Quer durch Amerika

Part 7

Chapter 73,283 wordsPublic domain

Boston erscheint trotz seiner über eine halbe Million zählenden Einwohner klein, wenn man aus Neuyork kommt. Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der Unabhängigkeitskämpfe, war Boston die volkreichste und auch die politisch führende Stadt der Union. Schon 1630 hatten sich hier die ersten englischen Kolonisten im benachbarten kleinen Salem angesiedelt, während Neuyork noch „Neu-Amsterdam“ hieß und kaum 100 Holländer beherbergte (s. S. 51)! 1770 begannen hier die Freiheitskämpfe mit dem sog. „Bostoner Blutbad“, in dem einige Bostoner von britischen Soldaten, die sie herausgefordert hatten, getötet wurden. Das war bei dem noch heute stehenden „Old State House“ mit dem noch heute dort befindlichen britischen Löwen und Einhorn auf dem Dach. 1773 warfen Bostoner, als Indianer verkleidet, eine englische Teeladung, die trotz der „Nichteinfuhrakte“ importiert werden sollte, kurzerhand ins Meer, nachdem man sich in der Old South Church, die ebenfalls noch steht, versammelt hatte! Die Stelle dieser berühmten „~Tea-party~“ ist am Kai bezeichnet. Britische Truppen besetzten nun nach dieser Auflehnung die Stadt, aber General Washington überschritt bald den Charles River, der an Boston breit wie ein Meeresarm vorbeifließt, und befreite die Stadt 1776 aus den englischen Händen. Diese ganze Gründungsgeschichte der Union hat sich hier in Boston abgespielt! So ist es der historischste Boden des ganzen Landes und so erinnert es mit seinen alten efeuumsponnenen Kirchen in der City und der ehrwürdigen „Faneuil Hall“ und seinen krummen, engen Straßen in der inneren Stadt noch am ehesten an Europa.

Boston ist aber auch das amerikanische „Athen“. Nicht weit von Boston, in +Concord+ und Cambridge, lebten und wirkten ein Hawthorne, Emerson, Longfellow, Lowell und Agassiz. Auch ein Benjamin Franklin, der Erfinder des Blitzableiters, ist in Boston geboren und begraben. Und dicht vor Bostons Toren, in Cambridge, liegt noch heute die älteste und tüchtigste Universität Amerikas, das Harvard College. Bostons Mittelpunkt ist der „Common“, ein zentral gelegener, sympathisch wirkender, nicht allzu großer Stadtpark, der stattlich zum Hügel des State House (Kapitol) mit seiner weithin leuchtenden vergoldeten Kuppel emporsteigt. Das State House (Regierungsgebäude) enthält prächtige Innenräume, vornehme Hallen, die in großen Wandgemälden die geschichtlich wichtigen Augenblicke aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts festhalten.

Der unstreitig prächtigste Platz der Stadt aber ist der dem Charles River nahegelegene sog. „Copley Square“, den nicht weniger als vier ansehnliche und bedeutsame Gebäude zieren: zwei der schönsten und stilvollsten Kirchen des Landes, die romanische „Trinity Church“ der englischen Hochkirche und die in stilvoller italienischer Frührenaissance erbaute „New Old South Church“ der Kongregationalisten. Weiter säumt den Platz das ~Museum of fine arts~, in der Hauptsache eine Gemäldegalerie. In ihr fand eine eigenartige Ausstellung statt, die dartun sollte, was für Kultur- und Sozialprojekte in 5 Jahren in der Welt und in Amerika im besonderen verwirklicht sein würden! Nur vergaß die damalige rührige und prophetische Ausstellungsleitung zu weissagen, daß die Welt vor allem das Kulturprojekt des Krieges aller gegen alle verwirklichte und gerade das kulturfortschrittliche Amerika zuletzt in diesem kulturfördernden Reigen sogar den Ausschlag geben würde! Endlich steht dort am Copley Square, wie sie sich rühmt, die größte Volksbibliothek der Welt, „~the public library~“, in weißem Marmor mit unübertrefflich prächtigen Lesesälen -- auch einer besonders für Kinder! -- und überraschenden Einrichtungen für schnellste Herbeischaffung jedes gewünschten Buches binnen wenigen Minuten! Ich habe dort allerdings den Eindruck gewonnen, daß der einfache Amerikaner bildungs- und lesehungriger ist als der gleichgestellte Deutsche. So ist auch die Zahl der trefflichen „~magazines~“, d. h. der guten illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften, die vielmehr als die auf den Augenblick berechneten Tageszeitungen den Leser wissenschaftlich über alle wichtigen Dinge verständlich auf dem laufenden halten, unübersehbar groß und reich.

