Part 8
Einen großartigen Anblick gewährt Afrika bei Nacht. Saß man während des Hermarsches im Lager vor seinem Zelt, oder trete ich jetzt abends vor die Tür der Barasa, des Rasthauses, in dem ich meinen Wohnsitz aufgeschlagen habe: wohin auch das Auge schaut, ringsum am Horizont wälzen sich rote Gluten durch die weite Ebene. Das ist das afrikanische Brennen, ein Verfahren, das die Neger schon seit Jahrtausenden geübt haben und welches Ihnen, Herr Geheimrat, als dem ausgezeichneten Kenner der Geographie der Alten, schon seit Ihrer Jugendzeit, wenn auch vielleicht unbewußt, geläufig ist. Sie wissen ja, als der alte Karthager Hanno an der Westküste Afrikas gen Süden fuhr, erschreckte ihn und seine Mannschaften nichts so sehr und nachhaltig als glühende Feuerströme, die nachts von den Küstenbergen zur Ebene niederflossen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung haben diese Feuerströme absolut nichts mit dem Vulkanismus gemein, wie man sooft behauptet hat, sondern es sind dieselben Brennprozesse gewesen, die von den Bewohnern des schwarzen Erdteils zur Trockenzeit noch jetzt allnächtlich veranstaltet werden.
Über den Nutzen oder Schaden dieses Brennens ist in unserer Kolonialliteratur schon viel geschrieben worden; die einen verurteilen es, weil es den Baumwuchs schädige, die anderen stellen sich auf die Seite der Eingeborenen und sagen: nur dadurch, daß man das dichte, hohe Gras und das Unterholz des afrikanischen Urwaldes in regelmäßigen Zwischenräumen durch Feuer vernichte, könne man des Ungeziefers, das sich sonst zu Myriaden vermehren würde, einigermaßen Herr werden; zudem sei die Asche einstweilen noch das einzige Düngemittel großen Stils. Ich halte mich nicht für berechtigt, den Streit der Meinungen zu entscheiden; mich fesseln viel mehr allabendlich die prachtvollen Leuchteffekte der nahen und fernen Flammenherde, die sich in der dunstigen Atmosphäre in verschiedenster Helle und Farbe widerspiegeln. Für den Reisenden gefährlich ist übrigens keiner dieser Brände; wo die Flamme eine Partie vollkommen trocknen Grases erfaßt, da rauscht sie wohl mit dem Knattern eines lebhaften Kleingewehrfeuers darüber hin; aber sonst und im allgemeinen müssen die Menschen sogar noch durch zielbewußtes Weitertragen des Feuerbrandes nachhelfen. In jedem Fall haben sie Richtung und Ausdehnung des Feuers völlig in der Hand.
Dieses Brennen ist, soweit ich ein Urteil zu fällen berechtigt bin, nur bei der ganz merkwürdigen Vegetationsform möglich, die den größten Teil Afrikas charakterisiert und die auch die große, weite Ebene hier im Westen und Nordwesten des Makondeplateaus in ihrer ganzen Ausdehnung bedeckt. Das ist die „lichte Baumgrassteppe“, wie der Geologe Bornhardt sie treffend genannt hat. In der Tat ist diese Vegetationsform weder ganz Wald, noch ganz Steppe, sie vereinigt vielmehr beides. Denken Sie sich einen besonders stark verwilderten bäuerlichen Obstgarten bei uns daheim im deutschen Vaterlande, wo man leider noch viel zu wenig Gewicht auf diesen Teil des Feldbaues legt, und setzen Sie unter die struppigen, vereinzelt stehenden Apfel-, Birnen- und Zwetschenbäume statt des bescheidenen deutschen Grases dieses zwei, auch drei Meter hohe, fast rohrähnliche afrikanische; untermischen Sie es dann mit einem dornigen, aber ebenfalls nicht sehr dichten Unterholz, und verbinden Sie schließlich die Kronen der nicht übergroßen, d. h. sicherlich nicht über 10 bis 12 Meter hohen Bäume, die trotz aller Varietäten doch ziemlich allgemein den Eindruck unseres Ahorns erwecken, durch ein System