Part 15
Wir hatten uns erst durch die Stadt „Niagara Falls“, die sich dicht an den Fällen angebaut hat, samt all ihren Hotels, Basaren, Ständen, Droschken, Autos, Führern und Händlern durchzuwinden, -- ach, daß in aller Welt Händler und Marktleute die gewaltigen Naturschönheiten gerade als ihren besonderen Raub betrachten und, während man sich von dem „Donner der Gewässer“ betäuben lassen möchte, einem unaufhörlich mit Donnerstimme ihre oft unschönen Ansichtskarten anpreisen und einem als Führer fast den Weg versperren! -- bis wir auf einmal wunderbar frische Luft atmeten, ein feiner Wasserstaub herübersprühte, ein ungeheures Donnern, das mit jedem Schritt zunahm, sich hörbar machte, -- wir waren in den Anlagen dicht an den Fällen! Noch ein paar Schritte, und links bot sich der erste Blick auf den amerikanischen kleineren Fall. Von oben gesehen übt er nicht seine volle Wirkung. Geht man aber tief bis auf das Niveau seines unteren Endes hinunter, so spürt man erst die erdrückende Gewalt der herniederdonnernden Wassermassen.
Nun bot sich uns bei unserem Besuch noch ein besonders eigenartiges Schauspiel. Es war Anfang April. Die Sonne schien freundlich warm. Rings sproßte es in tiefem, frischem Grün an Baum und Strauch: Weite Wiesenflächen zwischen Baumgruppen in entzückendem Grün -- aber im Niagarastrom war noch Eis und Schnee. Wie ein mächtiger Gletscher türmten sich die Schnee- und Eisschollen vom noch weithin zugefrorenen Flußbett den donnernden, schäumenden Wassern entgegen. Man konnte sich auf dem Eis am Ufer ein Stück weit auf den Fluß hinauswagen und trotz der warmen Frühlingssonne eine Schnee- und Gletscherpartie unternehmen, Schneehügel emporklimmen und sich von den Wolken voll Wasserstaub überschütten lassen und von unten hinaufsehen zu den unablässig herniederstürzenden und wieder aufschäumenden Wogen. Es gibt viele großartige Wasserfälle in der Welt, in der Schweiz und in Italien; aber der Niagara übertrifft sie doch alle weit mit der ungeheuren Masse seines Wassers. Den überwältigendsten Eindruck macht der kanadische Fall, der noch dreimal so breit als der amerikanische und von ihm durch die breite Felseninsel völlig geschieden ist.
Aus der Gletscherregion stiegen wir wieder empor in die Frühlingssonnenwärme und zu den frischen grünen Wiesen hinan -- ein Kontrast, wie man ihn nur an einzelnen Punkten in den Alpen erleben kann, wo ziemlich plötzlich der letzte Schnee den grünen Matten Platz macht. Wir nahmen unseren Weg nun hinüber auf die breite, waldige, jetzt wohlgepflegte Insel „Goat Island“, die die beiden Fälle voneinander scheidet. Auf sanften Wegen kann man hier sich jetzt zu Fuß und Wagen ergehen. Aber wie muß es einst hier gewesen sein! Als noch keine Eisenbahnbrücke den Strom überspannte, noch keine Geschäftsstadt sich am Fall angebaut hatte, noch keine Fabriken ihre rauchigen Schornsteine über die Felsen reckten, gierig, die unausschöpfbaren Urkräfte zu nutzen, als dichter, schier undurchdringlicher Urwald die Ufer und diese Insel säumte, die wohl vermutlich nie ein menschlicher Fuß betrat, als nur hin und wieder ein Indianer scheu das Dickicht durchbrach und mit Entsetzen diese donnernden Gewässer erschaute und zitternd die Kunde ins Dorf und zu dem Stamm brachte und man dann in Haufen aufbrach, die Wunder der Götter und Geister zu schauen und den Donner ihrer Stimme zu vernehmen, und der Häuptling, am Fluß angekommen, in vollem Schmuck die Zweige auseinanderbog und der Majestät der Natur ins Auge schaute ...
Das obere Ende dieser „Ziegeninsel“, der vier kleine Felsinselchen vorgelagert sind mit den poetischen Namen „~Three Sisters and little Brother~“, eröffnet einen ganz unerwarteten Blick auf den riesig breiten Niagarafluß oberhalb der Fälle, wo er mehrere Kilometer breit mit seinen schäumenden, rauschenden Stromschnellen und seinen darüber kreisenden Möwen fast den Eindruck eines wogenden Meeres macht. Rollend und brausend rauscht der gewaltige Strom, mit Eisschollen bedeckt, die in den Fällen an den Felsen zerschellen, daher, ein tobendes Gewässer. Nur noch wenige hundert Meter -- und die Wasser neigen sich über die Felskanten hinab im tosenden Fall ...
