Part 22
Am anderen Tag hoffte ich, Kalifornien, das allein so groß ist wie unser jetziges Deutsches Reich, zu durchqueren. Die Luftlinie von Los Angeles bis Frisko mißt etwa 600 ~km~! Die Gesamtlänge des amerikanischen Kaliforniens beträgt aber etwa 1500 ~km~ oder die Entfernung von Memel bis Basel! Freilich beträgt die Breite durchschnittlich nur 300-400 ~km~. Danach kann man sich ungefähr von seiner Größe eine Vorstellung machen. Die Einwohnerzahl beträgt freilich noch nicht zwei Millionen, von denen die reichliche Hälfte in den beiden wetteifernden Großstädten wohnt! Man fährt von Los Angeles 15-16 Stunden mit dem Expreß nach San Franzisko. Ich teilte mir deshalb diese Strecke lieber, um unterwegs noch allerlei mitzunehmen.
Volles sonniges, warmes Wetter begünstigte die Fahrt. Man bedauerte es fast, wieder in den Pullmann steigen zu müssen. Draußen lagen die pinienbewachsenen Berge im hellsten Sonnenschein; ihnen zu Füßen reifende Getreidefelder im April! Viermal wird hier im Jahr Gras geschnitten und Heu gemacht!
Von der Fruchtbarkeit und Üppigkeit Kaliforniens machen wir uns in Deutschland ebensowenig eine zureichende Vorstellung wie von der Wüstenhaftigkeit des Felsengebirges und der Unendlichkeit der Mississippiebenen. Ich fuhr mit der „~Line of the thousand wonders~“ (Linie der 1000 Wunder) und war auf die „Wunder“ wirklich gespannt. Wie in Italien schimmerten von allen Höhen weißgestrichene Häuschen. Durch die Felder zogen Pflüge, von acht Maultieren gezogen. Rechts grüßten die Berge, links dehnten sich die strotzenden Felder, ganz leicht blau drüben lockte die Linie des Ozeans! Ganze Haine voller Oliven, als ob es graue Weiden wären, flogen vorüber.
Neben mir sitzt, wie ich bald herausbekomme, ein alter Schleswig-Holsteiner, der als Junge in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts schon herübergekommen war. Jetzt war er gut ein Fünfundsiebziger geworden! Er war nicht zurückgekehrt, weil er Preußen haßte und nicht beim Militär dienen wollte. Da ich ständig mit Notizbuch und Bleistift in der Hand zum Wagenfenster hinausstarrte, fragte er mich, ob ich Land kaufen wollte. Daß man bloß zum Vergnügen und zum Studium durch die ganze Union reisen könne, begriff er nicht, am allerwenigsten aber, daß ich wieder in die alte Heimat zurückwollte. Spöttisch fragte er mich -- die typische Frage alter verbissener Deutschamerikaner -- ob es jetzt in Deutschland auch Straßenbahnen, elektrisches Licht und Dampfheizung gebe, oder ob wir noch Petroleumlampen brennten und mit der Postkutsche führen? Er war nie wieder, verbittert wie er war, in die Heimat zurückgekehrt und konnte sich kaum vorstellen, daß auch bei uns jetzt modernes Leben herrschte. Vielleicht überzeugt ihn unser Zeppelin ~Z III~, falls er ihn noch erlebte, wenn er als „Los Angeles“ die „Stadt der Engel“ besucht.
