Part 12
Fast noch prächtiger aber war es weiter nördlich in den sog. ~Middlesex fells~, einem herrlichen Naturpark mit wundervollem Aussichtsturm jenseits Medford und des Mystic River. Ich hatte wohl noch nie in meinem Leben solch prächtige Herbstfärbungen gesehen. Dazu das tiefe, glühende Rot des Laubes im Unterholz! Welcher Blick bot sich von oben bis nach dem Dichtersitz Concord, nach Cambridge und zum Meer! Und allerwärts eine Fülle der malerischen Landhäuser. Auch Amerikaner haben Natursinn! Nur ist nicht jedem vergönnt, hier draußen zu wohnen. Im ganzen scheint mir drüben der Wohlstand und der Wohnungskomfort höher zu sein als bei uns. Auch der kleine Mann hat hier sein eigen Häuschen und Garten und vor allem seinen „~bathroom~“[20], denn Waschtische sind in den Schlafräumen unbekannt. Die ~bathrooms~ haben nur den Nachteil, daß ein Familienmitglied beim Ankleiden auf das andere oft recht lange warten muß. Bei Damen kann das eine Stunde währen, bis der ~bathroom~ wieder frei wird! Und da er zugleich auch noch anderen Zwecken dient, ist die Polonäse vor dem ~bathroom~ oft recht ergötzlich bzw. hochpeinlich ...!
Je mehr ich Bostons und Cambridges Umgebung kennenlernte, um so mehr erschien sie mir wie eine ungeheure, wenn auch regellose Villenkolonie. Welch ein Kulturfortschritt! Heil den Glücklichen, die da draußen wohnen dürfen! Wie voll sind aber auch die Abendzüge dort hinaus! Wie stehen, hängen, hocken sie in fröhlicher Seelengeduld, sich stets ins Unvermeidliche schickend, auf Plattformen und Trittbrettern, Zustände, bei denen es dem biederen Deutschen graute oder er nur zu schimpfen wüßte. Auf den vollbesetzten Straßenbahnen sah ich die Fahrgäste manchmal nur noch mit zwei Fingern an einer Längsstange angeklammert, in vollbesetzten Lokalzügen womöglich vorn auf der Lokomotive hängen oder stehen!
Auch längs der Ozeanküste und der weiträumigen Bostonbai dehnten wir unsere Exkursionen aus. So ging es einmal mit der Beachbahn nach dem alten Salem und nach dem romantischen Marblehead hinaus. +Salem+ ist eine der ältesten Ansiedlungen noch aus der Zeit der Puritaner (1630), heute eine kleine stille Stadt mit einigen wenigen ganz alten Häusern an der Massachussets-Bai. Aber nach Lamprechts begeisterter Schilderung erwartete ich viel mehr dort. Marblehead ist Seebad der Bostoner. Es war schön, wieder einmal voll dem rauschenden Ozean ins Angesicht sehen zu können. Dumpf dröhnend spritzte der Gischt am steinigen Strand auf. Auf der einsamen Felseninsel Nahant kletterten wir in den öden, zerrissenen Felsen umher, bis uns der Schaum der in der Flut heranstürzenden Wogen zurücktrieb. Tausende von angeschwemmten Muscheln lagen umher, deren ich mir eine Sammlung mit nach Hause nahm. Lange noch zierten die schönsten Stücke mein Kamingesims. Und welche Abendstimmung erlebte ich hier draußen! Purpurrot tauchte die Sonne die fernen Fabrikschornsteine Bostons wie in Feuerglut, die weißen Villen am Strand erglühten wie Bergspitzen in den Alpen, das Meerwasser ward erst bronzen, dann silbern, bis am Strande die Lichterreihen der Straßen kleiner Städte und Vororte aufblitzten ...
Auch den historischen „+Bunker Hill+“ habe ich erstiegen in der Vorstadt Charleston, die an sich düster und rauchig ist. Auf Bunker Hill hielt zum erstenmal in den Unabhängigkeitskämpfen die junge amerikanische Miliz den englischen Truppen tapfer stand (am 17. Juni 1775). Im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde zur Erinnerung daran ein 62 ~m~ hoher sehr aussichtsreicher Obelisk errichtet, der weithin mit seiner weißen Steinspitzsäule die Vorstädte Bostons überragt ...
