Part 16
Ich stand auf dem Turm des „Auditoriums“, eines großen Theaters, und sah über die rauchenden Wolkenkratzer und in die ~offices~ hinein mit ihren Bureaus, wo Tausende von jungen Mädchen ihren Beruf darin gefunden haben, von morgens bis abends auf der Schreibmaschine zu klappern und sich dabei ungeheuer frei und selbständig vorkommen. Ich sah über die Riesenwarenhäuser von „Siegel u. Cooper“ und „Marshall Field u. Co.“, wo einfach alles in der Welt zu haben ist, Warenhäuser, die ganze Straßenblocks einnehmen. Mit Staunen schreitet man durch die Säulenhallen, sieht die Aufzüge in allen Ecken mit Menschen auf- und niedersausen und schaut die Schätze aller Erdteile vor sich ausgebreitet. Die Boys an den Eingangstüren führen umfangreiche Kataloge bei sich, um den Käufer sofort zu der richtigen Abteilung leiten zu können. Weiter blickte ich über den weiten Michigansee, der die lange Front der Stadt bespült und im Sturm seine gelbbraunen Wogen gischtschäumend ans Ufer peitscht, Handelsschiffe als Wrack ans Land wirft, ein Binnenmeer Nordamerikas; weiter über die wunderschöne Hauptpost, die leider zwischen die Blocks so eingekeilt ist, daß sie unmöglich ihre architektonische Schönheit entfalten kann, und über die ganz flache, niedrige, im Renaissancestil gebaute Kunstgalerie, die wie ein kleines Kind unter Riesen steht ...
Um Mittag warf ich einen Blick hinein in die „First Nationalbank“ mit ihren prachtvollen Marmorvestibülen und in die Börse, wo ein wilder Tumult herrschte. In drei Haufen standen die Makler zusammen und schrien gegeneinander. Nur mit Fingerzeichen verständigten sie sich. Von den Bureaus flogen die Telegramme hin und her, an den Bulletinboards notierten die Schreiber mit Kreide die Kurse, die ihnen klappernde Telegraphen zuraunten, alles in allem ein wildes Geschrei, dessen Sinn ich kaum verstand.
An einem der Nachmittage in Chikago ging ich ins „Kolosseum“, einen der amerikanischen Riesenzirkusse, der wohl 10000 Menschen zu fassen vermag, gleich jenem von Barnum und Bailey, der zuweilen mit seinem Riesenzelt in Deutschland von Stadt zu Stadt zog. Übrigens entdeckte ich ihn als guten Bekannten wenigstens an den Reklameanschlägen auch dort. Es war, soviel ich mich erinnere, ein Montag nachmittag um zwei Uhr. Und doch war der Zirkus gut gefüllt. Ich mußte mich fragen, wo alle diese hier sonst so arbeitseifrigen Menschen die Zeit hernehmen, an einem lichten Montagnachmittag drei Stunden im Zirkus zu sitzen! Aber der Amerikaner wie sein antiker demokratischer römischer Vetter liebt die Spiele über alles. Ich habe selbst in Italien nicht soviel Kinematographentheater gesehen, die alle besetzt sind, wie hier. Die Vorstellungen im Zirkus gingen auf fünf Podien +zugleich+ vor sich! Der Amerikaner mißt auch das Vergnügen nach der Quantität. Auf dem einen Podium wurde Schule geritten, auf einem anderen tanzten Bären, Affen und Hunde, auf einem dritten turnten Akrobaten, auf einem vierten wurden Gewichte bis 300 und 500 Pfund gehoben, auf einem fünften produzierten sich Seiltänzer und Springer, dazu einer, der alle Glieder seines Leibes in die schauderhaftesten Verrenkungen bringen konnte; rings herum noch ein Heer von Clowns, die ihre Witze rissen und in ihren abgeschmackten Kostümen sich balgten. Eine der Glanznummern war ein Pferd, das an einem Luftballon in die Höhe fuhr, und zuletzt ein tolles römisches Wagenrennen um die Arena. Alt und jung, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße füllten als Zuschauer die weiten Galerien!
