Part 6
Nach dem Besuche der Museen bin ich in den nächsten Tagen einmal aus der Stadt hinausgefahren, um Neuyork auch an seinen äußeren Punkten kennenzulernen. So ging und fuhr ich zunächst über die mehr als kilometerlange riesige Brooklynbrücke, die ein deutscher Ingenieur (John A. Roebling) erdacht hat[9] und die so hoch (etwa 40 Meter) den Meeresarm des East River überspannt, daß die höchsten Masten darunter hinwegfahren können. Dann ging es durch das etwas düstere, dunstige Brooklyn, das für sich allein über eine Million Menschen beherbergt. Einzigartig ist von der Brücke der Blick rückwärts auf das dampfende Wolkenkratzerviertel. Sonst ist Brooklyn und das anschließende Williamsburg mit seinem wimmelnden Menschen- und Geschäftsverkehr das getreue Abbild der größeren Mutter. Weiter hinaus geht es auch in stille Wohn- und Villenviertel über, bis man endlich auf langen Alleen zuletzt den tollen Vergnügungspark „+Coney Island+“ am Strande des Atlantischen Ozeans erreicht.
Man denke sich alle Jahrmärkte, Juxplätze, Vogelwiesen, Oktoberfeste usw. bei uns auf +einem+ Haufen samt all ihren Achterbahnen, Kinos, Singspielhallen, Berg- und Rutschbahnen, Geheimkabinetten, Schaukeln und Karussells, kleinen Theatern, Musikkapellen, Drehorgeln und Varietés samt all der dazugehörigen, aber noch verzehnfachten ohrenbetäubenden Musik in allen Tonarten und das noch einmal vielfach vergrößert durcheinander, dazwischen aber auch noch allen Auswurf, Mob, Hefe, Faulenzer und Tage- und andere Diebe Neuyorks in einem Haufen zusammen -- dann hat man „Coney Island“, das Paradies unzähliger vergnügungslüsterner Neuyorker! Coney Island ekelte mich bald an; ich vermochte kaum noch eine halbe Stunde dort zu verweilen, dann zog es mich wieder an das geliebte rauschende Meer. Ein frischer Wind fegte über leicht schäumende Wellen, die weißkämmig zum Strande heranrollten. Einige Badeschönen, die hier in echt amerikanischer Prüderie in vollständigem Badekostüm, d. h. mit mehreren (!) Baderöcken, -blusen, -strümpfen, -schuhen und Badesonnenschirmen sich ergingen, störten freilich das Bild. Dort feiert der Abschaum des Unrats, hier der Gegenpol der prüden Unnatur seine Triumphe! Da lobe ich mir doch lieber unsere nordgermanischen Vettern und ihre unbekümmerte und unberührte und ungeschminkte volle Natürlichkeit.
Auch dem Süden der Stadt stattete ich einen Ausflug ab. Für 5 Cent fährt man von der Battery mit dem Ferry in einer halben Stunde nach dem grünen „Staten Island“ hinüber und ist auch hier Neuyork auf eine Weile völlig entrückt. Dicht an der Freiheitsstatue fährt man vorbei, die immer aufs neue stolz und imponierend ihre Fackel hochschwingt. Mit Recht hat sie unser wackerer ~Z III~ bei seiner ruhmvollen Erstlingsfahrt gebührend gegrüßt und umflogen. Sie verkörpert weithin sichtbar alle amerikanischen Ideale und Aspirationen. Mit dem Sockel ist das Denkmal etwa 100 Meter hoch! Im Innern der bronzenen Figur führt eine Treppe bis in den Kopf wie bei der Bavaria in München. Aus ihren Augen kann man heraussehen. Bei Nacht ist die Fackel, die die Freiheitsfigur in der Hand hält, weithin strahlend elektrisch erleuchtet. Die Figur selbst hat einst dem sie schenkenden Frankreich eine Million Franks gekostet. Links liegen blieb Ellis Island, die Wehmutsinsel der Auswanderer. Rechts passierten wir eine Reihe englischer Schulschiffe, die gerade in der ~upper bay~ festgemacht hatten. Wie Möwen saßen die Seekadetten in ihren weißen Anzügen aufgereiht in den Raen der Masten und sahen nach Neuyork hinüber. Diesen Weg fuhr einst auch unser wackeres Handelsunterseeboot „Deutschland“ mit Kapitän König herein, dem die Engländer bei seiner kühnen Wiederausfahrt vergeblich auflauerten. Auf Staten Island angekommen stieg ich zur Anhöhe hinauf und genoß von dort oben wieder einen einzigartig bezaubernden Blick über Bucht, Hafen und Stadt ...
