Part 13
Es war ein geräumiges Vereinshaus, natürlich ein eigenes, an der Hauptgeschäftsstraße, der Massachusetts Avenue in Cambridge, in das ich eintrat. Als ich die schöne Freitreppe hinanstieg, gelangte ich auf dem ersten Stock zu dem Bureau, wo der Sekretär den Fremden freundlich empfängt, dann in einen weiten offenen Empfangsraum mit feinen Teppichen, elektrischem Licht wohl ausgestattet, und zu den anschließenden gemütlichen Lesesälen, wo etwa 30 Zeitungen, die besten Tageszeitungen, Wochenschriften aller Art, religiösen, belehrenden und künstlerischen Inhalts, auflagen. Auch ein Billard und andere Geselligkeitsspiele fehlten nicht und werden allabendlich eifrig benutzt. Die Treppen führten mich weiter empor zu den mannigfachsten Klubräumen in den verschiedensten Größen für kleinere und größere Zusammenkünfte der Jugendlichen. Der Verein in der Großstadt umfaßt meist mehrere hundert Mitglieder, die an Einzelbestrebungen und Alter so verschieden und zahlreich wie möglich sind, so daß sie geteilt sich in kleinen Zirkeln zusammenfinden. Und hier herrscht nun die bunteste Mannigfaltigkeit, zunächst was das Alter betrifft: Ich sah kleine Knirpse, die wohl kaum zehn Jahre alt sein mochten, die noch die Volksschule besuchen, aber eifrig schon „im Verein“ verkehrten. Das amerikanische Leben drängt im ganzen ja weit mehr und weit früher auf die Öffentlichkeit hin als das unsere. So ist auch das Clubleben weit mehr ausgebildet. In jeder Schule von den Kleinsten angefangen bestehen oft schon Schülerklubs, die sich selbst regieren, ihre Präsidenten und Beamten wählen und so im kleinen die große Demokratie des ganzen Volkes abbilden und auf das politische Leben, an dem jeder Bürger Anteil nehmen soll, vorbereiten. Neben diesen Kleinen gab es genug derer in den Zwanzigern und Dreißigern. Neben den Volksschülern die Männer, Arbeiter und Angestellten +aller+ Berufszweige! Dazwischen Realschüler von fünfzehn und sechzehn, Lehrlinge, junge Kaufleute und Handwerker von noch nicht zwanzig. Jedes Alter und jeder Berufszweig bildete einen eigenen Kreis und eine eigene „Klasse“.
Ebenso bunt wie das Alter waren die Bestrebungen, die sich da zusammenfinden. Der Y. M. C. A. in Cambridge bietet neben den Bibelstunden, die alle als Grundlage vereinen, Unterricht in Sprachen, Mathematik, Zeichnen, Singen, Buchhaltung, Schreibmaschinenschreiben, Stenographie -- und vor allem Turnen und Sport. Dazu kennzeichnen noch zwei Dinge jedes amerikanische Klubleben: Gymnastik und politische Debatten. Jedermann vom Schuljungen bis zum Studenten und verheirateten Mann übt täglich seine Spiele, es sei Fußball, Base-ball, Basket-ball, Tennis oder Laufen, Springen und Geräteturnen ... So muß jedes Vereinshaus des Y. M. C. A. vor allem eine eigene vollständig mit allen modernsten Geräten und Spielen wohlausgerüstete Turnhalle besitzen. An ihrer Größe und Ausstattung kann man das Florieren des Vereins kontrollieren. Aber nicht nur das, ein amerikanisches Vereinshaus, das auf der Höhe sein will, muß möglichst auch ein eigenes Schwimmbassin haben oder allerwenigstens, wenn es nicht als veraltet und rückständig gelten will, einen eigenen großen Baderaum mit vielen Brausen und Duschen. Was gibt es auch schöneres als Spiel und Sport, erst zu turnen und zu springen und zu schwingen und zu schwitzen und dann zu baden und zu duschen, zu spritzen und im Wasser zu planschen! Das hatte ich selbst in der akademischen Turnhalle öfters ausprobiert. Der Verein muß sogar Gelegenheit geben, sich von einem zuständigen Arzt auf körperliche Gesundheit und Tauglichkeit untersuchen zu lassen! Und wie oft kontrolliert der junge Amerikaner mit Stolz zunehmendes Maß, Gewicht und Stärke ... So ist denn auch der professionelle, wohlgelernte, mit gutem Gehalt angestellte Turnmeister eine der wichtigsten Personen unter allen Vereinsbeamten. Und mit welcher prächtigen Grazie und Gewandtheit weiß er alle Übungen vorzumachen!
