Part 10
Ach, und schön ist der frühe Tropenmorgen. Es ist mittlerweile stark auf 6 Uhr gegangen; die dunkle Nacht ist schnell der kurzen Dämmerung gewichen; glänzende Strahlen der rasch emporsteigenden Sonne huschen über das leichte Gewölk am Firmament; unversehens steigt die Scheibe des Tagesgestirns in wunderbarer Majestät über den Horizont empor. In rüstigem, ausgiebigem Schritt, noch eng aufgeschlossen, eilt der Zug durch das taufeuchte Pori dahin; vorn, wie auf einem Kriegsmarsch, zwei Soldaten als Spitze; in einigem Abstand dahinter wir Europäer; unmittelbar nach uns die Leibdienerschaft mit Gewehr, Reiseflasche und Reisestühlchen; dann der Haupttrupp der Soldaten; dahinter der lange Zug der Träger und Askariboys; am Schluß endlich, zur Aufmunterung für alle Säumigen, doch auch zur Unterstützung etwaiger Maroder, zwei Soldaten als Nachspitze. Eine bewunderungswürdige Erscheinung ist der Mnyampara, der Trägerführer. Er bekleidet eigentlich eine Art Ehrenstellung, denn er bekommt keinen Heller mehr als der letzte seiner Untergebenen. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch nicht einmal richtig; ~primus inter pares~ sollte man ihn lieber nennen. Der Mnyampara ist überall; er ist an der Spitze, wenn der Herr ihn ruft, und er ist weit hinten am äußersten Ende des mit jeder Marschstunde länger werdenden Zuges, wenn dort ein Kranker seiner Hilfe benötigt. Den stützt er; er nimmt ihm ganz ohne weiteres die schwere Last ab, um sich selbst damit zu beladen; er bringt ihn sicher ins Lager. Mit meinem Pesa mbili scheine ich einen besonders glücklichen Griff getan zu haben. Er ist jung wie die allergrößte Mehrzahl meiner Leute, vielleicht 23 bis 25 Jahre, tiefschwarz in seiner Hautfarbe; mit katzenhaft funkelnden Augen im ausgeprägten Negroidengesicht; nur mittelgroß, aber ungemein sehnig und kräftig; er spricht ein schauderhaftes Suaheli, weit schlechter als ich, und noch dazu so rasch, daß ich ihm kaum zu folgen vermag; aber er ist bei alledem ein Juwel. Nicht bloß, daß er ein unvergleichlicher Sänger ist, dessen angenehmer Bariton niemals ruht noch rastet, ob wir lagern oder marschieren, nein, auch in der Organisation des Lagerlebens, der Aufteilung und Anstellung seiner Leute ist er ein Meister.
Der Anforderungen gibt es genug, die an einen solchen Reisemarschall am Schluß des Tagesmarsches gestellt werden. Längst ist die herrliche Morgenkühle einer recht fühlbar hohen Temperatur gewichen; der Europäer hat seinen leichten Filzhut oder die noch leichtere Reisemütze mit dem schweren Tropenhelm vertauscht; die nackten Leiber der Träger aber überziehen sich mit einer glänzenden Politur. Sie, die schon von 4 Uhr an am Lagerfeuer fröstelnd den warmen Tag herbeigesehnt haben, haben jetzt dies Ziel ihrer Wünsche im vollsten Maße erreicht; ihnen ist sehr warm, und der Weiße tut jetzt sehr wohl daran, nicht in oder hinter der Karawane zu marschieren; er möchte sonst mehr, als ihm angenehm sein würde, Gelegenheit zu Studien über den Rassengeruch finden. Nach 2 oder 2½ Stunden erste Rast. „~Kiti kidogo~, den kleinen Stuhl“, ruft der Europäer nach hinten. Blitzschnell hat der Leibpage das nette, zierliche Gerät, das äußerlich einem kleinen Sägebock gleicht, das aber unter seiner obern, abknöpfbaren Sitzfläche noch eine sehr