Dann flog ich ein andermal über den Hudson westwärts aus. Ich hatte ja beim Abschied vom Dampfer dem munteren Badenser Fräulein, das zu seinem Onkel fahren und ihm die Wirtschaft führen wollte, versprochen, es einmal in Hoboken zu besuchen. Das Versprechen mußte ich dem lieben Geschöpfchen doch auch einlösen, das gewiß schon auf meine Ankunft sehnlichst wartete. Ich meldete mich wohlweislich nicht an. Vermutlich war dann der Onkel nicht zu Hause! Denn der interessierte mich weniger. So riskierte ich einen unerwarteten Besuch. Aber Strafe folgt der Missetat oft auf dem Fuße! Ich verfehlte zwar „sie“ nicht, aber gründlich zunächst die Palisade Avenue in Hoboken, wo sie wohnte. Als ich nämlich glücklich über dem Hudson drüben war, fuhr ich mit der „~car~“[10] fröhlich nördlich fast eine Stunde gen Englewood ins frische grüne Land hinaus statt südwärts nach Hoboken, bis ich auf einmal Verdacht schöpfte und mich erkundigte. Da mußte ich zu meinem Schrecken hören, daß ich von meinem Ziel etwa zwölf Meilen entfernt war, aber derselben Avenue in Englewood recht nahe. So mußte ich den ganzen langen Weg wieder rückwärts nach Hoboken reisen, und kostbare Stunden des Nachmittags waren verstrichen. Aber es schadete nichts; ich hatte eine schöne Fahrt gemacht, an reizenden Landsitzen und leuchtenden Sommervillen hatte ich ein Stück „~country~“ gesehen. Wenn „sie“ nur da war! Und sie war es!
Ich traf sie sehr hausfraulich in der Küche. Allein! Ihr Onkel hatte ihr zwar streng verboten, einen Fremden hereinzulassen. War ich ein Fremder? Sie bereitete dem gestrengen Herrn Onkel das Dinner, wenn er von der City mit dem „~ferry~“ heimkäme. Das mußte allerdings bald sein. Aber er kam glücklicherweise noch nicht so bald. Arglos und fröhlich, wie es ihre Art war, zeigte sie mir unterdessen die ganze Villa des Onkels von außen und von innen, von oben und von unten, während ich stets ein bißchen ängstlich lauschte, ob man schon die Tritte des Herrn Onkels höre. Als wir nach der Hausbesichtigung wieder in der Küche angelangt waren -- schon damit auch der Braten ja nicht anbrenne -- und noch eine gute Weile geplaudert hatten, hielt ich es für diesmal geraten, mich zu entfernen. Wer konnte wissen, wann der Herr Onkel erschien und was er sagen würde, und würde nicht auch +meine+ Tante zürnen, wenn +ich+ zu spät zum Essen zu ihr kam? Und mit ihr durfte ich es doch, solange ich in Neuyork weilte, keinesfalls verderben. Als ich schied, brachte sie mich bis ans Gartenpförtchen. Wollte sie sehen, ob der Onkel schon kam? Oder ... Das gute Geschöpf hatte von Neuyork noch gar nichts zu sehen bekommen, und wie hatte sie aufhorchend meinen Schilderungen und Erlebnissen gelauscht! Aber der Onkel hatte gesagt, Neuyork wäre nichts für junge Mädchen! Sie sah mir lange nach. Ich glaube gar, ein kleines Tränchen hing in ihrem Auge ... Sie sollte sich ja in Amerika gut verheiraten, hatte ihre Mutter gesagt. Gewiß hat sie einen viel besseren als mich bekommen! --