Im Auto fuhr mich mein Vetter nach der Universität hinaus, die Rockefeller, der Petroleumkönig, nachdem sie eine Zeitlang eingegangen war, mit vielen Millionen wieder neu ausgestattet hatte, so daß sie heute überaus schöne, dem englischen Universitätsstil nachgebildete, sehr weitläufige und zahlreiche Gebäude zu den ihren zählt. Sie hat eine gute Lage weit draußen im Jacksonpark am See, am Südende der Stadt. Ehrwürdig schauen ihre Kapellen im englischen gotischen Stil, ihre Bibliothek, ihre „Dormitories“ und Kolleggebäude über die weiten grünen Parkrasenflächen, wo Studenten in leuchtenden weißen Sportshemden und -hosen Tennis und Golf spielen. Die täglichen körperlichen Übungen, die Lust zu Sport und Spiel können wir Deutschen gar nicht genug von Engländern und Amerikanern lernen. Die Tüchtigkeit unserer höheren Schüler und die deutsche Wissenschaft in allen Ehren, aber im ganzen sind wir Deutschen doch lange Stubenhocker und Stammtischphilister geblieben. Nur eins haben wir, das Wandern. Im übrigen hatten wir in unseren Schulen viel zu wenig Turnstunden die Woche und nur +einen+ Nachmittag für „Turnspiele“. Der amerikanische Student spielt +täglich+ schon in der Volksschule, als Boy in der ~high school~, +täglich+ im Kollege, als ~graduate~ und noch als erwachsener Mann. Das Jahr ist geradezu in verschiedene Spieljahreszeiten eingeteilt: Im Frühjahr spielt man Baseball, im Herbst Fußball, sonst Tennis und Golf, solange es das Wetter nur irgend erlaubt.
Draußen am Jacksonpark, wo der frische Seewind durch die Anlagen streicht, war einst auch der Platz für die berühmte Weltausstellung 1893 zum vierhundertjährigen Gedenken an die Entdeckung Amerikas, zu der an zwanzig Millionen Menschen zusammenströmten. Was war doch gegen diese Menschenmassen die Völkerwanderung, von der wir in der Geschichte so viel Wesens machen? Noch sind einige Reste von der „~world fare~“ übriggeblieben. Die Nachbildungen der drei Schiffe des Kolumbus liegen noch in einer kleinen Bucht, hochbugige kurze Galeeren, mit denen sich heute keiner mehr auch nur für eine Woche über den Ozean wagen würde -- und Kolumbus fuhr vier Monate! Ferner stand noch das Kunstmuseum und das türmereiche „Deutsche Haus“, das erst kürzlich einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen ist, und endlich wie auf einem felsigen Kap ein weißgestrichenes Franziskanerkloster. Aber wie wenig passen doch diese mittelalterlichen Häuser in diese Umgebung!
