Quer durch Amerika

Part 14

Chapter 143,388 wordsPublic domain

Mit diesen rechnerischen Gedanken gehe ich eines Tages durch die „Washingtonstreet“ in Boston und sehe in einem Reisebureau günstige Fahrgelegenheiten für Auswanderer nach Kalifornien in Gestalt von ermäßigten Rundreisescheinen „Chikago-Los Angeles-Frisko-Chikago“ aushängen -- zum halben Preis! Das war etwas für mich! Ich war ja nun zwar kein Auswanderer, aber vielleicht konnte auch ich ein solches Billett kriegen. Dazu kam noch die 20stündige Reise Boston-Chikago und wieder zurück. Aber die konnte allein auch kein Vermögen kosten. So war es. Ich behielt dabei immer noch die Hälfte meines Erbes für den Tagesunterhalt. Lebte ich recht sparsam, so mochte es wohl bis nach San Franzisko reichen. Wieviel konnte ich sehen, wenn ich so die ganze Union in ihrer vollen Breite +zweimal+ durchfuhr! Leuchtend stieg die große Reise vor meiner Phantasie auf! Fuhr ich öfters des Nachts, so blieben die Tage um so freier zu Besichtigungen. Vor meinem geistigen Auge tauchten schon die Niagarafälle, Chikago, die Indianerprärien, der Mississippi, das Felsengebirge, die Wüsten Arizonas und Nevadas, der Grand Cañon des Koloradoflusses, von dem ich schon geradezu faszinierende Bilder gesehen hatte, das paradiesische Kalifornien, der Pazifik, das vom Erdbeben zerstörte San Franzisko selbst, die Mormonenstadt, der Große Salzsee und wer weiß was alles auf! Ohne Zögern schritt ich tapfer in das Reisebureau hinein und erstand das preiswerte „Auswandererbillett“, einen richtigen übermeterlangen Fahrschein mit allen möglichen und unmöglichen Bahnstationen darauf und der Berechtigung auf etwa 12000 ~km~ Eisenbahnfahrt! Mein Herz hüpfte und zersprang fast vor Freuden: Einen ganzen Erdteil sollte ich zweimal durchfahren! Wie viele in der Welt kamen mir gleich? In Harvard staunten sie über meinen kühnen Entschluß. Denn es gab nicht viele Amerikaner in Neuengland, die schon einmal bis nach Kalifornien gekommen waren! Denn wer von uns Deutschen war am Kaukasus oder am oberen Nil?

Mittlerweile war es langsam Frühling geworden. Vom Eise und Schnee befreit waren Ströme und Bäche, als ich zur „Northstation“ in Boston hinausfuhr in Richtung „Buffalo“! Der weitgereiste Freund Moore hatte mir noch viele gute Ratschläge gegeben, Adressen und Reiserouten empfohlen, mein japanischer Freund Mr. Ashida hatte noch einmal in Boston mit mir zu Abend gegessen und gab mir das Geleit bis an den Zug, dann war ich allein, ganz allein und fuhr dem „wilden Westen“ zu! Beide Freunde konnten sich wohl am ehesten in meine Seelenverfassung hineinversetzen, der eine durch seine weiten Fahrten als Dolmetscher und Führer mit Cook bis nach Italien, Griechenland und Konstantinopel, der andere kannte selbst den weiten Weg von Japan über den Stillen Ozean, das Felsengebirge und die Mississippiebene nach Boston herüber ...

