Part 7
In ihrem Äußern unterscheiden sich diese Yao kaum merklich von den Suaheli der Küste; sie sind in genau dasselbe Kanga, den bekannten, in Holland gefertigten Baumwollstoff mit den lebhaften Mustern gekleidet wie die Küstenfrauen, wenn auch nicht so kokett, sauber und modern wie die Mädchen der Modestadt Daressalam, allwo die Modemuster einander rascher jagen denn selbst in Paris; und sie tragen auch alle denselben koketten, kleinen Pflock im linken Nasenflügel wie die Damen der Küste. Ursprünglich indisch, hat dieses „Kipini“, im Kiyao, dem Idiom der Wayao, Chipīni genannt, seinen Siegeszug über die ganze Ostküste Afrikas gehalten, und jetzt ist es im besten Begriff, als Sinnbild höherer Bildung und feinerer Zivilisation auch die fortschrittlichen Stämme des Innern zu erobern. In einfachster Form ein bloßer Zylinder aus Pflanzenmark, wird es je nach dem Reichtum der Trägerin in den besseren Exemplaren aus Ebenholz gefertigt oder gar aus Zinn oder Silber hergestellt. Die Ebenholzpflöckchen sind fast immer in sehr zierlicher, geschmackvoller Weise mit Zinnstiftchen ausgelegt. Nach unseren Begriffen stellt das Chipini zunächst keine Verschönerung des menschlichen Antlitzes dar; hat man sich aber erst einmal an den Anblick gewöhnt, so findet man es doch ganz nett und ansprechend, denn es verleiht dem braunen Gesicht der Trägerin unstreitig etwas Kokettes.
Recht schlimm sieht es im Gegensatz zu der gutbebauten küstennahen Zone im weiteren Hinterlande bei den Wamuera aus. Symptomatisch für das ganze Unheil, welches der von den Negern so kurzsichtig heraufbeschworene Aufstand über diesen Teil Afrikas gebracht hat, ist schon der Zustand von Nyangao. Es ist die Missionsstation der Benediktiner. Patres und Schwestern wirkten hier bis zum Hochsommer 1905 einmütig an der Bekehrung und Unterweisung der Schwarzen. Dann drang das Majimaji-Gift, die Zauberwasser-Idee, auch aufs Rondoplateau und ins mittlere Lukuledital, und ehe die arglosen Glaubensboten sich des nahenden Unheils versahen, war es schon da. Das Missionspersonal ist damals nach hartnäckigem Kampf und unter Verlust einer der Schwestern vertrieben worden, der umfangreiche Gebäudekomplex aber fiel der Zerstörung durch die Aufständischen anheim. Wie Nyangao augenblicklich aussieht, zeigt Ihnen die umstehende Photographie. Jetzt sitzen die drei Väter, die es gewagt haben, auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren -- sie sind mir übrigens vom „Prinzregent“ her liebe Bekannte -- mitten auf dem Trümmerhaufen einsam in dem ehemaligen Schwesternhause; unverdrossen aber und ungebrochen haben sie ihr so jäh gestörtes Bekehrungswerk von neuem aufgenommen.