Um die Innenstadt Bostons mit ihren belebten und -- verglichen mit Neuyork -- zum Teil engen Geschäftsstraßen legen sich die feinen Wohnviertel, so die „Commonwealth Avenue“ und „Boylston Street“ und weiter hinaus umfangreiche Vorstädte, die sich zuletzt in reizende Landhauskolonien auflösen. Weite Parkgebiete sind überall dazwischen von der Bebauung freigelassen. In weitem Bogen umsäumen liebliche und aussichtsreiche Hügelreihen die Stadt in der Ferne wie die „Blue hills“, die „Arlington Heights“ u. a.

Am Bostoner Hafen ist’s freilich wie überall in Amerika düster und schmutzig. Reizvolle Städtefronten am Wasser anzulegen, versteht der Amerikaner offenbar noch nicht. Dazu ist der Sinn all die Jahrzehnte hindurch viel zu sehr aufs rein Praktische und Kommerzielle gerichtet gewesen. Wenn das Land auch, wie ich es einmal in einem Vortrag des greisen Harvardpräsidenten ~Dr.~ Eliot treffend ausführen hörte, über „politische Sicherheit, materiellen Reichtum und moralischen Fortschritt“ verfügt, so aber nicht über den Sinn für Beschaulichkeit und ästhetische Lebensgestaltung. Hier war noch nicht Kulturgeschichte, hier will sie erst werden. Hier war bis jetzt, die Neuenglandstaaten ausgenommen, im allgemeinen nur Geschichte des Handels und des politischen Aufschwungs. Freilich fiel das Riesenland der einst jungen und kleinen Union, die zuerst über nicht viel mehr als die schmalen Randstaaten des Ostens am Atlantischen Ozean verfügte, ziemlich mühelos in den Schoß, und unerschöpflich sind heute das Land, seine Bodenschätze, seine Hilfsquellen und Entwicklungsmöglichkeiten. --

Da ich mich lange in Boston und dem nahen Cambridge aufgehalten habe, hatte ich Muße genug, mich, soweit möglich, auch um das +geistige Leben+ und die geistigen Fragen zu kümmern. So ging ich nach und nach fast auch zu allen wichtigeren +kirchlichen+ Denominationen und +religiösen+ Gemeinschaften, denn sie spielen in Amerika eine sehr ausschlaggebende Rolle. Es sind ihrer wohl an 200, deren jede frei ihrer Überzeugung lebt und ihr Bestes zu geben sucht. Vollkommene religiöse Toleranz hat zuerst Amerika in der Welt praktisch durchgeführt! Alle Religionsverfolgten Europas, von den englischen Puritanern angefangen, die 1620 mit der „Mayflower“ hinüberkamen, fanden hier eine gastliche Freistatt. Von Anfang an war hier Staat und Kirche getrennt. Die Kirchen verwalteten als freie religiöse Vereine und Genossenschaften sich stets vollkommen selbständig und hatten auch für ihre Existenz und ihre Bedürfnisse allein aufzukommen. So lernte der Amerikaner von Anfang an andere Überzeugungen achten und für die eigenen opfern.

