Part 17
»Weil ich diese Stütze hasse, -- diesen Halt, der mich ersetzen soll. Nein, weil ich mich dessen schäme, -- daß er mich ersetzen muß. Weil ich kein Mitleid mehr mit dir habe, -- nur noch Zorn und Haß und Scham vor mir selbst.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Klare-Bel schaute von ihrem Buch auf, unsicher gemacht durch sein Schweigen.
»Ist es nun nicht schön, Erik?« fragte sie leise, beinahe bittend, »-- mich macht es glücklich.«
»Dann ist es schön, Bel!« sagte er sanft. --
Aber seine Stimmung war nicht sanft. Den ganzen Abend schlug er sich mit einer ihm fremden Pein herum. Schon am Vormittag, -- als er seine Frau nicht sofort über ihr Mißverständnis aufklärte, sondern sich edler nehmen ließ, als er war, -- und jetzt wieder, wo seine Lippen anders redeten, als seine beschämten, zornigen Gedanken, -- hatte er gegen seine innerste Natur gehandelt, sich passiv verhalten, die Dinge gehen lassen. Nicht aus einer Weichlichkeit des Mitleids, -- aus gerechter Ueberzeugung: ob es ihm sympathisch oder widerwärtig war, durfte nicht in Betracht kommen gegenüber dem, was Klare-Bel durch ihn erleiden mußte.
Er hatte sich unausweichlich in die Lage gebracht, gegen seine eigenste Natur handeln zu müssen.
Den nächsten Tag bedurfte Erik einer gewaltsamen Willensanstrengung, um seine Gedanken von allem loszureißen, was ihn quälte, und auf seine Arbeit zu richten. Bald sah er Bel als Betschwester vor sich, bald Ruth als Braut; Hohn und Erbitterung erfüllten ihn. In beiden Fällen war er der entthronte König.
»Einen neuen Gott die eine, -- einen neuen Mann die andre, -- es ist fast dasselbe!« dachte er und erschrak selbst vor der Häßlichkeit seiner Gedanken.
In einer Pause zwischen seinen Schulstunden, während welcher er in der Stadtwohnung vorsprach, zog er Frau Römers Brief aus seinem Taschenbuch. Er hatte ihn nicht einmal ganz gelesen, -- nur durchflogen, -- und jetzt kam ihm das Gefühl: es müsse wohl thun, diese Frau reden zu hören, bei ihr Ruhe zu finden vor all dem Häßlichen, was in einem Menschen aufgewühlt werden kann.
Und er las weiter.
»Es ist ja nicht notwendig, daß Ruth sich schon so jung bindet. Vielleicht wird sie sich erst viel später verheiraten, -- vielleicht nie. Nun sehen Sie, dies wäre nicht wünschenswert. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Ich spreche als glückliche Frau naturgemäß für die Ehe. Aber ich habe gut reden: ohne meinen Mann wäre ich wohl ein nichtsnutziges Ding geblieben, -- mit etwas Interesse für Tand und einer großen Leere im Herzen. Ich glaube, Sie legen einen Hauptwert auf Ruths geistige Entwickelung. Ich auch. Aber dazu verhält sich ein frühes gleiches Liebesleben nicht als Gegensatz, sondern als die einzige gesunde, natürliche Grundlage auch des Geistesstrebens im Weibe. Nicht nur damit Sie Gehilfin des Mannes sei. Häufig langt es ja gar nicht zu mehr. Wo es aber langt, -- desto besser. Von meinem Mann glaube ich bestimmt, daß er mich im Ergreifen eines jeden Berufes unterstützt hätte, zu dem eine entsprechend große Befähigung vorhanden war. Nicht aus reiner Selbstlosigkeit natürlich. Liebe ist nicht selbstlos. Wohl aber, um den ganzen frischen Duft, die ganze Fülle und Freude um sich zu haben, die nur derjenige Mensch auf seine Umgebung ausstrahlt, der voll erblüht. Und daß zwei Blüten bei einander stehen wollen: das bedeutet ja wohl ›Ehe ‹ --.«
Erik sprang auf und warf den Brief auf den Tisch. Etwas ganz andres, als er gesucht, hatte er darin gefunden, -- etwas ganz Unerwartetes: einen unbewußten Vorwurf.