Als wir fuhren, schaute ich mich zunächst in dem fürstlich ausgestatteten Pullmannwagen um. Die Decke war wie in einem Salon. Plüsch auf den Sitzen, auf die man zum Ausruhen die Beine legte (soweit hatte ich mich auch schon amerikanisiert!). Hinter jedem Sitz brannte zum bequemen Lesen eine besondere Glühbirne. Der Zug war gar nicht besetzt. Wenige gelangweilte Zeitungsleser saßen auf einigen anderen Plätzen in den Ecken und ließen bald ihre „~papers~“ zu Boden gleiten, um selig zu entschlummern, Kaufleute, Geschäftsreisende, die gewiß wie oft schon diese Strecke gefahren waren. Was ahnten die, was in meiner Brust alles vorging und wie mir das Herz klopfte: „Nun hast du die große Fahrt an den Stillen Ozean angetreten ...!“ An der Tür stand, jedes Winks gewärtig, der Negerschaffner zur Bedienung. Ab und zu kam der „~trainboy~“ und bot seine Postkarten, ein Dollaralbum für einen halben Dollar an, Handschuhe, Süßigkeiten, Zeitschriften wie immer. Langweilig konnte es mir auch ohne ihn nicht werden. Mir war alles interessant, was ich sah; ich schaute gespannt hinaus, solange noch etwas von der Landschaft zu erkennen war ...

Langsam senkte sich die Abenddämmerung nieder. Es war ein Nachtzug. Wir fuhren durch historische Gefilde. Im Rauch der Großstadt und ihrem unübersehbaren Häusermeer versank der schöne Frühlingstag. Wir überquerten den Charles River und rasten zwischen dem langen straßenreichen Sommerville, mit seinen unzähligen freundlichblickenden weißgestrichenen Holzhäusern und ihren offenen Vorhallen und Veranden dahin. Über die Dächer grüßte Fort Prospect Hill mit seinen steinernen Zinnen und seinem wehenden Sternenbanner, ein stolzes Wahrzeichen aus dem Unabhängigkeitskrieg. Der hohe weiße Obelisk auf Bunker Hill, wo einst General Warren und Oberst Prescott vor anderthalbhundert Jahren sich so lange siegreich gegen die Engländer behauptet hatten, blieb zurück. Wir jagten an Arlington, den Arlington Heights und der Gegend von Concord in seiner poetischen Einsamkeit vorüber. Sie waren mir von meinen Fußreisen wohl bekannt. Im Rauch der Fabriken, Schiffe und Bahnen der Boston-Bucht war inzwischen die Sonne hinabgesunken ...

Wir waren über Bostons nächste Umgebung hinaus. Hügel, Wälder und Felder mit Obstbäumen, an denen sich schon das erste Grün hervorwagte, wechselten miteinander. Aber so rechten Mut, hervorzukommen, hatte das Grün an den Bäumen noch nicht. Denn wie oft bricht im April noch Sturm und Schnee aus Kanada über Knospen und Blüten herein, die ebenso schnell ein plötzlicher Sommer ablöst. Wie das Klima drüben die größten Gegensätze aufweist, so sind auch die Menschen voller Kontraste. Das hartwechselnde Klima hat sie rauh, aber auch energisch gemacht. Auch hier machte das Land, wie einst zwischen Neuyork und Boston, vielfach den Eindruck des Unfertigen. Wohlangebaute und wohlausgenutzte Felder in unserem Sinn sah man selten. Wälder wechselten mit öder Steppe. Hier und da tauchten Farmen auf, manchmal auch verlassene, wo die Ausbeute sich nicht mehr lohnte. Aber man muß gerecht bleiben: Was in Europa in einem Jahrtausend erreicht worden ist, dazu war ja hier nur ein Jahrhundert Zeit zu Besiedlung und Urbarmachung eines Kontinents! So sehen wir Europäer, die wir nur an kleine, wohlgeordnete Landschaften gewöhnt sind, wo jeder Fußbreit jemandem gehört und seit Urväterzeiten umgepflügt worden ist, leicht Unordnung, Schmutz, wüstliegendes Land, Steine, verkohlte Baumstämme, unrationell abgeholzte Wälder, an deren Wiederaufforstung man kaum denkt, und übersehen die vollbrachte Leistung. Hier lag eine Mühle und da eine Faktorei, dort eine einzelne Farm und drüben ein abgelegenes Landstädtchen. Der Zug hielt selten, kaum alle dreiviertel Stunden oder alle Stunden einmal, manchmal noch viel länger auch gar nicht ...