sinnreich erdachte andere, länglichoval durchbrochene Zeugfläche aufweist, die die Benutzung dieses nützlichen Möbels auch im verschwiegenen Urwalde gewährleistet, dem Europäer untergeschoben; langsam wälzt sich jetzt auch die lange Schlange der Lasten heran, um schwer von Kopf und Schulter der Leute zu Boden zu sinken. Des weißen Herrn harrt jetzt ein keineswegs opulentes Frühstück von ein paar Eiern, einem Stück kalten Fleisches, oder ein paar Bananen; die Schwarzen aber, die ganz nüchtern aufgebrochen sind, fasten auch jetzt noch unentwegt weiter. Man begreift nicht, wie die Leute die immerhin beträchtliche Arbeitsleistung eines vielstündigen Marsches unter einer 60 bis 70 Pfund schweren Last bei solcher Anspruchslosigkeit zu leisten vermögen; doch sie verlangen es gar nicht anders. In den spätern Marschstunden tritt zwar eine merkliche Ermüdung ein; der Schritt wird langsamer und kürzer, die Lasten bleiben auch mehr und mehr hinter der unbepackten Suite der Weißen zurück, doch wenn sie schließlich an den Lagerplatz herankommen, so sind die Leute noch ebenso vergnügt und fröhlich wie am frühen Morgen. Derselbe Lärm, dasselbe Getöse, doch jetzt ein ganz anderer Wortlaut aus den Kehlen der Sänger -- alles das rasselt auf den längst dasitzenden Europäer hernieder. Meiner Truppe scheint es das Zentralmagazin zu Daressalam angetan zu haben; dort sind sie in meine Dienste getreten, und dieses weitläufige Gebäude feiern sie nunmehr auch im Schlußgesang ihres Tagemarsches.
Das Ende des Marsches bedeutet noch längst nicht den Abschluß der Obliegenheiten meiner Leute, weder der Boys, noch der Askari, noch der Träger. Prüfend hat sich der Expeditionsführer nach einem Zeltplatz umgeschaut. Ihn gut zu treffen, ist, glaube ich, eine Sache des Talents und der Begabung. Als Grundregeln sind dabei zu beachten: die Nähe trinkbaren Wassers und Abwesenheit schädlicher Insekten wie Rückfallfieberzecken, Moskitos und Sandflöhe. Sekundär, aber doch auch wichtig, ist die Festlegung der Zeltachse zur Sonnenbahn und eine möglichst anzustrebende Lage im Schatten belaubter Bäume. Ich zeichne der Einfachheit halber den Zeltgrundriß auf den sorgsam gesäuberten Sandboden, wobei ich die gewünschte Lage der Zelttür durch Unterbrechung der Linienführung andeute. Das genügt meinem kommandierenden Gefreiten vollkommen. Kaum sind die beiden Unglücklichen, deren Schultern das schwere Tippelskirchzelt drückt, herangekeucht, so sind auch schon die Lasten aufgerollt; im Nu hat jeder Krieger seinen Platz eingenommen; eins, zwei, drei stehen die beiden Tragpfähle senkrecht; dann hallen auch bereits die Schläge auf die Zeltpflöcke. Währenddem ergötzen sich Moritz und Kibwana, die beiden Boys, an meinem Bett. Diese Betätigung muß für die Neger den Himmel auf Erden bedeuten. Sie werden und werden damit nicht fertig; Schelte und selbst angedrohte Prügel nützen nichts; es ist, als ob das auch sonst schon so schwerfällig arbeitende Hirn der schwarzen Gentlemen sich hier ganz einlullte. Mechanisch bauen sie das Gestell auf; mechanisch breiten sie Korkmatratze und Decken aus; ebenso stumpf und dumpf errichten sie schließlich den Kunstbau des Moskitonetzes. Die Soldaten sind längst von dannen geeilt; da erst schleppen meine Herren Diener das Schlafgerät ins Zelt hinein.
