Quer durch Amerika

Part 24

Chapter 243,514 wordsPublic domain

Im Zug schliefen sie jetzt wie die Fliegen an warmer Wand ihren Nachmittagsschlaf. Ich bin der einzige, der noch krampfhaft und interessiert hinaus ins Land schaut. Auch der Japaner hat längst sein blaugebundenes Buch mit den seltsamen Runen zugeklappt. Die weißhaarigen Damen haben längst den Rest ihrer opulenten Mahlzeiten in ihre Körbe versteckt und die Rotweinflaschen wieder zugekorkt. Auch die Chinesen lehnen gedrückt und müde in einer Ecke. Die Lady, die ihr Billett verloren, hat resigniert die Augenlider heruntergelassen wie müde Fensterläden, hinter denen Lebensverdrossenheit wohnt. Die deutschen Buben, die nach dem „Wasser in de’ Pump’“ frugen, spielen auch schon lange nicht mehr. Alles schläft. Es ist ja auch nichts zu versäumen. Es steigt niemand weder aus noch ein. Der Zug schlingert so durch die Sandwüste wie ein Schiff bei Windstille über das Meer. Man weiß es eben wieder nicht mehr anders, als daß man fährt und fährt und immer wieder fährt. Jeder hat sich in seiner Weise in sein Eisenbahnschicksal ergeben ...

Es ist Goldgräberland, das wir jetzt durchfahren. Verlassene Minen und Bergwerke wechseln mit neuaufblühenden. Manchmal ist eine Siedlung schon auf den Sand hingestellt, aber es sind noch keine Menschen da, drin zu wohnen! Alles sieht aus, wie aus einer Holzbaukastenschachtel putzig, schematisch aufgebaut bis auf die kleine weiße Holzkirche, die nicht fehlen darf. Im ganzen wohnt hier ein robustes und skrupelloses Geschlecht, die Nachkommen echter Abenteurer, wilder Spekulanten, denen Spiel um Geld Sport war und noch ist und der Revolver oft gar leicht und lose im Gürtel sitzt ...

Wer hier zu Fuß gehen wollte! Er könnte wie durch die Sahara waten und verdursten. Den einzigen Schatten wirft weite Strecken nur der Zug. Rötlich schimmern die Felsengipfel. Dann wieder einmal ein paar armselige Hütten mit Menschen darin. Station Paran. Auf dem „Bahnsteig“ am Zug spielen hemdärmlig einige Burschen Fußball! Er ist der einzige planierte Platz. Der Bahn entlang reitet durch den Sand ein Herr und eine Dame im Tropenhelm! Die Sonne steht hoch, die Berge werden immer höher und steiler. Immer neue Berge und Wüsten tauchen im Vorblick auf. Kein Europäer hat ja eine Ahnung, wieviel Tagefahrten +breit+ „das Felsengebirge“ ist, welche riesigen Hochebenen zwischen den drei Hauptgebirgszügen desselben liegen, deren Streifen scheinbar schmalfurchig von Norden nach Süden ziehen! Wieviel Schweiß muß es hier einst gekostet haben, diese Bahn durch die Einöden zu bauen!

So kommt wieder der Abend heran. Wir fahren unentwegt. Wir haben längst schon wieder „~Mountain-time~“ und die Uhr eine Stunde vorgerückt. Der erste Abend bricht an, da uns die Sonne nicht mehr im Rücken, sondern wieder im Angesicht aufgeht -- eine Weissagung auf Heimkehr! Die sandige Wüste färbt sich abendlich graugrün. Die Chinesen sind in ihrer Ecke erwacht und kauderwelschen laut miteinander in der stolzen Sicherheit, daß sie niemand versteht. Mein Japaner liest seinem Kind aus dem blauen Buch vor. Die ältlichen Damen breiten zum Abendessen wieder ihre saubere Serviette aus und entkorken wieder die Rotweinflaschen. Unentwegte Raucher suchen für eine Weile das kleine Rauchabteil auf. Wem es nicht aufs Geld ankommt, der folgt jetzt dem „~last call for dinner~“[28] des Kellners in den Speisewagen. Die Kinder balgen sich wieder im Mittelgang. Mit dem Abend erwacht alles Leben ...

