Quer durch Amerika

Part 3

Chapter 33,527 wordsPublic domain

Durch merkwürdig schmale Gänge wurde man auf dem Schiffe selbst in die Kabine gewiesen. Unser Kabinensteward war ein freundlicher, hilfsbereiter junger Mensch. Die Kabine fand ich recht geräumig; sie enthielt je vier Betten, zwei übereinander, und einen hübschen Waschtisch mit zwei Becken. Man legte schnell ab. Ein Mitpassagier, ein wohlbeleibter Schauspieler aus Philadelphia, Deutscher von Geburt, wurde zunächst mein Berater. Als dritter Kabinengenosse gesellte sich ein stockamerikanischer „Coiffeur“ aus Chikago hinzu, der kein Wort Deutsch verstand. Der vierte war, wie sich nachher zeigte, ein alter Wiener Jude, der seine Tochter, eine Sängerin, in „Neffiorck“, wie er aussprach, besuchen wollte. Um etwaigen üblen Explosionen vorzubeugen, wählte ich ein oberes Bett, das auf einer kleinen Leiter zu ersteigen war.

Wir gingen schnell, nachdem wir abgelegt, wieder nach oben, um ja den reizvollen Augenblick der Abfahrt nicht zu versäumen. Mehr und mehr sammelten sich die Passagiere auf dem Promenadendeck, um sich noch von oben mit ihren Angehörigen auf dem Kai, soweit sie bis nach Kuxhaven mitgekommen waren, möglichst lange zu unterhalten. Jetzt wurde in gewaltigen Netzen unser Gepäck vom Land aufs Schiff balanciert. Dann lief der zweite Sonderzug von Hamburg mit den Passagieren der ersten Kajüte ein. (Vornehme Leute kommen bekanntlich in der Welt immer zuletzt oder sogar, wenn sie besonders vornehm sind, zu spät!) Auch diese dreihundert waren, schnell von hilfreichen Stewards geleitet, an Bord gebracht. Mittlerweile war es ¾12 Uhr geworden!

Immer strahlender schien die Sonne wie mit Festglanz vom Himmel herab. Tiefblau war Himmel und Meer. Nun ertönte ein Kommando; die Haltetaue wurden losgewunden. Die Musik setzte ein: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus“ ... Langsam drehte das gewaltige Schiff ein wenig vom Kai ab. Die am Ufer begannen zu winken, Taschentücher flatterten bald hundertfältig oben und unten, herüber und hinüber ... einige Damen schluchzten auf ... da und dort sah man rotgeweinte Augen ... auch ich biß ein wenig die Zähne zusammen, aber das Fehlen von Angehörigen machte den Abschied mir nicht so schwer. Auch war meine Brust geschwellt von all dem Neuen, was da kommen sollte. Immer breiter wurde schon der Wassergraben zwischen Kai und Schiff. Die Schraube arbeitete spürbar, der ganze Schiffsrumpf erbebte unter ihren Drehungen, die Maschinen stampften, durch den ganzen Schiffskörper ging ein leises Zittern ... So löste sich das Schiff langsam vom Lande ... Zehn ... zwanzig Meter rückte es vom Ufer ab ... Alles rief, schrie, winkte, weinte ...! Dann wurden es fünfzig, hundert Meter! Die Menschen wurden immer kleiner ... Kreischend umflogen uns Schwärme von Möwen ... Zuletzt waren Kuxhavens Türme klein wie Spielzeug. Die Musik hatte aufgehört zu spielen ... Alles strömte in die Speisesäle, um sich vom Obersteward einen Tischplatz anweisen zu lassen ...