luftiger Lianen. Haben Sie das alles getan, so haben Sie, ohne weitere Betätigung Ihrer Phantasie, diese Vegetationsform, die man hier mit dem allgemeinen Namen +Pori+ bezeichnet, während im Norden der Name Myombowald vorwaltet. Während der Regenzeit und unmittelbar nach ihr muß dieses Pori seine unleugbaren Reize haben, ja Ewerbeck und sein Begleiter Knudsen singen für diesen Zeitraum sein Lob in den höchsten Tönen. Jetzt, im Juli hingegen, ist es alles andere als schön; weder imponiert es durch die Zahl und Stattlichkeit seiner Bäume, noch erquickt es durch irgendwelchen Schatten, noch bringt die Eintönigkeit des Geländes Abwechselung in dieses ewige Einerlei, welches den Reisenden gleich hinter Nyangao und nach dem Übergang auf das rechte Lukulediufer begrüßt und welches ihn erst nach mehrwöchigem Marsch hoch oben am oberen Rovuma freigibt. „Das also ist die Üppigkeit der Tropen, und so sieht ein immergrüner Urwald aus“, dachte ich, nachdem ich einen Tag lang diesen Genuß gekostet hatte. Genau wie in bezug auf die angebliche Appetitlosigkeit des Weißen in den Tropen, müssen wir also auch bezüglich der allgemeinen Vorstellungen von der vermeintlichen Üppigkeit Äquatorialafrikas für eine bessere Belehrung unserer Volkskreise sorgen. Sie machen sich sonst von der Zukunft Deutsch-Ostafrikas übertrieben glänzende Vorstellungen.
Geradezu unangenehm wird dieses Pori überall dort, wo die Herren des Landes unmittelbar vorher gebrannt haben. Links und rechts vom Wege nichts als eine dicke, schwarze oder graue Aschenschicht; darüber hingelagert der Leichnam eines vom Sturm gefällten Baumes, der munter weiterglimmt und glüht; über der Erde aber ein nunmehr durch kein Gras mehr behinderter, tiefer Einblick in die vordem so undurchsichtige und undurchdringliche Baumweite. Für den Jäger bedeutet dieser Zustand eine Lust, denn nun kann er das Wild auf weite Entfernungen erspähen; für den Wanderer, zumal den mit einer großen Karawane behafteten, ist er eine Qual. Weniger in der Frühe des Tages; denn dann bindet der starke Taufall die feinen Staubteilchen noch fest zusammen. Steigt die Sonne aber höher, so entwickeln sich starke Luftdifferenzen auf engem Raum; harm- und arglos wandelt man in der glühenden Mittagshitze fürbaß, da wirbelt’s unversehens vor den Füßen auf; eine schwarze Schlange steigt in rasenden Spiralen senkrecht empor, tänzelt in koketten Kurven um den in reinstes Khaki Gekleideten herum und verschwindet dann rasch, mit leisem Kichern, als wollte sie sich über den Fremdling lustig machen, seitwärts hinter den Bäumen. Den schwarzen Begleitern hat die Schlange nichts getan, denn sie sind ja von ihrer Farbe. Doch wie sieht der Expeditionsführer aus! Zwar ist er nicht zum waschechten Neger geworden, doch sieht er einem Mohren immerhin ähnlich; unter diesen Umständen werden die beiden Getreuen, Moritz und Kibwana, im Lager nachher nichts Eiligeres zu tun haben, als dem Herrn das Bad zu bereiten und ihn vom Scheitel bis zur Sohle gründlich abzuseifen. Und „das hat mit ihrem Wehen die Poriwindhose getan!“
