Reisebilder und verschiedene Skizzen
Part 9
Wir arbeiten am Sonntag nicht, weil es gegen Gottes Gebot ist, die Deutschen ebensowenig. Wir ruhen am Sonntag, weil das Gebot es befiehlt. Die Deutschen ruhen auch. Aber in der Erklärung des Wortes _ruhen_ liegt der ganze Unterschied. Bei den Deutschen bedeutet es am Sonntag genau dasselbe wie am Wochentag, nämlich: gieb _dem_ Teil des Körpers Ruhe, der sie braucht und laß den übrigen Menschen thun, was er will. Der ermüdete Teil soll ausruhen -- das muß durch alle Mittel gefördert werden. Wen also seine Pflichten die ganze Woche über ans Haus gefesselt haben, der ruht aus, wenn er am Sonntag spazieren geht; wer in der Woche nur ernste, inhaltschwere Dinge studiert hat, der erholt sich am Sonntag bei einer leichten Lektüre; wer sich in seinem Alltagsberuf meist mit Tod und Grab beschäftigen muß, der ruht am Sonntag, wenn er ins Theater geht und ein paar Stunden lang über eine Komödie lacht; wer die Woche hindurch Bäume gefällt oder Gräben gezogen hat, der legt sich am Sonntag zu Hause ruhig hin. Ist deine Hand, dein Arm, dein Hirn, deine Zunge oder irgend ein anderes Glied unthätig gewesen, so ist es für dasselbe keine Erholung, noch einen Tag länger nichts zu thun; war dagegen ein Glied durch Arbeit besonders angestrengt, so ist Ruhe seine rechte Feier.
Bei den Deutschen bedeutet also die Ruhe eine Erholung, Erneuerung, Wiederbelebung der erschöpften Kräfte. Wir schränken den Begriff viel zu sehr ein, indem wir allesamt auf gleiche Weise ruhen, nämlich uns still verhalten und zurückziehen, einerlei, ob das für die meisten eine Erholung ist oder nicht. Bei den Deutschen müssen Schauspieler, Pfarrer, und manche andere Leute am Sonntag arbeiten. Auch wir lassen unsere Prediger, Journalisten, Drucker etc. am Sonntag nicht ruhen und glauben, daß uns keine Schuld trifft. Ist es aber für den Drucker eine Sünde am Sonntag zu arbeiten, warum sollte es keine für den Pfarrer sein? Ich habe wenigstens nirgends gefunden, daß das Gebot zu seinen Gunsten eine Ausnahme macht. Wir kaufen und lesen die Morgenzeitung am Montag, die doch Sonntags gedruckt werden muß, und unterstützen dadurch die Sonntagsarbeit. Ich werde das aber nie mehr thun.
Die Deutschen heiligen den Sonntag damit, daß sie sich der Arbeit enthalten, wie das Gebot es befiehlt; wir thun das auch, aber wir enthalten uns zugleich des Vergnügens, was nicht geboten ist. Vielleicht übertreten wir das Gebot der Sonntagsruhe im eigentlichen Sinn, weil wir in den meisten Fällen nicht in Wahrheit ausruhen, sondern nur dem Namen nach.
Trauben- und Molkenkur.
Am Kursaal in Interlaken finden regelmäßig Konzerte im Freien statt; man geht dabei in den Gartenanlagen spazieren und hat Wein, Bier, Milch, Molken und Trauben zur Auswahl. Für gewisse Kranke, welche die Aerzte nicht wieder zurechtstutzen können, sind Molken und Trauben die nötigsten Bedürfnisse, um ihr Leben weiter zu fristen. Einer dieser abgestorbenen Geister machte mir mit trauriger, tonloser Stimme die Mitteilung, daß er sich überhaupt nur noch von Molken ernähre und dies Getränk über alles liebe, weshalb wisse er nicht. Ein anderer, den nur noch die Traubenkur vor dem Tode bewahrte, erzählte mir, es würden dazu nur Trauben verwandt, die einen bedeutenden medizinischen Gehalt hätten, so daß die Traubenärzte sie wie Pillen verschreiben und einnehmen ließen. Zu Anfang der Kur, wenn der Patient sich noch sehr schwach fühlt, beginnt er mit einer Traube vor dem Frühstück, drei während desselben, zwei zwischen den Mahlzeiten, fünf zum zweiten Frühstück, drei im Laufe des Nachmittags, sieben zum Mittagessen, vier zum Abendbrod und vor dem Schlafengehen ißt er dann noch als Zugabe eine halbe Traube. Allmählich steigert sich dann die Zahl, je nach Bedürfnis und Fähigkeit des Patienten, bis er nach und nach so weit kommt, daß er jede Sekunde eine Traube und den Tag über ein Stückfaß voll verzehrt.