Einer meiner Besuche galt auch dem „Hull House“, einem der ältesten und bedeutendsten „~settlements~“ in Amerika. Das Hull House, von einem Mr. Ch. J. Hull 1889 in Immigrantenvierteln Chikagos gegründet, umfaßt heute dreizehn Gebäude, Turnhalle, Schulräume, Läden, Klubzimmer, ein Restaurant, Musikräume, Tanz- und Theatersaal, Handwerksstätten, Lesesäle usw. Etwa 9000 junge Menschen verkehren wöchentlich in diesen Räumen, suchen hier ihre gesellige, körperliche und geistige Erholung! 50 sich selbst unterhaltende freiwillige Leiter wohnen im Hause und bilden untereinander einen korporativen Klub. Daneben sind über 200 andere freiwillige „Settlement-Worker“ als Klubleiter tätig. Die Knabenklubs treiben alle Art Handwerk bis hinauf zu künstlerischer Malerei -- ich sah Bilder, die keiner Ausstellung Schande machten -- und lernen eifrig Sprachen; die meisten sind junge Italiener, Griechen und Russen. Auch Musik ist wohlgelitten und natürlich vor allem der Sport. Die Bäder sind offen für das Publikum und ebenso das Restaurant. Bäder wurden im letzten Jahre 30000 genommen, und das Restaurant besuchen täglich 500 Personen. Das sind auch fast die einzigen Einnahmen des Hauses. Im Sommer wird auf dem Land ein „~camp~“, ein Lager, bezogen, das den Klubmitgliedern für eine Woche frei zur Verfügung steht. Welcher kulturelle Segen muß von einem einzigen dieser Settlements auf ein ganzes Stadtviertel ausgehen! Hier herrscht Ordnung, Sauberkeit, Geselligkeit, Kameradschaft, Freundschaft, Zucht, Sitte, Kunst und die Anfänge wissenschaftlicher Bildung und technischen Könnens. Mein letzter Blick galt der Kleinkinderschule und der Krippe, die mit dem Hull House verbunden ist. Ich vergesse nie all die Kleinen an ihren winzigen Tischchen und mit ihren kleinen Tassen und Löffeln, die Babies in ihren Bettchen und endlich die schwindsüchtigen Kinder auf dem Dach, wo sie in freien Hallen unterrichtet werden. Auf dem Dach in einer Großstadt! Besser wenigstens als in den finsteren Löchern ihrer Wohnungen. Aber warum nicht hinaus aufs Land, wo kein Schornstein und kein Wolkenkratzer droht und die Luft beengt? Welches Elend! Zugleich welche Hilfe! Wenn man diese warme Sonne der Liebe überall scheinen fühlt, dann vermag man fast das Elend, das diesen Armen aus den Augen schaut, zu vergessen ...
Das war Chikago. Universität und Settlement, Zirkus und Wolkenkratzer, am See und in den Schluchten der Geschäftsstraßen, in den Parks und Fremdenvierteln, im ~lunchroom~, wo man sich selbst bedient, und in der ~office~ 20 Stock hoch, wo der Ausläuferboy im zerschlissenen Anzug mit seinen acht Dollars die Woche, auf Aufträge wartend, gelangweilt die Zeitung liest -- aber wer weiß, was er noch für eine Zukunft hat! Wie hieß es doch in jenem amerikanischen Stück „Die City“? Nicht die City vernichtet den Mann, sondern sie erfordert einen, der ihr gewachsen ist. Nicht die City macht den Mann, sondern der Mann die City. Ja die City! Ihre Geschichte läßt sich nie ausschreiben.
Durch meinen Vetter wurde ich auch in Kreise eingeführt, die sich für alle möglichen philosophischen und metaphysischen Dinge interessierten. Mein Vetter selbst schrieb, obwohl vollkommen Laie, Artikel über ethische Probleme trotz Kontor- und Geschäftsaufgaben. Immerhin eine Leistung! Er stellte mich einem Herrn vor, der mir -- echt amerikanisch -- bekannte, nacheinander Methodist, Materialist, Buddhist, Naturphilosoph und Spiritualist (Spiritist) geworden zu sein. Echt amerikanisch! So wurde ich darauf aufmerksam, wie stark z. B. neben dem Anwachsen der Christian Science auch die Beschäftigung mit dem +Spiritismus+ in Amerika ist. Ich hatte Gelegenheit -- auch schon in Neuyork -- an „spiritualistischen“ Vortragsveranstaltungen, Sitzungen u. dgl. teilzunehmen. Aber rechten Geschmack konnte ich den Dingen nicht abgewinnen, vor allem konnte ich mich nicht von der Wahrheit und Wirklichkeit der behaupteten Erscheinungen überzeugen. So geschäftstüchtig und wirklichkeitsnah der Amerikaner ist, so unkritisch und leichtgläubig scheint er mir in übersinnlichen Fragen. Hier fehlt jede kritische deutsche Gründlichkeit. Der Amerikaner hält von vornherein viel mehr für möglich und wahrscheinlich als wir, die wir von unseren großen kritischen Philosophen geschult sind. Jedenfalls ist er dafür, daß alles einmal probiert und versucht werde. Probieren geht vor allem in Amerika über Studieren: Die Wahrheit wird sich schon selbst bewähren! denkt man drüben. Erweist sie sich nicht selbst in der neuen Richtung, so wird die Sache auch von selbst wieder eingehen und verschwinden. So argumentiert amerikanisches Denken. Während wir meist von der Theorie zur Praxis schreiten, macht man es drüben umgekehrt.
