Reisebilder und verschiedene Skizzen

Part 11

Chapter 113,527 wordsPublic domain

»Darf ich Sie bitten, den Dank meines Auftraggebers entgegenzunehmen?« Er wartete keine Antwort ab, sondern kehrte sich um und rief einem dicht hinter ihm stehenden Herrn zu: »Liebster Noir, haben Sie es gehört, die Zeit ist auf halb zehn festgesetzt -- auf halb zehn!« Worauf Herr Noir sich mit ein paar gemurmelten Dankesworten verneigte und davonschoß. Mein Mitsekundant wendete sich wieder mir zu.

»Wenn es Ihnen genehm ist, können sich Ihre Hauptärzte und die unsrigen in einer und derselben Kutsche nach der Kampfstätte begeben. Eine alte Sitte will es so.«

»Auch ohne die alte Sitte würde mir das vollkommen passen. Es ist genug, daß die beiden Gegner einander als tödliche Feinde gegenüberstehen; warum sollte auch noch zwischen den nur indirekt Beteiligten ein Abgrund des Mordes aufgähnen? Aber wenn ich recht hörte, sprachen Sie von Hauptärzten auf beiden Seiten. Darf ich fragen, wie viele davon ich für uns zu besorgen habe? Werden zwei oder drei genügen?«

»Zwei für jede Partie ist die übliche Anzahl. Ich meinte jedoch damit nur die ›Hauptärzte‹. Was die bei der hohen Stellung der Duellanten unerläßlichen konsultierenden Aerzte anlangt, so wünsche ich Sie in betreff der Zahl derselben durchaus nicht zu beschränken, sondern möchte nur den Wunsch aussprechen, daß Sie aus den höchsten Zierden der Pariser Wissenschaft auswählen. Dieselben haben nicht in gemeinsamen Wagen zu fahren, sondern pflegen sich ihrer eigenen Equipagen zu bedienen. Und nun noch eine wichtige Frage -- haben Sie bereits den Leichenwagen engagiert?«

»Der Himmel erleuchte meinen vergeßlichen Kopf!« rief ich beschämt aus. »Aber ich habe wahrhaftig nicht daran gedacht. Dafür soll es auch jetzt das Allernächste sein, was ich besorge. Sie müssen schon Nachsicht mit mir haben, und ich fürchte allen Ernstes, daß meine Unwissenheit und Vergeßlichkeit Ihnen bereits mehr als ein innerliches Lächeln entlockt hat. Versuchen Sie den Mantel christlicher Liebe und den Schild französischer Ritterlichkeit darüber zu decken. Es ist das erstemal, daß ich etwas mit dem hochzivilisierten Duell im Herzen der modernen Kultur zu thun habe. Ich habe reiche Duellerfahrungen an der pazifischen Küste, in Kalifornien und Nevada gesammelt, aber ich sehe erst jetzt, wie roh und primitiv die Menschen dort in der Erledigung ihrer Ehrenhändel sind. Ein Leichenwagen -- pah! Wir waren gewohnt, die Toten, welche dort bei keinem Zweikampf ausbleiben, zerstreut, wie sie gefallen waren, liegen zu lassen und ihre Fortschaffung denen anheimzugeben, die gerade ein Interesse daran hatten. Haben Sie mich noch auf etwas aufmerksam zu machen?«

»Auf nichts; es sei denn, daß auch die beiden Haupttotengräber, wie die beiden Hauptärzte, in einem Wagen sich dem Zuge nach der Wahlstatt anzuschließen haben. Deren Gehilfen können gehen und die Prozession zu Fuß beschließen. Ich selbst werde Sie morgen um 8 Uhr abholen und mit Ihnen die Reihenfolge des Zuges anordnen. Bis dahin habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

* * * * *

Nachdem ich meine Geister, von welchen ich fühlte, daß sie mir mehr und mehr entschlüpften, ein wenig gesammelt hatte, stieg ich zu Herrn Gambetta empor. Er schien sich in den Gedanken an alle möglichen weiteren Zumutungen demütigender Natur ergeben zu haben und fragte nur:

»Wann hat die Tragödie zu beginnen?«

»Um halb zehn!«

Er atmete auf, offenbar, weil ich nicht ›um zwölf Uhr‹ geantwortet hatte, zu welcher Zeit eine Störung durch das alsdann noch zahlreicher ausgerückte Publikum ganz unvermeidlich gewesen wäre. Um so befremdender war es mir, daß er im selben Atem hinzusetzte:

»Haben Sie die Zeitungen benachrichtigt?«

»Herr!« rief ich mit unwillkürlicher, nicht zurückzudrängender Indignation. »Wie können Sie mich nach unserer langen und herzlichen Freundschaft einer solchen Verräterei für fähig halten?«

»Pst, Pst!« machte er beschwichtigend. »Habe ich Sie verletzt? Ach, ich sehe es wohl, ich überbürde Sie mit Aufträgen. Vergessen Sie, was ich da eben sagte, und begnügen Sie sich mit den übrigen Punkten Ihrer Liste. Uebrigens wird der Bluthund von Fourtou schon dafür gesorgt haben. Im Notfalle könnte ich es auch allein -- ja ich will es sogleich selbst thun -- eine Zeile an Herrn Noir genügt --«

»Noir?« unterbrach ich ihn. »Die Mühe können Sie sich ersparen. Herr Noir ist soeben von dem andern Sekundanten unterrichtet worden und befindet sich mit der Neuigkeit bereits auf dem Wege zu allen Redaktionen.«

»Hm, -- das hätte ich wissen können. Es sieht diesem Fourtou ganz und gar ähnlich, aus einem Ehrenhandel eine öffentliche Komödie zu machen.«

* * * * *

Wenige Minuten vor halb zehn Uhr näherte sich am andern Tage ein feierlicher Zug in der nachstehenden Ordnung dem Felde von Plessis le Piquet. Zuerst unser Wagen mit dunkeln Vorhängen, welche sorgfältig so weit zugezogen waren, daß man Herrn Gambetta noch recht gut von außen erkennen konnte. Er hatte niemanden bei sich, als mich und eine weiße Rosenknospe im Knopfloch. Nach uns eine ähnliche Kutsche mit Herrn Fourtou und seinem Sekundanten. Hierauf ein Wagen mit zwei dichterischen Rednern aus der Schule Viktor Hugos, welche dicke Manuskripte für den Fall einer auf offenem Felde zu improvisierenden Leichenrede bei sich hatten. Dann der Wagen mit den Hauptärzten und mächtigen Kasten voll chirurgischer Instrumente. Ferner acht Kutschen mit konsultierenden Aerzten und Wundärzten. Hierauf die beiden Leichenwagen mit sechs Pferden bespannt, denen die Kutsche mit den Totengräbern folgte. Und endlich die lange Reihe der Gehilfen der letzteren, welchen sich eine unabsehbare und stets wachsende Menge von Bummlern, anständigen Spaziergängern, persönlichen Freunden der Duellanten, Berichterstattern und Polizisten angeschlossen hatte. Leider lag ein brettdichter Nebel über der Landschaft, welcher von dem Zug nie mehr als ein paar Meter auf einmal erkennen ließ. Bei etwas reinerem Wetter wäre es ein wahrhaft großes und erhebendes Schauspiel gewesen.

Ein allgemeines Schweigen herrschte. Ich versuchte einigemale, mit meinem Freunde zu sprechen. Aber er bemerkte es nicht, so sehr war er in sein Notizbuch vertieft, über welches gebeugt er von Zeit zu Zeit die Worte murmelte: »Ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

