Reisebilder und verschiedene Skizzen

Part 10

Chapter 103,517 wordsPublic domain

Man betrachtet im allgemeinen diese Studentenduelle als reines Possenspiel: wohl wahr; faßt man aber ins Auge, daß es halbwüchsige Knaben sind, die dieselben ausfechten, und zwar mit scharfgeschliffenen Schlägern und mit ungeschütztem Kopf und Gesicht, so meine ich doch, diese Posse habe auch ihre recht ernste Seite. Vielfach lacht man darüber, weil man meint, die Studenten seien dabei so bepanzert, daß sie keine ernstliche Verletzung bekommen können. Aber dem ist nicht so: nur Augen und Ohren sind geschützt, im übrigen ist Kopf und Gesicht völlig frei. Nicht selten muß der Paukarzt sich ins Mittel legen, weil das Leben der Verletzten sonst allen Ernstes in Gefahr käme. Beabsichtigt ist dieser Erfolg nicht, aber unglückliche Zufälle sind nicht ausgeschlossen. So ist es schon manchmal vorgekommen, daß ein Schläger abbrach und das abgebrochene Stück dem Gegner hinters Ohr flog und dort eine Arterie durchschnitt, so daß der Tod augenblicklich eintrat. Sodann waren früher die Achselhöhlen ungeschützt, während zugleich die Schläger, die jetzt vorne stumpf sind, damals spitz zugeschliffen wurden, so daß manchmal auch die Verletzung einer Arterie in der Achselhöhle zum Tode führte. Ferner fiel damals auch wohl gelegentlich einer der Umstehenden zum Opfer, wenn ein Schläger absprang und ihn das wegfliegende Stück unglücklich traf. Zur Zeit beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge der Studentenmensuren zwei bis drei, es lassen sich solche übrigens stets auf verkehrtes Verhalten der Verletzten zurückführen. Nach allem dem ist das Studentenduell doch so blutig und mit so viel Schmerz und Gefahr verbunden, daß dasselbe eine nicht geringe Achtung beanspruchen darf.

Die Gewohnheiten und Vorschriften, die für dasselbe gelten, beruhen sämtlich auf einer edeln, sinnigen, natürlichen Ritterlichkeit, die dieses würdige, kühne Kampfspiel mit einem gewissen altertümlichen Reiz umgiebt und weit mehr an ein Turnier, als an ein Preisfechten gemahnt. Die Vorschriften sind ebenso eigentümlich als strenge. Z. B. darf man auf der Mensur von seinem Platze aus wohl vorgehen, wenn man will, dagegen unter keinen Umständen ›kneifen‹, d. h. zurückweichen, oder sich nur zurückbeugen, widrigenfalls der Betreffende unfehlbar wegen Feigheit aus dem Korps ausgeschlossen wird. Sogar wer auf der Mensur bei einem Schmiß nur einen Augenblick das Gesicht verzieht, wird als ›Hasenfuß‹ von sämtlichen Kommilitonen in Verruf gethan.

Wie überall, so spielt auch im Korpsleben die Gewohnheit neben dem Gesetze eine wichtige Rolle und erweist sich oft noch mächtiger als das letztere. So bestimmt der Präses aus der Zahl der Burschen, die sich noch nicht freiwillig zu einer Mensur gemeldet haben, regelmäßig einige zum Losgehen mit Angehörigen anderer Korps, und obwohl der allgemeinen Versicherung zufolge keine Vorschrift besteht, wonach diese Bestimmung angenommen werden müßte, ist mir doch von einer Ablehnung derselben niemals etwas zu Ohren gekommen. In solchem Falle würde sich der Betreffende einfach nicht länger im Korps halten können.

