Part 5
Die Einfahrt in die Bucht von Lindi hat etwas Feierliches an sich. Hart biegt das Schiff um Kap Banura herum, da weitet sich vor uns plötzlich ein gewaltiges Becken, wohl 15 Kilometer lang und 5 bis 6 Kilometer breit; die umgebenden grünen Bergzüge sind nicht hoch, aber doch stattlich zu nennen und stürzen besonders aus dem Südufer steil zum Meer ab. Der „Rufidyi“ sieht aus wie ein schwarzes Pünktchen auf dieser weiten, silberglänzenden Fläche. Rasch nähert er sich dem Städtchen Lindi selbst. Es liegt unter dichten Kokos- und Kasuarinenhainen malerisch auf einer Landzunge, die gebildet wird durch die abschließende Rückseite der rechtwinkeligen Bucht und das linke Ufer eines scheinbar gewaltigen Stromlaufes, der sich über Lindi hinaus sichtlich noch tief ins Innere fortsetzt. Der Geograph weiß, daß dem nicht so ist, sondern daß diese wohl immer noch 800 bis 1200 Meter breite Wasserfläche das Ästuar des winzigen Lukuledi darstellt. Dieser würde ein solches Bett heute nimmer zu füllen vermögen; was wir als seine Mündung betrachten, ist vielmehr das tief unter das Niveau des Indischen Ozeans gesunkene, ganze Flußtal eines weit ältern Lukuledi. Geologisch sind alle unsere Häfen an dieser Küste gleichen Ursprungs; ob Daressalam, ob Kilwa Kisiwani, Lindi oder Mikindani, sie alle sind vollgelaufene Täler. Afrika mit seiner ungefügen Masse sieht auf der Landkarte langweilig aus, das gebe ich zu; rückt man aber dem Erdteil selbst auf den Leib, so ist er in allen seinen Teilen interessant. Schon an der Küste hebt es an.
Viertes Kapitel.
Lehrzeit an der Küste.
+Lindi+, 9. Juli 1906.
Afrika ist das Land der Geduldübung. Mit diesem Übelstande haben sich alle Reisenden vor mir abfinden müssen; auch mir scheint er nicht erspart werden zu sollen. Erst beinahe drei Wochen tatenlos in Daressalam, jetzt schon wieder fast ebensolange in einem andern Küstennest; das ist etwas viel, zumal wenn man für seine Reise so wenig Gesamtzeit zur Verfügung hat und wenn gerade die schönste Periode des Jahres, der Anfang der Trockenzeit, unwiederbringlich dahinschwindet.
In Daressalam war der Grund für das lange Hinzögern des Aufbruchs die Seltenheit des Dampferverkehrs an der Küste; hier in Lindi ist es die Abwesenheit des kaiserlichen Bezirksamtmanns und die damit im Zusammenhang stehende Entblößung des Bezirksamts von verfügbaren Polizeitruppen. Ohne Soldaten soll ich nicht gehen; Soldaten sind aber erst dann zu haben, wenn Herr Ewerbeck zurück sein wird; folglich muß ich dessen Rückkehr wohl oder übel abwarten. Aber langweilig ist die Zeit mir weder in Daressalam, noch hier in Lindi geworden. Daressalam mit seinem Volksreichtum und seinen vielen Weißen würde auch schon dem bloßen Touristen genug des Neuen bieten, um wieviel mehr mir, der ich mich, sooft es nur meine Zeit zuließ, im engsten Verkehr mit den Eingeborenen für meine Forschungsaufgabe vorbereitet habe. Ich habe manchen Vor- und Nachmittag in den Hütten und auf den Höfen der Eingeborenen zugebracht und habe auch wunderhübsche Ngomenlieder auf der Phonographenwalze festgelegt, ganz abgesehen von den zahlreichen Liedern, die ich Solosängern verdanke, und den Spielproben, die Angehörige der verschiedensten Völkerstämme vor mir in meinem Moskitoparadies auf dem Deversschen Hof auf ihren Stammesmusikinstrumenten ablegten. An einem Tage hatte das Bezirksamt von Daressalam in entgegenkommendster Weise sogar ein Ngomenfest eigens für meine Aufnahmezwecke veranstaltet. Leider sind meine damaligen kinematographischen Aufnahmen alle verwackelt oder überexponiert, so daß mir lediglich der Trost einiger passabel gelungener photographischer Wiedergaben dieser originellen Tänze und die guten Phonogramme bleiben. Über diese Tänze und ihre Begleitung später mehr.
