Part 25
Wie ist es danach zu einer eigenen Mormonen+kirche+ gekommen? Unmittelbar nach Fertigstellung des Mormonenbuches begann eine Propaganda für den neuen Glauben im Staate Neuyork. J. Smith war überzeugt, daß seine Anhängerschaft zur Weltherrschaft berufen sei! Ein solch phantastischer Traum ist auf dem amerikanischen Kontinent und auf dem Gesinnungsboden eines „auserwählten Volkes“ durchaus begreiflich. J. Smith verkündete bald die Nähe des „1000jährigen Reiches“ und setzte seine Mission im Staate Ohio fort. Immer neue Orakel verkündete er. Seinen Anhängern wurden auch wunderbare Heilungen nachgesagt. Von Ohio ging ein Teil der Gläubigen bis nach Kansas und Missouri. Aber 1832 begannen auch schon die ersten Verfolgungen der „Heiligen“ durch „die Heiden“. Smith und sein Freund Rigdon wurden in einer Nacht aus dem Bett gerissen, auf die Straße geschleift -- einer der nicht wenigen Fälle von amerikanischer Lynchjustiz -- mit Teer beschmiert und zum Spott mit Federn ausstaffiert! Den Mormonen in Missouri warf man die Fenster ein, zündete ihr Heu an und schoß in ihre Häuser! Die Staatsregierung unternahm zunächst nichts. Aber je mehr die Mormonen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus. Auch J. Smith machten die Verfolgungen in seiner Überzeugung nicht irre. Im Gegenteil. 1834 forderte der „Prophet“ seine Anhänger zum Abzug auf, er selbst organisierte sie militärisch als ihr „General“! Die Mormonen verschanzten sich gegen anrückende Regierungstruppen in einem festen Lager in Missouri, wurden jedoch umzingelt und mußten sich der amerikanischen Miliz ergeben. Smith wanderte ins Gefängnis. Das Todesurteil wurde über ihn 1838 verkündet, aber nicht vollstreckt! Smith entfloh, seine Anhänger sammelten sich in Nauvoo in Illinois, das damals noch ganz unkultiviert war. Nauvoo sollte nun der Sitz des neuen Zion und des Tempels werden. Aber auch hier war ihres Bleibens nicht lange. Zu großem Anstoß führte die jetzt schon eifrig geübte Polygamie! Seit 1843 rechtfertigte sie der Prophet und übte sie selbst. Die „mit Heiligen versiegelten“ Frauen würden bestimmt des ewigen Lebens teilhaftig! So sollen sich nach Smiths Tod 27 Frauen gerühmt haben, dem Propheten „angesiegelt“ gewesen zu sein! 1844 wurde J. Smith von seinen Anhängern sogar ernsthaft als Kandidat für die Präsidentschaft der Union aufgestellt!! Smith stand auf der Höhe seiner Erfolge. Eine Druckerei, die ihn schmähende Artikel und Zeitungen erscheinen ließ, ließ er zerstören und erklärte der Union den Krieg, die ihn zur Verantwortung ziehen wollte! Dann aber nahm er eingeschüchtert die Kriegserklärung wieder zurück und entfloh ins Felsengebirge. Seine Anhänger verlangten aber von ihm, daß er sich freiwillig den amerikanischen Gerichten stelle! Er tat es und ahnte sein Endschicksal voraus. Er wurde des Hochverrats für schuldig erklärt und eingekerkert. Obwohl das Gefängnis von amerikanischer Miliz bewacht wurde, drangen am 27. 6. 44. nachmittags fünf Uhr 200 abenteuerliche Gesellen mit geschwärzten Gesichtern ein und erschossen den Propheten in seiner Zelle, in der er sich vergebens zur Wehr setzte. Er wurde in Nauvoo begraben und war so, 39 Jahre alt, für seine Überzeugung den Märtyrertod gestorben.
