Part 16
Klare-Bel ließ den Brief sinken. Sie sah betroffen aus.
»Wie seltsam, Erik,« sagte sie, »-- ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du so an Ruth schreibst.«
»Ich glaube ihr nicht anders zu schreiben, als ich zu ihr gesprochen habe,« entgegnete er.
»Es mag ja sein. Aber dann kam wohl noch allerlei hinzu, was nur im Mündlichen liegt. Dein ganzes Wesen kam hinzu. Du bist ja so jung und frisch im Wesen, Erik.«
»Nun, -- und?«
Er wandte sich um. Gewiß fand Ruth seine Briefe ebenso »entsetzlich nüchtern,« wie er die ihren. Nur aus einem andern Grunde: sie konnte nicht ihr Inneres aussprechen, -- und er durfte nicht.
»Ja, -- nun, -- ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, Erik. Aber in dem Brief da bist du wie ein ehrwürdiger alter Mann, mit langem weißem Bart und Haar, -- ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstehen.«
Es durchzuckte ihn. Er mußte an Ruths Wort denken: »Wie Gott.«
Eine Fülle widerstreitender Empfindungen wühlte es in ihm auf. Was für ihn wie für Ruth diesen Briefwechsel nüchtern machte, -- im lebhaftesten Plauderton noch kalt und stumm, -- das mochten wohl zwei ganz entgegengesetzte Gefühle beim Lesen der Briefe sein.
Für ihn war's ein Abzug am Vollen, Menschlichen ihrer Persönlichkeit, ihres innersten Wesens, das in Worten nur seine Oberfläche zu zeigen vermochte. Für ~sie~ war's vielleicht ein Zusatz zu seiner menschlichen Persönlichkeit, eine ~Verklärung~ derselben: er hatte ihr ja auch mündlich sein innerstes Wesen verschweigen müssen, und gerade das idealisierte sie sich nun vielleicht aus seinen geschriebenen Worten, -- »ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstellen.«
Daher war ihm auch nie von selbst das Bedenken gekommen, sie könne an seinen Briefen ebensoviel auszusetzen haben, wie er an den ihren. Denn er hatte gefühlt: in seinen Briefen ergriff sie seine Hand und ging an derselben vertrauensvoll ihren Weg. Gehorsam -- froh. Denn sie litt doch nicht? Nein, das that sie gewiß nicht.
Man hatte sie dort mit einem Leben umgeben, das sie unausgesetzt anregen, bereichern, entwickeln mußte, -- sie beglücken und sie erfüllen. Und mit ihrer unbegrenzten Empfänglichkeit stand sie mitten in diesem Leben, -- wie mit weit ausgebreiteten Armen.
Nein, sie -- sie litt nicht.
Auch Klare-Bel war verstummt. Wieder hing jeder seinen eigenen Gedanken nach, und wieder wurde es heute ein schweigsames Abendessen. Wie sie da zu dreien bei einander saßen, eng zusammen, in herzlicher Neigung verbunden, blieben sie doch einander so weltenfern entrückt, daß keiner von ihnen teil hatte an der stummen Welt des andern.
Als nach dem Essen Erik sein Zimmer nicht wieder verließ, setzte Jonas, ohne Schularbeiten, sich zur Mutter.
»Wenn Papa nicht da ist, muß ich ihn ersetzen,« versicherte er, »kann ich dir nicht schon bald fast dasselbe sein wie Papa? Einen guten Kopf größer als du bin ich doch schon, meine kleine Mama.«
Sie sah ihn mit einem tiefen, stillen Blick an, den er nicht verstand. Dann streckte sie ihm über den Tisch ihre Hand hin.