Als wir an der Wahlstatt angekommen waren, war mein erstes, daß ich durch den jetzt völlig greifbar gewordenen Nebel auf eine Entdeckungsreise nach dem andern Sekundanten ausging und nach seiner glücklichen Auffindung mich mit ihm daran machte, die Entfernung von fünfunddreißig Metern abzuschreiten. Daß dies bei dem herrschenden Wetter zu einer ganz nichtssagenden Förmlichkeit herabsank, konnte uns in dem Ernst, womit wir uns ihrer entledigten, nicht stören. Nachdem wir mit dem Abmessen der Distanz fertig waren, begab ich mich zu Herrn Gambetta und fragte ihn, ob er bereit sei. Er schien mich zuerst durch den dicken Nebel hindurch nicht zu verstehen, dann, als er mich verstand, dehnte er sich zu seiner vollen Weite aus und rief mit starker, selbst den am fernsten Stehenden vernehmlicher Stimme:

»Fertig! Man lasse die Batterien laden!«

Das Laden wurde in der Gegenwart von zwei fachmännischen Zeugen, nachdem sie sich mit ihren Augengläsern von der Existenz und Beschaffenheit der beiden Patronen überzeugt hatten, besorgt. Wegen der uns umgebenden Nebelnacht waren wir gezwungen, uns der Hilfe einer von unserer Kutsche herbeigeholten Laterne zu bedienen. Als wir endlich fertig geworden waren und eben an das blutige Werk schreiten wollten, verursachte die Polizei eine Störung. Sie hatte die Entdeckung gemacht, daß das Publikum von allen Seiten in den Bannkreis des Kampfplatzes eingedrungen war und bat deshalb um Erlaubnis, vor Beginn des Schießens diese guten und völlig unschuldigen Leute in Sicherheit bringen zu dürfen. Es wurde bewilligt und die Sicherheitsbeamten teilten die zahllose Menschenmenge in zwei Hälften, von denen sie die eine dicht hinter Herrn Gambetta, die andere dicht hinter Herrn Fourtou zusammentrieben.

Da es immer finsterer wurde, hatten mein Gegensekundant und ich verabredet, unmittelbar vor dem verhängnisvollen Zeichen ein Hallo-Hoh auszustoßen, damit jeder von den Duellanten ungefähr wisse, wo sich sein Gegner befände. Nachdem dies geschehen, begaben wir uns zu unsern beiderseitigen Kämpfern. Ich fand den meinigen, den ich so mutvoll verlassen, im vollsten Kampf mit der ihn umgebenden Dunkelheit und einer inneren Verfassung, welche kaum weniger finster war. Ich that mein Bestes, ihn aufzurichten, indem ich ihm versicherte, daß trotz dieses abscheulichen Nebels, in den wir uns verrannt hatten, doch ganz Frankreich auf ihn blicke. »Und dann,« setzte ich tröstend hinzu, »die Dinge sind gar nicht so schwarz, wie sie aussehn. Die Beschaffenheit der Waffen, die verhältnismäßig beschränkte Zahl der Schüsse, die rücksichtsvolle Entfernung und die Gediegenheit dieses sonst so unzeitgemäßen Nebels lassen im Verein mit der weiteren Thatsache, daß der eine Gegner einäugig ist,[6] während der andre schielt und kurzsichtig ist, immerhin die Annahme zu, daß dieser Zweikampf nicht absolut tödlich ausfallen muß. Es liegt sogar die Möglichkeit vor, daß Sie beide das Duell überleben. Fort daher mit dieser letzten Anwandlung von Schwäche, und seien Sie ganz wieder, was Sie sind!«

[6] Gambetta war auf einem Auge blind.

Diese Worte machten sichtlichen Eindruck. Wieder dehnte sich mein Mann zu seiner ganzen Massenhaftigkeit aus und rief, die Hand ausstreckend:

»Ich bin wieder ich selbst! Man gebe mir das tödliche Geschoß!«

Ich legte es in die weite Innenfläche dieser fleischigen Riesenhand, welche bestimmt war, einst die Zügel der republikanischen Regierung Frankreichs zu führen. Er bückte sich darüber hin und schauderte.

