Part 5
An der 137. Straße stiegen wir aus. Querstraßen in den amerikanischen Städten sind einfach (zwar praktisch, aber höchst prosaisch!) meist nach Nummern benannt, die Längsstraßen werden vielfach als Avenuen u. dgl. gezählt. Daher hat auch die berühmte „~Fifth avenue~“ der Multimillionäre in Neuyork ihren Namen. Die Straßen laufen meist zueinander rechtwinklig, so daß jede große Stadt wie ein Riesenschachbrett erscheint.
Tante empfing mich trotz ihrer vorgerückten Jahre, und obwohl wir uns bis dahin im Leben erst einmal gesehen hatten, überaus herzlich und hatte allerlei amerikanische und mir noch nicht geläufige Genüsse zur Erquickung bereitgestellt: ~Grape fruit~, ~ice-cream-soda~, Bananen in Sahne und Zucker aufgeschnitten u. dgl. In der „Halle“ des Hauses unten empfing uns der Hausmann, ein Neger, und fuhr uns im Aufzug ins „flat“ (Wohnung) nach oben. Zeitweilig hielt sich Tante auch ein Negerdienstmädchen, aber .. sie hat es bald aus den erwähnten Gründen wieder abgeschafft. Die Jalousien über den großen Schiebfenstern, die man von unten nach oben öffnet, waren überall sorglich heruntergelassen, denn Neuyork litt trotz der Septembermitte noch unter einer sehr großen lästigen feuchtschwülen Hitze. Die Männer gingen daher ohne Weste und Jacke, meist bloß im Faltenhemd mit Gürtel. Tantes Wohnung glich wie die meisten der amerikanischen Damen einem kleinen Museum oder einer großen niedlichen Puppenstube, als sei sie stets nur zum Ansehen gewesen. Altbremische Sauberkeit und amerikanische Freude an schönen Sachen hatten hier einen Bund geschlossen.
Welch eine Erquickung war es, sich nun des Abends wieder in ein richtiges Bett legen zu dürfen und nicht nur in ein Oberbett der Kabine. Es erscholl kein in Angst versetzendes Nebelhorn mehr, noch stieg die Kabine in den Wänden ächzend langsam auf und nieder oder rollte von einer Seite auf die andere. Und auch am Tisch saß man wieder ganz fest und sicher ... Und nun ging’s ans Erzählen ...
Lange litt es mich nicht im Hause. Anderen Tag schon begann ich meine Wanderungen durch ~New York~, nur mit Reiseführer, Karte und meinen bescheidenen englischen Kenntnissen ausgerüstet. Ich fuhr zuerst mit der Straßenbahn und der Hochbahn, die vor dem Subway den Vorzug der mannigfaltigen Aussicht hatten, wenn sie auch dem Subway sehr an Schnelligkeit nachstehen, zurück ins Stadtinnere, also „~downtown!~“, wie der Neuyorker sagt. An der +City Hall+, dem alten Rathaus Neuyorks, stieg ich zuerst aus. Äußerst bescheiden und klein unter den Riesen steht das Rathaus dieser Riesenstadt mit seinem feinen, weißen Marmor am City Hall Park, einer anmutigen grünen Oase mitten in dem tollen Geschäftstrubel, ein geschichtliches Denkmal dafür, wie es in Neuyork noch im Beginn des 19. Jahrhunderts aussah, als der heute verschwindend kleine zierliche Rathausturm alle anderen Häuser noch stolz überragte und keine Dollarburg ihm das Sonnenlicht verdunkelte. Als Napoleon I. nach Rußland zog, wurde City Hall eingeweiht. Im Empfangssaal des Governors steht noch das Pult, auf welchem Washington einst seine erste Botschaft an den damals in Neuyork tagenden Kongreß geschrieben hat, und auch der Stuhl, der George Washington bei seiner Inauguration zum ersten Präsidenten als Sitz gedient hat ..! Heute wirkt das alles wie ein schlichtvornehmer Gruß aus längst vergangenen Zeiten.