Auch meinen Trägern ist inzwischen noch allerlei Arbeit erblüht. Wasser muß für die ganze Karawane geholt werden, Feuerholz für die Küche; schließlich muß auch noch jene verschwiegene Baulichkeit errichtet werden, die im Kisuaheli den Namen Choo führt. Es ist weit über Mittag geworden, da endlich kommen auch die Träger zu ihrem Recht; sie sind nunmehr Herren ihrer Zeit und können sich für ein paar kurze Stunden selbst leben. Auch jetzt schwelgen sie nicht. Der Süden Deutsch-Ostafrikas ist sehr wildarm, zudem habe ich zum Jagen keine Zeit; Fleisch ist also etwas kaum Gekanntes in dem Speisezettel meiner Leute. Ugali und immer wieder Ugali, d. h. Tag für Tag den steifen, zu einer glasigen Konsistenz eingekochten und schließlich mittels des Rührlöffels zu einer Art Puddingform zurechtgeklopften Brei aus Hirse, Mais oder Maniok, das ist das Normalgericht, um mit Oskar Peschel zu reden, auf das sich die Lebenshaltung unserer schwarzen Brüder stützt.
Hier in Massassi hat sich das Blatt gewendet; jetzt haben es meine Leute gut, während ich kaum eine Minute aus der Arbeit herauskomme. Meine Schutztruppe wohnt sehr vornehm; sie hat die Barasa, die auf Pfeilern ruhende Beratungshalle links von meinem Palais, bezogen und nach Negerart ausgebaut. Der Neger liebt keinen gemeinsamen Raum; er kapselt sich gern ein. Das ist schnell geschehen; ein paar Horizontalstangen als Baugerüst rings um die geplante Kabine; dann eine dichte Lage hohen afrikanischen Strohs daran gebunden, und ein netter, bei Tag kühler, bei Nacht warmer Raum ist für jeden einzelnen geschaffen. Die Träger dagegen haben sich auf dem weiten Platz vor meinem Hause Hütten gebaut, einfach und nett, doch zu meinem maßlosen Erstaunen ganz im Massaistil. Nichts von Rundhütte und nichts von Tembe, sondern wirklichen und wahrhaftigen Massaistil. Über die Rundhütte und ihre Eigenart werde ich mich später genugsam äußern können; wer aber nicht wissen sollte, wes Art eine Tembe ist, dem sage ich: das ist eine Bauart, die man sich am besten vergegenwärtigen kann, wenn man zwei oder drei oder vier gedeckte Güterwagen unserer Eisenbahnen rechtwinklig aneinanderstellt, so daß sie ein Rechteck bilden mit den Türen nach innen. Verbreitet ist diese Tembe über große Teile des Nordens und des Zentrums von Deutsch-Ostafrika, von Unyamwesi im Westen bis in die küstennahen Landschaften im Osten, und vom abflußlosen Gebiet im Norden bis nach Uhehe im Süden. Der Wohnbau der Massai endlich läßt sich am besten einem Rohrplattenkoffer mit seinen abgerundeten Vorder- und Hinterkanten vergleichen. Während nun die Massai bekanntermaßen baumlange Kerle sind, sind ihre Hüttchen, die ganz im Sinne ihrer Erbauer als eines Volkes von Viehzüchtern ~par excellence~ nett und geruchvoll mit Kuhdung beworfen werden, so niedrig, daß auch ein normal gewachsener Mensch in ihnen nicht stehen kann. Solches tun auch meine Wanyamwesi in ihren leichten Strohbauten nicht; dafür liegen und lungern sie den ganzen Tag faul auf ihren Strohschütten herum.
