Quer durch Amerika

Part 4

Chapter 43,572 wordsPublic domain

Der Ozean mit seiner unergründlichen Weite und unbezwinglichen Majestät regte immer zu neuen und großen Gedanken an. Aber dazu mußte man auf ihm auch Stunden allein verbringen können, nicht wie die Skatdrescher und Schinkenklopper. Gegen Abend, wenn die Sonne in die Goldbronze des Meers tauchte, dann wurde es mir immer besonders feierlich zumute. Noch glühte der Abendhimmel wie von einem Weltbrand erleuchtet. Auf den Wellen spielte Silber und Gold, eine märchenhafte Pracht. Jede Woge war wie ein heranrollendes Gebirge, jeder Wellenberg wie eine Farbensymphonie. Aus dem langsam blauschwarz verdunkelnden Himmel aber blitzten die ersten Sterne auf. Rötlich stieg langsam der Mars empor und warf eine matte Lichtstraße über das Wasser. Zuletzt leuchtete das Siebengestirn des großen Wagens in voller Majestät. Welche Abendpracht über der Wasserwüste!

Eine wahrhaft grandiose Einsamkeit sprach zu einem, wie man sie ähnlich nur auf den Schneehäuptern des Hochgebirges erleben kann. Wie dort hoch oben über den letzten Hütten der Menschen und weit fort von den tiefeingeschnittenen, in Schatten getauchten Tälern, so war man hier Tage entfernt von der Alten und Tage von der Neuen Welt.

Wasser, Wasser, so weit man sah, Wasser und Himmel -- und die ewigen Sterne! Noch heute rast hier das Chaos, noch heute blitzt hier Jupiter und zürnt Poseidon. Und Kastor und Pollux geleiten freundlich den Schiffer, der ihnen vertraut.

Graus und Schrecken war das Meer einst, Dienst und Treue ist es heute. Aber drunten liegen die bleichenden Gebeine vieler mutiger Helden und die Masten ihrer geborstenen Schiffe. Wer war es, der den +ersten+ Baumstamm höhlte und +zuerst+ sich aufs Meer wagte? Welcher Held schnitzte das erste Ruder und spannte das erste Segel auf? Wer strandete in all den Jahrtausenden auf der Sandbank und zerschellte am Riff, wo heute Feuerschiffe und Leuchttürme warnen?

Sie alle lebten, sannen, kämpften, wagten und unterlagen für uns heute, damit wir heute in schwimmenden Palästen sicher durch alle Ozeane gleiten. Wo am wildumhertreibenden Mast sich einst der Schiffbrüchige angstvoll klammerte, sind wir heute bei Spiel und Tanz festlich in hellerleuchteten Sälen versammelt. Salons erstrahlen in Lichterfülle, ausgesuchteste Mahlzeiten sind bereitet ...

Aber in welch unmeßbaren Zeitläuften wurde solche „Kultur“ errungen! Welche Zeitperioden schritten auch über das Meer! In welchen gewaltigen Zeitstufen wurde die Gegenwart der Schiffahrt errungen: Das Kanoe, die Galeere, der Schoner, der Schraubendampfer! Wie lang dauerte jedesmal ihre Herrschaft! Fischfang, Seeraub, Kolonialzeit, Weltverkehr lösten einander ab. Jahrhunderte tauschten über den Ozean ihre Güter von den Glasperlen der Neger und den Pelzen der Eskimos bis zu unsern Maschinen und Büchern. Aber wie schnell vergessen wir, was wir vergangenen Geschlechtern verdankten!

Und wie schließen wir auch auf dem uns bedräuenden Meer uns in Kasten voneinander ab! Droben in den glänzenden Salons Ball und Konzert bei strahlenden Toiletten und einem Meer von Licht, blitzende Edelsteine und rauschende Seide. Drunten im Zwischendeck abgearbeitete Männer in zerschlissenem Rock und abgezehrte Mütter, die kaum mit dem Lebensnotwendigsten versehen mühselig eine neue Heimat suchen. Und doch werden die da drunten Wälder roden, Kohlen schaufeln und Farmen gründen, Erze fördern, ohne die da droben nicht handeln, spekulieren, verdienen und leben können. Den Kaffee und Reis auf unserm Tisch werden +sie+ pflanzen, den Mastbaum haben +ihre+ Väter gefällt, unser Fleisch stammt aus +ihren+ Herden und von ihrer Schafe Wolle unsre Kleider. Und was bieten wir ihnen? Auch eine Meerfahrt kann uns zu sozialem Denken erziehen!

