Ruth

Part 19

Chapter 192,223 wordsPublic domain

»Deine schönen Märchengeschichten,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »habe ich dir zerschlagen müssen, weil sie dein volles Leben aufhielten. Das schmerzte nicht sehr, denn die saßen ja nur in deinem Kopf. Wenn ich nun die Phantasiewelt zerstören muß, die mit deinem ganzen Herzen verwachsen ist, -- und dir Schmerz damit zufüge, -- wirst du dein Vertrauen behalten, Ruth, deine Liebe -- zu mir?«

Sie versuchte aufzustehn, ein Gefühl der Angst überkam sie plötzlich. Er hielt sie zurück.

»Höre mich, Ruth. Wenn ich dir nun sagen würde: der Brief, daß der dir fremd klang, war, weil ich selbst in Zweifel und Zwiespalt und Angst war; -- daß ich dich küßte, war, weil ich nach Glück durstig war und mein Glück langer nicht entbehren kann; -- daß ich es nicht ertrug, dich von meiner Frau sprechen zu hören, war, weil -- ich keine Frau mehr habe, -- weil sie sich von mir trennen wird.«

»Nein!« sagte Ruth atemlos, »das würd' ich nicht glauben. Nicht glauben, auch wenn Sie es mir -- -- Nie und nimmer kann das sein. Kann nicht. Denn sie -- sie war ja so glücklich -- bei Ihnen.«

»Sie?« antwortete er schwer, »-- ja, Ruth, -- sie war es wohl, -- früher. Nicht ihretwegen muß es sein. Meinetwegen. Deinetwegen.«

Ruth hatte sich langsam erhoben. Auf ihrem Gesicht prägte sich ein grenzenloses Befremden aus, -- Zweifel, Unglaube, ja, Entsetzen prägte sich darauf aus. Ihr war, als müsse sie nach einem Entfernten, -- nach Erik rufen, -- ihn zu ihrer Hilfe rufen, vor einem Unverstandenen, Unbekannten. Aber er -- er war es ja gerade, der da vor ihr stand --.

Erik sah den Wechsel in ihren Zügen, die Selbstbeherrschung verließ ihn. Er fühlte nur noch Angst, -- die Angst, sie zu verlieren.

»Ruth!« rief er, »verzeih, daß du vor mir gekniet hast. Ich will es thun, vor dir. Nur sei mein! Nicht nur mein Kind mehr, -- du bist kein Kind mehr, -- ein Weib, -- mein Weib!«

In diesem Augenblick wurde die Thür vom Flur aus aufgerissen. Jonas erschien auf der Schwelle. Er trat nicht ein. Er warf die Thür wieder ins Schloß. Man hörte ihn sich entfernen.

»Jonas!« murmelte Ruth, halb bewußtlos, »-- wir müssen, -- er hat gehört, -- wir müssen nach Jonas sehen.«

Während sie es sagte, ertönte ein dumpfer Fall. Erik sprang auf. Ruth war schon bei der Thür. Sie öffnete sie.

Im Flur lag Jonas am Boden, -- lang hingestreckt. Mit dem Kopf war er im Fallen gegen den Mantelständer geschlagen. Ueber seine linke Schläfe träufelte Blut.

Ruth stieß die Mittelthür auf. Sie half Erik, ihn hineinzubringen in das anstoßende Zimmer, auf sein Bett. In den nächsten Minuten sprachen sie kein Wort. Sie waren stumm um ihn beschäftigt.

»Die Wunde ist gering,« sagte Erik nach einer kurzen Weile halblaut, -- und dann, über ihn gebeugt: »Er kommt zu sich.«

Ruth fuhr zusammen. Sie trat vom Bett zurück; ihre Augen richteten sich auf Jonas mit einem Ausdruck des Grauens, daß er sie erkennen, -- daß er sie sehen würde.

Sie machte Erik ein stummes Zeichen, und ging leise in sein Arbeitszimmer zurück.

Dort blieb sie verwirrt stehen.

Hier? Hier konnte sie noch weniger bleiben. Wo denn? Nirgends konnte sie bleiben, -- nirgends. Im ganzen Hause nicht. Sie mußte also fort. Fort, ehe Erik kam. Fort, ehe Jonas kam.