Wir halten an einer Bahnkreuzung. Eine Reihe immer dünner werdender Telegraphenstangen weist durch die Wüste gegen die Berge ins Wegelose ... Der Lehmboden rings ist trocken und rissig. Jeder Zentimeter Regen und Schnee bedeutet hier Brot. Allmählich bricht Dunkelheit an. Wir fahren immer noch in einer Höhe von 1000 bis 1500 ~m~. In der Dämmerung sehe ich noch durstiges Rindvieh in einem trockenen „~creek~“ stehen. Niedrige Büsche werfen lange dunkle Schatten. Einige weiße Zelte leuchten im grellen Mondschein. Sind es Bahnarbeiter, Hirten, Goldgräber?

Dann klettere ich -- zum wievielten Male? -- wieder einmal in meine „~upper berth~“. Der Salonwagen hat sich wieder in einen Schlafsaal schnarchender Nasen verwandelt.

* * * * *

Am zweiten Morgen wieder eine völlige Verwandlung! Als ich erwacht bin und aus dem Fenster sehe, ist es lichter Morgen. Vom blauen Himmel scheint helle Morgensonne, die noch nicht lange aufgegangen sein kann, und -- ist es Traum, Vision oder Wirklichkeit? -- wir fahren, obwohl noch immer im Eisenbahnzug, mitten durch einen herrlich weiten glänzendblau schimmernden See, der sich bis an die schneebedeckten Berge der Wasatch Mountains verliert. Rechts und links spülen die Wasser an den mäßig über dem Wasserspiegel erhöhten Bahndamm. Er scheint künstlich aufgeworfen, auf Pfählen und Holzbrücken errichtet. Stundenlang rollen wir so im glitzernden Morgensonnenschein mitten über den großen Salzsee! Vor einigen Jahren hat nämlich die Southern Pacific-Eisenbahn, um die Route nach Kalifornien um 70 km abzukürzen, den Schienenweg auf 37 ~km~ langer Holzbrücke mitten durch den an seinen tiefsten Stellen nur 11 ~m~ tiefen, aber 6000 ~qkm~ großen[29], etwa 100 ~km~ langen und 60 ~km~ breiten Salzsee (~Great Salt Lake~) gelegt. Sein Wasserspiegel liegt immer noch 1280 ~m~ über dem Meere! Wir befinden uns also wiederum auf einer der riesigen Hochebenen zwischen den Hauptgebirgszügen des Felsengebirges, dem Zentrum des Mormonenstaates „Utah“, eines Staates, der selbst halb so groß wie Kalifornien ist. Als wir den See überquert haben, eilt der Zug durch die lachendsten und wohlangebautesten Fluren und Felder, die den denkbar stärksten Gegensatz zu den unfruchtbaren Wüsten Nevadas bilden.

Ein wahres Kulturparadies breitete sich auf einmal um uns aus, das einem wie einst das „gelobte Land“ den Israeliten erschien, als sie aus der Sinaiwüste heranzogen. Der Schöpfer dieses Paradieses, das vor dreiviertel Jahrhunderten genau so trostlose Wüste wie der größte Teil Nevadas war, ist die eigenartige Sekte der „Mormonen“ oder, wie sie sich selbst nennen, der „Heiligen Jesu Christi der letzten Tage“. Wir hielten zuerst in der ein wenig vom See landeinwärts gelegenen mittelgroßen Mormonenstadt Ogden. Hinter uns lag der schimmernde Salzsee, vor uns wie ein Schweizer Bild die schneebedeckten Wasatch Mountains. In Ogden verließ ich die Hauptroute nach Chikago, um nach der Hauptstadt der Mormonen, der Großen Salzseestadt umzusteigen. Auf sie war ich allerdings schon lange sehr gespannt. Da ich eine Stunde Aufenthalt in Ogden hatte, ging ich etwas in das Städtchen hinein. Nichts Sonderliches war außer einer Mormonenkirche zu bemerken. Überall ruhige Sauberkeit und breite Straßen.