Seine Ehe mit Bel, das waren keine zwei selbständigen Blüten, die zusammenstanden: das war eine Blüte, die einen Tautropfen aufgesogen, der unvorsichtig in ihren Kelch gefallen war.
So würde es wohl Frau Römer ausdrücken.
Römers standen eben von vornherein anders zu einander. Sie bewunderten sich gegenseitig, -- eigentlich war es rührend. Man konnte nicht recht darüber lächeln: man mußte diese beiden Menschen achten.
Bel konnte aber nicht mit Frau Römer verglichen werden. Als er sie fand, ein Jahr älter als er selbst, sinnbethörend schön, bereits fertig mit ihrer kurzen Entwickelung, -- ein in gewisser Weise viel fertigerer Mensch als er, -- was hätte er da wohl andres thun können, als dürstend in sich aufzusaugen, was, nach Selbstuntergang sehnsüchtig, sich ihm darbot?
Aber wenn man einen schwächern Menschen so absolut in seinen Besitz nimmt, so fühlt man die furchtbare Verpflichtung: ihn nicht wieder von sich zu lösen. Man stellt sich für das ganze Leben in einen Kampf hinein zwischen Scham und Mitleid, bei jedem leisesten Versuch, sich dieser Verpflichtung zu entziehen.
Wahrscheinlich würde das Frau Römers Meinung sein. -- Auch -- Ruths Meinung? Ruth grübelte nicht über solche Fragen. Aber was täglich, stündlich auf sie wirkte, sie beeinflussen mußte, mächtiger als alle Worte, alle Grübeleien, -- das war Frau Römers Ehe. Eine heilig gehaltene, glückliche Ehe.
Sobald sein Unterricht ihn freiließ, ging Erik zu Warwara. Mehr, als er es sich selbst gestehen wollte, war es ihm recht, jetzt noch nicht nach Hause zu fahren.
Als Erik gemeldet wurde, entfernte sich eine lange, hagere Engländerin, Warwaras Gesellschafterin, aus dem Zimmer.
»Sie sehen ganz besonders ernst aus,« bemerkte er bei der Begrüßung zu Warwara, »es ist Ihnen inzwischen doch nichts Unangenehmes passiert?«
Sie mußte hell auflachen.
»Etwas passiert, -- ja. Aber man zählt es nicht zum Unangenehmen.«
»-- Verlobt?! -- war das die Mitteilung?! -- Mit wem?«
Sie setzte sich in ihre Plauderecke. »Gleichviel, mit wem. Ein Ihnen ganz Fremder. Im Auslande. Sie werden es auf einer schön gestochenen Verlobungskarte lesen.«
»Und darf ich Ihnen Glück dazu wünschen, Warwara?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine natürlich, ob Sie das Geringste für den Mann fühlen, den Sie heiraten wollen.«
»Daran zweifeln Sie?«
Er schwieg.
»Ich will es Ihnen sagen. Dazu rief ich Sie ja her. Ich hab' ihn gern. Sehr gern. Aber mir wird nicht heiß und kalt, wenn ich an ihn denke.«
»Und das scheint Ihnen zu genügen. Es genügt nicht, Warwara.«
»So will ich Ihnen noch mehr eingestehen. Was ich in der Ehe suche, -- das Glück, das ich suche, -- ist nicht der Mann.«
»Sondern?«
Sie stand auf und trat an ihren Blumentisch, mit dessen Pflanzen sie sich zu schaffen machte.
»Das Kind.«
Erik schwieg überrascht.