Auch den Norden der Stadt durchwanderte ich in der Richtung nach Bronx, an den Harlem River und auf seine Höhen. Der Harlem River verbindet den East River mit dem Hudson, so daß strenggenommen der Hauptteil Neuyorks auf einer langgestreckten Insel liegt. Ganz im Norden fand ich noch Reste ursprünglichen Waldgebietes mit einer geradezu subtropisch üppigen Vegetation. Man darf ja nicht übersehen, daß Neuyork auf der geographischen Breite von Neapel (!) liegt, wenn auch sein Klima im ganzen kühler ist als das Süditaliens. Am Fort George, das ich nach mehrstündiger Fußwanderung erreichte, war ich erstaunt über die sonnigen dichtbewachsenen grünen Hügelreihen, die trotz des zu Ende gehenden September noch viel üppigeres und frischeres Laub zeigten als bei uns in der gleichen Jahreszeit. Von den „Washington Heights“ hatte man einen geradezu herrlichen Blick auf die „Palisaden“, d. h. die felsigen Ufer des waldumsäumten breiten Hudsonflusses, der an manchen Stellen mit unserem Rhein an Schönheit wohl wetteifern kann. Freilich fehlen ihm die malerischen Burgruinen und des Rheins ganze romantisch-geschichtliche Vergangenheit.
Neben der Natur zog mich auch immer der Stadt volles Leben an, so auch die Theater! Ich sah den „Parsifal“ im ~Metropolitan opera house~ deutsch. Ich saß in Kinos und kleinen Theatern der Italiener und Juden. Höchst volkstümlich und derb! Wieviel wäre zu erzählen vom Sport, von städtischer Verwaltung und Verfassung, vom Militär, zu dessen Eintritt auf vielen verlockenden Plakaten ständig geworben wird, von der Polizei, von der berühmten Neuyorker Feuerwehr, von den Schulen, den glänzend ausgestatteten, öffentlichen Bibliotheken und den 1100 (!) Kirchen der verschiedensten Denominationen in der Riesenstadt, den Hospitälern und Friedhöfen. Aber ich bin kein wandelnder Reiseführer. So habe ich auch keineswegs alle die einzelnen großen Banken und Börsen, alle die staatlichen Ämter, die großen Plätze und Denkmäler aufgesucht, noch will ich sie alle beschreiben. Ich habe nicht die Absicht, mit meinem persönlichen Reisetagebuch Bädeker, Führer und Karten überflüssig zu machen. Einiges davon hole ich bei anderer Gelegenheit nach.
Aber ehe ich von Neuyork weiterreiste, erlebte ich noch den Anfang einer phänomenalen Jahrhundertfeier in Erinnerung an Hudsons und Fultons erste Fahrten. Alle Bekannten und Verwandten in Neuyork hatten mich schon immer beschworen, die müsse ich unbedingt noch mitmachen, sie sei das „Ereignis“ dieses Jahres. Also war ich aufs äußerste gespannt und lief sogar Gefahr, das andere „phänomenale Ereignis“ in Boston zu versäumen, das ich auch unbedingt mitmachen mußte, nämlich die feierliche Einführung des auf Lebenszeit neugewählten Universitätspräsidenten von Harvard, eine Feier, der man in manchen Kreisen mehr Bedeutung beimaß als dem Einsatz des Unionspräsidenten in Washington! So war ich auch darauf aufs äußerste gespannt, denn mein akademisches Fühlen war trotz meiner fortgeschrittenen Semester noch sehr lebendig.