Wer auf solche Weise geheilt wird, sagte mir der Kranke, verliere nie wieder die Gewohnheit so zu sprechen, als diktiere er einem langsamen Schreiber, weil er zwischen jedem Wort eine Pause macht, um in Gedanken eine Weintraube auszusaugen. Sich mit solchen Menschen zu unterhalten, erfordere viel Geduld. Wer dagegen auf die andere Methode gesund geworden sei, den unterscheide man leicht von der übrigen Menschheit, weil er immer beim zweiten Wort den Kopf in den Nacken wirft, um in Gedanken ein Glas Molken zu schlürfen. Fangen nun zwei solche Leute zusammen ein Gespräch an, so könne man beobachten, mit welcher Regelmäßigkeit und Ausdauer sie immer dieselben Pausen und Bewegungen machten. Ein Fremder würde sicherlich meinen, er habe zwei Automaten vor sich.
Man hört und lernt doch wirklich die wunderbarsten Dinge auf Reisen, wenn man nur die richtigen Leute trifft, die einem ihre Erfahrungen mitteilen.
Der deutsche Portier.
Der persische Prophet und Dichter Omar Khayam schrieb vor mehr als achthundert Jahren:
»In den vier Weltteilen giebt es viele, die gelehrte Bücher schreiben können, viele, die Armeen zu führen verstehen, auch viele, die imstande sind, große Reiche zu regieren, aber nur wenige, die wissen, wie man ein Gasthaus halten muß.«
Der Portier in den deutschen Hotels ist eine wunderbare Erfindung, eine höchst wertvolle Annehmlichkeit. Man erkennt ihn stets an seiner Uniform und wenn man ihn braucht ist er immer da, weil er seinen Posten an der Eingangsthür nicht verläßt. Er ist höflich wie ein Herzog; er spricht vier bis zehn Sprachen; er ist die sicherste Hilfe und Zuflucht in Zeiten der Not und Gefahr. Statt sich wie bei uns mit allem an den Hotel-Clerk zu wenden, geht man hier zum Portier. Bei uns setzt der Clerk seinen Stolz darein, alles zu wissen, hier thut es der Portier. Man fragt ihn, wenn der Zug abgeht -- sofort erhält man die Antwort; man erkundigt sich bei ihm nach dem besten Arzt in der Stadt oder nach dem Droschkentarif; fragt ihn, wie viele Kinder der Major hat oder an welchen Tagen die Galerien geöffnet sind; ob man Eintrittskarten braucht, wo man sie erhält und was man dafür bezahlt; wann die Theater anfangen und wann sie aus sind, was für Stücke gespielt werden, wie hoch die Preise der Plätze sind; aber auch, was für Hüte man trägt, wie groß die Sterblichkeitsziffer im Durchschnitt ist oder wer Billy Paterson besiegt hat. Man mag ihn fragen was man will, in neun Fällen von zehn weiß er es und über den zehnten Fall verschafft er die gewünschte Auskunft im Handumkehren. Er schreckt vor keiner Schwierigkeit zurück. Wenn ihm jemand sagt, er wolle von Hamburg über Jericho nach Peking reisen, sei aber über die Routen und Preise im unklaren, so überreicht der Portier ihm tags darauf ein Blatt Papier, auf dem die ganze Reise bis ins kleinste verzeichnet steht. Wer sich längere Zeit in Europa aufhält, wird zwar noch immer _sagen_, er verlasse sich auf die Vorsehung, aber bei näherer Betrachtung wird er bald die Entdeckung machen, daß er sich eigentlich auf den Portier verläßt. Diesem ist nichts verborgen was uns quält und bange macht; er weiß schon, was wir bedürfen, wenn wir es noch auf der Zunge haben, und sein Wort: »Ich werde es besorgen,« beruhigt uns schnell. Wer sich an einen amerikanischen Hotel-Clerk wendet, empfindet dabei eine gewisse Verlegenheit, er zaudert und fürchtet sich vor einer abschlägigen Antwort; beim Verkehr mit dem Portier ist davon