Nach einer kurzen Pause sagte sie: »Es ist ein sehr vertrautes Geständnis. Aber ich bin mit Ihnen sehr vertraut, -- mehr, als Sie wissen. Hab' Sie oft so im stillen bei mir selbst um allerlei Rat gefragt. Sie zum Beichtvater und Seelsorger gehabt. Wir hätten öfter, als wir gethan, ernste Dinge miteinander teilen sollen.«
»Das hätte mich sehr froh gemacht, Warwara. Schon das, was Sie da sagen, macht mich froh. Ich bedurfte gerade dessen.«
»Nun, sehen Sie, das ist gut. So will ich's auch ruhig bekennen. Daß ich wirklich nur ein ganz armes Weltkind bin, voll von allerlei Tand und Plunder. Und daß ich gern mehr sein möchte. Vielleicht dank Ihnen, -- dank den stillen Unterhaltungen, die ich da mitunter mit Ihnen geführt habe. Und so will ich mir denn nun den einzigen Erzieher und Meister ersehnen und erwünschen, der aus mir noch das Beste machen kann, -- das Beste, was in mir ist.«
»Das alles erwarten Sie von einem Kinde?«
»Von der Mutterschaft -- ja. Von der Mutterliebe. Dem Mutterglück. Der Mutterpflicht. -- Und dann,« sie wandte sich lebhaft zu ihm, »irgend wann einmal, wenn ich wirklich so glücklich sein soll, dann gebe ich mein Kind in Ihre Hand, damit Sie es zu einem tüchtigen Menschen heranziehen helfen, Sie Menschenlehrer.«
»Hätten Sie ~das~ Vertrauen zu mir? Ein so festes? Einen ganz festen Glauben an mich? Ich danke Ihnen, Warwara.«
»Ja. Ich traue Ihnen und Ihrer Kraft unendlich viel zu. Unter der einen Bedingung: daß Sie Ihre Aufgabe sehr lieben.«
»Mit andern Worten, keine Kraft zur Pflichttreue.«
»Das weiß ich nicht. Ich glaube nur, trotz allem, daß Sie im Grunde Gemütsmensch sind. Und das heißt doch nur: sehr lieben können, -- Menschen oder Ideen, -- und da, wo man sehr liebt, sich rückhaltlos verschenken können. Hingegen all das andre, was Sie bisweilen mit solchem Selbstvertrauen zu behaupten pflegen, -- all die Sicherheit und Unfehlbarkeit außerhalb dieser leitenden und entscheidenden Gefühle, -- nein, -- daran glaub' ich auch für Sie nicht.«
»Sie sind eine große Philosophin geworden,« bemerkte er halblaut.
»Wie? Sie geben's mir zu?« fragte sie überrascht, »welch ein fremder, guter Geist der Nachgiebigkeit ist denn nur über Sie gekommen? Aber es ist wahr, warum sollten auch Sie es nicht einmal fühlen, wie abhängig wir alle vom Glück sind, -- wir armen Weltkinder alle? Vom fruchtbaren Erdfleckchen, auf dem auch für uns noch ein ganzes Glück, eine ganze Liebe, -- und dadurch allein! -- auch eine ganze Pflicht und Heiligkeit wachsen kann.«
»Und wenn wir dies Erdfleckchen, gerade dies, nicht bebauen dürfen?«
»Dann verdorren wir, -- oder verschleudern uns. Wenigstens ich. Und Sie auch.«
Ein Diener erschien in der Portierenthür und bat zur Tafel.
Warwara stand auf.
»Geben Sie mir den Arm. So ernst? Ich habe Sie doch nicht verletzt?«
»Nein. Sie haben ganz recht. Hatten recht, als Sie einmal vor langer -- sehr langer Zeit zu mir sagten: ›Wir haben eine gemeinsame Versuchung.‹ Es erkennen, heißt hart werden, -- gegen alles, was uns hindert, uns fruchtbar auszuleben.« --
Auf dem Lande saßen Klare-Bel und Jonas nebeneinander bei Tisch. Jonas fand: einander gegenüber, das sei zu feierlich. Es machte ihm Spaß, dabei die Mutter zu bedienen und ihr vorzulegen, von allem das Beste. Er war bemüht, sie zu unterhalten.
Klare-Bel hörte nicht recht hin; ihre Blicke hingen an einem Brief, den Jonas mitgebracht hatte. Er war erst nach Eriks Anwesenheit in der Stadtwohnung dort eingelaufen.
Von Ruth. Ganz außer der Zeit. Klare-Bel konnte eine schwache, thörichte Hoffnung nicht unterdrücken, die mitten in Jonas' harmloses Geplauder hineinredete.
Als Erik, bald nach dem Abendthee, zu Hause eintraf, bemerkte er sofort den Brief, der für ihn bereit lag. Sein Blick streifte Jonas, -- flüchtig nur, -- aber Jonas stand sofort auf, um hinauszugehen. Der Vater wußte doch ganz gut, wie schwer ihm das fiel, -- aber er sollte ihm nicht noch einmal, wie in jener Nacht vor Ruths Abreise, Mangel an Selbstbeherrschung vorwerfen. Jonas gehorchte ihm jetzt immer blind, -- auf den Wink; denn schickte er ihn auch aus dem Zimmer: er führte ihn ja doch den Weg zu Ruth.