Ebenso flogen wir gern nach Osten und Süden aus: Die interessanteste, etwas weiter abgelegene Stadt war unstreitig „Concord“, das amerikanische Weimar, der Wohnsitz Emersons, Hawthorns, Thoreaus u. a. Poeten und Dichterphilosophen. Ringsum schönes, stilles hügeliges Farmland mit Wäldern und Viehherden. Concord ist wirklich ein Idyll, dazu vom Hauch großer geistesgeschichtlicher Vergangenheit umweht. Die Geister der Großen gehen hier noch um wie bei uns in Weimar. Wie schlicht und anheimelnd, wie das Goethehäuschen an der Ilm, sind ihre Landsitze! Dazwischen überall Denksteine in Erinnerung an die Unabhängigkeitskämpfe, die um Concord und Lexington begannen. In Concord steht auch das bekannte ansprechende Denkmal des „~minute-man~“, der „jede Minute“ bereit den ersten Schuß im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer abfeuerte, „den man in der ganzen Welt hörte“.
In Waltham fuhren wir auf den kleinen Seen des Charles River mit echten ~canoes~ umher. Ganz entzückend ziehen sich die Seen unter tiefbelaubten Bäumen hin. Wie leicht und sanft glitt das spitze, schwanke Boot übers Wasser! Zwei amerikanische Freunde ruderten, während ich bequem in den Kissen des Damensitzes liegen durfte und das Steuern besorgen sollte. Ein junger Nationalökonom führte mich eines Nachmittags in das idyllische Waverly, ein äußerst malerisches Ineinander von Hügeln, Parks, Villen und Teichen. Er war sehr beschlagen in Deutschlands politischer Geschichte, so daß ich ihm nicht immer auf alle seine Fragen eine präzise Auskunft geben konnte ...
Dieselben ausgedehnten Parkanlagen fand ich am Südrande Bostons in „Jamaica plain“, und von den Blue Hills, die wir mit eineinhalbstündiger Fahrt auf der Elektrischen erreichten, bot sich von Süden eine ähnlich herrliche Aussicht wie von den Middlesex-fells im Norden. Der Aussichtsturm ließ uns über die Wälder der Blue Hills, den Ozean und die ferne Stadt samt einem gut Teil des Staates Massachusetts schauen! Mächtig kam es mir oben zum Bewußtsein: Es ist ein Stück schönsten amerikanischen Landes, das du hier oben überschauen darfst. Könnte ich jetzt noch einmal dort stehen! So haben wir studiert und innen und außen uns umgeschaut ...
Fußnoten:
[Footnote 15: Nicht zu verwechseln mit dem +englischen+ Cambridge!]
[Footnote 16: Im Keller befand sich die Küche!]
[Footnote 17: „Gymnasium“.]
[Footnote 18: Unerreicht von den Lebenden!]
[Footnote 19: „Das verlorene Paradies“.]
[Footnote 20: Badezimmer mit Wasserklosett und warmem Wasserzufluß.]
Ein Fußballspiel. Weihnachten „drüben“.
Jedes Volk hat seine Heiligtümer. Auch das amerikanische. Zu seinen Heiligtümern zählt die Bundesverfassung, sein Freiheits- und Selbständigkeitsgefühl, sein Weltbewußtsein, gleich England eine Art auserwähltes Volk zu sein, und endlich der -- Fußball. An den großen Fußballspielen nehmen viele Zehntausende teil. Extrazüge fahren aus allen Richtungen. Die Zeitungen geben wie bei den Wahlen sofort an der Stirnleiste das Ergebnis bekannt. Und so erwartete ich mit großer Spannung das große Wettspiel zwischen den beiden alten Universitäten Harvard und Yale. Es gibt Jahre, wo in der Union an die dreißig junge Leute in den heißen Fußballkämpfen ihr Leben einbüßen!
Noch summt mir das wilde, tosende Rufen der Harvard- und Yale-„undergraduates“ in den Ohren, noch flimmern mir die vierzigtausend wogenden Köpfe in dem gewaltigen Rund des Harvard-Stadiums vor den Augen ... wie ein brausendes, tobendes Meer.