Wir fuhren mit etwa 50 Meilen Geschwindigkeit. Die Wagen sind so fest und gutfedernd gebaut, daß man selbst bei langen Fahrten kaum etwas vom Fahren merkt. Nur ein leichtes Rollen und ein leises Ächzen der Wände verrät es. Das ist alles. Die Stationen enthalten zum Teil allerlei Merkwürdiges. Namen: Amsterdam, Utica, Rome, Syrakuse, Genf, Batavia! Alle diese Orte liegen im Staate „Neuyork“! An wundervollen Gebirgsgegenden fuhren wir vorüber, Caatskill-Mountains und Berkshire hills. Ach wer da überall wandern, die Aussichten sehen oder dort ein Zelt für ein paar Wochen aufschlagen könnte! Aber dazu reichte meine Zeit lange nicht. Da wären noch Pumas, schwarze Bären, Wildkatzen, Rotwild, Füchse, Dachse, Adler, Wildenten, Reiher und Haselhühner zu erlegen! Es ist die Gegend, wo einst die Mohawkindianer und Irokesen dem vordringenden Trapper, der mühsam seinen schweren Karren mit seinen Tieren durch die Täler trieb, hemmte, überfiel und erschlug, was ihm der Weiße reichlich vergalt. Aber heute ist weder von Mohawks noch Irokesen etwas zu sehen ... Nur einförmige Rauchwolken lagen über dem Schienenstrang ...

Etwa um zehn Uhr fing der Schlafwagenschaffner, der Neger, in sehr großer Gemächlichkeit und Seelenruhe an, unseren D-Wagen (die keine Abteile haben, um etwaigen Überfällen leichter begegnen zu können!) in einen Schlafwagen zu verwandeln. In äußerst praktischer Weise werden dazu von oben und unten Betten heruntergeklappt und hervorgezogen, und es wird Raum zum Schlaf für 32 Passagiere! Große grüne Vorhänge werden vor die Betten gehängt, hinter denen man sich -- Männlein und Weiblein -- ungeniert entkleidet. Ich klomm wie in der Schiffskabine mittels einer kleinen Leiter wieder in eins der +oberen+ Betten empor. Denn man hat da viel mehr Raum zum Auskleiden, was einem oben sogar im Aufrechtsitzen gelingt. Unten dagegen geht es ohne Kopfanstoßen, vergebliches Hüpfen, Lupfen, Ziehen und Zerren nicht ab. Auch glaubte ich mich oben gegen etwaiges Bestohlenwerden im Schlafe sicherer. Die Wertsachen, Uhr und Scheckbuch, barg ich unter meinem Kopfkissen oder am Fenster ... und legte mich dann ruhig aufs Ohr schlafen.

Bald verrieten rings überall regelmäßige Atemzüge, daß die meisten schon entschlummert waren. Die Glühlampen waren bis auf wenige ausgelöscht ... Einsam rollte unser Zug aufwärts durch die Nacht. Nur hier und dort blinkte ein Lichtlein ... mit Dampf und Gekeuch ging es das Mohawktal hinauf. Mit ziemlicher Gewalt trommelte dabei die aus der schwer arbeitenden Lokomotive geschleuderte körnige Asche auf das Wagendach und ließ noch nicht so bald ruhigen Schlaf aufkommen ... Ich hörte, wie wir in der Hauptstadt des +Staates+ Neuyork, in Albany, hielten am oberen einzig schönen Hudson. Auch hier mußte ich es mir versagen, auszusteigen. Immerfort ging es in die Nacht hinaus! Wie verschieden die Menschen doch zu Zeiten gereist sind! Zu Fuß, zu Pferd, auf dem Esel, in der Sänfte, in der alten rumpelnden Postkutsche, auf dem Segel- und Dampfschiff, und nun im Schlafwagen oder im eigenen Ford-Auto. Es war schön, so ruhend und schlafend durch eine fremde Welt gerollt zu werden! Es war ein eigenartiges Bewußtsein für mich: Da draußen kennt dich kein Mensch, und du da drinnen kennst auch keinen! Wie anders reist der Spekulant, der Geschäftsmann, der Landaufkäufer, der Farmer, der Hochstapler, der Tourist, der Novellist, der Student! Wie schön, mit frohem Gewissen und geschwellter Brust und klopfendem Herzen zu reisen, immer neuer Eindrücke gewärtig ... Um Mitternacht fielen mir endlich doch die Augen zu ...