Ein +Sonntag+ in Amerika verläuft anders als bei uns. Am Sonntagmorgen liegt über der großen, werktags so rastlosen Stadt mit ihren Hochbahnen, Straßen- und Untergrundbahnen eine ungewohnte Stille. Nur das nie ruhende Meer wirft seinen weißen Schaum wie immer an die Uferdämme. Die wohlverankerten Boote schaukeln ein wenig hin und her, aber die Kais sind menschenleer. Die Straßenbahnen fahren selten. Nur die Schuhputzer haben wie immer zu tun. Hoch auf den Stiefelthronen sitzt heute auch der einfachste Kunde, und der Italiener oder Grieche fährt mit wohlgeübten Handgriffen mit mehreren Bürsten zugleich über die Schuhe, bis sie blank sind, daß man sich fast darin sehen kann. Alle großen Geschäfte, die menschenwimmelnden Warenhäuser, die Banken, alle Theater und die meisten Restaurants, in denen in der Woche Hunderte ihren Lunch einnehmen, sind geschlossen. Die großen Geschäftsstraßen, in denen gestern Abend noch Tausende im Schimmer der aufblitzenden und wieder erlöschenden Reklameschilder hin und her eilten, sind wie ausgestorben. Es ist der „Sabbat des Herrn“, der Tag absoluter Ruhe, an dem sogar auf manchen Eisenbahnstrecken kein Zug fährt und manche Bahnhöfe einfach verschlossen sind!

Der Vormittag schreitet voran. Etwa um halb elf Uhr ertönen die ersten Glockenschläge, leise, fein und melodisch in rhythmischen Pausen. Kein weithin schallendes, ehern schwingendes Geläute ist es wie bei uns. Die meisten Gottesdienste in den Kirchen beginnen erst um elf Uhr. Da und dort sieht man Menschen den Kirchen zustreben, die meist weit kleiner als bei uns sind, versteckt und efeuumsponnen mit zierlichem Turm sich wenig oder gar nicht über die hohen, Geschäfts-, Wohn- und Logierhäuser hervorheben, ja manchmal wie Old Trinity in Neuyork ganz zwischen ihnen verschwinden. Wir studieren den sehr reichhaltigen und überaus mannigfaltigen Kirchenzettel der großen Zeitungen, reichhaltig durch die Unmenge der Denominationen, mannigfaltig auch durch die seltsamen Anzeigen der Predigtthemen und der im Gottesdienst stattfindenden Musikdarbietungen! Beides soll im besonderen Maße Hörer und Besucher anlocken und etwa andere „Konkurrenz“-Kirchen ausstechen. Liest man die lange Reihe durch: „Baptisten, Kongregationalisten, Christian Science, Episkopalisten, Quäker, bischöfliche Methodisten, Swedenborgianer, Spiritualisten, Presbyterianer, Unitarier, ~New thought~, Theosophen, ‚~church of higher life~‘, Universalisten, Lutheraner, Heilsarmee,“ so hat man die Wahl. Sie alle sind geschichtlich begründet, manche, wie Christian Science, New thought u. a., sind erst jüngeren und jüngsten Datums. Bald waren es Unterschiede der Verfassung (Bischöfliche oder Episkopalisten, Presbyterianer oder mit Ältestenverfassung, Kongregationalisten oder solche, die auf Souveränität und Selbständigkeit der Einzelgemeinde pochen), bald waren es solche des Glaubens: Der Baptismus verwirft die Kindertaufe, der Methodismus fordert persönliche Bekehrung, die Quäker verwerfen ein berufsmäßiges Predigtamt. Die Lutheraner sind meist Deutsche, Schweden, Dänen oder Finnen. Die ~episcopal church~ ist der Rest der einst hier herrschenden englischen Staatskirche, noch heute die Kirche der vornehmen und vornehm sein wollenden Leute. Die „Unitarier“ sind im Anfang des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die Dreieinigkeitslehre des Christentums entstanden. Die „~Christian Science~“ ist auch in Deutschland als Sekte der „Gesundbeter“ bekannt geworden. Die Swedenborgianer sind Anhänger des schwedischen mystisch-religiösen Philosophen Emmanuel Swedenborg. Führend im religiösen Volksleben scheinen im allgemeinen die Methodisten und Baptisten zu sein, in Neu-England mehr die Kongregationalisten, dazu kommt die englische Hochkirche unter den Reichen und unter den Deutschamerikanern die Lutheraner. Aber auch die meisten von ihnen teilen sich wieder in die verschiedensten Teilkirchen; auch die Baptisten und Methodisten sind mehrfach gespalten. Doch geht im ganzen durch das amerikanische Kirchenwesen heute durchaus ein Zug zur Einigung, vor allem auf sozialem und sittlichem Gebiete. So haben die Kirchen erst jüngst den Feldzug gegen den Alkohol gewonnen, wie sie einst ihr gewichtiges Wort gegen die Sklaven erhoben haben. Den praktisch-ethischen Fragen des Volkslebens mißt man drüben ein ganz anderes Gewicht in der Kirche bei als bei uns, während in Deutschland in der Vergangenheit sich alles in Glaubenskämpfen zerfleischte. Neben all diesen protestantischen Denominationen steht und wächst dank der jüngsten romanischen und östlichen Einwanderung immer machtvoller auch die römisch-katholische Kirche. Ein Kardinal ist ein Amerikaner. Die katholische Kirche übertrifft die größten protestantischen Kirchen noch an Bekennerzahl. Und sie ist, wie überall, ganz einheitlich.

