Quer durch Amerika

Part 11

Chapter 113,450 wordsPublic domain

Abends brachten die „~fresh-men~“ dem neuen Präsidenten einen Fackelzug im „Stadium“ dar. Das Stadium ist ein ungeheurer, etwa 40000 Personen fassender, elliptischer offen amphitheatralischer römischer Zirkusbau, der den großen Universitätsfußballspielen dient. Heute lag er im Dunkeln. Nach dem Einlaß kletterte alles affenähnlich über die weiten und hohen Betonsitzreihen, die stumm dalagen und sich hell vom klaren Nachthimmel abhoben, bis das schier unermeßliche Rund doch nur zum kleinsten Teil mit Menschen gefüllt war. Dann nahten in langem feierlichen Zug die ~fresh-men~ mit ihren Fackeln, d. h. sie trugen auf Stangen kleine Töpfe mit brennendem Öl, an 1200 Mann zu je zweien nebeneinander, ein wirkungsvoller Zug. Im Stadium führten sie allerlei Reigen und Freiübungen aus, die sich mit den Lichtern im Dunkeln außerordentlich eindrucksvoll ausnahmen. Den Schluß machte ein Buntfeuerwerk, das zu allerletzt die Namen des Präsidenten und des ~college~ zeigte. Der also gefeierte Präsident hielt eine kurze Dankesansprache, die in dem großen Rund ausgezeichnet zu verstehen war. Mit einem an Indianergeheul erinnernden vieltausendstimmigen „Ra-Ra-Ra-Ra ...“, dem traditionellen studentischen Ruf, endete die Feier. Die Zeitungen waren noch Tage und Spalten lang voll davon ...

„~Vivat academia, vivant professores~“ heißt es in dem alten deutschen Studentenlied. So kommen nun nach der ~academia~ die Professoren daran, mit denen ich drüben zusammen sein konnte. Ihr allzeit so sehr gefälliges Entgegenkommen habe ich schon gerühmt und verdient auch hier eigenen Dank. „~What can I do for you?~“ war die ständige Redensart der höflichen Menschen drüben. Der erste, der mich freundlich empfing, war der auch in Deutschland als erster Austauschprofessor und durch seine Schriften bekanntgewordene Sozialethiker Francis G. Peabody, ein Typus des hochgebildeten und vornehmen Neuengländers. Er hatte ein prachtvolles und nach jeder Seite hin ausgezeichnetes sozialethisches Seminar eingerichtet, wie drüben überhaupt alle Seminare, Bibliotheken, Laboratorien an Reichtum der Mittel dank der großen Stiftungen der Millionäre die unseren oft weit überragen. So findet man drüben in den Bibliotheken nicht bloß die gesamte amerikanische und englische Fachliteratur, sondern auch die deutsche, französische und italienische, so daß ich meinen schweren grünen Koffer mit den vielen Büchern hätte ruhig zu Hause lassen können und mir manche Kosten und Ärger ersparen. Freilich Peabodys Vorlesung enttäuschte mich. Gewiß ließ der Vorlesungsraum nichts zu wünschen übrig. Auf was für vorsintflutlichen Bänken hatte man einst im Tübinger Stift gesessen. Hier feine bequeme Subsellien, aufklappbare Halbtische, so daß man bequem die Beine beim Schreiben noch übereinanderschlagen konnte, wie es der Amerikaner liebt. Nur Gelegenheit, Hüte usw. aufzuhängen, sah ich nicht. Die Studenten steckten ihre Mützen in die Tasche oder brachten gar keine mit. Freilich die Beine +auf+ den Tisch legte im Kollegraum niemand, wie ich das in den Klubzimmern täglich und reichlich zu sehen Gelegenheit hatte. Als der Professor eintrat, erhob sich niemand; niemand trampelte oder gab sonst ein Zeichen studentischer Begrüßung, vielmehr wurde lustig weitergeschwatzt und gelacht! Die erste Stunde bestand fast nur in Ankündigungen des Semesterpensums, Aufgabe der „vorgeschriebenen“ Lektüre, Verteilung von gedruckten Dispositionen, zwar alles klar und praktisch -- aber eben auch reichlich schulmäßig. Ich empfand gar nicht, auf einer Universität zu sein.