Bald trat die Bahnlinie ganz dicht und höchst malerisch an den Ozean heran. Die felsigen Berge ließen nun kaum noch Raum für ihre Trasse. 160 ~km~ lang fuhren wir an der kalifornischen „Riviera“ hin, die in der Tat der italienischen und französischen nichts nachgibt. Drüben über dem St. Barbara-Kanal sah man die felsige Insel Santa Cruz, die Hänge der Berge über und über mit Blumen übersät, als herrsche hier ewiger Frühling. Schäumend brachen sich die anrollenden Wogen des Ozeans an der Steilküste wie in Rapallo oder Nervi. Auf hoher See zog ein Dampfer mit langer Rauchfahne. War es der „President“ von gestern aus San Pedro? Wo sich das Land wieder ein wenig öffnete, zeigten sich goldgelbe Senffelder, in denen braune Spanier arbeiteten. Von ihnen stammt die Landbevölkerung vielfach besonders um die alten Sitze der spanisch-mexikanischen Missionen herum ab. Dann sah man wieder Gummibäume, Eichen, Oliven und weite Weidetriften. Und so oft die Bahn stieg, weiteste Aussicht über den blauen Ozean! Man wurde die Illusion nicht los, als ob man etwa zwischen Pisa und Genua fahre. Gelb und blau sind die Meeresabhänge in unbeschreiblich prächtigem Blumenflor. Es waren wirklich die „~thousand wonders~“ keine Phrase! Dann drängten uns mächtige Dünen vom Meer ab. Asphalt- und Petroleumquellen an und in demselben mit den die Landschaft entsprechend verunzierenden Essen und Fördertürmen tauchten auf ...
Wir hielten in Santa Barbara, 100 Meilen von Los Angeles, dem amerikanischen „Mentone“, einem der Glanzpunkte der kalifornischen Riviera, zugleich einem der mildesten und geschütztesten Winterkurorte der Union, wo man keinen Winter kennt und auch keinen unerträglich heißen Sommer, eingebettet in Rosen und überragt von der alten historischen und höchst malerischen 1786 gegründeten Franziskanermission des berühmten Padre Junipero Serra. Die Bilder des Klostergartens mit seinem Kreuzgang, dem Refektorium, der weißgestrichenen Kirche und den braunen Kutten der Franziskaner zauberten ein volles Stück Mittelalter mitten in das modernste Land der Erde. Noch hatte kein Erdbeben es verwüstet.
Weiter geht es an der Riviera entlang in 100 Meilen nach San Luis Obispo in einem weiten Wiesental. Es wird allmählich warm. In einem von der Mittagssonne blendenden Steinbruch arbeiten halbnackte, braunschwarz gebrannte Arbeiter. Denken wir im Anblick der Kapitols, ~state-houses~ und ~skyscrapers~ immer daran, wer ihre weißen Blöcke gebrochen und ihre Quadern behauen hat? Wieviel Menschenschweiß klebt doch an jedem Stein der Großstadt! Die Bahn steigt in mächtigen Kehren vom Ozean ab über das Gebirge der Luciaberge 400 ~m~ hoch durch sieben mit Holzplanken gestützte und ausgebaute Tunnels hinüber in das Salinastal, wo in weiten wegelosen Eichenhainen halbwilde Rinderherden fröhlich ihr Leben genießen. Ab und zu tutet die Lokomotive mächtig in die Welt hinaus, um Gegenzüge zu warnen, oder klingelt, um Wanderer von dem Schienenweg zu scheuchen. Die weitesten Strecken liegen hier noch unangebaut! Der alte Schleswig-Holsteiner hatte nicht so unrecht. Hier könnte man gut nach Land ausschauen. Was könnte hier aus den Weidetriften noch für ein Etschtal werden!
Wie aus einem Kinderspielzeugkasten tauchten weißgestrichene Landhäuser zwischen dunklem Grün auf. Kleine, schwarze, scheinbar unansehnliche Schweine, halb verwildert, tummeln sich an einem kleinen Sumpf. In Salinas steige ich aus, um Monterey, die älteste Stadt Kaliforniens, einst vor San Franzisko und Los Angeles des Landes Hauptstadt, aufzusuchen. Heute ist Monterey ein ganz stilles Landstädtchen von kaum 2000 Einwohnern an der entzückenden, paradiesischen Montereybucht. Ein Wagen bringt uns auf herrlicher Straße zu einem der komfortabelsten und prächtigsten Hotels der Welt, Hotel del Monte. Seine Gärten und Parks sind weltberühmt, sie bergen in sich alle Pflanzenwunder Arizonas und Kaliforniens zugleich. Man wandelt unter Palmen und riesigen Kakteen, in Alleen von Rosen und Eukalyptus, unter immergrünen Steineichen, Pinien und Zypressen. Es dunkelte schon, als wir aus der Heide wieder ans Meer kamen. Geheimnisvoll tauchte wieder der Ozean, unser Begleiter, auf. Einsame Vögel kreisten am Abendhimmel. Schwarz zogen sich im Dunkel die Dünen am Strande hin. Letzte Lichter tanzten auf dem Wasser ...