Welchen Gottesdienst man aber auch besucht, die äußere Art desselben ist fast überall, abgesehen von den liturgisch reicheren Episkopalen und Lutheranern, sehr ähnlich oder gleich, selbst Swedenborgianer, Christian Science und Spiritualisten haben im allgemeinen denselben gottesdienstlichen Rahmen mit Lied, Gebet, Ansprache usw. übernommen. Außen an der Kirche gibt meist schon ein großes Plakat deutlich Auskunft über Name und Art der Gemeinde, über ihre Veranstaltungen, über Wohnung und Sprechstunden des Predigers u. dgl. In der Vorhalle findet man oft eine kleine Auslage von Büchern und Schriften, von denen die meisten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Beim Eingang empfängt uns einer der Ältesten oder ein sog. „~usher~“, ein jüngerer Herr mit weißer Nelke im Knopfloch, der uns zu einem freien Sitzplatz geleitet. Die Kirchenbänke sind mit Polstern belegt, aus bequemen und wohlgeformten Holzwerk -- nicht wie unsere jahrhundertalten steifen, harten Dorfkirchenbänke, von denen man oft mit Rückgrat- und Kreuzschmerzen aufsteht. In der Bank findet man Gesangbuch, Gebetbuch, ein Neues Testament, Schriften, ja wohl gar Fächer für die Damen bereitliegen! Also man liebt auch in der Kirche den Komfort und die Bequemlichkeit. Der Geistliche pflegt in einfachem schwarzen Rock ohne Talar an ein Sprechpult zu treten. Eigentliche Kanzeln haben nur die Katholiken, die Hochkirche und die Lutheraner. Auch ein Altar ist nur dort vorhanden. An dem Pulte wird gelesen, gebetet, gepredigt. Meist leitet guter Chorgesang den Gottesdienst ein. Dann spricht der Geistliche ein freies, längeres Gebet. An das Gebet schließt sich gewöhnlich eine Psalmenlesung, bei der Prediger und Gemeinde abwechselnd laut vorlesen. Ja, es kommt auch vor, daß ein Ältester oder sonst ein Laie die Schriftlesung hält. Danach erst setzt der Gemeindegesang ein, zu dem sich die Singenden von den Sitzen erheben! Frisch und rhythmisch, selten getragen, klingen die Choräle. Das +ganze+ Lied wird abgesungen, nicht nur etwa drei langatmige und langsam gespielte Strophen. Die Liedstrophen sind selbst kurz und knapp und entstammen +neueren+ religiösen Dichtern. Dem Liede folgt eine Solomusik und -- nicht zu vergessen -- das Kirchenopfer, das auf +offenen+ Tellern eingesammelt und zur Danksagung nach vorn an den Altartisch getragen wird. Ich sah auf den Opfertellern meist nur Silberstücke oder Dollarscheine! Von den Kollekten und Mitgliedsbeiträgen lebt ja die Gemeinde. Man weiß also rechnerisch, was man zu geben hat. Das Auftreten der Solosängerinnen auf offener Predigttribüne im Angesicht der Gemeinde wirkt allerdings theatralisch und reichlich reklamehaft. Die kirchliche Predigt behandelt zeitgemäße Themata. Man liest sie in der Zeitung oft absichtlich eigenartig formuliert angezeigt: „Gott am Totenbett eines Sperlings.“ „Nach dem Tode -- was dann?“ „Allein mit der Erinnerung.“ „Wie ein Mensch denkt.“ „Das Leben mit Flügeln.“ „Die Augen des Arztes.“ „Die Bergvision.“ „Christus und der Arbeiter.“ „Darwin und die Religion.