Mit dem deutschen Austauschprofessor trafen wir im „+~cosmopolitan club~+“ zusammen, einer interessanten Vereinigung von etwa hundert Studenten aus aller Herren Länder, Griechen, Siamesen, Chinesen, Japanern, Brasilianern usf., denn Harvard hat Weltruf. Der Professor nahm aber merkwürdigerweise von uns Deutschen recht wenig Notiz! Er sprach fließend englisch, wenn auch mit deutschem Akzent, an jenem Nachmittag ein für amerikanische Ohren wenig glückliches Thema, nämlich über „deutsche -- Trinksitten“! Damals schon war Amerika zu zwei Dritteln „trockengelegt“. Heute ist es es ganz. Cambridge war schon immer eine völlig „abstinente“ Universitätsstadt. Der Erfolg der Ansprache war, daß ulkige Studenten dem berühmten Gelehrten beim Abschied zwei leere -- Bierflaschen in seine Rocktaschen praktizierten!! Bei Professor +William James+, dem berühmten Psychologen, einem Sohn eines swedenborgischen Predigers in Neuyork und dem Bruder des bekannten Novellisten Henry James, durfte ich öfters weilen. Bald konnte ich formlos mit ihm über seine neue pragmatistische Philosophie plaudern, über die damals eifrigst diskutiert wurde, bald durfte ich an seinem Tisch den „~Thanksgiving-turkey~“, d. h. den traditionellen Truthahn an dem nationalen Danksagungstag am 27. November mitverzehren. Er war der Meinung, daß Wahrheit nur in der +Praxis+ des Lebens selbst +erlebt+, aber nicht im voraus von uns theoretisch festgestellt werden kann. Das, was sich bewährt, das, was „stimmt“, was uns weiterführt, was Erfolg verheißt, ist wahr. M. a. W. die Wahrheit „bewahrheitet“, realisiert sich selbst. James war immer ein Mensch von seltener Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, vornehmer Schlichtheit und einem feinen Humor. Nichts war ihm mehr verhaßt als Fertig- und Abgeschlossensein. Er selbst blieb immer ein Lernender. Auch war er für alles interessiert, denn alles war ihm ein Stück Wirklichkeit in diesem großen wunderbaren Universum, zu dem wir selbst, wie er von seinem voluntaristischen und aktivistischen Standpunkt aus meinte, vielleicht den allerwichtigsten Beitrag liefern. Dies Universum ist, meinte er, nicht fertig, sondern es wird noch ständig; es wird vornehmlich zu dem, wozu wir es machen. Und gute geheimnisvolle Mächte stehen uns dabei hilfreich zur Seite. So interessierte er sich auch besonders zeitlebens für den Spiritismus und Okkultismus als psychologisch-metaphysisches Problem und schloß doch zuletzt ehrlich und behutsam mit einem ~non liquet~. Er soll vor seinem Tode seiner Familie versprochen haben, sich, wenn möglich, mit ihr aus der jenseitigen Welt zu verständigen, um ihr von ihr einen Wirklichkeitsbeweis zu geben. Und seine Familie behauptete wohl auch nach seinem Tode, von ihm Botschaften empfangen zu haben (!). Für James war nichts zu bizarr und zu ungewöhnlich, daß er als Psycholog es nicht untersucht hätte. So war er der Psycholog, der auch allem Wunderlichen und Pathologischen nachspürte. Die Haupttypen der religiösen Menschen führte er auf ihre verschiedene Nervenanlage zurück. Nach ihm gibt es zartbesaitete (religiöse) und grobkörnige (unreligiöse) Menschen. Die religiöse Seelenanlage im Menschen entbindet s. E. die wertvollsten sittlichen Mächte im Menschen. Aber wir müssen im Leben abwechseln zwischen der Haltung des sich selbst verleugnenden Frommen, wie es Buddhismus und Christentum fordern, und dem Nietzschetypus des sich selbst behauptenden und sich durchsetzenden Menschen. Diese Jamessche Philosophie ist durch und durch amerikanisch, praktisch, wirklichkeitsnah, systemlos, dem Willen und Handeln entsprechend, tatenfroh und lehnt doch keine übersinnliche Wahrheit, wenn sie sich bewährt, ab. Welches Glück, den bedeutenden Mann noch kennenlernen zu dürfen!