Ich wählte lieber den „zweiten Tisch“, wie mir der spätaufstehende Schauspieler aus Philadelphia riet, und mußte nun zwölf Tage lang zweimal täglich anderthalb Stunden zusehen, wie bereits der „erste Tisch“ fröhlich speiste. (Bei voller Belegung des Schiffes reichen nämlich die Speisesäle nicht zugleich für sämtliche Passagiere.) Das war bei dem besonderen Appetit auf See und der Langeweile, die am schönsten von den Mahlzeiten unterbrochen wird, jedesmal eine Leistung. Auch sonst war mein wohlbeleibter Berater wie ein böser Dämon neben mir, der für die Rührung der Abschiedsszenen nur Spott hatte und auch schon am ersten Tage mir von Amerika und den Amerikanern fortgesetzt nur Ungünstiges zu erzählen wußte: „Dollarjagd und Bigotterie sei drüben alles. Der Freiheitsstatue hätte man lieber eine Dollarnote statt einer Fackel in die Hand geben sollen u. ä.“, während ich in vollstem Jugendidealismus wie ein kleiner Kolumbus mir eine neue ideale Welt erobern wollte ...

Als man endlich aus den Speisesälen und Schiffsgängen wieder hinaufkam -- schon prägte man sich etwas die Topographie des Ganzen ein -- da schwammen wir bereits mitten auf der weiten, klaren, blauen Nordsee. Von Land war nirgends mehr eine Spur. Aber eine breitaufgewühlte Furche zog das Schiff wie eine Wasserlandstraße hinter sich her, die den zurückgelegten Weg deutlich und lange anzeigte ... Immer noch folgten uns kreischende Möwenschwärme tauchend und elegant die zugeworfenen Brocken auffangend ...

Das Essen mit seinen vielen und reichlichen Gängen mundete stets vorzüglich. Die frische Seeluft tat das ihrige dazu. Vom Schwanken des Schiffs war keine Spur zu merken, obwohl am Nachmittag eine frische Brise eingesetzt hatte und der Wellengang stärker wurde. Gemütlich lag man auf Deck auf seinem gemieteten Deckstuhl wie auf der Veranda eines aussichtsreichen komfortablen Hotels und sah auf die nie ermüdende unendliche Wasserfläche hinaus und fühlte sich glücklich als Weltpassagier ...

Auf dem Atlantischen Ozean.

Es begann das regelmäßige Leben an Bord.

Am Mittag war das Meer tiefblau, am Abend nach Sonnenuntergang aber wurde es tiefgrün. Der aufkommende Wind rüttelte an Tauen und Segeltüchern. Purpurrot war die Sonne im Westen versunken ...

Silberne Streifen warf bald der Mond über das Wasser. Rings ein chaotisches Wasserrund. Welche Fluten erfüllen doch die Erde! Von fern her blitzten die Leuchtfeuer von den deutschen Inseln ...

Wir waren jetzt etwa auf der Höhe von Borkum. Helgoland war zu weit ab und nicht sichtbar. Das Schiff ging noch immer sicher und ruhig, obwohl ringsum schon weiße Kämme aufspritzten. Viele, die bereits mehrmals herüber und hinüber gefahren waren, rühmten unsern „alten Kasten“ sehr, er fahre zwar nicht so rasch wie die großen Schnelldampfer, aber dafür ruhiger und sicherer, zumal wenn er wie diesmal voll und schwer geladen sei ...

Es trompetete zum Abendessen. Nach der salzigen Seeluft schmeckte das Essen jedesmal vorzüglich. Die Stewardbordkapelle spielte dazu flotte Weisen im Speisesaal. Die Stewards erwiesen sich überhaupt als recht vielseitige Burschen. Erst traten sie als galante Pagen und Kofferträger auf, dann waren sie Zimmermädel in Hosen und servierende Kellner, für jeden Wunsch und jede Laune dienstfertig bereit, und zuletzt talentvolle Musikanten. Alle Achtung vor solcher Vielseitigkeit! Aber welche Versuchung zur Unzufriedenheit für sie, während ihrer Arbeit um sich ständig nur nichtstuende, schmausende, scherzende, geldverzehrende und vergnügungssüchtige Menschen zu sehen! Denn daß wir Passagiere vor und nach unsrer Seefahrt auch etwas Rechtschaffenes arbeiteten, das sahen sie ja nicht, und vielleicht glaubten sie es auch nicht. In ihren Augen waren wir alle „reiche“ und nichtstuende Leute.

