Ruth

Part 18

Chapter 183,747 wordsPublic domain

Er trat zur offenen Thür.

Bel hatte den Brief von sich geworfen, weit fort, auf den unteren Rand der Felldecke. Sie lag da, das Antlitz glutrot, in den Händen vergraben.

»Lieber Gott!« betete sie, »großer, barmherziger Gott, der du im Himmel bist, und in die Herzen der Menschen hineinsiehst, nimm mir meine Liebe aus meinem Herzen!« --

* * * * *

Warwara war sehr überrascht, als sie am nächsten Tage Erik auf der Straße traf und von der bereits jetzt bevorstehenden Abreise seiner Frau hörte. Sie redete auf das lebhafteste zu, noch eine einzige Woche zu warten und Klare-Bel dann mit ihr zusammen hinausreisen zu lassen. Aber es fruchtete nichts. Schon den folgenden Morgen konnte sie der Fortfahrenden, der sie baldigen Besuch im Bade versprach, einen mächtigen Rosenstrauß in das Waggonfenster stecken. Warwara war außer Erik die einzige, die Mutter und Sohn das Geleit gab, und sie fand, daß die Gatten sich nicht ganz unbefangen gegeneinander verhielten.

Nach Abfahrt des Zuges verabschiedete Erik sich nur kurz und hastig von ihr. Sehr nachdenklich fuhr sie nach Hause.

Ihre klugen Gedanken mißverstanden ihn vollkommen. Sie glaubte ihn eigentlich als Mann in seinem eigenen Heim befriedigt, aber als Mensch in seinem Wirkungskreise unbefriedigt. Und wenn sie, scherzend oder ernst, von »Versuchungen« für ihn sprach, so meinte sie damit gelegentliche Versuche, die hungernde Thatkraft durch Näschereien und Tändeleien zu betäuben. War jetzt so etwas im Spiel? Jetzt, wo Erik so völlig zurückgezogen lebte, -- schon seit einem Jahr? Wo er ganz aus der glänzenden, leichtlebigen Welt der Gesellschaft verschwunden war, die ihn einst fesselte, und die er gefesselt hatte? War eine Frau im Spiel? --

Wenige Tage später, an einem Sonntag vormittag, wollte Warwara eine notwendige Besichtigung ihres Landhauses zum Anlaß nehmen, um bei Erik vorzusprechen und zu erfahren, ob Jonas mit guten Nachrichten von der Grenze heimgekommen sei.

Beim Einsteigen in die erste Klasse des finnländischen Zuges erstaunte sie darüber, sich nicht allein zu finden. In der Ecke ihr gegenüber saß eine ganz junge Dame und blickte mit großen, erwartungsvollen Augen zum Fenster hinaus.

Warwara betrachtete sie mit flüchtigem Interesse. Wie immer, fielen ihr zuerst und hauptsächlich lauter einzelne Aeußerlichkeiten auf.

Ein zarter, geschmeidiger Wuchs; das eng anliegende dunkelblaue Tuchkleid mit offenem Jackenteil, auf tiefrotem englischen Flanell abgefüttert, zeigte nur hoch am Halse einen kleinen weißen Linnenstreifen. Ein schmaler Fuß guckte, in ungeduldiger Bewegung, unter dem Rock hervor. Aschblondes Haar, von einer starken Schildpattnadel im Knoten zusammengehalten, drängte sich um Stirn und Schläfen in seinem Gelock aus einem weichen Barett von dunkelblauem Sammet hervor.

In Warwara stieg eine unbestimmte Erinnerung auf, sie wußte nicht, an wen. Eine junge Engländerin? So eindringlich blickte sie auf ihr Gegenüber, daß dasselbe sich ein wenig befremdet nach ihr umwandte.

Ein paar Sekunden lang erwiderte das junge Mädchen fest und forschend ihren Blick. Dann grüßte sie mit einem schwachen Lächeln.

Das Lächeln half Warwara plötzlich auf die Spur.