Um so fleißiger bin ich. Der Tropentag ist kurz, er mißt jahraus jahrein nur 12 Stunden; deshalb heißt es, ihn ausnutzen. Um Sonnenaufgang, also 6 Uhr, ist schon alles auf den Beinen; rasch ist das Frühstück erledigt; dann gehts ans Tagewerk. Es beginnt kurios genug. Wohl jeder Führer einer Afrika-Expedition hat die Erfahrung gemacht, daß die Landeskinder in ihm einen der Heilkunst kundigen Helfer sehen; in langer Reihe stehen denn auch bei mir allmorgendlich die Patienten da. Zu einem Teil gehören sie der Schar meiner eigenen Leute an, zum anderen sind es Einwohner aus der näheren und weiteren Umgebung von Massassi. Einem meiner Träger ist es schlimm ergangen. Die beliebteste Form der Trägerlast ist in Ostafrika die amerikanische Petroleumkiste. Das sind leichte, aber festgebaute Holzbehälter von etwa 60 ~cm~ Länge und 40 ~cm~ Höhe bei 30 ~cm~ Breite. Ursprünglich haben sie zwei sogenannte Tins mit amerikanischem Petroleum enthalten, sehr stattliche Blechgefäße von quadratischem Querschnitt, die jenen Kisten längst entfremdet sind, um im Haushalt der Suaheli ein hochgeachtetes Dasein als Gebrauchsgefäße für alles zu spielen. In der Tat steht die Küstenkultur offenkundig unter dem Zeichen dieses Blechgefäßes; Tins überall, in der Markthalle, auf den Straßen, vor den Hütten und in den Hütten; selbst das Klosett für die Farbigen auf unserem Dampfer „Rufidyi“ enthielt als wesentlichsten Bestandteil lediglich einen solchen Tin.
Nur eine meiner Kisten war noch ihrer ersten Bestimmung treu geblieben; in ihrem Bauche wanderten zwei bis an den Rand mit Petroleum gefüllte Blechgefäße auf der Schulter des Mnyamwesi Kasi Uleia (zu deutsch etwa „er nimmt Arbeit beim Europäer“) von der Küste ins Innere. Rüstig schreitet der Wackere vorwärts. „Es ist warm,“ denkt er, „ich fange an zu schwitzen. Na, das schadet weiter nichts, das tun die andern auch.“ -- „Ach, es ist doch wirklich sehr warm,“ sagt er nach einiger Zeit halblaut vor sich hin, „selbst mein ~mafuta ya uleia~, mein Petroleum, fängt an zu riechen.“ Es riecht auch immer weiter; der Träger wird naß und nässer. Schließlich ist der Tagemarsch zu Ende, und Kasi Uleia setzt seine duftige Last mit einem doppelten Gefühl der Erleichterung zur Erde. Leicht ist ihm einmal durch die Erlösung von dem sogar für eine Negernase starken Geruch; sodann ist auch seine Last selbst im Laufe des mehr als sechsstündigen Marsches seltsamerweise immer leichter geworden. Endlich dämmert dem guten Schwarzen und seinen Freunden die Wahrheit auf; es ist nur gut, daß sie keine Streichhölzer besitzen; wäre eins von ihnen in Kasi Uleias Nähe entzündet worden, der ganze Kerl wäre in Flammen aufgegangen, so durchtränkt war der Ärmste mit dem Leuchtmaterial des Herrn Rockefeller.
Entweder muß man es als Beweis höchster Disziplin oder höchsten Stumpfsinns betrachten, Tatsache ist, daß dieser Träger sich nicht etwa gleich am ersten Tage, wo er und seine Freunde die Undichtigkeit eines der beiden Blechgefäße entdeckt hatten, bei mir meldete, sondern daß er in aller Seelenruhe seine fröhlich weiterrinnende Petroleumquelle am nächsten Frühmorgen von neuem aufgenommen und ohne Murren bis zum Halteplatz weiter getragen hat. Auch jetzt hat er wieder förmlich in Petroleum geschwommen; dies hätte Kasi Uleia in seiner Gemütsruhe auch jetzt nicht gestört, hätten sich nicht bereits die ersten Anzeichen eines Ekzems bemerkbar gemacht, das ihn doch etwas beunruhigte. So kam er denn endlich an und sagte, was eben jeder Neger sagt, wenn ihm etwas fehlt und er vom alles vermögenden Weißen Hilfe erheischt: „~Daua, bwana~, Medizin, Herr“, und wies mit bezeichnender, aber keineswegs entrüsteter Gebärde auf seinen körperlichen Zustand hin. Zu allererst hielt ich hier eine tüchtige Seifenkur für angebracht, einmal des Petroleums wegen, sodann auch, um den Schmutzüberzug, der sich während des siebentägigen Marsches auf dem Körper des sonst außerordentlich reinlichen Trägers abgelagert hatte, zu entfernen. Später habe ich den Mann mit Lanolin behandelt, von dem ich zum Glück eine ungeheuer große Büchse mitgenommen habe. Jetzt ist der Patient allmählich wieder von seinem Leiden befreit.