Und unwillkürlich wandte sie sich wieder der Thür zu, durch die sie soeben aus dem Schlafzimmer eingetreten war.

Nein, -- wohin? Dorthin durfte sie nicht! Abschiednehmen? von wem? Ohne Abschied mußte sie fort. Heimlich. Unbemerkt. -- Für immer?

Sie trat in den Flur hinaus, -- wie hinausgetrieben von ihren eigenen verwirrten Gedanken. Dort blieb sie von neuem zaudernd stehn.

Auf dem Boden, wo Jonas mit dem Kopf hingeschlagen war, sah man ein paar kleine hellrote Flecke. Darüber, am Ständer, hing Eriks Mantel.

Der weite, dunkle Reisemantel, den er damals trug, -- als sie fort sollte, -- und er heimkehrte, -- und als sie ihm an die Brust fiel. -- --

Ruth stand und starrte den Mantel an. Mit klopfendem Herzen und verhaltenem Atem.

Und plötzlich, da wachte es auf in ihr und riß alle ihre Gedanken mit sich fort, -- wild, glühend, unerträglich, -- das Trennungsweh.

Mit den Händen faßte sie den Mantel, sie vergrub ihr Gesicht in seine losen, weichen Falten, mit geschlossenen Augen atmete sie den schwachen Duft in sich ein, der sie an Erik erinnerte, mit bebenden Lippen küßte sie den Saum.

Damals, -- wenn er ihr befohlen hätte, ihm zu folgen, wohin es sei, wozu es sei, -- bis in den Tod, bis in das Verbrechen hinein, -- hätte sie es nicht blind gethan?

Sie drückte die Zähne zusammen; sie stöhnte, und ihr war, als müßte sie gleich laut schreien.

O Gott, auch jetzt, -- wenn er ihr befohlen hätte, ihm zu folgen, wohin es sei, wozu es sei, -- sie hätte es blind gethan! Blind gehorchend, -- gegen allen Augenschein, gegen alles eigene Wissen und Verstehen! Mit ihr durfte er thun, was er wollte. Was ihr auch durch ihn geschehen mochte, -- was lag an ihr? Er aber mußte für sie da oben bleiben, wo sie ihn gesehen, -- sein Leben und sein Haus mußten bleiben, was sie gewesen, -- an ihm lag Alles!

War er sonst noch ~Erik~?

Sie sah ihn vor sich, wie in weiter Ferne, wie er im vergangenen Mai im Mittagssonnenschein dastand, lichtüberstrahlt, die kranke Frau in seinen starken Armen. So hatte Ruth ihn zuerst mit ihr gesehen, -- so ihn geliebt und angebetet, daß selbst das Mitleid darüber verflog. »Du allzuleichte Last!« scherzte er, und Klare-Bel lachte dazu und schlang vertrauend die Hände um seinen Nacken.

Aber nun -- nun riß er ihr die Hände vom Nacken, und das glücklich vertrauende Lachen verstummte, -- und sie, die sich an ihm festgehalten, ließ er fallen, -- er öffnete die Arme und ließ sie, die Hilflose, zu Boden fallen, -- denn eine Last war sie, eine allzuschwere Last für seine Kraft. Frei haben mußte er die Arme, die sich ausbreiteten nach Ruth.

* * * * *

Ruth richtete sich auf; sie strich das Haar aus ihrem Gesicht und schlich langsam zurück in Eriks Arbeitsstube. Auf dem Schreibtisch lag ein Haufen weißer unbeschriebener Blätter. Sie beugte sich darüber und fing an zu schreiben. »Ich muß fortgehen!« schrie es in ihr. Aber Eriks Bleistift formte die Buchstaben ganz anders. So kam heraus: »Ich gehe nicht fort. Ich gehe und bleibe Ihr Kind.«