»Ruth!« entfuhr es ihr. Sie verbesserte sich sofort, lachend: »Verzeihen Sie nur. Die Zudringlichkeit erst und jetzt. Aber ich suchte und suchte, und was ich fand, war, was mir im Gedächtnis geblieben: Ihr Vorname.«

»Es genügt ja vollkommen,« sagte Ruth. »Ich nehme an, wir haben Einen Weg?«

»Nein!« versetzte Warwara mit raschem Takt, denn sie wollte nicht stören, »ich fahre nur zu einer Besichtigung meines reparaturbedürftigen Landhauses hinaus. Aber unsre Freunde erwarten Sie?«

Ruth errötete und schüttelte den Kopf.

»Nein; ich bin sehr -- ganz unerwartet von Heidelberg abgereist,« entgegnete sie mit auffallender Befangenheit.

Warwara durchzuckte blitzähnlich ein Verdacht. »Das ist sie, -- die ›Versuchung‹,« dachte sie, »sehr jung, aber ich argwöhnte schon damals hinter ihren geübten Formen: sehr durchtrieben.«

»Da wird es Ihnen leid thun, eine Lücke zu finden,« bemerkte sie laut, »denn Sie wissen wohl noch gar nicht, daß Sie Klare-Bel nicht treffen? Sie ist schon abgereist.«

»Nein!« rief Ruth betroffen, »das konnte ich ja noch nicht wissen! Es hat doch keinen schlimmen Grund? Ja, das thut mir leid!«

Sie sah so ehrlich aus mit ihren ungeduldig fragenden Augen, daß Warwara sich schämte. »Sie wußte wirklich nichts davon; es war nicht verabredet; was bin ich für ein häßlicher Mensch!« sagte sie sich, und wandte sich in herzlichem Tone zu Ruth: »Nein, kein schlimmer Grund. Klare-Bel ist so gesund, wie man es nie hat erwarten dürfen, und nun geht es stetig bergauf. Im Anfang des Winters hat sie freilich noch viel aushalten müssen. Einmal sagte sie zu mir in trübem Scherz: ›Erik muß mich mit Gewalt dazu zwingen, gesund werden zu wollen.‹ Eine Operation hat er selbst gemacht, weil die Aerzte es nicht wollten -- ohne Betäubung. ~Der~ Mann hat Eisen im Blut. Aber es hat ihn gehörig geschüttelt. Ich hab' ihn ein paarmal gesehen: blaß wie ein Tuch.«

Ruth lauschte stumm, ihre Hände verschlangen sich in ihrem Schoß, die Lippen öffneten sich halb, die Augen sagten immer nur: »Mehr!« Als Warwara schwieg, atmete sie tief auf.

»Das schrieb er nicht, daß er selbst, -- -- daß er ihr eigentlich selbst die Gesundheit wiedergegeben hat. Aber so mußte es sein! Er kann alles, was er will! Und das wollte er ~so~ aus voller Seele, daß sie wieder gesund und glücklich sein sollte. Er hat dafür gelebt. Wie grenzenlos froh müssen sie jetzt sein! Nun, wo er alles zum Guten geleitet hat! Nun, wo es ist, wie ~er~ will: ~wo sie glücklich~ ist.«

Sie sprach hingerissen; ihre Augen blitzten.

Warwara betrachtete sie nachdenklich. Sie kam ihr gar nicht mehr, wie damals, so formell abgeschliffen und gewandt vor, sondern im Gegenteil wie ein Wesen, an dem alles Beseelung und nichts mehr Form ist. Eine Seele, bis zum Rande gefüllt mit Hingebung und Gläubigkeit, -- -- und Liebe? Dann konnte sie nicht mit so kindlicher Unbefangenheit und Freude sprechen. Keine Liebe? Dann konnte sie nicht mit diesem Blick und diesem Ton sprechen.

Der Zug hielt. Sie stiegen aus.

Warwara bequemte sich dazu, eines der kleinen rasselnden Fuhrwerke zu benutzen, die am Stationsgebäude bereit standen, und deren Kutscher sie sofort umschrieen. Ruth hatte einen andern Weg. So trennten sie sich.

Warwara sah sich im Fortfahren noch wiederholt nach ihr um.