Auch mit dem Universitätspräsidenten selbst traf ich bei einer „~reception~“, einem Empfangsabend, bei unserem Dekan zusammen. Diese Empfänge hatten freilich etwas sehr Förmliches und Steifes. Zuerst stand man wortlos herum, unterhielt sich krampfhaft mit allen möglichen fremden und unbekannten Gästen, eine Tasse Tee in der einen und einem Gebäck in der anderen Hand (aber Vorsicht war nötig, die Tasse nicht auf die feinen Teppiche oder das Parkett zu verschütten!), bis man vom Mittelpunkt des Abends, dem Präsidenten, auch einmal ins Gespräch gezogen wurde, der uns allen ein paar Minuten die Hand schüttelte. Äußerst geschickt lenkte der Präsident bei mir, dem Deutschen, das Gespräch sofort über auf 1870, die deutschen Gegensätze von 1866 und auf das bismarckische Deutschland -- aber stets mit vornehmer Achtung, ja Bewunderung. Lebhaft und sprühend waren dabei im Gespräch seine sonst etwas in der Ferne scheinbar ausdruckslosen Augen. Welche Aufgabe aber für diesen Mann, täglich zu repräsentieren, Ansprache über Ansprache zu halten, auch für den Fremdesten sofort ein Thema zu finden ... An Gewandtheit stand ihm nicht nach Prof. +E. C. Moore+, der selbst lange in Deutschland studiert hatte und auf dessen Studiertisch ich eine Menge deutscher wissenschaftlicher Zeitschriften sah. Ich war zum Abendessen geladen. Bei uns ist man bei Einladungen größere Portionen gewöhnt als in Amerika. Und das Getränk war -- echt amerikanisch -- ein Glas frisches Wasser mit einem Stückchen Eis zur Kühlung! Glücklicherweise hatte auch Freund R. mich noch rechtzeitig ermahnt, „~full dress~“ anzulegen.

Sehr oft waren wir Deutsche auch bei dem deutschen, aber amerikanisierten Professor der Psychologie +Münsterberg+ eingeladen. Mit seinen trefflichen Büchern über „Amerika und die Amerikaner“ hat er den ersten völlig sachgemäßen Vermittlerdienst zwischen Deutschland und Amerika geleistet. Auch dort war „~reception~“, bei der allerlei bedeutende Leute auftauchten: Eduard Meyer, Präsident Eliots ehrwürdige greise Gestalt ... währenddem reichten Diener in großer Livree Eiskream und Limonade herum. Eine der Töchter des Hausherrn wurde von meinem Heidelberger Freund stark umworben ... Ein andermal war es bloß „offener Nachmittag“ bei Frau Professor M., die sachgemäß hinter einem riesigen Teekessel thronte, aber immer gastlich und fürsorglich. Bei Professor F. stellte sich heraus, daß seine Frau eine nahe Verwandte einer mir sehr bekannten Frankfurter Familie de Neufville war. Wie die Welt rund und klein ist ...!