Den Niagarafluß, oder besser gesagt die Niagaraschlucht, unterhalb der Fälle entlang hat man auf beiden Seiten eine elektrische Ringbahn gebaut, die auf gefährlichem Pfad, dicht zwischen dem tosenden Fluß und den steil abstürzenden Felsrändern hinführt und den besten Blick auf die Stromschnellen unterhalb der Fälle gewährt. Der oben mehrere Kilometer breite Strom wird unterhalb der Fälle in eine enge, noch nicht hundert Meter breite Felsschlucht zusammengezwängt, in der er eine furchtbare Tiefe annimmt und in der sich die Wasser mit unablässigem Schäumen und vielen mächtigen wilden Strudeln fast konvex zusammentürmen und -zwängen, bis sie in einen fast kreisrunden Teich gelangen, den sogenannten „Whirlpool“, wo sie ans Land spülen, was sie in ihrer tollen Fahrt über die Fälle mit heruntergerissen haben, es seien Baumstämme oder Menschenkörper. Auf leichtbeschwingter Brücke -- es führen deren einige in mehr oder weniger vollendeter Eisenkonstruktion über die Felsschlucht -- setzt die Gürtelbahn über den Strom und führt durch schöne Haine von hohen Lebensbäumen, aus denen sich ein entzückender Rückblick auf den sich wieder in sanfterem Hügelland verbreiternden Fluß und die in duftigem Dunst leise sich andeutenden Uferlinien des Ontariosees ergibt, hinauf zu der stolzen Denksäule des im amerikanischen Krieg 1812 gefallenen englischen Generals Brockes. Auf der wohlangelegten, von der amerikanischen wohl abstechenden kanadischen Seite geht es dann durch gut gepflegte Parkanlagen, die noch manchen reizvollen Blick hinunter auf die Stromstrudel und hinüber auf die amerikanischen Felsen mit ihren wie Hephästus’ Werkstätten rauchenden und feuerspeienden Eisenwerken bietet, zurück zum kanadischen Fall. Je näher ich ihm wieder kam, bis ich seine ganze ungeheure, an einen Kilometer fast fassende Breitseite, die mit immer neu aufsteigenden, fast undurchdringlichen Wasserstaubwolken geheimnisvoll verhüllt ist, vor mir hatte -- da war ich von der Macht der brausenden, mit ihrem verhaltenen gebrochenen, wie von Bergsprengungen herrührenden Donner doch überwältigt. Was ich beim amerikanischen Fall noch vermißte, das fand ich hier alles. Diese ungeheuren Gewalten, die sich hier entfalten, lassen sich nicht beschreiben. Unausstehlich war nur das Gehämmer der Bohrarbeiter in der Nähe an den Felsen herum, ihre schrillen Pfiffe, das Surren der Maschinenräder, fortgesetztes Hämmern und Klopfen. Aber was bedeutet all dies menschliche Kratzen und Pochen an dem Urgestein gegenüber der Macht, die da drüben seit Jahrtausenden täglich sich frei auswirkt?
Man kann auch in die Felshöhlen unter dem amerikanischen Fall mit Führer auf schwankenden Treppen und Stegen gelangen, wobei die Teilnehmer ganz in Gummi gehüllt sich -- soweit schwindelfrei -- an den Händen fassen. Aber erstens war zu meiner Zeit noch alles vereist, und zweitens hätte ich mir doch überlegt, ob ich meine Nerven riskieren soll. --
So fuhren wir wieder heim ins Pastorat. Auf der Elektrischen traf ich am Bahnhof einen Westpreußen aus Elbing. Er fragte mich, wie mir die Fälle gefallen hätten? Aber diese Frage war immer noch verständiger als die andere, ob man in Deutschland auch schon Dampfheizung oder elektrisches Licht und Straßenbahnen und Automobile habe, ob auch hohe Häuser und große Läden da seien, und wie schnell die Bahnen führen, ob sie so gut und bequem seien wie in Amerika, und ob man im Winter auch wirklich warme Zimmer habe! Die ausgewanderten Deutschen kennen oft nur noch ihr Deutschland von vor fünfzig Jahren, da man bald noch mit der Post fuhr und Petroleumlampen brannte, und nun meinen sie, das gelobte Land Amerika allein besitze Technik und Kultur in der Welt!