Von der City Hall wanderte ich den Broadway, die einzigartige asphaltierte Wolkenkratzerschlucht, zu Fuß weiter hinunter bis zur Südspitze der Insel Manhattan, also an den südlichsten weitvorgeschobensten Punkt der Stadt, bis zur sog. „+Battery+“. Mich zog es zum geliebten Meer hin. Ich mußte einmal wieder Seeluft in die Nase ziehen. Dabei kam ich an der alten und ehrwürdigen Trinity Church vorüber, die auf ihrem alten Kirchhof mitten zwischen den höchsten Wolkenkratzern steht und zwischen ihnen trotz ihres über 80 Meter hohen Turmes heute völlig verschwindet! Ein höchst instruktives Bild der Stadtentwicklung. ~Trinity church~ stammt mit ihrer Parochie noch aus der holländischen Zeit der Stadt vor über zweihundert Jahren. Die erste Kirche der zweitältesten und reichsten Gemeinde der Stadt wurde hier schon 1697 errichtet! Sie ist also „~old, old, very old~“! Einst gehörte ihr fast das gesamte Areal des umliegenden Hauptgeschäftsviertels! Welche unausdenkbaren Werte! Auf dem Kirchhof -- merkwürdigerweise genau gegenüber dem Eingang zu Wallstreet, als wollte er symbolisch andeuten, daß auch alle Goldjagd zuletzt der Tod endet! -- sind noch Grabdenkmäler zu sehen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen! Das will in Amerika sehr viel besagen, denn dort ist schon sehr „alt“, was aus der Zeit Washingtons vor hundert Jahren stammt. Die Union hat ja kaum 1½ Jahrhundert Geschichte hinter sich, und jedes Jahr+zehnt+ drüben bedeutet bald soviel wie ein Jahr+hundert+ in Europa, was die Schnelligkeit der durchlaufenen Entwicklungsstufen angeht.
An der Battery -- der Name stammt noch von den ersten holländischen Befestigungswerken aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts -- und ihren „Batterien“ steht man sowohl auf einem historisch als auch geographisch einzigartigen Grunde. Einst war hier an dieser Stelle in der Zeit der englischen Herrschaft vor den Freiheitskämpfen der Mittelpunkt des Neuyorker geschäftlichen Lebens! Heute liegt der weite Platz fast völlig still. Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Anfang des 17. Jahrhunderts fuhr hier ein Henry Hudson, der Entdecker des Neuyorker Hafens, im Auftrag der holländischen Ostindienkompagnie auf seinem kleinen Boot dem „Halve Maan“ (Halbmond) unter holländischer Flagge den Hudson hinauf, um die sog. „nordwestliche Durchfahrt“ zu finden. Aber unverrichteter Sache mußte er umkehren. Drei Jahre später wurden hier auf dem Südende von Manhattan die ersten holländischen Blockhütten errichtet und Handel mit den damals noch umwohnenden Mohawkindianern begonnen. Die +ganze Manhattaninsel+, die heute Neuyork mit 2½ Millionen Einwohnern trägt, wurde zu jener Zeit den Indianern für Glasperlen und Knöpfe, im Werte von etwa 60 Gulden (!!) abgekauft und danach noch gratis ein furchtbares Gemetzel unter ihnen veranstaltet! Die neue Siedlung erhielt alsdann zuerst den Namen „Neu-+Amsterdam+“. Noch am Ende des 30jährigen Krieges wohnten hier nicht mehr als 100 Weiße! Erst 1667 wurde die Halbinsel von den Holländern an England abgetreten und erhielt jetzt den Namen +Neuyork+. Am 9. Juli 1776 wurde wiederum die Herrschaft Englands abgeschüttelt und als Zeichen dafür die Reiterstatue Königs Georgs VII. von England von den „Söhnen der Freiheit“ in Neuyork niedergerissen. Am 25. November 1783 mußten die Engländer endgültig Neuyork verlassen. Der erste amerikanische Kongreß trat in der Stadt zusammen und wählte General Washington zu seinem Präsidenten. An der Battery steht noch heute ein hoher Flaggenmast an der Stelle, da die Engländer vor ihrem Abzug zum letztenmal ihre Flagge hißten. Den Fahnenmast schmierten sie dabei so ein, daß es den „Söhnen der Freiheit“ nicht leicht werden sollte, sie herunterzuholen, was auch nur mit sehr großer Mühe gelang. Und so wird heute noch immer zur Erinnerung daran am 25. November hier feierlich das Sternenbanner gehißt. So hat auch die Neue Welt ihre Geschichte! Nur wissen wir meist sehr wenig von ihr.