Ich war also recht gespannt auf das, was ich zu sehen bekäme. In jeder der amerikanischen Großstädte gibt es sogar mehrere Gemeinden von „Spiritualisten“, deren „Gottesdienste“ äußerlich ähnlich denen der Kirchen verlaufen.
Ich will ganz einfach erzählen, was ich in spiritualistischen Versammlungen gehört und gesehen habe. Vier Arten von +spiritistischen+ Versammlungen habe ich besucht, „Gottesdienste“, sog. „~test-meetings~“, eine Sitzung mit voller „Materialisation“ der Geister und endlich eine Wochenversammlung, wo Gelegenheit zu Frage und Antwort über den Spiritualismus gegeben war.
Die „Gottesdienste“ finden Sonntags zu den üblichen Stunden statt. Einmal des Morgens war es in einem Konzertsaale. Rednerpult, Lehnstühle für Älteste, Gesang, Gebet (zu Gott als „Prinzip“!) Schriftvorlesungen, offene Tellerkollekte, Predigt und Segen war wie in jedem amerikanischen Gottesdienst. Die Gesänge waren frisch und lyrisch, die Melodien voll Innigkeit. Ich setze den Schlußvers des Liedes, das ich in Neuyork mitgesungen habe, hierher:
~We shall sleep, but not forever in the lowe and silent grave, Blessed be the Lord, that taketh, Blessed be the Lord, that gave; In the bright eternal city, Death can never, never come In his own good time He’ll call us from our rest to home, sweet home; Refrain: We shall sleep but not forever, There will be a glorious dawn. We shall meet to part, no, never, on the resurrection morn.~
Aus dieser einzigen Strophe geht der religiöse Grundcharakter zweifellos hervor, das starke und einzige Betonen des Glaubens an ein Weiterleben der Toten. Für diesen Glauben sucht man Beweise; mit Augen will man die Geister der Gestorbenen sehen und mit Ohren Botschaften von ihnen vernehmen. So heißt es in einem Flugblatt, das mir schon in Newyork gegeben wurde, ausdrücklich „nicht zu zerstören, sondern den Glauben, wie er in den hauptsächlichen Lehren aller Religionen enthalten ist, zu bestärken und zu begründen, ist der Spiritualismus bestrebt“. Und er allein rühmt sich, die Lehren „aller großen Lehrer von Konfuzius bis Mohammed und von Moses bis Jesus durch psychische Phänomene +demonstrieren+ zu können und uns so einen klareren Einblick in Ethik und Philosophie zu eröffnen“. Aber die Predigtrede im sogenannten „~Trance~“zustand enttäuschte mich sehr. Das Lesepult ward zur Seite gerückt. Der Redner saß für einige Minuten in seinem Stuhl, bedeckte sein Gesicht mit der Hand und schien in „~Trance~“ zu verfallen. Er zuckte einige Male heftig, dann erhob er sich mit unsicheren Schritten, um mit geschlossenen Augen eine mehr als halbstündige äußerlich formgewandte Rede zu halten. Neben einigen guten Gedanken, allerlei krauses, ungeschichtliches Zeug über Christi Reisen, die er in seiner Jugend im Alter zwischen 12 und 30 Jahren nach Babylon, Indien und Ägypten unternommen habe, wo er zu den Füßen der alten Weisheitslehrer gesessen und von ihren Lippen seine Lehre empfangen habe! Ich bin nicht psychologisch bewandert genug, die Frage zu entscheiden, ob jemand im ~Trance~-zustand eine solche halbstündige Predigt, formgewandt und logisch konsequent, zu halten vermag, und ob es überhaupt möglich ist, gleichsam auf