Ich hatte gedacht, die Verwundeten würden, nachdem sie verbunden seien, sich zurückziehen, und war deshalb höchlich verwundert, zu sehen, wie einer derselben um den andern wieder bei der übrigen Gesellschaft im Pauklokal Platz nahm. Mein Bekannter blieb mit seiner frisch genähten und über und über bepflasterten Unterlippe noch bei den drei übrigen Mensuren zugegen und unterhielt sich in den Pausen mit uns, so schwer ihm dies wurde; auch das Essen verursachte ihm die größte Mühe, trotzdem verzehrte er während der Vorbereitung der letzten Mensur sein Mittagsmahl bis auf den letzten Bissen, während derjenige, der die schwersten Schmisse des ganzen heutigen Tages davongetragen hatte, zur selben Zeit eine Partie Schach spielte, obgleich sein Gesicht und Kopf unter Pflastern und Binden förmlich vergraben war. Offenbar sind die jungen Leute im höchsten Grade stolz auf ihre Schmisse, denn man begegnet ihnen überall in frisch verbundenem Zustand, unbekümmert um die Folgen für ihre Gesundheit. Sollen doch manche unvernünftig genug sein, ihre Schmisse im Gesicht von Zeit zu Zeit wieder aufzureißen und mit Rotwein einzureiben, damit dieselben schlecht heilen und eine möglichst sichtbare Narbe hinterlassen!

Hat ein Korpsmitglied drei Mensuren ordnungsmäßig ausgefochten, so erhält der Betreffende ein Band in den Korpsfarben, das er über der Brust trägt. Von da an braucht er weder auf Bestimmung noch freiwillig mehr loszugehen, sondern nur noch, falls er beleidigt wird. Allein kein einziger macht von diesem Rechte Gebrauch. Man sieht fast nur Korpsburschen, die das Band tragen, und dennoch kommen nach niedrigster Berechnung auf jeden solchen im Durchschnitt sechs Mensuren im Jahre. Dies zeigt am besten, welch geheimnisvollen Reiz dies kühne Kampfspiel auf die akademische Jugend üben muß -- Bismarck soll, so berichtet man, seinerzeit während eines einzigen Sommersemesters nicht weniger als zweiunddreißig Mensuren ausgefochten haben! Kein Wunder auch, daß es unter solchen Umständen einzelne zu einer wahren Berühmtheit in der Führung des Schlägers bringen, und solche Leute werden dann oft weithin auf fremde Universitäten eingeladen, um daselbst mit einem ebenbürtigen Gegner in die Schranken zu treten.

Doch hinweg von diesen harmlosen Studentenscherzen! Wie so oft im Leben heiterer Scherz und tragischer Ernst sich merkwürdig nahe berühren, so trat auch an mich bald darauf die Notwendigkeit heran, einem _echten_ Zweikampf beizuwohnen -- einem Zweikampf ohne weibische Schutzvorkehrungen, auf Tod und Leben. Ich will denselben im folgenden Kapitel beschreiben, und daraus wird der Leser inne werden, welch himmelweiter Unterschied besteht zwischen einer possenhaften studentischen Paukerei und einem ernsthaften Zweikampf zwischen Männern! --

II.

Die wahre Geschichte des Duells zwischen Gambetta und Fourtou.

(1878.)

Wie sehr man sich auch von allen Seiten über die Einrichtung des französischen Duells lustig machen mag, es ist und bleibt in Wirklichkeit eines der ungesundesten Dinge der Welt. Da es unter allen Umständen im Freien ausgefochten wird, so können die jedesmaligen Gegner darauf schwören, daß sie sich aufs Gründlichste erkälten. Paul von Cassagnac, der eingefleischteste Gewohnheitspaukant des derzeitigen Frankreichs, hat auf diese Weise so häufig zu leiden gehabt, daß er nachgerade ein ausgesprochener Invalide ist. Die besten Aerzte von Paris sind sich vollständig einig darin, daß, wenn er sich nur noch fünfzehn oder zwanzig Jahre so fort duelliert, ohne den Schauplatz seiner Mensuren von allerlei Wäldern und Sümpfen nach einem eigens dazu hergerichteten, behaglichen, geschlossenen Raum zu verlegen, er leicht sein Leben gefährden könne. Diese Thatsache sollte genügen, um allen den Mund zu stopfen, welche das französische Duell deswegen für einen besonders gesunden Sport halten, weil es stets unter offenem Himmel stattfindet und den Genuß der freien Luft mit allen Vorteilen körperlicher Bewegung vereinigt. Die andere unsinnige Behauptung, daß die französischen Duellanten infolgedessen unsterblich seien, würde dann von selbst verstummen.