Noch großartiger als die eigentümlichen geschichtlichen Erinnerungen an dieser Stelle ist von hier der Blick über die gesamte ~upper bay~. Hoch reckt draußen die Freiheitsstatue im Hafen ihre Fackel empor, einer Welt entgegen. ~Ferry-boats~ eilen heulend draußen hin und her und speien alle Augenblicke Hunderte von Menschen samt Wagen und Autos auf einmal an Land oder verschlucken sie wie nichts in ihren doppelstockwerkigen, gewaltigen Leib. Hinter der Freiheitsstatue, die übrigens etwas an die Figur der Germania auf dem Niederwald oder die Bavaria in München erinnert, dehnen sich in der Ferne die grünen villenübersäten Hügelreihen von Staten Island, und weiter hinaus bis an den Horizont glitzert der offene weite Atlantische Ozean ...
Ich begab mich nach diesem wohltuenden und wunderbar erhebenden Blick auf das Wasser und die ~upper bay~ weiter in das Gewühl der Stadt zurück. Geschäftshaus an Geschäftshaus, Bank an Bank, Wolkenkratzer an Wolkenkratzer! Rasselnd sausten die Hochbahnen ihre hochgelegenen Schienenwege entlang. Lustig flatterten aus ihren Fenstern die gelesenen Zeitungen der Fahrgäste auf die Straße hernieder, die viele einfach aus dem Straßenbahnfenster werfen! Die amerikanischen Straßen sind überhaupt im allgemeinen schmutziger und ungepflegter als bei uns. Papierabfälle liegen überall umher. Aber schon durcheilten neue Zeitungsboys, die neuesten Ereignisse laut ausschreiend, mit neuen „~papers~“, die die Hauptereignisse mit wahren Riesenlettern an der Stirn tragen -- u. U. als wichtigstes auch den Sieg einer berühmten Fußballmannschaft samt ihren Bildnissen! -- durch die Straßen. Man abonniert die Zeitungen nicht, sondern kauft sie einzeln auf der Straße. Die Zeitung selbst erscheint dem ruhigen Europäer wie ein wildes und fast kindliches Durcheinander und buntes Allerlei einzelner außen- und innenpolitischer, sportlicher und privater Einzelnotizen in der marktschreieristischen Aufmachung und mit Augenblicksbildern übersät. Das Format ist riesengroß, großmäulig wie alles drüben, voller Interviews der Tagesgrößen auf allen Gebieten in direkter und persönlicher Rede und Gegenwart, alles auf den Augenblick und zu augenblicklichem starken Eindruck berechnet, denn binnen fünf Minuten wirbelt sie erledigt schon wieder aufs Straßenpflaster. Auch die Zeitung spiegelt die allgemeine Hast, Aufgeregtheit und Reklamesucht des amerikanischen Lebens. Reklame und wieder Reklame, wohin man sieht: Auf allen Dächern blitzt es abends in unerhörter Lichtfülle und Buntheit auf und erlischt, in allen Bahnwagen und an allen Haltestellen schreit dich dasselbe Ding, Fleischextrakt oder Mundwasser oder Keks tausendfach an, so daß zuweilen kaum der Stationsname für den Fremden noch zu entdecken ist. An jedem freien Flecke einer großen Hauswand steht es wieder in Riesenlettern, was du kaufen, essen, sehen, wie du kochen, schlafen, reisen sollst.