Kommando und auf eigene Initiative hin, selbst in Trance zu fallen und aus ihr wieder zu erwachen. Ist aber die Trance simuliert, liegt also bewußte Täuschung vor, so erregt der ganze „Gottesdienst“ trotz ansprechender Gebete und Lieder Abscheu. Jedenfalls aber soll die Trance die Predigt als „inspiriert“ legitimieren und den Eindruck erwecken, Geister sprechen durch den Prediger; der Redner selbst ist bewußtloses und willenloses Werkzeug der „Inspiration“! In der Tat kündigt die spiritualistische Gemeinde für jeden Sonntag zwei andere „Geister“ an, die durch den Prediger sprechen sollen, so einmal -- niemand anders als William Shakespeare (!) und Darwin. Damit auch die Komik nicht fehlt, sollte am Morgen desselben Tages der Geist eines der Bauleute am salomonischen Tempel sprechen!!
Der spiritualistische „Gottesdienst“ war recht spärlich besucht, aber es sollte Gottesdienst sein, nichts von Klopfgeistern und Tischrücken. Der Spiritualismus ist eben drüben mehr als das, was man gewöhnlich von ihm weiß, eine organisierte und anerkannte religiöse Sekte. Auch die „Sonntagsschule“ fehlt dabei nicht. Als Lesegegenstand wurde bekanntgegeben: Eine Geschichte unseres Planeten und des Mars seit ihrem 68000- bzw. 25000jährigen Bestehen!! Weiter wurde in diesem Zusammenhang erzählt, daß ein berühmter Astronom im Westen der Vereinigten Staaten dieses Buch über den Mars zu seinen Berechnungen benutze (!). Ich mußte auch über die umfangreiche spiritualistische Bibliothek staunen, die ich im Bibliothekzimmer zu sehen bekam; sie gab mir einen Eindruck davon, wie viele Menschen hier ihre geistigen Kräfte an den Spiritismus und seine Lehren gewandt haben müssen.
Ein andermal ging ich zu einem sogenannten „~test-meeting~“, d. h. zu einer Versammlung, in der Geister durch ein Medium Botschaften an ihre lebenden Verwandten ausrichten und so die übersinnliche Welt und ihr Wirken durch weissagende Zeugnisse, die das Medium kraft der Inspiration einzelnen ausstellt, beweisen. Diese Versammlung hat in einem prunkvoll ausgestatteten Saal einer Loge stattgefunden. Es mögen wohl 100 Personen anwesend gewesen sein, darunter besonders viele weißhaarige Damen. Es war Sonntag nachmittag. Wieder ein „gottesdienstlicher“ Rahmen. An Stelle der Predigt kamen die „Geisterbotschaften“. Das Medium, eine Dame in den mittleren Jahren, von imponierender Erscheinung, saß für einige Minuten, ganz wie jener Prediger, von dem ich oben berichtete, die Augen mit der Hand geschützt, in ihrem hohen Stuhl und schien in „~Trance~“ zu fallen. Ringsum feierliches Schweigen und gespannte Erwartung: Was werden die Geister zu sagen haben? Wem wird sie eine Botschaft ausrichten? Dann erhebt sich die Dame -- ich vermochte, obwohl ich in der ersten Reihe saß, durchaus keine psychische Veränderung an ihr wahrzunehmen -- mit offenen Augen und sicherem Schritt. Sie tritt zu einem Tischchen, wo vor Beginn des Gottesdienstes die „Gläubigen“ allerlei Andenken an ihre Verstorbenen, Ringe, Armbänder, Bilder, sogar eine Bibel, verhüllt niedergelegt haben. Sie greift eines der Objekte heraus; und nun beginnt der „Geist“ des Verstorbenen, der sie leitet und auf den sich das Objekt bezieht, ihr eine Botschaft an den Lebenden aufzutragen und durch sie als Medium dem Lebenden sich durch Mitteilung seines vergangenen und zukünftigen Lebens als wirklich zu erweisen, d. h. das Medium begann in ganz +allgemeinen+ Ausdrücken zu weissagen, auf wen sich das Objekt bezieht, etwa so: „Ich sehe eine Gestalt neben mir in weißem Haar, eine Frau, alt, sorgenvoll und doch mit treuem Auge ...