Die nächste Nacht schlief ich wieder einmal in einem weißüberzogenen Bett bei den gastfreien gütigen Landsleuten. Mit dem Frühesten ging es wieder nach Buffalo hinein, wo gegen acht Uhr der Zug nach Chikago abging, der über Detroit dort abends um elf Uhr (!) eintreffen sollte! Diesmal bestieg ich nicht den Pullmann, wo man Bad, Schreibtisch, Telephon, Barbiersalon usw. benutzen kann, sondern einen Auswandererzug der billigeren Wabashlinie, deren große D-Wagen mit auszieh- und drehbaren plüschbezogenen Lehnstühlen auch noch bequem genug ausgestattet waren. Auch in ihm konnte man nach Belieben sitzen, liegen, essen und schlummern. Die Fahrt war dementsprechend billiger, zwar auch dafür ein klein wenig langsamer. Aber ich hatte ja Zeit. Also in fünfzehn Stunden von Buffalo nach Chikago! Die Mitreisenden waren aus einfacheren aber mir interessanten Ständen: Einige handfeste Schweden mit Familien saßen im Wagen. Den großen starken Menschen hing zwar -- wenig amerikanisch! -- hinten das Blusenhemd aus dem Hosengürtel. Das kümmerte mich aber wenig. Neben mir aßen sie faustdicke Brotscheiben mit fingerdickem Käse darauf. Das kümmerte mich schon ein wenig mehr! Obwohl Amerika vom schönsten Obst förmlich birst, kosteten doch zwei Äpfel im Zuge beim ~trainboy~ 10 Cent (50 Pf.)! An jeder Wegkreuzung prustete die Lokomotive keuchhustenartig ihr Warnungssignal in die Ferne. Auch dieser Zug hielt selten, die Stationsbahnhöfe -- natürlich Detroit ausgenommen -- waren merkwürdig primitiv.
Die donnernden Gewässer des Niagara lagen hinter mir. Langsam rollten wir über die lange Brücke, die den Strom überspannt, ins englische Kanada hinein. Von einer Zollrevision merkte man fast nichts. Dann gings durch unendliche Ebenen, die sich nun ohne Unterbrechung Tausende von Meilen weit bis an die Rocky Mountains erstrecken. Diese unendlichen Ebenen des Mississippistromgebietes sind die Quellen von Amerikas Reichtum. An den Seen gibt es Kohle, Eisen, Kupfer und Blei, in den „Weizenstaaten“ vermag soviel Korn zu wachsen, um die ganze Menschheit zu ernähren. Farmland an Farmland. Hier besitzt man nicht zwei, drei Äcker, sondern 500 bis 1000 „~acres~“, deren jeder einen halben Hektar ausmacht. Wie muß sich hier der deutsche Bauer fühlen, der aus den engen Grenzen seiner alten Heimat kommt! Eins ist es hier vor allem, das jeden Fremdling in Erstaunen setzt, die Ungeheuerlichkeit des Landes; wohl an zwanzig Deutschland gehen ja auf den Flächenraum der Vereinigten Staaten, die eher mit einem Kontinent denn mit einem einzigen Land verglichen werden müssen. Der Staat Texas allein übertrifft unser Deutsches Reich an Größe, und viele der großen westlichen Staaten kommen ihm an Größe fast gleich. Reist man bei uns Stunden, um das halbe Land zu durchqueren, so hier Tage. Und doch zählt die Union erst hundert Millionen Einwohner. Welche Zukunft und welches Bevölkerungswachstum mag ihr noch bevorstehen! So wächst hier der Unternehmungsgeist und die Energie ins Fabelhafte. Ungeahnte Möglichkeiten und Chancen tun sich überall auf. Alles das ist faszinierend für den Auswanderer, der sich hier ein neues Leben und sein Glück sucht. Die alten Brücken zur Heimat werden zunächst abgebrochen. Der Anfang ist zwar schwer, bis man sich in die neuen Verhältnisse und die neue fremde Sprache eingelebt hat, aber dann, nach fünf, zehn Jahren beginnt man Boden unter den Füßen zu fühlen. Stolz sucht man jetzt von dem Erfolg in die Heimat zu berichten, die alten Fäden wieder anzuknüpfen. Bald geht man ein-, zweimal selbst wieder übers Meer, die alten Verwandten wieder zu sehen, und ihre eisernen Öfen, die harten Holzbänke in der langsamen Eisenbahn und das Fehlen des Badezimmers mit warmem und kaltem Wasser zu verspotten und sich zu freuen, wenn man wieder in den blauen Hafen Neuyorks einfährt, die Wolkenkratzer ihre Konturen am Himmel abzeichnen, die Freiheitsstatue ihre Fackel über die Bai reckt und man den Fuß wieder in das gelobte Land des Dollars setzen kann.