Lichtreklame[6].
Hört! +Ich bin Amerika.+ Ich komme durch die Nacht. Ich brenne und jage die Dunkelheit fort. Elektrizität bin ich, Wie Blitze die Himmel, Setz ich die Straßen in Feuer. Ob ihr wollt oder nicht, Ihr müßt mich sehn. -- Volk kommt in Scharen zu mir, Reichste und Ärmste -- fröhliche Verbrüderung. Um mich stößt sich die Menge, +Ich bin Broadway+. Ob ihr es braucht oder nicht, Ihr müßt von mir kaufen. Ich verkaufe meinem Lande alle Produkte, Vielformige, zahlreiche, fein erfundene Dinge; Aus meiner Erde, meinen Gebirgen, Aus meinen Seen, meinen Flüssen, Von meinen Sternen, meinen Himmeln. Mein Nachbar dort verkauft dasselbe, Das Beste auf dem Globus -- nach meinem. Rivalen sind wir derselben Ader Pulsenden Lebens. Geboren bin ich in Amerika -- Gemacht ward ich in Amerika -- Und werfe mich in die Schutthaufen Amerikas Platz zu machen einem größern Amerikaner. Prahle ich? Sensitiver, kultivierter, höflicher Fremder, Warum sollte ich nicht? -- Ich bin das Ich der „Neuen Welt“, Afrika -- Asien -- Europa -- Die Alte Welt ist tot, ich bin die Neue! Hört, hört, Ich komme durchs Dunkel -- Zweifelnder Fremder, horch meiner Prahlerei -- Gestern ist schon Geschichte -- Eine neue Seite schlagt auf: Morgen sieht mich Europa.
Alfred Kreymborg.
Auf den Straßen überfällt einen die Menge der Obstverkäufer, der Jungen, die dir, ob man will oder nicht, die Schuhe putzen und dir dazu einfach den Fuß festhalten! Jedermann läßt sich die Schuhe stets auf der Straße oder in einem Laden putzen, wie man bei uns etwa täglich rasieren geht. Billig ißt man in den „~lunchrooms~“ (Frühstücksräumen) und „~dairies~“ (Milchwirtschaften), in den Restaurants zum Selbstbedienen mit und ohne Musik u. dgl. In „Wallstreet“[7] war um zwölf Uhr vor der Baumwollbörse eine riesige Menschenmenge angestaut. In den offenen Fenstern der großen Firmen saßen die Handelsvertreter und tauschten heftig gestikulierend die neuen Kurse aus. Börse wird hier zum Teil noch offen auf der Straße gemacht!
Als ich mich etwas mehr auf die Ostseite der Stadt begab, kam ich in die ärmeren Viertel, wo mehr Italiener als in Mailand, mehr ostgalizische Juden als in Lemberg und sogar haufenweise Chinesen wohnen. Da hausen zuweilen zwei kinderreiche Familien in einem einzigen Zimmer! Auf den eisernen Balkons hängt die Wäsche, liegen die roten, unüberzogenen Betten aus. Hier wohnen die Armen, die in der schwülen Sommerhitze es vorziehen, lieber am Strand oder in Parks zu nächtigen als in jenen menschenüberfüllten Straßen, von denen die eine genau aussieht wie die andere. Dazwischen finden sich auch noch unbebaute Plätze, wo gehämmert und geklopft wird, wo auf mächtigen Gerüsten sich gewaltige Krane drehen. Aber wie Felsen in der Brandung stehen mitten im größten Gewühl und Verkehr die stattlichen „~police-men~“ meist irischer Herkunft, mit einem tropenartigen Helm, den starken, weißbehandschuhten Händen und dem praktischen Gummiknüppel. Sonst Häuser an Häuser, Blocks an Blocks, Straße an Straße, ein höllisches Straßen- und Menschenschachbrett ... Mir brummte der Schädel und brannten die Füße, als ich nach dem ersten erlebnisreichen Tage heimkam, und noch abends, als ich Schlaf suchte, flimmerten mir Menschen und Häuser vor der erregten Phantasie .....