“ „Das Göttliche der Selbstüberwindung“ usw. Die Prediger bevorzugen eine lebendige Sprechweise, anschauliche, aus dem Leben geschöpfte Darstellung voller Beispiele und praktischer Anwendung. Der amerikanische Prediger will in der Predigt packen, fesseln, werben und zur Tat veranlassen, weniger belehren, denn der Amerikaner bleibt Realist auch im Gottesdienst und läßt nie das wirkliche Leben aus dem Auge. So nehmen auch die Predigten Stellung zu allen Tagesfragen, den sozialen, politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ja sportlichen Ereignissen. Kein Thema ist verpönt. Gewandte Prediger genießen auch ein großes Ansehen. Teile ihrer Predigten drucken die Tageszeitungen ab und bringen -- echt amerikanisch -- ihr Bild dazu! Wenn auch nicht alle Amerikaner zu einer Kirche gehören, so doch alle, die irgendwie etwas gelten wollen und etwas sind. Es scheint mir drüben weniger Indifferenz und Abkehr von der Religion zu sein als in Europa trotz der starken wirtschaftlichen Interessen. Öffentliche Gebäude tragen sehr oft Bibelworte an der Stirnseite; keine öffentliche Feier beginnt ohne Gebet! Von der kirchlichen Regsamkeit mögen folgende Zahlen ein Bild geben: In Neuyork z. B. sind die Baptisten allein mit 51, die Lutheraner mit 45, die Methodisten mit 63, die Presbyterianer mit 57, die Hochkirche mit 93 (!), die katholische mit über 100, die jüdische Religion mit 26 Synagogen vertreten, die kleineren Denominationen ungerechnet. Man zählt in der Union etwa 200000 Kirchgemeinden mit etwa 150000 Kirchen und etwa 50 Millionen Sitzen. Es könnte also jeder Amerikaner einmal jeden Sonntag -- entweder morgens oder abends -- einen Sitz in einer Kirche finden! Deutsche Großstadtgemeinden haben oft 20-30 mal soviel Mitglieder als sie Kirchenplätze haben! Und doch sind die amerikanischen Kirchen eher besser besucht im Durchschnitt als die deutschen. Etwa 160000 Geistliche -- zehnmal mehr als das zwei Drittel so große Deutschland -- unterhalten die amerikanischen Gemeinden nebst 200 eigenen theologischen Seminaren. Da die Kirchen keine Verbindung mit dem Staate haben, so gibt es in den Schulen keinen Religionsunterricht. Nach welcher Glaubensart sollte er auch erteilt werden? Nur Andachten mit Gebet und Bibellektion +ohne+ Erklärung durch den Schulleiter sind daselbst gestattet. Den Ersatz des Religionsunterrichts bilden die überaus rührigen amerikanischen Sonntagsschulen, die über elf Millionen Kinder durch über eine Million freiwillige Hilfslehrkräfte unterrichten! Ist der Gottesdienst aus, so sieht man am Ausgang, in der Vorhalle, in den Gemeinderäumen die Gemeindeglieder noch länger verweilen, sich begrüßen und wie eine große Familie zusammenstehen und ihre Gedanken austauschen. An dem allgemeinen „~shake-hands~“ beteiligt sich auch der Geistliche. Wie oft ist nach einem Gottesdienst, den ich besuchte, der Prediger auch auf mich zugeeilt, weil er in mir den Neuling erkannte und für +seine+ Gemeinde zu gewinnen hoffte! Das kirchliche Gemeindeleben ist allerorts mit seiner Geselligkeit und seinen Vortragsabenden, Vereinen und Veranstaltungen sehr rege und vielseitig entwickelt. Es kommt vor, daß Gemeinden eigene Turnhallen und Speiseräume, Lesezimmer, ja Schwimmbäder für ihre Jugend besitzen!

