Quer durch Amerika

Part 23

Chapter 233,521 wordsPublic domain

Allmählich fuhr uns das Besichtigungsauto aus der Stadt heraus -- die wie immer die amerikanischen Großstädte außer Hotels und Geschäftshäusern sonst wenig Originelles und Bemerkenswertes bietet -- zu dem berühmten Goldengatepark, der zwischen der Stadt und der Steilküste des offenen Ozeans liegt. Die Stadt selbst ist nicht unmittelbar am offenen Pazifik gebaut, sondern an der Bucht, die sich durch die etwa 1½ ~km~ breite Öffnung des „Goldenen Tors“ einzigartig 10 ~km~ breit und bis 85 ~km~ lang ins Land hinein erstreckt. Sie erinnert an Konstantinopel und den Bosporus. Im Norden wird sie malerisch von dem fast 900 ~m~ hohen Mount Tamalpais und im Osten von der Schneekette der Sierra Nevada (über 4000 ~m~!) überragt. Von Süden schaut auf sie der Mount Hamilton mit der Lick-Sternwarte von fern hernieder. Ein herrliches Landschaftsbild, groß und glänzend in seinen Ausmaßen!

Hatte der Ausrufer uns bisher unter anderem „~the largest apartement-store +in the world+~“ gezeigt, so hieß es jetzt „~the most beautiful park in the +world+~, ~the prettiest and largest tennis-lawns in the +world+~“. Am Golden Gate selbst wartete auf uns gar „~the largest salt-water-bath-house +in the world+~“. Je weiter man in Amerika nach Westen kommt, desto voller wird der Mund genommen und desto überzeugter ist man, das Größte und Beste von allem „+in der Welt+“ zu besitzen. Höchst spaßhaft war es für mich als Deutschen, als wir im Goldengatepark an einer Nachbildung von Rauchs Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal vorbeifuhren und der Ausrufer durch den Trichter uns anbrüllte: „~Mister Gois änd Mister Skill~ (so ausgesprochen!!), ~two German poets!~“. Die anderen Amerikaner, Japaner, Engländer und was sonst da oben saß, nahm auch davon wohlgefällig Kenntnis wie von einem ~drug-store~ oder einem neuen Hotel.

An den Felsen des einstigen stolzen „~Cliff-house~“, eines höchst komfortablen und aussichtsreichen, aber kürzlich auch durch Feuer zerstörten Strandhotels rollte der offene pazifische Ozean an. Ein dumpfes Brausen, in das sich wieder das heisere Bellen großer Scharen mächtiger Seelöwen mischte, die drüben auf den „~seal-rocks~“ ihr Wesen hatten. Leider war es etwas unsichtiges Wetter; aber um so geheimnisvoller rollten aus dem Nebel die mächtigen Wogen heran. Am Strande lagen viele einfache Familien mit Kind und Kegel und genossen hier ein billiges Sonntagvormittagsvergnügen. Nur flogen zu hunderten und tausenden ihre Butterbrotpapiere höchst malerisch am Strande herum! Einige Sandplastiker formten berühmte Köpfe wie Washington, Lincoln, Grant, Garfield, auch so mancher eine von der See mit ihrem Kind ans Land gespülte ertrunkene Frau, ja den berühmten Löwen aus dem Gletschergarten von Luzern höchst treffsicher und eigenartig aus dem Sand ... Aber der immer stärker einsetzende kühle und feuchte Nebel lud heute nicht zu allzulangem Verweilen ein. Merkwürdig, über dem Park und der Stadt schien die Sonne, aber vom Ozean heran kroch der Nebel, über dem das Haupt des Mount Tamalpais wie eine sagenhafte Insel schwamm ...

