Negerleben in Ostafrika

Part 9

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Um das Übel an der Wurzel zu fassen und es um so sicherer auszurotten, haben englische Menschenfreunde viele Jahre hindurch die unglücklichen Opfer, die in der Sklavengabel des Weges daherkeuchten, von ihren Glaubensboten, den Missionaren, aufkaufen lassen und als freie Männer angesiedelt. Das ist vor allem im Bannkreis der Gneiskuppen von Massassi geschehen. Die christliche Welt hat die stille Hoffnung gehegt, aus jenen Befreiten dankbare Glaubensgenossen und tüchtige Menschen heranbilden zu können. Doch wenn man das Urteil erfahrener Landeskenner hört, so gehört schon eine bedeutende Dosis von Voreingenommenheit dazu, um in diesen befreiten Bekehrten etwas Besseres zu sehen, als es die übrigen Neger sind. Es ist nun einmal so und wird sich mit keinem Mittel wegleugnen lassen, daß das Christentum dem Schwarzen nicht recht „liegt“, viel weniger jedenfalls als der Islam, der ihm alle seine geliebten Freiheiten anstandslos beläßt.

Ich persönlich habe übrigens von irgendwelchen Nachteilen des Charakters dieser Massassileute bis jetzt nichts gemerkt; wer mit mir in Berührung gekommen ist, hat sich ebenso freundlich benommen wie alle übrigen Landeskinder. An solchen Berührungen hat es trotz der Kürze meines hiesigen Aufenthaltes bisher keineswegs gefehlt; ich habe mich mit aller Energie, der ich fähig bin, in die Arbeit gestürzt und habe die Überzeugung, daß ich bereits einen großen Teil des hiesigen Volkstums mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.

Gleich der Anfang meiner Studien war außerordentlich vielversprechend. Die Missionsstation Massassi liegt eine kleine Stunde weit nord-nordöstlich von uns unmittelbar unter der Steilwand des Mtandi. Dieser Mtandi ist der imposanteste Berg in der ganzen Kette; er steigt nahezu senkrecht gleich hinter den Strohhütten der Mission in einer riesigen Wand in die Höhe, um oben, 940 Meter hoch, in einer flachen Kuppe zu endigen. Herr Bezirksamtmann Ewerbeck und ich hatten schon beim Vorbeireiten am Tage unserer Ankunft in Massassi beschlossen, diesem Mtandi einen Besuch abzustatten, und schon an einem der nächsten Tage haben wir den Plan ausgeführt. Die Sache entbehrte nicht eines gewissen Reizes; schon früh um 4½ Uhr, bei stockdunkler Tropennacht, waren wir beiden Europäer und etwa ein halbes Dutzend unserer Träger und Boys, sowie Ewerbecks Maskatesel und mein altes Maultier marschbereit. So rasch es die Dunkelheit erlaubte, ging der Zug aus der Barrabarra dahin, um in der Höhe des Mtandi links abzuschwenken. Am Fuße des Berges blieben die Reittiere nebst ihren Wärtern zurück; wir andern aber begannen unter Umgehung des Stationsgeländes unsere Kletterübung.

Für meine Afrika-Expedition hatte ich mich mit Tippelskirchschen Tropenschnürstiefeln ausgerüstet. Als ich diese in Lindi den „alten Afrikanern“ zeigte, lachten sie mich aus. Was ich denn mit der einen kümmerlichen Nagelreihe am Sohlenrande hier in Afrika wolle? Gleich solle ich die Dinger zum Bruder Wilhelm senden, einem Laienbruder der Benediktinermission, der sich zu Nutz und Frommen aller Europäer mit der Verbesserung lederner Gehwerkzeuge befasse. Bruder Wilhelm hat denn auch eine ganz herrliche Doppelreihe schwerer Alpennägel an meine Stiefel gesetzt, und ich habe ein Paar von ihnen am ersten Marschtage von Lindi aus getragen, -- aber dann nicht mehr! Sie zogen die Füße wie Blei zur Erde, und zudem zeigte sich, daß der schwere Beschlag auf der feinsandigen Barrabarra absolut überflüssig war. Später habe ich zu meinen leichten Leipziger Schnürschuhen gegriffen, die das Marschieren zum Vergnügen machen. Hier auf den scharfen Graten des Mtandi taten mir die so schnöde behandelten Bergstiefel indessen ausgezeichnete Dienste.