Am letzten Sonnabend des September begannen die Jahrhundertfestlichkeiten und dauerten vierzehn Tage bis in den Oktober. Alles zur Erinnerung der beiden großen Seehelden, des Henrik Hudson, der vor 300 Jahren den Hudson auf seinem „~Half-moon~“[11] entdeckte, und des Robert Fulton, der ihn mit dem ersten +Dampfschiff+ „Clermont“ befuhr. Vorgesehen waren Gottesdienste -- die in Amerika bei öffentlichen Feiern nie fehlen! --, Flottenparaden aller Länder, Riesenfeuerwerk, fünf Denkmalsenthüllungen, Opernvorstellungen, Parkeröffnungen, große Sportveranstaltungen, glänzende Bankette, Truppenparaden, Kinderfeste, wetturnerische Vorführungen, „Karnival“ genannt (!), Massenausflüge den Hudson hinauf u. dgl. Also ein Heidenrummel!
Tatsächlich strömte schon am ersten Festsonntag eine wahrhaft ungeheure, nach Hunderttausenden zählende Menschenmenge auf dem Riverside-Drive am Hudsonufer zusammen. Herrlicher blendender Sonnenschein lag auf Stadt und Strom. Tausende von Ansichtskarten-, Album-, Bild- und Fähnchenhändlern bearbeiteten das Publikum ständig mit allen Mitteln ihrer Rhetorik. Nur +zwei+ Worte schwirrten noch in tausendfacher Variation an allen Orten, in allen Tonlagen und Stimmungen, anpreisend, schreiend, rufend, schnarrend ans Ohr bei drei- bis vierstündigem Stehen auf einem Fleck, zwischen Menschenmauern eingekeilt: „Hudson-Fulton, Hudson-Fulton, Hudson-Fulton“!
Alle Nationen der Welt hatten Kriegsschiffe zur Feier abgeordnet. Auf dem Hudson lagen sie in langer Reihe friedlich nebeneinander, die braunschwarzen Dreadnoughts und Kreuzer Englands, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Japans usw. Wie Lämmer bei Löwen und Tigern. Was sind doch alle internationalen Höflichkeitsbesuche und Vereinigungen anders als Schein und Heuchelei? Zwischen den großen schossen kleine Boote hin und her, die Ferries heulten und tuteten unablässig. Von halb elf Uhr ab -- um elf Uhr sollten die Feierlichkeiten beginnen -- hatte ich wartend und völlig eingekeilt mit hungrigem Magen bis halb vier Uhr nachmittags auf demselben Fleck gestanden, ohne mich auch nur einen Fußbreit vor-, rück- oder seitwärts bewegen zu können. Endlich um drei Uhr nachmittags begann der Auftakt der Flottenparade. Ich dachte, nun würde sich wohl die ganze stolze internationale Kriegsflotte rauchend und fauchend in Bewegung setzen und allerlei erstaunliche Manöverbewegungen auf dem Hudson ausführen, aber sie blieben alle unbeweglich und wie angenagelt auf ihrem Flecke liegen und fingen nur alle miteinander an, greulich zu schießen und zu donnern, daß man jedesmal nur so zusammenfuhr, wenn ein Feuerstrom, den man zuerst sah, aus ihren Mündungen gerade auf uns herüber zuschoß ... Dann hallte der Donner lange nach. Schließlich erschien aus Rauch und ohrenbetäubendem Gedröhn eine nicht sehr imponierende Festflottille von kleineren und einigen größeren Booten, die die neuerbauten Nachahmungstypen des alten Hudsonseglers „Halfmoon“ mit seinen hohen Schnäbeln und das noch kleinere Fultondampfschiff „Clermont“ mit seinen hohen Schaufelrädern und seiner wie ein Gänsehals hohen und unförmigen Esse feierlich geleiteten. Die Hunderttausende am Ufer brachen in einen nicht endenwollenden Jubel aus, als die rührend kleinen und reichlich unbeholfenen Schiffchen an den dröhnenden und feuerspeienden Riesen der fremden Kriegsschiffe vorüberglitten ... In der Tat, in einem Jahrhundert welche Entwicklung seit Fulton bis zu den modernen Ozeandampfern von 55000 Tonnen und gar bis zum ~Z. R. III~ und seinem Siegesflug! Und seit Hudson, der mit den Indianern über den Kauf Manhattans verhandelte, welche Geschichte in diesem Lande! Als die Schiffchen vorübergeglitten waren, verlief sich die nach Hunderttausenden zählende Menge, denn wohl nicht nur mein Magen und meine Füße revoltierten energisch. Man war richtig steckesteif geworden. Gehen war ein Genuß.