Es war ein Tag, so heiß wie eine Schlacht und mit einer Spannung erwartet und verfolgt wie eine Schlacht. Weit vom Norden und Süden und vom mittleren Westen waren sie zusammengeströmt mit Automobil und im Sonderzug, die vierzigtausend, das Harvard-Yale-game zu sehen, das die Fußballsaison abschließende Spiel zwischen den beiden größten, ältesten und bedeutendsten Universitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Jedes ~college~, ja jede ~high school~ hat ihr ~Footballteam~ und ihr „Stadium“. Im Herbst jedes Jahres messen sie einander. Schon hatte dieses Jahr Yale über Wesleyan, Syracuse, Springfield, Holy Croß, West Point, Colgate, Amherst und Princeton gesiegt und Harvard über Bates, Williams, Maine, West Point, Cornel und Dartmouth; und nun sah alle Welt, die neunzig Millionen der Vereinigten Staaten, auf das letzte große Spiel zwischen den ehrwürdigen Meisteruniversitäten Yale und Harvard. Welche ungeheure Bedeutung dieses Spiel einnimmt, das zeigt wohl am besten der Umstand, daß für zwei Tickets in letzter Stunde 60, 80, 100, ja 200 Dollars an Spekulanten gezahlt worden sind, während Zehntausende keins mehr bekommen konnten; daß ferner während des Spiels Tausende die Redaktionen der großen Zeitungen in Boston umlagerten und die Anschläge der Drahtnachrichten und so aus der Ferne das heiße Spiel Zug um Zug verfolgten; daß in den Theatern des Landes in den Zwischenakten die Punkte der streitenden Parteien als Transparente erscheinen und natürlich Extrablätter von allen Zeitungen verausgabt werden. Der Sport ist in den Vereinigten Staaten eine öffentliche, nationale Angelegenheit. Ein Blick in die Zeitungen genügt, um das in aller Deutlichkeit zu erkennen. Jede Zeitungsnummer bringt täglich spalten- und seitenlange Einzelberichte über die großen Teams des Landes, über die Spieler im einzelnen, über ihre Herkunft, ihren Lebenslauf, ihr Alter, ihre Geschicklichkeit, ihre Größe, ja ihr Gewicht, ihre besten Kicks, Abbildungen der einzelnen Züge und wichtigsten Momente des Spiels usw. Diese Sportsnachrichten nehmen oft mehr Raum ein als die politischen Artikel; an Umfang können sich höchstens mit ihnen noch die Ehescheidungsberichte, Automobilunfälle und Theatergrößen messen ...!
Nun war also der große Tag herangekommen. Man mochte ein eisigkaltes Wetter erwarten. Tags zuvor blies es bitterkalt vom Norden her. Aber merkwürdig, der 20. November war fast lau und mild, und doch mußte sich jeder wohl vorsehen, in dieser Jahreszeit zwei oder drei Stunden im Freien auf kalten Steinen zu sitzen. Bereits zwischen 12 und 1 Uhr mittags nach dem Lunch wälzten sich Hunderte vom „Harvard Square“ in Cambridge die Bolystonstreet hinunter hinaus aufs „Soldiers field“ zum „Stadium“. Jeder bekannte sich durch ein entsprechendes Abzeichen als Harvard- oder Yaleman: hochrote und tiefblaue Kravatten, Armbinden, Fähnchen, Federn bis zu den blauen und roten Hüten und Jacketts der Damen. Hie rot und Harvard -- hie blau und Yale! Heiser priesen die Verkäufer ihre Harvard-Yale-Ansichtskarten und die Bilder der Spieler an. Von der entgegengesetzten Seite rollten unaufhörlich die Automobile heran, eins hinter dem andern, tutend, heulend, surrend, schnaubend, rasselnd. Die Straßenbahnen fuhren Wagen hinter Wagen, bis auf die Trittbretter besetzt, auf denen noch fast ebenso viele Plätze fanden wie im Wagen; hier hing einer nur noch mit +einem+ Fuß auf dem Trittbrett, dort klammerte sich ein anderer nur noch mit den Fingern an eine Längsstange; die Mäntel flogen im Wind, die Hüte drohten fortgerissen zu werden.