Im kleinen Städtchen mit seinen alten, krummen und primitiven Straßen, deren Häuser meist nur ein- oder zweistöckig sind wie in Santa Fé, fühlt man sich bald nach Mexiko und bald nach China versetzt. Chinesischen Wäschern und Fischern begegnet man dort ebenso zahlreich wie den spitzhütigen Mexikanern. Und das Bild wird noch bunter durch die Uniformen der zahlreichen Soldaten des „~presidio~“. Abends promenierten sie alle durcheinander an den wenigen Läden, den einfachen ~dairies~, ~drug-stores~ und ~bars~ entlang, die aber nicht viel mehr als erleuchtete hölzerne Buden waren. Besonders viele Aushängeschilder, mit denen zum Eintritt in das Heer aufgefordert wurde, sah man hier:
„~U. S. Army. Young men wanted! Good pay! No expenses! Unusual opportunity for travel, education and advancement!~“[25]
Nach einem Abendimbiß trete ich in ein Lokal der „Bethlehem-Mission“, in der gerade eine „Erweckungsversammlung“ stattfindet. Sie verläuft ganz heilsarmeemäßig. Zwar ist sie nur halbgefüllt mit einfachen Frauen und Männern; auch Soldaten sind da. Eine Prediger+in+, eine verhältnismäßig noch junge Dame, steht am Pult und redet unter Singen und Händeklatschen, wozu sie auch bei Haupt- und Kraftstellen die Anwesenden animiert, von der Notwendigkeit der sofortigen Bekehrung. Die Soldaten hörten ganz andächtig zu. Zur Bußbank kam freilich keiner. Da ich es nicht über mich brachte, meine religiösen Gefühle rhythmisch mit anderen zusammenzusprechen und unter Händeklatschen den Takt angebend zu begleiten, entfernte ich mich recht bald wieder. Die geistige Kultur, auch die religiöse, erschien mir zuweilen drüben noch recht primitiv! Vielleicht hätte die Predigerin auf Neger und Navajo-Indianer mehr Eindruck gemacht als auf mich. Freilich war ihr Eifer und sittlicher Ernst höchst anerkennenswert. Man stelle es sich etwa so vor: „~God is love~“ (klatsch, klatsch!) -- „halleluja, halleluja, halleluja!“ (klatsch, klatsch!) usw. Das lag mir noch lange, aber nicht gerade angenehm im Ohr. Hier wirkt mehr das Exerzitium, die Routine und die Suggestion als freie Überzeugung. So preßt und knetet man Seelen, aber gewinnt sie nicht.