* * * * *

Am Nachmittag setzte ich mit einer der großen und trefflichen Ferrys über die weite seeähnliche Fläche der blauen Bai hinüber nach Oakland, dem Brooklyn San Franziskos, der Stadt der schönen „Eichen“alleen, von denen die Stadt den Namen hat, um Berkeley, den Sitz der prachtvollen staatlichen Berkeley-Universität, zu besichtigen. Auf einem Gartenpavillon wehte eine deutsche Flagge -- wie das anheimelte! -- und auf der Straße hörte ich einen Mann ganz unverfälscht schwäbeln. Gern hätte ich auch den Mount Tamalpais bestiegen, aber in Berkeley hatte ich es übernommen, Verwandte meines guten Harvardfreundes W. zu besuchen. Ich hatte den Besuch auch nicht zu bereuen, denn die Tochter des Hauses, selbst Studentin, führte mich in der wundervoll in Parks und Gärten gelegenen Berkeley-Universität überall kundig umher. Durch die märchenhaftesten südlichen Haine von Sykomoren, Oliven, Palmen und Kakteen wandelten wir in sinnende wissenschaftliche Gespräche vertieft zu dem prächtigen, in griechischem Stil erbauten „Theater“, in dessen offenem Halbrund ein ausgezeichnetes auch überall sehr gut wahrnehmbares Sonntagskonzert gegeben wurde. Von den Parkhügeln aber ergoß sich ein bezaubernder Rückblick auf die weite blaue Bucht und die ferne Stadt ... Freund W.s Verwandte hätten mich gern gleich da behalten, und ich hätte gleich von Oakland die Weiterreise fortsetzen können, aber einmal hatte ich mein Gepäck nicht da, und dann gab es in Frisko noch manches andere zu sehen. Auch wollte ich die Gastfreundschaft völlig Unbekannter doch nicht zu sehr in Anspruch nehmen und fuhr noch vor Abend mit dem Fährboot wieder herüber. Schon die Fahrt lohnte sich! Mit voller Glut sank die Sonne über dem Goldenen Tor, es wahrhaft vergoldend, während sie früh über den hohen Schneehäuptern der Sierra Nevada heraufzusteigen pflegt. An den Molen und Bahnlinien blitzten die ersten Lichter auf ...

Ich wollte von Frisko nicht abfahren, ohne daß ich auch seiner ~chinatown~ einen Besuch abgestattet hätte. Den Abend pilgerte ich daher ein wenig in das Chinesenviertel der Stadt, das von etwa 10000 Gelben bewohnt wird. (Mit dem Einwanderungsverbot hat ihre Zahl stark abgenommen. Sie war früher viel höher.) Man soll zwar abends nicht ohne Geheimpolizist sich dorthin begeben! Aber so wie ich mich in Santa Fé arglos ohne Weg und Steg auf einen Berg der Rockies begab, so bummelte ich auch hier des Abends gemächlich ~tutti solo~ in die ~chinatown~ hinein. Was für ein enges und wimmelndes Leben herrschte da mit eigenen chinesischen Läden, Restaurants, Teestuben und kleinen primitiven Theatern! Die meisten der Gelben saßen allerdings mit ihren weiten schwarzen Blusen und Hosen, ihren Schlitzaugen, dem glattrasierten Schädel feiernd und pfeiferauchend auf Stühlchen in Pantoffeln vor ihren Häusern. Man sah in die offenen Läden, in die sonderbaren Apotheken und Werkstätten hinein. Frauen und Mädchen bügelten Wäsche; Schreiber schrieben Briefe ... alle aber blickten mir verwundert nach. In einem kleinen Basar kaufte ich mir ein paar chinesische Deckchen zum Andenken. Aber nirgends hatte ich den Eindruck, daß man hier einen eindringenden Europäer etwa umbringen wollte. Auch die Chinesen schienen mir im Grunde ein gutmütiges Völkchen zu sein wie die Neger und Indianer. Ja, sind nicht alle Menschen im Grunde gutmütig, wenn man sie nicht gerade reizt oder aufhetzt? In der ~chinatown~ traf ich aber auch Araber im weißen Turban und braune Hindus, auch massenhaft Japaner. In Frisko landen Schiffe aus aller Herren Länder; es ist wirklich eine Weltstadt. Der seltsamste Anblick aber war wohl ein Chinese -- in Heilsarmeeuniform! Man sieht, wie weltumspannend diese seltsame, aber so rührige und soziale „~army of salvation~“ ist!