»Mein lieber Junge. Ja, mir kannst du bald -- viel sein. Wirst du es auch nicht vergessen, später, über all dem Studieren? Du mußt mir viel -- viel Freude machen, Jonas.«
»Ich werde dir ganz ungeheuer viel Freude machen, Mama,« erklärte er treuherzig, »das werde ich ganz bestimmt. Denn ich werde etwas ganz Ausgezeichnetes werden. Das muß ich.«
»Freust du dich sehr auf das ungebundene, neue Leben draußen?«
»Auf draußen, -- ja. Aber das mit dem ungebundenen Leben finde ich gar nicht so schön. Ich finde es viel schöner so, wie Papa es gehabt hat.«
»Wie denn, mein Kind?«
»Nun, doch so ganz gebunden, Mama. Mit dir zusammen. Das kann ich mir nämlich so wunderschön ausmalen. Fast als ob --. Eine Studentenstube, -- ganz klein braucht sie ja nur für den Anfang zu sein, und an den Wänden Bücher, und auf dem Tisch eine Kochmaschine zum Selbstkochen. In der Ecke ein schönes Skelett und am Fenster viele Blumen. Da sitzt die Frau mit dem Nähzeug. Und bei den Büchern, da sitze ich, -- ich meine: sitzt Papa.«
»Ganz so war es wohl nicht. Nicht so eng. Für Blumen und Kochmaschinen und Nähzeug schwärmte Papa nicht sehr. Und wenn er bei den Büchern war, dann mußte er in seinem Zimmer allein sein. Da warst nur du bei mir. In einer kleinen Wiege.«
»Eine kleine Wiege?«
Jonas wurde ziemlich rot. An dieses Stück der Zimmereinrichtung hatte er noch gar nicht gedacht. Er sagte etwas befangen: »Nun ja. Aber wenn du auch nur nebenan gesessen hast, so war es doch ~das~, was ihn fleißig machte. Und eben das denke ich mir so herrlich beim Studieren, wenn man's für jemand thut, den man so über alles lieb hat.«
»Das sage du Papa lieber nicht. Das würde ihm vielleicht mißfallen. So hat er es mit seinen Studien und Plänen wohl nie gemeint. Er war so ganz anders, als du bist, Jonas. Aber unendlich gut und klug war er. Und als er anfangen mußte, sich ums Brot zu plagen, und es mich grämte, da lachte er mich so herzlich aus und sagte: ›Laß gut sein, Bel, ich hab' ein Mittel, ein Zaubermittel, um frisch zu bleiben, -- mag es noch so viel Plage geben, -- frisch für meine Ziele: das Mittel bist du, Bel‹. Ja, so sagte er.«
Jonas schwieg. Er wollte den Vater nicht vor seiner Mutter herabsetzen, aber in diesem Punkte fühlte er sich ihm weit überlegen.
»Man kann noch tausendmal mehr lieben!« dachte er im stillen.
Klare-Bels Gedanken aber träumten sich, schmerzlich und beglückt, in die Zeit ihrer Studentenehe zurück. Sie sah alles vor sich, als habe sie es eben erst verlassen, und durchwanderte jeden Winkel, der ihr Glück beherbergt hatte. Sie sah auch die Stube, wo er über seinen Arbeiten saß, und sie ihn leise, -- ganz leise mußte es sein, -- umsorgte. Aber gerade dieses Bild verwischte sich ihr, wurde undeutlich wie vor Thränen. An Eriks Stelle saß ein andrer, -- saß Jonas; -- und immer wieder, mit einem dumpfen Zukunftsgrauen, erblickte sie sich allein, -- allein mit dem Sohn.
Die Nacht lag Klare-Bel wach, und als sie gegen Morgen einschlummern wollte, schreckte der Gedanke sie auf, als müsse sie über irgend etwas angestrengt und mit Schmerzen nachgrübeln.
Am folgenden Tage fielen die Schulstunden aus; irgend einer der zahlreichen griechischen Kirchenheiligen wurde gefeiert. Erik setzte sich am Vormittag mit einigen Büchern und Papieren ins Wohnzimmer, wo, in der Nähe des Kaminfeuers, ein Schreibtisch für ihn improvisiert worden war. Draußen stöberte ein ganz feines Schneewetter aus ein paar finstern Wolken, hinter deren blau-schwarzem Rande die Aprilsonne neckend bereits wieder hervorlachte. Hell und dunkel glitt es über das Zimmer hin.
Klare-Bels Augen hingen mit einem wehmütigen Ausdruck am Arbeitenden. Heute morgen wollte sie ihn fragen. Sie hielt es nicht länger aus. Wie hatte sie nur denken können, seine Briefe würden ihn ihr verraten? Denn Ruth war ja noch so ganz unbewußt gewesen. Zu ihr konnte er nicht offen sprechen. Daher gerade der auffallend zurückhaltende Ton. Vor ihr verbarg er sich -- befangen und mühsam.