Nach einer weiteren Stunde südlicher Fahrt war Salt Lake City erreicht. Auch zwischen Ogden und Salt Lake City liegen prächtige Feldfluren zwischen wohlgepflegten Pappelreihen, unter denen wohlgebaute gerade Landstraßen hinführen. Allen Reisenden, die einstiegen, und denen, die man draußen erblickte, schaute ich immer mit der stillen Frage ins Gesicht: „Bist du ein Mormone oder nicht? Sehen so die Mormonen aus?“ Ich meinte immer, man müßte es ihnen von außen schon an einer Art sonderbaren Wesens ansehen. Aber das war keineswegs der Fall.

So war es morgens acht Uhr geworden. Klopfenden Herzens steige ich in Salt Lake City aus. Mir war es, als käme ich jetzt in die Stadt des Dalai Lama. Die Lage ist ja derselben nicht so ganz unähnlich. Ich empfand so, wie wir uns in Rom aufmachten, um über den Tiber in das Trastevere zu gehen und in das heilige Viertel des Vatikans und der Peterskirche einzudringen. Mußte nicht dort, so dachte ich, jeder Stein im Pflaster von besonderer Heiligkeit reden und die Luft rings gleichsam geschwängert sein von Andacht? Mit ähnlichen Spannungsgefühlen trat ich aus dem Bahnhof in Salt Lake City auf die sehr breite Hauptstraße und hatte sofort nach wenigen Minuten nach Durchschreitung einiger Bahnhofsquartiere den Eindruck, zum ersten Male in einer peinlich sauberen und trotz ihrer 100000 Einwohner stillen und ruhigen amerikanischen Stadt zu sein, dazu in malerischster Umgebung. Von gesteigerter Heiligkeit war noch nichts zu bemerken! Die Menschen kauften und verkauften, gingen, fuhren, redeten genau wie in anderen Städten der Weltkinder. Heilig schienen mir die schneebedeckten Berge, die hier wie in Innsbruck die Schneehäupter zur Maria-Theresienstraße hereinschauen. So endet auch in dieser Stadt der Blick meist an den schneebedeckten Wasatch, die südlich bis zum Grand Cañon reichen! Schon in Ogden hatte mir ein eifriger Postkartenverkäufer auf der Straße seine Karten von den Wasatch Mountains mit den Worten angepriesen: „~The finest mountain-view +in the world+!~“ Selbstverständlich!

Ich schritt indessen in das Stadtinnere bis zu dem gebietenden Denkmal Brigham Youngs, des kraftvollen Nachfolgers des „Propheten“ Joseph Smith, des Gründers des Mormonismus. Dann stehe ich in dem heiligen Bezirk der Mormonen, dem „Tempelblock“ selbst, der von einer langen quadratischen Mauer umgeben ist. Aus ihrem Innern erhebt sich mächtig der vieltürmige Tempel und das riesenschildkrötenartig gewölbte Dach des sogenannten „~tabernacle~“. So stehe ich jetzt an der Stelle, die den Mormonen so heilig und zentral ist wie Rom den Katholiken, wie die Kaaba den Mohammedanern, der Tempelplatz in Jerusalem den Juden und Olympia den Griechen. Aus dem nahegelegenen Mormonenkollege aber strömen gerade die Schüler aus der Morgenandacht.

Echt amerikanisch begibt man sich zur Besichtigung des Tempelbezirks zunächst in das „~information-bureau~“, wo die Einlaßkarten und Führer zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten zu haben sind. Geld und Geschäft hat bis jetzt keine heilige Stätte der Welt verschont, auch die der Mormonen nicht. Christus schwingt noch immer seine Geißel umsonst.