Dazu tritt das andere, was jedem Amerikaner über alles geht, Reden (~addresses~) hören und debattieren. Man kann jeden Abend zwei, drei und mehr Redner hören. Man ist einfach für alles interessiert, für den Nordpol, den Mars, für Luftschiffe, für babylonische Ausgrabungen, neueste elektrische Erfindungen ... jeder Redner und jeder „~speech~“ ist willkommen. Es muß möglichst jeden Abend oder jede Woche einmal etwas Großes im Verein „los“ sein. Und wie offen erfolgt die Aussprache! Da werden Fragen gestellt, der Redner unterbrochen; keiner fürchtet sich, den Mund aufzutun. In Amerika findet man immer und überall fragende, lernbegierige, empfängliche und für geistige Darbietungen dankbare Menschen. Selten wird kritisiert, immer bewundert und gelobt!
In den obersten Stockwerken des Vereinshauses -- ich kletterte mit meinem Führer bis aufs Dach hinauf, wo man den Turm der City Hall gerade vor sich hatte und durch die Nacht bis zu dem lichtschimmernden Boston hinüberblicken konnte -- fand ich auch Zimmer zum Logieren für durchreisende Mitglieder von Zweigvereinen, für den Sekretär und die ständig fungierenden bezahlten Beamten des Vereins.
An jenem Abend, an dem ich im Verein weilte, hatte ich Gelegenheit, einem Schauturnen beiwohnen zu können, das drüben den seltsamen Namen „Karnival“ trägt. Ich wurde erst durch die Baderäume geführt, wo sich Kleine und Große in hellen Haufen tummelten und ihre Turnkleidung anlegten. Dann bekam ich das „Gymnasium“ (die Turnhalle) zu sehen, mit der kaum die besten unserer Turnhallen es hätten aufnehmen können. Eine große Zuschauerschaft war schon versammelt, Eltern, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Alles wartete gespannt auf das Öffnen der Flügeltüren und das Einmarschieren der Turner. Und dann kamen sie, nacheinander, die Riegen der kleinen Knirpse, die so wohl über den Bock zu springen und allerlei lustige Purzelbäume zu schlagen wußten, dann die älteren Schüler mit ihren exakten Stab- und Hantelübungen, und endlich die in den Zwanzigern, meist sehnige, straffe, frische junge Menschen mit ihren geschwellten Armmuskeln und strammen Waden. Neu waren für mich eine ganze Reihe wohl ausgeführter Reigentänze, die mit ihren wilden und doch taktmäßigen Sprüngen mich an Indianer- und Negertänze erinnerten. Eine Riege erschien als „Farmer und Trapper“ verkleidet, eine andere mit brennenden Holzkeulen, die im Dunkeln geschwungen einen faszinierenden Eindruck hinterließen. Mancher der Turner hatte ein großes „C“[21] auf dem Rücken als Ehrenzeichen, daß er eine Reihe vorgeschriebener ausgesucht schwerer Übungen vollendet ausführen kann. Auch einige farbige junge Männer waren als Turner darunter, was mich besonders freute.