Auch die Gelegenheit, von den verheerenden Wirkungen des Sandflohes einen schwachen Begriff zu bekommen, habe ich bereits hier in Massassi gehabt. Einer der Askariboys, ein baumlanger Maaraba aus dem Hinterlande von Ssudi, tritt allmorgendlich an, um für seine stark angefressene große Zehe die übliche Daua zu empfangen. Ich bin in der höchst merkwürdigen Lage, einstweilen nicht einmal Sublimat und Jodoform in meiner Apotheke zu besitzen, sondern lediglich über Borsäure in Tabletten zu verfügen. Es muß auch mit dieser gehen, und geht auch, nur müssen sich meine Patienten wohl oder übel an eine etwas hohe Temperatur meines schwachen Desinfektionsmittels gewöhnen. Bei solchen gleichgültigen Patronen wie diesem Maaraba, der den Verlust seines Zehennagels -- dieser ist gänzlich verschwunden; an seiner Stelle breitet sich eine große, völlig vereiterte Wunde aus -- lediglich seiner negroiden Gleichgültigkeit zuzuschreiben hat, ist übrigens das heiße Wasser gleichzeitig ein sehr verdientes Strafmittel. Der Bursche brüllt jedesmal, als wenn er am Spieße stäke, und schwört, er wolle von nun an aber ganz genau auf den ~funsa~, den Sandfloh, Obacht geben. Zur Verfestigung seiner löblichen Vorsätze bekommt er dann von seinem Herrn und Gebieter, den das kindische Gebaren des Riesen weidlich ärgert, ein paar derbe, aber gutgemeinte Püffe.
Über den Gesundheitszustand der hiesigen Eingeborenen will ich mich einstweilen lieber noch nicht auslassen; das wenige, was ich in der kurzen Zeit hier in meiner Morgensprechstunde an hygienischer Vernachlässigung und hygienischem Unvermögen gesehen habe, läßt in mir den Entschluß reifen, erst noch andere Bezirke in dieser Richtung zu studieren, bevor ich mir ein Urteil bilde und es auch ausspreche. Nur soviel sei bereits hier gesagt: so glänzend wie wir es uns daheim in unserem überfeinerten Kulturleben gemeiniglich vorstellen, ist die Widerstandsfähigkeit des Negers gegen die Angriffe seines heimtückischen Erdteils durchaus nicht, und vor allem scheint eine Kindersterblichkeit zu herrschen, von deren Höhe wir uns gar keine Vorstellung machen können. Ach, ihr Ärmsten! muß man angesichts dieses Elends ausrufen.