Der Majimaji-Aufstand bildet am Lagerfeuer und in den Gesprächen der Neger noch immer den Hauptgegenstand der Unterhaltung, trotzdem der Lindibezirk längst wieder beruhigt ist. Seiner Entstehung nach gehört er zu den interessanteren Erscheinungen der menschlichen Kriegsgeschichte, lehrt doch auch er, wie allgemein und wie rasend schnell selbst große Bruchteile einer ganzen Rasse von einer einmal aufgekommenen abergläubischen Idee ergriffen und zu einer von hoher Begeisterung getragenen Einheit werden können. Soweit man heute bereits ersieht, ist die dem Aufstande zugrunde liegende Idee die Abschüttelung des Jochs der Weißen, das Mittel dazu die Aufrüttelung der gesamten einheimischen Bevölkerung. Ohne „Daua“, ohne ein Zaubermittel, ist diese Aufrüttelung beim Neger nur schwer oder gar nicht zu erzielen. Daher kam auch ganz ohne Frage das Zurückgreifen der Anstifter dieses verhängnisvollen Krieges auf die Zauberwasser-Daua. Über diese sind verschiedene Versionen in Umlauf. Nach der einen wohnte der eigentliche Anstifter an den Panganischnellen des Rufidyiflusses. Er lehrte, er sei ein Abgesandter Gottes, mit dem er durch die Vermittlung einer in den Schnellen wohnenden Schlange verkehre. Diese habe ihm geheißen, allen Männern das heiße Wasser der Quellen bei Kimambarre zu reichen; dann würden sie Kraft und Mut bekommen, die Deutschen in den Ozean zu werfen. Das Wasser aber mache zugleich alle Kämpfer gegen die Kugeln der Europäer unverwundbar.
Die andere Lesart weiß nichts von dieser Schlange und dem heißen Wasser. Nach ihr, die mehr im Norden der Kolonie, in Usagara, in Umlauf ist, veranstalteten die Zauberer überall in den Dörfern zunächst gewaltige Pombegelage. Hatte das Bier dann seine Wirkung getan, so wurden die Dörfler in den Plan des Rädelsführers eingeweiht; sie bekamen ihre Daua, über die nichts Näheres gesagt wird, die aber auch hier die Fähigkeit besitzt, ihren Träger gegen die Kugeln der verhaßten Deutschen unverwundbar zu machen; die Geschosse verwandelten sich einfach in Wasser, wenn sie aus dem Gewehrlauf kämen, hieß es. Die zahlreichen Gefechte haben die Majimajimänner sehr bald eines anderen belehrt; trotzdem ist der Fanatismus dieser Schwarzen, die selbst gegen das vernichtende Feuer der Maschinengewehre, der „Bumbum“, bis auf Speerlänge herangestürmt sind, wahrhaft erstaunlich. --
Von der Küste bis kurz hinter Nyangao ist die Vegetation wesentlich anders geartet als weiterhin westlich. Den größten Teil des Weges, der Barrabarra, wie er im Trägerjargon heißt, das ist der etwa in Sektionsbreite geschlagene Weg, auf dem sich der Großverkehr über die weiteren Entfernungen hin abspielt, begleitet bis ungefähr Nyangao ein dichter, 3 bis 5 Meter hoher Busch, über den sich vereinzelt stehende, doppelt und dreifach so hohe Bäume erheben. Aus diesem Busch herausgespart sieht der weiße Reisende mehrmals an jedem Tagemarsch zur Linken und zur Rechten des Weges große, freie Stellen. Das ist Kulturboden; er ist kenntlich am Fehlen jeglichen Unterholzes und an den verkohlten Stümpfen der größeren Bäume. Zweifellos sind es alte Dorfstätten. Aber wo sind die Häuser? Und wo sind die Bewohner, die diesen Erdenfleck urbar gemacht haben? Hier finden Sie, Herr Geheimrat, einen typischen Zug aus der Völkergeschichte Afrikas, insonderheit der neueren, wie sie durch die moderne Plantagenwirtschaft und ihr Arbeiterbedürfnis, sodann auch durch die Notwendigkeit des schwarzen Askari inauguriert worden ist. An sich und ursprünglich ist der Neger nicht scheu; im Gegenteil, er ist neugierig und schätzt einen regen Lebensbetrieb. Aber er kann, vulgär gesprochen, nicht vertragen, daß man ihm in die Töpfe guckt. Das geschah nun in der neueren Zeit in mehr als erträglichem Maße. Jede Karawane von Binnenlandnegern, die nach der Küste marschierte, sei es, um ihre Waren, Wachs, Tabak usw. abzusetzen, sei es, um sich beim Weißen als Arbeiter zu verdingen, hielt es für ihr natürliches Recht, sich von den Dorfbewohnern tränken und füttern zu lassen. Doch auch selbst die Karawane eines Weißen ist geeignet, derartige Belästigungen für die Dörfler mit sich zu bringen. Wie oft habe ich es schon jetzt sehen müssen, daß unsere Leute sich bei jedem Halt in die weit auseinanderliegenden Hütten verteilen, um irgendwelche Dienste, und sei es auch nur den Trunk aus dem Schöpflöffel, zu heischen. So gefällig und entgegenkommend der Neger auch sein mag, auf die Dauer paßt ihm diese ewige Störung doch nicht, und deswegen zieht er vor, die alten Hütten abzubrechen und die neuen weitab im dichten Busch zu errichten, durch den nur ganz schmale, kaum auffindbare Pfade führen.