Ich will die Schilderung meiner Gefühle bei jenem Aufstieg lieber übergehen! Es wurde heller und heller; wir kamen höher und höher; aber ein Vergnügen war dieses Kraxeln, einer hinter dem anderen, von Fels zu Fels und von Baum zu Baum wenigstens für uns beiden sehr behäbigen und wohlgenährten Europäer keineswegs. Wir haben uns denn auch damit begnügt, nicht die alleroberste Kuppe zu erreichen, sondern in einem etwas niedrigeren Vorsprung das Ziel unserer Wünsche zu sehen. Dies war verständig, denn von der erwarteten großartigen Aussicht war keine Rede; Nebel in der Höhe, Nebel auch über das ganze weite Land hin, so daß selbst die längste Expositionszeit so gut wie nichts auf meine photographischen Platten brachte.

Dieser sonst so erfolglose Aufstieg hat wenigstens ein hübsches, kleines Denkmal afrikanischer Kunst gezeitigt: eine zeichnerische Wiedergabe der kraxelnden Karawane. Umstehend ist sie. Die Steilheit des Berges deutet der schwarze Künstler ganz richtig durch die senkrechte Stellung der Weglinie an. Das Gewirr von Kreisen und Kurven am unteren Ende der Linie stellt die Missionsstation Massassi mit ihren Gebäuden dar: dem Fundament einer Kirche, die, wenn sie jemals fertig werden sollte, sämtliche bekehrten Heiden Afrikas und der umliegenden Erdteile aufzunehmen vermöchte, so riesenhaft sind die Abmessungen; dem ehemaligen Kuhstall, in dem die beiden alten Reverends nach der Zerstörung ihrer schönen, alten Gebäude durch die Majimaji ihre primitive Unterkunft gefunden haben; der Mädchen- und der Knabenschule, beides ein paar große Bambushütten im Eingeborenenstil, und den Wohngebäuden für das schwarze Lehrerpersonal und die Schüler. Das Rankengewirr am obern Ende der Linie stellt den Gipfel des Berges mit seinen Gneisblöcken dar. Die beiden obersten der kraxelnden Männer sind der Kirongosi, der landeskundige Führer, und einer unserer Leute; der dritte ist Herr Ewerbeck, der vierte bin ich. Der kaiserliche Bezirksamtmann ist kenntlich an seinen Achselstücken mit den beiden Hauptmannssternen; sie gehören zum Dienstanzug dieser Beamtenklasse. Von allen Attributen der Weißen imponieren sie den Schwarzen sichtlich am meisten, denn überall, wo z. B. Offiziere auf den in meinem Besitz befindlichen Eingeborenenzeichnungen erscheinen, ist ihr Dienstgrad unweigerlich und stets ganz richtig durch die Sterne angegeben worden. Auch in der Zahl der Chargenwinkel auf den Ärmeln der weißen und der schwarzen Unteroffiziere irren sich die schwarzen Künstler niemals.

Was doch eine volle Figur macht! Ewerbeck, Seyfried und ich sind etwa gleichaltrig und verfügen auch über ungefähr dieselben Körperdimensionen. Dieser Umstand muß wohl die Veranlassung gewesen sein, daß die Einwohnerschaft von Lindi und später auch die des Innern mich ohne weiteres ebenfalls zum Hauptmann avancieren ließ; in Lindi war ich einfach der ~Hoffmani mpya~, der neue Hauptmann. Auf dem wiedergegebenen Kunstblatt ist der Beweis für meine Beförderung zu sehen: auch mir hat der Künstler die Achselstücke verliehen. Die Figuren hinter uns beiden Europäern sind belanglos; das ist eben der Rest unserer Begleitung.