Nach den Professoren ein Wort über die +Studenten+ und ihr geselliges Leben: Sehr viel Anregung bot mir der schon erwähnte „~cosmopolitan Club~“. Ich verkenne nicht den Wert und das Erbgut der Nation und habe mich erst recht drüben mit Stolz als Deutscher gefühlt und Deutschlands Wert trotz allem in der Welt erfahren, aber doch habe ich immer auch einen starken Zug in die Welt verspürt, mich auch als „Mensch“ denn nur als Angehöriger einer festumgrenzten Volksindividualität zu fühlen und mich mit Angehörigen auch einer recht fernen Rasse in allem Menschlichen einig empfunden, ob es der Negerstudent Mac Sterling war, der mich auch in sein Logis lud, oder Freund Ashida, mein japanischer Studiengenosse, oder etliche Griechen, Armenier oder Siamesen und was sonst alles in Harvard auftauchte. Mehr Berührung mit einzelnen Angehörigen fremder Völker und die Lust zu neuen furchtbaren Kriegen wird in der Menschheit sich mindern! Im ~cosmopolitan Club~ sprachen die interessantesten Redner: Erst der deutsche Historiker, dann war Präsident Eliot angezeigt, danach ein belgischer Konsul über den Kongostaat und seine „rechtmäßige“ Erwerbung, danach ein Spanier von Geburt, Professor Santyana über die zwei Hauptweltströmungen, die klerikal-monarchisch-konservative und sozialistisch-freimaurerisch-revolutionäre. Darauf „talkte“ ein juristischer Harvardprofessor, der damals so etwas wie Justizminister des Königs von Siam war, über seinen gütigen Herrscher, dessen Bild im Klubraum hing, schließlich der bekannte Franzose Professor Boutroux, Präsident des „~institute de France~“ über den Philosophen Pascal, und zuletzt fand eine Vorlesung eines japanischen Universitätspräsidenten der kaiserlichen Universität in Kyoto statt. Er erschien mit all seinen japanischen Orden. Also wahrhaftig eine respektable Galerie seltener Köpfe! Andere Redner sprachen über die herrliche Hawai-Inselgruppe mit Lichtbildern, ein zweiter über Wanderungen und Bärjagden in Alaska, so daß mein wanderlustiges Herz im Anblick dieser herrlichen, einsamen, fast noch nie betretenen Gegenden fast zersprang. Daß auch ich bald noch recht weit fortreisen mußte, das stand mir seit jenem Abend ganz fest! Gletscher, Schneewanderung, Zeltleben mit Eskimos und Indianern, Fahrten in der einsamen Bai, Bärschießen und -abhäuten, Kahnbau und Pelzfabrizieren -- da wäre ich gern einmal dabei gewesen! Freund Moore stellte mir an jenem Abend noch allerlei Griechen vor, und sie nahmen mich mit in ein echt griechisches Restaurant in Boston, ein sogenanntes „Xenodocheion“. Ein andermal war sogenannter „~ladies tea~“, den Mrs. M. in hohem lila wallenden Federhut präsidierte, danach ein sogenannter „Nationalitätenabend“. Bei dem ersteren wurden uns allerlei graziöse Bostoner Schönheiten vorgestellt, darunter eine Ms. St., Freund R.s ganzer Schwarm, gekleidet, gepflegt und in Haltung wie eine tadellose Schaufensterpuppe in wundervollem Kostüm, dessen Farbe ich über ihren kirschroten Lippen, ihren wohlgepflegten blendendweißen Zähnen und ihren schmalen feinen Händen, die gewiß noch nie Kochtopf oder Scheuerlappen angefaßt hatten, nicht behalten habe. Aber ob ich sie hätte haben mögen? Die Amerikaner lieben es zwar, an Frau und Gattin nur eine Schönheit, ein Spielzeug, eine heitere und lebensgewandte plaudernde Gesellschafterin zu haben, -- man sehe sich die entspr. Typen in den ~magazines~ an! -- die keine Kinder bekommt und ihre Hausfrauenpflichten anderen überläßt, galante „~receptions~“ hält, das Auto lenkt, öffentlich redet und angestaunt wird. Da war mir aber doch die kleine schlichte Hobokenerin aus Baden bei ihrem Onkel am Küchenherd tausendmal lieber ... An dem anderen, dem „Nationalitätenabend“, war der Klubraum mit den Flaggen aller Völker sinnvoll und malerisch drapiert. Brüderlich hing die unsere neben der Trikolore, dem Union Jack und dem Sternenbanner. Jede Nationalität hatte nun einen Toast in ihrer Landessprache auszubringen und eine nationale Eigenheit ernst oder humorvoll den Anwesenden vorzuführen. Germany wurde zuerst aufgerufen! Es sprach für Deutschland ein ehemaliger deutscher Korpsstudent mit tüchtigen Schmissen auf der Backe -- so recht etwas für amerikanische Herzen! -- und sang die „Wacht am Rhein“, die viele Amerikaner begeistert mitsangen! Dann kamen Frankreich, Spanien, Brasilien, Griechenland, Indien, China, Japan und Rußland an die Reihe. Welch ein interessantes Ragout gab es da zu hören und zu sehen: Japanische Tänze, chinesische Lieder in einer für unser Ohr merkwürdig unmusikalischen Art, russische Bauerngesänge, ein ~Hindu-farewell~-Lied und ein japanisches Gaukelspiel. Ein spanischer Student führte zuletzt naturgetreu eine Prügelstrafe aus einer spanischen Dorfschule vor zum großen Gelächter der Amerikaner, die körperliche Strafen im Schulleben nicht kennen!

