Part 6
Das letztere erstrebe ich in der Weise, daß jeder meiner Künstler, sobald er sich für ein Bakschischi, ein Künstlerhonorar, reif hält, gehalten ist, mir seine Werke vorzuzeigen. Dann erhebt sich stets ein meist recht langdauerndes, aber für beide Teile doch recht kurzweiliges Schauri. „Was ist das?“ frage ich, indem ich mit der Spitze meines Bleistiftes auf eine der krausen Figuren deute. „Mamba“, ein Krokodil, ertönt es zurück, entweder mit einem leisen Unterton der Entrüstung oder des Erstaunens über den Europäer, der nicht einmal ein Krokodil kennt, oder aber in dem bekannten Ton der leisen Beschämung, daß das Werk so schlecht ausgefallen sei, daß nicht einmal der allwissende Msungu seine Bedeutung zu erkennen vermag. „So, also ein Mamba; schön“, heißt es, und der Stift schreibt das Wort neben die Zeichnung. „Ja,“ fällt nun aber ganz regelmäßig der Künstler ein, „aber es ist ein Mamba von Unyamwesi“, oder aber „von Usagara“, oder „vom Gerengere“, oder welcher geographische Begriff hastig hinzugefügt wird. Unwillkürlich stutzt man und fragt: „Warum? Wieso?“ Und nun kommt eine lange Erzählung: Das sei ein Krokodil, welches er und seine Freunde -- folgen deren Namen -- damals gesehen hätten, als sie mit dem und dem Europäer auf der Reise von Tabora nach der Küste gewesen seien, und welches beim Übergang über den und den Sumpf oder über den Gerengerefluß ihn auf ein Haar getötet hätte. Bei der Niederschrift der ersten Kommentare achtete ich noch nicht sonderlich auf das stete Anknüpfen an ein bestimmtes Ereignis; jetzt aber, wo ich doch immerhin schon eine Menge Blätter mit Zeichnungen von Einzelobjekten, seien es Tiere, Pflanzen oder Erzeugnisse menschlicher Kulturbetätigungen, und mit ganzen Szenen aus dem Leben Innerafrikas besitze, ist es mir klar geworden, daß der schwarze Künstler überhaupt nicht imstande ist, ein Objekt an sich, sozusagen als Abstraktum, und losgelöst von der Naturumgebung, und zwar einer ganz bestimmten Umgebung, zu zeichnen. Wenn er den Auftrag bekommt, eine Wanyamwesifrau zu zeichnen, so zeichnet er unbedingt seine eigene Frau, oder wenn er keine hat, eine ihm persönlich nahestehende, bekannte; und wenn er eine Wanyamwesihütte zeichnen soll, so verfährt er genau so: er zeichnet seine eigene Hütte oder die seines Nachbars. Ebenso verhält es sich auch mit den Genrebildern. Das sind keine Genrebilder in unserem Sinn, sondern es ist sozusagen Geschichtsmalerei. Ich besitze bereits eine Reihe von Szenen, in denen ein Löwe sich auf ein Rind stürzt, oder eine Hyäne den Menschen angreift, oder wo sonst ein Auftritt aus dem Kampf der höheren Organismen ums Dasein wiedergegeben wird. Stets heißt es dabei: „Hier, das ist ein Löwe, und das ist ein Rind, aber das Rind gehörte meinem Onkel, und es sind ungefähr vier Jahre her, da kam eines Nachts der Löwe und holte es weg. Und das hier, das ist eine Hyäne, und der hier, das ist mein Freund X., der auf dem Marsch von Tabora nach Muansa krank wurde und liegenblieb; und da kam die Hyäne und wollte ihn beißen, aber wir haben sie weggejagt und haben den Freund gerettet.“
Dies sind nur ein paar Stichproben aus der Art meiner Forschungsmethode und aus ihren Ergebnissen. Ich habe die Überzeugung, auf dem richtigen Wege zu sein. Freilich werde ich manchen Fehlschlag erleben und vieles hinzulernen müssen, aber das ist ja eine allgemein menschliche Erfahrung, mit der man sich zudem um so leichter abfinden wird, je tatkräftiger man sich in seine Aufgabe hineinstürzt.