Doch nun kommt das psychologisch Seltsame: ich bin zweimal auf dem Bilde; einmal klettere ich mühselig den Berg hinan, das andere Mal stehe ich bereits in stolzer Pose oben und banne mit dem Momentverschluß in der Hand die Gefilde Afrikas auf meine Platte. Der Dreibein oben ist nämlich mein 13 × 18-Apparat; die Zickzacklinien zwischen dem Stativ sind die Verfestigungs-Messingleisten; die lange Schlangenlinie ist der dünne Gummischlauch der Momentauslösung, von der ich allerdings bei dem Nebel keinen Gebrauch machen konnte; der Photograph bin, wie gesagt, ich. Die Männer hinter mir sind meine Leibdiener, denen für gewöhnlich die zerbrechlicheren Teile des Apparates anvertraut werden.

Die zeichnerische Wiedergabe dieser Bergbesteigung ist ein ebenso anspruchsloses Geisteserzeugnis des Negerintellekts wie alle anderen; aber sie ist bei alledem ein sehr wichtiges Dokument für die Anfänge der Kunst im allgemeinen und für die Auffassungsweise des Negers im besonderen. Gerade für den Volksforscher ist auch das Unscheinbarste nicht ohne Bedeutung. Und deswegen fühle ich mich so unendlich glücklich, selbst einmal eine ganze Anzahl von Monaten in einem solchen Milieu hoffentlich recht ungestört und nach Herzenslust arbeiten zu können.

Ihren vorläufigen Abschluß hat unsere Mtandibesteigung in einem solennen Frühstück gefunden, zu dem uns die beiden Reverends freundlichst eingeladen hatten. Der Engländer lebt ja anerkanntermaßen zu Hause ausgezeichnet; doch auch in der Fremde, und sei es im Innern irgendeines Erdteils, weiß er sich zu helfen. Ich gewann denn auch gerade hier den Eindruck, als sei Massassi eine „sehr nahrhafte Gegend“, wie Wilhelm Raabe sagen würde. Nur Sekt gab es heute nicht; den hatte Reverend Carnon uns schon am Vortage kredenzt, und zwar in einem riesigen Wasserkruge. Sektgläser habe er nicht, meinte der freundliche Geistliche. Es ging auch so.

Das Lustigste des ganzen Mtandiunternehmens war indessen der Abschluß. In dichtem Haufen trabte die Schar der Missionszöglinge bei unserem Heimritt neben uns her. Die kleinen Kerle sahen recht kriegerisch aus; alle trugen Bogen und Pfeile und schrien lustig um die Wette. Ich konnte mir zunächst kein klares Bild von dem Sinn des ganzen Tuns machen; zu Hause, d. h. bei unserem Polizeiposten angekommen, verstand ich allerdings sehr bald, daß die Leutchen nichts anderes beabsichtigten, als mir ihre gesamte kriegerische Ausrüstung für meine ethnographische Sammlung zu überlassen! Doch beileibe nicht etwa als hochherziges Geschenk; für Schenken ist der Neger nicht; darin gleicht er unserem Bauer. Im Gegenteil, die jungen Leute verlangten geradezu phantastische Preise für ihre doch eigens für den merkwürdigen Msungu, der allen Negerplunder kauft, gefertigten Schießzeuge. Ich habe später von dem Kram erworben, was mir tauglich schien, habe es im übrigen aber doch für nötig gehalten, die Leerausgehenden vor einer Enttäuschung zu bewahren, indem ich jedem ein paar Kupfermünzen aus meinem berühmten Hellertopf zukommen ließ. Vorher habe ich jedoch erst noch ein ganz nettes Experiment gemacht, mir und meiner Wissenschaft zum Nutzen, der Negerjugend von Massassi aber zur höchsten Lust: die Veranstaltung eines wirklichen und wahrhaftigen Schützenfestes mitten im ernsten Afrika.