Tröstlich ist in diesen kleinen Nöten des Marschlebens der unverwüstliche Frohsinn der Eingeborenen. Im ehemaligen Aufstandsgebiet der Wamuera herrschte wenig Stimmung zu Tanz und Lustbarkeit, dazu erging es den Leuten doch zu schlecht; überall sonst entwickelte sich, sobald unser Lager nur halbwegs eingerichtet war, unter den stets scharenweise herbeigeströmten Landeskindern ein in seinem allgemeinen Verlauf stets gleiches, in seinen Einzelheiten jedoch stets wechselndes Bild. Der Neger +muß+ wohl tanzen. Wie der Deutsche, sobald ihn nur irgend etwas über das Stimmungsniveau des Werkeltags hinaushebt, den unbezwinglichen Drang zum Singen in sich fühlt, so schart sich der Neger bei jeder Gelegenheit zu seiner Ngoma zusammen. Ngoma heißt zunächst nichts anderes als Trommel; in übertragener Bedeutung bezeichnet das Wort jede Festlichkeit, die zum Klang dieser Trommel gefeiert wird. Diese Festlichkeiten haben vor den unseren den unbestreitbaren Vorzug voraus, daß bei ihnen Musik, Tanz und Gesang gleichzeitig ertönen. Die Kapelle trommelt, improvisiert aber auch zuweilen eine Art Schnadahüpfl; der Kreis ringsum bildet den Chor; zum Rhythmus des Gesanges bewegt er sich gleichzeitig um die Kapelle herum. Das ist das gewöhnliche Bild. Es ist bei aller Fremdartigkeit so reizvoll, daß in den Küstenstädten selbst die „ältesten Afrikaner“ es nicht für unter ihrer Würde halten, von Zeit zu Zeit diesem Ausdruck autochthonen Volkstums die Ehre einer wenn auch nur kurzen Anwesenheit angedeihen zu lassen. Andere, weniger angekränkelte Weiße sind bei diesen Volksfesten hingegen förmliche Habitués, die keinen Sonnabend abend -- Sonnabend ist der gesetzlich freigegebene Ngomentag -- vorübergehen lassen, ohne sich stundenlang in den Dunstkreis der schwitzenden, keuchenden Menge zu stellen.
Außerordentlich ansprechend ist eins dieser Reigenspiele, das von den Frauen aller Gegenden, die ich bisher berührt habe, bei jeder nur denkbaren Gelegenheit ausgeführt wird. Es hat den Namen Liquata, das Händeklatschen. Die Frauen und Mädchen treten zusammen und stellen sich, die Gesichter nach innen, im Kreise auf. Plötzlich fliegen die Arme in die Höhe, der Mund öffnet sich, die Füße zucken zum ersten Takt. Im gleichen Takt und im gleichen Rhythmus setzt nun alles ein, Händeklatschen, Gesang und Tanz. Mit der eigentümlichen Grazie, die alle Bewegungen der Negerin kennzeichnet, bewegt sich der ganze Kreis nach rechts; zuerst erfolgt ein relativ großer Schritt, dem drei merklich kleinere folgen; diesem Rhythmus ist das Händeklatschen nach Intensität und Takt genau angepaßt, desgleichen auch der Gesang, den ich sogleich wiedergeben werde. Plötzlich, bei einem bestimmten Takt, lösen sich aus der Reihe der Tänzerinnen zwei Figuren los; sie tänzeln in die Mitte des Kreises hinein, bewegen sich dort in bestimmten, dem Auge leider nur zu schnell entschwindenden Figuren umeinander herum und treten dann wieder an bestimmte Stellen des Kreises zurück, um im gleichen Augenblick zwei anderen Solotänzerinnen Platz zu machen. So geht das Spiel reihum; unermüdlich, ohne auszusetzen und ohne Abschwächung setzt es sich Stunde um Stunde fort; unbekümmert auch um die Babys, die in dem unvermeidlichen Rucksack auf dem Rücken der Mama alles mitmachen müssen. In dem engen, heißen und oft genug auch schmutzigen Behälter schlafen, wachen und träumen sie, während die Mutter die derbe Mörserkeule schwingt oder den schweren Läufer zur Mehlbereitung über den Reibstein führt; während sie die Felder hackt, das Unkraut jätet und die Ernte einholt; während sie den schweren Tonkrug vom weitentlegenen Quell auf dem Kopf nach Hause trägt, und während sie sich im Tanze wiegt. Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen der Negersprößling über Takt und Rhythmus seines Volkes schon vollkommen im Bilde ist, kaum daß er das Tragtuch und die mütterliche Brust verlassen hat. Fast möchte es allein die Reise nach Ostafrika lohnen, diese winzigen Knirpse von drei und vier Jahren mit absoluter Sicherheit im Reigen der Alten dahinschweben zu sehen.