Anthropologisch hätte man sich im Wamueragebiet unter den Indianern wähnen mögen, so kupferrot erstrahlt ihre Haut. Ich hielt diesen starkroten Unterton zunächst für ein besonderes Kennzeichen gerade dieses Stammes, allein ich habe viele Individuen von ganz gleichem Farbenkomplex auch später bei den Makua von Hatia, Nangoo und Chikugwe, vereinzelt auch bei den hiesigen Yao und denen von Mtua und Mtama getroffen. Überhaupt scheint es mir sehr schwer zu sein, hier anthropologisch einwandfrei zu arbeiten; die Typen gehen zu sehr durcheinander und ineinander über, als daß man dem einzelnen seine Stammeszugehörigkeit an der Nase absehen könnte. Sehr wahrscheinlich bestehen aber auch gar keine Stammesunterschiede, denn sie alle: die Wamuera, Wangindo, Wayao, Makonde, Matambwe und Makua gehören der großen Untergruppe der östlichen Bantu an. Das ist ein Grund mehr, von meiner an sich so kostbaren Zeit noch weniger auf die Anthropologie zu verwenden, als ich von Haus aus bereits geplant hatte. Mögen die Herren mit ihren Meßgerätschaften, ihren Zirkeln und Stangen selbst hierher gehen. Für uns Ethnographen gibt es einstweilen Eiligeres zu tun.
Doch ich wollte Ihnen, Herr Geheimrat, erzählen, wie schlecht es den Wamuera augenblicklich ergeht. Wie Sie wissen, hat sich dieser Völkerstamm geschlossen am Majimaji-Aufstande beteiligt; es hat eine ganze Reihe von Gefechten gegeben; schließlich aber haben die schwarzen Krieger und ihre Angehörigen es doch vorgezogen, sich vor den siegreichen Deutschen im Busch zu verbergen. Ein Aufenthalt im Freien während der Regenzeit ohne ausreichendes Obdach ist sicherlich keine Annehmlichkeit; tritt nun, wie hier, noch hinzu, daß die Leute nicht geerntet haben, weil sie am Beginn der Regenzeit nicht haben säen können, so ist Tod und Verderben die unausbleibliche Folge. Jetzt, wo die Haupträdelsführer zumeist gefaßt und in sicherem Gewahrsam an der Küste sind, kommen die Überlebenden langsam wieder aus ihren Verstecken hervor. Aber wie sehen sie aus, die Ärmsten! Mit einer noch dickeren Schmutzkruste bedeckt als gewöhnlich, zum Skelett abgemagert, mit Hautkrankheiten an zahlreichen Stellen des Körpers, entzündeten Augen, und dabei einer Ausdünstung, daß einem schlecht werden möchte! Doch sie erscheinen wenigstens wieder vor den Weißen, was als Zeichen des neugefestigten Zutrauens zu unserer Herrschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.