Unter einem Stimmengeschwirr von Menschen werden wir dann in das „Tabernakel“ geleitet. Wir treten durch die niedrigen Backsteinpfeiler ein; treppauf geht es auf die Galerie in das Innere. Es öffnet sich ein kahler Riesenraum, den eine einzige Deckenwölbung überspannt und der an 10000 Sitzplätze faßt! Den einzigen Schmuck des Raumes bildet eine mächtige Orgel, an der ein großer Stern mit der Umschrift „Utah 1896“ angebracht ist. Denn in diesem Jahr wurde das bis dahin mehr oder weniger unabhängige Mormonenterritorium als Staat in die Union aufgenommen. Von der Orgel reichen etwa 500 Personen fassende Sitzreihen die Orgelbühne herab, die nur Sitze für Priester und mormonische geistliche Würdenträger enthalten. Denn unter den Mormonen hat fast jeder zehnte Mann irgendeine priesterliche Würde. Das Tabernakel dient zu Gottesdiensten und auch für große Konzert- und Vortragsveranstaltungen. Die Akustik ist trotz des riesigen Raums dank seiner ovalen Anlage und seiner ungestützten hölzernen Wölbung vorzüglich. Man hört auch nur leise gesprochene Worte bis in entfernte Ecken! Das Tabernakel wurde bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut, ein Zeugnis des Selbstbewußtseins der Mormonen, deren Stadt damals kaum soviel Einwohner zählte als der Raum Sitze! Am Tempel selbst aber baute man von 1873 an Jahrzehnte hindurch.

Wir treten wieder unter den 44 Backsteinpfeilern, den kurzen Füßen der hölzernen Riesenschildkröte, hervor und begeben uns zum „Tempel“, den wir aber von innen nicht besichtigen dürfen! Kein profaner Blick von „Heiden“ (d. h. Nichtmormonen) darf ihn beschauen, ja selbst nicht einmal jeder Mormone kommt in sein Inneres! Als mächtiger sechstürmiger Bau, dessen höchsten Mittelturm eine große Bronzestatue des Engels „Moroni“ krönt, erhebt er sich -- freilich ohne erkennbaren Stil -- aus dem Grün des schön angelegten Tempelblocks und überragt weithin die Stadt. Er ist keine eigentlich allgemein gottesdienstliche Stätte, sondern dazu bestimmt, der Tempel „des neuen Zion“ zu sein, wo Christus, wenn er in Bälde zum Weltgericht wiederkommt, seinen Thron aufschlagen und das Gericht über die sündige Welt abhalten wird. Etwa vierzig Jahre wurde am „Tempel“ gebaut; vier Millionen Dollar hat er gekostet! Er soll innen aufs prächtigste mit kostbarstem Marmor und edlen Steinen geschmückt sein, erzählte man mir. Je schwieriger es ist, ihn zu betreten, desto geheimnisvoller erscheint das gewöhnlichen Sterblichen verschlossene Bauwerk. Nur Mormonen höheren Grades kommen in ihn anläßlich mormonischer „Versiegelungen“ für die Ewigkeit und „Taufen für Verstorbene“ hinein. Ich hatte vor, -- auch amerikanisch! -- geradewegs dem Präsidenten der Mormonenkirche, also gewissermaßen dem Papst von Salt Lake City einen Besuch zu machen und ihn angesichts meiner weiten Reise um einen Blick in das Tempelinnere zu bitten, aber wahrscheinlich hätte auch das mir nichts geholfen. Aber vielleicht hätte er mich an seine Tafel geladen? Schade, daß ich es nicht versuchte! Da hätte ich alles leicht aus erster und bester Quelle erfahren, was ich zu wissen wünschte.