Anderen Tages früh stieg ich in der Stadt zum sogenannten „Telegraphenhügel“ hinauf, eine der höchsten und aussichtsreichsten Anhöhen Friskos. Von oben lag die erhaltene und zerstörte Stadt wie ein Riesenschachbrett vor mir, auf dem ein unartiges Riesenbaby sich ein Vergnügen daraus gemacht zu haben schien, Häuser umzustürzen. Von der Stadt schweifte der Blick zur immer aufs neue schönen blauen Bucht und zu dem Durchlaß des „Goldenen Tors“ mit dem Tamalpais im Hintergrund. Ich hätte ihn gar zu gern doch noch bestiegen -- aber woher zu allem die Zeit nehmen? So bin ich auch nicht mehr in den „versteinerten Forst“ bei Calistoga gekommen. Aber ist es nicht auch ratsam, sich auch noch etwas für den -- zweiten Besuch aufzusparen? Sonst fehlte ja jeglicher Anreiz und jede logische Begründung für ihn?!

Dicht beim Telegraphenhügel war eine Negerkleinkinderschule, wo die putzigen kleinen Negermädchen und -knaben mit ihren breiten Stumpfnasen und schwarzkrausigen Wollköpfen wie andere Kinder sangen, spielten und lernten ... Nicht sehr weit davon stieß ich auf eine kleine protestantisch-italienische Kirche. Auf was man in amerikanischen Städten nicht alles stößt! Auch die alte spanische Missionskirche „~San Francisco de Dolores~“, 1776 erbaut, steht noch, die den Anfang des mexikanischen San Franzisko bildete, das noch 1850 nur 500 Einwohner hatte! 1847 wurde es von einem amerikanischen Kriegsschiff für die Union in Besitz genommen. So wurde der ferne Westen eher amerikanisch als die Territorien im Felsengebirge.

Die den steilen Hügel hinabführende Kabelbahn brachte mich wieder hinab zum Hafen. Ein wimmelnder Obstmarkt hatte sich aufgetan! Was für Unmassen Orangen, Bananen, Spargeln wurden hier zu Bahn und Schiff verfrachtet! Dazu die Ausfuhr des feurigen kalifornischen Weins, den auch zuerst spanische Missionare aus Europa einführten. In der neueren Zeit pflanzten Deutsche dazu rheinischen Weißwein. Aus französischen Reben zog man bald auch den vorzüglichsten Bordeaux, Medoc, Portwein und Sherry. Die letzteren freilich südlicher um St. Barbara und Los Angeles.

Frisko ist eine eigene Stadt! Viel Kirchtürme sieht man nicht, aber hier konnte einer, wie mir erzählt wurde, vom „~newsboy~“, einem armen auf der Straße Zeitungen verkaufenden Jungen bis zum Inhaber einer der größten Blätter sich emporschwingen. Freilich diese Hoch-Zeit der Gründungen ist längst vorüber; das Goldfieber ist längst erloschen. Und der Friscoman steht an Überlegsamkeit heute in nichts dem Neuyorker nach, ja er fühlt sich als sein westliches Gegenstück. Und Los Angeles ist geschlagen! Aber sage es ja nicht in +seinen+ Straßen!

Nachmittags unternahm ich noch einmal eine aussichtsreiche Überfahrt mit dem Fährboot an den Fuß des Tamalpais am Rande des „Goldenen Tors“ nach dem ganz italienisch anmutenden Sausalito. Weißschimmernd leuchteten Oakland und Berkeley mit der Kalifornia-Universität herüber. Rings umher steile Felsenufer. In südlicher Vegetation versteckt baut sich das Villenstädtchen das felsige Ufer hinauf wie nur die alten Städtchen an den oberitalienischen Seen.