Am zweiten Tag regnete es und zwang mich wohltätig, daheimzubleiben. Am dritten begann ich meine Stadtwanderungen aufs neue. Der Subway brachte mich zunächst zum Washingtonsquare (Washingtonplatz). Der in römischem Stil erbaute Washingtonbogen auf dem Platz trägt die Inschrift: „~Let us raise a standard to which the wise and honest man can repair. The event is in the hand of God~“. Praktisch und fromm zugleich! Die englisch-amerikanische Frömmigkeit versteckt sich nicht und ist immer aufs praktische Handeln gerichtet, daher weniger spekulativ wie die deutsche. Ein rechtes Leben steht dem Amerikaner über dem frömmsten Glauben. An dem Bogen konstatierte ich auch, wie doch die klassischen Bauformen bis nach Amerika gedrungen sind! Gerade die Zeit der Gründung und des ersten Ausbaus der amerikanischen Union war die Hochblüte klassizistischer Baukunst. Oder zog es auch die junge Republik bewußt zu den Formen des Vorbildes aller Republiken, dem alten Rom? So ist auch General Grants imposantes Totenmal im „Riverside-Park“ am Hudson eine getreue Nachbildung der römischen Kaisergräber, erinnert an die Engelsburg und die Rotunde der Caecilia Metella in Rom an der Appischen Straße ...
Dann fuhr ich -- einer Sehnsucht seit Tagen -- zum Metropolitan Tower hinauf, um einen vollen Überblick über die Stadt in Ruhe von oben zu genießen. Es war ein blendend schöner Nachmittag, als ich da oben als im Augenblick einziger Besuch eine unvergeßliche Stunde erlebte. Wohl in zwei Minuten war ich bis zum Aussichtsbalkon im 45. Stockwerk(!) emporgefahren und trat nun, etwa 200 Meter hoch über dem Straßenniveau, hinaus auf den Balkon dicht unter den Uhrglocken und der vergoldeten Kuppel. Man stand damit so hoch, daß man sich dem Verkehr der Riesenstadt vollständig entrückt fühlte, als ginge einen das da unten gar nichts mehr an. Auch recht hohe Häuser wie das bekannte spitzwinklige, einem „Bügeleisen“ gleichsehende „~flat-iron-building~“ erschienen von hier oben nur klein.
Ein ungeheures Häusermeer, bald hoch, bald niedriger, ohne Stil und Plan, erstreckte sich gen Nord und Süd. Im Süden stieg die Hauptmasse der Wolkenkratzer drohend und rauchend auf, mit dem Singergebäude ungefähr in seiner Mitte wie einem Festungsturm. Dahinter glitzerte die ~upper bay~ mit der Freiheitsstatue. Drüben im Osten reckten sich die gewaltigen Brücken über den Meeresarm des „East River“ nach der dunstigen Millionenstadt Brooklyn hinüber. Das offene Meer sah man dort nicht deutlich, aber hell beleuchtet lag Long Island mit seinen einladenden Siedlungen da. Im Norden verschwamm das Stadtbild am Ende des Zentralparks in der Gegend der St. Johns Kathedrale. Im Westen säumte der breite Hudson, von vielen kleinen Dampfern belebt, das grandiose Stadtbild. Aus seinen vielen Piers an seinen Ufern schauten die Schornsteine der Ozeandampfer aller Herren Länder hervor. Ganz drüben lag in Rauch und Dunst gehüllt Hoboken, weiter nördlich grün und felsig die sog. „Palisaden“ am Hudsonfluß.