»Ach,« murmelte er, »mein Freund, es ist nicht der Tod, den ich fürchte, sondern die Verstümmlung!«

Aufs neue sprach ich ihm Mut ein und wieder mit solchem Erfolg, daß er in die Worte ausbrach:

»So beginne denn die Tragödie! Stellen Sie sich hinter mich und stemmen Sie sich gegen meinen Rücken. Der Boden ist hier von dem feuchten Wetter so schlüpfrig, und wir stehen beide zusammen ungleich fester in einer so feierlichen Stunde der Geschichte Frankreichs, mein Freund!«

Ich sagte ihm dies zu, dann richtete ich seinen Arm mit der erhobenen Pistole auf die Stelle im Nebel, wo ich unsern Gegner vermutete. Ich ermahnte ihn, genau auf das Hallo-Hoh des Gegensekundanten zu hören und die Richtung seiner Pistole danach zu verändern, wenn es nicht von der Stelle käme, wo wir hinhielten. Hierauf trat ich hinter ihn, stemmte mich mit aller Kraft gegen seinen gigantischen Rücken und stieß mein verabredetes Hallo-Hoh aus. Es wurde prompt von irgend woher im Nebel beantwortet, und nun klang das Kommando:

»Eins -- zwei -- drei -- Feuer!«

Zwei Detonationen, welche genau so klangen, als habe einer unsrer amerikanischen Hinterwäldler zweimal hintereinander seinen Tabakssaft auf einen glühenden Ofen geschleudert, verloren sich im Nebel, und gleich danach brach Herr Gambetta mit solcher Wucht zusammen und über mich herein, daß mir Hören, Sehen und Atmen verging. Begraben und regungslos, wie ich lag, hörte ich nur, wie sich aus dem über mir zusammengeballten Fleischberg unverständliche Töne hervorarbeiteten, welche endlich bestimmter wurden und schließlich wie die Worte klangen: »Ich sterbe -- ich sterbe für das -- zum Teufel, wo ist mein Notizbuch? ich -- sterbe -- ja für was nur? -- für Frankreich -- Frankreich, so ist’s! -- ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

Im nächsten Augenblick umschwärmte uns eine ganze Wolke von Aerzten und Totengräbern, von denen die ersteren mit zahllosen Händen, Instrumenten und Augengläsern Herrn Gambettas ganze Oberfläche abjagten, um die Wunde zu finden, welcher Frankreich das Leben verdanken sollte. Nur zu bald überzeugten sie sich, daß nichts Derartiges vorhanden war, und nachdem man mich unter meiner lebenden Last hervorgezogen und diese auf ihre beiden Beine gestellt, folgte eine Scene, deren Schilderung einer andern Dichterkraft würdig ist, als sie meiner schwachen und überdies etwas pessimistischen Feder innewohnt.

Die beiden Duellanten fielen sich unter einer Flut von Thränen des Stolzes und der Freude um die Hälse. Der andre Sekundant hatte keine Augen und kein Erbarmen für meinen Zustand und umarmte mich gleichfalls. Die Aerzte, die Totengräber, die Leichenredner, die Polizisten, das ganze Publikum -- alles umarmte sich, und ein Jubel erfüllte den Nebel, daß selbst dieser gerührt wurde, sich verzog und die Sonne auf das herrliche Schauspiel, dessen tragischere Hälfte er ihr so wohlmeinend entzogen hatte, ungehindert herabblicken ließ.

Obgleich ich eine Empfindung hatte, als ob während der kurz vorhergegangenen Minuten alle Rippen und Knochen meines Leibes gebrochen worden seien, konnte ich doch den beseligenden Gedanken nicht unterdrücken, daß es schöner sein müsse, der Held eines französischen Duells zu sein, als selbst ein gekrönter und bescepterter Monarch.