Nach der Sprechstunde hebt das eigentliche Tagewerk an; dann ziehe ich als Diogenes durchs Land. Die ersten Tage bin ich nur mit einer Schachtel „Schweden“ bewaffnet in die Hütten der Eingeborenen gekrochen. Das war recht romantisch, doch nicht zweckentsprechend. Ich habe mir nie einen Begriff von der ägyptischen Finsternis des Alten Testaments machen können; jetzt weiß ich, daß die Benennung eines besonders hohen Ausmaßes von Lichtmangel nach dem Lande der Pharaonen nur ein ~pars pro toto~ ist; sie ist dem ganzen Erdteil eigen und ist hier in der Tiefebene im Westen des Makondeplateaus in allererster Qualität zu haben. Die Negerhütten sind nämlich ganz fensterlos. Das mag uns rückständig erscheinen, ist jedoch der Ausfluß einer langen, langen Erfahrung. Der Schwarze will sein Haus kühl haben; das kann er nur erzielen durch den Abschluß jeder Außentemperatur. Deswegen öffnet er auch so ungern Vorder- und Hintertür seines Heims, und aus dem gleichen Grunde reicht das schwere Strohdach weit über die Hauswand hinaus nach außen und unten.
Meine Stallaterne, vom Knaben Moritz morgens oder nachmittags brennend durchs Land getragen, macht den Eingeborenen viel Spaß; es ist ja auch etwas Absonderliches, gegen den Glast der strahlenden Tropensonne mit einem solch kümmerlichen Beleuchtungsapparat ankämpfen zu wollen. Um so mehr am Platz ist sie nachher im Dunkel des Hauses. Höflich habe ich oder Herr Knudsen den Besitzer gefragt, ob er gestattet, sein Haus zu besichtigen; ebenso höflich ist die Genehmigung erfolgt. Das ist dann ein lustiges Suchen in den Zimmern und Verschlägen, aus denen sich zu meiner Überraschung das Heim der hiesigen Schwarzen zusammensetzt. Die Räume sind nicht elegant, diesen Begriff kennt der Neger einstweilen noch nicht, aber sie geben ein unverfälschtes Zeugnis von der Lebensführung ihrer Insassen. In der Mitte des Hauses, zwischen den beiden Haustüren, die Küche mit dem Herde und den zum Haushalt zunächst nötigen Gerätschaften und Vorräten. Der Herd der Inbegriff der Einfachheit: drei kopfgroße Steine oder wohl gar nur Kugeln von Termitenerde, im Winkel von je 120 Grad zueinander gelagert. Darauf über schwelendem Feuer der große irdene Topf mit dem unvermeidlichen Ugali; andere Töpfe ringsum; dazwischen Schöpflöffel, Rührlöffel, Quirle. Über dem Herde, aber noch im Vollbereich seines Rauches, ein Gerüst von vier oder sechs gegabelten Stangen. Auf seinen Latten liegen Hirseähren in dichter, gleichmäßiger Lagerung; unter ihnen hängen, wie auf der Räucherkammer unserer deutschen Bauern die Schlack-, Blut- und Leberwürste, zahlreiche Maiskolben von außergewöhnlicher Größe und Schönheit, die jetzt bereits von einer glänzend schwarzen Rauchkruste überzogen sind. Wenn diese nicht vor Insektenfraß schützt, etwas anderes tut’s sicher nicht. Das ist denn auch der Endzweck dieses ganzen Verfahrens. Bei uns zulande, im gemäßigten Europa, mag es eine Wissenschaft sein, das Saatkorn keimfähig bis zur nächsten Saatperiode zu erhalten; hier im tropischen Afrika mit seiner alles durchdringenden Luftfeuchtigkeit, seinem alles zerstörenden Reichtum an Schädlingen, endlich seinem Mangel an geeignetem, dauerhaftem Baumaterial, ist dieses Hinüberretten der Aussaat eine Kunst. Es wird nicht meine undankbarste Aufgabe sein, diese Kunst in ihren Einzelheiten gründlich zu studieren.