In den Vereinigten Staaten bestehen etwa 2000 solcher Y. M. C. A.-Vereine, die 681 eigene Häuser haben mit einer Gesamtmitgliederzahl von über 450000 Personen und einem Gesamtvermögen von ungefähr 50 Millionen Dollars! Und wieviel wird für sie gegeben! Der Bostoner Verein, dessen Haus kürzlich in der Nacht in Flammen aufging, sammelte binnen 14 Tagen 500000 Dollars für ein neues größeres! Der Cambridger Verein plant, seine Mitgliederzahl von 200 auf 2000 zu erhöhen und man wird das in einer „Kampagne“ auch fertigbringen. Die Stadt wird gleichsam für wenige Wochen bestürmt und erobert: Energie, Zielbewußtsein, Begeisterung, „Rekord“ -- die leben nirgends mehr denn in Amerika. Die Tätigkeit der Y. M. C. A.-Vereine ist im ganzen Land von jedermann anerkannt, vom Präsidenten, der sie öffentlich gelobt hat, angefangen. Sie schaffen anerkanntermaßen Charaktere, treffliche gebildete Bürger, gesunde frische Menschen, allem Gemeinen, Trägen und Genußsüchtigen abhold. -- -- --
Mittlerweile war langsam Weihnachten herangekommen. Wie würde es mir im fremden Erdteil am Heiligen Abend ergehen und zumute sein? Hatte ich bis jetzt unter den vielen neuen Eindrücken, deren Kette für mich gar nicht abriß, nie an Heimweh auch nur gedacht, sondern lebte fortgesetzt in einer Art Erobererstimmung, ein ganzes Land in seiner eigenen neuen Art, seiner Sitten, Anschauungen und Gebräuchen mir geistig zu eigen zu machen, so würden mich vielleicht die stillen Weihnachtstage doch auf einmal „kleinkriegen“! Das fürchtete ich ...
Man feiert Weihnachten drüben doch recht anders als bei uns. Die zentrale Stellung, die das Weihnachtsfest im deutschen Volks- und Gemütsleben hat, hat es drüben lange nicht, ja wohl in keinem Volk sonst. Schon das Sinnbild des deutschen Weihnachten fehlt, der Christbaum, wenn auch nicht überall ...
Weihnachten voraus geht in Amerika der nationale „~Thanksgiving day~“ am 27. November. Zwei nationale Feiertage hat die Union, an denen sich das ganze Volk ohne Unterschied zusammenfindet, das ist der „~Fourth of July~“ (4. Juli), der Verfassungstag, der mit allem Pomp und Aufsehen und höchstem Stolz vom ganzen Volk von der Küste des Atlantik bis zum Stillen Ozean und von den großen Seen bis zum Golf von Mexiko begangen wird; man halte dagegen den Streit und die Zerrissenheit unseres Volkes in Sachen eines Verfassungstags! Und daneben religiöser betont als der 4. Juli der „Danksagungstag“, wenn die ersten Schneestürme die nördlicheren Staaten durchfegen und man sich um den traditionellen Truthahn sammelt, wie wir um die Martins- oder Weihnachtsgans. An diesem Tage gedenkt das amerikanische Volk in allen Kirchen aller Denominationen mit Dank des Reichtums, der Sicherheit, des Fortschritts, des Glücks und Ansehens, das es in der Welt genießt und auch des Sieges, den es im Weltkrieg „der Gnade des Höchsten“ zu verdanken hatte. Und es läßt sich gern die Verpflichtung vorhalten, nun auch seinerseits sein Wort und seinen Willen kräftiger als bisher zur Beglückung und Befriedung der Völker trotz der Monroedoktrin in die Wagschale der Welt zu werfen, Kriege in der Welt zu verhüten (!), daß jedem, auch dem kleinsten Volk in der Welt -- darum auch Tschechen, Polen, Südslawen und Serben, Juden -- ihr Selbstbestimmungsrecht werde, besonders allen Unterdrückten wie einst dem amerikanischen Volk selbst, als es „der Herr aus seinem Diensthause führte“. Zu diesem feierlichen ~Thanksgivings day~ hatte ich nicht weniger als fünf Einladungen erhalten zu drei Professoren, zu dem befreundeten liebenswürdigen Studentenehepaar und zu den Eltern meines Freundes Arthur E. W. Leider konnte ich nur +einen+ Truthahn verspeisen, da der Thanksgiving leider nicht fünf Tage hintereinander gefeiert wird. Ich nahm des letzteren freundliche Einladung an, da sie zuerst gekommen war, und mußte die anderen nicht leichten Herzens ausschlagen. W.s Eltern wohnten in der freundlichen und schöngebauten Vorstadt Bostons Dorchester. Ich hatte dort Gelegenheit, auch einmal in amerikanisches Familienleben des kaufmännischen Mittelstandes hineinzuschauen. Der Familienvater war zwar ertaubt, aber um so intensiver belesen in aller schönen Weltliteratur. Und kein Laut der Klage kam wegen seines Leidens über seine Lippen ...!