Das Wetter war stets bei allem angenehm sommerlich warm, aber nie heiß, obwohl San Franzisko auf der geographischen Breite Palermos liegt! Doch nirgends fand ich trotz all der Naturschönheiten einen rechten Ruheplatz. Der Amerikaner braucht kein Ausruhen. Es fehlen die Bänke oft sogar in den Parks und an Aussichtspunkten. Man kennt kein stillsinnendes Naturgenießen. Auf den Bahnhöfen umbranden einen die Agenten, Schuhputzer und Kofferträger. Die ~bars~ und ~lunchrooms~ sind nicht immer offen, Gartenwirtschaften gibt es in der ganzen Union nicht. Als Fremder ist man daher drüben richtig auf die Straße gesetzt. Ganz anders der Chinese -- den ich auch diesen Abend zum Abschied noch einmal aufsuchte; denn wann würde ich wohl einmal nach China kommen, zumal seit mein einziger treuer Studienfreund ~Dr.~ Moses Chiu, den ich noch von Halle her kannte, zu früh in seiner Heimat in Amoy hatte sterben müssen.

Wie seelengemütlich saßen die gelben Zopfträger jetzt wieder vor und in ihren Häusern! Warum? Weil sie mit wenigem zufrieden und weil sie Kinder einer jahrtausendalten Kultur und Schulung sind. Ihr gerades Gegenteil ist der Yankee. Nie zufrieden mit dem Erreichten, ein steter rastloser Vorwärtser und ein Sohn der reinen Gegenwart. Wie behäbig, wie beleibt, wie runzelig neben ihm mancher Chinese, aber auch wie gutmütig aus den Augen schauend, so ungefähr wie eine blinzelnde Katze im Sonnenschein ... --

Nun hieß es allmählich das noch immer halbmeterlange Zettelbillett +zur Rückfahrt+ stempeln lassen und Abschied nehmen vom Stillen Ozean. Es war mir ein bißchen weh ums Herz. Aber selbst ein Alexander der Große mußte aus Indien umkehren! Mit ihm konnte ich mich trösten, daß es jetzt für mich nicht gleich noch eine Erdhälfte zu durchqueren gab! Ich hätte ja fürs Leben gern jetzt einen der unter Dampf liegenden Japansteamer bestiegen und wäre über Yokohama, Hongkong, Kalkutta oder Wladiwostok, Moskau heimgereist, aber was hätten sie in Harvard gesagt, so ohne Abschied auf und davon zu gehen! Und auch auf der Rückfahrt durch die Union würde es ja noch manches zu sehen geben: Die Salzseestadt, die Wüsten Nevadas, den Pikes Peak bei Denver, Pittsburg, Washington, Baltimore, Philadelphia ...

So setzte ich zum dritten Male abends neun Uhr über die weite Bai. Die Lichter der Stadt funkelten im Wasser. In Oakland stieg ich zehn Uhr abends in den bereitstehenden Chikagoexpreß. Der Schlafwagen war international überfüllt: Auch Japaner, auch Damen ... Aber ich hatte mein Oberbett fest und zeitig bestellt und ließ es mir auch nicht wieder rauben, obwohl nicht alle unterkamen. Wir setzten uns in Bewegung. Bald lag man wieder oben und rollte durch die Nacht. -- -- --

Um Mitternacht passierten wir Sacramento, die eigentliche Regierungshauptstadt des ganzen Staates Kalifornien mit einem gebieterisch ausschauenden Staatskapitol inmitten herrlichster Anlagen, nach fast 90 Meilen Fahrt und dem Überqueren ausgedehnter Sumpfgegenden und erneutem Übersetzen über einen Buchtarm. Die Bahnlinie überschreitet darauf den Sacramentofluß und sein breites Tal und keucht dann in mächtigen Windungen stundenlang zu den Pässen der Sierra Nevada hinauf. Es wurde nun eine richtige Alpenfahrt wie über den St. Gotthard, nur doppelt so hoch! Schade, daß das nächtliche Dunkel uns die zauberischsten Rückblicke auf die San Franziskobucht verwehrte ...

Fußnoten:

[Footnote 25: Amerikanische Armee. Junge Leute gesucht. Gute Bezahlung! Keine Ausgaben! Ungewöhnliche günstige Gelegenheit für Reisen, Ausbildung und Beförderung!]

[Footnote 26: 17 Meilen-Fahrweg.]