keine Rede, die freudige Bereitwilligkeit, die er uns entgegenbringt, wirkt ermutigend und die Schnelligkeit, mit der er an die Ausführung unserer Wünsche geht, hat etwas wahrhaft Berauschendes. Je mehr Besorgungen man ihm aufbürdet, desto zufriedener zeigt er sich. Die natürliche Folge ist, daß man selber überhaupt nichts mehr thut. Der Portier holt die Droschke für uns, hilft uns einsteigen, sagt dem Kutscher, wohin er fahren soll, empfängt uns bei der Rückkehr wie einen lang und schmerzlich vermißten Sohn, bittet nur, daß wir uns um gar nichts kümmern, übernimmt es, sich mit dem Droschkenkutscher herumzuzanken und bezahlt ihn aus seiner eigenen Tasche. Er läßt uns Theaterbillets holen und alles was wir möglicherweise wünschen können, es mag nun ein Arzt, ein Elefant oder eine Briefmarke sein. Schließlich giebt er uns noch bei der Abfahrt einen Untergebenen mit, der vom Kutscherbock steigt, uns an das Coupé bringt, die Fahrkarten kauft, die Koffer wiegen läßt, uns den Gepäckzettel übergiebt und versichert, daß alles schon auf der Rechnung steht und vorausbezahlt ist. In Amerika findet man nur in den besten Hotels der großen Städte solche vorzügliche, freundliche und bereitwillige Bedienung, aber in Europa hat man sie gerade so gut in den kleinsten Landstädtchen.
* * * * *
Wie läßt sich denn aber die rührende Hingebung des Portiers erklären? Auf sehr einfache Weise: _er bekommt nur Trinkgelder und kein Gehalt_. Die großen Hotels auf dem Kontinent stellen für geringen Lohn einen Kassierer an, aber der Portier muß dem Hotel eine Abgabe bezahlen. Diese Einrichtung ist sowohl für den Wirt als für das Publikum eine Ersparnis und sichert ihnen bessere Dienste, als wir nach unserem System erhalten. Ein amerikanischer Konsul hat mir erzählt, daß der Portier in einem großen Berliner Hotel jährlich fünftausend Dollars für seine Stelle bezahlt und trotzdem einen Reingewinn von sechstausend Dollars erzielt. Vielleicht würde das Amt des Portiers in einem unserer besuchtesten Hotels in Saratoga, Long Branch, New York und anderen Hauptverkehrsplätzen noch einträglicher sein.
Als wir vor etwa zwölf Jahren das Trinkgeldersystem nach europäischem Muster bei uns einführten, hätten wir natürlich aufhören müssen, Gehalt zu bezahlen. Ich dächte, das ließe sich jetzt auch noch nachholen und dabei könnte zugleich der Portier eingeführt werden. Seit ich zuerst anfing, mich eingehend mit ihm zu beschäftigen, habe ich Gelegenheit gehabt, ihn in den größten Städten von Deutschland, der Schweiz und Italien zu beobachten. Je mehr ich aber von ihm gesehen habe, um so größer ist mein Wunsch geworden, ihm in Amerika zu begegnen, damit er auch bei uns ein Schutzengel für die Fremden werde, wie er es in Europa ist.
Was vor achthundert Jahren als wahr galt, bestätigt sich noch heute: »Nur wenige wissen, wie man ein Gasthaus halten muß!«
Duelle.
I.
Das deutsche Studentenduell.
Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen, wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller, hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen altberühmten Wirtshauses ›Zum Hirschen‹.
Wir trafen daselbst etwa 50--75 Musensöhne, die sich an den langen längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: weiße, grüne, blaue, rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei gelassen, und hier standen an den Fenstern 6--8 lange schmale Schläger mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen.