Mein Kraftmesser, der schon auf dem Dampfer im Roten Meer so gute Dienste zur Herstellung freundschaftlicher internationaler Beziehungen getan hat, bewährt auch hier wieder seine Zauberkraft. Weiß ich mit meinen Leuten und ihren Freunden, die sie sich inzwischen in Lindi erworben haben, gar nichts mehr anzufangen, so drücke ich dem wackern Pesa mbili, der natürlich in allem den Vorrang haben muß, das Stahloval in die Hand. Dann drückt er, und mit ihm schaut die ganze dichtgedrängte Schar der schwarzen Kameraden gespannt aufs Zifferblatt nach der Kraftleistung, gleich als verständen sie die geheimnisvollen Zeichen zu deuten, die dort auf dem Messingbogen eingraviert sind. Verkündige ich dann nach einem Blick meinerseits auf die Skala das Ergebnis, selbstverständlich mit der bloßen Zahl und unter Weglassung der Kilogramme, bei denen sich die Naturkinder doch nichts denken könnten, so wird dieses erste Ergebnis mit einem gewissen, aber wohl erklärlichen Gefühl der Unsicherheit entgegengenommen. Man weiß ja noch gar nicht: ist das viel, oder ist das wenig, da noch der Maßstab des Vergleichs fehlt. Erst beim Zweiten werden subjektive Empfindungen ausgelöst; hat er statt der 35 Kilogramm seines Vorgängers deren nur 30 gedrückt, so ergießt sich über ihn schon ein Gelächter milden Spottes; übertrifft er aber den Rivalen, so ist er ein Mwenyi mguvu, ein Starker, dem man Bewunderung zollt, die er mit lächelnder Würde entgegennimmt.
So geht das Spiel reihum; man kann es stundenlang mit den Leuten betreiben, ohne daß sie müde würden. Nur eins fehlt den Intelligenteren unter ihnen; zwar interessiert es sie zu wissen, wer unter ihnen selbst der Stärkste oder Schwächste ist, aber um eine höhere und die eigentliche Vergleichsmöglichkeit mit sich selbst zu gewinnen, möchten sie doch gar zu gerne erfahren, was ihr Herr und Gebieter zu leisten vermag. Selbstverständlich tue ich ihnen zum Schluß den Gefallen und drücke rechts und drücke links. Wenn dann von meinen Lippen das Ergebnis ertönt, an dem ich zu meiner Genugtuung nicht einmal etwas zu mogeln brauche, so erschallt einhellig aus aller Munde ein lautes, bewunderndes „Aah -- Bwana kubwa!“, wörtlich: „Aah -- du großer Herr“, dem Sinne nach etwa: „Was bist du für ein großer Riese!“
Tatsächlich nehmen wir Europäer, was die Fähigkeit +spontaner+ Kraftentfaltung anlangt, neben dem Neger den Rang von Riesen ein. Ich habe mir die Einzelzahlen der Leute ziemlich genau gemerkt, auch für ihre wiederholten Druckübungen, so daß das Moment der Ungewohntheit und der Ungeübtheit auch bei ihnen ausscheidet; aber wie fallen sie gegen uns ab! Über 35 Kilo rechts und 26 Kilo links ist mit Ausnahme eines einzigen, der 40 und mehr Kilo drückte, niemand hinausgekommen, während ich auch hier in der feuchtwarmen Küstentemperatur nach wie vor 60 und mehr Kilo rechts und 50 und mehr Kilo links erziele. Und dabei sind meine Leute fast alle stramme Berufsträger mit mächtigem Thorax, breiten Schultern und prächtiger Oberarmmuskulatur. Ihnen fehlt eben, worauf ja schon sooft hingewiesen ist, die Fähigkeit, ihre Körperkraft zeitlich zu konzentrieren, während gerade die Wanyamwesi durch ihre fabelhafte Ausdauer förmlich berühmt geworden sind.