Doch zur Sache! Vom ersten Augenblick an, da ich von dem jüngsten Aufeinanderplatzen der Herren Gambetta und Fourtou in der französischen Kammer hörte, waren mir die ernstlichen Folgen klar. Eine lange intime Bekanntschaft mit Herrn Gambetta hatte mir das unversöhnliche und verzweifelte Wesen dieses Mannes enthüllt. Ich wußte, daß das Verlangen nach Rache ihn bis zu den äußersten Spitzen und Ausläufern seiner Persönlichkeit, welche bekanntlich von bedeutendem Umfang ist, durchdringen würde.

Ich wartete nicht, bis er zu mir kam, sondern suchte ihn sofort in seiner Wohnung auf. Wie ich erwartet hatte, fand ich den ritterlichen Staatsmann im unerschütterlichsten französischen Gleichmut. Er raste zwischen den zu Trümmern geschlagenen Möbeln seines Zimmers hin und her, und ab und zu hielt er inne, um solche Stücke, die ihm noch nicht klein genug erschienen, mit dem Fuße emporzuschleudern. Zwischen seinen Zähnen knirschte ein Sprühregen von fragmentarischen Flüchen und Verwünschungen hervor. Gelegentlich fuhr er sich auch mit beiden Händen in die Haare, um eine Faust voll davon auszureißen und sie auf den Tisch zu legen, wo sich bereits eine ganze Pyramide davon auftürmte.

Er schleuderte seine ausgebreiteten Arme um meinen Hals, riß mich über seinen Bauch hinweg an sein Herz, küßte mich auf jede Wange, hob mich fünf- oder sechsmal vom Fußboden empor und trug mich dann in ein andres Zimmer, wo sich noch ganze Möbel befanden, um mich dort in seinen eigenen Armsessel halb niederzusetzen, halb fallen zu lassen. Sobald ich meinen Atem wiedergewonnen, kam ich sofort zum Geschäft.

Ich sagte ihm, ich hätte vorausgesetzt, daß er mich zum Sekundanten zu haben wünsche; worauf er sich abwendete und mit einer Stimme, die teils vor freundschaftlicher Bewegung, teils vor Kampfeslust zitterte, entgegnete: »Ich wußte es wohl!« Dann erklärte ich ihm, daß ich ihm diesen Dienst nur unter einem angenommenen französischen Namen leisten könne, um im Falle eines für ihn tödlichen Ausganges vor den Verwünschungen meiner Landsleute gesichert zu sein. Bei diesen letzten Worten zuckte er zusammen -- wahrscheinlich weil er aus denselben entnahm, daß man in Amerika das Duell verwerfe. Er ließ mich jedoch diese Unritterlichkeit meines Vaterlandes nicht entgelten und gab sich mit meiner Bedingung zufrieden. Es wird jetzt jedermann erklärlich sein, daß es in den Zeitungsberichten allgemein hieß, Herrn Gambettas Sekundant sei anscheinend ein Franzose gewesen.

Hierauf schlug ich ihm vor, sein Testament aufzusetzen. Ich bestand umsomehr darauf, als er in seinem blinden Kampfeseifer gar nicht zu wissen schien, daß ein Duell, außer der tödlichen Haupthandlung selbst, auch noch allerlei unerläßliche Nebensachen bedinge. Nachdem ich nach längerem Streiten meinen ersten und seinen letzten Willen endlich durchgesetzt hatte, wünschte er verschiedene ›Abschiedsworte‹ niederzuschreiben, um das passendste davon für seinen letzten Augenblick auszuwählen.