Aber damit ging der Mormonismus nicht unter. Im Gegenteil, er blühte erst recht auf. In Brigham Young, dessen Denkmal mit Recht im Mittelpunkt der Salzseestadt steht, erhielt das Mormonentum einen äußerst tatkräftigen und zielbewußten und vor allem organisatorisch hervorragend begabten Führer, der die Mormonen aus Nauvoo hinweg unter viel Mühsalen und Beschwerden bis in die damals noch völlig unbewohnten Einöden am Großen Salzsee führte. Hier entstand bald mit Hilfe künstlicher Bewässerung ein Kranz blühender und fleißiger Dörfer. Merkwürdigerweise trennte sich Smiths Frau und Mutter mit den Kindern von des „Propheten“ Gemeinde und gründeten eine reformierte Mormonenkirche! Einer der Brüder Smiths wurde sogar aus der Kirche der „Heiligen“ ausgestoßen! Young, vier Jahre älter als der Prophet, leitete die Mormonenkirche bis 1877. Von Hause aus war er Tischler und Glaser. Unter ihm erst wurde das anstößige Dogma von der Polygamie öffentlich verkündet (1852).
Man begnügte sich bald nicht mehr nur mit den Siedlungen am Salzsee, deren Fruchtbarkeit von allen Seiten Landsucher anlockte, sondern schickte auch Sendboten nach Europa! Young verschönte und vergrößerte auch die Hauptstadt, er baute das „Tabernakel“ und legte den Grundstein zum „Tempel“. Mit den umwohnenden Indianern, in denen man ja die Nachkommen des auserwählten Volkes Israel sah, verbündete sich Young und hielt mit ihnen zusammen lange Zeit die amerikanischen Regierungstruppen in Schach. Utah war selbständiges Territorium. Young übte die Rechte eines Gouverneurs aus. Er war zugleich Präsident des Staates +und+ der Kirche. Die Gerichte urteilten nach seinen Weisungen und zuweilen mußten Verbrechen durch freiwilligen Tod gesühnt werden! Von den nach Kalifornien strömenden Goldsuchern erhob man hohe Durchgangszölle. Die Landsuchenden hielt man in Abhängigkeit, indem die Kirche selbst das Land verpachtete. Aber die Einöde um den Salzsee verwandelte sich bald in ein Kulturparadies, das ich selbst mit Augen sah. So wurde Salt Lake City eine der saubersten und schönsten Städte der Union. Die Industrie blieb hier noch lange ganz fern.
Young hielt auch auf straffe sittliche Zucht. Die Stadt wurde in Bezirke eingeteilt, denen Bischöfe und Priester vorstanden. Sie hatten das Leben sämtlicher Familien streng zu kontrollieren. Völlerei, Diebstahl, Betrug, Meineid, Fluchen und Würfelspiel -- sonst vielgeübt -- waren hier Seltenheiten. Als 1867 die Bahn nach dem Stillen Ozean gebaut wurde, hörte Utah auf, von der Welt abgeschnitten zu sein. Der Durchgangsverkehr stieg gewaltig. 1890 erteilte der amerikanische Staat Amnestie an alle Polygamisten. 1896 wurde Utah als Staat der Union eingegliedert. Der Traum eines mormonischen Weltstaates mit Salt Lake City als Mittelpunkt war damit ausgeträumt. Übrig blieb nun der religiöse Mormonismus als Sekte wie der religiöse Katholizismus nach Aufhebung des selbständigen römischen Kirchenstaats. Heute mögen die Anhänger des Mormonismus in aller Welt eine halbe Million betragen. In Salt Lake City selbst haben sie dank der Einwanderung nicht mehr die Majorität. Eine ganze Reihe Kirchen anderer Sekten wie der Presbyterianer, der Methodisten usw. erheben sich auch jetzt daselbst. Aber etwa 2000 mormonische Missionare durchziehen die Welt und werben für J. Smiths Lehre und Sendung. In Deutschland und der Schweiz soll es etwa 5000 Mormonen geben, deren heißeste Sehnsucht es ist, einmal nach Salt Lake City zu kommen und im Schatten des Tempels zu sterben ...