Somit bieten die Schwarzen unstreitig ein Gesamtbild dar, dem man gewisse psychologische Reize nicht absprechen kann; aber fast noch interessanter als sie sind mir während meines nunmehr bald anderthalbmonatigen Aufenthalts an der Küste die Weißen erschienen. Daressalam ist groß genug und beherbergt so viele Angehörige unserer Rasse, daß sich dort die Rassengegensätze zwischen Schwarz und Weiß der Beobachtung durch den Neuling leicht entziehen; die Gegensätze aber unter der weißen Bevölkerung selbst gleichen sich auf dem weitgedehnten Raum der großen Siedelung wenigstens bis zu einem bestimmten Grade aus. Das ungleich kleinere Lindi bietet zu keiner der beiden Möglichkeiten den Raum; in der Enge seines Milieus und der Einförmigkeit seines Lebens prallen hier die persönlichen Gegensätze unvermindert und unabgeschwächt aufeinander, und in erschreckender Klarheit kann man gerade in einem solchen Nest die ungeheuer rasche und starke Einwirkung des Tropenaufenthaltes auf das seelische Gleichgewichtsvermögen einer landfremden Rasse studieren. Es ist nicht meines Amtes, auf die zum mindesten kuriosen Auswüchse unseres deutschen Klassen- und Kastengeistes hinzuweisen; wie er selbst hier unter dem halben oder ganzen Dutzend Europäern seine wenig genießbaren Früchte zeitigt; wie das durch die soeben erfolgte Einführung der Zivilverwaltung „entthronte“ Militär über diese Zivilverwaltung lächelt; und wie durch Hinüberspielen des Sachlichen auf das Persönliche schließlich jedes Zusammenleben und, was schlimmer ist, auch jedes Zusammenarbeiten unterbunden werden kann. Dem Neuankömmling, der seine Verwunderung über solche Verhältnisse äußert, sagt man mit einer Gelassenheit, die mit der sonstigen dauernden Gereiztheit merkwürdig kontrastiert: „Ach, was wollen Sie denn; das ist doch nicht bloß hier so; das finden Sie überall.“ So scheint es in der Tat zu sein, nach allem zu urteilen, was ich in diesen lehrreichen Wochen vernommen habe. Ich hoffe indes, daß auch diese unliebsame Erscheinung nur eine von den vielen Kinderkrankheiten ist, die schließlich jedes Kolonialvolk einmal durchzumachen hat.
Völlig verständnislos aber stehe ich dem furchtbaren Jähzorn gegenüber, mit dem jeder auf einen längern Aufenthalt im Lande zurückblickende Weiße behaftet erscheint. Ich versuche einstweilen, ohne Schimpfwörter und ohne Ohrfeigen meinen Weg zu gehen, aber man sagt mir einhellig, ich würde im Laufe der nächsten Monate schon eines Besseren belehrt werden. Jetzt kann ich in der Tat noch nicht beurteilen, ob es wirklich nicht ohne Prügel geht: aber ich hoffe es doch.