Ein herrlicher Morgen brach anderen Tags an, wie es der vorige war am Santa Barbara-Kanal und der kalifornischen Riviera. Strahlendes Blau spannte sich über dem blendend weißgelben Strand und den sanft anrollenden Wogen mit ihrem ewigen Anprallen und Zurückschlürfen. Die chinesischen Fischer wuschen schon ihre Netze, als ich mich auf die Wanderung begab, den herrlichen und berühmten ~seventeen-miles-drive~[26] entlang zu gehen. Bei Pazifik Grove nahm mich ein kühler schattenspendender Fichtenwald auf, in Amerika eine Seltenheit. Mir gingen Schillers Zeilen im Kopfe um:
„Und in Poseidons Fichtenhain, Tret’ ich mit frommem Schauder ein ...“
Immer üppiger wurde der Forst. Auch hier hätten Räuber kommen können und den deutschen Götterfreund erschlagen. Ob mich auch Kraniche oder die Möwen der Monterey-Bucht gerächt hätten? Ich bin die komfortable Straße nicht ganz entlang gewandert, denn 17 Meilen wäre eine Tagesleistung gewesen, und ich wollte den Nachmittag noch nach San Franzisko. So strebte ich aus dem Waldesdickicht nach einiger Zeit wieder heraus und quer hinüber nach dem Strand des Pazifik. Denn der Ozean hatte es mir nun einmal angetan, so oft ich seiner habhaft wurde, ob es auf Coney Island oder an der Battery in Neuyork, in Shirley Point bei Boston oder an der Wasserfront in Chikago, in San Pedro oder auf Santa Catalina war. Das Meer übt seine magische Gewalt über den Menschen. Fast noch mehr als das Hochgebirge hat es etwas Feierlich-Erhabenes und Grenzenloses. Damit wird es zum Auslöser der größten Sehnsucht in uns. Am Meer umspannen wir mit der Phantasie gleichsam das Ganze der Welt: Was liegt da drüben hinter der letzten Wasserlinie? Es zieht uns mit seinen ewig gleichen Wellen weiter und weiter in die Welt hinaus. So lockte es alle Seehelden, daß sie Leben und Wohlfahrt in die Schanze schlugen und sich auf gebrechlichem Fahrzeug der ungewissen Weite anvertrauten, um neues Land zu erobern. Aber das Meer übt auch eine wunderbar gemütheilende Wirkung. Nicht bloß seine reine salzige Luft, sondern ebenso seine Weite und Größe. Sie macht alles Kleine unseres Lebens klein und alles Große groß:
Im Grenzenlosen sich zu finden Wird gern das einzelne verschwinden, Da löst sich aller Überdruß. Statt heißem Wünschen, wildem Wollen, Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen, Sich aufzugeben ist Genuß.
Diese Goetheworte durchlebte ich, als ich wieder am Strande lag, mich ganz der großen Natur hinzugeben. Ich wollte ja auch nicht einen Rekord des Rasens durch einen Kontinent aufstellen, sondern zugleich mitten in allem Schauen und Lernen mich noch ein wenig selbst finden. Freilich war weder Boston noch Buffalo, weder Chikago oder sonst eine große Stadt erholsam, aber um so mehr der Tag am Grand Cañon, die Stunden auf Santa Catalina und nun an der prachtvollen Bucht des für Amerika uralten Städtchens Monterey in Kalifornien. Schon 1602 waren hier die Spanier gelandet, als es noch kein Neuyork noch Boston gab, und nannten die Siedlung, die sie schufen, nach dem damaligen Vizekönig von Mexiko, dem Grafen von „Monte Rey“. Und so blieb „Monterey“ Hauptstadt des Landes bis zur amerikanischen Besitzergreifung 1846, zweieinhalb Jahrhunderte lang, denn lange gab es weder ein San Franzisko noch ein Los Angeles! Dann aber mit dem plötzlichen fabelhaft schnellen Aufschwung dieser beiden Handels- und Hafenstädte versank Monterey in seinen Dornröschenschlaf, aus dem es wohl nie wieder erwachen wird. Nur die „Kurgäste“ und Globetrotter, die die Bucht, das Hotel del Monte und Pazifik Grove besuchen wollen und den „~seventeen-miles-drive~“ unter viel Getute und Benzingestank entlang kutschieren, bringen etwas Leben und Geld in den stillen malerischen Erdenwinkel, der noch immer mit seinem alten Zollhaus, seinen alten Forts und seiner katholischen Missionskirche ungefähr ein Bild der Zustände vor zwei, ja fast drei Jahrhunderten zu bieten vermag.