Und hier der überaus geistvolle Text zum sinnvollen Spiel! Steht man dabei und sieht die Frauenwelt im wiegenden Tanz sich regen, bedient man vielleicht gar den Kinematographen, so achtet man allen vorgefaßten Absichten zum Trotz doch viel zu wenig auf den Wortlaut des Tanzgesangs. Baut man dann nach vollendetem Tanz die Teilnehmerinnen vor dem Phonographentrichter auf, so möchte man schier glauben, man hätte sich verhört, so inhaltlos ist dieser Sang. Ich habe die Liquata an den verschiedensten Stellen aufgenommen, aber niemals ist mehr herausgekommen, als ich hier bieten kann. Hier Text und Tonfall:
[Music:
Chorgesang Händeklatschen
~äh äh*) äh äh äh*) äh~
~_ad infinitum wiederholt_~.
*) ~Kein reines~ [Music: Note: d″], ~sondern ein zwischen diesem und~ [Music: Note: dis″], ~doch näher an~ [Music: Note: d″] ~liegender Ton~.]
Sie werden zugeben, Herr Geheimrat, übermäßig viel Geist wird in diesem Liede keineswegs vergeudet; allein, das ist ein Zug, der allen Negerliedern hier im Süden eigen ist; selbst die Meister des Gesanges in Afrika, meine Wanyamwesi, liefern in dieser Beziehung nicht übermäßig viel mehr. Hier können wir wirklich und mit Fug und Recht sagen: „Wir Wasungu sind doch bessere Sänger!“
Sechstes Kapitel.
Umschau.
+Massassi+, 25. Juli 1906.
Seit reichlich einer Woche bin ich in Massassi. Mein Heim ist eine im reinsten Yaostil gebaute Hütte, die von den Eingeborenen auf Befehl des kaiserlichen Bezirksamts eigens für durchreisende weiße Herren gebaut worden ist. Die Hütte oder, wie man wohl sagen muß, das Haus, denn es ist ein stattlicher Bau von zirka 12 Meter Länge bei 6 Meter Tiefe, liegt außerhalb der Boma, welche den hiesigen Polizeiposten beherbergt. Es ist ein Ovalbau, dessen Dachform aufs täuschendste einem umgekehrten Boote gleicht. Das Material der Wände ist wie überall im Lande Bambus und Holz, das innen und außen sauber mit grauschwarzem Lehm verputzt ist. Im Gegensatz zu den Eingeborenenhäusern hat mein Palais den Vorzug von Fenstern. Das heißt: Fensterscheiben fehlen; kriecht man abends unter sein Moskitonetz in das Tippelskirchsche Feldbett hinein, so schließt man vorher die Luken mit Türen aus derben Bambusstäben. Der Fußboden ist, wie auch in allen Eingeborenenhütten, gestampfter Estrich. Er läßt sich im allgemeinen ziemlich sauber halten, ist aber nicht für die scharfen Kanten europäischer Stiefelabsätze eingerichtet; sie richten in ihm sehr bald erhebliche Verwüstungen an. Das ganze Innere stellt ein ungeteiltes Ganzes dar, das lediglich unterbrochen wird durch die zwei gleichsam in den Brennpunkten der Ellipse stehenden Pfeiler, auf denen das schwere Strohdach ruht. Dieses ragt nach außen und unten hin weit über die Hauswand hinaus, wird an seinem Außenrande von einer weiteren Ellipse von kürzeren Pfeilern getragen und bildet damit jenen schattigen, breiten Umgang um das ganze Haus, der unter dem Namen Barasa ein unumgänglicher Bestandteil jedes ostafrikanischen Wohngebäudes ist. --