»Wie würde sich,« fragte er, »vom rein deklamatorischen Standpunkt aus der nachstehende Satz zu diesem Zweck eignen: ›Ich sterbe für meinen Gott, für mein Land, für die Freiheit der Rede, für den Fortschritt und für die allgemeine Verbrüderung der Menschen‹?«

Ich entgegnete, daß diese Phrase einen sehr langsamen Tod erfordern würde; daß sie für einen an der Auszehrung Erlöschenden vortrefflich sei; daß sie aber dem Bedürfnis eines von jäher Kugel Hingestreckten durchaus nicht entspräche. Nachdem wir in ähnlicher Weise noch über eine ganze Anzahl weiterer ~Antemortem~-Ausbrüche verhandelt hatten, brachte ich ihn endlich dazu, sein ›Letztes Wort‹ auf den Satz: »Ich sterbe, damit Frankreich lebe!« zusammenzustreichen, den er auch sofort, um ihn auswendig zu lernen, in sein Notizbuch schrieb. So gut mir der Satz auch an sich gefiel, so konnte ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß er eigentlich keine Beziehungen zu den vorliegenden Thatsachen habe, worauf er mich mit den Worten beruhigte, daß es darauf bei ›Letzten Worten‹ gar nicht ankomme, sondern daß es sich dabei lediglich um eine packende Phrase handle.

Sodann kamen wir zur Waffenfrage. Kaum war das Wort ›Waffen‹ meinerseits gefallen, als auch mein Freund die Hand auf den Leib legte und mir sagte, er fühle sich nicht ganz wohl und überlasse sowohl diese, wie alle noch zu erledigenden Einzelheiten ganz mir. Ich wußte diese Gleichgültigkeit gegen Dinge von möglicherweise so verhängnisvoller Tragweite nach Gebühr zu schätzen und zu bewundern, und machte mich sofort an die Abfassung der nachstehenden, an die Adresse von Herrn Fourtous Vertrauensmann gerichteten Zuschrift:

»_Mein Herr!_ Herr Gambetta nimmt Herrn Fourtous Forderung an und beauftragt mich, Plessis le Piquet als Platz des Zusammentreffens vorzuschlagen. Zeit: Morgen früh bei Tagesgrauen. Waffen: Aexte. Ich bin mit Hochachtung der Ihrige

_Mark Twain_.«

Der größeren Sicherheit halber trug ich diesen Brief selbst zu Herrn Fourtous Freund. Er las und schauderte. Dann wendete er sich zu mir und sagte mit strengem Ton:

»Und haben Sie auch in Erwägung gezogen, was das unvermeidliche Ergebnis eines derartigen Zusammentreffens sein würde?«

»Zum Beispiel was?«

»Blutvergießen!«

»Das sollte es wohl sein! Was, wenn ich fragen darf, wäre Ihre Absicht, zu vergießen, wenn nicht Blut?«

Damit hatte ich ihn fest. Er sah, daß er sich verrannt hatte, und beeilte sich, seinen Mißgriff hinwegzuerklären. Er habe nur im Scherz gesprochen, und setzte hinzu, sein Auftraggeber würde über Aexte entzückt sein und sie jeder anderen Waffe vorziehen, wenn dieselben nicht unglücklicherweise durch den französischen Ehrenkodex ein für allemal ausgeschlossen seien. Ich müsse mich deshalb zu einem andern Vorschlag entschließen.

Ich ging ein paarmal auf und nieder und überlegte, wozu ich mich entschließen sollte. Es war das angesichts der Wucht des vorliegenden Falles keine Kleinigkeit. Plötzlich schoß mir der rettende Gedanke durch den Kopf, daß Gatling-Kanonen sehr wohl dazu angethan seien, auf fünfzehn Schritt selbst eine so gewichtige und verwickelte Ehrenfrage für immer zu lösen, und formulierte diesen Gedanken sofort zu einem neuen Vorschlag. Aber auch damit sah ich mich zurückgewiesen, und wieder war es der französische Ehrenkodex, welcher mir im Wege stand. Hierauf sprach ich mich für Chassepotgewehre, sodann für doppelläufige Flinten und schließlich für Kavallerierevolver aus. Eins nach dem andern wurde zurückgewiesen, und nachdem ich halb erschöpft eine weitere halbe Stunde nachgedacht hatte, schlug ich, von plötzlichem sarkastischem Mutwillen übermannt, Ziegelsteine auf dreiviertel Meilen vor.