»Es ist etwas an ihr, das nicht in das Leben gehört, -- Poesie. Poesie im Konflikt mit dem Leben, -- was ergibt das wohl?« dachte sie; -- »es ist, wie wenn man die erste Seite eines Romans aufgeschlagen hätte: -- o pfui, nein! -- oder: die letzte eines Märchens.«

Ruth ging langsam hin, zwischen den kahlen Birken am Wegrande; nicht in Hast, ein paar Minuten früher anzukommen. Mit einem lauschenden Gesichtsausdruck atmete sie den Frühling um sich her ein, als ob er in tausend Blüten um sie stände. Noch war er nicht da, man sah ihn nicht, -- und doch war er da, in der Luft, in alles erfüllender unsichtbarer Gegenwart. Man hörte ihn; in einzelnen feinen kleinen Singstimmen sang er von den blattlosen Zweigen.

Der Himmel hatte sich schwach bedeckt, die Sonne schien nur in verhaltenem Glanze nieder, -- Ton, Licht, Farbe wirkten gedämpft, verhüllt, und wie eine Verheißung.

Und nun stand Ruth am alten Lattenzaun mit der knarrenden Gitterpforte. Sie öffnete, durchschritt den Garten und stieg, zaudernd, leise, ein paar Stufen zur Terrasse hinauf.

Vorsichtig vornübergebeugt spähte sie von der Seite her in das breite Fenster des Wohnzimmers, ob jemand darin anwesend sei.

Der Tisch war zum zweiten Frühstück gedeckt; hinter den Tellern mit kaltem Fisch und fleischgefülltem Gebäck dampfte der Samowar.

Jonas saß allein am Kamin. Er hielt eine lange Bratengabel in der Hand, an deren Zinken ein Brotscheibchen klebte, und ließ dasselbe an der roten Holzglut rösten. Wie er so dasaß, einen Arm nachlässig um die Stuhllehne geschlungen, in wartender Haltung, den Kopf mit den etwas zu fest geschlossenen Lippen hell vom Feuer bestrahlt, erinnerte er stark an Erik.

Das Scheibchen geriet zu nah an die Flammen; es glitt plötzlich von der Gabel und fiel hinein.

Jonas sah verdutzt aus. Er wandte sich um, und spießte ein neues auf; diesmal gelang es besser.

Dann spülte er einen Theetopf kunstgerecht mit heißem Wasser aus und machte einen Aufguß. Dabei kamen seine Finger ungeschickt genug unter den geöffneten Hahn des Samowars, und ein siedender Strahl verbrühte ihm die Hand.

Jonas machte den Mund weit auf und fing an auf einem Bein im Zimmer zu tanzen.

Vom Fenster erklang helles Gelächter.

Er blieb stehen, wie wenn ein Blitz von der Zimmerdecke vor ihm niedergefahren wäre. Mit einem ungläubigen Ausdruck, als trauten sie sich selbst nicht, richteten sich seine Augen nach dem Fenster.

Er streckte die Hände aus nach dem Bilde hinter der geschlossenen Scheibe, das ihn auslachte, und das wie Ruth aussah; er wußte nicht, ob er Ruth träumte, oder ob er Ruth sah.

Aber im nächsten Augenblick schon hatte er das Fenster aufgerissen, daß es dabei fast in Splitter schlug, und heraus streckten sich die Hände nach dem lachenden Kopf und hielten ihn fest.

»Aber, Jonas! laß mich nur erst zur Thür hineinkommen!«

»Nein, -- nicht!« murmelte er, als könne sie ihm doch noch wieder wie ein Traumbild plötzlich entschwinden, »nicht abwenden, ich laß dich nicht! Zum Fenster herein! Es muß gehen. Setz den Fuß auf die Rampe, -- ganz fest, -- hörst du? Ich hebe dich.«

Sie sah ihn an: das da sagte er nun ganz so wie Erik.

Das Klettern hatte sie noch nicht verlernt. Mit einem Satz stand sie im Zimmer.

Er ließ sie los. Er trat zurück. Nun, wo sie da vor ihm stand, nicht mehr hinter einer geschlossenen Scheibe, sanken ihm die Arme. Eine grenzenlose Befangenheit überkam ihn plötzlich.

»Wie ist es nur möglich, daß du da bist, -- von wo bist du nur gekommen?« Er starrte sie an, als sei er überzeugt, daß sie vom Himmel gefallen sei.