Sicher und unentwegt zog derweilen unser gutes Schiff seine Bahn. Das Abendlicht verglomm. Schwarze Nacht war es geworden. Venus strahlte hell voran. Westwärts ging unser Kurs. Westwärts geht überhaupt der Kurs der Menschheit, von Indien nach Babylon, von Babylon nach Griechenland und Rom, von Rom nach Deutschland, Holland und England. Von England nach Amerika ... Und von da wieder zum fernen Osten zurück. Dann ist der Kreis der Erde ausgemessen.

Abendlich purpurnes Heer, Goldbronzenes Weltenmeer, -- Dort, wo die Wolke steht, Dort, wo der Wind herweht, Dorthin mein Weg!

So zogen Völker aus, Hinweg von Hof und Haus Kühn auf dem schwanken Schiff, Scheuten nicht Sand noch Riff, Noch Sturmesnot.

Leuchte, mein Abendstern, Westwärts, dir folg’ ich gern, -- Stampfe voran, mein Bug, Voran der Möwen Flug! Schau rechter Hand: Land!

Die Kunde verbreitete sich geschwind: „Morgen, Donnerstag, den 9. September, einen Tag früher als erwartet, kommen wir an.“ Alles geriet in Unruhe. Die schönen genußreichen Tage, da man sich so recht und behaglich hatte „ausfaulenzen“ können, gingen zu Ende. Die Fähnchen auf der ausgehängten Seekarte waren dem amerikanischen Festland bedrohlich nahegerückt.

Es war auch immer wärmer geworden, je mehr wir uns „drüben“ näherten. Der Reisemantel war längst abgelegt. Der wohlbeleibte Philadelphier hatte wenigstens mit der einen Hälfte seiner Prophezeiungen recht behalten: Entweder Sturm im Kanal oder Nebel bei den Neufundlandinseln. Richtig, es kam noch anderthalb Tage lang ganz dicker Nebel, daß man auf dem Schiff von hinten nicht bis nach vorne sah. Höchst unheimlich! Das Schiff wurde wegen etwaiger Zusammenstöße auf halbe Fahrt gesetzt. In regelmäßigen Abständen heulte unaufhörlich das Nebelhorn und lauschte auf Antwort. Aber es kam keine. Auch nachts -- noch schauriger -- ertönte dasselbe Tuten; noch im Traum vernahm man es, bis der Nebel wich und im Sonnenglanz bald wieder eine spiegelglatte See vor uns lag. Drüben rechts sah man schon die ersten amerikanischen Feuerschiffe ...

Am letzten Morgen, an dem wir noch in der Frühe landen sollten, war alles unerwartet zeitig auf den Beinen, und zwar die meisten in sehr verändertem Habit. Die Reisemützen der Herren waren verschwunden -- meine schwamm ja sowieso in der Nordsee oder im Golfstrom -- weiche oder steife Filzhüte für die Weiterreise zu Lande waren an ihre Stelle getreten. Die Schiffsanzüge waren von Straßenkostümen verdrängt, und manchen der Reisegenossen kannte man zuerst in dem ungewohnten Gewand kaum wieder.

Währenddem glitten wir in der Morgendämmerung schon an der hellbeleuchteten Küstenlinie von Long Island entlang -- wir waren also dicht vor dem Ziel! Amerika! Seltsames Gefühl!

Das Lotsenboot nahte und brachte den Lotsen an Bord, der nun das Schiff durch die „Narrows“[1] und die Neuyork-Bai in den Hudson steuern sollte. Links blitzten die Leuchtfeuer von Sandy Hook übers Wasser. Bis hierher gerechnet sind es von Southampton 3100 Seemeilen, von Hamburg 3500.