* * * * *
So kam Weihnachten näher.
Dienstag vor Heiligabend las der Rhetor der Universität in „Appleton Chapel“ aus den „Christmas Carols“ von Dickens. Dazwischen wurden englische Weihnachtslieder mit frischer Melodie gesungen, darunter auch das Lied von der „heiligen Nacht“ in Übersetzung. Wie seltsam das in Amerika berührte! Denn kein Lied ist deutscher als dieses. Ebenso seltsam klang mir immer die Übersetzung unseres Lutherliedes: „Ein feste Burg ...“ als englischer Choral in den Ohren:
„~A mighty fortress is our God, A bulwark never failing, Our helper he amid the flood Of mortals ills prevailing. For still our ancient foe Doth seek to work us woe, His craft and power are great And armed with eternal hate; On earth is not his equal usw.~“
Dann schlossen die Vorlesungen auf zehn Tage. Zehn goldene Tage war ich einmal die vorgeschriebene Zwangslektüre los und konnte im Lande der „Freiheit“ einmal wieder meiner geistigen Selbstbestimmung leben! Freitag war heiliger Abend. Aber ich sah in Cambridge keinen Christbaum, noch weniger einen Weihnachtsjahrmarkt. In Neuengland herrschen noch ganz die alten +englischen+ Weihnachtssitten. An den Fenstern der Läden und Häuser hingen einige grüne Kränze -- das war alles. Nicht einmal rechte Weihnachtsgottesdienste, wie wir sie gewöhnt sind, gab es, nichts von Metten und Vespern. Das Fest wird auch bloß mit +einem+ Feiertag begangen!
So hatte ich mir selbst am heiligen Abend -- den sie übrigens drüben auch gar nicht feiern! -- einen kleinen Weihnachtstisch zurechtgebaut und schenkte mir selbst ein paar blitzende amerikanische Schlittschuhe, zündete mir einige Kerzen auf dem Kamin an, steckte hinter meine Bilder ein paar Tannenreiser, schichtete ein paar rotwangige Äpfel auf und feierte so still für mich heiligen Abend in der neuen Welt. Als ich die Kerzen angezündet und ihr Schein auf die paar mageren Zweiglein fiel, fiel, glaube ich, auch ein kleines, warmes Tränlein mit darauf. Jetzt wäre ich doch fürs Leben gern die zehn Ferientage einmal schnell zu Hause gewesen und hätte soviel zu erzählen gehabt -- aber das Weltmeer mit seinen 4000 Meilen lag dazwischen! Ich fing nun manchmal schon heimlich die Wochen an zu zählen, wann es wieder heimgehen würde. Bei Wachsduft und Kerzenschein kamen auf einmal alle die Weihnachtsfeste der Kindheit leise zu mir in mein amerikanisches Studierzimmer hereingeschritten, frohe und ernste, und stellten sich wie unsichtbare Engel an den Wänden meines „~furnished room~“ auf und hatten wohl alle auch ein kleines, warmes Tränlein an den Wimpern ... Damit mir es nun aber in meinem Zimmer nicht gar zu einsam werde, holte ich mir einige Kameraden aus unserer Hall herein, von denen die meisten aus dem eigenen Lande auch nicht heimfahren konnten, weil viele weither aus dem Süden oder dem „mittleren Westen“ waren. So kam zu meiner „Weihnachtsfeier“ mein lieber japanischer Freund Ashida, Mr. Moore und der Heidelberger Philologe. Wir lasen deutsche und englische Weihnachtsgedichte zusammen und sangen dann alle miteinander auf +deutsch+ „Stille Nacht, heilige Nacht“, bis die Kerzen langsam herabbrannten. Der Japaner, der Amerikaner und wir zwei Deutschen!