Am Stadium, dem gewaltigen, imposanten, elliptischen, halboffenen Amphitheater aus weißgrauem Beton, das nahezu vierzigtausend Personen faßt, stauen sich die Massen und schwellen an zu einem wirren Menschengewoge; aber niemand drängt und drückt oder schilt und schimpft, jeder wartet und ist geduldig, selbstlos und demokratisch. Bald war die eine breite Straße, die von Cambridge über eine alte, schlechte Holzbrücke über den Charles River zum Soldiers field führt, nur noch ein Menschenknäuel mit viel tausend Köpfen. Ringsumher auf den Zufahrtsstraßen und am Charles River entlang sammelten sich die Automobile zu ganzen Wagenparks. Wohl noch keine Automobilausstellung der Welt hat deren eine solche Menge und Verschiedenheit der Marken zusammengebracht. Wer nicht zu Automobil kommt, kommt mit einem der vielen Eisenbahnsonderzüge, die aus allen Richtungen an diesem Tage Boston zustreben.
Das weite Rund des Stadiums mit seinen vieltausend Steinsitzen, seinen gewaltigen Substruktionen und seinen schönen Kolonnaden über den höchsten Sitzreihen lag still und gemessen da und wartete der Menge, die sich von allen Seiten über seine Treppen und Steingänge ergoß und es trotz ihrer ungeheuren Zahl nur langsam zu füllen vermochte. Ich hatte einen Sitz hoch oben über den Kolonnaden bekommen, wo sich nicht nur ein ausgezeichneter Überblick hinunter in die gewaltige halboffene Ellipse auf das Spielfeld bot, sondern auch hinaus ins offene Land. Ich fühlte mich fast nach Rom in das gleich gewaltige Kolosseum versetzt. Gleich dem Tiber wand sich hier der breite Charles River an Cambridge hin; mäßige Hügel säumten gleich Rom auch hier rings den Horizont; in der Ferne schimmerte die goldene Kuppel des Kapitols von Boston auf dem Beacon hill, der schöne Frührenaissanceturm der New old South Church grüßte aus dem feinen blauen Herbstdunst herüber, der über der großen Stadt lagerte. Wie hier das Menschengewimmel, so mochte es einst vor zwei Jahrtausenden zu Zeiten des Titus und Domitian im römischen Amphitheater ausgesehen haben, wenn die vierzigtausend das Spiel erwarteten. Nur statt der glattrasierten Römer hier glattrasierte Amerikaner, statt der Toga und Tunika Automobilpelz und Wintermantel, schwarze steife Hüte und graue Reisemützen, statt der Löwen und Gladiatoren harmlose Fußbälle und junge Studenten ...
Wie Ameisen krabbelten die Menschen auf den Steinsitzen hin und her und suchten ihre Plätze. Schwärzer und schwärzer wurden die runden Steinreihen. Bald bewegten sich da unten vierzigtausend Köpfe hin und her, vierzigtausend schwarze Männerhüte und graue Reisemützen und rote und blaue Damenhüte; dazwischen flatterten lustig die hochroten Harvard- und die tiefblauen Yalefähnchen mit dem stolzen H. und Y. Harvard war recht siegesgewiß. Sein Captain Fish, einer der trefflichsten Fußballspieler, hatte zwar im letzten Spiel gegen Dartmouth eine Verletzung davongetragen, aber er war wieder munter und war fest entschlossen mitzuspielen und hatte, wie die Zeitungen berichteten, geäußert, nur der Tod allein könne ihn von diesem Spiel abhalten. Captain Coy von Yale aber war ein ebensowenig zu verachtender Gegner, ein weitgefürchteter „Kicker“. Freilich hatte Harvard in den letzten zwei Jahrzehnten nur viermal Yale besiegt, aber der Sieg des letzten Jahres über Yale und Captain Fish machte Harvard im voraus siegesgewiß.