Der Morgen graute. Der Morgennebel nahm zu, aber doch so, daß man etliche Schiffslängen bequem voraus sehen konnte. Aber leider verhüllte er uns doch den bezaubernden Gesamteindruck der Hafeneinfahrt von Neuyork.

Wir fuhren jetzt sehr langsam. Bald glitten wir sacht vorwärts, bald stoppten wir ganz. Rechts zeichneten sich die Umrisse des weltberühmten Vergnügungsortes bei Neuyork, Coney Island, ab, links näherten wir uns dem reizend frisch grünen mit Landhäusern und Villen der Reichen übersäeten Staten Island, auf das die ~ferry boats~,[2] die heulend wie ungetüme Wassertanks aus dem Nebel tauchten, die Neuyorker in 20 Minuten bringen ...

Der Nebel wich etwas. Die Sonne machte Anstrengungen, aus dem Dunst emporzutauchen. Das letzte Frühstück wurde gereicht ... Wir lagen jetzt vor Staten Island und erwarteten „den Doktor“ auf dem Quarantäneboot, den allmächtigen Mann, der bei 12500 Dollar Jahresgehalt entscheidet, wer in das gelobte Land Amerika hereindarf und wer postwendend auf Kosten der Schiffahrtsgesellschaft, die ihn herüberbrachte, wieder heimgeschickt wird! Vor uns lag die „Adriatik“, die uns kürzlich überholt hatte und wurde gerade „bedoktert“, dann legte sich uns ein Regierungsdampfer längsseit.

Alles hatte sich an Deck gedrängt. Die Koffer waren zu Bergen geschichtet. Die ganze Nacht hatte es gerollt, gedröhnt und gerasselt, bis alles Gepäck oben war ...

Wir fuhren wieder ein Stück. Der Nebel nahm wieder zu. Wir glitten jetzt nach Passieren der „Narrows“, die mit ihren schweren Befestigungen leicht den Eingang nach Neuyork sperren können, in die innere Bucht, die sog. „Upper-Bay“, hinein. Links erschienen die Umrisse eines riesigen Kolosses auf einer kleinen Insel. Es war die berühmte „Freiheitsstatue“, die mit ihrer Fackel in der Hand die Welt mit der „Freiheit“ erleuchtet, ein Geschenk Frankreichs an die älteste republikanische Schwester. Jedenfalls ein recht imponierendes Denkmal an einer einzigartigen Stelle der Welt, denn fast alles, was nach Amerika hereinwill, passiert hier die „~statue of liberty~“. Rechts tauchten auch schon die Umrisse der andern ebenso berühmten Wahrzeichen Neuyorks auf, der „Wolkenkratzer“. Wirklich von märchenhafter Größe und Gewalt trotz der riesigen Breite des Hudsonflusses, der in die Upper-Bay mündet, und im Morgennebel von fast trutzigem Aussehen ...

Es war gegen halb acht Uhr geworden. Wir dampften langsam noch ein kleines Stück den breiten, meeresarmartigen Hudson hinauf, um dann links auf der Neujerseyer Seite in Hoboken anzulegen. Nun waren wir also wirklich „drüben“! Immer noch unfaßlich! Wirklich in der Neuen Welt! Und ein Ozean trennte mich von der Heimat!

Heulend schossen vollbesetzte, schwere, breite Ferryboote vor uns und hinter uns vorüber. Links stieg der Turm der Pennsylvania-Railroad auf. Nicht weit davon liegen die deutschen Piers (Landebrücken). Von den Anlegebrücken winkten schon viele Tücher. Vom Balkon desselben aus dirigierte ein Beamter der Hapag die Landung. Ein ganz winziger Dampfer, wie ein Knirps anzusehen, zog die Riesenschwester in das Dock hinein.

Alles, was auf der Landebrücke und an Bord stand, rief, schrie, winkte, lachte und weinte vor Freuden des Wiedersehens und der glücklichen Ankunft. Ich suchte auch meinerseits, wie alle ihre Verwandten, meinen Onkel, der mich abholen wollte und hielt eine ganze Weile einen älteren weißhaarigen Herrn dafür, bis ich auf einmal mit großer Enttäuschung meines Fehlschlusses gewahr wurde. Wie, wenn nun niemand da war --? Die Musik spielte, wie wir in Kuxhaven abfuhren. Mit Tauen wurde jetzt das große Schiff festgemacht. Nun schlugen sie auch die große Brücke hinunter. Die zweite Klasse durfte an Land gehen ... Ich war unter den Ersten.