Einige sehr starke Marschstunden hinter Nyangao passiert man den Herrschersitz des „Sultans“ Hatia. Er ist nach Namen und Zahl der Vierte auf diesem winzigen Makuathrone. Das Grab seines Vorgängers Hatias III. liegt in einer tiefen Höhle auf dem Ungurueberge. Dieser ist, richtiger gesprochen, eine Bergnase, die nach Norden weit aus dem Makondeplateau in die Lukulediniederung vortritt. Man sieht ihn von der Barrabarra aus schon tagelang vorher mit seinem rötlich strahlenden Steilabsturz, den man treffend als das Wahrzeichen des ganzen mittleren Lukuledigebietes bezeichnen darf. Auch in Sage und Mythus der hiesigen Völker spielt der Berg die größte Rolle. Um ihn rankten sich schon vor der Beisetzung Hatias III. die Sagen der Vergangenheit; jetzt aber, wo der tote Negerfürst dort in dunkler, jedem Uneingeweihten verbotener Schlucht von den Taten seines Lebens ausruht, ist der Ungurue im Volksglauben zu einem Heiligtum geworden, auf dem in mondhellen Nächten der verstorbene Herrscher seiner Gruft entsteigt, die Geister seiner Untertanen um sich schart und mit ihnen zur nächtlichen Ngoma antritt.
Hatia IV. war erst unmittelbar vor unserer Ankunft in seine Residenz zurückgekehrt; er hatte an der Küste für einige Zeit Muße gehabt, über seine Beteiligung am Aufstand nachzudenken. Jetzt machte er mir den Eindruck eines völlig gebrochenen Mannes, dem es körperlich ebenso schlecht erging wie seinen Untertanen; er wohnte nicht besser als diese und hatte auch sicherlich ebensowenig zu beißen wie sie. An dem Tage, wo wir für einige Zeit bei Hatia haltmachten, war er doppelt traurig; wenige Stunden vorher hatte ein starker Löwe, der wegen seiner Frechheit im ganzen Lande berühmt ist, aus seiner nächsten Nähe eine Frau geholt; noch sah man die ungeheuren Pranken im Sande abgedrückt, so daß man den Weg des Räubers um die Hütte herum genau verfolgen konnte. Entgegen aller Löwengewohnheit hatte das Tier seine Beute fast am hellen Tage direkt aus der Hütte herausgeholt. Mann, Frau und Kind hatten friedlich in dieser gesessen; da war der schwere Körper des Tieres auf die zunächst sitzende Frau gestürzt. Der Ehemann hatte zwar versucht, die Gattin zu halten, aber er war krank und schwach, und so hatte das Tier spielend gesiegt. Längere Zeit noch hatte man das „~nna kufa, nna kufa~, ich sterbe, ich sterbe“ der Unglücklichen im Pori verhallen hören. Zu helfen hatte keiner vermocht. Denn einmal besaßen die Leute nach dem Aufstand keine Gewehre, und selbst wenn sie diese gehabt hätten, würde ihnen das Pulver gefehlt haben, dessen Einfuhr seit einiger Zeit gesperrt ist.
Als Rächer wird der Neffe und Erbe Hatias IV. auftreten. Er ist ein hübscher, kohlrabenschwarzer Jüngling mit krausem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und einem beneidenswert dichten, krausen Haarwuchs auf der Schädeldecke. Mit einem stolzen Gewehr bewaffnet, ist er mit uns von Lindi heraufgekommen, um das Gebiet seines Stammes von der Löwenplage zu befreien. Man kann hier wirklich von einer solchen Plage reden; es heißt, daß der ganze, lange Weg von Nyangao bis Massassi unter vier Löwenpaare aufgeteilt sei, die nichts Besseres zu tun haben, als ihre Wegstrecke nach menschlichen Opfern abzupatroullieren. Selbst die drei Missionare von Nyangao sind vor dem König der Tiere nicht sicher; ist es doch kürzlich passiert, daß Pater Clemens auf einem Spaziergang plötzlich einem großen Löwen gegenüberstand, der ob des Geschehnisses allerdings ebenso verdutzt war wie der Gottesmann.