Die vergleichende Völkerkunde hat sich seit langem bemüht, alle technischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen zu klassifizieren und zu analysieren. So hat der Amerikaner Morse schon vor Jahrzehnten festgestellt, daß die Menschheit, soweit sie mit Bogen schießt oder je geschossen hat, sich ganz bestimmter Spannweisen bedient. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedene Arten, die über den Erdball derartig verteilt sind, daß hier und da ganz große Provinzen einer einheitlichen Spannmethode feststellbar sind, während anderswo die schärfsten Unterschiede von Volk zu Volk und von Stamm zu Stamm bestehen.

„Aber, Herr Professor,“ höre ich in diesem Augenblick im Geiste einen meiner Leipziger Hörer einwerfen, „Bogenspannen ist doch Bogenspannen; was sollen denn da für Unterschiede bestehen?“

„Hier, mein Herr,“ antworte ich, „bitte schießen Sie einmal, aber mit Vorsicht; bringen Sie Ihren Nachbar nicht um und sich selbst auch nicht!“ Wie oft schon habe ich während meiner Dozentenzeit dieses Experiment gemacht, und wie übereinstimmend ist jedesmal das Ergebnis gewesen! Man kann tausend gegen eins wetten, daß jeder Deutsche -- die Engländer und Belgier nehme ich aus; diese Völker schießen heute sportmäßig und mit Verständnis mit dem Bogen und wissen eine gute Spannweise wohl von einer schlechten zu unterscheiden --, wenn er den Bogen in die Linke genommen hat und mit der Rechten Pfeil und Sehne erfaßt, das untere, mittels der Kerbe auf der Sehne ruhende Pfeilende zwischen Daumen und Zeigefinger ergreift und nunmehr die Sehne erst indirekt mittels des Pfeiles zurückzieht. Das ist dieselbe Methode, mit der wir als Knaben den Flitzbogen gespannt haben. Diese Spannweise ist die denkbar schlechteste. Davon kann sich jeder, der die anderen Methoden ebenfalls beherrscht, bei jedem Schuß überzeugen. Es liegt ja auch nahe, daß der Pfeil den Fingern bei stärkerem Zurückziehen entgleiten muß. Der beste Beweis für die Minderwertigkeit gerade dieser Spannart ist ihre geringe Verbreitung innerhalb desjenigen Teils der Menschheit, der den Bogen noch als wirkliche und wehrhafte Waffe, sei es zum Krieg, sei es zur Jagd, benutzt. Diese Völker und Stämme handhaben ihre Waffen ganz anders. Nur wo der Bogen zu einem Überlebsel geworden ist wie z. B. bei uns, d. h. wo er aus dem Kranz der Manneswehr durch vollkommenere Waffen verdrängt worden ist, und wo er seine ehemalige Berechtigung nur noch als Spielzeug bei dem konservativsten Teil unserer Spezies, beim Kinde, dartut, da ist diese zum wirksamen Schuß gänzlich unbrauchbare Spannweise aus Unkenntnis einer bessern im Gebrauch.

Wäre ich gezwungen, die Missionsjugend von Massassi als Kulturmaßstab zu betrachten, so müßte ich sagen: auch beim Neger ist der Bogen ein Überlebsel, denn von dem ganzen großen Haufen schossen neun Zehntel in derselben Weise wie unsere Knaben. Doch mit einem Unterschiede: wir halten unseren Flitzbogen wagerecht, die Negerknaben hielten ihn senkrecht; der Pfeil lag links vom Bogen und lief zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Nur das restliche Zehntel schoß mit anderer Spannung; es waren bezeichnenderweise lauter ältere Zöglinge, die also augenscheinlich noch eine bestimmte Dosis altafrikanischen Konservativismus mit in ihr Christentum hinübergerettet hatten.