Bewunderungswürdig ist bei den tiefen Schatten, die das Bild des Europäerlebens hierzulande verdunkeln, die Virtuosität, mit der sich die Herren wirtschaftlich zu behelfen wissen. Schon in dem Kulturzentrum Daressalam denke ich mir das Ehrenamt eines Messevorstandes nicht ganz leicht, trotzdem es dort Bäcker, Schlächter und Läden aller Art in Hülle und Fülle gibt; aber wie muß in dem entlegenen Küstennest der unglückliche Junggeselle sein Hirn zermartern, um den hungrigen Magen seiner Tischgenossen nicht nur stets etwas Neues, sondern überhaupt etwas bieten zu können! Der deutschen Hausfrau, die bloß über die Straße zu schicken oder gar nur ans Telephon zu treten braucht, mag es, wenn das Schicksal sie an der Seite des Gatten in einen solchen Winkel Afrikas verschlagen hat, zunächst seltsam vorkommen, wenn sie auf sichere Lieferung von Fleisch und Gemüse, von Kartoffeln und Brot überhaupt nicht rechnen kann, sondern sehr bald merkt, wie weitschauend für alle die tausend Kleinigkeiten, die von unserm Wirtschaftsbetrieb unzertrennlich sind, vorgesorgt werden muß. Konserven allein tun es nicht, das verbietet schon der Preis; da heißt es denn auf Tage, ja unter Umständen auf Wochen und Monate im voraus disponieren, und außerdem noch aus den wilden Kräutern, die der schwarze Koch und sein Küchenboy ins Haus schleppen, genießbare Gerichte herstellen. An der Küste sichert der Reichtum der Gewässer an eßbaren Fischen noch immer einige Abwechselung; im Innern fällt auch das weg. Und wenn es dann vorkommt, wie gerade jetzt, daß selbst der Standard- und Charaktervogel Afrikas, das Huhn, und sein Produkt, das Ei, versagen, dann steht es schlimm, und die Fürsorge für eine größere Menschenzahl wird zu einem Problem.
Doch es ist merkwürdig, selbst die hartgesottensten Junggesellen unter den deutschen Herren wissen dieses Problem zu lösen, nicht immer elegant und sicherlich auch nicht immer zur vollkommenen Zufriedenheit kritisch veranlagter Vorgänger im Amte, aber doch so, daß zum mindesten der Neuling des Staunens und der Bewunderung voll ist. Eine Berühmtheit in der ganzen Kolonie ist auf kulinarischem Gebiet seit langem ~Dr.~ Franz Stuhlmann, der Begleiter Emin Paschas auf dessen letzter, verhängnisvoller Reise, ein tüchtiger Ethnograph und seit langem der Hüter und Pfleger der afrikanischen Pflanzenwelt, soweit sie in den Dienst des Menschen gestellt werden kann. Stuhlmann steht im Ruf, aus jedem Unkraut am Negerpfad ein wohlschmeckendes Gericht herstellen zu können; er gilt als lebendiges Kochlexikon für die Tropen. Andere haben es noch nicht soweit gebracht, doch erscheint mir noch immer erstaunlich, was z. B. der Hauptmann Seyfried aus den elementarsten Ingredienzien zu schaffen vermag, wie er salzt und pökelt, wie er selbst bei der jetzigen Wärme vollwertige Gelees herzurichten weiß, und wie vielgestaltig stets seine Tafel gedeckt ist.
Mit einem Irrtum der Heimat möchte ich gleich hier endgültig aufräumen. „Herrgott, bei der Hitze kann man doch sicherlich nichts essen“, das ist ein Ausspruch, der uns in Deutschland in Gesprächen über die Tropen auf Schritt und Tritt an die Ohren schlägt. Und doch, wie ganz anders liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit! Zunächst einmal ist die Hitze durchaus nicht so unmenschlich groß, wie man das bei uns so annimmt, wenigstens nicht während der Trockenzeit, wo an der Küste bei Tage stets eine frische Seebrise weht; sodann aber ist der Stoffwechsel in den Tropen ungleich reger als bei uns. So wundert es nicht einmal den Neuling, wenn er sieht, daß die alten „Afrikaner“ schon in aller Frühe ein sehr umfangreiches erstes Frühstück zu sich nehmen, bei dem Fleisch verschiedener Zubereitung, aber auch Früchte keine geringe Rolle spielen. Mittags tut es auch der kleine Beamte dort nicht unter zwei Gängen und Nachtisch, und abends nach dem Dienst folgt dann bei allen Ständen und Berufen eine Mahlzeit, die wir bei uns zulande hier dreist als Festdiner bezeichnen würden. Diese ganze, anscheinend so üppige Lebensweise verdient aber alles andere als Tadel und Mißbilligung; sie ist im Gegenteil physiologisch durchaus berechtigt und notwendig, soll der Körper den nachteiligen Einwirkungen des Klimas auf die Dauer widerstehen. Den Neuankömmling wundert dieser Appetit deswegen nicht, weil er ihn unbewußt teilt. Ich schlage in dieser Beziehung schon in Europa eine ganz gute Klinge, aber was ich hier leiste, würde mich sicherlich zum Schrecken mancher deutschen Hausfrau stempeln.