Daß der Löwe von Hatia sein Opfer sogar aus dem Hausinnern holen konnte, verstehe ich angesichts der Bauart der jetzigen Wamuerahütten recht wohl. Wenn jemand Lust hat, Studien über die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Wohnhauses zu machen, hier könnte er die Anfänge sehen. Es sind schon bessere Bauten, wenn sich zu den Seitenwänden auch noch Giebelteile gesellen; zumeist sind diese Wohnungen nichts mehr und nichts weniger als zwei schräg gegeneinander gelehnte, aus Strohbündeln notdürftig zusammengearbeitete Wände. Es kommt hinzu, daß die Wamuera diese Urhütten, wenn man so sagen darf, wohl oder übel im unberührten Pori haben aufstellen müssen; fehlen ihnen doch nach dem Verlust aller ihrer Habe -- ihre Dörfer sind als ihr einziger wertvoller Besitz von unseren Truppen natürlich dem Erdboden gleichgemacht worden -- selbst die Werkzeuge zur Urbarmachung der Felder und zum Lichten des Waldes. Freie Plätze scheut der Löwe, im Pori aber fühlt er sich heimisch; er betrachtet es als sein natürliches Jagdrevier und schleicht sich in ihm zum tödlichen Sprunge bis dicht an die Hütten heran.
Eins hätte ich beinahe vergessen, Ihnen zu berichten. Was sind die berühmten Botokuden mit ihren Lippenscheiben gegen die Völker des Südens von Deutsch-Ostafrika! Schon in Lindi hatten die Herren mir den Mund wässerig gemacht mit Erzählungen von dem abenteuerlichen Äußern der Wamuerafrauen. Aber wie weit sind jene Schilderungen hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben! Bilder sagen hier mehr als lange Worte, sie sprechen klarer und verständlicher; schauen Sie, Herr Geheimrat, sich demnach lieber die Typen an, die ich Ihnen gleichzeitig mitsende. Daß das Makondeplateau und seine Umgebung mit zu dem großen Bezirk des +Pelēle+, der Lippenscheibe, gehört, habe ich bereits seit langer Zeit gewußt, aber eine brauchbare Abbildung hatte ich in der Literatur bis zu meinen eigenen Aufnahmen noch nirgends entdecken können. Es scheint in der Tat so, als wenn meine Vorgänger hier im Lande entweder nicht haben photographieren können, oder aber, als wenn ihre Apparate bereits vor der Erreichung des Pelelegebietes dem Klima zum Opfer gefallen seien!
Das Pelele oder, wie es im Kimuera heißt, Itona, ist auf das weibliche Geschlecht beschränkt, bei ihm aber ist es allgemein. Es ist ein Pflock, bei älteren Individuen auch eine wirkliche Scheibe aus schwarzem Ebenholz oder einem hellen, mittels geschlämmter Tonerde schneeweiß gefärbten anderen Holz, die sich in die durchlochte und ausgeweitete Oberlippe zwängt. Selbstverständlich läßt sich nicht sogleich eine talergroße Itona in diesen Körperteil einfügen, sondern man fängt mit einem winzig kleinen Fremdkörper an, um im Laufe langer Jahre das Maximum des Pelele und damit auch den höchsten Grad landesüblicher Schönheit zu erreichen. Die erste Durchlochung der Oberlippe erfolgt schon im frühen Mädchenalter, zwischen dem 7. und 9. Jahre; sie geschieht mit dem ahlenförmig zugespitzten Ende des Rasiermessers. Man versteht die Wunde am Zuheilen zu verhindern, indem man dünne Fremdkörper, einen Strohhalm oder dergleichen, einfügt. Systematisch vergrößert man die Zahl dieser Halme und damit die ursprünglich so enge Öffnung. Später fügt man in sie den spiralförmig zusammengerollten Blattstreifen eines Palmfieders hinein. Der ist elastisch und treibt die Öffnung von selbst auseinander. Schließlich erfolgt die Einfügung des ersten massiven Pflockes. Bei den Wamuera schwankt dessen Durchmesser zwischen der Stärke eines Fingers und dem eines Zweimarkstückes; bei den Makonde hingegen sollen diese Oberlippenscheiben bei älteren Frauen bis zu doppeltem Durchmesser vorkommen. Sie können sich denken, wie gespannt ich auf dieses Volk bin. Überhaupt freue ich mich unbändig auf das Makondeplateau; für unsere Wissenschaft ist es tatsächlich noch eine völlige ~terra incognita~. Was wird dort alles zu finden sein!