Abends wurde dann noch ein riesiges Feuerwerk abgebrannt. Von den Palisaden herüber warfen mächtige Scheinwerfer ihre riesigen Lichtstrahlen über die Stadt. Und nach einem Kanonenschuß erglühten die Konturen sämtlicher Kriegsschiffe auf dem Hudson bis an die Masten und Schornsteine mit Tausenden von elektrischen Birnen -- wirklich ein märchenhafter Anblick. Aber das Abendrot des nächsten Sonnenunterganges dünkte mich doch noch großartiger ... Das war mein Abschied von der Riesenweltstadt .....
Fußnoten:
[Footnote 3: Transportgesellschaft.]
[Footnote 4: Aus: Die Neue Welt, eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik, herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin. 1921. S. 75.]
[Footnote 5: Untergrundbahn.]
[Footnote 6: Aus: Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 30.]
[Footnote 7: Sie hat wohl ihren Namen daher, daß einst nur bis dahin von der Battery sich die Stadt erstreckte, ¹⁄₁₀₀ ihrer heutigen Länge!]
[Footnote 8: Neuyork zählt ja auch mehrere Hunderttausende Juden!]
[Footnote 9: Erbaut 1870-83.]
[Footnote 10: Straßenbahn.]
[Footnote 11: Halbmond.]
Boston.
Am nächsten Morgen schon führte mich vom „Grand-Zentral-Depot“ der Expreß nach Nordosten. Aber vorher gab es erst noch einen kleinen Anstand, denn das Reisen, erst recht in fremden Ländern, hat nun einmal seine Tücken. Obwohl 14 Tage seit meiner Landung in Hoboken vergangen waren, hatte die Transfer-Company, der ich vertrauensvoll meinen Gepäckschein übergeben hatte, mir noch immer nicht meinen großen grünen Koffer, der doch mit soviel gelehrten Büchern vollgeladen war und in den Gepäckhallen der Hapag in Hamburg mich so kameradschaftlich getröstet hatte, von Hoboken herübergebracht. So blieb mir nichts anderes übrig, als das schwer fortbewegliche und vollgefüllte und immer mit Zerfall und schnellem Abgang drohende Ungetüm selbst zu holen. Vielleicht wartete es auf diesen Freundschaftsdienst. Was das nach Gewicht und bei entsprechender Sommerhitze aber für mich bedeutete, mag sich der Leser selbst etwas ausmalen. Aber „selbst ist der Mann!“ ist ja gerade echt amerikanischer Grundsatz. Danach handelte ich entschlossen ...