Bei meinem Preisschießen kam es mir weniger auf die Treffergebnisse an als auf die Beobachtung der Spannmethoden; trotzdem, muß ich sagen, zogen sich die kleinen Schützen ganz gut aus der Affäre. Zwar schossen sie nur auf geringe Entfernungen; auch war mein Ziel nicht gerade klein, bestand es doch aus einer Nummer der „Täglichen Rundschau“, aber die Mehrzahl blieb doch innerhalb der rasch auf diese improvisierte Scheibe gemalten Ringe. Und stolz waren sie auch, die kleinen Schützen; wenn ich einen besonders guten Schuß laut über das Blachfeld hin lobte, blickte der schwarze Held triumphierend im Kreise umher.

„Nun bitte, Herr Professor, die anderen Spannmethoden!“ höre ich wieder meine getreuen Schüler mir zurufen. In Leipzigs Hörsälen muß ich in solchen Fällen natürlich sofort Rede und Antwort stehen. Afrika ist in dieser Beziehung toleranter; hier blüht mir die Freiheit, vom Recht des Forschers Gebrauch zu machen und an der Hand vieler anderen Beobachtungen Material zu sammeln. Ich antworte also mit höflicher Bestimmtheit: „Wenn ich die ganze Ebene nördlich vom Rovuma abgegrast haben werde und dann schließlich auf dem kühlen Makondeplateau die Muße finde, auf meine so vielseitigen Studien zurückzublicken, dann will ich mich ernsthaft bemühen, Ihre Wißbegier auch in dieser Richtung zu befriedigen. Also auf Wiedersehen, meine Herren!“

Siebentes Kapitel.

Einleben ins Volkstum.

+Massassi+, Ende Juli 1906.

Jeder normale Mensch ist ein wandelnder Beweis für die Wahrheit der Anpassungstheorie; ich bin noch kaum zwei Monate im Lande Afrika und nur erst den Bruchteil eines Monats im Innern, und doch fühle ich mich hier schon ganz heimisch. Was blieb mir auch anderes übrig! Schon am 21. Juli, also nach einem Zusammenleben von nur wenigen Tagen, ist Herr Ewerbeck in aller Herrgottsfrühe und unter dem Schein einer durch das Dunkel der Tropennacht vorangetragenen Laterne von dannen marschiert, um daheim in Lindi der höhern Pflicht des Empfangs der acht Reichstagsabgeordneten obzuliegen, von deren kühnem Reisemut unsere Tagespresse seit Monaten widerhallt.

Als einziger Rest europäischer Kultur ist nur Nils Knudsen zurückgeblieben. Schon der Name besagt, daß wir es mit einem nordischen Recken zu tun haben; Nils ist denn auch in der Tat der hochblonde Nachkomme der alten Wikinger. Der Expedition hatte er sich hinzugesellt, ohne daß ich viel von der Anwesenheit eines dritten Europäers gemerkt hätte. Während Ewerbeck und ich stolz und kühn an der Spitze unserer langen Karawane marschierten oder ritten, hielt Nils Knudsen sich meist an deren Ende auf; im Lager aber blieb er bescheiden im Hintergrunde. Jetzt, im Standort Massassi, ist er von Amts wegen in den Vordergrund gerückt worden; er soll hier nach dem Rechten sehen und den schwarzen Lokalbehörden etwas auf die Finger passen. Ob das nötig ist, kann ich einstweilen nicht entscheiden, da ich in die Schwierigkeiten der innern Verwaltung eines so großen Bezirks, wie es der von Lindi ist, noch keinerlei Einblick habe; aber die Maßnahme wird schon richtig sein, sonst hätte ein so alter Landeskenner wie Ewerbeck sie nicht getroffen. Einstweilen habe ich Knudsen veranlaßt, den Wohnsitz in seinem Zelt, das, nach seinem ehrwürdigen Äußern zu urteilen, schon Vasco da Gama bei seiner Landung an der Ostküste Afrikas benutzt und wegen Schadhaftigkeit zurückgelassen hat, aufzugeben und zu mir in das Rasthaus zu ziehen. Jetzt haust er mit seiner kümmerlichen Habe, die aus zwei anscheinend nicht einmal ganz gefüllten, alten Blechkoffern besteht, auf der einen Seite des großen Raumes, während ich mit meiner fürstlichen Ausstattung auf der andern residiere. Dafür ist aber das Herz des blonden Norwegers um so goldener und sein Gemüt um so reicher.