Mit der Itona haben die Frauen indessen in der Ausschmückung ihres eigenen Ich noch nicht genug getan; sie ist gleichsam nur die Krönung des ganzen, großen Gebäudes menschlicher Eitelkeit, das zu allen Zeiten und von allen Gliedern der Spezies ~Homo sapiens~ aufgerichtet worden ist und immer noch weiter ausgebaut wird, um die eigene Individualität unter allen Umständen aus der Schar der übrigen Stammesgenossen herauszuheben; zum stillen oder ausgesprochenen Neid der eigenen Geschlechtsgenossen, zur Bewunderung für das andere Geschlecht. Zur Itona tritt bei alten Frauen hier und da zunächst ein Unterlippenpflock, Nigulila genannt. Lang und schlank, in ein rundes Knöpfchen auslaufend, ragt er aus der welken Haut hervor; er soll die Aufmerksamkeit von dieser ablenken und den Beschauer vergessen machen, daß für die Trägerin dieses Schmuckes die Tage der Schönheit und der Liebe längst vergangen sind. Ganz allgemein sind dann große Scheiben oder Pflöcke in den aufgeweiteten Ohrläppchen. Weiterhin aber sieht der verwunderte weiße Beschauer das Antlitz dieser Schönen mit auffallenden Gebilden bedeckt. Von ferne gesehen, haben mir diese Frauen den Aufenthalt in einer deutschen Universitätsstadt vorgetäuscht, wie sie sich in einer hoffentlich nie erscheinenden Zukunft darbieten könnte. Als flotter Bursch von Göttingen und Leipzig habe ich zu meiner Zeit auch ausgesehen wie ein wandelndes Beefsteak, wie man bei uns zu sagen pflegt, aber gegen diese prachtvollen, schön breit aufgelaufenen Schmisse der weiblichen Wamueraburschen hätte ich nicht anzukämpfen vermocht; im Zeitalter der Asepsis findet man dergleichen bei uns überhaupt nicht mehr. Kommt man dann dem Trupp der Frauen näher, so lösen sich die Terzen und Quarten zu tausend Einzelheiten auf; lang ziehen sich die Reihen der Narbenkeloide über Stirn und Wange dahin, verlaufen wagrecht oder senkrecht, oder bilden die verschiedensten Figuren. Im einzelnen besteht jedes dieser Muster aus vielen, vielen Hautschnitten, die, einander parallel, meist senkrecht verlaufen. Man hat sie seinerzeit am Verheilen verhindert, indem man sie während der Schorfbildung immer wieder von neuem aufgeschnitten hat. So sind sie im Laufe von Wochen und Monaten zu merkbaren Wulsten geworden, die in ihrer Gesamtheit die ganze Physiognomie in entscheidender Weise beeinflussen.