Da wo ich mich in den feinen weißen Sand der Bucht, noch fast zwei Stunden vom Städtchen, einwühlte, war niemand als die goldene Sonne, die so warm und wohlig die in Tropfen blinkende Haut entlang rieselte und so sanft trocknete. Einige dicke Algen lagen angespült neben mir am Strand, so dick und hart wie Schiffstaue oder Gummischläuche; von den Seelöwenfelsen hörte man das heisere Bellen der spielenden glatten Tiere. Nautische Signalglocken erklangen melodisch unter Wasser, die bei Nebel den Schiffer vor den Klippen warnen sollen; Pinguine watschelten behäbig mit ihren leuchtenden weißen Westen auf den Felsenkanten und erhoben ein mörderisches Geschrei, als ich ihnen ähnlich froh und frei in die sacht anrollenden Wogen entgegenschritt. Gibt es einen herrlicheren Naturgenuß, als wenn die goldene Sonne uns auf Brust und Schulter küßt, wenn die reine Ozeanwoge spritzend uns umspült und wenn nur blauer Himmel Dach unserer Zelle ist? Warum wird uns solch Glück so selten zuteil? Warum hüllen wir törichten Kulturmenschen uns auch im heißesten Sommer in so viel unnütze Kulturhäute? Wer vermag schneller und voller zu heilen als Licht, Luft und Sonne?
Aber auch diese goldenen Stunden verrannen nur zu schnell. Ein paar Ruderboote nahten mit ächzenden Schlägen und scheuchten mich aus meinem sonnigen Bade. Auf der Düne lag das verlassene Wrack eines Segelbootes. Ein großer Dampfer zog am Horizont mit langer Rauchfahne vorüber. Kam er von Frisko und fuhr nach Los Angeles? Als ich mich angekleidet und wieder nach Monterey zurückkehrte, kam ich wieder an allerlei Fischerdörfern vorüber, wo die Chinamen ihren Fang sortierten, ihre Netze wuschen und mir recht erstaunt nachsahen. Auf einem Sandplatz übten die Soldaten ...
* * * * *
Damit mußte ich der schönen Bucht von Monterey Lebewohl sagen. Ein Eilpersonenzug führte mich am Nachmittag nach San Franzisko. Mein meterlanges Rundreisebillett war nun allmählich schon recht klein geworden.
Wieder ging es durch blühendes Obst- und Weingelände. Das scherte einige Gemütsmenschen im Wagen nicht, den Handkoffer auf den Knien als Tisch benutzend Skat zu spielen! Von der Kreuzung Pajaro ging es hinüber an den Santa Cruz-Bergen vorbei, die man auch in der Bucht von Monterey sich erheben sieht, in das Tal des Guadeloupe River. Wieder welch ein breites, schönes, wohlangebautes Tal! Etschtalerinnerungen! Die üblichen weißen Holzdörfchen mit ihren weiß angestrichenen Kirchlein erschienen.
Golden stand die Abendsonne im Westen. Der ~brakeman~, d. h. der farbige Bremser oder Hilfsschaffner, schreit mechanisch die Stationen aus. Es steigen nur immer Leute zu, die „~to the city~“, nach „Frisko“ wollen. Es ist, obwohl April, so warm wie bei uns im Juli! Bei Santa Cruz, am anderen Ende der Montereybucht, steht noch ein Rest vollkommen vorgeschichtlicher Urwälder, ein Hain von 20 Riesenbäumen der sogenannten „~big trees~“, die zum Teil einen Umfang von 21 ~m~ und einen Durchmesser von 7 ~m~ erreichen! Kaum sechs Männer können sie umspannen! Ihre Höhe mißt 100 ~m~ und darüber! Ihr Alter wird zum Teil bis auf 3000 Jahre geschätzt! Manche sind so mächtig, daß Wagen bequem durch sie hindurchfahren oder 12 bis 14 Personen auf ihrem Stumpf Platz haben können!
Unser Zug eilte das Guadeloupetal hinab gen San José, an die Südspitze der 35 Meilen langen San Franzisko-Bai. Rechts hoch oben zeigte sich im Abendlicht scharf vom Himmel abhebend auf dem Mount Hamilton, der mit seinen 1354 ~m~ über der Bucht bald wie der Rigi über dem Vierwaldstätter See ragt, die berühmte Lick-Sternwarte wie ein weißer Punkt, eine der größten Sternwarten der Welt. Der Bürger James Lick hinterließ nämlich bei seinem Tode 1876 in San Franzisko ein Vermächtnis von 700000 Dollars zur Begründung einer Sternwarte. So wurde sie eine der ersten und bestausgestatteten der Welt. Die Linse des großen Refraktors hat heute einen Durchmesser von 100 ~cm~! James Lick selbst hat sich -- höchst originell -- im Fundament des Fernrohrs beisetzen lassen, so daß man also buchstäblich auf seinen Schultern stehend den Himmel beobachtet! Die Aussicht soll, wie sich denken läßt, überaus großartig sein, nicht weniger großartig als einer der unvergleichlichen Blicke durch das Rohr selbst.