Auch ein „deutscher Abend“ des „Deutschen Vereins“ fand statt. In dem geräumigen Festsaal der Harvard-Union war eine große Hufeisentafel aufgestellt -- in Amerika kennt man sonst nur Klubtische oder Einzelsitze -- um eine deutsch-studentische „Kneiptafel“ vorzuführen. Rings an den Wänden lagen in großen Glasschränken die siegreichen Fußbälle aufbewahrt, mit Datum versehen, mit denen die Universitätsmannschaften in großen Wettkämpfen im Stadium gesiegt hatten. Wie Totenschädel lagen sie da in Reih und Glied und schauten verwundert auf das, was im Saale nun anhub. Nun wurde -- in dem „trockenen“ Cambridge -- ein Faß deutsches Bier aufgelegt und angesteckt, Neger servierten dabei, und die deutsche „Kneipe“ begann! Auf diese Weise wurde wieder einmal in den amerikanischen Studenten die Überzeugung befestigt, daß Deutscher und Biertrinker ungefähr dasselbe ist. Wie oft bin ich selbst drüben gefragt worden, ob ich denn nicht „mein Bier“ vermißte, während mir die in Memorialhall zu Lunch und Dinner allgemein viel getrunkene Milch viel besser bekam und mundete.

Aber auch mancher +einzelne Student+ ist mir in der liebenswürdigsten Weise nahegetreten. Wie oft hat mich mein Freund Arthur E. W. zum schönen „~fresh-pond~“ begleitet, einem äußerst idyllisch gelegenen Teich mit reizendem Ausblick auf die Landstädtchen Arlington und Waverly. Wie manchmal saßen wir dort unter den dunkelen Bäumen, während ein leichter Wind die Wellen des kleinen Sees kräuselte, freundschaftlich auf einer Bank zusammen. Er lehrte mich Miltons „~paradise lost~“[19] verstehen, ich dolmetschte ihm Goethes Faust, so gut es ging. Wie schwer war es, dieses urdeutsche Ideenwerk englisch verständlich zu machen! Wie mütterlich nahm sich meiner das Studentenehepaar M. an. Er +und+ sie studierten, und zwar +beide+ auf den philosophischen Doktor hin. Aber sie war noch klüger als er! Er kam schon aus praktischer Arbeit und wollte sich nur auf der Universität noch weiterbilden. Echt amerikanisch, da man eine Weile arbeitet und verdient und dann wieder studiert. Ebenso echt amerikanisch, daß die Frau mit dem Mann studierte! Daneben aber versorgte Frau M. noch ausgezeichnet ihre kleine Küche in dem kleinen sauberen Logis, das sie bewohnten, und wußte dann und wann noch mit einem freundlichen Mahl mir aufzuwarten. Manchmal dachte ich es mir freilich ein bißchen peinlich für den Mann, wenn die Frau bessere Abschlußzensuren heimbringt als er selbst! Aber der Amerikaner ist an die Superiorität der Frau gewöhnt. Wie gastfreundlich wurde ich in jenem kleinen und reizend gelegenen Landstädtchen Littleton in Massachusetts aufgenommen, da mich einer der Mitbewohner unserer Hall, Mr. Joseph H., einführte auf den Landsitz seiner Mutter und seiner Brüder! Wie vornehm und weitläufig war dort alles! Park, Tennisplätze, Veranden -- und dazu die köstliche Landluft! Welch eine Stille hier nach dem immer noch recht belebten Boston und Cambridge. Freund H. war damals gerade der Vater, Inhaber einer größeren Gestühlfabrik, gestorben. Sofort brach der Sohn pietätvoll sein Studium ab und erfüllte den letzten Wunsch des Heimgegangenen, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Bei dem ebenfalls verheirateten Mr. C. und seiner liebenswürdigen Gattin sah ich mich zum ersten Male genötigt, mit