“ Dann bricht sie ab, hält den Ring empor, den sie ergriffen, und fragt: „Wem gehört dies?“ Ein älterer Mann in Trauerkleidung steht auf. Sie fährt fort: „Ich sehe Ihre Frau neben mir, und sie sagt mir, sie begleite Sie auf allen Ihren Wegen und sie schütze Sie vor Unglück und freue sich, Sie bald im Himmel wiederzusehen. Doch zuvor müssen Sie durch Leid und schwere Sorgen hindurch ... usw.“ In ähnlichen ganz allgemeinen Phrasen bewegen sich die „~tests~“. Manchmal scheint es nicht recht zu stimmen, was die Prophetin von der verstorbenen Person weissagt. Der Gläubige denkt hin und her und kombiniert und überlegt und entdeckt hier und da einen Sinn und ein Zusammentreffen und tröstet sich und die übrigen damit, daß die Geister nicht alles enthüllen und Prophetien immer dunkel zu sein pflegen. Aber einige Male scheint die Kunst der Prophetin auffallend das Richtige getroffen zu haben, die betreffende Person erhebt sich und bekennt: „Es stimmt ganz genau“, und ein allgemeiner Beifallssturm lohnt die Prophetin, die enthusiastisch ausruft: „~Friends, the world moves on ...!~“ So ging es fort für eine ganze Stunde; wohl 20 Personen bekamen ihre „~tests~“.
Über was soll man sich mehr wundern, über die Gläubigkeit dieser „Gläubigen“ oder die psychologische Kunst des „Mediums“? Wenn doch die „Geister“ einmal wirklich neue Offenbarungen senden wollten und nicht nur Gemeinplätze und zweideutige Phrasen! Aber hat denn nicht manchmal das „~test~“ genau gestimmt? Ja, es scheint so. Aber es ist erstens nicht zu vergessen, daß das Medium meist seine Leute kennt, dieselben kommen ja fast sonntäglich; viele begrüßte sie mit Namen und Handschlag nach der Versammlung. Vieler Lebensgeschichte mag sie in einigen Umrissen kennen oder erschließen aus ihrer Person, ihrem Alter und ihrer Kleidung (es fiel mir auf, daß sie sich fast ausschließlich an Personen in Trauerkleidung wandte!), aus ihrer Haltung und ihrem Gesichtsausdruck. Je nachdem, was sich während ihres Weissagens auf den Gesichtern der Angeredeten ausprägt, ob Zustimmung, Befremden, Freude, Schmerz, Erstaunen, fährt sie in ihrem Spruch fort, ändert ihre Worte oder hält ein. Viele der Angeredeten, die „glauben“, sind zudem natürlicherweise im Augenblick der „~tests~“ erregt, verwirrt, sie kombinieren und phantasieren, sehen mehr Zusammenhänge, als da sind, und hören mehr und deuten mehr aus den Worten des Mediums heraus kraft ihrer eigenen wirklichen Kenntnis ihres Lebens und ihrer Verstorbenen, als was das Medium in seiner allgemeinen Zweideutigkeit hat wirklich verlauten lassen. Interessant wäre es auch zu wissen, wieweit dieses Medium sich eines +Betruges+ und seiner psychologisch kombinierenden Kunst selbst +bewußt+ ist oder wieweit es an seine Geistesinspiration selbst glaubt(?).