[Footnote 27: Der Leser kann sich die Zerstörung gar nicht groß genug vorstellen, sie ist nur mit der Niederlegung und Beschießung ganzer Städte im Weltkrieg annähernd zu vergleichen.]

Am Großen Salzsee und in Kolorado.

Am Abend waren wir von der subtropischen Küste des Stillen Ozeans weggefahren, am Morgen wachten wir nach völliger Verwandlung in Höhe von 2000 ~m~ in prächtigster Alpenschneelandschaft der Sierra Nevada wieder auf. Die Sierra Nevada ist ein etwa über 700 ~km~ langer bis über 4000 ~m~ ansteigender schneebedeckter Alpengebirgszug des Felsengebirges, der Kalifornien von der Union so stark trennt, daß diesseits und jenseits des Gebirges völlig anderes Klima herrscht. Die kühlen und feuchten Seewinde dringen nicht bis in die unfruchtbaren heißen Wüsten Nevadas, und das milde gleiche Klima Kaliforniens kennt nicht den stürmischen Wechsel auf den Hochflächen des Felsengebirges und in der nördlichen Mississippiebene.

Erstaunt sah man aus dem Fenster. Auch zwischen den Schienen lag wirklich Schnee! Und noch tags zuvor hatte ich mich wohlig in dem durchsonnten Sand des Ozeans gebräunt. Die Paßhöhe war eben überschritten. In vielen Windungen an steilen Felshängen entlang in schwindelnder Höhe über tiefeingeschnittenen Tälern mit herrlichem dunklen Fichtenbestand, aus dem blinkende Bergseen wie in der Schweiz und dem Schwarzwald heraufschauten, eilte unser Zug, der den stolzen Namen: „~China and Japan fast-mail~“ trug, auf der ältesten seit 1869 eröffneten Pazifiklinie in eiligem Tempo wieder abwärts.

Viele hundert Meter lange künstliche Holztunnels sicherten die Bahn gegen Schneeverwehungen. Aber aus den Aussichtslöchern boten sich köstliche Blicke in die Bergwelt ...

Im Wagen machte gerade alles Morgentoilette. Und einige der alten Damen packten schon aus ihren Reisekörben ein leckeres Frühstück aus, das in mir so etwas wie Appetit weckte. Auf sauberem Tafeltuch stellten sie Tassen zurecht; dann folgte ein Gang dem andern: Belegte Brötchen, Käse, Obst, kaltes Geflügel, Sardinen, kalter Braten und zuletzt Rotwein! Wer hätte da nicht mittun wollen? Sie hatten sich gut vorgesehen, weil sie wußten, was ihnen bis Chikago bevorstand! Ich aber hatte übersehen, daß zwar unser „~China and Japan fast mail~“ „~the best dining-car-service of the world~“ besaß, aber dafür auch keine Frühstücks- und Lunchstationen innehielt wie der Santa Fé- und Los Angeles-Expreß. Und da nun der „beste Speisewagendienst der Welt“ auch offenbar die „besten Preise der Welt“ hatte -- z. B. ein Beefsteak einen Dollar! -- so war ich diesmal ziemlich aufs Hungern angewiesen, denn meine Reisekasse schmolz und mein Speisevorrat bestand aus -- drei Apfelsinen, von denen ich alle drei Stunden eine zu verzehren beschloß, dann würde es gerade noch bis zur Mormonenstadt reichen, wo man wieder zivilen Boden und menschliche Preise unter die Füße bekam. Nachts brauchte man ja glücklicherweise keine Nahrung. So mußte ich mich also diesen Tag mit dem Anschauen der interessanten Gegenden „sättigen“ und mein Getränk dem unentgeltlichen Eiswasserfaß am Wagenende entnehmen. Das tat ich ebenso oft wie jene Kinder, die ein paar Sitze weiter plötzlich in unverfälschtem Dialekt ihren Vater laut fragten: „Du, Pape, ist do’ Wasser in de’ Pump?“, was der Vater mit einem beifälligen lauten Gähnen quittierte. Man war also nie allein, immer wieder unter „Landsleuten“, auch wo man es gar nicht vermutete. Auf der Straßenbahn in Buffalo ebenso wie auf dem Bahnsteig in Flagstaff am Fuße der schneebedeckten himmelaufragenden San Franziskoberge, in Oakland so gut wie in dem Expreß auf 2000 ~m~ Höhe in der Sierra Nevada. Also war man nicht nur unter Japanern, die jetzt mir gegenüber in einem blaueingebundenen Buch mit wunderlichen Schriftzeichen lasen -- war das eine buddhistische oder taoistische Morgenandacht? -- und nicht nur unter Chinesen, die sichtlich als nicht ganz vollwertig von den übrigen Mitreisenden gemieden wurden (Neger wagten sich schon gar nicht in den Wagen) und den breitgesichtigen, stets wohlrasierten Amerikanern. Leid tat mir eine Lady, die in der Nacht, wie ich vor Syrakuse mein Scheckbuch, so jetzt ihr meterlanges Zettelbillett bis Neuyork eingebüßt hatte! Ich kann auch nicht sagen, ob sie es wiedergefunden hat oder noch an ihr Ziel gekommen ist. Helfen konnte ich ihr auch nicht -- als allein mit innigem Mitgefühl.