Hier in Lindi hat mein Aufenthalt nicht so harmlos und friedfertig begonnen, wie ich es erhofft hatte. Kaum einen Tag nach meiner Landung mußte ich schon Zeuge der Hinrichtung eines Aufständischen sein. Angenehm ist eine solche Exekution entschieden selbst für harte Gemüter nicht; wenn sich dann aber zu dem Verlesen des langen Urteils in Deutsch und Suaheli auch noch ein bemerkenswertes Ungeschick in den technischen Vorbereitungen geltend macht, wie das hier der Fall war, so wird die Prozedur sogar für den gleichgültigsten Schwarzen eine Qual. Zwar hatte man an dem starken horizontalen Ast des großen Baumes, an dem in Lindi die Hinrichtungen gewohnheitsmäßig vollzogen werden, zur Vorsicht gleich zwei Schlingen angebracht; aber als der Verurteilte schließlich oben auf der Plattform, von der er den unfreiwilligen Sprung ins Jenseits unternehmen sollte, vor ihnen stand, zeigte es sich, daß beide nicht einmal bis zur Höhe des Halses herunterreichten. Die stoische Ruhe, mit der der Delinquent dann das Heranschleppen einer Leiter und die Verlängerung eines der Stricke abwartete, war für den Negercharakter mit seiner geringen Einschätzung des eigenen Lebens jedenfalls außerordentlich bezeichnend.
Im Gegensatz zu anderen Küstenstädten hält Lindi auch in seinem Innern, was es bei seinem äußern Anblick verspricht. Freilich ist die lange, gewundene Gasse, in der die Inder ihre Läden und Werkstätten haben, ebenso häßlich, wenn auch hie und da nicht ohne malerischen Anstrich, wie die entsprechenden Stadtteile von Mombassa, Tanga und Daressalam, doch liegen die Eingeborenenhütten in den anderen Teilen des weitläufig angelegten Städtchens alle in frisches Grün eingebettet. Im Straßenleben walten gegenwärtig zwei Elemente vor: der Askari und der Kettengefangene; beide stehen in inniger Wechselbeziehung zum soeben beendeten Aufstand. Von der Schutztruppenkompagnie Nr. 3 liegt zwar der bei weitem größte Teil augenblicklich an strategischen Punkten im Innern, in Luagala auf dem Makondeplateau, und in Ruangwa, dem ehemaligen Gebiet des Häuptlings Seliman Mamba, weit hinten im Wamueralande; trotzdem aber bleibt für die Garnison noch genug Khaki übrig, ja, die ockerbraune Farbe unserer Soldatenbluse ist sogar eine ständige Erscheinung im Straßenbilde. Überall in der Umgebung der beiden Bomen, der alten Polizeiboma sowohl wie auch der neueren Schutztruppenkaserne, zeigen sich lange „Ketten“, vor und hinter denen je ein reisiger Krieger als Aufsichtsposten schreitet. Diese Ketten sind, wie der Name sagt, durch Eisenketten aneinander gefesselte Strafgefangene, die in dieser Weise ihre Schuld sühnen. Was ist bei uns daheim im Reichstag über die Barbarei dieser Art von Strafvollzug alles geredet worden, und wie oberflächlich ist die Mehrzahl der Redner sicher über die Psyche und das Rechtsgefühl des Negers unterrichtet gewesen! Immer und immer wieder haben berufene Federn, d. h. Männer, die auf Grund eines langen Aufenthalts im Lande auch das Volk und seinen Charakter kennen, darauf hingewiesen, daß für den Schwarzen ein bloßes Einsperren keine Strafe, sondern eher eine direkte Anerkennung seiner mehr oder minder großen Schandtat sein würde; aber wie wenig hat das genützt! Wir Deutsche müssen nun einmal schablonisieren und selbst so verschieden geartete Rassen wie Weiß und Schwarz über ein und denselben Kamm scheren. Freilich, eine Annehmlichkeit ist das Zusammengekettetsein mit rund einem Dutzend Leidensgenossen unter keinen Umständen, wenngleich die Kette seitlich des Halses durch einen weiten Ring läuft, so daß für den Einzelnen wenigstens eine geringe Bewegungsfreiheit besteht; welche Unzuträglichkeiten bringt allein die ungleiche körperliche Organisation in bezug auf die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse mit sich! Doch zu ihrem Vergnügen werden die Leute ja auch nicht angekettet.