Eben wollte ich den Fuß auf amerikanischen Boden in die große Zollhalle setzen, als ich auch schon angehalten und zurückgeschickt wurde!! O weh, was hatte ich denn verbrochen? Ich war mir gar keiner Schuld bewußt! Sollte ich etwa wieder unverrichteter Sache heimgeschickt werden? Das wäre ja furchtbar gewesen! Diese Blamage daheim, wenn ich überall gefragt wurde, wie es in Amerika war und wie es mir dort gefallen hätte!! Oder sollte ich etwa vier Wochen mit den Zwischendeckern und Einwanderern nach dem berüchtigten Ellis Island geschickt werden? Ich war doch weder krank noch ein Verbrecher! Mein Onkel war ein unbescholtener ~American citizen~, ich selbst ein wißbegieriger Weltreisender und ein mehrmals akademisch geprüfter Deutscher, vor dem die Amerikaner doch sonst einige Achtung zu haben pflegen! Meine Papiere waren in Ordnung. Ich hatte weder mit dem Kapitän einen Zusammenstoß gehabt noch war ich etwa der Dieb des unglücklichen Mitreisenden. Ich kam auch nicht ganz mittellos, wenn auch gar nicht vermögend. Mein Reisebillett war auch richtig bezahlt ... Was es nur war? So schossen mir blitzschnell hundert Möglichkeiten durchs Hirn, und schon war ich im Begriff, dem kaltherzigen Beamten eine lange Rede zu halten und zu bedeuten, wen er vor sich habe. Freilich, ob mein Englisch in diesem Fall der inneren Aufregung schon zugereicht hätte? Da hörte ich seine Erklärung: Ich sei weder vor dem Doktor noch vor dem Regierungskommissar gewesen, deren Stempel auf meiner Karte fehlten!!

Tausend und Doria, wahrhaftig, ich hatte von Deck aus so genau alle Einzelheiten der Landung und der Einfahrt beobachtet -- damit mir für mein Reisetagebuch ja nichts entgehe -- daß ich es ganz übersehen und überhört haben muß, wann und wo man sich den beiden hohen Herren vorzustellen hatte. Und aus Deutschland hätte ich doch wahrhaftig an Ordnung und Gehorsam gegen die hohe Obrigkeit gewöhnt sein können! Wirklich, die Neue Welt hatte auch ihre Gesetze und Rechte und ließ sie nicht ungestraft übertreten!

So mußte ich zurück -- und wäre doch so gern der erste bei der Landung gewesen! -- durch Gänge und Treppen, davon viele jetzt verschlossen waren, wo man sonst ein- und ausging, bis ich endlich den Arzt und den Regierungsbeamten im Speisesaal fand, noch von einer dichten Menge Passagiere umlagert. Erst wurde hier vom „Doktor“ jedem in die Augen geschaut, ob man auch gesund war. Gottlob, ich war es! Dann fragte die Einwanderungskommission nach Name, Stand, Herkunft, Reiseziel, sogar wieviel Geld man bei sich führe und dergleichen. Wer nicht wenigstens 25 Dollar bar vorzuzeigen hatte -- die Verpflegung für die ersten Tage -- wurde gar nicht ins Land hereingelassen, ebensowenig wer etwa mit einer Frauensperson reiste, die weder seine nahe Verwandte noch seine Frau war. Auch alleinreisende Mädchen kamen nur nach Amerika herein, wenn sie drüben Verwandte besaßen. Glücklicherweise konnte ich auf alle Fragen der Kommission eine befriedigende Antwort geben -- ich radebrechte zum erstenmal kühn auf englisch drauflos -- ich war weder ein alleinreisendes Mädchen noch hatte ich kranke Augen. Ich hatte auch ein bestimmtes Reiseziel, besaß mehrere ~American citizens~ als Verwandte und konnte sogar den letzten Trumpf ausspielen, daß ich 25 Dollars in bar vorzuweisen vermochte. Andernfalls hätte ich wohl noch einige Tage auf Ellis Island sitzen und über die Nützlichkeit und gerechte Weisheit der amerikanischen Einwanderungsgesetze nachdenken können, die unangenehme Gäste aus der Alten Welt und insonderheit aus Osteuropa dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten am liebsten jetzt ganz fernhalten wollen. Kurz, ich kam heil aus dem Fegfeuer, kriegte den ersehnten Stempel und durfte die ersehnte Brücke zum Festland überschreiten und den Boden des gelobten Landes -- zunächst in Gestalt riesiger Zollhallen -- betreten!