Als man vom Abendkonzert vor Schlafengehen noch einmal auf Deck kam, rauschte rings um uns ein tiefschwarzes Meer. Man hatte in den erleuchteten Gängen und Sälen fast vergessen, daß man auf dem weiten Meere schwamm ...

Es kam die erste Nacht. Ich konnte mich gar nicht genug wundern, wie seelenruhig man sich in sein Bett legte. Freilich sah man einmal der Ordnung wegen nach, wo die Rettungsgurten lagen. Ganz Ängstliche haben sie wohl auch einmal heimlich, wenn sonst niemand in der Kabine war, „für alle Fälle“ anprobiert. Der schreckliche Untergang der „Titanik“ oder die Torpedierung der „Lusitania“ mit ihren etwa 1500 im Wasser versinkenden Menschen hat uns Bilder genug des Schreckens vor Augen gemalt! Ich wußte mich auch aus meiner Kindheit eines schweren Zusammenstoßes eines Bremer Lloyddampfers mit einem englischen Kohlendampfer im Nebel des Kanals sehr wohl zu entsinnen. Der Engländer hatte von der Seite kommend und mit Kurs nach Frankreich den im Kanal längsfahrenden Lloyddampfer mitten entzweigeschnitten. Eine einzige Dame, eine Bremerin, dazu noch eine gute Bekannte unsrer Familie, war damals gerettet worden.

Rechtzeitig pflegte ich immer mein Oberbett zu erklimmen, denn das lange Spielen, Trinken und Rauchen der Herren liebte ich gar nicht. Mit mir ging gewöhnlich der kleine ältliche Wiener schlafen, der ja seine Tochter besuchen wollte und der nachher noch sehr unter der Seekrankheit litt. Er pflegte sich aus Vorsicht gar nicht ganz auszukleiden. Gut, daß er unten und ich oben schlief, denn die See hatte es ihm bald angetan! Der Chikagoer, der kein Deutsch verstand, sondern nur „~good morning~“ und „~good night~“ sagte, kam gewöhnlich erst ein oder zwei Stunden später herein, und zu allerletzt und oft wohlgeladen wie unser getreues Schiff, aber doch nicht so ruhigen Kurses wie es, kam der deutsche Philadelphier, der glücklicherweise nicht nach oben zu klimmen hatte. Er hatte seine Wahl recht getroffen. Mit einem mächtigen Plumps fiel er auf seine Lagerstatt. So schlief man nicht eher ein, bis alle Mann an Bord der Kabine waren. Zudem leuchtete über der offenen Türluke der helle Schein der Ganglampen herein, so daß es in der Kabine nie recht finster wurde. Außerdem lag neben unsrer Kabine, die freilich mittschiffs nicht weit vom Maschinenraum am wenigsten die Bewegungen des Schiffs verspüren ließ, einer der Schlafräume der Stewards, die abends nach ihrem Dienst und früh vor ihrem Aufstehen einen Heidenlärm machten. Da wurde gelacht, getanzt, gescherzt, Mundharmonika gespielt und fröhlich gesungen. Ich gönnte ihnen ihre Lustigkeit und Munterkeit von Herzen und wollte mich auch nicht griesgrämig beschweren; nur beförderte ihr Treiben gerade den ersehnten Schlaf nicht. So lag ich oft noch manche Stunde wach und sah gleichsam zum Lohn dadurch auf einmal, wie -- ich traute meinen Augen nicht -- gemächlich vom Gang herein oben durch die breite Türluke eine große, feiste Ratte in unsre Kabine hereinspaziert kam, an den Holzleisten der Wandverschalung gemächlich entlanglief und dann auf demselben Wege wieder verschwand. Nach andern Nächten fand ich sogar ihre Grüße und Spuren auf meiner weißen Bettdecke, die ihr vielleicht bei leerer Kabine als Ruheplatz diente. Sie hatte also, nach den Spuren zu schließen, während wir von den Wellen gewiegt selig schliefen, uns sehr nahe Besuche abgestattet. Nach dieser Entdeckung hielt ich es für ratsam, abends beim Emporklimmen in die „~upper berth~“ wenigstens einen Pantoffel mitzunehmen und ihn als schußbereite Waffe in der Hand haltend einzuschlummern und hatte so das sichere Gefühl, gegen etwaige noch nähere Besuche der nächtlichen Freundin notdürftig gewappnet zu sein. Als ich meine Entdeckung erstaunt am andern Morgen dem Kammersteward mitteilte, meinte er lakonisch: „Ratten gibt’s auf jedem Schiff.“ Und erfahrene Seereisende trösteten mich mit der Weisheit: „Nur ein sinkendes Schiff verlassen die Ratten.“ Zum runden Kammerfenster aber wehte die ganze Nacht erfrischend luftiger Nordwest herein, so daß man immer Seeluft genoß. Mußten freilich die Luken wegen hohen Wellengangs einmal geschlossen werden, dann entwickelte sich bald eine recht dumpfe Atmosphäre, untermischt mit allerlei Küchen- und andern Dünsten.