Im Waschraum schwamm es indes förmlich bei so ausgiebiger Benutzung und so völliger Besetzung des Wagens! Es war auch nicht ohne Interesse, daselbst die verschiedenen Rassen und Nationalitäten bei der Eigenart ihrer Morgentoilette und halb im Naturzustande zu beobachten ...! Aber ich hätte einen Dollar geopfert, wenn ich dafür den nachtdurchschlafenen Wagen, der sich nun wieder in einen fahrenden „Salon“ verwandelte, gründlich hätte durchlüften können, eher als für ein Dollarbeefsteak im Speisewagen ...

Es war wieder ein ganz wundervoller Morgen geworden. Warm und freundlich grüßend schien die helle Sonne vom blauen Himmel auf den frischen weißen Schnee herab. Rauschend brausten in der Tiefe der Täler die Gebirgsbäche und schäumten donnernd über die Felsbänke. Die Szenerie glich durchaus der von Göschenen vor dem Gotthardtunnel. Dann und wann schauten Hochgipfel aus den Seitentälern. In unzählig vielen Windungen ging es rollend und bremsend im ganzen etwa 800 ~m~ Gefälle abwärts, also ungefähr so viel wie vom Gotthardtunnel hinab zum Vierwaldstätter See, durch zahllose Tunnels mit ihren langen Holzdächern bis zur „Hauptstadt“ des Staates Nevada, +Reno+, mit seinen 5000 Einwohnern!