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Ich hatte die Stadt durchschritten und stand am sogenannten „Eagle-Gate“ (Adler-Tor), das sich aus vier eisernen Bogen bestehend, vom Unionsadler gekrönt, angeblich über „die längste Straße der Welt“ spannt dicht beim Grab des mächtigen Brigham Young. Salt Lake City ist so modern geworden, daß sich auch schon ein paar stattliche Wolkenkratzer erheben, wenn auch nicht von der Höhe derjenigen Neuyorks. Die Innenstadt ist umkreist von einem Kranz höchst gefälliger und geschmackvoller Landhäuser. Alle Straßen, deren ein großer Teil mit hohen Pappeln bepflanzt ist, machen einen äußerst sauberen und gepflegten Eindruck. Um die Stadt leuchten Schneeberge. In der Tat, eine prächtige Lage für das mormonische Zion! In einigen kleineren Straßen entdeckte ich auch noch recht alte Häuser, darunter ein aus rohen Balken gezimmertes Blockhaus, das erste in Salt Lake! -- --
Wolken hatten sich zusammengezogen. Es fing an zu regnen. Ich flüchtete in die neue stattliche, gotische katholische Marienkathedrale und empfand wieder einmal, daß es doch etwas Schönes um die offenen katholischen Kirchen ist; sie bieten den Fremden und Reisenden stets einen unentgeltlichen Ruhesitz, wo man dem Lärm des Straßenverkehrs und der Nervenanspannung der Besichtigungen auf eine Weile ungehindert entfliehen kann. Ich suche sie daher in fremden Städten immer gern auf und saß auch jetzt eine Weile in Salt Lake so gut in der katholischen Kirche wie in München in der Theatiner Hofkirche, in Venedig in S. Marco oder in Rom in Maria Maggiore. Es ist auch gewiß etwas Großes um das Weltumspannende der katholischen Kirche, die dieselbe in Köln oder in Sevilla, in Dresden oder in St. Marys Kathedrale in Salt Lake ist. Der Katholik kann sich darum überall in der Welt in seiner Kirche sofort daheim fühlen und zurechtfinden ...
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Wieder verließ ich wie im Staat Neumexiko in Santa Fé und San Franzisko im Schlafwagen auch das Zion der Mormonen des Abends. Fort ging’s in das Zauberbergland +Kolorados+. Bei der Abfahrt leuchtete mir noch ein strahlendes Alpenglühen auf den Wasatchbergen den Abschiedsgruß ... Ein letzter wundervoller Eindruck!
Ich hatte wieder eine weite Fahrt vor mir, wieder eine ganze Nacht und einen ganzen Tag durch einen großen Teil des Staates Utah über die Kette des Wasatchgebirges hinein in das größte Gebirgs- und Alpenland Amerikas Kolorado bis nach „Kolorado-Springs“ an den Fuß des 4300 ~m~ hohen Pikes Peak, den Eckpfeiler des Felsengebirges am Rande der unendlichen Mississippiebene. War ich wieder soweit, dann hatte ich die ganze mächtige Breite des Felsengebirges wieder hinter mir.
Ich las auf meinem Bett sitzend noch eine Weile in der Mormonenbibel, dann entschlummerte ich in meiner „~upper berth~“, die ich mir wieder rechtzeitig gesichert hatte. Ich war jetzt schon so sehr an das Schlafwagenfahren gewöhnt, daß ich so ruhig und gut wie im schönsten Hotelbett schlief. Dazu hielt der Zug in dieser Nacht wohl gar nicht, und ich wurde so wieder 700 Meilen, also etwa eine Strecke von Königsberg-Basel mühelos weitergerollt. Am „Jordan“ entlang ging es vom Salzsee zum viel kleineren Utahsee und dann keuchend hinauf über die Paßhöhe des Wasatchgebirges (2300 ~m~) und wieder hinab durch das sogenannte „Castle Gate“, an dessen Eingang drohend zwei riesige 150 ~m~ hohe aufragende Sandsteinfelsen stehen und kaum den eingleisigen Schienenweg hindurchlassen, zum Green River, einem Quellfluß des Koloradostromes. Von all dem sah ich freilich wenig, sondern verschlief es; aber am nächsten Tage sah ich dergleichen genug, was den stolzen Namen der Bahnlinie als der „~most scenic line +of the world+~“ rechtfertigte, denn sie geht mitten durch das wildzerklüftete Alpen- und Goldland Kolorado, die „Schweiz“ der Vereinigten Staaten, hindurch.