Als sie wieder gegangen waren, packte ich die heimatlichen Weihnachtspakete aus, die vor einigen Tagen angelangt waren; das wollte ich gern ganz allein tun. Da kamen noch allerlei -- aber jetzt echte deutsche -- Tannenzweiglein und duftende rotwangige deutsche Äpfel, Weihnachtskerzen, warme Sachen und vor allem Weihnachtsbrieflein zum Vorschein. Und wie war das alles mit soviel Liebe und weiser Berechnung zeitig aus der Heimat abgegangen ...! Und wie wirkte das alles hier so traulich und wehmütig zugleich! -- --
Der Abend schloß für mich nicht so ganz still und die Nacht nicht so ganz heilig insofern, als sich -- wohl nach einer zugezogenen Erkältung -- in der Nacht Fieber einstellte und ich das Bett hüten und nicht mehr zu Präsident Lowell gehen konnte, der alle Harvardstudenten, die nicht heimfahren konnten, zu einem offenen Weihnachtsabend zu sich eingeladen hatte. Das war schön von ihm! Ich lag derweilen allein fiebrig in der Weihnachtsnacht ... In derselben Nacht gab es auch noch einen riesigen Wasserröhrenbruch in der Stadt, so daß das Wasser in hellen Strömen durch alle Straßen schoß. Da man ein böses Einfrieren befürchten mußte, griffen noch in derselben Nacht die Studenten mit zu, als sie gerade vom Präsidenten kamen, um noch größeres Unglück zu verhüten.
Andern Tags hatte mich Freund W. wieder zu seinen Eltern zusammen mit seinem Stubengenossen R. nach Dorchester zum „Christmas-Dinner“ eingeladen. Wir hatten daselbst wieder „~a very good time~“ (viel Spaß), wie man drüben sagt, und sangen allerlei wehmütige Negergesänge, die ich einige Tage zuvor in einer baptistischen Negerkirche gehört und gelernt hatte. Dort war, als ich eintrat, alles ganz „schwarz“ gewesen, nur die weißen Zähne und Augen ließen erkennen, daß Menschen anwesend waren!! Süßlich-sentimental erklangen die Lieder, aber der Prediger fuchtelte dafür um so gewaltiger mit seinen Armen auf dem Pult. Ein laut schreiendes Kind und ein bellender Hund begleiteten in dieser Negerkirche die Predigt auf ihre Weise! Und überall duftete es eigentümlich ...
Gegen Abend machte mein Freund mit uns noch einen Weihnachtsbesuch in einem sehr reichen Hause im Franklinpark, wo eine sehr wohlhabende Dame, die einst mit ihm -- glückliches Land der Koedukation! -- in die „~high School~“ in Dorchester gegangen war, auf ihrem ländlichen Schlosse wohnte. Wir schritten die tiefverschneiten Parkwege entlang und traten ein. Ein riesiger prächtiger Christbaum stand hier auf spiegelblankem Parkett in der Empfangshalle. Er reichte vom Fußboden bis an die Decke und war über und über mit Hunderten von Kerzen besteckt. So sah ich doch noch einen Christbaum! Feine Herren und Damen verteilten unter ihm an eine Anzahl von all der strahlenden Pracht wie geblendet dastehende arme Kinder der Vorstadtviertel Weihnachtsgaben. Die Dame des Hauses selbst sang am glänzend polierten Flügel allerlei süßtönende Lieder ... Aber trotz allem, dies Weihnachten gefiel mir auch nicht recht. Es war mir zu fein.