Besonders schwere oder gesellschaftlich hervorragende Übeltäter scheinen übrigens den Vorzug der Einzelhaft zu genießen. In den Gesprächen der wenigen Europäer, die augenblicklich in Lindi leben, kehrt am häufigsten der Name Seliman Mamba wieder; er hat im Aufstande des Südbezirks so lange die Führung innegehabt, bis man ihn schließlich erwischt hat, und nun harrt er im Lazarett von Lindi der Vollstreckung des jüngst über ihn gesprochenen Urteils. Da er eine ganze Reihe von Menschenleben, auch das von Europäern, auf dem Gewissen hat, so hat er sein Schicksal wohl verdient. Als historische Persönlichkeit, die in den Annalen unserer Kolonie zweifellos lange weiterleben wird, war Seliman Mamba wohl der Verewigung seiner Züge würdig, und darum habe ich ihn eines schönen Tags im Hofe des Lazaretts photographiert. Der Mann war sichtlich leidend und konnte die schwere Kette nur mit größter Anstrengung mit sich tragen. Seine unmittelbar bevorstehende Hinrichtung wird für ihn in jeder Beziehung eine Erlösung sein.
Weitaus erfreulicher als alle diese Einblicke in die Folgen des Aufstandes sind die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit meinen eigenen Leuten und den Suaheli gewesen. Meine Wanyamwesiträger scheinen das tatenlose Stillsitzen nicht vertragen zu können; vom zweiten Tage unseres Aufenthalts in Lindi an belagern sie mich von morgens früh bis abends spät mit der stummen oder auch lauten Bitte, ihnen Beschäftigung zu geben. Das habe ich auch mit vielem Vergnügen getan; die Leute haben zeichnen müssen, soviel sie nur wollten, und haben auch in meinen Phonographentrichter singen dürfen, sooft sich dazu die Gelegenheit bot. Schon jetzt zeigt sich, daß unsere etwas abenteuerliche und vom Meergott durchaus nicht freundlich behandelte Fahrt auf dem „Rufidyi“ wenigstens +ein+ versöhnendes Ergebnis gezeitigt hat: bei meinen Leuten haben sich ihre Leiden und die daraus entsprungene Behandlung seitens der Schiffsmannschaft zu einem Liede verdichtet, das sie jetzt gern und oft, mit viel Ausdauer und auch mit durchaus ansprechender Vortragsart singen. Hier ist es:
[Music:
~Weise A.~
~To_ko_ke_yu_la pa_ka kwä_u_pe To_ko_ke_yu_la mu_me_ri wa_wa to_ka_ti_a na_nan_ga~
~Weise B.~
~u_lu_ke_yew_one ta_bu wa_wa ta_bu_ya fu_ma kwe_li ya ku_o_la_ga yu_ku_fu_lu mun_gu su_mi_rai yu_wa_ki_ba_lu.~
]
Dem Inhalte nach heißt das etwa folgendermaßen:
„Wir sind Tag und Nacht, bis zum hellen Tage, an Bord gewesen und haben dann Anker geworfen. Die Baharia an Bord, die Matrosen, aber haben gesagt: Ihr Schensi aus dem Innern, ihr werdet euch tot speien. Aber wir sind doch heil nach Lindi gekommen und haben (zu den Baharia) gesagt: Ihr habt Gott verspottet (indem ihr sagtet, wir würden sterben), aber wir sind doch gesund angekommen.“
Diese Sangeslust ist für die Wanyamwesi charakteristisch. Im Laufe meines unfreiwilligen Aufenthaltes habe ich schon manchen Photographierbummel unternommen, bei denen mich meine Leute gar zu gerne begleiten. Dann muß ich die wenigen Gerätschaften, die zu solchem Vorhaben nötig sind, immer auf möglichst viele meiner Braven verteilen, damit nur ja auch jeder etwas zu tragen hat. Es dauert dann niemals sehr lange, bis Pesa mbili, der Mnyampara oder Trägerführer, mit seiner wohlklingenden Stimme zu singen anhebt, worauf dann prompt und in bewunderungswürdigem Takt der Chor einfällt. Auch von diesen kleinen Marschliedern hier eine Probe:
~Kabowé kabowé komässó; Namuki kabowé komässó. Wambunga kabowé komässó, Namuki kabowé komässó. Ki kabowé komässó. Wamuera kabowé komässó; Ki kabowé komässó: Wakumbwa kabowé komässó.~
Wir schießen, wir schießen mit den Augen; die Namuki schießen wir mit den Augen, Die Wambunga schießen wir mit den Augen; die Namuki schießen wir mit den Augen, Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wamuera schießen wir mit den Augen; Krach! Wir schießen mit den Augen; die Wakumbwa schießen wir mit den Augen.