»Wo steckt Jonas eigentlich?« fragte Erik, über seine Ausarbeitungen gebeugt.
»Jonas ist nun doch wieder zur Stadt gefahren. Er wollte so gern seinen Freund besuchen.«
»Hoffentlich doch nicht, um wieder zu arbeiten, -- mit dem Freunde?«
»Vielleicht. Laß ihn, Erik. Ist er nicht ausgezeichnet geworden?«
»Ja. Höchstens zu ausgezeichnet. Er hat viel vor sich gebracht, das muß man dem Jungen lassen. Sowohl was seine Fähigkeiten wie seine Ausdauer betrifft, hat er meine Erwartungen im letzten Halbjahr weit übertroffen.«
»Nicht nur das. Er ist dabei so verständig geworden. Ihm steckt kein Unsinn im Kopf. Keine Kindereien.«
»Ja. Gerade das mißfällt mir. Dafür ist er zu jung. Wenn er nur nicht eng wird. Mit siebzehn Jahren muß man nicht Philister sein.«
»Ach, Erik, wenn er nur brav wird.«
»Das kann er immer noch. Zunächst soll sein Temperament heraus! Heidelberg wird ihm gut thun, denke ich, und Römers Einfluß. Man muß sorgen, daß er sich frei bewegen kann. Weder Zeit noch Geld darf ihm knapp zugemessen werden.«
»Wie gut er ist!« dachte Klare-Bel, »ja, in solchen Dingen ist er immer unendlich gut gewesen. Würde sich plagen für den Jungen, damit der lernen kann, zu genießen.«
Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Eriks Gedanken liefen voraus, dem Herbst entgegen, wo Jonas nach Heidelberg abging. Allerspätestens dann mußte er Ruth wiedersehen, sie sprechen. Vielleicht aber schon früher. Wenn Klare-Bel so ins Bad reiste, daß er sie mit Beginn der Sommerferien in Deutschland abholen konnte.
»Erik!« sagte eine Stimme neben ihm.
Er sah zerstreut auf. Seine Frau stand am Schreibtisch -- ohne ihre stützenden beiden Stöcke. Sie hatte sich selbständig erhoben und war durch das ganze Zimmer zu ihm hingegangen, -- allein.
Sie hatte es heimlich geübt, mehrere Tage.
Erik vermochte nicht gleich aus seinen Gedanken herauszukommen. Er blickte sie nur fragend an, ohne zu beachten, was ihn überraschen sollte.
Er bemerkte es nicht.
Auf Klare-Bels Lippen erstarb ein Lächeln.
»Ich wollte dir nur zeigen, was ich kann,« sagte sie, mit einer gewaltsamen Anstrengung, es unbefangen zu sagen.
Aber es mißlang. Sie erblaßte. Und plötzlich schwankte sie und glitt dem erschrocken Aufspringenden in den Arm.
Er führte sie langsam zu ihrem Lehnstuhl, besorgt, über sie gebeugt. Jetzt war er ganz bei ihr.
»Ist dir besser?« fragte er herzlich und zog sich einen der niedrigen Polstersessel vom Kamin heran, »die Selbständigkeit bekommt dir schlecht, meine arme Bel.«
Sie sah den Scherzenden mit einem langen, stillen Blick an.
»Ich muß sie doch lernen, Erik!« entgegnete sie doppelsinnig.
Sie lehnte den Kopf müde zurück und schloß die Augen. Und so, mit geschlossenen Augen, während er ihre Hand festhielt und leise streichelte, sagte sie: »Siehst du, -- ach, Erik, es war ja gewiß recht kindisch. Aber siehst du, -- hierauf hab' ich mich ja schon so lange gefreut. Auf deine Freude, -- wenn ich einmal so zu dir käme, -- ohne Stütze, auf eigenen Füßen. Es war so kindisch. Aber nun ist mir aller Mut abhanden gekommen, dich zu fragen, Erik.«
»Wonach wolltest du mich fragen, Bel?« Er sprach mit gepreßter Stimme, gedämpft, wie immer, wenn er eine Erregung niederhielt.