Das Vorleben Knudsens ist abenteuerlich genug; es erinnert mich einigermaßen an das Schicksal jenes englischen Matrosen, der vor 100 Jahren unter die Eingeborenen Süstostaustraliens verschlagen wurde und als Wilder unter Wilden leben mußte. Ganz so schlimm ist es zwar mit meinem blonden Nachbar nicht gewesen, aber Zeit zum Vernegern hätte er doch schon genug gehabt. Soweit ich mich bisher über seine Personalien habe unterrichten können, ist Knudsen vor fast einem Jahrzehnt von einem Kauffahrteischiff, wo er als Schiffsjunge amtierte, in einem Hafen Madagaskars ausgerissen, hat sich dann einige Jahre lang auf dieser großen Insel umhergetrieben und ist schließlich an die gegenüberliegende Festlandsküste in das Hinterland von Lindi verschlagen worden. Ein eigentliches Handwerk hat er nach seiner eigenen Aussage nicht erlernt, er rühmt aber von sich, alles zu können, mauern und zimmern, schnitzen und bauen, tischlern und schlossern. Tatsächlich hat er alle Gebäude des Bergbaufelds Luisenfelde weit im Süden in der Nähe des Rovuma, zu dem ich vielleicht auch noch einmal kommen werde, gebaut, war dort überhaupt Faktotum, und auch die Kommune Lindi hat ihn der Anstellung als Leiter der Handwerkerschule für würdig erachtet. In dieser Stellung befindet sich Knudsen augenblicklich; er ist nur beurlaubt.

Meine Lebensweise ist hier, im Zustande der Ruhe, natürlich eine wesentlich andere als auf dem Marsch. Jedes Marschleben ist reizvoll, um wieviel mehr ein solches innerhalb einer fremdartigen und vordem ungekannten Natur. Das meinige ist zudem bisher ganz ungetrübt verlaufen. In unsern afrikanischen Reiseschilderungen beginnt fast jede Expedition mit tausend Schwierigkeiten; der Abmarsch ist auf eine bestimmte Stunde festgesetzt, aber es ist kein Träger da; und hat der Expeditionsleiter seine Leute schließlich mit Mühe beisammen, so haben diese noch hunderterlei Verrichtungen und sind schon am ersten Abend den Blicken des Reisenden von neuem entschwunden. Der Abschied von der Bibi, der Frau, der Geliebten, ist ja auch zu schwer. Bei mir hat der Betrieb vom ersten Tage an funktioniert; die viertelstündige Verspätung beim Aufbruch von Lindi fällt niemand als mir selbst zur Last, der ich mich beim Frühstück verspätet hatte. Am Morgen des zweiten Marschtages ging es dann mit dem Zusammenlegen des Zeltes seitens der Askari noch nicht so recht; auch konnte Moritz die Tippelskirchsche Reiselampe mit dem besten Willen nicht in ihren allerdings sehr knapp bemessenen Behälter verpassen; aber seitdem haben wir Reisenden uns alle benommen, als wenn wir schon seit Monaten unterwegs gewesen wären.