Ich erwachte am Morgen, als wir schon die Koloradowüste hinter uns und den Green River überschritten hatten und im felsigen Cañon des Grand River, des anderen Quellflusses des Kolorado, fuhren. Aus dem lieblichen Kulturparadies am Salzsee war ich in die wilden Bergschluchten Kolorados, wie aus dem Italien und Spanien Kaliforniens in die Schneewelt der Sierra Nevada und aus dieser wieder in die sengende Wüste Nevadas versetzt. Was für Verwandlungen! So war ich wieder am Koloradofluß, in dessen wilden Großcañon ich vor etwa einer Woche von 2000 ~m~ Höhe geschaut hatte -- freilich mehrere hundert Meilen von hier südlich -- und den wir bei Needles an der Grenze Kaliforniens bei herrlichstem Sonnenuntergang breit wie einen Meeresarm gekreuzt hatten. Jetzt dampften wir seinen Oberlauf aufwärts. Wir hielten in Grand-Junction, wo eine Nebenlinie nördlich durch das Bergland auch nach Kolorado Springs führt. Ich blieb auf der kürzeren Hauptlinie, die ein Umsteigen ersparte. Aber jedem Leser rate ich, im entsprechenden Fall doch lieber die noch viel interessantere Nebenlinie zu benutzen.
Die Farmen in den Hochtälern wie auf Alpenweiden und -matten erwachten! Hunde spielten vor den schweizähnlichen Blockhäusern. Hühner gackerten heimatlich. Hemdärmelig standen in hohen Stiefeln und wollenen Jacken stämmige Menschen vor ihren Blockhäusern, die mich sehr an die am Fuß der San Franziskoberge in Flagstaff erinnerten, und schauten dem Tagesereignis, dem Zug, nach ...
Es ist herrlicher Morgensonnenschein. Aus einem Cañon geht es ohne Unterlaß in den anderen. Meist läßt der Felsabsturz gerade nur noch den Platz für die Bahnlinie frei. Ein Zugzusammenstoß muß hier leicht möglich, aber nicht gerade ungefährlich sein! Bergwerkstollen sieht man bis hoch an die Felswände hinauf. Im Wagen sitzen allerlei -- amerikanisch! -- bibellesende Menschen, darunter auch wieder ein Heilsarmeesoldat. Mit einer ihre Morgenandacht im Wagen haltenden jungen Dame komme ich ins Gespräch. Sie stammt von deutschen Eltern und bekennt sich als eifrige Sonntagsschullehrerin. Sonntags besucht sie zwei- bis dreimal ihre Kirche. Sie liest fast nur in der Bibel, sagt sie. Andere Bücher bedeuten nichts! Meine Morgenandacht bestand im Augenblick im Hinausschauen in die großartige Natur- und Gebirgswelt. Redete nicht auch hier Gott zu mir? Ich brauchte jetzt kein Buch über Gott. Meine Bibel waren im Augenblick die grandiosen Felsabstürze und Schneehäupter und rauschenden Ströme, an denen ich mich nie müde sehen konnte. Und etwa zur Mormonenbibel zu greifen, hatte ich jetzt, obwohl wir kaum aus Utah heraus waren, immer weniger Neigung. Was ging mich jetzt die abstruse und unmögliche Geschichte der Juden auf dem amerikanischen Kontinent vor ein paar tausend Jahren an? Sollten wirklich Juden durch diese Kañons gezogen sein oder auf diesen Almen ihr Vieh geweidet oder an diesen rauschenden Strömen gekämpft und sich ausgerottet haben? Ich bin kein Judenfresser -- aber das auch nur einmal auszudenken, wäre mehr als grotesk. Ärgerlich packte ich diese Art „Bibel“ zu unterst in meinen Handkoffer ... Die junge Dame war auf Deutschland nicht gut zu sprechen, obwohl sie es selbst nie gesehen hatte ...! „Aber es muß doch dort nicht schön sein“, so philosophierte sie zu mir flötend und selbstbewußt, sonst wären doch meine Eltern nicht hierher in die „States“ ausgewandert! Ihr Vater kam aus Elbing in Westpreußen, wo er ein kleines Bauerngütchen besessen hatte, und hier war er allerdings bald Großfarmer geworden. Ich sagte ihr -- und es sollte keine bloße Höflichkeit sein -- daß ich hier am liebsten jetzt ausstiege und durch die Wälder ginge und über die Felsen dem Schnee entgegenstiege! Da sah sie mich ganz entgeistert an und bekam fast einen kleinen Ohnmachtsanfall: „Aber hier gibt es ja nirgends Wege! In diesem Lande geht man nicht spazieren!