Als ich wieder erwachte, war es schon heller schöner Morgen. Ich hatte ganz gut eine Reihe von Stunden geschlafen. Nebel wallten im Mohawktal. Wir fuhren jetzt abwärts. Ringsum frühlinghaftes Land und Sonnenschein. Aber im Schlafwagen hatte sich eine recht stickige Luft gesammelt. Einige erhoben sich schon und wandelten mit struppigem Haar oder -- je nachdem -- in langen Zöpfen halb angekleidet zu den Waschräumen am Ende des Wagens, wo einer nach dem anderen recht ungeniert im fahrenden Zug Toilette machte, ähnlich den Polonäsen vor den ~bath-rooms~. Dörfer flogen währenddem draußen vorüber, aber meist wahllos, ordnungslos gebaut. Man sah Holzhäuser, nirgends Backsteinbauten. Auch die Schienen liefen über feste Holzbohlen. Was mußten hier die Wälder einmal alles hergegeben haben! Dürftige Holzgatter hielten das Vieh zusammen. Kleine Tümpel, Wäldchen; kleine äußerst einfache Holzkirchen mit goldenem Kreuz oder Knauf. Häßliche Reklameschilder an den Scheunen ...!

Wir näherten uns Buffalo am Lake Erie, einem jener großen Seen oder besser Binnenmeere, die unserer Ostsee gleichen. 440 Meilen, also etwa die Entfernung Frankfurt-Hamburg, hatte ich schon in der Nacht durchfahren. Gegen acht Uhr früh dampften wir langsam über eine Brücke, deren Einsturz bald erwartet wurde! Die Bahn ist versichert -- das genügte der Bahngesellschaft! Früher hat man Brücken über Schluchten zuweilen einfach auf gekappte Bäume gebaut, solange sie hielten ...

Ich war in der „Büffelstadt“, in der 1901 Präsident McKinley ermordet wurde. Viele Deutsche wohnen in ihr. Nicht ganz ausgeruht, aber froh der allmählich unerträglichen Luft des Schlafwagens entronnen zu sein, verließ ich den Pullmann und reckte die steifen Glieder ...

Buffalo machte auf den ersten Anblick einen etwas düsteren Eindruck. Ich entdeckte nichts Besonderes in ihm. Wer aus dem lärmenden Neuyork und dem gebildeten Boston mit seinem „~fascinating~“ Harvard College, wie mir eine alte weißhaarige Dame, die Mutter eines Privatdozenten in Harvard, begeistert rühmte, kommt, dem haben mittlere Großstädte, wie Buffalo, die reine Geschäftsstädte sind, nicht viel zu sagen.