Das amerikanische Leben ist ja auch ungeheuer beweglich. Der Vater war vielleicht noch deutsch und ein rechter Bauer, der Sohn geht schon aufs Kollege, ist Amerikaner und siedelt sich in der Großstadt an oder geht weiter westwärts. Typisch ist dieser Zug für Amerika „westwärts“ zu gehen. Von Anbeginn ging man „westwärts“, erst den Hudson hinauf, dann über die Berge an die Seen, dann bis Chikago, dann schritt man über den Mississippi, und dann wagte man sich in die Rockies, und schließlich faßte man Fuß in Kalifornien. Scherzweise hat man gesagt, der Amerikaner will in keinen Himmel kommen, wo man nicht weiter „westwärts“ gehen kann. Das 18. Jahrhundert lebte im wesentlichen noch im Osten in den dreizehn alten Staaten, das neunzehnte faßte Fuß in den ungeheuren Mississippiebenen, das zwanzigste wird den Westen kultivieren. In Ägypten schauen vergangene Jahrtausende von den Pyramiden auf ein starres Land herab, in Amerika schauen +kommende+ Jahrtausende von den Wolkenkratzern auf ein ungeheuer bewegliches und vielgestaltiges Leben. Hier ist alles anders als in den alten Ländern. Hier genoß kein König und Kaiser Ehrerbietung, hier war keine Kirche, die vom Staat ihre Steuern eintreiben läßt, hier waren keine Stände mit besonderen Vorrechten, keine Orden, die den Beamten schmücken. Frei war das Volk, frei der Mann in seiner Selbstachtung und der Achtung anderer, völlig auf sich selbst und seine Arbeit angewiesen und darauf, wieviel er selbst aus sich machen kann ohne Pension und Altersversorgung. Daher auch die Jagd nach dem Geld. Selbst die Politik und die öffentlichen Ämter sind oft ein Spielball in der Hand derer, die möglichst viel für die eigene Tasche herauszuschlagen suchen. Ungeheurer Reichtum überall. Schnellste Lebenskarrieren, vom Straßenjungen, der Zeitungen verkauft, auf zum Inhaber der größten Zeitung in einer Großstadt, vom Farmerkind zum Professor in Harvard. War nicht Roosevelts Karriere eine der typischsten? Kaum vom Kollege graduiert, ist er schon Magistrat in Neuyork; wenige Jahre später ohne jede militärische Laufbahn Reiteroberst und Sekretär der Marine und bald darauf Präsident des Landes! Man wechselt und wandert, wie es die Gelegenheit gibt, heute Student, morgen Professor, heute ~clerk~ und morgen ~trustee~, bald im Osten, bald im Westen. So hat sich in den Vereinigten Staaten kein Provinzialismus und wenig Gauindividualität entwickeln können, und Dialektunterschiede existieren fast nicht oder sind wenigstens mit den ausgeprägten in den europäischen Ländern gar nicht zu vergleichen. Die ganze Union spricht +eine+ Sprache.
Indessen fuhren wir durch die sich überall ungeheuer gleichenden Ebenen Stunden für Stunden. Eine Abwechslung bot nur der kleinere Lake St. Clair mit seinen gelbbraunen, sich ins Uferlose erstreckenden Wasserflächen, über denen schwere Regenwolken hingen. Ein paar Fischerhütten am Strand, eine kleine Steinkirche zeigte sich; unter grünen Pappeln ein steinernes Häuschen. Am Strand ein altes Kanoe und ein paar Männer, die ihre Netze ausgeworfen hatten. Auf dem Flurland dicht neben der Bahn ein Farmer mit seinem Pflug. Die Pferde bäumten sich wild auf, als der Zug vorbeibrauste. Indessen turnte der schwarze Kellner aus dem Speisewagen den Mittelgang der Wagen entlang und rief monoton sein ~first call for „luncheon“~ aus. So kamen wir um Mittag nach Detroit. Die amerikanischen Zolloffiziere gingen durch den Zug. Auf einem Trajekt setzten wir über den Endzipfel des Sees. Dann ging es wieder weiter durch endlose Strecken Michigans und Indianas gen Chikago, wieder auf amerikanischem Boden.