Klare-Bels Augen hingen mit unaussprechlicher Spannung an Erik, während er den Brief erbrach. Eine einzige Sekunde, -- die Seite umgerissen, -- eine zweite, blitzschnell, -- und er ballte das Papier in der Hand.
Er war grau im Gesicht.
»Erik! was ist es? -- etwas Schlimmes, -- für dich Schlimmes, -- Erik!«
Sie entsetzte sich vor dem veränderten Ausdruck in seinen Zügen.
Er entfaltete das Papier wieder, nur die Hand ballte er. Vor seinen Gedanken schwirrten vier Worte: »Ich habe ihn lieb«, und, am Schluß, etwas wie »den Kuß gab ich ihm«, -- mehr hatte er nicht gelesen. Er biß die Zähne aufeinander.
Das zu lesen, jetzt, vor den Augen seiner Frau.
Er las es, aufrecht stehend, hell beleuchtet, vor der Lampe.
»Am Schloßberg. Dienstag.
Ich soll Ihnen von Jurii schreiben, sagt Frau Römer. Ob ich ihn lieb habe. Ich habe ihn lieb. Und ich soll alles so erzählen, wie es gewesen ist. Es ist so gewesen: Um den Schloßberg stürmte und regnete es. Ich durfte nicht in die Stadt hinuntergehen, weil ich mit Husten zu Bett gelegen hatte. Ich ging aber doch hin, um mir ein Buch für meine Arbeit zu holen. Unten fand ich Jurii, und er brachte mich nach Hause. Wir gingen unter einem Schirm und mußten uns gut zusammendrücken. Es war aber sehr glatt, und Jurii mußte immer nur achtgeben, daß ich mit den Galoschen nicht ins Rutschen kam. Da sagte Jurii zu mir: ›Ich liebe Sie. Ich liebe Sie so sehr. Werden Sie, bitte, meine Frau.‹ Das sagte er aber russisch, und darüber fing ich an zu lachen, denn wir sprechen ja immer deutsch. Da sagte er noch: ›Ich weiß jetzt, daß Sie mich nicht wiederlieben. Dann gibt es kein Glück mehr auf der Welt. Sterben möcht' ich.‹ Darüber, daß er sterben wollte, wurde ich ganz traurig, und er wurde es auch. Wir achteten nicht mehr auf den Schirm und auf die Galoschen, ich verlor einen, und der Regen lief uns in den Rücken. Frau Römer schalt sehr, als wir pudelnaß ankamen, steckte mich ins Bett und kochte heißen Thee auf. Ich lag und weinte, denn ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, damit wir wieder vergnügt sein könnten. An derselben Wand stand aber im Nebenzimmer ein Diwan, und da lag jemand und that dasselbe. Frau Römer kam herein, und horchte, ob nebenan auch jemand weinte und lächelte etwas und sagte, wir wären rechte Kinder. Darauf setzte sie sich an mein Bett und streichelte mein Haar zurück (das thut sie gerade so wie Sie) und fragte: ob ich Jurii denn nicht ein wenig lieb hätte. Ich sagte: ›Ja.‹ Da sagte sie: ›Ich meine es anders. Denke einmal nach, was dir das Schönste auf der ganzen Welt ist? gehört Jurii dazu?‹ Ich dachte nach und sagte, das Schönste auf der ganzen Welt sei ja, daß ich Ihr Kind sei. Darauf sagte sie: ›Vielleicht jetzt noch. Aber kannst du dir denn nicht denken, daß es später noch viel, viel schöner wäre, einem andern zuliebe Braut zu sein?‹ Das konnte ich mir nicht denken. Da fragte sie nichts mehr. Sie küßte mich und ging fort.
Heute ist Jurii fortgereist. Er will nicht mehr hier studieren. Ich stand gerade bei meinen vielen Schneeglöckchentöpfchen, die ich im Februar unten in der Gärtnerei gepflanzt habe. Ich schnitt die aufgeblühten ab für Frau Römers Glas, damit sie wieder gut sein sollte. Da kam Jurii in mein Zimmer. Er wollte die Blumen haben und einen Kuß. Er sah so blaß und verweint aus. Ich gab ihm die Blumen. Und den Kuß gab ich ihm auch.