einem sechsjährigen Kinde englisch zu reden, das sich nicht denken konnte, daß es Leute gebe, die nicht von Geburt an englisch redeten! Ob ich immer die Worte für das wußte, wofür es sich gerade interessierte, das kümmerte es nicht. Es fühlte sich auf meinem Schoße trotzdem wohl. Ein sonst delikates Huhn reichte hier nach amerikanischer Einteilung für -- sieben Personen! Zur Erledigung dieser Portionen war ich, da es eine Abendmahlzeit war, ahnungslos im Frack erschienen. Aber wieder einmal falsch, denn es sollte ein ganz informelles studentisches Essen sein; und ich hatte die Gastgeberin ehren wollen, und saß nun als einziger den ganzen Abend in steifster Toilette! Was mag die Hausfrau -- übrigens auch Studentin -- für einen Schrecken bekommen haben, als sie mich in meinem ~dinner-dress~ erblickte!

Ja überhaupt dieser „~full dress~“ -- bis man das richtig heraus hatte, wo er angebracht war und wo nicht! Ich hatte schon einmal vor, eine Humoreske zu verfassen, betitelt „Die Geschichte meines Fracks“. Lieber Leser, höre, ich habe es fast immer falsch gemacht! Nur vor den allergrößten Dummheiten ~in puncto~ „Frack“ haben mich wohlmeinende Freunde glücklich bewahrt. Bei Professor L. war ich z. B. Sonntags mittags eingeladen gewesen -- und kam natürlich +abends+ sechs Uhr, weil ich annahm, jedes ~dinner~ sei abends sechs Uhr; aber Sonntags ißt man es gerade mittags! Dazu erschien ich natürlich abends im Frack, während man Sonntags gerade im Gehrock kommt, da man annimmt, daß man am Vormittag den Gottesdienst besucht hat. Schwarzer Rock ist aber der Kirchenrock, dazu gehört graugestreifte Hose und hoher Hut mit etwa braunen Glacés. So hatte ich es einmal bei Professor James Sonntags mittags gefunden und gedacht: Sieh, wie unformell benimmt sich der wahrhaft große Mann! Da sieht man es, dachte ich, wie sich der Philosoph über Sitte und Mode hinwegsetzt; und dabei hatte er sie gerade peinlichst eingehalten! Und ich war es, der es wieder falsch gemacht! Also merke, lieber Leser: Wochentags vor 6 Uhr macht man Besuche im „~Prince-Albert~“, nach sechs Uhr nur in „~full dress~“ oder, wenn inoffiziell, im „~smoking~“. Sonntags aber ist es ganz anders. Da ist das ~dinner~ um 2 Uhr und der Anzug Gehrock. Bei dem Dekan machte ich am ersten Tage gar Besuch im Kollegröcklein, wie mir mein Freund W. geraten -- und sicher war das als offizieller Antrittsbesuch auch wieder falsch gewesen. Auch fiel mir auf, daß ich bei den amerikanischen Damen wenig Eroberungen zu machen schien -- nur die Ende 60er stehende Gattin des trefflichen Predigers Rev. G. bemühte sich sehr um mich! Mein in solchen Dingen äußerst bewanderter Freund R., der Philologe und Anwärter des ~A. M.~, hat es mir erklärt: Herren mit Schnurr- oder gar einem Vollbart seien bei Amerikanerinnen von vornherein unmöglich! Zu spät sah ich tiefbetrübt ein, was ich mir hatte entgehen lassen! Gar manches Brieflein von ehemaligen amerikanischen Studienfreunden erreichte mich später noch, doch nie ein rosa Billetchen von zarter Hand! Nur die Sekretärin der Fakultät, der ich durch meinen erworbenen Universitätsgrad angehörte, sendet mir unentwegt alle Prospekte und Einladungen zu Harvard-Banketts und Vorträgen -- meist, wenn sie schon vorüber sind. Aber so will es ihre +amtliche+ Pflicht!