Hie und da lag eine einsame Station, alle halbe oder ganze Stunden. Überall war fruchtbares Ackerland, das wohlgepflegter aussah, als um Buffalo. Es wohnen hier viele Deutsche. Hie und da an der schlechten Landstraße, die neben der Bahn herlief, ein Blechpostkasten einer entfernten Farm, der als Briefablage und -aufgabe zugleich dient. Kleine Haine, übel zugerichtet. Hier existiert ja keine Forstpolizei, und erst neuerdings gibt es Staatsschutz für den Wald.
So wurde es Mittag und Nachmittag und Abend, und noch immer dieselbe Landschaft. Fast alles noch braun und dürr, weil es noch früh in der Jahreszeit war. Hie und da ein blühendes Bäumchen auf der Flur wie ein Kuß Gottes auf die Frühlingserde. So wurde es Abend und Nacht. Am Himmel standen hell und klar die Sterne, dieselben Sterne, die jetzt auch über Deutschland standen. Im Wagen schliefen schon die meisten; die bequemen Chairs gestatten es, sich weit zurückzulehnen. Und als wir uns endlich nach fünfzehnstündiger Fahrt Chikago näherten, war es fast Mitternacht geworden. Viele hellerleuchtete Vororte flogen an uns vorüber. Elektrische Lampen erhellten die Bahnhöfe, Straßen und Fabrikviertel -- und ein brennendes Haus, in das die Feuerspritzen ihre Wasserstrahlen sandten, leuchtete wie eine Riesenfackel schaurig durch die Nacht. So tüchtig und ausgezeichnet die amerikanischen Feuerwehren sind, so oft brennt es hier; manchmal sind schon halbe Städte einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen, so Chikago 1872.
Und nun kam ich wirklich in die Stadt, deren Namen eine so eigenartige Nuance des typischsten unbegrenztmöglichen Amerikanertums für unser Ohr bekommen hat. Chikago zählte 1831 noch hundert Einwohner! Einst war es ein Fort gegen die Indianer, und heute ist es mit bald vier Millionen die viertgrößte Stadt der Welt, an Flächenraum viermal größer als Berlin, mit einer Wasserfront von 35 Kilometern Länge am See Michigan, der uferlos wie das Meer aussieht. 40 Sprachen werden in Chikago gesprochen. Etwa 600000 Deutsche leben in der Stadt, und vielleicht nur ein Zehntel ist in Chikago selbst geboren.
Ich war in Chikago! Wachte oder träumte ich? Auf dem Schiff hatten sie manchmal begeistert ein Lied Chikagos zu Ehren im Chor gesungen, das ich aber damals nicht recht behalten habe. Zum Schluß jeder Strophe kam immer wieder als Refrain von wildem Beifallsgetrampel und -händeklatschen begleitet: „O Chikago, o Chikago ...!“ Und dann ging es so weiter, daß ihm in der Welt nichts gleich sei! Ich war in Chikago, der Stadt mit den meisten einlaufenden Eisenbahnzügen, wo zirka 500 Personen im Jahr durch Autos ihr Leben verlieren, wo 40000 Schutzleute den Verkehr dirigieren, wo in einem einzigen der großen Warenhäuser ¼ Million Kunden ein- und ausgehen, wo neben 10000 Angestellten allein über 500 Feuerwehrleute ständig Wachtdienst tun, wo täglich Hunderttausende Stück Vieh ihr Leben lassen und zu Konservenfleisch und Wurst verarbeitet werden, wo man einen ganzen Fluß, den Chikago-River, gezwungen hat, in seinem Lauf wieder umzukehren und seine verdorbenen Wasser statt in den See zu ergießen, dem Mississippi zuzuführen und so Typhus und Cholera fast verbannt hat! Nun kam ich wirklich in diese merkwürdige Stadt ...
Einer meiner beiden Chikagovettern empfing mich liebenswürdig in der „Illinois Central Station“ mit ihrem verwirrenden ohrenbetäubenden Getriebe. Ach, wie reckte ich die Glieder nach der fünfzehnstündigen ununterbrochenen Bahnfahrt, die mich trotz des bequemen „~reclining chair~“ recht steif gemacht hatte. Immerhin war es eine gute Vorübung für die noch dreimal längeren Bahnfahrten, die mir hinter Chikago bevorstanden!