Der Verkehr zwischen den Angehörigen der verschiedenen Korps beschränkte sich auf die kalten, förmlichen Verhandlungen der Chargierten behufs Vorbereitung der Mensuren. Kameradschaftlicher Umgang zwischen Angehörigen verschiedener Korps wird nicht geduldet, weil man glaubt, die Beteiligten würden dadurch die rechte Schneide und den Eifer für die Mensur verlieren. Kurz vor dem Tage, an dem ein Korps die Reihe trifft loszugehen, ruft dessen Präses Freiwillige zur Mensur auf, worauf sich denn auch eine Anzahl meldet, die jedoch nicht unter drei betragen darf. Die Namen der Betreffenden werden den Vorständen der anderen Korps mitgeteilt, und diese sind dann bald in der Lage, die entsprechende Anzahl von Mitgliedern ihrer Korps zu bezeichnen, welche sich bereit erklären, die Forderungen anzunehmen. Heute war gerade die Reihe zur Forderung an den Rotmützen; die Gegner, die sich gemeldet hatten, gehörten verschiedenen anderen Korps an. Seit 250 Jahren spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im Jahre ab.
Wir waren eben mit den Weißmützen, von denen wir unsere Einladung erhalten hatten, im Gespräch begriffen, als die beiden, die zuerst an die Reihe kommen sollten, in ihrem -- deutschen Lesern wohlbekannten -- abenteuerlichen Paukwichs von Kommilitonen aus einem Nebenzimmer hereingeführt wurden. Nun drängte alles nach dem leeren Ende des Saales, wo wir uns ebenfalls einen guten Platz verschafften. Die Kämpfer traten einander gegenüber; um jeden derselben scharten sich eine Anzahl Kameraden, um ihm nötigenfalls Beistand zu leisten; die Sekundanten, gleichfalls bandagiert und den Schläger in der Hand, traten ihnen zur Seite; der Unparteiische, der den Kampf zu überwachen hatte, nahm seinen Platz ein; endlich trat noch ein Student mit der Uhr und einem Notizbuch in der Hand, das die erforderlichen Einträge über die Zeitdauer und die Zahl der Beschaffenheit der Schmisse aufnehmen sollte, sowie der grauhaarige Paukarzt mit seinem Verbandzeug und seinen Instrumenten auf den Plan. Für einen Augenblick herrschte jetzt Ruhe, und sämtliche bei der Mensur Beteiligten traten der Reihe nach auf den Unparteiischen zu, um demselben ihren achtungsvollen Gruß darzubringen, worauf sie ihre Plätze wieder einnahmen. Nun war alles bereit; den Vordergrund füllte dicht gedrängt die Schar der Zuschauer, zum Teil auf Tischen und Stühlen stehend, die Blicke voll Spannung auf den Kampfplatz gerichtet.
Mit blitzenden Augen maßen die Gegner einander; rings herrschte atemlose Stille; ich erwartete nun, es werde recht bedächtig bei der Sache zugehen. Aber ganz und gar nicht. Auf den Ruf ›los‹ sprangen die beiden gegeneinander vor und ließen die Hiebe hageldicht und mit solch blitzartiger Geschwindigkeit aufeinander niederregnen, daß ich die Klingen in der Luft nicht mehr deutlich zu unterscheiden vermochte. Das rasselnde Geräusch, das die Hiebe verursachten, wenn sie die Waffe oder die Bandage des Gegners trafen, hatte etwas merkwürdig Aufregendes, und es war mir ein Rätsel, daß die Waffe des Gegners unter der Wucht derselben nicht abbrach. Plötzlich, mitten unter diesem Hagel von Hieben, sah ich einen Büschel Haare von dem Kopf des einen der beiden emporfliegen, als wären dieselben auf einmal losgegangen und hätte der Wind sie weggeblasen. Die Sekundanten riefen ›Halt!‹ und schlugen die Waffen der Kämpfer mit ihren eigenen zurück. Die letzteren setzten sich, ein Kamerad besichtigte die Stelle und tupfte dieselbe ein paarmal mit einem Schwamm ab; dann kam der Paukarzt, der das Haar zurückstrich und eine blutige Schramme von zwei bis drei Zoll Länge feststellte. Er befestigte einen Leinwandbausch und ein rundliches Lederläppchen auf derselben, und der Schmiß wurde der betreffenden Partei aufs Kerbholz geschrieben.