Früh halb sechs verließ ich meist als erster schon unsre Kabine, oft drei bis vier Stunden vor dem gutgeladenen Philadelphier. Kam man aufs Deck hinauf, so war da oben gewöhnlich noch groß Reinemachen. Das Schiff schwamm nicht bloß von unten her, sondern auch in Strömen von oben. Matrosen barfuß, in hochgekrempelten Hosen, spritzten und gossen mit Eimern und Schläuchen, wuschen und scheuerten, daß es nur so eine Art hatte ... Sie sahen es auch gar nicht gern, wenn man gar zu früh schon ihre Arbeit inspizierte. Aber gerade die Morgenstunden waren besonders schön auf Deck. Die Sonne und das Meer glänzten noch heller und frischer als sonst. Frei und unbehindert durch die vielen Mitreisenden konnte man sich überall ergehen vom Hinterdeck an, wo gelotet wurde, wieviel Faden wir liefen, bis zum Bug, wo man wie auf scharfkantiger Bastion das hochaufspritzende Wasser durchschnitt, das unwillig dem hochbordigen Schiff sich entgegenwarf.

Wir fuhren jetzt in Höhe von Holland. Der Wellengang hatte zugenommen. Das Schiff stieg hinten und vorn recht erheblich auf und nieder. Schon fehlten einige der Bekannten am Frühstückstisch; andere schlichen mit ängstlichen und bleichen Gesichtern umher, drückten sich möglichst in der Nähe der Schornsteine auf ihrem Deckstuhl in die Ecke oder eilten ein ums andre Mal verstohlen an die Reeling, um Poseidon zu opfern ... Wir andern machten tapfer unsre Runde, zwanzig Deckrunden, um -- wie ein munteres Fräulein neben mir spottete -- „uns die Seekrankheit auszulaufen“.

In der Tat läßt sich, glaube ich, mit ein bißchen festem Willen viel gegen die Seekrankheit machen. Viele werden zweifellos bloß aus Angst oder vom Sehen seekrank. Es ist wohl auch ein Stück Anlage, ob man ihr leicht erliegt oder nicht. Es soll ja sogar alte Kapitäne geben, die sie bei jeder halbwegs unruhigen Fahrt immer wieder packt. Gar spaßig waren die weisen Unterhaltungen und mancherlei Ratschläge darüber zu hören. So rieten die einen: „Immer tüchtig essen, aber ja nichts trinken!“ Die andern mit scheinbar einfacher Logik: „Den Magen ganz leer lassen, dann hat er kein Material zum ...!“ Wieder andere mit medizinischer Kennermiene: „Nur einen Kognak trinken, aber sonst nichts genießen!“ Die vierten meinten besonders ängstlichen Damen gegenüber: „Ruhig hinlegen und die Augen fest schließen und an etwas Schönes denken, das hilft!“ Wieder andere: „Hinlegen, aber die Augen gen +Himmel+ richten und nur nicht aufs Wasser sehen!“ Auch ein Rat aus der Praxis! Die sechsten aber mahnten zum Gegenteil: „Immer tüchtig herumlaufen, viel lachen und spielen!“ Die siebenten ergänzten gar dazu: „Nur nicht hinuntergehen in die dumpfe Kabinenluft, da kriegt man es gleich!“ Und noch andere: „Recht lange im Bett liegen bleiben, da spürt man das Stampfen und Rollen nicht so sehr!“ Endlich die letzten orakelten: „Man muß einfach weder davon reden noch daran denken“ -- und doch sprachen bald alle davon, von dem einen Thema, die einen offen, die andern verstohlen. Und wer nicht davon sprach, der dachte daran.