Mit dem Namen Massassi bezeichnen die Eingeborenen einen ganzen Bezirk. Er ist geologisch, geographisch, botanisch und ethnographisch gleich interessant. Sehr bald hinter Nyangao, von der Küste aus gerechnet, beginnt die berühmte lichte Baumgrassteppe; gleichzeitig treten die Ränder des Makondeplateaus im Süden und der verschiedenen kleinen Hochländer im Norden des Lukuledi immer weiter zurück. So wandert man Tag um Tag in vollkommen horizontaler Ebene und in gleich einförmiger Vegetation dahin. Das ist nichts weniger als anregend und interessant. Aber was ist das? Eine glänzend graue, riesige Felswand grüßt bei einer Biegung des Weges unverhofft über das endlose Meer dürrer Baumkronen herüber. Man atmet auf und vergißt angesichts des neuen landschaftlichen Reizes alle Müdigkeit. Auch der Schritt der schwerbelasteten Träger wird schneller. Plötzlich hört der Wald, der mit der Annäherung an jenen Fels dichter, grüner und frischer geworden ist, auf; statt der einen steilen Felswand erblickt das Auge nunmehr aber eine ganze lange Reihe solcher Berggipfel, die sich dem Scheine nach quer über unseren Weg hinüberzieht und ihn versperrt. Doch dem ist nicht so, denn hart am Fuß der ersten dieser Kuppen schwenkt auch der Weg nach Südsüdosten ab, um nunmehr die ganze Bergreihe in nächster Nähe zu begleiten. Wo sie endlich zu Ende geht, da ist auch er zu Ende, denn dort liegt, eingebettet in einen förmlichen Kreis von Bergkindern, wie der Neger in seiner Sprache sagen würde, d. h. zwischen niedrigen, nur 100 oder wenige 100 Meter hohen Hügeln, die Militärstation Massassi.
Die Gneiskuppen von Massassi sind in der geologischen Literatur über Afrika hochberühmt; sie sind aber auch etwas Einzigartiges, nicht ihren petrographischen Bestandteilen nach, sondern wegen ihrer enggeschlossenen Reihenform. Orographisch wird dieser ganze Osten Afrikas, in dem ich mich befinde, charakterisiert durch „Inselberge“, wie sie der Geologe Bornhardt nennt. Der Name ist gar treffend; würde sich der Erdteil um etliche hundert Meter senken, oder der Indische Ozean um ebensoviel steigen, so würde das ganze Lukuledital, auch das des Umbekuru und des Rovuma, sicher auch das mancher Flüsse von Portugiesisch-Ostafrika, fernerhin dann die ganze riesige Ebene westlich vom Wamuera- und vom Makondeplateau, einen gewaltigen See bilden. Über dessen Oberfläche würden hier im Westen lediglich diese klobigen, plumpen Gneiskuppen als winzige Inseln hervorragen, während nach der Küste zu die genannten Plateaulandschaften sozusagen die Kontinente auf diesem Stück Erdoberfläche darstellen würden.
Im allgemeinen sind diese Inselberge völlig regellos über das ganze, weite Land zerstreut. Klettere ich auf eine der kleinen Kuppen unmittelbar hinter meinem Wohnhaus, so vermag ich nach Norden, Westen und Süden eine fast unabsehbare Schar dieser merkwürdigen Gebilde zu überblicken. Meist liegen sie einzeln oder in Gruppen angeordnet da; nur eine Anzahl von Tagereisen weiter im Westen häufen sie sich in der Madjedjelandschaft in dichter Scharung zusammen. In unmittelbarster Nähe bildet dann die Massassikette die andere Ausnahme. Der Regellosigkeit der Anordnung entspricht auch eine große Verschiedenheit der Höhe; viele dieser Kuppen sind nur winzige Hügel; andere wieder ragen steil und unvermittelt noch 500 Meter und mehr über die hier bei Massassi schon reichlich 400 Meter hochgelegene Ebene empor. Damit erreichen also die höchsten dieser Berge die Höhen unserer deutschen Mittelgebirge.