Jetzt stellten sich die Gegner wieder auf; dem Verletzten lief das Blut in einem schmalen Streifen an dem ganzen Leib herunter bis auf den Boden, allein er schien sich nichts daraus zu machen. Wieder hieß es ›Los!‹, und mit der gleichen Wucht wie zuvor regneten die Hiebe, so daß die scharfäugigen Sekundanten den Kampf alle Augenblicke unterbrechen mußten, weil ein Schläger verbogen war, der dann von einem Kameraden wieder gerade gebogen wurde.
Das merkwürdige Kampfgetümmel nahm seinen Fortgang -- plötzlich stoben die hellen Funken von einer der Klingen; dieselbe war in mehrere Stücke zerhauen, von denen eines bis an die Decke flog. Wiederum wurde ein frischer Schläger gebracht und der Kampf ging weiter. Natürlich war dies eine furchtbare Anstrengung, und bald sah man den Kämpfenden große Ermüdung an. Sie durften nun eine Weile ruhen, aber nur ganz kurz; sie brauchten einander ja nur Schmisse zu geben, so hatten sie allemal Zeit sich auszuruhen, bis der Doktor seinen Verband angelegt hatte. Jede Mensur muß fünfzehn Minuten dauern, wofern die Kämpfer es aushalten; die Pausen werden jedoch nicht mitgerechnet und so dauerte die diesmalige nach meiner Schätzung reichlich zwanzig bis dreißig Minuten. Schließlich wurde wegen Uebermüdung der Paukenden abgebrochen. Blutbespritzt von Kopf bis zu Fuße führte man sie hinaus. Es war wacker gefochten worden, und doch zählte die Mensur nicht, teils weil das wirkliche Fechten keine volle fünfzehn Minuten gedauert, teils weil keiner den Gegner vollständig abgeführt hatte. Sobald ihre Schmisse geheilt waren, hatten die beiden der bestehenden Vorschrift gemäß neuerdings loszugehen, bis die Sache endgültig ausgefochten war.
Während dieser Vorgänge hatte ich zeitweise ein paar Worte mit einem jungen Mann von den Weißmützen gewechselt; dabei hatte er mir mitgeteilt, daß er zunächst daran kommen werde und mir auch seinen Gegner gezeigt, der ihn gefordert hatte und nun drüben an der andern Wand lehnend mit einer Zigarette im Munde ruhig der Paukerei zuschaute. Infolge der Bekanntschaft mit einem der Kämpfer sah ich der nächsten Mensur mit einer Art von persönlichem Interesse entgegen. Ich wünschte natürlich meinem Bekannten den Sieg und war sehr wenig erbaut, zu hören, daß dazu keine Aussicht vorhanden sei, indem er zwar ganz gut schlage, sein Gegner aber allgemein für entschieden überlegen gelte.
Sie gingen nun los und paukten nicht minder schneidig als ihre Vorgänger. Obwohl ich ganz dicht dabei stand, war ich doch nicht imstande zu sehen, ob ein Hieb saß oder nicht, so blitzschnell folgten diese aufeinander. Sie schienen alle zu sitzen, der Schläger bog sich jedesmal ganz von der Stirne aus über den Kopf des Gegners hin -- aber es war Täuschung: jedesmal fing, ehe ich es zu sehen vermochte, dessen Klinge den Hieb auf. Nach zehn Sekunden hatte jeder seinem Gegner zwölf bis fünfzehn Hiebe beigebracht und ebensoviele davongetragen, von denen jedoch keiner blutete. Dann wurde ein Schläger unbrauchbar, und es trat eine kurze Ruhepause ein bis ein frischer zur Stelle war. Bald nach Beginn des neuen Ganges hatte jeder einen schweren Kopfschmiß; beim dritten Gang erhielt der Gegner meines Bekannten noch einen solchen, während dem letzteren selbst die Unterlippe durchgehauen wurde; darauf teilte derselbe noch mehrere schwere Schmisse aus, ohne seinerseits einen nennenswerten zu erhalten. Nachdem die Mensur im ganzen fünf Minuten gedauert hatte, wurde dieselbe vom Paukarzt unterbrochen; die Verletzungen des Fordernden waren derart, daß jede weitere hätte gefährlich werden können. Er sah schauerlich aus, und ich will auf eine nähere Beschreibung lieber verzichten. So blieb wider Erwarten der Sieg meinem Bekannten.
