor Freude errötete, »etwas so Kostbares und Ueberflüssiges! Im russischen April!«
»Ueberflüssig?« Er ordnete die langen Stiele geschickt in einem geschliffenen Kelchglas. »Der Frühling ist doch nicht überflüssig. Und ich meinte: in einem Landhause müßte er wenigstens drinnen sein, wenn er schon nicht draußen ist.«
Ihre Augen füllten sich langsam mit Thränen; sie schlug sie nieder, damit er es nicht sähe. Der Frühling ~war~ ja drinnen eingekehrt, ~ihr~ Frühling, auf den sie gewartet hatte, wie auf eine Lebenserneuerung gerade für Erik. Aber dieser Frühling war blumenlos und frostig geblieben.
Nein, das war ungerecht. Ungerecht gegen ihn, dem sie ihre Genesung dankte: abbittend blickte sie Erik verstohlen an. Aber ~das~ mußte sie ja sehen: er ertrug kaum die Trennung, -- die Trennung von Ruth. Solange Bel ihn glücklich gesehen, war sie arglos und sorglos geblieben. Jetzt aber lag es auf ihr, bei Tag und bei Nacht.
»Hast du Ruths gestrigen Brief schon beantwortet?« fragte sie nach einer Pause.
»Ja. Noch nicht völlig beendet,« erwiderte er.
Sie zog den Flieder zu sich heran und vergrub ihr Gesicht in den duftenden Dolden.
»Da war doch, -- ist der junge Russe noch immer da, den sie so gern haben?«
»Jurii? Ja. In den jetzt angehenden Ferien sollte er sogar, glaub' ich, eine kurze Zeit bei ihnen wohnen, -- draußen am Schloßberg. Sie wollten allerlei zusammen unternehmen. Römer hält viel von ihm.«
Eine kleine Pause entstand.
»Wie alt ist er eigentlich, Erik?«
»Ungefähr zweiundzwanzig Jahre, glaub' ich.«
»Und gänzlich unabhängig, nicht wahr? Es handelt sich für ihn nicht um ein Brotstudium?«
»Nein.«
Erik blickte auf, ein flüchtiges Lächeln um den Mund. Auf den jungen Russen eifersüchtig, -- nein, das war er unter keinen Umständen.
»Eine echt weibliche Kombination, Bel. Du dachtest schon an Brautkranz und Schleier, nicht wahr? Aber dafür, daß Ruth rasch mit ihm vertraut geworden ist, liegt ein andrer Grund vor: er ist ihr nicht fremd. Er kennt ihren Onkel hier. Hat einmal früher mit seinen Eltern dort verkehrt, -- mit ihr gespielt, als sie acht und dreizehn Jahre alt waren.«
Sie lehnte den Kopf zurück.
»Es ist nichts,« dachte sie, »es kann nicht sein. Sonst müßte -- ~müßte~ er eifersüchtig sein. Trotz seinem starken Selbstvertrauen. Jugend sucht Jugend.«
Nach einiger Zeit sagte sie bittend: »Erik! Du mußt nicht böse sein. Ich habe einen so großen Wunsch.«
»Einen so schlimmen, Bel? Nun, heraus mit ihm.«
»Ich wünsche so sehnlich, -- ich möchte so sehr gern, nur ein einziges Mal, -- lesen, was du an Ruth schreibst.«
Er antwortete nicht. Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Gleich darauf kehrte er zurück, den fast beendeten Brief in der Hand.
»Du kannst es jedesmal lesen, Bel, wenn du willst.«
Ihre Augen strahlten ihn so dankbar und beglückt an, daß er den Blick nicht aushielt. Er sah hinweg.
Es war ihm eine Pein, sie dasitzen zu sehen, -- lesen zu sehen. Am liebsten wäre er hinausgegangen.
Er trat an das Fenster und schaute in die Dunkelheit.
Aber das Fensterglas höhnte ihn. Was es wiedergab, war noch einmal das Zimmer, mit der Lampe auf dem Tisch, den zarten Fliederzweigen und der lesenden Frau im Lehnstuhl.