So ward es zwei Uhr. Auf ein Zeichen sprang eine Schar junger Menschen mit weiten flatternden roten Tüchern, fast wie Stierkämpfer gekleidet, in das Stadium, von tosendem Beifall begrüßt, Captain Fish und die Harvardspieler. Bald darauf stürmte ein zweiter Haufe in wehenden blauen Tüchern herein -- die Yalespieler. Die Tücher wurden abgeworfen, ein schwarzes Überwams ausgezogen -- dann standen die roten und blauen Kämpen einander gegenüber. Jeder angetan wie ein Fechter, wohlgepolstert an Schultern und Knien und teilweise mit Kopfhauben gegen Fußtritte und Schädelbrüche geschützt, in weiten zerschlissenen dunkelgelben Hosen und rotem oder blauem Wams. Schon erhoben die Harvard- und Yale-„undergraduates“, die auf je einem Haufen auf beiden Seiten dicht zusammensaßen, ihr Schlachtgeschrei, und aus vielhundert Kehlen, den Schalltrichter vor dem Munde, schallte es: „Har--vard, Har--vard, Har--vard, ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ra ...“ Und von drüben antwortete es ebenso siegesgewiß und drohend: „Yale--Yale--Yale, ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ...“ Jede Partei suchte die andere mit Schreien und Lärmen zu überbieten. Das Schreien ging fort und wuchs, von Vormännern ganz methodisch und systematisch unter Kommando und gewaltigen Armbewegungen dirigiert: „eins--zwei--drei: ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ...“
Indessen ertönte ein Pfeifchen. Die Spieler traten an die Mittellinie des Feldes, das in viele weiße Karrees geteilt war, ähnlich einem großen Tennisplan, gebückt mit den Händen am Boden, den Kopf tief gesenkt, zum Fang und Sprung bereit. Harvard begann. Hoch und weit wirbelte der Ball, von einem Harvardman gewaltig emporgekickt durch die Luft ... ein Yaleman fängt ihn auf, die Harvardleute fallen über ihn her ... der Yaleman stürzt rücklings auf den Hinterkopf zu Boden, ... ein wilder Knäuel um ihn, zweiundzwanzig Menschen wälzen sich übereinander und raufen sich um den Ball, ... indessen sehe ich andere mit Wasser und Tüchern herbeispringen. Ein Yaleman ist schwer verletzt, halb bewußtlos liegt er am Boden; einen Augenblick stoppt das Spiel. Der Verletzte wird zur Seite getragen, ein anderer tritt für ihn ein -- und das Spiel geht weiter. Jedes Jahr sind es ja mehrere, die nicht nur Arm oder Bein, sondern das Leben auf dem Fußballspielplatz lassen.
Hin und her wirbelt der Ball, bald ist Harvard einige Yards voraus, bald Yale; hier und da stürzen die Spieler übereinander, wälzen sich als Knäuel am Boden ... dazwischen Rufen und Jauchzen und Klatschen und Winken der Zuschauer, immer lauter und frohlockender, bald Harvard, bald Yale. Wie ein Meer toben die Vierzigtausend da unten. Bald wirbeln die blauen Yalefähnchen durch die Luft, bald die roten Harvardflaggen, bald erheben sich hier auf der Seite Tausende in der Erregung von den Sitzen und beugen sich vor, um besser zu sehen, bald dort: Fortwährende Rufe und Schreie. Dazwischen das laute Zählen der Spielführer, die Pfeifchen der Spielmeister und das wilde „ra--ra--ra--ra“ der Harvard- und Yaleundergraduates, wohl kommandiert und dirigiert. So wogt das Spiel bei zwei Stunden hin und her.
Währenddessen eilen die Photographen mit ihren Apparaten und Stativen unablässig von einem Ende des Spielfeldes zum andern, um ja keinen Zug zu verpassen, die Reporter registrieren genau jede Wendung, und Punkt für Punkt wird augenblicklich in alle Windrichtungen telegraphiert. Als es Yale zweimal gelingt, den Ball über die letzte Harvardlinie hinauszuschleudern, und so der Sieg für Yale immer mehr an Wahrscheinlichkeit gewinnt, da kann ein ganzer Haufen Yalestudenten nicht mehr an sich halten; im Enthusiasmus springen sie von den Sitzen und aus den Reihen aufs Spielfeld hinaus, werfen Hüte, Mützen und Mäntel in die Luft, umarmen sich und tanzen vor Freude, und einige Schutzleute haben Mühe, sie zurückzudrängen, damit die Bahn für das Spiel frei bleibt. Indessen notiert das Bulletinboard am inneren Ende des Stadiums für die Zuschauer Zug um Zug, Punkt für Punkt und Linie um Linie. Draußen am Charles River stehen viele Hunderte, die kein Ticket haben erlangen können, die aber wenigstens mit dem Glas die Zahlen am Bulletinboard von ferne zu erhaschen suchen. Mehr und mehr neigt sich das Glück Yale zu. Die Yalegirls werden immer enthusiastischer, immer schneller wirbeln die blauen Fähnchen in den Händen der Girls durch die Luft. Das fortwährende kommandierte heisere „ra--ra--ra--ra“ der Harvardmen hilft ihren Kampfgenossen nicht auf.