Bald tauchte auch links eine Merkwürdigkeit auf. Wieder eine echt amerikanische hochherzige Stiftung! So wie Rockefeller die gesamte Universität Chikago, eine der besten und großartigsten der Union, gestiftet und Carnegie fast jeder amerikanischen Stadt eine Volksbibliothek geschenkt hat, so hat nicht weit von der Station „Palo alto“, wiederum nach einem mächtigen Rotholzbaum so benannt, das Ehepaar Leland Stanford aus San Franzisko zum Gedächtnis an ihren einzigen früh verunglückten Sohn eine Universität mit einem Grundkapital von nicht weniger als 30 Millionen Dollars gestiftet; sie heißt daher „Leland-Stanford-Junior-Universität“. Man kann vor diesen großzügigen amerikanischen Stiftungen nicht Achtung genug haben. 1891 wurde die Hochschule in prächtigster Umgebung und mit den prächtigsten und stilvollsten Gebäuden eröffnet. Man fühlt sich in ihren herrlichen Hallen und Gängen nach Athen zu Platos und Sokrates’ Zeiten versetzt. Das Gelände selbst gehörte einst dem Stifter und war ein über 3000 ~ha~ großes Gestüt. Heute ergehen sich dort an 2000 Studenten, darunter Hunderte studierender Damen!
Während unserer Weiterfahrt nahmen die Reklamen und die Besiedlung ständig zu, ein Beweis, daß wir uns einer Großstadt näherten ... Um acht Uhr mit Einbruch der Dunkelheit waren wir nach 137 Meilen Fahrt in San Franzisko, der „Stadt des Erdbebens“! Das war fast das einzige Konkrete, was ich von Frisko bis dahin wußte, und daß es der amerikanische Überfahrtshafen nach Japan ist, auch daß es am sogenannten „Goldenen Tor“ liegt.
Ich trat aus dem Bahnhof. Das erste, was mir im Schein der Bogenlampen in der Stadt auffiel, war noch stark unebenes Pflaster und allerlei Unebenheiten in der Fahrbahn. Ja, manchmal waren ganze Buckel auf dem Bürgersteig, da und dort nur notdürftig mit Brettern und Steinen Löcher im Fahrdamm zugeflickt. Das waren die Spuren des Erdbebens! Zum ersten Male im Leben sah ich mit eigenen Augen seine Wirkungen und Verwüstungen. Aber sie waren doch noch viel größer als ich geahnt hatte ...
Nachdem unschöne Viertel mit allerlei ~bars~ und ~shows~ durchschritten waren, wo des Abends hier ein Heilsarmeesoldat und dort eine Negerfrau und hier sogar ein Chinese auf der Straße predigte -- ausgerechnet in der einstigen Stadt der Goldsucher, Abenteurer, Verbrecher und der schlimmsten Korruption -- bog ich in die glänzend erleuchtete und von Menschen nur so wimmelnde Market Street ein, wo sich alles erging wie in Los Angeles unter den erleuchteten Kandelabern der Mainstreet. Mächtige Geschäftshäuser, Banken und Hotels erhoben sich da. Nach der Stille der Monterybucht und dem Idyll auf Santa Catalina, den Santa Cruz-Bergen und dem Tal des Guadeloupe River umlärmte mich hier wieder die typische Großstadt, ja Weltstadt. Wenn auch San Franzisko Neuyork an Größe noch weit nachsteht -- es hat nur ein Zehntel seiner Einwohner -- so ist es doch mit seinem weltmännischen Gebaren das Neuyork des Westens. Schaut man von Neuyork nach Europa, so schaut man von hier nach China und Japan. Der Blick ist beide Male gleich groß und weit übers Weltmeer gerichtet. Freilich trennt von Yokohama beinahe die doppelte Zeit und Strecke als wie von Southampton ...