Die dritte Art Versammlung, die ich besuchte, sollte eine Sitzung mit +voller Materialisation+ von Geistern sein! Sie fand abends acht Uhr statt. Wieder mögen es etwa 100 Personen gewesen sein. Fremde wurden nur auf den hinteren Reihen zugelassen! Fürchtete man vielleicht eine plötzliche Störung und Entlarvung durch Unberufene? Der Leiter der Versammlung erklärte die Maßnahme damit, daß alle rohe Selbstsucht von ungläubigen Personen, die in der ersten Reihe sitzen, dem Eintritt der Materialisation hinderlich sei(!). Damit auch hier die Komik nicht fehlte, bat er am Schluß seiner einleitenden Worte den Diener, ein Fenster zu öffnen, da frische Luft den Geistern sehr zur Verkörperlichung helfe!! Der Raum wurde alsbald verdunkelt -- merkwürdig, daß Geister immer nur im Dunkeln erscheinen! Das Medium, eine Frau in mittleren Jahren, setzte sich hinter einen roten Vorhang ... (warum immer noch hinter einen Vorhang?). Ein Klopfen ließ sich hören, der Vorhang öffnete sich ein wenig und eine weiße Gestalt huschte vorbei. So mehrere Male. Dann begann die weiße Gestalt -- die merkwürdigerweise weder Größe noch Gestalt, noch Gewand, noch Stimme, noch ihren Platz wechselte! -- +Namen+ zu nennen, undeutlich flüsternd, so daß man bald diesen, bald jenen herauslesen konnte. Der Leiter gab dann den Namen laut bekannt und fragte, ob jemand den Geist erkenne. War jemand desselben Namens im Saal, so fragte derselbe etwa den Geist: „Bist du’s, Mutter?“ Der Geist antwortete dann: „Ja, meine Tochter.“ Freudig rief die Gläubige dann: „Ich freue mich, dich zu sehen, komm bald wieder!“ Und der Geist verschwand. Das war die ganze „geistreiche“ Unterhaltung der Geister aus der anderen Welt, die sich aber nie auf eine lange Unterhaltung einließen. Wohl nicht weniger als 50 solcher Geister erschienen binnen einer Stunde an diesem Abend, hier und da auch ein Mann mit schwarzem Bart und schwarzem Rock ... aber dann dauerte es gewöhnlich etwas länger, bis er kam. (Nahm der Geist sich erst Zeit, das weiße Gewand mit dem schwarzen zu vertauschen?)
Dies war die eindrucksloseste, albernste Versammlung und der offensichtlichste und plumpste Betrug, den ich je erlebt habe. Man muß sich nur über die Leichtgläubigkeit der Menschen wundern, die in dunklem Raume eine Frau in weißem Laken für einen Geist halten. Den Alten verzeihen wir es, wenn sie körperliche Geister sahen, aber in unserer kritischen und naturwissenschaftlichen Zeit scheint es unverständlich. Ich will nicht vergessen zu sagen, daß eine Dame vor der Materialisation ein stimmungsvolles Lied sang und während der „Geistererscheinungen“ eine simple Spieldose ihre Weisen klimperte, vielleicht um „Sphärenmusik“ zu imitieren! Einige in der Versammlung konnten sich des Lachens nicht enthalten, wurden aber von einer „gläubigen“ Dame, die sich umdrehte, in barschen Worten zurechtgewiesen. Lachte man mehr, lief man Gefahr, ganz hinausgewiesen zu werden.