Kühn kann man behaupten, man mag einen unversehens in eine Geschäftsstraße in Neuyork, Chikago, San Franzisko, Buffalo oder St. Louis stellen -- und er wird kaum zu sagen wissen, wo er sich befindet. Eine ungeheure Gleichförmigkeit liegt über allen amerikanischen Großstädten. Völlig gerade und geradlinig einander schneidende, oft für den Fußgänger schier endlose Straßen, gleich abgezirkelte Häuserblocks mit ihren Warenhäusern und Wolkenkratzern, deren wenigstens ein paar sich in jeder großen Stadt finden, machen jedes Stadtbild zum Schema. Man findet keine individuellen Straßennamen, das macht die Charakterlosigkeit des Städteeindrucks vollkommen. In der Mitte der Stadt liegt stets irgendwo die „City Hall“, das Rathaus, oder auf einer Anhöhe das Staatskapitol mit einer meist stattlichen Kuppel; dazu irgendwo ein größerer Park; in der Stadt selbst sind außer wenigen „Squares“ meist keine größeren öffentlichen Plätze vorhanden, die die Architektur der öffentlichen Gebäude zu voller Wirkung kommen ließen. Die Theater sehen von außen auch oft wenig imponierend aus und sind wie die meisten Kirchen in die Häuserfronten hineingebaut, damit das Riesenschachbrett der Häuserblocks ja nicht irgendeine malerische Unterbrechung erfährt. Fast in allen Hauptstraßen fahren wie bei uns elektrische Straßenbahnen, deren Wagen aber meist länger und schwerer sind als bei uns; irgendwo rasselt auch eine Hochbahn ohrenbetäubend auf ihren Eisengerüsten daher und nimmt das letzte Licht, das die Wolkenkratzer noch in den Straßen gelassen haben, hinweg, oder in unterirdischen Tunneln braust ein ~subway~, der hier und da wie ein geheimnisvoller Maulwurf seine Hügel in den Straßen in Gestalt kleiner gläserner Eintrittshallen zu den unterirdischen Stationen aufgeworfen hat. Zeitungsjungen laufen die Straßen entlang und schreien ihre ~papers~ aus, die in riesigen roten Lettern irgendeinen Streik, ein Schiffsunglück oder einen Mordprozeß ankündigen, meist mit viel Übertreibung. Sind irgendwo ein paar Arbeiter ausständig, so heißt es in der Zeitung „~big strike and riot~“. Ehescheidungsprozesse, Sensationen, Brände, Gesellschaften der Society-Leute, Gerichtsverhandlungen und Sportnachrichten nehmen fast allen Raum ein. Das Politische kommt oft recht zu kurz oder ist in kleine persönliche Geschichtchen zerstückelt. Automobile tuten an allen Ecken, Schutzleute mit Pfeifchen dirigieren den Verkehr an den Straßenkreuzungen. Das ist so der äußere Eindruck der amerikanischen Großstadt, auch Buffalos.

Darüber hinaus weiß ich von Buffalo nicht viel Individuelles zu erzählen. Alles Historische fehlt ja in Amerika, zumal wenn man den Osten verläßt. Dann steht man überall auf allerjüngstem Boden. Man kann in Amerika nirgends nach alten Schlössern und malerischen Stadtumwallungen, nach zackigen Türmen oder gotischen Kathedralen, nach historischen Gebäuden und alten Rathäusern, selbst nicht überall nach Kunstgalerien und weltberühmten Museen forschen. Alles das fehlt! All der historische und geistig kulturelle Zauber, wie ihn eine tausendjährige Geschichte über die Städte Europas gebreitet hat, fehlt: Hier ist weder ein Florenz noch Rom, weder Straßburg noch Nürnberg, weder Paris noch London. Eins ist hier allbeherrschend, das ist der „~Busineß~-Geist“. Hier ist Pionierland und immer noch quantitative Anfangskultur. Die amerikanischen Großstädte, vielleicht eine einzige, Washington ausgenommen, sind Geschäftsstädte.

So war in Buffalo selbst nicht viel, was mich anzog. Ungeheuer schnell ist es in wenigen Jahrzehnten emporgewachsen. Vor dreißig Jahren sind noch viele Deutsche hier eingewandert. McKinley wurde, wie gesagt, hier ermordet, und ein Indianerhäuptling hat hier ein Denkmal in einem Friedhof der Stadt. Das ist seine Geschichte. Ich nahm deshalb am Bahnhof sofort die Straßenbahn, um hinaus zu den +Niagarafällen+ zu fahren. Einkehr hielt ich nahe den Fällen in einem schlichten deutschen Pastorat, wo deutsche Familiengemütlichkeit mich wundersam in der amerikanischen Umgebung umfing. All das Unruhige der reklameschreierischen Großstadt, alle die Läden und Banken, Trust-Compagnies und Warenhäuser samt den Alleen der Vorstädte und ihren oft hübschen Wohnsitzen blieben hinter mir, und ich suchte meine Zuflucht für einige Stunden wieder einmal auf einem Fleckchen Deutschland, wo ein deutscher Professorensohn und eine deutsche Professorentochter als deutscher Pfarrer und Pfarrfrau neben ihrer netten, aber doch bescheidenen Holzkirche hausten ...