Unsere gesprächige Führerin, die uns auch noch eine kleinere Mormonenkirche, die sogenannte „~assembly hall~“ aufschloß, die immerhin auch 3000 Personen faßte, und zuletzt uns noch einmal zu einem imponierenden Orgelkonzert ins „Tabernakel“ einließ, hatte natürlich auf recht viele Fragen der Besucher zu antworten. Alles bestürmte sie förmlich um Auskunft über das Wesen und die Lehren des Mormonismus. Ihre Auskünfte waren natürlich nur sehr bruchstückartig und unzusammenhängend, ebenso wie die an sie gestellten Fragen. Aber sie blieb unermüdlich und unerschütterlich: „Der Mormonismus ist wahr! Er ist nicht von Menschen gemacht. Er stammt aus direkter göttlicher Offenbarung. Die christlichen Kirchen sind vom wahren Christentum abgefallen. Die ganze Geschichte der christlichen Kirche ist nichts als ein großer Abfall. J. Smith bekam von Gott durch seinen Engel Autorität, die wahre Religion der Bibel wiederherzustellen und das echte aaronitische Priestertum zu erneuern. Auch die ‚Ordnungen‘ der Ämter hat die Kirche unrechterweise geändert. Die Taufe darf z. B. nicht an kleine Kinder nach mormonischer Meinung erteilt werden! Die Mormonenkirche tauft erst achtjährige Kinder. Es gibt auch eine Taufe für ungetauft Verstorbene. Die Handlung der Buße hat sie erneuert. Die Trauung ist gültig auch für das ewige Leben. Eine Mehrehe -- der große Streitpunkt -- habe auch Jesus nicht ausdrücklich verboten, im Alten Testament wurde sie sogar von den Erzvätern geübt! Seit 1896 ist freilich die Mehrehe durch Aufnahme in die amerikanische Union öffentlich verboten; geübt wurde sie bis dahin auch nur von zwei bis fünf Prozent der Mormonen. Und Salomo hatte doch auch sogar -- darauf wies die Sprecherin nachdrücklich hin -- 1000 Weiber! Jeder Mormone hat an seine Kirche den ‚Zehnten‘ abzuliefern. Gott offenbart sich fort und fort durch Propheten, so war auch Joseph Smith beauftragt, neue Offenbarungen zu geben.“ Das ist einiges von den bruchstückartigen Darlegungen der Führerin auf die an sie gestellten Fragen.

Mir genügte das freilich nicht. Im ~information-bureau~ kaufte ich mir daher zunächst eine Mormonenbibel „~the book of Mormon~“, in dem ich auf meiner Weiterfahrt sehr eifrig las, ein kleines schwarzeingebundenes Buch ungefähr im halben Umfang unserer Bibel. Außerdem eine Darlegung der mormonischen Lehre von einem mormonischen Theologen. Und endlich schenkte mir in demselben Bureau ein alter Mecklenburger, als er mein intensives Interesse wahrnahm und mich als Deutschen erkannte, noch eine Schrift „~the great apostasy~“, in der die Geschichte der Kirche als „der große Abfall“ von dem wahren Evangelium dargestellt wird. Der Mecklenburger schüttelte mir bewegt die Hand, ich möchte auch noch zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und schloß mit dem Bekenntnis: „~My heart feels satisfied~“. Neuerdings hat Professor Eduard Meyer anläßlich seines Aufenthalts in der Union eingehende Studien über den +Mormonismus+ angestellt und veröffentlicht. Danach ergibt sich geschichtlich das Folgende, das sowohl für die Geschichte und Zustände der Union als auch die religiöse Mentalität drüben im Ganzen äußerst charakteristisch ist:

Der Gründer der Mormonensekte, Joseph Smith, ist am 23. Dezember 1805 als vierter von neun Geschwistern in dem Dorf Sharan im Staate Vermont geboren. Sein Vater war -- echt amerikanisch -- bald Handelsmann, bald auch Schullehrer. Ruhelos zog er von Ort zu Ort und ist nie zu beständigen Verhältnissen gelangt. 1815 siedelte er nach Palmyra im Staate Neuyork über, darauf nach Manchester, N. Y. Die Mutter des Propheten, Lucy Smith, war ebenfalls die Tochter eines Abenteurers namens Salomon Mack, der erst bei einem Bauern arbeitete, dann Soldat und Marketender in den Indianerkämpfen und Religionskriegen des ausgehenden 18. Jahrhunderts war, später als Matrose diente und zuletzt um 1810 als fast Achtzigjähriger in höchst fehlerhafter und unorthographischer Sprache eine Erzählung seines Lebens mit mancherlei Träumen und Visionen herausgab! Dieses Erbteil ging auf die Mutter des Propheten über, die zeitlebens an Visionen litt und ihren Sohn überlebte († 1856). Auch sie gab von ihren inneren Erlebnissen in einer Selbstbiographie Kunde. Religiöse Fragen haben das Elternpaar stets beschäftigt; auch Vater Smith erlebte allein sieben Visionen. Der Eltern äußere Lebensumstände können gar nicht armselig genug gedacht werden, und doch waren in ihrer Hütte wie in den meisten amerikanischen vor über 100 Jahren die Axt und die Bibel die am meisten gebrauchten Gegenstände. Von diesen Eltern, von beiden Seiten her also aufs stärkste visionär erblich belastet, stammte der „Prophet“. Schulbildung hat er bei dem ständigen Umherziehen seines Vaters nur vorübergehend genossen; Lesen und Schreiben konnte er Zeit seines Lebens nur dürftig; an Träume und Visionen glaubte er seit frühester Jugend. Und schon früh bedrückte sein religiöses Gemüt die Frage, welche von den vielen Sekten wohl die rechte sei oder ob sie nicht alle von der Wahrheit abgefallen seien und die rechte Religion erst wieder entdeckt werden müßte ...

An einem schönen Frühjahrsmorgen 1820 -- so heißt es in seiner Lebensbeschreibung -- sei er fünfzehnjährig in den Wald gegangen und habe Gott um Erleuchtung über die Wahrheit angefleht. Da habe ihn zuerst dichte Finsternis umgeben und seine Zunge sei wie gefesselt gewesen, aber dann habe sich eine Lichtsäule auf ihn herabgesenkt, in der zwei verklärte Gestalten sichtbar wurden. Die eine sagte ihm, alle Sekten seien im Irrtum, keiner solte er sich anschließen, vielmehr sei +er+ berufen, die rechte Kirche erst zu gründen. Erwacht fand er sich allein auf dem Boden liegend, die Augen gen Himmel gerichtet ...

Mit 18 Jahren (1823) folgte eine neue wichtige Vision, in der ihm lichtumflossen der Engel „Moroni“, der heute als Bronzefigur den Tempel krönt, erschien und anwies, nach dem Hügel Cumorah bei Manchester, N. Y., zu gehen. Dort werde er beim Graben zwei goldene Platten finden, die mit geheimnisvoller Schrift bedeckt seien. Dreimal erschien ihm der Engel Moroni bei der Nacht, und noch ein viertes Mal am Tage bei der Feldarbeit, wo er neben seinem Vater ohnmächtig wurde. Noch an demselben Tage habe Smith den Hügel aufgesucht, die Platten gefunden, aber der Engel habe ihm verboten, +jetzt schon+ die Platten zu heben!

In den folgenden Jahren verdingte sich Smith zur Feldarbeit wie sein Vater, wird aber als schmutzig, scheu und träge, ja dem Trunk ergeben geschildert. Er benutzt seine visionären Kräfte, um nach Schätzen zu graben, verlorene oder gestohlene Sachen wieder herbeizuschaffen. Dabei diente ihm ein durchsichtiger Kristall („~peek-stone~“), den er in seinen vor die Augen gehaltenen Hut legte, worauf er die gesuchten Dinge in dem Kristall sah[30]. Mit 21 Jahren verheiratete sich Smith und erhielt nun von dem Engel die Erlaubnis, den Schatz zu heben.

Im nächsten Jahr, Februar 1828, beginnt J. Smith mit einigen Freunden, Farmern wie er, Martin Harris, dem Schullehrer Oliver Cowdery und David Whitmer, selber hinter einem Vorhang sitzend (!), das Mormonenbuch, die goldenen Tafeln mit Hilfe seines „Gucksteins“ übersetzend, zu diktieren. 1829 war das Buch fertig und wurde 1830 veröffentlicht. M. Harris, obgleich gewarnt, hatte das Geld zum Druck dazu hergegeben.