So ist es gewesen.
Ruth.«
Klare-Bel hatte ihre Augen vom Lesenden abgewendet. Sein Gesicht verriet alles, was im Brief stand. Allzu deutlich verriet es, daß sein Schreck umsonst gewesen war.
Erik in dieser Abhängigkeit zu sehen von dem, was Ruth that oder unterließ, -- das war gräßlich. Das wollte sie nicht sehen.
Sie hatte gemeint, das Schwerste sei über sie gekommen: gestern. Aber nicht, es zu wissen, war das Schwerste, -- nein, es mit wissenden Augen zu beobachten, täglich, stündlich, es bestätigt zu finden in solchen kleinen Vorgängen. Dieses Lieben und Schwanken mit anzusehen, -- das war schwerer. Nicht nur schwerer, -- unmöglich war es.
Und dann, -- wenn Ruth einen andern abwies, -- dann liebte wohl auch sie Erik. Und wenn sie ihn liebte -- dann erst war er für Bel verloren. Auf sein Glück konnte er vielleicht verzichten -- für Bel; auf Ruths Glück nie. Nicht, wenn er sie wirklich liebte. Wo die stärkere Liebe blüht, da wächst auch das stärkere Pflichtgefühl: da sorgt man nur noch um das Glück des andern.
So empfand Klare-Bel.
Am nächsten Tage fehlte sie beim Morgenfrühstück. Gonne hatte es ihr auf ihr Zimmer bringen müssen.
Erik suchte sie sofort auf. Er war schon in aller Frühe aufgestanden und hatte, nach mehreren vergeblichen Versuchen, Ruth geschrieben. Aber diesmal gelang es ihm schlecht, -- ein gequälter Ton klang durch.
Klare-Bel lag im Morgenrock auf ihrem früheren Ruhestuhl, eine Felldecke über den Knieen. Sie sah nicht krank aus. Vielmehr klar und gesammelt.
»Du bist doch nicht leidend?« fragte er dennoch, mit ehrlicher Sorge.
»Ich bin nicht leidend, Erik. Aber ich mußte dich bei mir haben. Allein -- ganz allein, -- ohne Jonas.«
Und sie umfaßte seine Hand mit ihren beiden Händen.
»Um dich zu bitten: laß mich jetzt abreisen! Jetzt schon. Es sollte ja doch bald sein. Laß es jetzt sein!«
Er schwieg einen Augenblick. Diese Bitte war beredt.
»Wenn du es durchaus willst, Bel. Dann soll es beeilt werden. Ich will alle Sorge dafür tragen. Ich bin jetzt gebunden. Aber Jonas soll dich hinbringen.«
»Ach nein, Erik! Laß mich allein hin. Nicht mit Jonas. Gonne genügt. Ich bitte dich so sehr darum. Mit Jonas bin ich nicht allein. Er hat so feine Augen. Vor ihm will ich nicht --«
Sie brach ab; aber der einzige Stolz, den sie besaß, ihr Mutterstolz, schrie in ihr: »Vor ihm will ich mich nicht in meiner Schwäche zeigen, in meinem Elend!«
»Nun gut. Auch das. Dann soll er dich nur bis über die Grenze bringen. Darauf bestehe ich, Bel.«
»Ich danke dir. Und nun muß ich dir noch das andre sagen, Erik.«
»Was denn?«
Er schritt unruhig ein paarmal durchs Zimmer und lehnte sich ans Fenster. Sie sprach so klar und so ruhig bewußt. Er kannte seine Bel vollkommen, -- jede leiseste Regung in ihr kannte er, -- und beeinflußte er. Und nun ging von ihrem Wesen ein ihm Unbekanntes, ihm Entrücktes aus, -- etwas Fremdes. Er fühlte es, ohne es sich noch erklären zu können, wie einen Druck auf die Nerven. Ein ganz seltsames Gefühl: als sei noch ein Dritter im Zimmer.