Die vierte und fünfte Mensur verliefen so blutig, daß der Paukarzt beide nach ein paar Minuten unterbrechen mußte, um einer ernsten Gefährdung von Leben und Gesundheit der Verletzten vorzubeugen. Beim Anblick dieser klaffenden Wunden an Gesichtern und Köpfen überlief mich jedesmal ein Schauder, und ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich; trotzdem mußte ich immer und immer wieder hinschauen. Bei der letzten Mensur sah ich gerade mit an, wie dem einen die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde; nun denkt man vielleicht, hätte ich das vorher gewußt, so würde ich nicht hingeblickt haben; aber nein -- der wilde, aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich. Es kommt öfters vor, daß der Zuschauer ohnmächtig wird, und das ist auch wahrlich gar nicht zu verwundern.
An den beiden letzten Paukenden hatte der Doktor so ungefähr eine Stunde zu flicken -- dies sagt genug. Es war jetzt Mittag vorüber, und so benutzte die übrige Gesellschaft diese Pause, um in größter Munterkeit und Gemütlichkeit ihr Mittagsmahl an den Tischen ringsum einzunehmen; dabei hörte und sah man durch die offene Thür, wie der Doktor im Nebenzimmer drauf los schnitt, sägte und meiselte; es ließ sich jedoch offenbar niemand den Appetit dadurch verderben. Ich sah ihm eine Zeitlang dabei zu, hielt es aber nicht lange aus -- der fesselnde Reiz des Kampfes fehlte hier zu sehr.
Endlich war der Doktor fertig, und die letzte Mensur des heutigen Tages begann. Augenblicklich ließen alle ihr Essen stehen und drängten sich um den Kampfplatz. Diesmal handelte es sich um eine Kontrahage, die hier ausgefochten werden sollte. Die Gegner gehörten keinem Korps an, hatten jedoch die Erlaubnis erhalten, deren Waffen zu belegen. Offenbar waren dieselben mit der Führung des Schlägers besser vertraut als mit dem Paukkomment; denn kaum hatte man ihnen die Plätze angewiesen, als sie, ohne ein Kommando abzuwarten, wie wütend auf einander loshieben, so daß unter ungeheurer Heiterkeit des ganzen Zuschauerkreises die Sekundanten schleunigst dazwischen fahren mußten. Auch dieser Mensur machte der Paukarzt bald ein Ende -- und damit war denn die Tagesordnung erschöpft. Es war jetzt zwei Uhr nachmittags und ich war seit 9½ Uhr morgens da. Der Kampfplatz hatte sich inzwischen völlig rot gefärbt; doch mit etwas Sägmehl war dem bald abgeholfen. Vor meinem Eintreffen hatte bereits eine Mensur stattgefunden, wobei der eine zahlreiche Schmisse erhielt, während der andere ohne eine Schramme davon kam.
Zehnmal hatte ich nun mit angesehen, wie einem der jungen Leute Kopf und Gesicht kreuz und quer mit der scharfen zweischneidigen Klinge zerhauen wurde, und dabei hatte keiner auch nur einmal gezuckt oder den geringsten Laut oder ein sonstiges Zeichen des Schmerzes von sich gegeben. Das hieß doch in der That echte und wahre Tapferkeit beweisen. Von einem Wilden oder einem gewerbsmäßigen Preisfechter hätte man eine solche Schmerzverachtung allenfalls erwarten können, aber bei diesen unter sorgsamer Pflege aufwachsenden Jünglingen dieselbe in diesem Maße zu finden, mußte doch wirklich überraschen; und nicht etwa nur in der Aufregung des Kampfes legten sie diese Tapferkeit an den Tag; nein, auch unter den Händen des Paukarztes in dessen totenstillen, einsamen Zimmer zuckte keiner mit der Wimper, und auf der Mensur hieben diese Bürschchen, nachdem sie einander mit blutenden Schmissen bedeckt hatten, noch gerade so schneidig und mutig drauf los wie zuvor.