Unter den vielen Einladenden war eines Tages auch der brave Hausmann unserer Hall, Mr. M. Ich stieg an dem betreffenden Abend freundlich zu ihm in seine Souterrainwohnung hinab. Denn ich war immer sozial gesinnt. Amerikanische Arbeiter verdienen im allgemeinen mehr und leben besser als die deutschen. Schon vor dem Krieg unterschied sich der Arbeiter drüben in Kleidung und äußerem Gebaren fast in nichts von dem bessergestellten Bürger. Und siehe, bei Mr. M. war es auch recht gemütlich. Hübsche Möbel, dazu ein Schrank voller Bücher! Das gehörte notwendig zum Inventar eines Universitätshausmanns. Seine Frau war übrigens eine geborene Schwedin aus Stockholm! Auch bei ihm gab es Früchte, Cakes und Tee und ~ice-cream~ wie bei einer offiziellen „Rezeption“, wenn auch ohne Diener und weiße Handschuhe. -- -- --

In wie schöner Erinnerung stehen mir +die Ausflüge+ mit den amerikanischen Freunden an so manchem sonnigverträumten Tag des „~indian summer~“. Es war immer aufs neue reizend, an den ländlichen Seen zu sitzen. Die Möwen wiegten sich auf dem blauen See. Im Sonnendunst grüßten die ~Arlington Heights~ herüber ...

Wie wiegen die Möwen sich leicht auf der Flut Und tauchen und netzen den Flügel! Wie ein mildes himmlisches Auge ruht Der blaue See unterm Hügel.

Warm scheint die Sonne aufs südliche Feld -- Ein Traumduft webt durch die Lande! Vielleicht stand einst hier Indianergezelt An schimmerndem Wasserrande.

Hier fischt’ er und rudert’ im leichten Boot Die wellende Flut zum Gestade; Hier labt’ er die Glieder so braun und rot Im freien, erquickenden Bade.

Hier hallte einst Kriegsruf und Mördergeschrei, Als die Weißen kamen und siegten, Jetzt ruht der Himmel friedlich und frei, Wo seit alters die Möwen sich wiegten ...

Wie oft pilgerte ich auch allein die Massachussets-Avenue nach +Arlington+ hinaus. Nach über einstündiger Wanderung auf der Landstraße stieg ich links die Höhen hinauf. Pfad- und weglos -- Amerika kennt kaum Fußwege -- strich ich über die mit hübschen Landhäusern übersäten Hügel. Von oben ergoß sich ein herrlicher Blick über die parkartigen und waldigen Höhen und Talgründe mit ihren vielen kleinen blauen Teichen. In der Ferne lag das rauchende Boston mit seiner weithin leuchtenden vergoldeten Kapitolskuppel. Oder ich stieg rechts empor und war bald -- nur eine Stunde weg von der Millionenstadt! -- zwischen Steinen, Dornen, zerfallenen Bäumen und verlassenen Feldern in einem wahren Urwalde, wo vor Gestrüpp und Buschwerk fast gar nicht weiterzukommen war, und hatte Mühe, wieder einen Weg durch das prächtige Herbstlaub an den Farmhäusern einfacher Leute vorüber, wo Kühe weideten und Kinder spielten, nach der Landstraße zu finden ...