Aus dem Bezirk der blendenden Lichtreklame, der ~shows~ und ~moving pictures~ strebte ich quartiersuchend in stillere Straßen. Bald stand ich fast völlig im Dunkeln, wo es nur noch bergauf und bergab ging. Rollende Drahtseilbahnen strebten zu steilen Hügeln hinauf, auf denen San Franzisko gebaut ist. Mein getreuer Bädeker, der noch im Jahre des Erdbebens erschienen war, ließ mich jetzt ziemlich grausam im Stich! Teils waren die Straßen, die ich suchte, vom Erdboden verschwunden, teils waren sie neu- oder anders angelegt. An ganzen Vierteln kam ich vorbei, wo Block an Block noch eine Wüstenei war. Den vollen Umfang der fast unvorstellbaren Katastrophe aber übersah ich erst im Hellen am anderen Tage. Und doch hatte die Energie und die Tatkraft der Amerikaner schon so viel wieder aufgebaut. Aber stärker noch als das Erdbeben hatte wie immer das ausgebrochene Feuer gewütet, das nicht zu löschen war, weil mit den entzündeten Gasrohren auch die Wasserleitungsrohre zerborsten waren und kein Wasser zum Löschen hergaben. Die Einwohnerschaft war in die Parks geflüchtet und mußte Häuser und Besitz ihrem furchtbaren Schicksal überlassen ...
Als ich schließlich in einem sehr sauberen und ordentlichen Privatlogis im Bett lag, konnte ich noch lange keinen Schlaf finden. Immer war mir’s, als bewege sich der Fußboden und das Bett wanke, denn zu unheimlich war der erste Eindruck all der Bodenerhebungen und geflickten Straßenstellen und der zerstörten Stadtviertel im Dunkeln auf mich als Fremdling gewesen ...
Anderen Tages, als die Sonne schien, war es mir fast wie eine Beruhigung. Das Haus stand noch fest, auch die Stadt lag noch ruhig wie tags zuvor. Ich bestieg einen der echt amerikanischen „~observation-cars~“, der Stadtbesichtigungsautomobile, die ja auch zu uns herübergekommen sind, und ließ mich mit einer ganzen Schar auf den amphitheatralisch angeordneten Sitzen durch die Stadt fahren. Vorn stand der Ausrufer mit dem Schalltrichter, der uns genau erklärte, wo und wie das Feuer ausbrach, und zeigte, wie weit es um sich gegriffen hatte. Man sah noch immer deutlich die Feuerlinie und die Stellen, wo es zum Stillstand gekommen war. Gerade das Zentrum der Stadt war heimgesucht worden; die äußeren Wohnviertel blieben verschont. Aber keineswegs waren alle Wolkenkratzer zuerst eingestürzt. Im Gegenteil, manche hatten gerade dank ihrer festen Konstruktion aus Eisen und Beton standgehalten. Aber das Stadthaus, die prunkvolle kuppelgeschmückte ~city-hall~ war trotz ihrer sechs Millionen Dollar Baukosten in 20 Sekunden ein Opfer ihrer zum Teil betrügerischen Konstruktion geworden. Denn sie stammte noch aus der Zeit der Korruptionswirtschaft. Nach dem „Feuer“ -- davon spricht man in der Stadt selbst viel mehr als von dem „Erdbeben“, wovon man Stöße wohl öfter verspürt, ohne sie sonderlich zu achten -- baute man das Geschäftszentrum zuerst in eingeschossigen Baracken und Holzgeschäftsbuden notdürftig wieder auf und es hieß: „~business as usual~“. Aber bald begann die Periode des völligen Wiederaufbaus ...
Geradezu ungeheuer war der Ausblick auf die Zerstörung im ganzen. So furchtbar hatte ich es mir nicht gedacht![27]