Von jeher ist mir nichts widerwärtiger gewesen, als einen guten oder schlechten Witz an einen Menschen zu verschleudern, der für keines von beiden das leiseste Verständnis hat. Ich bin daher noch heute außer stande, den Ingrimm zu beschreiben, welcher mich erfaßte, als ich den Mann im vollsten Ernst mit dem Kopf nicken und hinweggehen sah, um meinen letzten Vorschlag Herrn Fourtou zu unterbreiten. Nach einigen Minuten erschien er wieder und meldete mir, ohne mit einer Wimper zu zucken und in der geschäftsmäßigsten Weise der Welt, daß sein Duellant von der Idee mit den Ziegelsteinen auf dreiviertel Meilen ganz begeistert sei, und daher um so mehr bedaure, darauf verzichten zu müssen aus Rücksicht für die ganz und gar unschuldigen und an der Sache unbeteiligten Personen, welche zur Zeit des Duells nicht umhin könnten, zwischen den beiden Kämpfern hindurch zu gehen. Ich mußte ihm recht geben, ohne jedoch fähig zu sein, noch einen weiteren Vorschlag zu machen.

»Ich bin jetzt mit meiner Weisheit zu Ende,« sagte ich zusammenknickend. »Vielleicht würden Sie so gut sein und mir irgend eine Waffe namhaft machen, welche der Würde dieses historischen Vorgangs ebenso entspräche, wie dem unverkennbaren Wunsch der beiden Gegner, einander zu töten. Vielleicht fällt Ihnen eine solche ein -- oder haben wohl Sie schon die ganze Zeit über eine im Auge gehabt?«

Sein Antlitz verklärte sich und er rief mit aufatmender Bereitwilligkeit:

»Gewiß, mein Herr! Bei der großen Rolle, die der Ehrenpunkt im öffentlichen französischen Leben spielt, sind wir stets für solche Fälle gerüstet.« Und er begann mit Fingern und Händen, welche vor Aufregung zitterten, eine Jagd durch seine Taschen -- eine Hetze von Tasche zu Tasche, welche ihn über das ganze Revier seines Anzuges führte, deren Erfolglosigkeit jedoch in den mehrfach gemurmelten Worten: »Was habe ich nur damit angefangen?« ihren Ausdruck fand. Aber er ließ sich durch diese ersten verfehlten Versuche nicht einschüchtern, und so gelangte er schließlich in einen inneren weltentlegenen Schlupfwinkel von Westentäschchen, aus dem er triumphierend ein paar kleine Dinge herauszog, die ich ans Fenster trug und in der dort herrschenden besseren Beleuchtung als dem Geschlecht der Pistolen angehörend erkannte. Es waren einläufige Terzerole, ganz und gar mit Silber beschlagen und wirklich die niedlichsten und zierlichsten Spielzeuge dieser Art, welche ich je gesehen. Ich war vor Erstaunen sprachlos. Da ich aber doch eine Meinung äußern mußte, so nahm ich die eine der beiden angeblichen Pistolen und befestigte sie an meiner Uhrkette. Die andere gab ich dem Sekundanten des Herrn Fourtou zurück, welcher sie in seinem Portemonnaie in Sicherheit brachte. Gleichzeitig entnahm er demselben eine zusammengelegte Briefmarke, faltete sie auseinander und brachte ein paar kleine, pillenartige Gebilde zu Tage, von denen er eines mit dem Bemerken, daß dies die dazu gehörende Patrone sei, im Innern meiner hohlen Hand verschwinden ließ. Ich fragte meinen Verbrechensgenossen, ob er gesonnen sei, unseren Duellanten nur je einen Schuß zu erlauben, worauf er mir erwiderte, daß der französische Ehrenkodex nicht mehr gestatte. Hierauf ersuchte ich ihn, die Entfernung zu bestimmen, drückte mich jedoch, da unter dem Eindruck unsrer Verhandlungen meine geistige Klarheit getrübt zu werden begann, so dunkel aus, daß ich von ›Schritten‹ sprach und Zahlen, wie ›drei‹ und ›fünf‹, fallen ließ. Erst als ich ihn ohne jede vorgreifende Bestimmung meinerseits einfach bat, seine Distanz zu nennen, verstand er mich und sagte mit dem Tone eines Mannes, welcher die ungeheure Verantwortlichkeit, die er damit auf sich nahm, voll empfand:

»Fünfundsechzig Meter!«

Das brachte mich insofern wieder zu mir, als ich die Geduld verlor. Ich rief:

»Fünfundsechzig Meter -- mit diesen Säuglingspistolen da? Geladene Zahnstocher würden auf fünfzig Meter tödlicher sein. Vergessen Sie denn ganz, mein Herr, daß Sie und ich dazu berufen sind, den gegenseitigen Mord unsrer Auftraggeber zu vermitteln, oder doch wenigstens denjenigen des einen mit allen Kräften sicher zu stellen, -- und nicht dazu, beide mit Gewalt unsterblich zu machen!«

Aber mit aller Ueberredungskunst und selbst aller Heftigkeit vermochte ich nicht, mehr von ihm zu erreichen, als eine Verminderung der Entfernung auf fünfunddreißig Meter, und selbst dieses Zugeständnis wurde mit höchstem Widerstreben und einem Gesicht gemacht, als sei es der Mord in seiner hoffnungslosesten Gestalt, der durch dieses Nachgeben besiegelt würde.

»Ich wasche meine Hände in Unschuld -- _die_ Schlächterei komme auf Ihr Haupt!«

Damit waren wir fertig und ich konnte zu meinem Löwen in dessen Höhle zurückkehren, um ihm das demütigende Ergebnis meiner Verhandlungen mitzuteilen. Als ich eintrat, schleuderte Herr Gambetta eben seine letzte Locke auf die zur Höhe von anderthalb Fuß von ihm emporgeraufte Haarpyramide, von welcher ich bereits gesprochen. Mit einem Satz sprang er mir bis zur Schwelle entgegen:

»Sie haben die Todesveranstaltungen getroffen -- ich lese es in Ihren Blicken!«

»Ich habe mein Bestes versucht --«

Er erblaßte, als ob er die ganze Beschämung ahne, welche ich für ihn in Bereitschaft hatte, und lehnte sich, um seiner bevorstehenden Entrüstung besser Herr werden zu können, gegen den Tisch. Nach ein paar schweren Atemzügen flüsterte er heiseren Tones:

»Die Waffen, die Waffen! Schnell! Was für Waffen hat man gewählt?«

»Diese hier,« rief ich, indem ich mich aufraffte und allen weiteren Umschweifen dadurch aus dem Wege ging, daß ich ihm meine Uhrkette mit ihrem kleinen silberbeschlagenen Anhängsel hinhielt. Er warf nur einen Blick darauf, dann stürzte er schwer und massiv zu Boden. Das ganze Zimmer teilte seine Erschütterung. Ich wollte eben Hilfe herbeiholen, als er zum Glück auch schon wieder zu sich kam und die Worte ausstieß:

»Die unnatürliche Ruhe, welche ich mir bisher aufgezwungen habe, hat meine Nerven erschöpft. Jetzt fort mit aller Schwäche! Ich will meinem Schicksal die Stirn bieten, wie ein Mann und Franzose!«

Er erhob sich und nahm, nachdem er nicht ohne Kampf das Gleichgewicht gewonnen, eine Stellung an, deren Erhabenheit nie von einem andern Menschen erreicht und nur in ein paar Ausnahmsfällen von Statuen übertroffen worden ist. Dann sagte er in einem tiefen Ton, der ihm, so oft er desselben bedarf, so wunderbar zu Gebot steht:

»Sie sehen, ich bin ruhig, ich bin bereit. Nennen Sie mir die Entfernung!«

»Fünfunddreißig Meter!« sagte ich halblaut und die Augen niederschlagend.