Nachdem die allgemeine Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, hielten die anwesenden Aerzte eine Massenversammlung ab, deren Zweck eine Konsultation über die Verletzungen war, welche ich erlitten hatte. Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem Schluß, daß dieselben bei guter Pflege und gewissenhafter Behandlung nicht unbedingt tödlich seien. Am ernstlichsten waren die inneren Beschädigungen, welche ich davongetragen hatte, was sich freilich erst herausstellte, als ich nach Paris zurückgekehrt war und meinen eigenen Arzt hatte rufen lassen, welcher die Entdeckung machte, daß eine von den drei gebrochenen Rippen meinen linken Lungenflügel durchbohrt habe, während von meinen übrigen Organen mehrere unter dem Drucke sich verschoben hätten, so daß es sehr zweifelhaft sei, ob sie jemals lernen würden, ihre natürlichen Funktionen an so ungewohnten Stellen auszuüben. Auf dem Duellplatz selbst hatte man sich begnügt, mir den an zwei Stellen gebrochenen rechten Arm in einen Notverband zu legen, das verrenkte linke Knie wieder einzurichten, und die aus meiner Nase schießenden Blutströme, von denen auch mein Gegensekundant bei seiner Umarmung auf das reichlichste profitiert hatte, zu stillen. Obgleich mir dabei einigemale das Bewußtsein verging, fühlte ich mich doch unwillkürlich durch das allgemeine Interesse, welches ich einflößte, gerührt, und das stolze Bewußtsein, der erste und einzige Mann zu sein, welcher seit Jahren bei einem französischen Duell ordentlich verwundet worden war, gab mir Kräfte, alle Schmerzen siegreich zu überstehen.

Seitdem gehe ich langsam der Genesung entgegen, obgleich ich noch heute nicht so weit bin, diese harmlosen, aber wahrhaften Aufzeichnungen niederzuschreiben. Ich muß sie diktieren. Im übrigen bin ich von Aufmerksamkeiten erdrückt worden. Selbstredend ist das Kreuz der Ehrenlegion nicht ausgeblieben; -- wer entgeht demselben im derzeitigen republikanischen Frankreich?

Und doch habe ich mir eine Lehre aus meinem Anteil an dem großen Gambetta-Fourtou-Duell gezogen. Ich werde nie zurückschrecken, _vor_ einem französischen Duellanten zu stehen, -- _hinter_ einen aber soll mich keine Gewalt der Erde mehr bekommen!

Eine Beobachtung in Paris.

Der Pariser reist nur wenig, er versteht keine Sprache als die seinige, liest nur einheimische Bücher und ist infolgedessen recht beschränkt und selbstzufrieden. Doch seien wir gerecht; es giebt Franzosen, die auch fremde Sprachen verstehen: die Kellner. Unter anderem verstehen sie auch englisch; allerdings auf ihre Art -- sie können es sprechen, aber nicht verstehen. Sie machen sich leicht verständlich, aber es ist fast unmöglich, einen englischen Satz so auszudrücken, daß sie fähig wären, ihn zu verstehen. Sie glauben und behaupten, ihn zu verstehen, verstehen ihn aber nicht. Nachstehende Unterredung hatte ich mit einem dieser Menschen; ich schrieb dieselbe seinerzeit nieder, um sie aufzubewahren.

_Ich._ Das sind schöne Orangen. Wo sind sie her?

_Er._ Mehr? Ich werde gleich welche bringen.

_Ich._ Nein, bringen Sie keine mehr; ich möchte nur wissen, wo sie her sind -- wo sie gewachsen sind.

_Er._ Ja? (mit unerschütterlich gleichgültiger Miene.)

_Ich._ Ja. Können Sie mir sagen, aus welchem Lande sie sind?

_Er._ Ja? (lächelnd, mit stärkerer Betonung.)

_Ich_ (entmutigt). Sie sind sehr erfrischend.

_Er._ Guten Abend. (Verbeugt sich und entfernt sich sehr befriedigt.)