Der Sonntagnachmittag verläuft ebenso still auch an den schönsten Sommernachmittagen wie der Vormittag. Der ganze deutsche Vergnügungsrummel samt Ausflugsverkehr, Tanzboden und Im-Gasthaus-sitzen ist drüben unbekannt. Auch Fußball, Tennis, ~base-ball~, die sonst so leidenschaftlich gespielt werden, ruhen am Sonntag. Die Theater spielen nicht; es herrscht „Sonntagsheiligung“ wie bei uns kaum an Karfreitag oder Totensonntag. Fußwanderungen unternimmt man auch nicht, höchstens ein ~auto-car-ride~. Man besucht sich, schaukelt im Schaukelstuhl, liest die umfängliche Sonntagszeitung oder in den ~magazines~ und geht womöglich des Abends nach dem ~supper~ um sieben, halb acht oder acht Uhr noch einmal zum Gottesdienst oder zu einem kirchlichen Vortrag.

Des Nachmittags findet man aber auch die Redner, religiöse und politische, in den großen öffentlichen Parks am Werke. So erinnere ich mich eines Novembernachmittags in Boston. Der Common lag kalt und herbstlich mit seinen entlaubten Bäumen da. Das stolze Freiheitsmonument schaute über den grünen Rasen. Es bildeten sich einige Menschengruppen in dem Parke. Auf einer Bank stand ein Sozialist; dreißig, vierzig Arbeiter um ihn herum. Mit volkstümlich packenden Worten suchte er seine Hörer für die bald fälligen Staatswahlen in Massachusetts zu gewinnen. „~Higher conditions, better wages!~“[13] war seine Parole. Hier und da warf ihm einer der Umstehenden eine Frage dazwischen. Der Redner wußte immer witzig und treffend zu antworten. Ich ging zur nächsten Gruppe. Sie war kleiner. Ein Heilsarmeesoldat stand dort in der Mitte, vor Kälte waren ihm Hände und Nase rot. Er sang aus einem zerflederten Liederbuche den Umstehenden vor, einige Gleichgesinnte begleiteten ihn, und zwar eine alte verschrumpelte Negerfrau, drei bleiche Männer in armseliger Kleidung, ein hungriger, an einer ~sweetpotato~ (Süßkartoffel) kauender Junge und eine schwarzgekleidete feinere Dame, während ringsumher andere lachten, rauchten und schwatzten. Die frommen Sänger taten mir leid. Nun trat ein weißhaariger Herr auf und erzählte von seiner „Bekehrung“ und seinem erfahrenen seelischen Glück. Man lauschte. Die Heilsarmeeleute bekräftigten seine Worte ständig mit „Amen“ und „Hallelujah“! Nach einem weiteren dünngesungenen Liede trat ein dritter, bleicher, untersetzter Mann auf und hielt die zweite geistliche Ansprache. Das Publikum, das sich angesammelt hatte, wandte sich zum Teil schon wieder zum Gehen. Aber der kleine Bleiche schrie unentwegt aus Leibeskräften: „Das Geld macht nicht selig; die Rockefeller und Vanderbilt fahren alle zur Hölle, wenn sie sich nicht bekehren.“ Seine Augen funkelten dabei, aber man nahm ihn nicht ernst. Als er geendet hatte, knieten die Heilsarmeeleute -- ein peinlicher Anblick -- vor den Umstehenden nieder und beteten laut für das Seelenheil aller Anwesenden, der Soldat mit dem zerflederten Liederbuch, das alte verschrumpelte Negerweib, der hungrige kauende Junge, die feine schwarze Dame, der weißhaarige geistliche Redner und die drei bleichen arbeitslosen Männer. Unwillig wandten sich die letzten weg; einige junge Burschen aber warfen sogar von hinten ihre ausgerauchten Zigarettenstummel auf die Betenden! Nur zwei Damen traten heran und drückten den vom Gebet Aufstehenden dankbar und anerkennend die Hand und beteiligten sich an dem Schlußgesang. Ich ging fort. So geht es der Religion auf der Straße. Mehr Achtung und Anerkennung verdient schon das soziale Wirken der Heilsarmee.