Dem Inhalt dieses Liedes nach zu urteilen, müssen die Wanyamwesi gut deutsch gesinnt sein, denn sie ziehen der Reihe nach gegen alle aufständischen Völker des Südens zu Felde und zerschmettern sie. Die Namuki sind identisch mit den Majimaji, den Aufständischen von 1905/06. Das Vortragstempo ist ein rasendes Parlando, das eine Wiedergabe in Notenschrift unmöglich macht. Der Ausruf „ki“ bezeichnet nach der übereinstimmenden Schilderung Pesa mbilis und der Intelligenteren unter seinen Freunden den Ausdruck der Kraft, mit dem die Rugaruga, die Hilfskrieger, dem verwundeten Feinde den Schädel zerschmettern, und sei es selbst mit dem Stoß oder Schlag der eigenen Ferse. Mit Wucht stampfen die Sänger bei jedem „ki“ den Boden, daß er erzittert; fast glaubt man bei diesem „ki“ das Krachen der Schädel zu hören, so völlig vermögen sich selbst diese friedlichen Söhne des Nordens von Deutsch-Ostafrika in die Greuel des verflossenen Aufstandes hineinzuversetzen. Dieses Trutzlied ist nämlich sicher nicht eigene Komposition meiner Leute; es ist von andern Stammesgenossen übernommen worden, die im letzten Feldzuge Kriegsdienste als Rugaruga geleistet haben und sich nun beschäftigungslos in Lindi herumtreiben. Einige von ihnen habe ich für den Marsch nach Massassi noch als Träger mieten müssen; sie sind in ihrem ganzen Auftreten viel bestimmter, trotziger als meine sanften, großen Kinder von Daressalam, so daß ich froh sein werde, sie nach Erreichung des Zieles wieder loszuwerden. Von ihnen, denke ich, wird das Lied stammen.
Da ich nun einmal bei der Musik bin, will ich auch noch ein übriges tun und ein dem Inhalte nach dem vorigen eng verwandtes Marschlied der Sudanesensoldaten bringen, welches mir der Sol (Feldwebel) Achmed bar Schemba und ein paar Sektionen aus der dritten Schutztruppenkompagnie auf Befehl ihres Kompagnieführers, des trefflichen alten „Afrikaners“ Seyfried, in den Phonographentrichter sangen. Wie aus Erz gegossen, stand der kleine Sol vor der aufnahmebereiten Maschine; die braunen, hageren Krieger aber aus Dar For und den Nebenländern traten hinter ihm an wie auf dem Exerzierplatz: zweigliedrig, genau auf Vordermann. Es war nicht leicht, sie in die zweckentsprechende Keilform umzustellen. Das Lied lautet:
[Music:
~Solo. (Weise A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor. (Weise A) stets gleichbleibend.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (A)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B)~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Solo. (B′)~
~Jum_be sa_ne pis al_lah al_la_ho daim al_lah~
~Chor.~
~daim o daim al_lah al_la_ho daim al_lah~
]
Nach Aussage der Sänger, die vorwiegend Nubier sind, ist das Lied im Dialekt von Dar For abgefaßt, ihrer Muttersprache. Eine wörtliche Übersetzung ist für mich noch nicht zu erlangen gewesen. Dem Inhalt nach bedeutet der mit beneidenswerter Lungenkraft und bewunderungswürdiger Ausdauer gesungene Text etwa folgendes:
„Wir sind allezeit stark. Der Jumbe ist aufgehängt worden, auf Befehl Gottes. Der Hongo, der Rädelsführer im Aufstand, ist gestorben; auf Befehl Gottes.“
So viel über die Ergebnisse meiner musikalischen Forschung, soweit sie den hier landfremden Elementen der Wanyamwesi und der Nubier angehören. Ob die Ngomenlieder, die ich in Lindi bisher von den Angehörigen einiger Binnenlandstämme, vor allen der Yao, auf der Walze niedergelegt habe, gelungen sein werden, kann ich noch nicht sagen, da, wie ich zu meinem Entsetzen merke, meine Aufnahmewalzen unter der Wirkung der feuchten Wärme anfangen weich zu werden, so daß ich zwar Aufnahmen machen, aber keine Wiedergaben riskieren kann, ohne die ganze Aufnahmeschicht zu gefährden. Schöne Aussichten für die Zukunft!