Jeder versah sich auf seine Weise „für alle Fälle“ mit einem guten Rat. So spotteten die einen und lachten, die andern verkrochen und fürchteten sich. Ich selbst philosophierte über die Möglichkeit einer seekranklosen Lage und fand sie in einer kardanisch, d. h. von oben zentral wie eine Hängelampe aufgehängten Hängematte, die sofort vermöge des Gewichts des darin liegenden Menschen alle Schwankungen des Schiffs korrigierte und darum stets in der richtigen, zum Erdmittelpunkt zentripetalen Lage bleibt! Leider bin ich nur bis heute noch nicht zur Patentierung meiner Erfindung gekommen ... Möchte auch jeden Leser vor ihrer vorzeitigen Ausbeutung warnen!

Gegen 11 Uhr fuhren wir auf der Höhe von Dover. Deutlich zeichneten sich rechter Hand die weißen Kreidefelsen der englischen Küste ab. Wer noch ungebrochener Gesundheit war, schrieb eifrig im Speisesaal, Rauchsalon oder Spielzimmer Briefe und Karten an die Lieben daheim, denn in Boulogne-sur-mer wurde von einem französischen Tender Post abgenommen. Ich konnte noch immer unter anderem stolz berichten: „Nicht seekrank!“ Und ich habe mit festem Willen und einer ungeänderten Lebensweise bis zuletzt auch gut „durchgehalten.“

So näherten wir uns langsam von Albions stolzer Küste hinüber dem Land der uns so sehr liebenden Franzosen. Bald erkannte man durchs Glas Wiesen und weidende Rinderherden ...! Eine eigentümliche Sehnsucht nach Land entstand in mir. Die reichlich vierundzwanzig Stunden, die wir jetzt unterwegs waren, dünkten mich wegen der vielen neuen Eindrücke ebensoviel Tage zu sein.

Um Mittag hielten wir weit draußen auf der Reede von Boulogne. Unsre Sirenen heulten mehrmals laut hinüber, daß wir da wären. Still stand der weithin sichtbare Leuchtturm auf seiner stolzen Höhe, aber der Tender mit den Parisern ließ noch eine ganze Weile auf sich warten. Fast zwei Stunden zu früh waren wir angekommen. So rasch war unser alter Kasten gefahren! Während wir still lagen, ließ sich drüben der französische Strand mit seinen großen Hotels, seinen vielen Strandkarren und die Kuppel der katholischen Kathedrale gut durchs Glas erkennen. Endlich kam auch tüchtig auf und nieder tanzend der französische Tender herübergedampft.

Es war ein kleines Kunststück, die Passagiere heil zu übernehmen. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ Nach dieser Weise kamen sie alle zu uns herauf. Die Matrosen hatten dabei allerlei Arbeit. Zuletzt wurden wiederum die Koffer im Krannetz hoch über dem freien Wasser schaukelnd herüberbalanciert. Dann flogen unsre Postsäcke hinüber -- und der Franzose drehte wieder um ...

Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als wir uns wieder der englischen Küste näherten. Abends winkten uns die langen Lichterreihen von Southampton, der paradiesischen Insel Wight und dem Kriegshafen Plymouth, der so groß ist, daß er die ganze englische Kriegsflotte in sich aufnehmen kann. Wie „fliegende Holländer“ glitten im Dunkel bald näher, bald ferner kleinere Küstendampfer mit grünen und roten Signallichtern an uns vorüber. Am Himmel aber standen ruhig und feierlich die blitzenden Sterne ...