»Mit dem Blitzzug. Gestern abend. -- Und -- dein Papa?«

»Er müßte hier sein. Aber jetzt vergißt er die Zeit. Stundenlange Gänge macht er, allein, -- seit Mamas Abreise.«

»O Jonas, -- daß Mama gesund geworden ist, -- nicht wahr? Ist es nicht wie ein Wunder, -- immer noch?«

»Ja. Und jetzt werde ich auch Arzt. Weißt du es? Für den Fall, daß du später einmal krank wirst.«

Sie hatte sich an den Kamin gesetzt und betrachtete ihn mit freudigen, übermütigen Augen.

»Hoffentlich werde ich später einmal krank. -- -- Wie ist es dir nur ergangen, Jonas? Du schriebst nie.«

Er sah rot und verwirrt aus.

»Nie? Mir? Ja, ich mußte doch, -- ich dachte ja, -- -- Du! willst du nicht eine Tasse Thee haben?«

»Nein, danke,« sagte sie lachend; »aber die Hauptsache ist: bald kommst du nach Heidelberg, nicht wahr? Wie herrlich, Jonas. Da studieren wir zusammen.«

»Ja,« versetzte er tiefatmend, »-- endlich: -- bald! endlich! endlich zusammen! Ja, -- siehst du: lang wär's so nicht mehr gegangen. -- -- Hab' gelebt wie im Grabe,« fuhr er mit plötzlich ausbrechender Heftigkeit fort, »-- muß in deiner Nähe sein, Ruth. -- Bei dir. Ja, -- du! -- ich liebe ja nur dich. Nur dich lieb' ich, -- -- nimm mir's nicht übel, -- aber ich lieb' dich wirklich. Kann ja nichts, hab' nichts, bin nichts, -- muß mich eben erst durchbeißen, -- aber bei dir sein will ich wenigstens, -- jedem die Faust zeigen, der's auch will, -- der dir nahe kommen will! Jedem! Hüten soll er sich! Niederschlagen jeden -- --«

»Jonas! Du rasest!«

Sie war aufgesprungen, blaß vor Schreck.

Er kam zu sich, versuchte zu lächeln, einzulenken, -- und plötzlich stürzte er vor ihr in die Kniee, das Gesicht in den Falten ihres Kleides.

»Ach, Ruth! sei nicht böse! Du weißt nicht, -- es war ja so schrecklich für mich, -- all die Zeit, -- so stumm in mich hineingewürgt, alles. Sieh mich an, sei nicht böse! Nie wieder, -- es kommt nie wieder, bis --: Ich weiß, -- ich darf noch nicht. Aber einmal, -- ~einmal~ mußt' ich, -- ich wär' erstickt sonst. Ach, liebe Ruth! Ich bin ja so grenzenlos unglücklich, bis -- bis du mein -- mein -- geworden bist!«

»Jonas!« flüsterte sie, »-- Jonas, ich bitte dich, -- steh auf, -- laß mich los, -- du bist wahnsinnig, Jonas! Das kann ja nicht --«

Er klammerte sich an ihrem Tuchrock fest, den sie aus seinen Fingern losen wollte, -- er umklammerte ihre Hand, ihre Hüfte.

»Es kann nicht?!« schrie er fast drohend, und als sie sich mit einer unerwarteten Bewegung freiwand, vergrub er wie besinnungslos seine Zähne in ihren Handrücken.

Dunkel drang das Blut vor.

Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und schwieg.

Er stand langsam auf, zur Besinnung gekommen. Er küßte ihre Hand.

»Verzeih mir!« sagte er leise und brach hilflos in Thränen aus, »Ruth -- hast du mich denn gar nicht lieb? Nicht ein kleines bißchen? Was -- was sind wir uns denn? was -- in Zukunft?«

Sie faßte ihn an beide Schultern; -- angstvoll und liebevoll sah sie ihm ins verstörte Gesicht.

»Jonas! Jetzt, -- und in Zukunft, -- und immer, -- ~Geschwister~!«

Er nahm ihre Hände von seinen Schultern, ging langsam die wenigen Schritte bis zur Thür, öffnete sie, -- und stürzte hinaus, über die Terrasse, die Stufen hinab, und verschwand im Garten.

Totenstill wurde es plötzlich im Hause. Nur die Funken knisterten und lohten hell auf im Kamin.

Ruth lehnte am Tisch und blickte nieder auf die Blutstropfen auf ihrer Hand. Langsam errötete sie, immer tiefer, bis ihr das ganze Gesicht in Flammen stand.