Selbst in dieser beschwichtigenden Weise vorgebracht, traf ihn meine Enthüllung auf das Fürchterlichste. Diesmal blieb er länger liegen. Da ich mit meiner einfachen Menschenkraft außer stande war, den gestürzten Herkules aufzuheben, rollte ich den Halbgott derartig herum, daß er auf den Bauch zu liegen kam, worauf ich ihm Wasser zwischen Hals und Rockkragen goß, welches bald das ganze Gebiet seines Rückens nebst den dazu gehörigen Hinterländern überrieselte und ihn wieder zu sich brachte.

»Fünfunddreißig Meter!« stöhnte er. »Und ohne jede Zugabe, wie sie bei jedem ordentlichen Ellengeschäft selbstverständlich ist!? Doch wozu fragen? Da einmal Mord die eingestandene Absicht des Mannes ist -- warum sollte er sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Aber merken Sie sich eins: Die Welt wird in meinem Fall ein Beispiel von dem erleben, was französische Ritterlichkeit unter Sterben versteht.«

Nach einem längeren und peinlichen Stillschweigen fragte er:

»Kam denn nicht wenigstens der Umstand zur Sprache, daß jener Mann zwar Familienvater ist, wogegen ich eine ganz andere Körpermasse in die Wagschale lege? Meinetwegen, es kann nicht meine Sache sein, auf diesen Vorteil hinzuweisen, den er vor mir voraus hat. Wenn er nicht selbst so viel Anstand hat, wohlan, so möge er sich einen Umstand zu nutze machen, von welchem kein Ehrenmann profitieren sollte, ohne zu erröten!«

Er sprach es mit unbeschreiblicher Bitterkeit. Dann versank er in eine Art dumpfen Brütens, welches ihn trefflich kleidete und das mehrere Minuten dauerte. Nach Ablauf desselben machte er eine erneute Anstrengung, etwas Unerhörtes mit der Fassung eines Helden hinzunehmen, indem er fragte:

»Und die Stunde? Welche Stunde ist bestimmt, das Zusammentreffen noch verhängnisvoller zu machen, als es an sich schon ist?«

»Morgen früh, beim Tagesgrauen.«

»Ich war darauf gefaßt,« rief er. »Aber ich sage Ihnen, es ist ein Wahnsinn. In meinem ganzen Leben habe ich mich zu einer solchen Tageszeit noch nicht töten lassen. Es ist eine Stunde, zu welcher ja noch nicht ein einziger Mensch draußen ist!«

»Eben deswegen wählte ich sie. Oder -- verstehe ich Sie recht -- wünschen Sie eine Zuschauerschaft zu haben?«

»Es ist keine Zeit zu müßigen Fragen. Ich begreife nicht, wie Herr Fourtou sich bereit finden lassen konnte, einer solchen Neuerung seine Zustimmung zu geben. Gehen Sie augenblicklich zurück zu ihm und bestehen Sie auf einer späteren Stunde!«

Ich eilte die Treppe hinunter und öffnete eben die Hausthüre, um auf die Straße zu treten, als ich dem Vertrauensmann des Herrn Fourtou fast in die Arme stürzte. Er sagte:

»Ich komme, um Ihnen mitzuteilen, daß mein Freund auf das allerentschiedenste gegen die gewählte Stunde Einsprache erhebt und um Ihre Zustimmung ersucht, daß dieselbe auf halb zehn verlegt werde.«

Ich machte unwillkürlich ein Gesicht, als zwänge man mich, in einen Apfel von unberechenbarer Säure zu beißen. Nachdem ich jedoch Herrn Fourtous Sekundanten etwa fünf Minuten mit steigender Aengstlichkeit an meinen Mienen hatte hängen lassen, verbeugte ich mich und sagte:

»Eine jede Gefälligkeit, welche wir Ihnen erweisen können, sei hiermit Ihnen und Ihrem ausgezeichneten Freunde zugestanden. Wir stimmen der gewünschten Verlegung der Stunde um so lieber zu, als dieselbe ja mit dem unvermeidlichen Schlußergebnis des Zusammentreffens nichts zu thun hat.«