Die beiden Pfarrersleute sind auf eine merkwürdige Weise dahingekommen. Er hatte nie in Deutschland richtig sein Abitur gemacht, sondern war nach seiner Ausbildung auf einem Seminar (um zuerst Missionar zu werden) „hinüber“ gegangen samt seiner Braut, der einzigen Tochter eines bekannten Nationalökonomen in einer Universitätsstadt Mitteldeutschlands, so wie er auch der Sohn eines bekannten Universitätstheologen derselben Stadt war. Sie hatten von Jugend auf in derselben Straße miteinander gespielt und sich früh kennen und lieben gelernt. Die Eltern wollten die Verbindung beider erst nicht recht zugeben. Auch daß der Heidenmissionar zum smarten Amerikaner wurde, paßte ihnen gar nicht. Aber allemal ist der Wille der Kinder ja stärker als der der Eltern. So fuhren sie ohne große Mittel und ohne zu wissen, wohin und wo bleiben, übers große Wasser und fanden wie alle drüben ihren Platz. Erst wurde er Pastor einer deutschen Gemeinde in Illinois, dann in Iowa mit nur etwa 250 Dollar Jahresgehalt. Und nun hier am Niagarafall. Eine solche kleinere Gemeinde setzt echt amerikanisch voraus, daß ihr trotz seiner kleinen Gemeinde viel beschäftigter Pastor noch allerlei Nebenerwerb betreibt, mit dem er das Fehlende seines Gehalts selbst dazu verdient, wobei kein Arbeitszweig schändet.

Traulich war es wieder einmal an einem deutschen Familientisch zu sitzen und wieder einmal deutsch zu reden. Freilich die in Amerika geborenen Kinder des Pastors empfanden ganz amerikanisch und sprachen untereinander nur englisch; nur den Eltern antworteten sie noch aus schuldiger Rücksicht deutsch. Aber auch der Hausfrau entschlüpften dann und wann in ihrer deutschen Unterhaltung die englischen Fachausdrücke: „Bitte, kommen Sie in den ~parlor~!“ (Empfangszimmer). -- „Hier hat uns der Maler die Stube gepaintet“ (~paint~ malen). -- „Wünschen Sie noch etwas ~jam~?“ (Gelee). -- „Nicht wahr, in Buffalo ist auf den Straßen immer ein mächtiges ~crowd~?“ (Gedränge). In diesem Stil ging es fort. Aber wie erfreut waren sie doch, daß ich, obwohl so ganz unangemeldet, zu ihnen kam! Ich kannte des Hausherrn Schriften und konnte ihm erzählen, daß ich noch bei seinem Vater an der Universität Vorlesungen gehört hatte! Dann tauschten wir gemeinsame Erinnerungen an Saalefahrten, deutsche Studentenverbindungen, und über Deutschland im allgemeinen aus. Er wußte nicht genug die Treue und Anhänglichkeit seiner Gemeindeglieder, die alle aus einfachem Stande waren, deutsche Holzarbeiter, Zimmerleute, Straßenbahner usw., zu rühmen, etwa 150 Familien, die die ganze Kirche samt Pastor unterhielten. So hatte ich auch in dem Schaffner der Straßenbahn, die mich hinausführte, einen alten Württemberger entdeckt. Aber keiner von ihnen allen wollte wieder in die alte Heimat zurückkehren!