Aus der Vogelschau dehnte sich die Sechsmillionenstadt so tief zu meinen Füßen, als wenn Ameisen in ihr umherliefen. Kaum drang ein deutlicher Laut herauf, sondern nur ein allgemeines Summen, Surren, Klingeln, Hämmern, Pochen und Tuten. Welch ein Millionengetriebe da unten! Was haben doch Menschen in hundert Jahren da unten alles gebaut! Wie alle diese Menschenhirne da unten täglich sinnen, planen, hoffen, sorgen, grübeln, arbeiten. Für was? Um das bißchen täglich Brot auf Erden! Nirgends regiert so das Geld und die Arbeitshetze die Welt wie da unten! Ein paar hundert Menschen werden da unten täglich geboren oder sterben. Wer weiß es oder kümmert sich viel darum? In gut einem halben Jahrhundert ist von all den Millionen Menschenameisen da unten, die jetzt um Verdienst täglich rennen, kaum einer noch da! Aber das gefräßige Ungeheuer selbst, die Millionenstadt, wird weiter rauchen und fauchen und schaffen, sich recken und dehnen ruhelos Tag und Nacht!
Welch eine Unsumme menschlicher Arbeitskraft, menschlichen Arbeitswillens und -fleißes ist da unten aufgehäuft, aber auch ebenso sehr Schmutz, Not, Krankheit, Schande und zerbrochenes Glück ...! Wer das mit einem Male alles sehen könnte! Ob er es ertrüge? Und doch hat alles seinen Gang, seinen Weg und seine Ordnung. Jeder weiß, wohin er gehört und wo sein Platz ist, was er will und was er zu erreichen gedenkt! Man möchte sich hier oben angesichts dieses Menschenmillionenhaufens die Posaune eines Erzengels wünschen, um einmal in das Geldbabel die Botschaft vom Wert der geistigen Menschenseele hineinzurufen. Wie viele würden sie hören und verstehen? ... Können Menschen in solcher Atmosphäre wie da unten je eine andere Lebensanschauung gewinnen als die, daß Geld und Verdienen einziges Ziel und Bestimmung unseres Lebens ist?
Ich habe auf manchem hohen Turm in Deutschland gestanden und bin auf manchen hohen Berg gestiegen, aber selten hat mich die Frage nach dem Sinne des großstädtischen Menschenlebens der Gegenwart so gepackt wie in der einsamen Stunde an jenem sonnigen Septembernachmittag allein zweihundert Meter über Neuyork, der Metropole des gesamten amerikanischen Kontinentes.
Dann trieb es mich aus dieser grotesken Einsamkeit mitten unter und über Millionen Menschen über der Stadt in eine ganz andere idyllische Einsamkeit mitten +in+ ihr. Im Zentrum Neuyorks liegt, ähnlich wie in der Sechsmillionenstadt London der Hydepark, der lang hingestreckte „Zentralpark“, eine prachtvolle, stundenweit ausgedehnte riesige grüne Oase, ein Eldorado von alten Bäumen, feinen Spazierwegen, wohlgepflegten Rasenflächen, gleichsam mitten aus dem tosenden Verkehr herausgeschnitten, von entzückenden und erquickenden kleinen Teichen und ihren leise hingleitenden Booten unterbrochen. Wir kennen solche ausgesucht schönen Parke auch im Berliner Tiergarten, dem Dresdner Großen Garten und etwa auch dem Bremer Bürgerpark, aber mitten in Neuyork empfindet man den Zentralpark doppelt und dreifach wie ein Paradies, weil man plötzlich aus dem Weltverkehr ruhig auf einer stillen Bank sitzend die Eindrücke sammeln und seine Nerven erholen kann. Hätten mich nicht die einfachen Inschriften auf englisch, deutsch, italienisch und hebräisch (!)[8] daran erinnert, ich hätte unter den alten Eichen vergessen können, in Neuyork zu sein.