Um acht Uhr früh ging mein Zug. In äußerst praktischer Weise bevorzugen nämlich die amerikanischen Bahnen fast stets glatte, runde Abgangszeiten, also 8, 8³⁰, 9, 9¹⁵ Uhr usw. Krumme und ungerade Minutenzahlen trifft man selten. Auf der Bahn machte ich wieder allerlei neue Beobachtungen. Die Bahnhöfe sind praktisch, aber nicht immer groß. Eigentliche große Warteräume mit Restaurationsbetrieb existieren fast gar nicht, sondern nur offene Wartehallen mit einem besonders abgeschlossenen „~ladies-~“ und „~smoking-room~“, der recht primitiv sein kann. Die Bahnsteige sind schmal, die Fahrkarten oft winzig, meist ohne Angabe des Fahrpreises! Der Einfachheit halber steckt man die Karte in das Hutband an den Hut, von wo sie der den Zug kontrollierende Schaffner abnimmt und während der Fahrt mehrfach kupiert. Bahnsteigsperre gibt es nicht. Der Bahnkilometer ist drüben wie vieles teurer als bei uns, er kostet etwa 7½ Pfennig! Fast nach jedem größeren Haltepunkte geht der Schaffner aufs neue durch die ~D~-Wagen und knipst +sämtliche+ Fahrkarten, so daß sie zuletzt mehr Löcher als Papier haben!
Demokratisch wie die Straßenbahn ist auch die Eisenbahn; sie kennt nur +eine+ (gepolsterte) Klasse in ~D~-Zugform, aber ohne Abteileinteilung. Der Ausstattung nach ist sie etwa wie bei uns II. Klasse, aber oft ebenso schmutzig wie es die Bahn noch bis vor kurzem in Italien war. Papier, Obstschalen, Zeitungen wird alles einfach wie aus der Hochbahn an den Boden geworfen! Die Bahnen sind sämtlich Privatbesitz und machen sich gegenseitig tüchtig Konkurrenz. Oft fahren zwei Linien, die von verschiedenen Gesellschaften gebaut sind und betrieben werden, dicht nebeneinander vom selben Ort zum selben Ziel! Sie suchen sich gegenseitig durch größere oder mindere Schnelligkeit und Zugsicherheit (aber ohne kostspielige Bahnwärter und Schranken!), Ausstattung der Wagen u. ä. den Rang abzulaufen. Der sich entwickelnde Ruß und die umherfliegende Asche der Lokomotiven ist höchst unangenehm. Die Wagenfenster sind daher kaum zu öffnen. An Wegkreuzungen ertönen Signale der Maschine. Die Landstraße hat nur ein Warnungsschild: „~Look out for the engine!~“[12] Jeder hat also auf sich selbst aufzupassen, daß er nicht überfahren wird; niemand wird sein Leben garantiert. Die Schnelligkeit ist im allgemeinen gut, die Wagen sind sehr fest aus Eisen gebaut und auf Zusammenstöße eingerichtet, aber der Unglücksfälle sind es wegen mangelnder Aufsicht und beschränktem Personal auch dreimal soviele als bei uns! Was macht das? Leben gilt nichts. Ohne Umstand fährt der Zug ein und aus nach dem Rufe: „~All aboard!~“ Jeder hat selbst dafür zu sorgen, daß er richtig in den Zug hineinkommt und das Abfahren nicht verpaßt, sintemal das Trittbrett sehr hoch ist. Schilder ihrer Bestimmung tragen die Wagen nicht. Glücklicherweise saß ich nicht in einem Wagen, der unterwegs abgehängt wurde ...!
Also fuhr ich zum ersten Male in einem amerikanischen Eisenbahnzug.
Lange noch ging es durch die Häuserblocks Neuyorks. Noch einmal hielten wir an der 125. Straße, dann erschienen rechts die Wälder des Bronxparkes über dem Harlem River. Reizende Blicke öffneten sich rechts nach dem Long-Island-Sund mit seinen blauen Linien des Ozeans am Horizont. Das Land war rings übersät von zierlichen, luftigen Holzvillen der amerikanischen Bauart, dazwischen gab es aber auch wüste, unangebaute Strecken, kleine schlechte Fahrwege, viel Unordnung. Das Land erscheint, wie Lamprecht bemerkt hat, immer noch reichlich unfertig. Alles erweckt den Eindruck schneller und planloser Bebauung ohne Überblick und Zusammenhang. Hier baute sich eben jeder an, wo es ihm gerade beliebte, und rodete soviel als er vermochte. Das andere blieb, wie es war. Wie würde es erst im Westen aussehen, wenn schon der kultivierte Osten so ungeordnet und wild aussah?