Nur mit dem Alkohol will es nicht recht. So gern und mit soviel Verständnis ich daheim mein Glas Bier oder mein Glas Wein zu würdigen weiß, und so eifrig wir Reisenden auch noch an Bord den Vorräten des „Prinzregent“ an Münchener und Pilsener zugesetzt haben, seitdem ich an Land bin, habe ich Bier überhaupt nicht mehr, Wein aber nur in ganz geringen Quantitäten getrunken; an das Nationalgetränk der weißen Deutsch-Ostafrikaner aber, Whisky und Soda, habe ich mich noch nicht gewöhnen können. Für Lindi ist diese Enthaltsamkeit verständlich, denn hier gibt’s kein Eis; doch auch in Daressalam, wo die Bierbrauerei von Schultz die ganze Stadt täglich mit Eis versorgt, habe ich den alkoholischen Getränken keinen Geschmack abgewinnen können. Für meine Reise ins Innere gereicht mir dies sehr zum Vorteil, denn ich bin unter diesen Umständen der Mitnahme irgendwelcher Flaschenbatterien überhoben.
Erfreulicherweise nähert sich mein unfreiwilliger Küstenaufenthalt jetzt seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist Herr Bezirksamtmann Ewerbeck aus dem Innern zurückgekehrt; er ist liebenswürdigerweise bereit, mit mir schon übermorgen wieder aufzubrechen, um mich mit einem Teil der Polizeikompagnie durch das Aufstandsgebiet der Wamuera bis Massassi zu geleiten. Im mittlern Lukuledital gibt es für ihn noch mancherlei zu tun; die meisten Rädelsführer aus dem Aufstande sind zwar bereits längst gefangen und zieren als „Kette“ die Straßen von Lindi; nach anderen wieder wird noch immer gefahndet. Das wird noch manches Schauri kosten. Von Massassi muß Herr Ewerbeck sofort wieder nach Lindi zurück, um hier die Reichtagsabgeordneten feierlich zu empfangen, die im August auf ihrer vielbesprochenen Studienreise nach Ostafrika auch den Süden der Kolonie auf kurze Zeit besuchen wollen. Möge die koloniale Idee im deutschen Volk durch diesen Besuch der acht Männer immer festeren Fuß fassen, dann soll es an einer Zukunft dieses Landes nicht fehlen!
Mein erster Blick in das Innere war übrigens keineswegs freundlich. Im Laufe des Reitkursus, den Herr Hauptmann Seyfried mir seit einiger Zeit erteilt, sind wir eines Abends auch auf den Kitulo geritten. Es ist ein langgestreckter, ziemlich steiler Höhenzug von 175 Meter Seehöhe, der sich unmittelbar hinter Lindi erhebt und die schmale Sandebene, auf der die Stadt liegt, vom Innern des Landes trennt. Als Wahrzeichen unserer Kultur trägt dieser Kitulo bereits seit Jahren einen Aussichtsturm. Als ich diesen auf einer allerdings etwas gebrechlichen Leiter erstieg, war die Sonne bereits untergegangen, und der ganze Westen, also gerade der Teil des dunklen Kontinents, in den ich in den nächsten Tagen eindringen will, breitete sich als eine dunkle, drohende Masse vor mir aus. Einen Augenblick nur wollte es unheilverkündend in mir aufsteigen, doch rasch besann ich mich auf mein altes Glück, das mich noch niemals verlassen hat. „Ach was, ich zwinge dich doch“, sagte ich halblaut, steckte mir mit philosophischer Ruhe eine neue Zigarre an und erkletterte zum Heimritt den Rücken des mir von der Schutztruppe in liberalster Weise auch für die Expedition zur Verfügung gestellten Maultiers.