»Ja, Erik, ich dachte: wenn du dich nun so freutest, und mich in die Arme schlössest, -- nicht wie jetzt, weil ich fiel, sondern weil ich stand, aufrecht neben dir stand, -- dann wollte ich dich fragen, -- ganz leise wollte ich dich fragen, -- ach, Erik! ich kann es nicht mehr.«
Er faßte ihre beiden Hände in die seinen und blickte durchdringend, mit gespanntester Aufmerksamkeit in das erblaßte Gesicht mit den fest geschlossenen Augen. Sein Herz schlug hart gegen die Brust.
»Ich will es dir sagen, Bel!« erwiderte er fest, ohne den Blick von ihr zu lassen, »wenn es dich gequält hat, dann muß es sein. Hast du den Mut, es zu hören? Willst du es?«
Sie schlug ihre Augen auf, -- hilflos, thränengeblendet, -- hilflos wie ein gestelltes Wild vor dem Schuß.
»Erik!« stieß sie flüsternd heraus, und das Entsetzen vor seiner Antwort vergrößerte ihre Augen, »-- Erik, liebst du sie?«
Da beugte er den Kopf tief nieder auf ihre Hände.
»Ja, Bel,« sagte er laut.
In demselben Augenblick durchflutete ein so breiter Sonnenstrom das ganze Zimmer, daß Klare-Bels Lider sich unwillkürlich davor schlossen, in einem abergläubischen Erschrecken, wie wenn der Himmel selbst Zeugnis ablegen wollte für Eriks Liebe. Blau lachte es herab, und wie ein blitzendes Goldnetz von Tauperlen blinkten die rasch zerronnenen Schneefederchen über dem Garten. So warm spielten die hellen Sonnenstrahlen über den Fliederstrauß am Fenster hin, als sei er draußen vom Strauch geschnitten.
»Dunkel,« bat Klare-Bel leise, »-- ich möchte auf mein Bett, -- mach's dunkel.«
Er hob sie aus dem Stuhl und legte sie in ihrem anstoßenden kleinen Gemach auf ihr Bett, hinter welchem er die Fenstervorhänge aus den Klammern löste und zuzog.
Sie suchte nach seiner Hand.
»Die Briefe, Erik, -- wie du ihr geschrieben hast, -- war es lauter Verstellung? Oder hast du ihr -- hast du nicht auch anders geschrieben? Niemals?«
»Ich habe ihr auch anders geschrieben, Bel. Ganz anders. Jedes einzige Mal, daß ein solcher Brief an sie abging. Aber es war nur für mich allein. Sie hat's nie gelesen.«
»Du hast es nicht abgeschickt? -- Hast du diese Briefe noch, Erik?«
»Nein. Ich habe sie jedesmal, sobald sie geschrieben waren, vernichtet.«
»Wozu hast du es dann nur gethan, Erik?«
»Es half mir.«
Fast hätte er hinzugefügt: »Ich liebe sie ja, Bel! Ich liebe sie! Ich mußte zu ihr sprechen.«
Nach einer Weile ließ Klare-Bel seine Hand los und sagte leise: »Und ich hatte keine Ahnung, -- nein, keine Ahnung hatte ich, daß du sie um deswillen von dir gabst. Nun erst weiß ich es.«
Er richtete sich betroffen auf. Mißverstand sie ihn jetzt nicht? Meinte sie nicht, er habe Ruth von sich gegeben um ihretwillen? um Herr zu werden seiner Liebe?
Mußte er ihr die letzte, die tödlichste Kränkung zufügen: »Nicht an dich habe ich dabei gedacht.«
Ja, einmal mußte auch das sein. Aber mußte es heute sein? Alles heute? Litt sie nicht genug, -- maßlos?
Er vermochte es nicht.
Da Klare-Bel nicht mehr zu ihm sprach, trat er von ihrem Bett zurück, an die offene Thür des Wohnzimmers.
Gräßlich war es, einen Wehrlosen niederzuschlagen mit der Faust. Das Mitleid überfiel ihn mit nie gekannter mitleidsloser Macht, -- mit einem nie gekannten wehen, elenden Gefühl umkrallte es ihn.
Das Kaminfeuer knatterte hoch auf unter kurzen Windstößen; der Himmel hatte sich längst wieder verfinstert. Von neuem stäubte ein feiner Schneeschauer um das Fenster, -- dasselbe Aprilspiel wie zuvor.