Psychologisch hochinteressant ist das Verhalten der Naturkinder meinen verschiedenen Apparaten gegenüber. Die photographische Kamera ist, wenigstens an der Küste, nichts Neues und Ungewohntes mehr; mit ihr hat man demgemäß auch weniger Schwierigkeiten, auch zeigen sich die Eingeborenen über die Ergebnisse des Verfahrens nicht merklich erstaunt. Als Übelstand kommt höchstens in Betracht, daß die Angehörigen des weiblichen Geschlechts sich der Aufnahme meist durch schleunigste Flucht zu entziehen wissen. Dem war schon in Daressalam so. Ganz ohne Verständnis hingegen steht das Volk dem Kinematographen gegenüber; er ist eine „Enchini“, eine Maschine, wie so vieles andere auch, was der „Msungu“, der Weiße, mit ins Land bringt; und wenn nun der Weiße eine zierliche Kurbel an dem kleinen schwarzen Kasten dreht und in dumpfem Rhythmus dabei zählt: 21, 22, 21, 22, so heimelt den Schwarzen wohl dieser Rhythmus an, da seine Arbeitslieder im allgemeinen von derselben stumpfsinnigen Einförmigkeit sind, aber was bei dem ganzen Vorgang herauskommen soll, versteht er nicht im mindesten; auch ist es ihm vollkommen gleichgültig.
Aber der Phonograph, der ist eine Enchini ganz nach dem Herzen des schwarzen Mannes und auch der schwarzen Frau. Es wird für mich immerdar, und sollte ich steinalt werden, eine der nettesten Erinnerungen meines Afrikaaufenthaltes bleiben, wie auf dem Deversschen Hof in Daressalam sich ein paar Angehörige des zarten Geschlechts mit dem Apparat abgefunden haben. Nachdem auf dem hinten im Eingeborenenviertel gelegenen Festplatz die Ngomen der verschiedenen Völkerschaften, hier der Manyema, dort der Wasaramo, drüben irgendeines Küstenklubs, sich in ihren zum Teil scheußlichen, aber durchweg malerischen Kostümen genugsam produziert hatten, war ich an der Spitze eines nach Hunderten zählenden Teils der Tänzer und Tänzerinnen vor mein Zimmer gezogen, um hier auch den gesanglichen Teil festzulegen. Alles war nach Wunsch gegangen; jedesmal aber, wenn ich die Membranen gewechselt und statt des Aufnehmers den Wiedergeber eingeschaltet hatte, und wenn dann der vielgliedrige Gesang in genau demselben Rhythmus und in genau derselben Klangfarbe, mit der er in den geheimnisvollen Trichter hineingesungen worden war, wieder aus ihm hervorquoll -- welch grenzenloses und dabei doch freudiges Erstaunen malte sich dann auf den von der Anstrengung des Singens und Tanzens so schweißglänzenden Gesichtern! Ganz unfehlbar fiel in jedem Einzelfall der Chor naiver Seelen ein, um allerdings von den „gebildeteren“ Elementen sehr bald durch spöttisches Gelächter eines Besseren belehrt zu werden.
Doch den schönsten Ausdruck unbefangenen Naturempfindens gaben am Schluß der Aufnahme, nachdem ich mit dem geringen Vorrat von Suaheli-Redensarten, über den ich damals verfügte, meiner Befriedigung über den Verlauf des Nachmittags Ausdruck verliehen hatte, zwei weibliche Wesen wieder, die mir vordem nicht nur durch die Eleganz ihrer Gewandung, sondern mehr noch durch die ungeheure Kraft ihrer Stimmen aufgefallen waren, mit der gerade sie beide in den unmittelbar vor ihnen aufgebauten Trichter hineingesungen hatten. Der dichte Schwarm wich zurück, so daß der Trichter einen Augenblick freistand; in den freien Raum aber trat zuerst die eine der Schönen, machte vor dem Apparat einen tadellosen Hofknix und sprach: „~Kwa heri, sauti yangu~, lebe wohl, meine Stimme!“ Damit trat sie zurück; die andere schritt herzu, und auch sie wiederholte unter tiefer Verbeugung und mit bezeichnender Handbewegung dieselben Worte. Psychologisch ist der Vorgang deswegen so bemerkenswert, weil er offenkundig zeigt, wie dem Neger das Sinnfälligste auch das Nächstliegende ist; indem beide Frauen ihr Abschiedswort sprechen, hören sie ja noch selbst, daß sie ihre Stimme nicht im mindesten verloren haben; trotzdem gilt sie ihnen, weil sie sie vorher klar und unverkennbar aus dem Trichter haben heraussingen hören, in diesem Augenblick als eingebüßt, und sie nehmen förmlich Abschied von ihr.