Was that sie hier, -- allein, -- im Hause, -- ein Eindringling, -- der Jonas hinausgetrieben?

Die Thür war weit offen geblieben. Als sagte sie: »Geh wieder!«

Ruth sah sich um. Nein, niemand sagte es. Auch Klare-Bel nicht. Nur ihr großer Stuhl stand da, mit einem hohen Schemel davor, -- leer. -- -- --

Als kurze Zeit darauf Erik die Gartenpforte öffnete, saß in der Tiefe des Gartens, den die kahlen Bäume weithin überschauen ließen, Ruth auf der Bank unter den überhängenden Birken.

Erik blieb stehen, blickte schärfer hin, und kam langsam näher. Sie bewegte sich nicht. Wie hingezaubert von seiner Sehnsucht, in den grauen Frühling hinein, so daß sie ~da~, -- in unsicheren Umrissen, -- dann immer lebenswärmer, -- immer beseelter vor seinen Augen, kein blasses Gedankenbild mehr: Wirklichkeit. Weich hob der blonde Kopf sich ab von den weißlichen Birkenstämmen und dem Gehölz dahinter, das die Sonne matt durchdrang, in einem Schattenspiel von rosigvioletten Farben.

Ruth überfiel es wie eine Schwäche, lähmend, je näher Erik ihr kam, je näher die Wirklichkeit sie umfing, die unsäglich ersehnte. »Zu Hause! jetzt erst zu Hause!« dachte sie wie im Traum, und ihre Hände hoben sich ihm entgegen.

Dieses seltsam Stille, dieses Unfähige zu jedem Ausbruch, jeder lauten Bewegung, hielt auch Erik davon zurück, -- als fürchte er zu verscheuchen, was er endlich wieder so beredt, so wortlos beredt und überzeugend vor sich sah: Blick, Ausdruck, Gebärde.

Ueber Ruths Kopf saß in der Birke ein Rotkehlchen, schaukelte sich auf schwankendem Zweig und sang hell.

Wie Erik vor der Bank stand, flatterte es erschrocken auf und flog davon.

Er hatte Ruths Hände ergriffen, er hielt sie fest in den seinen, er zog ihre Hände fest an sich.

»Lieb' -- Liebling!« murmelte er, den Blick auf ihrem Gesicht.

»Ich, -- -- der Brief, -- er machte mir angst,« sagte sie matt, »etwas Fremdes, -- Zweifel war darin. Ich mußte fort.«

Er hörte nur ihre Stimme; er mußte sie wieder hören.

»Mit dem Rotkehlchen -- hergeflogen?« fragte er.

Sie sah ihn an, -- etwas zaghaft, etwas schelmisch; »Durchgebrannt,« sagte sie.

Er setzte sich neben sie, ohne ihre Hände aus den seinen zu lassen.

»Von Römers?!«

»Ich mußte. Sie ließen mich nicht. Römer half mir. Aber sie -- sie blieb unerbittlich. Wie entsetzt war sie. ›Nur jetzt nicht!‹ sagte sie immer. Da brannte ich durch. Noch bei Nacht, -- heimlich. Telegraphierte unterwegs. Ich mußte kommen. -- Durfte ich?«

Sie fragte es schüchtern, um seine nachträgliche Erlaubnis bange, wie ein Kind. Vor Frau Römer hatte sie bittend auf den Knieen gelegen, -- aber das sagte sie nicht.

Er nahm ihr das mützenartige Barett ab und strich ihr das Haar aus dem Gesicht zurück. Ganz wiedersehen mußte er sie.

»Ob du durftest? -- ~Heimkommen~, -- ja! Bei Tag und bei Nacht; heimlich und offen. Es war Zeit. Zwei Wochen später wäre ich gekommen -- zu dir. Vergiß den Brief, -- alle Briefe, -- das Fremde, den Zweifel, -- vergiß alles -- alles. Sei nur bei mir.«

Ja, da war es: das Gefühl der Geborgenheit, süß, zwingend, Heimatsgefühl, -- nein, mehr als nur das, noch etwas andres, -- dieses Unbedingte und Ausschließliche, das keine Macht im Himmel und auf Erden ihr gab: nur er ganz allein.

»Was hast du an der Hand? verletzt? laß es mich sehen,« bemerkte er und wollte das Taschentuch lösen. Sie zuckte zurück. »Thut es so weh?«

»Nein. Nichts. Bitte nicht,« sagte sie hastig, und ein Schatten glitt über ihr Glück.