Vor den Preis haben die Götter nun einmal den Schweiß -- und auch die Geduld gesetzt. Ich, der ich am liebsten gleich über den Hudson nach Neuyork hineingestürmt wäre, sah von Amerika in den Zollhallen zunächst noch gar nichts weiter als Berge von Koffern meiner Mitreisenden, Hunderte von wartenden Menschen und einige völlig rasierte gum-kauende amerikanische Zollbeamte in Zivil. Am Strohhut die Regierungskokarde war ihr einziges Abzeichen! Jeder Ankömmling hatte sich zunächst bei seinem Buchstaben aufzustellen, die in Riesengröße von den Wänden hingen und dort auf das Heranbringen seiner Koffer geduldig zu warten. Waren sie alle angelangt, so hatte man sich zur „~office~“ zu begeben, sich in sehr langer Polonäse daselbst anzustellen und zu warten, bis man seinen Zollzettel und seinen Zollbeamten kriegte. Der nahm dann genau und gemächlich die Revision vor. Alles, was daheim mit soviel Liebe und Akuratesse zusammengepackt war, flog jetzt gleichgültig durcheinander, die Hemden aus den Falten, die Anzüge zum Teil in den Staub des Hallenfußbodens. Auch war es nachher eine wahre Kunst, alles wieder einigermaßen richtig hineinzupacken und den Deckel wieder richtig zuzukriegen. Zu Hause war das mit vereinten Kräften und in Ruhe erfolgt. Hier mußte alles schnell und allein geschehen. Wie mancher sah sich da hilfesuchend nach mitleidigen Seelen um! Zollpflichtiges wurde bei mir nicht gefunden, ich hatte weder Seide noch Perlen noch Zigarren.

Aber was nun? Manche weinten schon, weil ihre Angehörigen aus Chikago oder wo sonst her noch nicht da waren und sie kein Wort der fremden Sprache verstanden! Wir waren ja einen ganzen Tag zu früh eingetroffen!! Und die Freude darüber verkehrte sich bei vielen jetzt schnell in weinende Wehmut. Als ich gerade darüber nachdachte, was ich nun wohl in dem fremden Erdteil mutterseelenallein in einer mir völlig fremden Sechsmillionenstadt zuerst anfangen würde, entdeckte ich am Eingang einen liebenswürdigen alten Herrn mit goldener Brille, der jemand eifrig zu suchen schien. Ich hätte ihm gleich vor allen Leuten um den Hals fallen mögen. Es war ja Onkel, mein Retter!

Jetzt brauchte ich nicht mehr alle meine englischen Vokabeln und Phrasen zusammenzukramen -- ich konnte erst noch einmal ein paar Tage meinem Herzen auf deutsch Luft machen und alle meine Eindrücke deutsch verstauen und verdauen. Mein Onkel hatte mich auch erst am nächsten Tag abholen wollen -- da las aber zufällig sein Enkel diesen Morgen in der Zeitung, unser Schiff werde wahrscheinlich schon diesen Vormittag docken, läuft zum Onkel, teilt es ihm mit; der stürzt zum „~subway~“ (Untergrundbahn) und versucht mich noch in Hoboken zu erwischen. Und er kam noch gerade recht.