Was ist’s nun mit diesen geheimnisvollen Tafeln? Niemand hat sie je mit irdischen Augen gesehen. J. Smith behauptet, daß sie in einer Kiste in seinem Hause gelegen haben. Der Engel aber hatte dem Propheten verboten, sie jemand zu zeigen! Nachdem die „Übersetzung“ fertig war, wurden die Tafeln dem Engel Moroni „zurückgegeben“! Aber die Freunde bestanden darauf, sie zu sehen. So hat J. Smith eines Tages in einer Vision ihren Anblick vermittelt. Das bezeugen sie schriftlich auf der ersten Seite des Mormonenbuches. Aus all dem folgt, daß die Offenbarungstafeln wohl nie existiert haben, daß aber der „Prophet“ visionär sie gesehen und an ihr Vorhandensein geglaubt hat.

Und was ist der Inhalt dieser „Mormonenbibel“? Ich habe mich nach der Abfahrt von der Salzseestadt viele Stunden im Eisenbahnwagen redlich bemüht, ihren Inhalt in mich aufzunehmen, aber über 30, 40 Seiten habe ich es nicht hinaus gebracht, so langweilig, inhaltslos und grotesk und geschichtlich unmöglich ist der Inhalt. Das Mormonenbuch ist wie die Bibel in Bücher, Kapitel und Verse eingeteilt. Sein Stil erinnert stark an das Alte Testament. Im ganzen will es ein Bericht über die Schicksale der bei der Eroberung Samarias 722 v. Chr. verschollenen zehn Nordstämme des Volkes Israel sein, die nach den mannigfachsten Irrfahrten und Kriegszügen nach Nordamerika gekommen seien und deren Nachkommen niemand anders als -- die Indianer geworden wären! Man denke sich, die Indianer Nachkommen der alten Juden!! Das bestätigt gewiß auch die gegenseitige Rasseähnlichkeit!? Auch Christus ist, wie Smith glaubte, nach Ostern auf dem amerikanischen Kontinent erschienen und hatte ihm die Offenbarung der wahren Religion gegeben. Nur sind seine rechtgläubigen Anhänger in Amerika aufgerieben worden, und seine Offenbarung wäre verschollen, wenn nicht der letzte Prophet „Mormon“ und sein Sohn, der Engel Moroni sie auf jene Tafeln aufgezeichnet und vergraben hätten, bis sie J. Smith wieder fände. Diese Bibel des Propheten Mormon, von J. Smith erneuert, sei die Bibel für Amerika, ja für die Welt. Eine ganz abstruse und unmögliche Sache!

Woher aber stammt dieser Inhalt des Mormonenbuches? Das schlechte und fehlerhafte Englisch und die absurden geschichtlichen Ideen lassen niemand anders als J. Smith selbst als Verfasser erwarten. Das Buch ist der Spiegel seines ererbten visionären Fabuliertalents und seiner vollständigen Unkenntnis der wirklichen Geschichte des amerikanischen Kontinents und der Welt. Aber wie ist es möglich, wird man fragen, daß ein solches Buch überhaupt Glauben fand? Nun im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter den ungebildeten und schwärmerischen Abenteurern ist es für Amerika nicht unbegreiflich, zugleich in einer Zeit der stürmischsten und die Menschen wie eine Psychose ergreifenden Erweckungsversammlungen (~camp-meetings~, ~revivals~); ebensowenig angesichts der ungeschichtlichen naiven Gläubigkeit des Amerikaners allem gegenüber, was sich als alt und uralt ausgibt, weil man ja selbst in einem fast vollkommen geschichtslosen neuen Lande lebt. Es ist also nicht nötig, zu der Vermutung zu greifen, die man lange geteilt hat, Smiths Buch sei ein Abklatsch eines Romans eines puritanischen Predigers Spaulding, dessen Manuskript wiederum ein Buchdrucker Rigdon dem Propheten in die Hände gespielt habe. Das seit 1885 bekannte Manuskript Spauldings zeigt nur äußere Ähnlichkeiten in Stil und Herkunft, aber gar nicht im religiösen Inhalt.