“ Mehr als mitleidig sah sie mich dabei an, und ich entgegnete ihr ebenso mitleidig in Gedanken: „Armes Land, das zum Wandern zu ungeheuer ist, das man nur im Expreß oder mit dem Auto durchrasen kann. Und selbst das nicht, denn auch dazu fehlen noch die Straßen durch die Rockies. Ihr Amerikaner, dachte ich, müßt doch eine ganz andere Seele haben als wir Deutschen. Bei euch ist alles aufs Riesige, Große, Ungemessene gestellt. Ihr kennt nicht die Kleinszenerie eines deutschen Mühlentälchens oder den lauschigen Sitz an der Quelle und den wohldurchwegten Buchenwald.“ --
Wir waren inzwischen immer höher gekommen und fuhren wieder einmal auf 2000 ~m~ Höhe. Die kleinen Bahnhöfe, die wir zuweilen passierten, an denen manchmal ein einziges Fräulein den ganzen Bahndienst versieht oder ein Bursche mit einer Flagge winkt -- ~NB~ die ganze bahnamtliche Verständigung! -- erinnerten mich lebhaft an Hochtäler in Tirol und ihre grasigen einsamen Weiden. Kühe weideten hier oben wie in den Alpen. Und ringsum grenzten Schneeberge den Horizont.
Ja, jetzt schneite es gar. Wie lustig! Wie warm aber mochte es gleichzeitig auf dem Asphalt des Broadway in Neuyork sein! Nur die Gletscher fehlten hier zur Vervollständigung des alpinen Bildes. Von der Bahn aus wenigstens sah ich keinen. So tief wie in unseren Alpen reicht hier der Schnee nicht in die Täler. Sonst war alles wie in unseren Alpen. Auch wenn ich mir die Menschen hier oben betrachtete, so schienen mir die Bewegungen der Koloradoleute, an Sturm und Schnee gewöhnt, viel stämmiger, gemessener und gewichtiger als der typischen überbeweglichen Yankees. Die Koloradoleute kommen einem recht unamerikanisch vor, so wie etwa bei uns der Schwarzwälder oder Partenkirchener mit dem Berliner auf dem Asphalt der Friedrichstraße auch wenig gemein hat.
Bald sind wir in vollendeter Schneelandschaft. Es schneit hier stark. Bahnrauch, Nebel und Schnee hüllen das Hochtal ein. Noch immer laufen die Gebirgsbäche zum Stillen Ozean. Wir sind in die romantische Schlucht des „~eagle-cañon~“ eingefahren. Die Schlucht ist nur noch wildrauschender Fluß und mehrere hundert Meter hoch aufsteigende Felswände. Die Bahn keucht in Windungen immer höher empor. Endlich in Höhe von 3184 ~m~ (!) -- also z. B. noch 400 ~m~ über dem Stilfser Joch in Tirol, einem der höchsten Alpen+straßen+pässe -- erreicht die Bahn den „Tennesseepaß“, d. h. die +Wasserscheide zwischen Stillem und Atlantischem Ozean+! Der Zug hält, gleichsam stolz auf seine Leistung. Es ist auch eine. Die Lokomotive faßt Wasser und Kohlen und erholt sich von ihrem Rekord, einen ~D~-Zug mit sechs Wagen auf solche Höhe hinaufgebracht zu haben. Für einen Augenblick springen wir Globetrotters von den hohen Trittbrettern aus unseren Pullmann-Wagen, die uns seit Salt Lake City schon wieder etwa 16 Stunden beherbergen. O diese wunderbare köstliche frische Hochgebirgsluft! Wir sind 200 ~m~ +über+ der Höhe der Zugspitze!! So ist es auch draußen recht empfindlich kalt. Das Thermometer zeigt 0 Grad! Rings hüllt uns eine neblige Schneelandschaft völlig ein. Schneehäupter schauen über alle Seitentäler herüber, darunter die stolzen Gipfel der „Sangre de Christo“-Berge[31]. Ach könnte ich ein wenig hierbleiben und die Koloradoalpen ersteigen! Aber die unerbittliche Zeit, Fahrplan, Geld und Arbeitsfrohn treiben mich mit ihrer Geißel und dem Ruf unserer Fronvögte: „~All aboard!~“ in die dumpfen Wagen mit ihrer verbrauchten Stickluft aus Nacht- und Tagkampieren, Speiseresten, Abfällen, weggeworfenen Zigaretten, Zeitungen u. dgl. zurück.