Mit Anbruch des nächsten Tages passierten wir den letzten Punkt Europas, die felsigen Szillyinseln. Der Leuchtturm Eddystone, an dem hoch die schäumende Gischt emporbrandete, entbot den allerletzten Scheidegruß Europas. Nun würden wir kein Land mehr sehen bis zur Küste der Neuen Welt. Wir fuhren jetzt erst in den offenen Atlantik hinein.

Länger und höher wurden die Wellenzüge. Bis zur halben Schiffslänge tauchte unser Schiff in die Wellentäler, um dann gehorsam vom nächsten Wellenberg wieder aufzusteigen. Ein ewiger, erhabener Rhythmus. Wir hatten unsre Deckstühle ziemlich weit hinten und sausten dabei manchmal recht tüchtig und plötzlich mit ihnen in die Tiefe. Das Rundengehen war aufgegeben, denn man mußte zu oft einhalten und sich festklammern. Man lag lieber und las, so gut es ging. Das muntere spottende Fräulein lag dicht neben mir. Nicht lange -- so entpuppte sie sich als Kusine einer meiner liebsten Studienfreunde, als eine muntere Badenserin aus dem schönen Freiburg im Breisgau. In Neuyork wollte sie ihren unverheirateten Onkel aufsuchen, ihm den Haushalt führen und, wenn möglich, sich drüben gut verheiraten. Gewiß hat sie es inzwischen auch getan.

Wir haben auf der ganzen Reise zusammen viel Spaß gehabt. Sie gab mir ihre Bücher zum Lesen und ich ihr die meinigen. Dann tauschten wir unsre Urteile ungehemmt aus. Vielleicht hat unser gegenseitiges helles Lachen und Fröhlichsein auch als Medizin gegen die ~seasickness~ gewirkt, der immer mehr Passagiere erlagen. Immer leerer wurden die Decks und Speisesäle, immer lauter das Seufzen der Seekranken. Auch uns hob es manchmal so ganz eigentümlich von unten herauf ... Ich las jetzt mit viel Interesse aus der Schiffsbibliothek die trefflichen Werke von Professor Hötzsch, Lamprecht und Münsterberg über „Amerika und die Amerikaner“ und wurde so auf meine Studienfahrt durch die Union aufs beste und zugleich geistvollste vorbereitet.

Mehr und mehr Schiffsreisende hatte man kennengelernt. Alle Schichten waren dabei vertreten: Farmer, Schauspieler, Sänger, Zirkusleute, Familien mit Kind und Kegel, die schon lange drüben waren und nur vom Verwandtenbesuchen heimkehrten, und einzelne, die zum erstenmal hinüberwollten, wie meine Partnerin, Deutsche und Stockamerikaner bunt durcheinander. Ebenso sprachlich gemischt war am Tisch meist die Unterhaltung, aber das Deutsche herrschte doch noch entschieden vor.

Jeden Tag war das Meer anders. Bald bewegt, bald glatt wie ein Spiegel, aus dem lustig Delphine in hohem Bogen emporsprangen. Manche wünschten sich prahlerisch „mal so einen richtigen Sturm“ zu erleben! Aber es kam keiner. Dazu war es noch zu sommerlich in der Jahreszeit.