Reno liegt ganz an der Grenze des Wüstenstaates Nevada, der bei 300000 ~qkm~ (Größe Preußens!) nur 50000 Einwohner zählt, also erst auf 6 ~qkm~ einen Menschen! Reno hat zwei Merkwürdigkeiten. Erstens ist es Sitz einer „Staatsuniversität“, die aber so geringwertig ist, daß man +nach+ ihrer Absolvierung kaum fähig wird, in Harvard ins Kollege aufgenommen zu werden, d. h. von vorne zu studieren! Die zweite noch größere Merkwürdigkeit ist, daß man in Reno in zwei Minuten geschieden werden kann, so daß von 20 Ehepaaren im Staat Nevada etwa 13 (!) wieder auseinanderlaufen. Günstiger liegt das Verhältnis sonst in der ganzen Union, wo erst (!) auf 10 Ehen +eine+ Scheidung kommt. Das liegt an der gesetzlichen Leichtigkeit der Scheidungen. Schon beiderseitige gänzliche Abneigung genügt zur Trennung. Meist dringen mehr die amerikanischen Frauen auf Scheidung als die Männer. Und doch haben die Frauen es drüben viel leichter im häuslichen Leben als bei uns. Keiner Frau mutet man in Amerika schwere körperliche Arbeit zu. Kein weißes Dienstmädchen braucht drüben Kohlen zu tragen, Teppiche zu klopfen, Stiefel zu putzen u. dgl., erst recht nicht die Hausfrau. Selbst den Kinderwagen schiebt stets der Mann, ebenso trägt und hebt der Mann stets das Kind. Der Mann ist der Frau Knecht. Und sie ist drüben mehr sein Gespiele, seine schöngekleidete und wohlgepuderte Puppe als seine harte Mitarbeiterin. Sie gebietet, und der Mann führt vielfach nur ihren Willen aus. +Sie+ redet, predigt, organisiert, lenkt auch das Automobil! Fast der gesamte Unterricht der Jugend liegt in Händen von Frauen! Im öffentlichen Vereinsleben geistiger und wohltätiger Art spielt sie die durchaus tonangebende Rolle. Die Prohibition war auch wesentlich ein Sieg der Frauen. Sehr groß ist daher auch die öffentliche Rücksichtnahme auf die Frau überall. Ihr wird es +nie+ drüben begegnen, daß sie z. B. je in einem Straßenbahnwagen stehen muß. Auch der älteste Herr macht ohne weiteres der jüngsten Dame Platz! Anders und eigenartig sind auch die Grußverhältnisse. Männer untereinander nehmen nie Hut oder Mütze ab, auch nicht Schüler vor dem Lehrer, denn auch er ist nur ein älterer „~boy~“. Aber im Gruß zwischen Herr und Dame grüßt der Herr nicht zuerst die Dame, sondern hat zu warten, ob sie ihm mit ihrem Gruß ihre Gunst bezeigt! Eine Dame zuerst zu grüßen würde als so unschicklich gelten, als wenn man bei uns eine fremde Dame ohne weiteres anspräche. Stets geht auch der Herr auf der Außenseite des Fußsteigs, so der Dame die geschütztere Innenseite überlassend. Ja manche reden schon von einem fast femininen Einschlag in der amerikanischen Kultur, deren äußeres Kennzeichen auch das sehr große Wertlegen der Herren auf „~style~“ (Mode) und ihre Vorliebe für -- Süßigkeiten ist. In diesem Licht sind die vielen Ehescheidungen begreiflich. Sie sind nicht Zeichen sittlichen Verfalls, sondern nur der Ausdruck der hohen Ansprüche der Frauen an Leben und Wertschätzung und eines hochgespannten Idealismus, der sofort Verbindungen löst, die dem Ideal nicht mehr entsprechen. Bedenklicher ist schon der Rückgang der Geburten in stockamerikanischen Ehen, so daß sich fortgesetzt das Ursprungsverhältnis der Bevölkerung zugunsten der erst kürzlich eingewanderten ungebildeten Schichten aus Osteuropa verschiebt ...

Wir fuhren indessen in der warmen hügeligen Nevadawüste, die an Einsamkeit, Verlassenheit und Grenzenlosigkeit mit Arizona wetteifern kann. Stationsnamen, wenn der Zug einmal hielt, fand ich selten angeschrieben. Ohne den Ruf: „~All aboard!~“ setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Man mußte dabei zusehen, daß man noch rechtzeitig auf das Trittbrett kam. Auf einer der verlassenen Stationen erstand ich mir eine Tafel Schokolade, die ich mir in die Tasche steckte. Als ich sie aber nach qualvoller längerer Zeit der Selbstverleugnung wieder hervorzog, war sie unter Nevadas Wüstensonne in braunes Wohlgefallen zerflossen und hatte das Rockfutter hübsch braun gefärbt und durchsalbt ... Es war um Mittag heiß geworden. Der Gang zum Eiswasserfaß wurde zur Polonäse!

Immer eintöniger wurde die Landschaft. An einem einfachen Fluß stehen ein paar Kinder und schauen stumm dem Zug nach. Wo ein bißchen Gras sprießt, weiden ein paar Pferde. Sonst sieht man nur Sand und wieder Sand, und zwar so grell und weißleuchtend, daß er im Wagen einen richtigen Widerschein an die Decke wirft und in der Ferne sich spiegelnd gar wie lockende Seen erscheint. Am Horizont prangen in der Ferne blaue Randgebirge. Näherbei sieht man nur Föhrengestrüpp und Wermutgesträuch ...