Der junge Mann hätte ein guter ›Engländer‹ werden können, wenn er sich ordentlich Mühe gegeben hätte; aber er war Franzose und wollte das nicht. Wie ganz anders bei unsern Leuten! Sie benützten jede Gelegenheit, um französisch zu lernen. Es giebt in Paris eine Anzahl französischer Protestanten, welche sich ein hübsches Kirchlein an einer der großen Avenuen, die vom Triumphbogen ausgehen, bauten. Sie wollen dort die rechte Lehre auf die rechte Art in französischer Sprache predigen hören. Aber ihre Freude wird ihnen verdorben: unsere Landsleute kommen ihnen jeden Sonntag zuvor und füllen den ganzen Raum. Wenn der Geistliche die Kanzel betritt, findet er das Gotteshaus voll von andächtigen Fremden, von denen jeder ein kleines Buch in der Hand hat -- anscheinend ein in Maroquin gebundenes Testament, wenn man genauer hinsieht, erblickt man Bellows ausgezeichnetes und erschöpfendes französisch-englisches Taschenwörterbuch, das in Ansehen, Einband und Größe genau einem Testament gleicht. Diese Andächtigen haben sich eingefunden, um Französisch zu lernen. Das Gebäude hat daher den Spitznamen ›Die Kirche für französische Gratislektion‹ erhalten.

Diese Zuhörer eignen sich wahrscheinlich mehr Sprachkenntnis als allgemeines Wissen an, denn eine französische Predigt gleicht ganz einer französischen Rede; sie nennt nie ein geschichtliches Ereignis, sondern giebt nur das Datum an; wenn man darin nicht gut beschlagen ist, verliert man sich. Eine französische Rede aber lautet etwa wie folgt: --

»Freunde, Bürger, Brüder, edle Glieder der einzig erhabenen und vollkommenen Nation, lasset uns nicht vergessen, daß der 21. Januar unsere Ketten zerbrach, daß der 10. August uns von der schimpflichen Gegenwart fremder Spione befreite, daß der 5. September seine eigene Rechtfertigung war vor Gott und der Welt, daß der 18. Brumaire den Keim zu seiner eigenen Bestrafung in sich trug, daß der 14. Juli die mächtige Stimme der Freiheit war, welche die Auferstehung, den neuen Tag verkündete und die unterdrückten Völker der Erde einlud, das göttliche Antlitz Frankreichs zu beschauen und zu leben; und lasset uns unsern ewigen Fluch aussprechen gegen den Mann des 2. Dezember und mit Donnerstimme, der ureigenen Stimme Frankreichs, erklären, daß es ohne ihn in der Geschichte keinen 17. März, keinen 12. Oktober, keinen 19. Januar, keinen 22. April, keinen 16. November, keinen 30. September, keinen 2. Juli, keinen 14. Februar, keinen 29. Juni, keinen 15. August, keinen 31. Mai gegeben hätte -- daß ohne ihn Frankreich, das Reine, das Große, das Unvergleichliche, heute einen glücklicheren und reineren Kalender besäße.«

Ich habe von einer französischen Predigt gehört, die in dieser wunderlichen, aber beredten Weise schloß: --

»Andächtige Zuhörer, wir haben eine traurige Veranlassung, des Mannes vom 13. Januar zu gedenken. Die Folgen des ungeheuren Verbrechens vom 13. Januar stehen im richtigen Verhältnis zu der Größe der That selbst; ohne diese wäre uns das kummervolle Schauspiel des 30. Novembers erspart geblieben. Die Greuelthat des 16. Juni wäre ohne sie nie verübt worden, noch wäre der Mann des 16. Juni je zum Dasein gelangt; sie war allein schuld an dem 3. September, wie an dem verhängnisvollen 12. Oktober. Sollen wir also dankbar sein für den 13. Januar mit seinem Todesschrecken für euch und mich und alles, was atmet? Ja, meine Freunde, denn er gab uns auch, was ohne ihn nie und nimmermehr gekommen wäre -- den gesegneten 25. Dezember.«

Vielleicht ist hier eine Erklärung am Platze, obgleich eine solche für viele meiner Leser kaum nötig sein wird. Der Mann des 13. Januar ist Adam; das Verbrechen jenes Tages war das Essen des Apfels; das traurige Schauspiel des 30. November war die Vertreibung aus dem Paradiese; die Greuelthat des 16. Juni war die Ermordung Abels; am 3. September begann die Reise nach dem Lande Nod[7]; am 12. Oktober verschwand die letzte Bergspitze unter der Sündflut. Wenn man in Frankreich zur Kirche geht, muß man einen Kalender, in dem die Gedenktage verzeichnet sind, mitnehmen.