Erik warf gedankenlos eine Handvoll Tannenzapfen in die rote Glut, und ein schwacher Duft, den er liebte wie keinen andern, -- ein Duft nach Wald und Weihnachten verbreitete sich in der Stube. Unwillkürlich dachte man sich den kahlen, kalten Garten im Winterfrost und einen geputzten Christbaum in der Zimmerecke.
Weihnachten, -- -- -- auch in diesem Winter hatten sie den Baum geschmückt und sich um ihn geschart, aber zum erstenmal hatten sie sich wie drei arme Erwachsene gefühlt, die am Fest der Kinder leer ausgehen. Erik, der zu beschenken wußte, wie nur ein Knecht Ruprecht, und sich zu freuen, wie nur ein Kind, war karg, -- war wortkarg geblieben.
Es kam ihm selbst sonderbar vor, daß sich sein Mitleid an lauter solche kleinen, kleinlichen Rückerinnerungen heftete.
Langsam begann er im Zimmer auf und ab zu gehen.
Nicht daß sie jetzt dalag und litt, -- aber daß sie so lange -- lange umsonst auf seine Freude gewartet hatte, in seinen Zügen nach Freude gespäht, all diese Monate hindurch, -- das erschütterte ihn so tief. Genesen war sie, -- wie ein strahlender Weihnachtsbaum hätte das mitten unter ihnen stehen sollen zu jeglicher Stunde, lichterblitzend, mit tausend neuen kleinen Freuden geschmückt. Und sie hatten sich nicht wie frohe Kinder darum geschart -- --.
Klare-Bel lag noch immer und schwieg. Er mochte nicht zu ihr hineingehen, er mochte nicht fortgehen. Noch immer ging er auf und ab, wie ein Verurteilter.
Endlich kam Jonas. Die Stufen zur Terrasse sprang er herauf und hielt schon am Fenster zwei Briefe in der Hand hoch. Beim Eintreten in das Wohnzimmer warf er sie auf den Eßtisch.
»Wo ist denn Mama? Mehr war nicht in der Stadtwohnung im Briefkasten. Zwei an dich.«
»Mama ist nicht ganz wohl. Sie liegt auf ihrem Bett.«
Während Jonas ans Bett trat, leise, auf den Fußspitzen, griff Erik nach den Briefen. Der eine von Frau Römer, der andre von Warwara. Ohne zu wissen, warum, erbrach er Warwaras kurzes Billet zuerst: die Bitte, morgen bei ihr zu speisen; sie bäte um Nachrichten über Bels jetziges Befinden und wünsche auch, ihm eine Mitteilung zu machen; in etwa einer Woche verreise sie bereits ins Ausland.
Erik setzte sich an das Fenster und öffnete Frau Römers Brief. Ein längerer als sonst. Acht Seiten.
»Lieber Freund!
Heute schreibe ich in einer besondern Angelegenheit, die unsre Ruth betrifft. Aber erschrecken Sie nicht, denn erstens ist es nichts zum Erschrecken, und dann ist es auch noch keine Wirklichkeit, sondern vorläufig nur eine Möglichkeit.
Sie erraten wohl, daß es sich um Jurii handelt. Ich wußte wohl von seiner jugendlichen Schwärmerei für Ruth, ohne sie besonders zu beachten. Dergleichen ist am Ende kein Unglück für einen jungen Menschen. Jetzt aber glaube ich, daß er Ruth ernsthaft liebt, und daß er im Begriff steht, um sie zu werben. Dies ist nun von geringem Interesse für Sie, es sei denn, daß Ruth ihn wiederliebt. Dafür habe ich keinerlei stichhaltigen Beweise. Aber das Wunderliche ist, daß man nie ganz ergründen kann, was in Ruth vergeht, und wie sie in ihrem innersten Herzen denkt. Nie sah ich einen Menschen, der offener, nie einen, der verborgener gewesen wäre als sie. Offen: bewußt; verschlossen: unbewußt. Es ist, als führe sie, noch hinter allem andern, was sichtbar wird, ein geheimes Eigenleben für sich, von dem sie selbst nicht recht weiß, aus dem aber dennoch alle entscheidenden Gefühle und Gedanken bei ihr kommen. So könnte sie recht gut einmal sich selbst zur Ueberraschung handeln, -- ihrer ganzen klaren, frischen, heitern Unbefangenheit zur Ueberraschung, -- und gerade damit ihr eigentlichstes Selbst erst zum Ausdruck bringen. --
Aber nun zu Jurii. Ich kann über ihn nur Gutes, ja Vortreffliches mitteilen. Ich kann es nur in die Worte fassen: hätt' ich eine Tochter, -- mir sollt's recht sein. Er ist brav, sympathisch, sehr begabt, ernst in der Richtung seines Wesens und seiner Interessen. Gänzlich unverdorben. Dazu kerngesund und ein bildhübscher Junge. Das ist viel auf einmal. Ueber Familie und Verhältnisse wurde Ihnen selbst schon das Beste bekannt. Seine große Jugend ist kein Fehler, da Ruth denselben mit ihm teilt, und da die Zeit ihn so gründlich heilt.