Über die Ergebnisse meiner auf die Kunstübung der Schwarzen gerichteten Studien will ich lieber später im Zusammenhang berichten, wenn ich auf Grund eines ungleich größern Materials einen breitern psychologischen Einblick in die Künstlerseele des Negers gewonnen haben werde. So viel kann ich indessen jetzt schon sagen, daß auch hier aller Anfang schwer ist, schwer nicht nur für die ausübenden Künstler, sondern mehr noch vielleicht für den Forscher. In Daressalam war die Sache einfacher; mein Boy Kibwana, zu deutsch: der kleine Herr, das Herrchen, ein Jüngling vom Stamme der Wassegedju aus Pangani, der ebensowenig wie der Koch Omari, ein Bondeimann aus dem Norden der Kolonie, jemals einen Bleistift oder ein Stück Papier in der Hand gehabt hatte, war schon zu oft im Dienst von Europäern gewesen, als daß er meinem Auftrage, mir einmal etwas zu zeichnen, z. B. die Kokospalme vor meinem Fenster oder meinen Radiergummi, irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen gewagt hätte; er malte eben drauflos ohne Rücksicht auf den Kunstwert des zu erwartenden Ergebnisses.
Bei meinen Wanyamwesi, mit denen ich, schon um sie zu beschäftigen, in Lindi den Anfang gemacht habe, frommt ein einfacher Befehl nicht viel. Drücke ich einem meiner Getreuen Skizzenbuch und Bleistift in die Hände mit der Aufforderung, etwas zu zeichnen, so ertönt unweigerlich und unter einem verlegenen Lächeln ein verschämtes „~Si jui, Bwana~, ich kann doch nicht, Herr“. Dann heißt es, den Mann nach seiner Individualität behandeln; man kommt ihm energisch oder auch mit sanfter Bitte; in jedem Fall aber habe ich gefunden, daß es am meisten fruchtet, wenn man die Jünglinge bei ihrem Ehrgeiz faßt: „Ach was, du bist doch ein kluger Kerl, ein ~mwenyi akili~; sieh doch mal her, dein Freund Yuma da drüben, der doch lange nicht so klug ist wie du, was kann der schön zeichnen; hier setz’ dich mal hin und male einmal gleich den Yuma selbst ab.“ Einer derartigen schmeichelhaften Hervorhebung ihrer Verstandeskräfte haben bisher unter meinen Leuten nur ganz wenige widerstanden, die, allen aufmunternden Worten zum Trotz, auch fernerhin dabei blieben, sie könnten’s nun einmal nicht. Den anderen ist es ergangen wie dem Löwen, der Blut geleckt hat: sie sind unersättlich, und wenn ich zwei Dutzend Skizzenbücher mitgebracht hätte, sie würden dauernd alle besetzt sein. Pädagogisch richtiger als das von mir zuerst eingeschlagene Verfahren, dem Neuling die Auswahl des ersten Objekts selbst zu überlassen, ist übrigens das andere, nach dem man den Leuten zunächst einen ihnen ganz vertrauten Gegenstand, eine Wanyamwesihütte, oder ein Huhn, eine Schlange oder etwas Ähnliches zu zeichnen empfiehlt. Dann zeigt sich, daß sie mit einigem Zutrauen zu sich selbst an die Arbeit gehen und daß sie auf ihre Meisterwerke unbändig stolz sind, wenn ihr Herr auch nur das geringste Wort des Lobes äußert. Selbstverständlich würde ich niemals auch nur den Schatten eines Tadels auf die Zeichnungen fallen lassen; es ist ja nicht der Endzweck meiner Forschung, zu kritisieren und zu verbessern, sondern lediglich das künstlerische Vermögen der Rasse zu studieren und die psychologischen Vorgänge beim Werden des Kunstwerks zu ergründen.