Erik stand auf.

»Komm hinein. Komm, Liebling. ~Zu Hause~ bist du erst in meinem Zimmer, -- im alten Ledersessel, -- nicht wahr? Und hier ist es noch zu kalt für dich, zu windig.«

Während sie dem Hause zugingen, sagte Ruth: »Unterwegs erfuhr ich durch einen Zufall von der beschleunigten Badereise. Ist es nicht schlimm, daß sie noch in die Schulzeit fiel? nicht in die Ferien? Mir thut es so leid, daß ich nicht mehr rechtzeitig -- --«

»Laß das,« unterbrach er sie halblaut, »-- ich werde dir später alles erzählen, -- später.«

Ruth wandte aufhorchend den Kopf nach ihm. Etwas, das sie fremd berührte, klang aus seinem Ton. Es war nur ein einzelner durchklingender Ton, aber er gehörte nicht zu Erik. Er selbst kam ihr in diesem Augenblick fremd vor. Er sah unverändert aus, -- wie vorhin, -- bis auf den Blick. Der Blick war verändert, unsicher.

Erik ließ sie unbemerkt einen Schritt vorausgehen.

Als sie die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, folgten seine Augen aufmerksam jeder Bewegung ihrer Gestalt. Sie war ziemlich stark gewachsen, gleichzeitig hatte sich aber ihr Körper kräftiger, weiblicher entwickelt. Die dunkle Tuchkleidung zeichnete die feinen, weichen Formen ab.

Daß Ruth ihr Haar aufgenommen trug, störte ihn.

»Der Knoten nimmt dich mir fort, -- den duld' ich nicht,« sagte er beim Eintreten in den Flur, und ehe sie es gewahr wurde, hatte er mit geschicktem Griff die breite Schildpattnadel aus ihrem Haar gezogen. In dichten lockigen Wellen fiel es nieder bis zum Gürtel, wie einst.

»Ach nein, -- nicht, -- wo haben Sie die Nadel?« fragte sie verdutzt und griff nach dem Rücken.

»In meiner Joppentasche. -- Aber wiederhole das noch einmal. Nun? ›Sie?‹ oder ›Du?‹. Im Brief stand einmal ›Du‹. Nur einmal? Oder eigentlich -- immer?« fragte er leise.

Sie errötete verwirrt.

»Sie -- -- du -- -- ich --«

Die Hand noch in ihrem Haar, bog er sanft, unwiderstehlich ihren Kopf nach vorwärts, so daß sie das ganze in Glut getauchte Gesicht zu ihm aufheben mußte. Sie schloß unwillkürlich, erschauernd, die Augen und gab seiner Hand nach.

Leidenschaftlich, tiefernst forschten seine Blicke in ihren Zügen.

»Mein. Mein Fürstenkind, meine Königin,« flüsterte er.

Und er beugte sich, und seine Lippen küßten den leise bebenden Mund.

Ruth zuckte unmerklich. Er gab sie sofort frei, und öffnete die Thür zu seinem Arbeitszimmer.

»Hier wartet dein alter Platz auf dich,« sagte er und ging dem Fenster zu. Aber sie war nicht gefolgt. Dem Fenster gegenüber, am Ofen, blieb sie stehn, den Kopf mit dem aufgelösten Haar gegen die weißen Kacheln gelehnt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ganz versonnen sah sie hinauf zur Zimmerdecke mit fragenden Augen und träumerischem Gesicht.

»Was ist dir?« fragte er unruhig, »-- Ruth! -- was ist dir?«

Es drängte ihn, sie in die Arme zu schließen, -- sie wachzuküssen: »Du liebst mich, -- du liebst mich ja, du weißt es noch nicht, aber ich weiß es für dich! Weiß es gewiß, -- fühle es, sehe es, daß sie da ist, -- daß deine Liebe, die Liebe des Weibes, da ist!«

Aber er schwieg.

Ja, sie war da, -- und doch konnte er so nicht handeln, so nicht sprechen, ohne sie zu verscheuchen. Sie war da, -- wie das Rotkehlchen auf dem schaukelnden Zweig, das aufflog bei seinem Nahen. Sie war da, -- aber greifen konnte er sie nicht.