Aber glauben Sie, bitte, trotzdem nicht, daß meine Wünsche Ruth vorauslaufen, -- auf Kupplerfüßen laufen. Ich wünschte nur, Sie rechtzeitig vorzubereiten, damit Sie überlegen, wie Sie sich zur Sache stellen wollen. Denn gegen Ihren Willen, -- nein, auch nur ohne Ihren vollen Willen, -- würde ja wohl Ruth nie etwas thun --«
Erik las nicht weiter.
Er überflog die nächsten Seiten: sie handelten nicht mehr hiervon.
Ruths Schweigsamkeit, -- war sie doch gewollt, bewußt? Abkehr von ihm, eine stille Wandlung?
Er glaubte seinen eigenen erwachenden Zweifeln nicht. Aber sie kamen wieder. Hell und dunkel, Licht und Schatten glitt es über seine Gedanken hin, wie draußen.
»Aprilwetter, -- in mir! um einen Knaben!« murmelte er im Zorn über sich; »in Angst um eine Aprillaune, -- in Angst, in den April geschickt worden zu sein!«
Er war so zornig, so ungerecht als möglich, gegen sie, gegen sich selbst.
Beim Heraustreten aus dem Zimmer der Mutter sah Jonas den Vater über die Terrasse in das Schneegestöber hinausgehen.
Und Klare-Bel wollte ruhen, wollte allein sein.
So schlich er sich in seine Stube.
Als Erik nach ein paar Stunden nach Hause kam, bemerkte Gonne gegen ihn, die Frau habe sich zur Ruhe begeben, sie sei krank.
Erik ging zu ihr.
Sie saß aufrecht im Bett; auf dem Tischchen daneben lagen Bücher. Im Nachtjäckchen, ihre kleine Haube auf dem, wie zur Nacht, glatt zurückgestrichenen blonden Haar, sah sie ihm verwirrt und angstvoll entgegen. Als fürchte sie sich vor ihm. Als schäme sie sich vor ihm.
Er ertrug es nicht. Er beugte sich über sie, das Gesicht auf ihren Händen, und küßte diese.
»Bel, -- Bel, -- verzeihe mir.«
Sie gab sich Mühe zu lächeln; es war ein merkwürdiges, schwaches, kleines Lächeln, das dabei herauskam. Und nun wurde sie dunkelrot.
»Ach, Erik, -- nicht so. Es ist mir zu -- es ist mir so ungewohnt. Schrecklich ist es mir. Sprich nicht so zu mir.«
Er setzte sich neben sie, auf den Stuhl an ihrem Bett.
»Lasest du, Bel?« fragte er zerstreut, gepeinigt.
»Ja, Erik. Du mußt nicht böse darüber sein. Es sind so alte Bücher, -- die alten, weißt du? Aber neulich fand ich einmal etwas, und das machte mich so glücklich. Das suchte ich mir heute auf. Es ist so schön zu lesen, Erik.«
Sie sprach rasch, befangen, wie ein verlegenes Mädchen.
Er blickte nieder auf die Bücher. Ein goldenes Kreuz auf dem einen. Und das andere. P. A. de Génestets »Laiengedichte«, -- diese echt holländischen Lieder, in denen Trotz und Glaube, Trost und Zweifel sich seltsam genug mischen.