Es war schwer, am Sonntag um Mittag eine „~dairy~“ oder einen geöffneten „~lunchroom~“ zur Erquickung zu entdecken. In den Familien saß man jetzt am offenen Kaminfeuer beim traulichen Mittagstisch. Und als ich gar am Nachmittag den Versuch machte, in Ermangelung von Fußwegen auf der Landstraße einen Nachmittagsspaziergang aufs Land hinaus zu unternehmen, überschütteten mich die Autos dermaßen mit Straßenstaub, daß ich grau und weiß wie ein Müllerbursche mit meinen guten dunklen Sonntagskleidern wieder heimkam! Einmal, sagte ich mir, und nie wieder! Für was mich wohl die Insassen der Autos gehalten haben mögen? Gewiß für einen „armen dummen Deutschen“!

Boston mit seinen mancherlei geistigen und philosophisch-religiösen Bewegungen ist auch der Ursprung für die in der Welt so viel von sich reden machende Christian Science (christliche Wissenschaft), die am schnellsten von allen Sekten gewachsen ist. So war ich denn gespannt, auch sie in ihrer Heimat und am Orte ihrer Entstehung kennenzulernen. An einem der nächsten Sonntage besuchte ich ihren „Tempel“. Er ist unstreitig eine der schönsten und großartigsten Kirchengebäude in Amerika. Im Unterschied von den meisten anderen Kirchen ist es eine mächtige, imponierende, etwas an den Berliner Dom erinnernde Kuppelkirche im Barockstil, die an 3000-4000 Menschen faßt. Weißer Marmor verleiht dem Innern großartige Feierlichkeit. Dreifache balkonartige Galerien, wie wir sie in unseren Opern gewöhnt sind, laufen an drei Seiten der Rundung um. Die vierte Seite wird von einer gewaltigen Orgel eingenommen, deren Marmorseiten in mächtigen Lettern an der einen die Bibelstelle von dem Geist als dem Tröster und an der anderen ein entsprechendes Wort der Gründerin der Sekte tragen. Christus und die Gründerin der Sekte, Mrs. Mary Baker-Eddy, stehen in gleichem kanonischen Ansehen, so wie aus der Bibel und dem von ihr herausgegebenen „Textbuch“ stets unmittelbar neben- und nacheinander im Gottesdienst vorgelesen wird.