Wir schüttelten uns herzlich und lange die Hände. Die Fremde war mit einem Schlag Heimat geworden! Wie gut, daß ich so lange bei dem Doktor, bei den Koffern und beim Zoll warten mußte, sonst hätte mich Onkel in Hoboken gesucht und ich ihn derweilen in Neuyork! Man sieht wieder, „wozu das Mißgeschick gut war“!

Fußnoten:

[Footnote 1: Engen.]

[Footnote 2: Fähren.]

Neuyork.

Das erste, was mir, als wir nun endlich nach Übergabe meines Gepäckscheins an eine „~Transfer-Company~“[3] die Tore der Zollhalle verlassen konnten, auf dem amerikanischen Pflaster Hobokens auffiel, war -- ein Neger. Bald sah ich sie überall, die man bei uns vielleicht nur einmal in Zoologischen Gärten bestaunt, als Portiers, Gepäckträger, Droschkenkutscher, Handwerker, Hilfsschaffner und dergleichen. Und eine der großen Nationalfragen der Union tauchte schon am Zolltor Hobokens vor mir auf: die Negerfrage. Mitten durch die demokratische Union zieht sich wie ein Riß die Farbenlinie zwischen Schwarz und Weiß. 14 Millionen Schwarze und Farbige gibt es heute in der Union, im Süden noch weit mehr als im Norden. Der große Bürgerkrieg in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war um ihretwillen entbrannt. Ich sah auch bald, wie sich Weiße und „~colored people~“ ängstlich scheiden, wie die Schwarzen vielfach ihre eigenen Bahnabteile, Restaurants, Theater, Varietés -- ja Kirchen haben! ... Und ich sah sie bald, vom Negerbaby mit seinem reizenden schwarzen Stumpfnäschen in seinen blendend weißen Kißchen bis zur behäbigen schwarzen Amme oder dem ergrauten niederen Handwerker, vom tiefsten Tintenschwarz, aus dem nur die Zähne und die Augen hervorleuchten, bis zum häßlichsten hellen Braungelb, je nach der Blutmischung. Ich gedenke aber heute auch noch gern zweier persönlicher Negerfreunde. Der eine war unser getreuer „Jack“ in der großen Universitätsspeisehalle in Cambridge, der uns alle unsere Lieblingsgerichte auf besonderen Wunsch in doppelten Portionen brachte -- die gute Seele! -- und der andere war ein strebsamer Negerstudent, mit dem ich mich manchmal an den Ufern des Charles River in Boston in freien Stunden erging ... Nur ihr Rassenduft war manchmal nicht gerade erwünschteste Beigabe ...

Mamas kleine schwarze Rose.[4]

Eines Tages weinte ein kleiner Schwarzer in Tennessee, Sein kleinesHerz schluchzte, Weil er nicht weiß war. Da küßte ihn seine liebe alte Mutter und sagte, Und sagte zu ihm: Weine nicht, Kind, Weine nicht, mein kleines Kind, Und sie sang ihm ein Schlummerlied:

Trockne deine Tränen, meine kleine schwarze Rose, und weine nicht, Schlaf ein und schließe die Lider. Weine nicht, weil du schwarz bist. Du bist eine Wolke mit silbernem Futter, Wie jeder alte Rabe glaubt, sein Kind sei weiß wie Schnee, So gut weiß deine alte Mutter, daß du eine Rose bist. Und als die Engel dir diese schönen Locken gaben, Mischten sie einen Strahl von Sonne mit hinein. Deshalb, glaube ich, bist du schwarz, Und dein Herz, Liebling, so weiß. Also seufze nicht, weine nicht, Du bist Mamas kleine schwarze Rose.

Nach diesem Empfang umtoste mich nun der Lärm der Weltvorstadt: Autos, Omnibusse, Straßenbahnen, Droschken, Agenten, Schutzleute, Reisende ... alles lief, sprach, klingelte, schrie ... ein sinnverwirrendes Durcheinander. Der gute Onkel geleitete mich sicher zum Tunnel der Untergrundbahn, und mit ihr fuhren wir dröhnend und rasselnd in prächtigen, hellerleuchteten, strohgepolsterten ~D~-Zug-ähnlichen Wagen unter dem breiten Hudsonfluß nach dem eigentlichen Neuyork auf die langgestreckte Insel Manhattan hinüber. Als wir drüben wieder ans Tageslicht stiegen, waren wir mitten auf der Hauptgeschäftsstraße Neuyorks, dem berühmten „Broadway“.