Fünftes Kapitel.
Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke.
+Massassi+, 20. Juli 1906.
Herrn Geheimrat +Kirchhoff+, Mockau bei Leipzig.
Ihnen, Herr Geheimrat, traue ich zu, zu wissen, wo mein gegenwärtiger Aufenthaltsort auf der Karte zu finden ist, vielen andern im Lande der Dichter und Denker allerdings nicht, denn mit den topographischen Kenntnissen ist es bei uns, das wissen Sie als alter Hochschullehrer noch viel besser denn ich als junger, selbst bei der akademischen Jugend gar schlimm bestellt. Und doch könnte mancher Kolonialinteressent sehr wohl selbst über die Lage eines Ortes wie Massassi unterrichtet sein, denn in seiner Art ist es ein kleines Kulturzentrum. Seit fast einem Dritteljahrhundert wirkt hier die englische Mission, und seit der Niederschlagung des Aufstandes behauptet auch ein schwarzer Gefreiter mit einem Dutzend schwarzer deutscher Soldaten in einer eigens dazu angelegten Boma tapfer das Feld gegen etwaige neue Kriegsgelüste unserer schwarzen Brüder.
Ich habe es vorgezogen, mich bei den Soldaten einzuquartieren; nicht etwa aus unkirchlichem Sinn und aus unfrommem Geiste heraus, sondern weil die beiden Reverends auf der etwa eine Stunde von uns entfernt gelegenen Missionsstation schon bejahrt und der Schonung bedürftig sind. Zudem hat man ihnen die Station während des Aufstandes niedergebrannt, so daß sie augenblicklich in ihrem frühern Kuhstall ein mehr idyllisches als angenehmes Dasein führen. Trotzdem fühlen sich die beiden alten Herren, wie ich mich bei zwei längeren Besuchen überzeugt habe, außerordentlich wohl, und besonders Reverend Carnon, der jüngere von beiden, interessierte sich für den „~Emperor and his family~“ so lebhaft, als wenn er nicht in einem weltverlassenen Negerdorf, sondern vor den Toren Londons mitten in der Kultur lebte. Nur Mr. Porter läßt etwas nach; er ist aber auch schon hoch in den Siebzig und seit Jahrzehnten im Lande. In früheren Jahren hat gerade der ältere der beiden Missionare sich nachdrücklich mit dem Volkstum seines Missionsgebiets, mit der Volkskunde der Wanyassa, Yao und Makonde beschäftigt, so daß ich bis gestern hoffte, von ihm und seinem regsameren Amtsbruder für meine Studien viel zu profitieren. Aber ich habe eine Enttäuschung erlebt; sooft ich bei dem solennen und durchaus nicht dürftigen Frühstück, das die beiden Geistlichen uns zwei Weltkindern, Herrn Ewerbeck und mir, darboten, auf die Völkerverhältnisse der Umgebung zu sprechen kam, erfuhr das Gespräch unweigerlich eine Ablenkung in dem Sinne, daß man wieder zur „Family“ des deutschen Kaisers zurückkehrte, und vor allen Dingen natürlich zum Emperor selbst. Er muß doch auch den anderen Nationen mächtig imponieren!
Aber Sie, Herr Geheimrat, wollen erklärlicherweise mehr von Afrika und seinen schwarzen Leuten hören als von den weißen Eindringlingen, und seien sie selbst in der friedlichen Gestalt des Missionars gekommen.