Und selbst hiermit ist dem Schönheitsbestreben der Wamuerafrauen noch nicht genug getan. Wenn das Brust und Rücken umhüllende Tuch einmal zur Seite gleitet, sei es durch eine unbeabsichtigte Bewegung der Frau selbst oder durch das Vorrücken des von ihr unzertrennlichen Babys von dem gewöhnlichen Ruhesitz auf dem Rücken der Mutter nach der Hüfte oder gar nach der Vorderseite, so sieht das erstaunte Auge auch diese Körperflächen mit denselben oder ähnlichen Mustern übersät wie das Gesicht. Selbst Gesäß und Oberschenkel sollen von solchen Ziernarben nicht frei sein. O menschliche Eitelkeit, was treibst du doch für Blüten! ruft da der Ethnograph. Wollte er aber hinzufügen: Da sind wir Wasungu doch bessere Menschen, so möchte er sich wohl am besten unterbrechen. Denn zunächst tragen auch unsere Töchter, Frauen und Schwestern noch immer recht hübsche Überlebsel genau der gleichen Sitte in Gestalt ihrer Ohrringe; sodann aber dürfte unser Korsett, soweit es von seiner Trägerin zu dem Zweck angelegt wird, die Vorzüge der Figur zu heben, ebensosehr der Diskussion unterliegen wie die geschilderten Schönheitsmittel der Afrikanerinnen. Ich hebe das Korsett ausdrücklich als problematischen +Schmuck+ hervor, und auch nur so weit, als es unsere Mädchen und Frauen verleitet, durch unvernünftiges Schnüren die inneren Organe zu schädigen und dadurch vielleicht verhängnisvoll auf die Nachkommenschaft einzuwirken. Als Bestandteil unserer europäischen Kleidung halte ich es dagegen nicht nur für berechtigt, sondern sogar für nötig, denn es scheint mir den Zug der mannigfaltigen Gewänder immer noch besser zu verteilen als ein Paar den Hosenträgern der Männer entsprechende Schulterbänder. Ein ganz klein wenig muß ich schließlich sogar meinem Kollegen Max Buchner in München zustimmen, der auch aus ästhetischen Gründen das Korsett verteidigt. Buchner hat seine berühmte Reise zum Muata Jamvo tief unten im Kongobecken gemacht; er hat auch andere Teile Afrikas studiert, die Südsee in den verschiedensten Richtungen durchkreuzt, kurz, einen großen Teil von der Welt unserer heutigen Naturvölker mit eigenen Augen gesehen; ihm steht also wohl ein maßgebendes Urteil zu. Der Münchner Ethnograph meint nun, daß es auch den Negerinnen und den übrigen mehr oder minder unbekleideten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts auf der Erde ganz dienlich sein würde, ihrerseits zu einem unserem Korsett entsprechenden Gerät überzugehen. Er wünscht es für diese Frauen nicht als Kleidungs- und nicht als Schmuckstück, sondern lediglich als Büstenhalter. Und da hat er ganz recht; so anmutig, vielleicht gar schön der schlanke Körper der jugendlichen Negerin mit seinen zarten Formen uns berührt, so widerwärtig wirkt bei den späteren Jahrgängen die durch mehrfache Geburten und das überlang ausgedehnte Stillen der Kinder bewirkte Mißbildung der Brüste. Sie sind wahrlich ein nichts weniger als schöner Anblick, und wenn auch Buchner selbst nicht im mindesten daran denkt, allen Negerinnen, Indianerinnen und Ozeanerinnen als höchstes und mit allen Kräften anzustrebendes Ziel unseren europäischen Frauenpanzer zu wünschen, so ist allen Verfechterinnen unseres viel angefeindeten Korsetts in dem Münchner Gelehrten doch unstreitig ein ausgezeichneter Sekundant erstanden.
In das Leben der Binnenlandstämme habe ich in der kurzen Zeit noch nicht viele, aber doch recht interessante Einblicke zu tun vermocht. Völkerpsychologisch bemerkenswert war mir während des Marsches nach Massassi die Beobachtung, daß überall da, wo die Eingeborenen sich aktiv am Aufstand beteiligt hatten, die Wege in tadelloser Ordnung waren, während im Gebiet unserer Bundesgenossen hohes Gras, ja selbst ganze Büsche die Barrabarra nur schwer passierbar machten. Die Braven und Artigen pochen nun auf ihre Verdienste und sagen sich: „Wir können es uns jetzt einmal eine Zeitlang leisten; uns wird der Mdachi, der Deutsche, so leicht nichts tun, nachdem wir so wacker zu ihm gestanden haben.“ Herr Ewerbeck hat aber trotz alledem den Akiden und den Jumben, den Bezirkschefs und Ortsvorstehern, recht energisch den Standpunkt klargemacht. Diese Organe sind nämlich für die Ordnung innerhalb ihres Bezirks verantwortlich.