Sie blickte auf die zitternden Bleistiftstriche nieder wie auf eine fremde Schrift. Das wollte sie also thun? Ja, das wollte sie. Er hatte ja heute gesagt, das alles sei nur in ihrer Phantasie gewesen, in ihrer Einbildung, daß sie sich als sein Kind gefühlt habe, -- so ganz als sein Kind. Aber es konnte doch noch eine Wirklichkeit werden. Wenn sie es selbst verwirklichte. Es in ihrem ganzen künftigen Leben verwirklichte. Wenn sie ganz das wurde, was er sie gelehrt, was er mit ihr gewollt, als er sie zu sich nahm. Ein Stück von ihm, ein Werk von ihm. Sie hatte ja alles von ihm, -- nur von ihm allein. Sie kannte alle seine Gedanken, alle seine besten. Die sollten lebendig werden, nicht nur geträumt: gelebt. Von ihr für ihn.

Ruth nahm das Papier vom Schreibtisch und legte es auf den Lehnstuhl.

Aber trotz dieser kühnen Vorsätze war ihr gar nicht kühn zu Mut, sondern elend und hilflos. Sie hatte ein einziges namenloses Verlangen: sich auf den Boden zu werfen und zu weinen. Erik herbeizuweinen.

Aber da vernahm sie in ihrem Herzen seine Stimme, -- seinen eindringlichen, kurz überredenden Ton: »Den eigenen Willen festhalten! Haltung! Sich selbst gehorchen, -- hörst du?«

Das war doch sonderbar. Klarer, sicherer, wesenhafter denn je stand er ihr bei: Erik gegen Erik.

Leise schlich sie sich aus dem Hause.

Unten erst, an der Gartenpforte, blieb sie stehn und blickte zurück.

Nein, dafür konnte er nichts, -- Erik konnte nichts dafür, daß er anders war, und daß das Leben anders war, als sie es sich ausgedacht hatte. Im wirklichen Leben gab es nun einmal ihre Phantasiegeschichten gar nicht. Die mußte man erst hinzuthun.

Und hatte sie alles das nicht nur geträumt, -- das ganze verflossene Jahr? Wie sie so dastand im Sonnenschein und Vogelsang, da mochte es ihr wohl scheinen, als sei sie zurückgekehrt zum vergangenen Mai, wo sie bange und allein, arm und einsam, hier an der Pforte lehnte und in den Garten sah. Damals meinte sie: von hier ginge der Frühling aus, der ganze wunderschöne, der draußen blühte. Und da träumte sie sich ein Märchen, das »allerschönste von allen«.

Ja, das allerschönste von allen.

So schön, daß sie es nie wieder vergessen konnte. Nein, niemals.

So schön, daß sie es nie hergeben konnte für etwas andres, was ihr das Leben bot. Niemals.

So schön, daß es nichts mehr geben konnte, -- im ganzen Leben nichts, -- was sie nicht immer daran messen, immer damit vergleichen, -- und zu gering befinden würde.

* * * * *

Ruth öffnete die knarrende Pforte und trat auf die Straße hinaus. Ohne es selbst zu wissen, hob sie ihre Hand und strich leise, liebkosend über die kahlen harten Fliederzweige hin, die den Zaun in dichtem Buschwerk umwuchsen.

Dann ging sie, ohne sich noch umzuwenden, mit gesenktem Kopf den Landweg zwischen den Birken zurück zur Station, und ihr langes loses Kinderhaar flatterte im Frühlingswinde. --

* * * * *

Erik stand noch bei Jonas am Bett. Jonas hatte die Augen aufgeschlagen, den Vater neben sich erblickt, war zusammengezuckt und hatte von neuem die Augen geschlossen. Kein Wort fiel zwischen ihnen.

Erik begriff nun den ganzen Zusammenhang, begriff vieles, wofür ihm wohl eher das Verständnis hätte aufgehen müssen, wenn er Gedanken dafür übrig behalten hätte. Der atemlose Fleiß von Jonas, seine Begierde nach Selbständigkeit, sei es auch im engsten Leben, -- dieser Anstrich von Philistrosität, diese Abkehr von aller fröhlichen Unbesonnenheit und Thorheit wurden Erik jetzt verständlich. Nicht Mangel an Temperament, an Jugendfeuer war das gewesen, -- sondern eiserne Ausdauer, Selbstbeherrschung.