Am Long-Island-Sund liegen große Industrieorte, wie Bridgeport und Newhaven. Im letzteren ist der Sitz der altberühmten „Yale-Universität“, der alten gefeierten Konkurrentin Harvards. Golden strahlte aus der Stadt die Kuppel des Stadtkapitols, da alle an Größe und Stil gern mit dem großen „Kapitol“ in Washington eifern möchten.
Von Newhaven ging es nordwärts nach dem rauchigen Hartford. Obwohl wir hier durch dichtbesiedelte Gegenden fuhren, reicht die Bevölkerungsdichte auch nicht entfernt an die unserer europäischen Industriebezirke an der Ruhr, in Belgien, um Chemnitz oder Manchester heran. Nach den beiden letzten Städten nennt sich die Eisenbahnlinie, mit der ich fuhr: „~New York, New Haven and Hartford Railroad~.“
Hinter Hartford lenkten wir östlich in die prächtige hügelige und romantische Landschaft Connecticuts: Wälder, Berge, Sümpfe, kleine Teiche, pfadloses Gestrüpp, wohin man sah. Hier wäre ich gern einmal ausgestiegen und planlos gewandert. Aber der Zug fuhr unentwegt weiter und hatte für solche unnützen Landbummler keine Haltestelle. Das Wandern durch die Natur und das Steigen auf die Berge ist überhaupt in Amerika noch wenig üblich. Dazu sind die Entfernungen auch meist zu groß, der Wege zu wenig, die Sonntage zu heilig und ein Rucksack drüben -- zu lächerlich! Die Farmen Connecticuts, an denen wir vorbeisausten, waren eingebettet in den prächtigsten Herbstschmuck. Hin und wieder sah ich äußerst anheimelnde Landhäuser und gemütvoll weidende Rinderherden. Sonst nur weglose und ungepflegte Wälder. Üppig und ungehemmt schießt und sprießt es überall aus dem noch nie gepflügten oder gerodeten Boden. Wie kahl und arm sind dagegen oft unsere allzu wohlgeordneten Waldungen.
Einige Male hielten wir auf kleineren Stationen (Willimantic, Pomfret, Putnam) in fast unbewohnter Gegend. Seit Hartford hatte sich überdies unser Zug recht geleert. So saß man gemütlich auf den Polstern, und es ermüdete mich nicht im geringsten, stundenlang unverwandt das Land des neuen Erdteiles in mich aufzunehmen. Und hätte man Langweile gehabt, so hätte sie einem der ~boy~ vertrieben, der ständig in jedem Zug alle möglichen und die unmöglichsten Dinge anzubieten pflegt: Glacéhandschuhe, Bilder, Karten, Schokolade, Reiseführer, Zeitungen, Bücher u. dgl.
Gegen zwei Uhr nachmittags nach fast sechsstündiger Schnellzugsfahrt (man vergleiche aber die kurze Entfernung auf einer Karte der ganzen Union!) näherten wir uns Boston, dem altenglischen Kulturzentrum, der Stadt, in der die geistig feinsten und aristokratischsten Leute Amerikas wohnen, wie man allgemein in Amerika zugesteht. Boston ist der Sitz der feinen Bildung und Sitte. Sogar die Aussprache ist dort nicht ganz so dumpf wie sonst, sondern sucht sich der helltönenderen der Engländer anzupassen.
Seit Blackstone rasten wir ungehemmt durch die Ebene. Dann ging es durch die Vorstädte Bostons. „Black Bay Station“ -- und nach wenigen Minuten waren wir in der breiten rußigen „South Union Station“. Trotz ihrer 16 Einfahrtsgleise hatte sie nichts Imponierendes.
Es regnete! -- -- --