Wer etwa nach englischer Sitte schon in der Morgenfrühe ein substanzielles Mahl einzunehmen gewohnt ist, soll in Afrika nicht auf die Reise gehen. Um 5 Uhr hat man das Wecken angeordnet. Pünktlich ruft der Posten sein leises: „~Amka, bwana~, wach auf, Herr“ in das Zelt; mit beiden Füßen schnellt man sich elastisch über den hohen Rand des trogförmigen Feldbettes hinüber und fährt in sein Khaki. In der kalten Nacht der tropischen Trockenzeit ist das Wasser, welches Kibwana, der das Amt des Stubenmädchens versieht, fürsorglich schon am Abend vor dem Zelt bereitgestellt hat, zu einem erfrischenden Naß abgekühlt; scharf hebt sich die Silhouette des Europäers bei der Toilette im Schein der brennenden Lampe von der Zeltwand ab. Doch diese Lampe leuchtet nicht ihrem Herrn allein; ringsum treffen ihre Strahlen braune, glänzende Gesichter. Das sind die Träger und die Askari, von denen jene eifrigst bemüht sind, ihre Last für den Marsch zusammenzuschnüren, während die Soldaten sich auf das Zelt stürzen wie der Tiger auf seine Beute, sobald der Weiße fertig gekleidet ins Freie tritt. Im Nu ist es zusammengelegt; kein Wort fällt dabei, und kein überflüssiger Handgriff wird dabei getan; es ist Arbeitsteilung im besten Sinn und in tadellosester Durchführung. Unterdessen steht der Weiße an seinem zusammenlegbaren Tisch; in Hast und Eile nimmt er einen Schluck Tee oder Kakao, oder was sonst sein Leibgetränk ist, kaut dazu ein Stück selbstgebackenen Brotes und steht nun marschbereit da. „~Tayari~, fertig?“ schallt seine Frage laut über den Platz; „~bado~, noch nicht“, ertönt es unweigerlich zurück. Und es sind immer dieselben Faulen oder Ungeschickten, deren Munde dieses Lieblingswort jedes afrikanischen Bediensteten entströmt. Der Anfänger im Reisen läßt sich wohl dadurch beirren; nach ein paar Tagen kehrt er sich nicht mehr an das bado; er ruft sein „~Safari!~“ (wörtlich „Reise“), oder, wie ich es sehr bald eingeführt habe, sein „Los!“ über die Schar seiner Mannen hin, schwingt seinen Wanderstab unternehmend durch die Luft, dadurch den beiden Spitzenaskari die Marschrichtung andeutend, und das Tagewerk hat begonnen.

Ich weiß nicht, wie andere Stämme und Völkerschaften sich im Moment des Aufbruchs verhalten; meine Wanyamwesi sind in diesem Augenblick außer Rand und Band. Mit sichtlicher Mühe hat jeder seine Last auf den Kopf oder die Schulter hinaufgebracht; gebückt von ihrer Schwere, steht jeder an seinem Platz. Da ertönt jenes Kommando „~Safari~“, und nun erhebt sich ein Lärm und Getöse, das jeder Beschreibung spottet; was aus der Kehle heraus will, hallt in den schweigenden Urwald hinaus; wild und regellos schmettern derbe Stöcke gegen die Reisekisten und leider auch gegen die Blechkoffer, die einen nur zu guten Resonanzboden abgeben. Es ist ein Höllenspektakel; aber er ist ein Ausbruch der Lust und der Freude; es geht vorwärts, und Wandern und Marschieren ist nun einmal das Lebenselement des Mnyamwesi. Schon nach kurzer Zeit kommt Ordnung in das Chaos der Lärmgeräusche; die Leute haben einen unendlich feinen Sinn für Takt und Rhythmus, und so löst sich das Getöse alsbald in eine Art getrommelten und gesungenen Marsches auf, der auch die Beine der Askari, die in ihrer vornehmen Reserve sich natürlich an solch kindischem Tun nicht beteiligen, in seinen Bann zwingt.