Kinderei oder nicht, -- es lag Kraft darin. Er achtete seinen Jungen.

Aber der -- -- achtete ihn nicht.

Jetzt, in dieser Stunde nicht. Ein ganz neues Verhältnis zu seinem Sohn, ein ganz neuer Kampf erwartete Erik jetzt, und er mußte nun seine volle Kraft zusammennehmen, um darin zu siegen.

Ein leises Knaben der Gartenpforte weckte ihn aus diesen Gedanken. Bei dem kaum hörbaren Geräusch durchblitzte ihn ein plötzlicher Schreck.

Er öffnete die Thür zu seinem Arbeitszimmer. Ruth war nicht darin. Er ging über den Flur in das Wohnzimmer. Ruth war nicht da.

Erik stieg in den Garten hinunter. Eine furchtbare Beklemmung drückte ihm die Brust zusammen.

»Ruth!« rief er laut, und erkannte seine eigene Stimme nicht.

Alles blieb still. Es blieb still, wie weit er auch hineinging, bis an die Bank vor dem Gehölz.

Nur ein Rotkehlchen saß auf dem Birkenzweig über der Bank und sang.

Es ließ sich nicht einmal durch die Menschenschritte schrecken; ganz regungslos saß es da, mit erhobenem Köpfchen, ganz selbstvergessen, -- und sang und sang in den grauen Frühling hinein --.

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart.

Andreas-Salomé, Lou, Ruth. Erzählung. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 2. Aufl --"-- Aus fremder Seele. Eine Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- Spätherbstgeschichte. Bobertag, Bianca, Moderne Jugend. Roman. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- Bourget, Paul, Das gelobte Land. Roman. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Boy-Ed, Ida, Die Lampe der Psyche. Roman. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- Ebner-Eschenbach, M. v., Erzählungen. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- 3. Aufl. --"-- Boŭna. Erzählung. 3. Aufl. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- --"-- Margarete. 3. Auflage. Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- Eckstein, Ernst, Nero. Roman. 5. Auflage. Geh. M. 5.-- Geb. M. 6.-- Fulda, L., Lebensfragmente. 2 Novellen. Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- 2. Aufl. Heyse, Paul, Neue Novellen. 7. Auflage. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 Hopfen, Hans, Der letzte Hieb. Geh. M. 2.50 Geb. M. 3.50 3. Auflage. Junghans, S., Schwertlilie. Roman. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- 2. Aufl. Kirchbach, W., Miniaturen. Fünf Novellen. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- Lenbach, Ernst, Abseits. Erzählungen. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Lindau, Rudolf, Martha. Roman. Geh. M. 5.-- Geb. M. 6.-- Loti, Pierre, Japanische Herbsteindrücke. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Mauthner, Fritz, Hypatia. Roman. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 2. Auflage. Petri, Julius, Pater peccavi! Roman. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Proelß, J., Bilderstürmer! Roman. Geh. M. 3.-- Geb. M. 5.-- 2. Auflage. Schunsui, Tamenaga, Treu bis in den Tod. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Sudermann, H., Frau Sorge. Roman. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 34. Aufl. --"-- Geschwister. Zwei Novellen. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 15. Auflage. --"-- Der Katzensteg. Roman. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 28. Auflage. --"-- Im Zwielicht. 19. Auflage. Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- 18. Aufl. --"-- Es war. Roman. 21. Auflage. Geh. M. 5.-- Geb. M. 6.-- Telmann, K., Trinacria. Sizilische Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- Geschichten. Wereschagin, W., Der Kriegskorrespondent. Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.-- Widmann, J. V., Touristennovellen. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- Wilbrandt, A., Der Dornenweg. Roman. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 3. Aufl. --"-- Novellen aus der Heimat. 2. Aufl. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 --"-- Hermann Ifinger. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- --"-- Meister Amor. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50 --"-- Die Osterinsel. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.-- --"-- Die Rothenburger. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- --"-- Vater und Sohn u. andere Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.-- Geschichten. 2. Aufl. Wildenbruch, E. v., Schwester-Seele. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.--

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