Über die Entstehung dieser seltsamen Bergformen habe ich als Nichtgeologe natürlich kein Urteil. Nach Bornhardt, der in seinem großartigen Werke „Zur Oberflächengestaltung und Geologie Deutsch-Ostafrikas“ (Berlin 1900) die erdgeschichtlichen Züge dieses Landschaftsbildes in bewunderungswürdiger Plastik geschildert hat, sind alle diese Inselberge Zeugen eines uralten und niemals unterbrochenen Kampfes zwischen der aufbauenden Tätigkeit des Meeres und der abflachenden, nagenden, grabenden, erniedrigenden Wirkung des fließenden Wassers und der Atmosphärilien. Er sieht diese Gegend zur Primordialzeit als eine ungeheure Ebene lückenlosen Urgneises. In sie gruben die Bäche und Flüsse im Laufe der Zeit ihre Täler, alle in mehr oder weniger gleicher Richtung. Es blieben also nach Ablauf dieses langdauernden Prozesses langgestreckte Bergrücken zwischen jenen einzelnen Tälern stehen. Dann kam aber eine andere Zeit: an die Stelle der Zerstörung trat die der Auflagerung; wo vordem Regen, Quellen, Bäche und Ströme das zerkleinerte und zersetzte Gestein abwärts und meerwärts getragen hatten, flutete jetzt das Meer selbst; es füllte die Täler wieder aus und deckte auch wohl den ganzen, alten Schauplatz mit seinen Sedimenten zu. Diese Sedimente wurden im Laufe weiterer Zeiträume selbst wieder zu hartem Gestein. Und abermals wechselte die Szenerie; wieder lag der Boden trocken, und wieder konnten Wind, Regen und strömendes Wasser ihr Zerstörungswerk beginnen. Aber sie arbeiteten diesmal in anderer Richtung; hatten sie den Detritus vordem nach Norden oder Süden geführt, so schleppten sie ihn diesmal rechtwinkelig dazu nach Osten. Und sie feilten und feilten, trugen die ganze Oberdecke ab und zernagten auch die langen Rücken, die als Reste der ersten Zerstörungsperiode noch übriggeblieben waren. Und als sie schließlich auch dieses Urgestein bis zur Sohle der ersten Täler hinweggenagt hatten, siehe, da zeigte sich, daß als kümmerlicher Rest der alten, stolzen Gneisdecke lediglich diese in den Kreuzungspunkten der beiden Abrasions- und Erosionsrichtungen gelegenen festen Kerne übriggeblieben waren. Das sind eben diese Inselberge. Die Bornhardtsche Theorie ist kühn; auch setzt sie ganz unmeßbare Zeiträume voraus, aber sie ist als der plausibelste von allen Erklärungsversuchen allgemein angenommen worden. In jedem Fall ist sie ein glänzender Beweis der Kombinationsgabe deutscher Gelehrter.
Mit ihrem ungemein steilen Anstieg und der Unmittelbarkeit, mit der diese wuchtigen Steinmassen der Ebene entsteigen, wirken alle diese Berge, wo sie auch immer erscheinen, beherrschend auf die Umgebung ein; wo sie aber so wundervoll geschlossen auftreten wie hier im Mkwera, im Massassi, Mtandi, Chironji, Kitututu, im Mkomahindo, und wie sie alle heißen die großen und die kleinen Erhebungen hier in meinem Gesichtskreis, da sind sie etwas Unvergleichliches und dem Forscher Unvergeßliches. Wird erst einmal die geplante Südbahn das Stromgebiet des Umbekuru durchschneiden, so wird es keinen lohnenderen Ausflugspunkt für unsere Weltreisebureaus geben als die Bergreihe von Massassi!