»Ich will es nur lieber schnell heraussagen, Erik. Das andre ist, daß auch du verreisen sollst, -- so bald als möglich. Nicht erst zum Sommer, um mich abzuholen. Bald, -- eher, -- in den Ostertagen. Wo du zwei Wochen Zeit hast. Um sie wiederzusehen. Um dich zu überzeugen, ob wohl auch sie -- --. Ganz gewiß, das mußt du thun. Denn sonst bist du zeitlebens unglücklich, Erik. Und das -- siehst du -- das könnt' ich ja nicht aushalten.«
Die Röte war ihm übers Gesicht geschossen. Dunkelrot bis über die Stirn. Er warf den Kopf zurück gegen das Fensterglas.
Das war es: eine neue Stütze besaß sie, die sie selbständig gehen und handeln lehrte! Einen neuen Herrn: schon handelte sie auf sein Geheiß!
Wie hatte er nur an Kampf denken können -- mit Bel! Kampf? Nein, ausrauben, ausplündern wollte er sie! Aber sie ließ es nicht zu: sie beschenkte ihren Räuber, -- freiwillig, überreich beschenkte sie ihn: »Nimm, du Armer, vom Glück Abhängiger, -- ich kann's entbehren, bin die Stärkere, -- ich kann entsagen, -- du -- nicht.«
Und glühend brannte in ihm die Scham empor, -- glühende Scham, -- und Auflehnung als einzige Antwort: »Tausendmal lieber ein Räuber als ein Beschenkter!«
Klare-Bel sah den Schweigenden, Wortlosen nicht an. So ganz ergriffen und benommen war sie von dem Schweren, das sie vorhatte, daß ihre Blicke ihn nicht suchten, nicht befragten, wie sonst wohl.
»Heut nacht lag ich immer und dachte: wenn es anders möglich wäre! Aber das ist es ja: es ist nicht möglich. Du kannst nicht aufhören, an sie zu denken, und ich, -- wie sollte ich, -- wie sollte ich nicht anfangen, sie zu hassen? Und so versündigen wir uns aneinander, Erik. Das soll nicht sein. Es ist immer alles schön gewesen zwischen uns. Es kann traurig werden, -- sterbenstraurig. Aber nicht häßlich. Das soll es nicht. Ich ertrüg's nicht.«
Ein halber Laut entfuhr ihm. Sie, -- was wußte sie wohl von »Haß«. Von Häßlichem. Nein, nichts! Es erfüllte ihn mit einem fast andächtigen Staunen: in ihr wurden die Gedanken nicht häßlich, nicht bitter und ungerecht, im Kampf und Zweifel, im Aufruhr und Schwanken der Seele. Sie dachte nichts Häßliches.
»Und nun hab' ich auch verstanden, -- heut nacht, -- warum ich gesund geworden bin,« sagte Bel leiser, als er noch immer schwieg, »und warum wir doch dessen nicht froh werden konnten. Nicht froh, obgleich ich auf meinen Füßen stehen und gehen konnte. Gott sprach darin zu mir: ›Geh!‹«
»Bel!« stieß er gequält heraus. Diese religiöse Exaltation war ihm entsetzlich. Aber Klare-Bel sagte ruhig, beinahe freundlich: »Ja, Erik. Und ich gehe. Gott selbst wollte es so. Er wollte es. Aber Jonas mußt du mir später lassen. Bei mir lassen. Jonas gehört mir mehr als dir.«
Höchstes und Alltägliches ging durcheinander. Erik fand: nun redete sie von der Trennung und Scheidung wie von einem Hausumzug; »dies ist mehr mein, -- dies mehr dein.«
Er trat an ihr Bett.
»Höre mich jetzt an, Bel. Du fassest keinen Entschluß -- über nichts, -- ehe ich jetzt zu dir gesprochen habe. Offen. Offener als bisher. Denn du weißt nicht alles.«
»Ach, Erik, -- sage nichts! Es ist schrecklich, es zu hören! -- Nichts, -- nein! Nur eines -- hätt' ich von dir erbeten!«
Er ergriff die Hände, die sie gegen ihn vorstreckte, und hielt sie sanft fest.
»Es ~muß~ sein, Bel. Du mußt mich hören.«
»Warte noch. Bitte, nicht! Erik, -- sage mir nur erst: -- hast du -- ihr schon geschrieben?«
»Ja,« versetzte er erstaunt.
»Ich meine -- den ~andern~ Brief?«
»Ja, -- auch den andern.«
»Und du hast ihn vernichtet. Nicht wahr, -- das hast du doch?«
In diesem Augenblick wußte er es selbst nicht. Unwillkürlich griff er an die Tasche seiner Joppe. Es knisterte leise unter seinen Fingern.