Mit meiner Landung in Lindi am 22. Juni war mein Reiseplan im Grunde genommen von selbst gegeben. Wenn man einen Blick auf die Karte Ostafrikas wirft, findet man, daß die äußerste Südostecke bevölkerungsstatistisch sich wie eine Insel aus der völkerleeren Umrandung heraushebt. Wirklich ist auch, wie das der leider zu früh verstorbene Geologe Lieder so treffend geschildert hat, das Gebiet nördlich vom mittleren und zum Teil auch des oberen Rovuma, bis weit über den Umbekuru und bis hoch in das Hinterland von Kilwa hinauf, auf Hunderte von Kilometern hin schweigendes Pori, menschenleere Wildnis, in der heute kein Negerdorf mehr von der friedlichen, dichten Bevölkerung zeugt, die noch Roscher, Livingstone und von der Decken vor nahezu einem halben Jahrhundert in diesen Gebieten vorgefunden haben. Nur ein schmales, der Küste in einiger Entfernung entlang laufendes Band verknüpft diese Völkerinsel mit dem Norden; ein anderes, ungleich schwächeres verbindet es den Rovuma hinauf mit dem Nyassagebiet.
In dieser räumlichen Umgrenztheit ist der Südosten, d. h. das Makondeplateau, das nördlich davorliegende Lukuledital und die weite Ebene im Westen jenes Hochlandes, das idealste Arbeitsfeld für einen Mann, der wie ich nur verhältnismäßig wenig Zeit zur Verfügung hat, in dieser beschränkten Zeit aber doch etwas Abgerundetes liefern möchte. Die Wamuera, die eigentlich als erstes Ziel gedacht waren, habe ich zu meinem Kummer einstweilen zurückstellen müssen. Mit dem kaiserlichen Bezirksamtmann Herrn Ewerbeck bin ich am 11. Juli von Lindi abmarschiert. Ngurumahamba, der erste bemerkenswerte Ort an der Lukuledistraße, hat noch ganz Küstencharakter; selbst ein Steinhaus befindet sich dort unter den Suahelihütten. Aber schon am zweiten Marschtage kommt man bei Mtua zu dem Völkerstamm der Yao. Sie stellen den ersten ethnischen Gruß aus dem fernen Innern dar, denn sie sind der äußerste Vorposten auf der großen Wanderung, die dieser tatkräftige Völkerstamm seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus seinen Ursitzen im südöstlichen Nyassagebiet in der Richtung nach der Küste des Indischen Ozeans ausgeführt hat und noch weiter ausführt. In bezug auf die Technik der Völkerwanderungen klammern wir uns immer an das in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht richtige Bild, das uns von den frühesten Schuljahren an über die Völkerwanderung ~par excellence~, die große Westbewegung unserer Altvorderen vor anderthalb Jahrtausenden, entworfen wird. Wir denken an Mann und Roß und Wagen, an eine geschlossene dichte Völkerwelle, die sich schwerfällig, aber unwiderstehlich über die Länder dahinwälzt. Hier nichts von alledem. Zwar sind diese Yao von Mtua wanderungstechnisch nicht typisch für ihre Stammesgenossen, denn sie sind vor etwa einem Jahrzehnt durch Hauptmann Engelhardt den Wangoni oben am Ostufer des Nyassa abgejagt und hierher verpflanzt worden; aber sonst vollzieht sich das Eindringen landfremder schwarzer Elemente hier im Süden ganz lautlos, fast unmerklich: ein Trupp, eine Horde, eine Gruppe von Familien, im besten Fall unter der Führung eines Häuptlings, ist eines schönen Tages da, macht sich im Pori an geeignet erscheinender Stelle ein Fleckchen urbar, baut ein paar lustige Hütten, und die Einwanderung ist vollzogen. Mehr oder minder blutige Kämpfe zwischen Autochthonen und Eindringlingen mögen in früherer Zeit wohl vorgekommen oder gar die Regel gewesen sein, heute hört man nichts davon. Ob der Neger toleranter geworden ist, oder ob die feste deutsche Hand, der natürlich jeder Bevölkerungszuwachs nur lieb sein kann, eine Sinnesänderung bewirkt hat, muß ich dahingestellt sein lassen.