Auch die geistigen Schätze der Weltstadt ließ ich mir nicht entgehen. Hat zwar die Union bis heute noch keine eigentlich bodenständige geistige Kultur hervorgebracht, sondern noch immer im wesentlichen von den geistigen Brocken gelebt, die von Europas überreichem Tisch fielen, besonders in Malerei und Musik, so ist doch das Amerikanisch-Geschichtliche und -Geographische trefflich zusammengefaßt im „~Museum of natural history~“, und Teile der Schätze Europas, bald als Original, bald als Nachbildungen, finden sich neben einzelnem amerikanischen Gut im „~Museum of art~“. In dem Mittelraum des letzteren standen die Hauptwerke aus Italien und Nürnberg in Nachbildungen eigenartig durcheinander: Notre Dame, Parthenon, das Sebaldusgrab, der Gattamelata, alles einträchtig nebeneinander. Im Obergeschoß fesselten mich neuere amerikanische Gemälde. Heiße Sehnsucht erweckte in mir, wie ich mich noch deutlich entsinne, ein großes Gemälde aus dem Felsengebirge mit Schneegipfeln bis in die Wolken und im Tal Indianerzelte! Wer dahin könnte! Und ich sollte noch hingelangen! Imponierend fand ich auch das Kolossalgemälde von Washingtons entscheidendem Übergang über den Delaware, dessen Darstellung ein wenig an den Blüchers bei Kaub erinnert. Ebenso fesselte mich wegen seines historischen Inhalts das Bild: Kolumbus’ Landung; Schwert und Kreuz zum Himmel erhoben setzen Kolumbus und seine Mannschaft ihren Fuß auf das Land des Urwaldes und der Indianer. Aber auch gute echte Niederländer waren da, und wie manche Schätze sind erst seit der Inflationszeit hinübergewandert! Dazu war die ganze griechische Kunst im Abguß vorhanden, allerlei feine Vasen und Steine, Musikinstrumente, Gold- und Silberarbeiten u. dgl.
In dem fast noch interessanteren, weit originelleren „~Museum of natural history~“ war die gesamte amerikanische Baum- und Tierwelt zu schauen samt der Eskimo- und Indianerkultur. Und das alles ausgezeichnet praktisch und höchst geschmackvoll und anziehend zusammengestellt und angeordnet und durch ausführliche Karten und Beschreibungen erklärt. Da sah man gewaltige Mammutgerippe, Wale, Eisbären und ausgestopfte Elche, springende Delphine in den Wellen, Eskimos und Indianer am Herde im Zelte, bei ihrer Arbeit, samt ihren Waffen und Booten. Frappiert hat mich dabei manche Indianermaske mit ihrer scharfen Nase und dem charaktervoll geschnittenen Kinn, die mich stark an den echt amerikanischen, früher beschriebenen Typ im Straßenbild erinnerten.
Welche Geschichte hat sich doch auf diesem Kontinent abgespielt! Von den Sauriern und den 30 Meter im Umfange messenden Urwaldriesen, durch die bequem ein Wagen hindurchfahren könnte und die sechs Männer nicht zu umspannen vermögen, bis zu Henry Fords Autos und den Subways in Neuyork! Welches Völkergemisch ist hier zusammengekommen und geht in der Riesenretorte des amerikanischen Bürgertums fast restlos auf: Holländer, Engländer, Deutsche, Franzosen, Iren, Schweden, Italiener, Polen, Juden, Armenier und nicht zuletzt die Neger. Seit zwei Jahrhunderten hat sich die abendländische Kultur hier Eingang verschafft, hat alles Quantitative maßlos gesteigert, und von der Art der Pioniere hat das Angesicht Amerikas das Kühne, Vorwärtsdrängende, Schaffensfrohe übernommen. Freilich, der rote Mann ist dabei fast ganz der Raublust und Profitgier, dem Betrug und dem Mordgeist der Waldläufer und Goldsucher zum Opfer gefallen, und was von ihm übrigblieb, ist der geistigen Überlegenheit der abendländischen Einwanderer vollständig erlegen, aber aus der Retorte der Völker, Rassen und Religionen ist hier -- mit Ausnahme der Neger -- doch ein neuer, eigenartig geschlossener Menschentypus emporgestiegen, der „Amerikaner“ .....