Eines Morgens ½7 überholte uns eins der schönsten deutschen Schiffe, die „Kronprinzessin Cecilie“. Rauschend wie eine Königin fuhr sie an uns vorüber, eine mächtige Schleppe quirlender Wasser hinter sich lassend. War das ein Grüßen, Winken, Rufen und Jubeln hinüber und herüber! Aber so schnell wie sie gekommen, war sie auch wieder vor uns verschwunden. Mehr als doppelt so groß wie wir war sie und auch fast doppelt so schnell fuhr sie. Später rückte von rückwärts her die „Adriatic“ von der White-Star-Linie an unsre Seite, um geraume Zeit vor uns in Neuyork einzutreffen. Aber uns kümmerte das nicht. Im Gegenteil, je länger auf dem Meer, desto schöner. Ich hatte ja nichts zu versäumen. Allerlei Spiele -- solange man nicht aß, lief, las, lag oder saß -- vertrieben schnell die Zeit. Auf Deck spielten sie „~shuffle-board~“, eine Art Deckkegelspiel, Ringwerfen, richtigen Nachlauf und „Kriegen“. Eine Gruppe handfester norddeutscher Burschen übte sogar „Schinkenkloppen“ zur größten Heiterkeit aller eifrig Spalier bildenden deutschen und amerikanischen Dämchen. Je tüchtiger es auf den gestrammten Hosen klappte und je seltener einer den Missetäter herausfand, desto lauter wurde das Vergnügen. Im Rauchzimmer saßen die ganz unentwegten Skatdrescher, von denen einer kurz vor der Ankunft in Neuyork mit den bezeichnenden Worten aufs Deck trat: „Jetzt muß ich mir schnell noch einmal das Meer ansehen.“ Tabaksqualm und ein Schoppen frisch Angestecktes ging doch über alles ...

Zweimal war auch abends Bordfest. Die Decks waren mit Segeltüchern geschützt und alles mit Glühbirnen, Wimpeln und Flaggen umzogen. Und zu den fröhlichen Weisen der Bordkapelle drehten sich bis Mitternacht tanzlustig die Paare ...

Keinen Tag fehlte auch die Bordzeitung, die täglich neu in der Borddruckerei mit den neuesten drahtlosen Depeschen aus aller Welt gedruckt wurde. Die Bordzeitung brachte auch Bilder und einen fortlaufenden Roman! Großes Interesse erregte auch jedesmal die Bekanntgabe der täglich zurückgelegten Meilenzahl, die gewöhnlich nach dem Mittagessen erfolgte: Meist liefen wir pro Tag zwischen 320 und 340 Seemeilen, legten also etwa eine Entfernung wie von Dresden nach Hamburg täglich zurück, die freilich der Schnellzug in einem Drittel der Zeit meisterte. In künftigen Zeiten wird man mit dem Zeppelin etwa vier- bis fünfmal so schnell nach Amerika fliegen, als unser alter Kasten lief. Aber Kolumbus hätte schon unsre 11 Tage Überfahrt als unerhörten Rekord empfunden. Es ist ja alles in der Welt nur relativ!

Ehe die Bouillon zum zweiten Frühstück auf Deck gereicht wurde, pflegten der Kapitän, der Erste Offizier und der Schiffsarzt ihre Runde zu machen und mit jedem Passagier ein kurzes freundliches Wort zu wechseln ...

Sonst passierte nichts von Bedeutung. Nur einem Unglücksraben unter den Mitreisenden wurde seine gesamte Barschaft von elfhundert Mark gestohlen. Tags zuvor hatte er erzählt, daß er davon drüben eine kleine Farm kaufen wolle. Wie sollte man den Dieb ausfindig machen? Was wurde nun aus dem Armen und seinen Plänen?

Regelmäßig verlief unser Leben. Aus Abend und Morgen wurde stets ein andrer Tag geboren. Die Tage hatten ihre Stunden, unter denen die Mahlzeiten immer die wichtigsten und frohbegrüßten festen Punkte waren. Mit Essen, Schlafen, Spielen, Lesen und Unterhalten ging die Zeit hin. Aber das Meer selbst wurde man nie müde:

Der Sturm singt mir das Schlummerlied, Die Woge wiegt mich ein; Das Schiff sanft seine Bahnen zieht Im Ozean allein.

Wie braust der Wind in Mast und Tau, Wie rauscht es in den Wänden! Und droben ruht des Himmels Blau In friedlichen Geländen.

Weiß spritzt die Gischt und quirlt und schäumt, Ein rollend wallend Brüllen; -- Das Aug’ in Weltenferne träumt, Wo Nebel Zukunft hüllen ...