Auch floristisch kommt der Besucher auf seine Kosten. Weilt man erst im Schatten dieser Berge, so ist die Öde und Eintönigkeit des Pori mit einem Schlage vergessen; Pflanzung reiht sich an Pflanzung, Beet an Beet; Hirsefelder der verschiedensten Varietäten neigen ihre fruchtschweren Kolben und Rispen in dem frischen Morgenwinde, der nach der stickigen, heißen Luft des tagelangen Porimarsches eine wahre Erquickung ist. Bohnen aller Art, Kürbisse und Melonen erfreuen das Auge durch ihr frisches Grün; rechts und links vom Wege breitet der Mhogo, der Maniok, seine sperrigen Zweige. Wo aber alle jene Fruchtpflanzen noch eine Lücke gelassen haben, da klappert die Basi-Erbse in ihrer Schote. Möglich ist diese für den Süden Deutsch-Ostafrikas erstaunliche Fruchtbarkeit nur durch die geologische Beschaffenheit des Bodens. Wohin der Fuß auf der großen Barrabarra getreten ist, und wohin das Auge nördlich und südlich geschaut hat, überall ist lehmiger Sand und sandiger Lehm an der Zusammensetzung der obersten Erdschicht in erster Linie beteiligt; nur an Stellen größerer Wasserwirkung sind hie und da nackte, glatte Gneisfelsen zutage getreten, oder aber die Fußsohle ist knirschend über harte Quarzite dahingewandert. Lediglich wo diese mächtigen Gneiszeugen das Einerlei unterbrechen, da findet das den wirtschaftlichen Wert des Landes prüfende Auge sich in vollem Maß befriedigt. Gneis verwittert leicht und gibt einen guten Boden. Das haben auch die Schwarzen seit langem entdeckt, und wenn sie auch die weniger fruchtbaren Teile ihrer Heimat durchaus nicht verschmähen, so sind diese Zonen um die Gneisinseln doch stets das bevorzugte Ziel autochthoner Besiedelung gewesen. Massassi mit seiner gewaltigen, sich stundenlang hinziehenden Ausdehnung ist ein typisches Beispiel eines solchen wirtschaftlichen Verständnisses.
Bei diesem Zusammenströmen aus aller Welt ist es kein Wunder, wenn die Frage nach der Stammeszugehörigkeit der Massassileute ein wahres Völkerchaos zur Antwort gibt: Makua, Yao, Wangindo, einzelne Makonde, und zu alledem ein großer Prozentsatz von Küstenleuten; das sind die freiwillig hergewanderten Elemente dieses kleinen Kulturzentrums. Zu ihnen allen kommt ein Konglomerat von Stammeselementen des innersten Afrika, das hier unter dem Namen Wanyassa zusammengefaßt wird. Diese Wanyassa sind der lebende Beweis eines menschenfreundlich im höchsten Sinne gedachten Experimentes, das leider nicht in dem Umfange gelungen ist, wie es von jenen Philanthropen erwartet und erhofft wurde. Gerade der Süden des heutigen Deutsch-Ostafrika ist vor Jahrzehnten der Schauplatz des lebhaftesten Sklavenhandels gewesen; durch diese leicht gangbaren, damals noch dichtbevölkerten Gefilde hat sich der von den Arabern Sansibars und der Küste genährte und gepflegte Sklavenhandel mit Vorliebe bewegt. Die Lage von Kilwa Kiwindje an einer Meeresbucht, die so flach ist, daß wohl eine arabische Sklavendhau, nicht aber die Überwachungsschiffe sittenstrenger Mächte dort landen und ankern konnten, ist noch heute eine sprechende Erinnerung an diese dunklen Zeiten der auch sonst nicht übermäßig sonnigen Geschichte Ostafrikas.