»Ich hatte sie so völlig vergessen, alle beide. Weiß selbst nicht, wie nur. -- Wie gut, daß so etwas dableibt, ob man es auch vergißt. Sie waren so verkramt, und ganz staubig, als ich sie neulich fand. -- Willst du mir die ›Laiengedichte‹ herreichen, Erik? Ein Lesezeichen liegt drin.«
Er schlug das Buch auf und reichte es ihr. Das Lesezeichen fiel dabei heraus.
»Höre nur, -- Erik, -- nur einige Verse, magst du? Auch du mußt es schön finden. Es heißt ›+Peinzensmoede+‹. Es sollte wohl heißen: ›Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben‹.«
Und sie las mit ihrer sanften Stimme:
»Wo -- wo sind die Priester, Die dich erklärten? In Rätseln wandelt Der Mensch auf Erden. Geheimnis -- das Leben, Geheimnis -- der Tod, Die Schöpfung, sie predigt Keinen liebreichen Gott. Natur nur umgibt dich, Die nicht auf dich hört, Gleichviel ob sie wohlthut Oder ob sie zerstört.
Und doch, -- nisten Zweifel Mir auch in der Brust, -- An dich, meinen Vater, Glaub' ich unbewußt. Nicht weil deine Schöpfung Dein Lieben enthüllt, -- Nein! nein! nur trotz allem, Dem Zweifel entquillt! Trotz jeglichem Rätsel, Trotz jeglicher Not, Trotz Angst und Verderben, Trotz Schmerzen und Tod!
Ich schmachte, vom Schicksal Zu Tode getroffen, Meine Hoffnung ist Wehmut, Meine Wehmut ist Hoffen. Ich ~will's~ -- ~will~ es glauben, Daß ich deine Hand Im Leben wohl spürte, Nur sie nicht erkannt; -- ~Will's~ glauben, was Kirche und Priester mich lehrten: Daß niemand umsonst dich Gesucht hat auf Erden.«[1]
[1] Frei nach dem Holländischen.
Sie saß da und las, den Kopf mit dem weißen Nachthäubchen andächtig gesenkt, die Hände auf der Bettdecke gefaltet. Die Röte der Befangenheit, der verlegene Ausdruck wichen langsam von ihrem Gesicht; rührend und vertrauensvoll sah sie aus, wie ein Kind, das seiner Mutter ein Gebet nachspricht.
Und so nackt legte sie auch jetzt noch ihre Seele -- in all ihrer Hilflosigkeit und zagenden Hoffnung, vor ihn hin, -- ohne jeden falschen Stolz. Sie kannte es nicht anders.
Erik hielt noch immer das Lesezeichen in der Hand und betrachtete es geistesabwesend. Ein recht unpassendes hatte sich da ins Buch hinein verirrt: ein nackter Amor mit einem großen Rosenbouquet.
Während er aber stumm darauf hinschaute, sprach er in Gedanken zu Klare-Bel, unterbrach sie im Lesen, nahm ihr das Buch aus der Hand. Er war ganz eingenommen von diesem wortlosen Zwiegespräch: »Dieser Titel gehört sicher nicht über deinen Glauben und deine Zweifel, Bel; ›+Peinzensmoede+‹ bedeutet ja: des Sinnens, des Grübelns müde. Wann hättest du das gekannt? Ein vom Zufall der Erziehung lässig dir übergeworfenes Kleid, -- ein durch einen Zufall deiner Ehe lässig von dir abgeglittenes Kleid: das war in deinem Leben der Glaube.«
Und in Gedanken hörte er Klare-Bel: »Woran soll ich denn aber noch glauben, Erik? An dich? Doch nicht an dich? Von wo einen Halt nehmen? Du warst mein Halt. Ach, der hält nicht! Er biegt sich unter meiner Hand hinweg, und läßt mich stürzen. Soll ich mir selbst ein Leid anthun? Dich ermorden? ~Sie~ vergiften? Ich bin keiner von den Menschen, über denen die Leidenschaften vernichtend zusammenschlagen. Bin ich dadurch nicht nur hilfloser? Meine tiefste Verzweiflung heißt Hilflosigkeit; -- das Tasten nach einer Stütze: mein letzter klarer Gedanke. Warum verwehrst du es mir?«