Als ich mit dem deutschen Pastor in seiner kleinen hölzernen Kirche stand, wie rührend überkam mich da die Schlichtheit, die mich umfing! Die einfachen Bänke und die Kanzel und der Sonntagsschulsaal und die bescheidenen Gemeinderäume ...! Sogar eine große Küche war hinten angebaut, wo allmonatlich eines Abends für Arme eine eigene „patentierte“ dicke Suppe gekocht wurde, die außen an der Kirche durch ein aushängendes Schild der Gemeinde und den Umwohnenden angezeigt wurde. Sie war außerordentlich beliebt und wurde gern gegessen und gekauft. Aus diesem Suppenabend sprang dann meist noch ein beträchtlicher Gewinn für die Gemeindekasse heraus! Die Gemeinden drüben fühlen sich viel mehr als Familie als bei uns. Man kennt einander genau. Man pflegt aber auch öfter die Kirche zu wechseln. Die Kirche ist oft der einzige Zusammenschluß, den man hat; sie vertritt die Gesellschaft. Nun ist aber die Erhaltung speziell der deutschen Kirchen ein großes Problem. Die zweite und dritte Generation ist ja fast immer schon völlig amerikanisiert und versteht oft kaum noch Deutsch. Die „deutschen“ Kirchen können auf die Dauer daher nur als Missions- und Übergangskirchen für die Einwandernden angesehen werden. Denn alle Nationalitäten amerikanisieren sich hier über kurz oder lang völlig. Der deutsche Charakter, Gemüt und Tüchtigkeit mag sich auch unter der englischen Zunge erhalten oder ein Ferment in dem sich bildenden amerikanischen Nationaltypus sein. Aber ausgeprägtes Deutschtum als solches und als Bestandteil für sich hat auf die Dauer im amerikanischen Volkskörper wenig Zukunft. Nicht anders ergeht es dem Irischen, Italienischen oder Griechischen drüben.

Am Nachmittag machte mein Gastgeber sich mit mir auf den Weg, mir eines der imposantesten Naturschauspiele der Erde zu zeigen, die es gibt, den +Niagarafall+. Der Niagara selbst ist ein breiter, nur einige Meilen langer Flußkanal, der den Eriesee mit dem Ontariosee verbindet. Auf halbem Wege stürzt dabei der imposante Fluß über eine fast anderthalb Kilometer breite und 50-60 Meter hohe Felsenwand hinab in zwei durch eine breite Insel geschiedenen nebeneinanderliegenden Fällen. Seit meiner Jugend klang mir das alte indianische Wort „Niagara“ wie ein Zauber im Ohr. „Niagara“, Donner der Gewässer, ist nicht das einzige indianische Wort, das sich erhalten hat.

Wie würde der Niagara wohl aussehen? Ich erinnere mich wohl, Bilder von ihm in früheren Jahren gesehen zu haben, aber sie waren mir doch nicht mehr ganz deutlich in Erinnerung. Nun sollte ich ihn selbst in Wirklichkeit sehen. Sagenumwoben sind seine „donnernden Gewässer“; jährlich verschlingen sie zwei Opfer nach der indianischen Sage, und jährlich muß nach altem Glauben ein reines Mädchen im gebrechlichen Kanoe den Fall hinuntergesandt werden, aus dem sie nimmer lebend entrinnt, um die Geister des Stromes günstig zu stimmen! Jährlich -- aber das ist die rauhe Wirklichkeit -- verschlingt der Niagara mehrere Menschen, die in ihm verzweifelt den Tod suchen und von seiner schauerlichen Macht magisch sich angezogen fühlen. Die Geliebte eines modernen deutschen Dichters und Dramatikers stand am Rand des Falls und war so in seine brausende Gewalt versunken, daß man sie mit Gewalt davor bewahren mußte, sich nicht auf der Stelle in ihm den Tod zu geben. Andere fühlten sich zu den tollsten Wagnissen gereizt; auf Drahtseilen haben Seiltänzer die Fälle überschritten, in einem Faß hat sich einer die Stromschnellen hinabtreiben lassen und ist mit dem Leben davongekommen, und hat fortan seinen Lebensunterhalt damit verdient, daß er sich mit seinem Faß für Geld sehen ließ!