»Erik! -- das ist das Einzige, -- was ich von dir erbitten wollte.«
Seine Hand krampfte sich zusammen um das dünne, zerknitterte Papier, -- wieder stieg eine Blutwelle ihm ins Gesicht, -- wieder die Röte der Scham, einer feinen, empfindlichen Scham. Nein, -- nur das nicht! Das konnte er nicht! Vor Bels Augen das Innerste, Geheimste bloßlegen, -- sein Heiligstes und sein Unheiligstes, -- den Aufruhr der wildesten Stunde, -- die Andacht der stillsten --.
Aber nur einen Augenblick lang zauderte er so. Sie hatte recht, -- tausendmal hatte sie ein Recht darauf! Und was sie daraus erfuhr, war, was sie erfahren mußte, -- sich zu erfahren scheute. Und wenn es mehr war, als sein Bekenntnis hätte aussprechen können, -- wenn er selbst es war, mit allem, was in ihm tobte, gärte, schluchzte, kämpfte, mit allem Häßlichen auch, und dem Aufschrei nach Glück, -- dann war es gut so.
Vor seinen Worten scheute sie sich, -- vor der endgültigen Klarheit: und in dieses Dunkel griff sie verlangend, -- vermessen. Wer ergründet wohl einer Frauenseele Furcht und Neugier!
Er reichte ihr das zerdrückte Blatt, -- zusammengeballt war es zu einer Kugel.
»Du hast es gewollt.«
Dann verließ er sie.
Nebenan im Wohnzimmer stand der Frühstückstisch noch unabgeräumt. Jonas hatte vergeblich auf den Vater gewartet und zur Schule gehen müssen.
Erik blieb in der Mitte der Stube stehen und starrte ins Leere.
»Nicht entsagen!« war sein einziger deutlicher Gedanke. »Nicht entsagen! nicht in der Versuchung des Mitleids, -- nicht in der schlimmern: der Versuchung der Scham.«
Ihm war, als handle es sich gar nicht um einen einzelnen Menschen, noch weniger um ein Weib, -- nein, um alles, was Mensch hieß, was ihm Mensch sein konnte, -- um alles, was er überhaupt berühren konnte, schaffend, wirkend, liebend, -- um sein eigenes Menschsein.
Es konzentrierte sich alles in diesen zwei kindlichen, gläubigen Augen, die auf ihn warteten und zu ihm emporschauten.
Entsagen hieß: in die Wüste gehen, -- nicht nur mit seiner Liebe, -- auch mit seiner Thatkraft, -- mit seiner Kraft überhaupt, -- ins Unfruchtbare, in die tote Einsamkeit.
Gab es eine Kraft auch für die Wüste? Die in solcher Einsamkeit standhielt? Ja, in ihr vielleicht erst erstand? Die nicht mehr eines andern bedurfte, um stark und schön zu bleiben, -- keiner Augen, die da glaubten, und warteten, und an sie appellierten?
Ja vielleicht! für Reflexionsmenschen, die sich selber über die Schulter gucken, sich in sich selbst bespiegeln, -- spottend oder genießend! Oder für Gefühlsmenschen, die in ihren eigenen Erregungen sentimental zu schwelgen und zu schwimmen wissen, -- auch sie ihr eigenes Publikum!
Aber nicht für solche, die in sich selber unteilbar eins sind und daher auch hilflos in sich selber, -- wenn sie sich nicht dadurch helfen können, daß sie handeln, aus sich heraus wirken, -- und sich selbst erkennen, wiedergespiegelt im Auge eines andern.
Aber Bel? Warum konnte sie entsagen? sie, die weder in Reflexionen noch in Gefühlen schwelgte, sie, die vielmehr naiv und schüchtern war und keineswegs ihr eigenes Publikum? Aber so ging es auch: mit dem großen suggerierten Zuschauer, -- mit dem da oben, der alles sah. Auch sie hatte ihren Spiegel, für den sie sich schön erhalten mußte, -- das Gottesauge, den blauen Himmelsspiegel!
Ein schwacher Laut, wie ein Stammeln oder Stöhnen, drang aus Klare-Bels kleinem Nebengemach. Es war, als wolle sie Erik in seinen bittern Gedanken unterbrechen, -- widerlegen.