Dieselbe Nacht noch vom ersten zum zweiten Feiertag wütete in ganz Neuengland ein furchtbarer Schneesturm, wie man ihn lange nicht erlebt hatte. Die schwersten Äste der alten Harvardulmen lagen am Morgen zerschmettert am Boden. Die Vorstadt Chelsea stand infolge der Sturmflut unter Wasser; viele Schiffe waren gestrandet, Neger wurden erfroren in den Straßen aufgefunden, denen es immer noch schwer fällt, den nördlichen Winter durchzumachen; Seeleute wurden zahlreich vermißt. Auch das kein schönes „Weihnachten“! Und am Morgen lagen, als man erwachte, Schneemassen in den Straßen Cambridges, daß niemand von den Studenten, die früh zu ihrem „~job~“ als Organist oder Prediger aufs Land hinauswollten, auch nur vor die Tür kam!
Als guter deutscher Tourist zog ich trotzalledem nachmittags dicke feste Stiefel an, hing einen tüchtigen deutschen Lodenmantel um und stapfte nach Mount Auburn hinaus, besah mir die einzigartig schöne Winterlandschaft und arbeitete mich bei blendendem Sonnenschein vier Stunden durch den hohen weichen Schnee von Concord nach Belmont durch und fühlte mich bei dieser Wanderung wie in den Schwarzwald oder auf den hohen Westerwald versetzt. Ja, ich hatte Lust, in diesen Tagen nach Kanada zu reisen, wo der Winter meist noch dreimal so dick ist als in Neuengland, aber ich ließ glücklicherweise den Plan einstweilen wieder fallen, denn wer weiß, wo ich in Schnee und Eis stecken geblieben wäre ...
Am letzten Abend des Jahres hatte ich noch Gelegenheit, noch einen Weihnachtsunterhaltungsabend in einem „+~settlement-house~+“ in Boston mitzumachen. In den sogenannten „Settlements“ werden Knaben und Mädchen der ärmsten Viertel von sozialgesinnten Studenten zu Klubs, Spiel, Sport und Vorträgen gesammelt, um geistiges Leben in ihnen zu wecken, Sinn für Anstand, Sitte und charaktervolles Leben in ihnen zu pflegen, ja ihnen nach Möglichkeit alles das zu ersetzen, was sie in ihren elenden und traurigen Verhältnissen daheim entbehren müssen. Also eine Arbeit ähnlich der in den Hamburger Volksheimen, die sich die ~settlement~-Bewegung in England und Amerika in der Tat zum Vorbild genommen haben. Die ~settlement~-Arbeiter oder „Siedler“ wohnen meist -- ein großes Opfer ihres Lebens! -- selbst im Klubhaus mitten in der übelsten Umgebung (dem sogenannten „~slum~“), um daselbst als Salz und Licht ihrer Umgebung zu wirken. Reiche Freunde unterstützen die Arbeit und erstatten den Unterhalt der Siedlung. Nach einer feudalen Schlittenfahrt im „Franklinpark“ dinierten wir mit den feinen Damen der Bostoner Gesellschaft, soweit sie zum Vorstand des Settlements gehörten, und dann ging es -- ein mir nicht gerade angenehmer Kontrast! -- zu den Vorführungen des armen Jugendklubs. Die Knaben und Mädchen boten allerlei hübsche theatralische Aufführungen in niedlichen, selbstgefertigten Kostümen; zum anderen Teil unterhielt die Kinder ein professioneller Komiker, der sprechend allerlei Tiere und Maschinengeräusche nachzuahmen wußte und zuletzt noch als Bauchredner auftrat. Nicht endenwollender Beifall der Kinder lohnte ihn. Zum Schluß gab es das in Amerika immer unvermeidliche „~ice-cream~“ mit Cakes! Ein derber Junge konnte es sich aber nicht versagen -- der Komiker hatte es ihm wohl angetan! -- einem anderen eine Portion des schönen „~ice-cream~“ in den Nacken zu gießen. Mein Freund setzte ihn dafür flugs und energisch an die Luft. Meist waren es Kinder armer eingewanderter Italiener, Iren, Juden und Slawen.