In Station „Buena Vista“ ist da oben wirklich eine Prachtaussicht. Wir fahren eine Zeitlang auf einem Hochplateau in 3000 ~m~ Höhe. Um uns erheben sich die sogenannte „~Collegiate Peaks~“, die nach den großen Universitäten genannt sind: „~Mount Yale~, ~Mount Princeton~ und ~Mount Harvard~“, jeder ein Montblank für sich, an 4300-4400 ~m~ hoch! Nicht weit von hier ist ein Tunnel, durch den die dortige Bahnlinie sogar in 3500 ~m~ (!) Höhe die Wasserscheide der Ozeane überschreitet. Draußen steht -- wie ich beim Hinaussehen feststelle -- wieder einmal bei ein paar Hütten eine kleine Holzbaukastenkirche. Einige weidende Esel zeigen sich uns als die einzigen Lebewesen hier oben, wie auch diese geduldigen Tiere allein bei uns nach den Alpenhütten emportraben. Fast heimatliche Gefühle stellen sich bei mir ein, je öfter ich daran denke, daß es wieder dem Atlantischen, „unserem“ Ozean zugeht! Werde ich noch einmal im Leben am Rande des Pazifik liegen, mich in seinem Sande in der Bucht von Montery wohlig wärmen oder nach der paradiesischen Insel Santa Catalina hinüberfahren oder die Seelöwen gegenüber dem Goldenen Tor der San Franzisko-Bucht brüllen hören? Das alles kam mir jetzt auf diesen hochalpinen Ebenen wie ein sonniges, aber verklungenes Märchen vor samt den Zinnen des Mormonentempels und den weiten glitzernden Fluten des Salzsees ...
Allmählich ging es von der alpinen Hochebene wieder herab in einen neuen schaurigen Cañon. Die Bahntrasse hatte sich beträchtlich gesenkt. Es war wohl der vierte große Cañon dieses Tages, der des „Arkansas-River“, der viele hundert Meilen lang bereits dem „Vater der Ströme“, dem Mississippi, zuströmt. Sein Wasser rauscht frisch und kalt, wie es aus den Bergen kommt. Mächtige Felsblöcke sperren seinen Weg. Immer enger wird der Bahnweg. Wie ein ständig sich krümmender Wurm windet sich der Zug durch die riesige Schlucht. Wirklich, diesmal war der Mund nicht zu voll genommen: Es war „~the most scenic line of the world~“, die ich fuhr. Der Arkansascañon übertraf alle Tiroler, Schweizer und oberbayrischen Klamms zusammen, die ich gesehen hatte. Welche Wildromantik ständig da draußen! Mich beseligte ein eigenartiges stilles Glücksgefühl, das alles einmal sehen zu dürfen. So hätte ich bis ans Ende der Welt fahren können! Nur zu schnell glitt alles vorüber ...