Ja, in der Tat, das Unerwartete geschieht. Yale gewinnt! Es ist vier Uhr. „Yale 8 Punkte, Harvard 0.“ Wilder Siegestaumel ergreift die Yalestudenten. Sie stürzen wieder von den Sitzreihen ins Feld herunter, gruppieren sich geschwind hinter ihrer blauen Musikkapelle, -- und nun geht es in wilden Sprüngen und wildem Tanzen unter Siegessang und Freudengeschrei im Feld des Stadiums hin und her. Mächtig schallen die Yalelieder durch das Rund. Hüte und Mützen fliegen vor Vergnügen aufs neue hoch in die Luft und werden beim Umzug über die Balken der siegreichen Goals geschleudert. Kläglich und wütend schreien die Harvardmen ihr „ra--ra--ra--rarara“ dazwischen. Yale hat gesiegt. Die heiße Schlacht ist aus ...
Die Massen der Tausende auf dem Steinrund sind wieder in Bewegung. Der gewaltige Automobilpark löst sich auf. Die Straßen beginnen sich wieder zu füllen; die Straßenbahnen fahren wieder davon, eine hinter der anderen mit den vielen auf den Trittbrettern hängenden Menschen. Nur der Charles River fließt ruhig und gemessen im weiten Bogen nach dem dunstigen Boston hinunter und wundert sich über die Tausende, die seine alte Holzbrücke passieren, voll Jubel, Enthusiasmus und -- Enttäuschung. Über den Hügeln von Newton und Brookline taucht die Sonne purpurrot unter, und ihr glutroter Schein spiegelt sich in den Fenstern Cambridges. Ruhig und verlassen liegen unter den blätterlosen alten Ulmen die Dormitories und die Collegehalls der Harvarduniversität. Memorialhall reckt seinen charakteristischen Vierungsturm empor und öffnet sein Tor den vielen fremden Yalemenschen, die sich jetzt in seiner weiten gastlichen Halle, wo die großen Ahnen Harvards ehrwürdig von den Wänden schauen, zum Dinner niederlassen. Über dem sich leerenden, weiß im Abendlicht schimmernden Stadium aber schwebt wie ein Aeroplan gemächlich und still eine riesige Flagge: -- „Ponds Extrakt“! Es gibt in Amerika keinen schönen und berühmten oder poetischen Ort, den die Reklame nicht meinte noch verschönern zu müssen. Wie eine Siegesfahne winkt sie hinüber zur goldenen Kuppel des Kapitols in Boston im Abenddunst ...
Kaum haben wir unseren Fuß aus dem Stadium gesetzt, da laufen uns schon die Zeitungsboys entgegen mit den Extrablättern, die in riesigen Lettern verkünden: „Yale Wins. Final score: Yale 8, Harvard 0“, während der Draht längst den Sieg Yales in alle Lande trägt. Der siegreiche Fußball aber wandert in den „~trophee-room~“ der Yaleuniversität, wo ihn die kommenden Geschlechter mit Ehrfurcht und Staunen hinter Schrein und Glas beschauen, wie wir wohl vor den Schädeln der Großen und Heiligen in der Geschichte mit Ehrfurcht stehen ... Der Ruhm der Yalespieler aber ist gesichert für alle Zeiten, weit mehr denn eines berühmten Yaleprofessors, der dicke Bände geschrieben und die amerikanische Wissenschaft ein gut Stück weitergebracht hat ...
Griechenland hatte seine Amphitheater und Tragödien, Rom seine Kollosseen und Gladiatoren, das Mittelalter seine Turniere und Ritterspiele, Spanien seine Stiergefechte, die moderne Gesellschaft in Deutschland hat ihre Pferderennen und ihre Mensuren, Amerika hat sein Fußballspiel ... Kraft und Jugendheldenmut sucht sein Feld; glücklich die Nation, die sich am Heroischen begeistert wie ein Mann. Aber ist nicht ein Unterschied, wo wir das Heroische suchen ...? -- -- --
Nach diesem Kennenlernen der akademischen Fußballjugend trieb es mich ein andermal die in der englisch-amerikanischen Welt großartig in der sog. ~Young men’s christian association~ weltumspannend organisierte Jugend kennenzulernen. Ich begnügte mich, einer Einladung des Zweigvereins, des sog. Y. M. C. A. in Cambridge, zu folgen.