So ging das alte Jahr für mich drüben zu Ende. Am Silvesterabend zündete ich noch einmal meine Kerzen auf dem Kaminsims an und machte schon Pläne zu meiner baldigen großen Fahrt durch die Union, die mich bis zum Stillen Ozean führen sollte ...
Fußnoten:
[Footnote 21: = Cambridge!]
Über den Niagara nach Chikago.
Aber wie zum Stillen Ozean gelangen? Ein reicher Allerweltsreiseonkel war ich ja nicht. Mein mir verliehenes amerikanisches Stipendium reichte kaum für das Studienjahr. Und einen wirklich einträglichen „~job~“ hatte ich nicht, seit jener „Freshman“ behauptete, mein Deutsch striche sein Professor als Fehler an! Da kam eine ernst-frohe Nachricht für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es bewahrheitete sich wieder einmal: Was dem einen sein Tod ist, ist dem andern sein Brot. Hatte ich hier in Amerika einem Onkel das Leben wiedergegeben, so starb derweilen mir eine liebe, gute, ferne Tante im Schwabenland, die mich einst als Tübinger Studenten freundlich beherbergt und an mir beifällig zu rühmen wußte, daß ich trotz all meiner ernsthaften Neigungen mit Recht „auch e bissele weltlich“ geblieben sei. Sie hatte mir nun -- dafür sei ihr im Grab noch gedankt! -- eine kleine Erbschaft hinterlassen, die zu einer Fahrt, wenn man es wohl einteilte, an den Stillen Ozean hin und her reichen mochte! So stand ich vor dem Entweder-Oder: Entweder das Geld zu den Wechslern zu tragen und dann mein Pfund einst mit Zinsen wieder heimzunehmen, oder es auf sehr ehrenwerte und anständige Weise hier im Lande Amerika durchzubringen, d. h. die Erbschaft in Geist und unwiedereinbringliche Erlebnisse zu verwandeln. Ich wählte das letztere und habe es noch nie bereut. Wer weiß, ob sie nicht sonst die Inflation verschlungen hätte. So beschloß ich, die Erbschaft zu „verreisen“. Ohne dich, liebe gute Tante, hätte ich wohl nie den Stillen Ozean und das Felsengebirge gesehen!
Nun fing ich alle Tage zu rechnen an, -- aber es wollte nicht recht reichen! Denn die Fahrkarte allein nach San Franzisko und zurück kostete wohl bald dreimal so viel wie die von Hamburg zur See nach Neuyork! Denn von Boston nach San Franzisko +und zurück+ ist ungefähr so weit wie von Berlin in gerader Linie bis nach Kapstadt oder beinahe bis nach Wladiwostock!! Ja, ich überlegte schon, ob es am Ende nicht gar gescheiter sei, von San Franzisko gleich über den Stillen Ozean, durch Japan und auf der sibirischen Bahn heimzufahren. Aber diese Route wäre noch um zwei Drittel Weg weiter gewesen. Freilich hätte ich dann einen „~trip round the world~“ vollendet und auch von dem Felsengebirge, dem Niagara und dem Grand Canyon erzählen können.