[7] Nach der Bibel: Land der Verbannung.

Anm. des Uebers.

Pariser Führer.

Im Jahre 1867 war ich mit einigen Freunden in Paris und zwar zum Besuch der Weltausstellung. Am Morgen nach unserer Ankunft gingen wir zu dem ›~commissionaire~‹ des Hotels -- ich weiß nicht, was das bedeutet, allein es war der Mensch, an den wir uns wandten -- und sagten ihm, wir möchten einen Führer haben. Er bemerkte, daß es nahezu unmöglich sein werde, einen guten Führer außer Beschäftigung zu finden. Für gewöhnlich habe er ein bis zwei Dutzend an der Hand, augenblicklich aber nur drei. Er rief dieselben herbei. Der eine sah so banditenmäßig aus, daß wir ihn gleich wieder wegschickten. Der zweite redete uns in einer peinlichen Aussprache an, welche recht deutlich sein sollte, also:

»Wenn die Gentlemen mick woll geben die Ehr, ßu behalten mick in ihre Dienste, werd ik Sie ßeigen alle Ding das sein präktik in der schönen Paris. Ik sprek die fremde Spracke parfaitement.«

Er würde am besten gethan haben, hier inne zu halten, weil er gerade so viel auswendig gelernt hatte und ohne Verstoß hersagte. Aber seine Selbstgefälligkeit verleitete ihn, sich in die höheren Regionen der fremden Sprache zu versteigen und dieser tollkühne Versuch war sein Verderben. Binnen zehn Sekunden hatte er sich in einen Haufen von verstümmelten Wörtern und verhackten Sprachformen verfilzt, daß kein menschlicher Scharfsinn mehr imstande war, ihn wieder mit heiler Haut heraus zu kriegen. Wir überließen ihn seinem Schicksal.

Der dritte Mann nahm uns gleich für sich ein. Er war einfach, aber sauber und nett gekleidet. Er trug einen hohen Seidenhut, der ein bißchen alt, aber sorgfältig gebürstet war, Handschuhe, die schon gewaschen, aber gut ausgebessert waren und einen zierlichen Spazierstock mit einem geschnitzten Griff -- einem Damenfuß aus Elfenbein. Er schritt so subtil und zierlich einher wie eine Katze, die über eine schmutzige Straße geht und oh! -- er war die Artigkeit, -- die ruhige und zurückhaltende Selbstbeherrschung -- die Ehrerbietung selbst. Er sprach sanft und bedächtig und wenn er im Begriff war, etwas auf seine eigene Verantwortlichkeit zu behaupten, oder eine Andeutung zu machen, so erwog er es aufs bedächtigste, indem er seinen Stock sinnend vor die Zähne hielt. Seine Eröffnungsrede war für einen Franzosen wirklich recht gut -- im Satzbau, in den Redewendungen, in der Grammatik, im Tonfall, in der Aussprache -- kurz in allem. Nachdem sprach er wenig und zurückhaltend. Wir waren bezaubert, ja mehr als bezaubert -- ganz außer uns vor Freude. Wir mieteten ihn auf der Stelle und fragten gar nicht nach seinem Lohne. Dieser Mann war zwar unser Lakai, unser Diener, unser unterwürfiger Sklave, aber dennoch ein Gentleman, während von den andern beiden der eine linkisch und ungehobelt, und der andere ein geborener Seeräuber war. Wir frugen unseren Mann nach seinem Namen. Er zog aus seinem Taschenbuch eine schneeweiße kleine Karte und überreichte sie uns mit einem tiefen Bückling:

~A. Bilfinger~

~Führer durch Paris, Frankreich, Deutschland, Spanien etc.~

~Grand Hôtel du Louvre.~