„~Morningpapers~“[32] wurden ausgeboten. Was scherten mich jetzt in dieser Alpenszenerie die Politik der Welt und die Börsenkurse, Theatergrößen und Sporthelden! Wie lächerlich klein, unwichtig und aufgebauscht erscheint all das Menschengetriebe der Kulturgroßstädte hier oben! Andere im Wagen studieren immer von neuem die Fahrpläne, die sie doch bald auswendig können müssen, um die Zeit totzuschlagen, die mir viel zu schnell vergeht. Auch Kartenspiel ist nicht jedermanns Sache und dünkte hier mich Sünde. Ich studiere derweilen immer aufs neue die majestätische Natur draußen und suche die großen Eindrücke recht fest und tief in mich einzusaugen ...
An den kleinen Stationen, wo es etwa alle ein bis zwei Stunden einmal hält, steigt niemand ein und aus. Aber zuletzt, ehe wir aus dem Felsengebirge austreten, kommt noch das Großartigste von allem, die sogenannte „Royal-Gorge“[33]. 800 ~m~ hohe Wände steigen hier fast senkrecht aus der Schlucht empor. Die Schlucht wird jetzt so schmal, daß die Spur für die Bahn zum Teil erst künstlich geschaffen werden mußte. Auf hängender Brücke (!), deren obere Eisenbänder in die Felswände eingelassen sind, überschreitet die Bahn die allerengste Stelle. 13 ~km~ lang ist dieser ganze unbeschreiblich romantische Engpaß. Unter uns oder dicht neben uns tost der Arkansas-River. Hier wächst kein Gräslein mehr in dieser Teufelsschlucht, kein Sonnenschein dringt in die Tiefe ... Der Zug hält einen Augenblick zur Bewunderung der grandiosen Gebirgsszenerie. Dann auf einmal tritt nach nicht allzulanger Weiterfahrt die Bahnlinie urplötzlich ins offene Gefilde hinaus. Wie aus einem Höllental geht es ins Himmelreich, wie aus der Teufelsschlucht des Gotthardpasses in das grüne „Andermatt“. Die Berge treten zurück. Die Baumblüte ist im Gange. Noch erscheinen keine zusammenhängenden Siedlungen, sondern erst nur Einzelfarmen. Berittene Hirten treiben mächtige Kuhherden in die Hürden, denn der Tag neigt sich wieder einmal zum Abend. Wir halten in Cañon-City, dann in Pueblo, das nicht mehr weit von La Junta ist, der Gegend, wo ich mein Scheckbuch verlor und wiederfand. Ich bin also eine riesige Schleife gefahren. Ich steige aus in dem amerikanischen Davos, in „Kolorado-Springs“ am Fuß des 4300 ~m~ hohen Pikes Peak. Der vielbesuchte Badeort liegt selbst 1800 ~m~ hoch, also auf Rigihöhe. Dicht vor sich hat man die Kette des Felsengebirges, das ich einst so sehnsüchtig erschaut und nun zweimal so ausgiebig seiner ganzen ungeheuren Breite nach durchfahren hatte; zur Rechten beginnen die ebenso ungeheuerlichen Mississippiebenen ...
Als ich aus dem Bahnhof trat, fiel schon die Nacht ein. In meinem Logis, das ich bald gewählt, freute es mich doch, nach der 24stündigen Fahrt seit Salt Lake wieder einmal ungerollt und ungewiegt schlafen zu dürfen. Wie in Kalifornien in Los Angeles, Monterey und San Franzisko wollte ich mich auch hier in dem vielgerühmten Klima ein bißchen erholen und es mir auf ein bis zwei Tage gemütlich machen, denn noch immer lagen ungeheure Entfernungen vor mir. Erst ein Drittel der Breite der Union war wieder von Westen nach Osten durchmessen ...
Von Kolorado-Springs, dem Davos oder Luzern Amerikas, kann man viele herrliche Touren machen, aber dazu braucht man Führer, Esel, weitere Bahnfahrten, so in die „Cheyenne Berge“, die Alpenfahrt nach der Goldgräberstadt „Cripple Creek“, vor allem aber zu dem nach dem Indianergott Manitou, dem „großen Geist“ genannten Gebirgsort am Fuß des Pikes Peak, zu dem „~garden of the Gods~“, dem Göttergarten mit seinen grotesken Felsbildungen, und vor allem auf den die ganze Gegend beherrschenden „Pikes Peak“ selbst.