Erik blickte einen Augenblick schweigend in den Garten hinaus, dann setzte er sich in den alten Ledersessel am Fenster.

»Du bist also doch nicht heimgekommen, Ruth,« sagte er, »nicht ganz zurückgekommen zu mir. Irgend etwas in dir verschließt sich vor mir, -- will mich nicht einlassen. Nicht bis in den geheimsten Winkel deiner Seele. Nicht in alles. Ich bin dir fremd geworden.«

Da löste sie sich vom Ofen, sie flog zu ihm, sie glitt nieder zu seinen Knieen, -- ganz blaß.

»Ja!« sagte sie außer sich, »-- fremd, -- etwas Fremdes, -- ich kann es nicht verstehn und quäle mich.«

»Was ist es? Sage es mir.«

»Ich kann nicht,« murmelte sie.

»Doch, doch! Du kannst. Mußt es wieder lernen, -- zu sprechen, oder auch nur zu stammeln, aus dem Innersten heraus, -- noch aus dem Unklarsten, Unverstandensten --. Es ist nur Scheu. Ueberwinde sie.«

»Es ist, -- im Kuß war es,« sagte sie leise.

»Hat es dich verletzt, -- daß ich dich geküßt habe?«

»Mich?! verletzt? mich?! nein! -- was liegt an mir?«

»-- Für mich -- alles, Ruth. -- Aber warum quält es dich dann?«

Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

»-- Weil, -- es ist dasselbe, was im Brief war, nur in diesem einen, -- als ob er gar nicht von Ihnen kam, -- und dann: wie ich von Ihrer Frau sprach, im Garten, -- und dann: im Kuß, -- da fühlte ich es ganz deutlich, das Fremde darin, und daß es -- --«

»Daß es --?«

»Daß es nicht sein soll,« flüsterte Ruth, »weil es ist, als ob ~Sie~ es nicht sind. Ein Fremder. Ein Schlechterer.«

Er antwortete nicht.

Wie sie aufblickte, schüchtern, fragend, da hatte er die Augen geschlossen.

Nach einer Pause sagte er mit gedämpfter Stimme: »Du täuschest dich. Es ist nichts Fremdes, -- nichts Schlechtes. Ich bin es selbst, -- und in dir selbst ist es, du erkennst es nur nicht, -- mit deinen Kinderaugen.«

Er strich ihr über das Haar hin, und sah hinweg über sie, die, den Kopf unter seiner Hand gebeugt, erwartungsvoll lauschte.

»Weißt du noch, -- als du das erste Mal hier warst, -- was wir da an dieser Stelle miteinander sprachen, und was ich dir versprach? Ich wollte dich aus der Welt der Phantasie, in der du träumtest, in die Welt des wirklichen Lebens führen. Das ist damals geschehen, Ruth, und du bist nicht das Kind mehr, das träumt, sondern ein voll erwachender Mensch, der lebt, -- lebt mit allen seinen jungen Kräften. Aber weißt du, wodurch das gelang? wodurch ich dich so in deinem ganzen Wesen habe bestimmen und entwickeln können? Nur weil es einen einzigen Punkt gab, wohin sich alle vertriebenen Traumgeister, alle verstummten Märchen, alle Mächte der zaubernden und dichtenden Phantasie flüchteten. Dieser Punkt war dein Verhältnis zu mir. Da ging dein Blick noch nicht auf die Wirklichkeit, sondern, über jede Wirklichkeit weit hinaus, auf alles, was einem Kinderherzen anbetungswürdig ist. Da lebtest und gehorchtest du nicht einem Menschen, sondern einem über alle Menschen emporgehobenen Bilde, -- in deinem Innern. Aber diese ganze Traumschönheit, Ruth, in der dein Verhältnis zu mir noch steht, -- sie ist dennoch nur eine glänzende, strahlende Form, eine kindliche Umhüllung, -- nicht das Wesentliche daran. In ihr schläft, wie in einem Märchen, die dir unbekannte Wirklichkeit und Menschlichkeit und wartet darauf, daß sie erwachen darf. Erwachen aus dem Traum zum Leben, wie dein ganzes übriges Wesen.«

Er brach ab.

Sie sah aufmerksam und ernsthaft auf, bemüht, seinen Worten genau zu folgen.