Jetzt war ich in Chikago bereits 1000 ~km~ vom Atlantischen Ozean entfernt, aber immer noch 3000 ~km~ vom Stillen! Wie angenehm empfand man das freundliche Empfangenwerden durch liebe Verwandte zumal in so später Nachtstunde in der riesigen Weltstadt, freilich durch Verwandte, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, die ich nur vom Hörensagen kannte. Sie alle hatten ihren typisch-amerikanischen Entwicklungsgang durchgemacht, aber sich alle auch zu angesehenen Stellungen selbst emporgearbeitet. War es in Neuyork die Musik, in Boston die Medizin, so waren es in Chikago Juwelen und das unvermeidliche Auto, das ihnen Wohlstand und Brot gegeben.
So fuhr ich denn mit meinem neugefundenen Vetter zunächst mit der Hochbahn aus der City und ihrem Trubel, ihrer blendenden Lichtreklame, durch dunkle, schmutzige Viertel, an zahlreichen Wolkenkratzern vorüber -- die freilich noch nicht die wahnsinnige Höhe der Neuyorker erreichten -- schöne Alleen hinaus in den freundlichen Villenvorort Oakpark, wo mein Vetter mit seiner Familie ein gutausgestattetes Landhaus bewohnte mit dem typisch-amerikanischen Meublement, das stets das gleiche ist, ob man in Neuyork einkehrt oder in San Franzisko, in Chikago oder St. Louis. Amerika bleibt eben überall das gleiche Amerika. Die alles nivellierende Fabrikware hat hier ihren völligen Sieg erfochten.
Bald hatte ich die Ehre und Freude, auch wieder eine neue Cousine kennenzulernen, eine geborene Amerikanerin, die kaum ein Wort Deutsch verstand ...
Andern Tages ging es gleich wieder an meine „Arbeit“ des Besichtigens, in möglichst kurzer Frist viele wichtige Eindrücke in mich aufzunehmen. Also fuhr ich andern Tags sogleich nach dem Frühstück, mit Reiseführer und Karte in der Hand, mit der „~elevated~“ hinein in Chikagos Großstadtgewühl! Und es übertrifft an manchen Stellen noch dasjenige Neuyorks! Über, unter, neben dem Kopf rollt, rast, saust, klingelt, tutet, pfeift es überall. Alles ein ununterbrochenes Gelaufe und Gerenne! Es dampfen die Wolkenkratzer. Die Warenhäuser speien ständig Hunderte und Tausende von Menschen aus, um andere ebensoviele wieder einzusaugen. Die Amerikaner kommen aus dem Felsengebirge, ja aus Seattle in Alaska und aus San Franzisko, um in Chikago bei „Siegel u. Cooper“ oder „Marshall Field u. Co.“ einzukaufen! Dies „~shopping~“ ist ein Hauptvergnügen amerikanischer Damen.
Welchen Eindruck machte Chikago auf mich, das Neuyork des mittleren Westens? Eine ungeheure, etwas düstere Großstadt mit Hochbahngerassel und Automobilgetute, Wolkenkratzern, die die Geschäftsstraßen zu Schluchten verengen, mit Bank an Bank, Geschäft an Geschäft, ~lunchroom~ an ~lunchroom~, „~moving pictures~“ an „~moving pictures~“. Das ist die City. Auch hier wie überall. Bei Tage ein ungeheuer lebendiges Treiben von den höchsten Stockwerken der „~office-buildings~“, zu denen sieben bis zehn Aufzüge gleichzeitig auf- und niederfahren, bis herunter auf die Straße und ihr Gewimmel. Nachts und Sonntags ist die City eine ausgestorbene Stadt, in der kein Kirchturm offen emporragt, und nur Nachtwächter und Schließer ihr Logis haben. Die Geschäftsleute wohnen draußen in den Vorstädten, die man mit einstündiger Fahrt mit der Hochbahn erreicht, draußen bei den großen Parks, die sich um die Stadt ziehen. Zwischen der City aber und den Parkvorstädten liegen die unabsehbaren Viertel der kleinen Leute, voll Italiener und Neger, dazwischen noch vielfach unbebaute Strecken, auf denen Knaben ihren Baseball spielen. Hier weiß niemand vom anderen. Hier sind Städte in einer Stadt, und Stunden dauert es, um vom Norden nach dem Süden oder zum Westen zu kommen.