Ich mußte unwillkürlich an die Häuserwand treten, um erst einmal einen ruhigen Standpunkt zu gewinnen. Da waren sie ja nun wirklich dicht vor mir die Wolkenkratzer und erhoben sich mit ihren 24, 30, 40 usw. Stockwerken bis 100, 150 und mehr Meter Höhe! Der an sich breite Broadway wand sich wie eine enge Schlucht zwischen ihnen hindurch. Auf dem Asphalt aber ein unübersehbares Gewühl von Lastwagen, Autos, Straßenbahnen, Hochbahnen auf mächtigen eisernen Gerüsten, und unter uns in der Tiefe raste der „Subway“[5]. Auf den Gangbahnen aber eilten die Menschen geschäftig und unablässig wie in Berlin und Hamburg hin und her. Die Herren waren alle rasiert. Nirgends sah ich einen Schnurr- oder gar Vollbart! Die Gesichter schienen mir etwas eigenartig Scharfkantiges, ja fast etwas Rechteckiges an den Kieferknochen zu haben; auch ihr Blick schien mir starrer und fester als bei uns. Es prägte sich deutlich auf diesen Gesichtern eine noch größere Arbeitsunrast als bei uns aus, ja wie eine Unfähigkeit zum gesunden Genießen: „Taylorsystem!“ Bummelnde Amerikaner habe ich überhaupt nicht gesehen. Selbst im Schaukelstuhl daheim schaukelt man wenigstens noch, um nicht ganz untätig zu sein, und in der Straßenbahn kaut man zur Unterhaltung und Beschäftigung „~Chewing gum~“. Infolgedessen ringsherum auf dem Pflaster ein ständiges unappetitliches Ausspucken. Das Pflaster der Gangbahnen des Broadway war von Hunderten kleiner Spuckpfützchen übersät!!

Nach wenigen Schritten standen wir vor einem riesigen turmartigen Gebäude der Metropolitan-Lebensversicherung und ihrem 48 Stockwerk (über 200 Meter, höher als die höchsten Dome Europas!) hohen „Metropolitan Tower“, den eine vergoldete Kuppel krönte. Den mußte ich bald besteigen und von oben auf das Riesenbabel niederschauen! Das stand mir jetzt schon fest. Aber das hatte noch ein bißchen Zeit. Ihn überragt heute noch das 58 Stockwerk (228 Meter) hohe ~Woolworth building~, dessen Platz allein 4½ Millionen Dollars kostete, wo also jeder Quadratmeter etwa hunderttausend Mark wert war. Daneben ist der Eiffelturm kein Riese mehr! Aber zunächst erst einmal heim zur Tante, die uns gewiß sehnlichst erwartete ...

Wir saßen im ~Broadway subway~, in dem es in der Tiefe ab und zu einmal furchtbare Unglücksfälle gibt; in dem stets aber eine wie im Bergwerk atembeklemmende Luft herrscht! Er hat vier Schienenstränge, in der Mitte für „Schnellzüge“, an den Seiten für „Personenzüge“. Neuyork ist auf der Insel Manhattan an 19 Meilen lang. Zu Fuß würde man 4½ Stunden zum Durchschreiten seiner Länge brauchen. Die Untergrundschnellbahn aber, die nur ein paarmal hält, durchfährt die ganze Strecke in etwa 25 Minuten! Man steigt unterwegs um in den „Personenzug“, um am richtigen Straßenblock aussteigen zu können. Ähnlich dem Betrieb in der Horizontalrichtung in der Stadt ist der in der Vertikalrichtung in den höchsten Wolkenkratzern! Auch hier fährt man erst mit einem Schnellaufzug, der nur jeden 5. Stock hält, etwa bis zum 35., um von da noch mit dem „Personenzug“ etwa bis zum gewünschten 39. Der „Expreß“ aber fährt meist gleich ganz in zwei Minuten bis zum Aussichtsbalkon durch ...