Auch über die Wirtschaft meiner Neger, ihren Kampf mit der widerstrebenden Natur Afrikas und ihre Fürsorge für den morgenden Tag will ich mich erst später, nachdem ich mehr von Land und Leuten gesehen habe als bis jetzt, auslassen. In der völkerkundlichen und auch der nationalökonomischen Literatur gibt es eine lange Reihe von Werken, die sich mit der Klassifikation der Menschheit nach ihren Wirtschaftsformen und Wirtschaftsstufen befassen. Selbstverständlich nehmen wir die alleroberste Stufe ein; wir haben ja die Vollkultur auf allen Gebieten gepachtet; darin sind alle Autoren einig. In der Unterbringung der übrigen Menschenrassen und Völker gehen sie dafür um so weiter auseinander; es wimmelt von Halbkulturvölkern, seßhaften und nomadischen, von Jäger-, Hirten- und Fischervölkern, von unsteten und Sammlervölkern; die eine Gruppe übt ihre Wirtschaftskünste auf Grund traditioneller Überlieferung aus, eine andere kraft des angeborenen Instinkts; schließlich erscheint sogar eine tierische Wirtschaftsstufe auf der Bühne. Wirft man alle diese Einteilungen in einen gemeinsamen Topf, so entsteht ein Gericht mit vielen Zutaten, aber von geringem Wohlgeschmack. Sein Grundbestandteil läuft im großen und ganzen darauf hinaus, gerade die Naturvölker weit zu unterschätzen. Wenn man jene Bücher liest, so hat man das Gefühl, daß zum Beispiel der Neger direkt von der Hand in den Mund lebe und daß er in seinem göttlichen Leichtsinn nicht einmal für den heutigen Tag sorge, geschweige denn für den anderen Morgen.
In Wirklichkeit ist es ganz anders, anderswo wie auch hier. Und gerade hier. Für unsere intensive norddeutsche Landwirtschaft charakteristisch sind die regellos über die Feldmarken verteilten Feldscheunen und die neuerdings stets gehäuft erscheinenden Diemen oder Mieten; beide haben seit dem Aufkommen der freibeweglichen Dreschmaschine die alte Hofscheune stark entlastet, ja beinahe überflüssig gemacht. Das Wirtschaftsbild meiner hiesigen Neger unterscheidet sich von jenem deutschen nur dem Grade nach, nicht im Prinzip; auch hier Scheunen ~en miniature~ regellos über die Schamben, die Felder, verteilt, und andere Vorratsbehälter in meist erstaunlicher Anzahl und Größe neben und im Gehöft. Und leuchtet man das Innere des Hauses selbst ab: auch dort in allen Räumen große, mittels Lehm dicht und hermetisch geschlossene Tongefäße für Erdnüsse, Erbsen, Bohnen und dergleichen, und sauber gearbeitete, meterhohe Zylinder aus Baumrinde, ebenfalls lehmüberzogen und gut gedichtet, für Maiskolben, Hirseähren und andere Getreidesorten. Alle diese Vorratsbehälter, die draußen im Freien stehenden wie die im Hause selbst untergebrachten, stehen zum Schutz gegen Insektenfraß, Nagetiere und Nässe auf Pfahlrosten, Plattformen von 40 bis 60 Zentimeter Höhe, die aus Holz und Bambus gefertigt und mit Lehm bestrichen sind. Das Ganze ruht auf gegabelten, kräftigen Pfählen.
Die freistehenden Vorratsbehälter sind oft von sehr erheblichen Dimensionen. Sie gleichen mit ihrem weitausladenden Strohdach riesigen Pilzen, sind entweder aus Bambus oder aus Stroh hergestellt und innen und außen stets mit Erde ausgestrichen. Einige besitzen in der Peripherie eine Tür, ganz in der Art unserer Kanonenöfen; bei anderen fehlt dieser Zugang. Will der Herr von ihrem Inhalt entnehmen, so muß er zu dem Zweck das Dach lupfen. Dazu dient ihm eine Leiter primitivster Konstruktion. Ich habe manch eine von ihnen skizziert, doch hat mir jede ein stilles Lächeln entlockt: ein paar ästige, krumm und schief gewachsene Stangen als Längsbäume; in meterweitem Abstand darangebunden ein paar Bambusriegel -- das ist das Beförderungsmittel des Negers zu seinem Wirtschaftsfundament. Trotz seiner Ursprünglichkeit ist es indessen doch der Beweis einer gewissen technischen Erfindungsgabe.