Negerleben in Ostafrika

Part 11

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Ein uns Europäer sehr anheimelnder Zug in der Wirtschaft der hiesigen Neger ist die Taubenzucht; kaum ein Gehöft betritt der Besucher, ohne auf einen oder mehrere Taubenschläge zu stoßen. Sie sind anders als in Uleia, doch auch sie sind durchaus praktisch. Im einfachsten Falle nisten die Tiere in einer einzelnen Röhre aus Baumrinde. Diese ist der Rindenmantel eines mittelstarken Baumes, den man ablöst, an den Enden mit Stäben oder platten Steinen verkeilt und anderthalb bis zwei Meter über dem Boden anbringt, nachdem man in der Mitte der Peripherie erst noch das Flugloch ausgespart hat. Meist ruht die Röhre auf Pfählen, seltener hängt sie, einem schwebenden Reck gleich, an einem besonderen Gestell. Diese Anlage ist dann besonders günstig, denn das Raubzeug findet keinen Zugang. Und mehrt sich dann der Bestand der Tierchen, so schichtet der Hausherr Röhre auf Röhre, daß eine förmliche Wand entsteht. Neigt sich die Sonne, so tritt er oder seine Hausgenossin heran an die luftige Behausung; ein freundliches Gurren begrüßt den Nahenden aus dem Innern der Zylinder; behutsam hebt der Züchter einen bearbeiteten Klotz vom Boden auf; sacht verschließt er mit ihm das Flugloch des untersten Rohres; der zweite folgt, dann der dritte und so fort. Beruhigt verläßt der Mensch den Ort; so sind die Tierchen vor allem Raubzeug gesichert.

Seit einigen Tagen weiß ich auch, warum bei meinen Rundtouren so wenig Männer sichtbar sind. Die Negersiedelungen hierzulande verdienen kaum den Namen Dörfer; dazu sind sie zu weitläufig gebaut; von einem Hause aus sieht man nur ganz vereinzelt das nächste herüberwinken, so weit liegt es abseits. Gehindert wird der Ausblick zudem durch die zwar sehr sperrigen, aber doch saftig grünen und darum sehr undurchsichtigen Mhogofelder, die jetzt, nach der Einerntung von Hirse und Mais, neben den mit Basi bestellten Schamben allein noch die Fluren bedecken. So kann es vorkommen, daß man, um kein Haus zu übergehen, sich lediglich der Führung der ausgetretenen Feldpfade anvertrauen muß, oder aber, daß man den Geräuschen und Lauten nachgeht, die von jeder menschlichen Siedelung unzertrennlich sind. Und wie bedeutend sind diese Geräusche und Laute, denen ich hier in Massassi so ziemlich alle Tage habe nachgehen können! Wie eine lustige Frühschoppengesellschaft hört es sich an, wenn ich mit Nils Knudsen durch das Gelände streiche. Lauter und lauter werdende Stimmen, die ohne Beobachtung parlamentarischer Umgangsformen regellos durcheinanderlärmen. Mit einemmal wendet sich der Pfad, unversehens stehen wir in einem stattlichen Gehöft, und da haben wir auch die Bescherung! Es ist wirklich und wahrhaftig ein Frühschoppen, und ein recht kräftiger dazu, der Stimmung aller Teilnehmer nach zu urteilen und nach Anzahl und Ausmaß der bereits ganz oder halb geleerten Pombetöpfe. Wie bei einem Steinwurf in einen Poggenpfuhl, so verstummt bei unserem Erscheinen das Getöse. Erst auf unser: „~Pombe msuri?~, ist der Stoff gut?“ schallt ein begeistertes „~Msuri kabissa, bwana!~ Ausgezeichnet, Herr!“ aus rauhen Kehlen zurück.

O diese Pombe! Wie gut wir es im alten Bierlande Deutschland haben, begreifen wir erst, wenn wir ihm einmal schnöde den Rücken kehren. Schon in Mtua, unserem zweiten Lagerplatz nach Lindi, war uns drei Weißen ein gewaltiger Tonkrug mit dem Nationalbräu des östlichen Afrika als Ehrengabe kredenzt worden. Bei mir hatte die schmutzig graugelbe Flüssigkeit damals keine Gegenliebe gefunden; um so größere bei unseren Leuten, die mit den 25 oder 30 Litern im Nu fertig gewesen waren. Auch hier in Massassi hat die Gattin des Wanyassagroßen Massekera-Matola, eine nasenpflockbehaftete, außerordentlich nette Frau von mittleren Jahren, es sich nicht nehmen lassen, Knudsen und mir gleich an einem der ersten Abende ebenfalls den Ehrentrunk in Gestalt eines solchen Riesentopfes zu übersenden. Die Ehrengabe ausschlagen oder sie vergeuden ging doch nicht, wie wir uns sagen mußten; also deshalb mit Todesverachtung heran an das Gebräu. Ich bin der glückliche Besitzer zweier Wassergläser; eins von ihnen senke ich energisch in die trübe Flut. Es zeigt sich gefüllt mit einem Naß, das der Farbe nach unserem Lichtenhainer gleicht, der Konsistenz nach aber eine Million mal dicker ist. Eine kompakte Masse von Hirseschrot und Hirsemalz füllt das Gefäß bis fast obenhin; nur einen Finger breit hoch lagert darüber ein wirkliches Lichtenhainer. „Ä, das geht doch nicht“, knurre ich. „Kibwana, ein Taschentuch,“ rufe ich meinem „Stubenmädchen“ zu, „aber ein reines.“ Das gute, dumme Tier aus Pangani kommt nach endlosem Suchen mit dem Wahrzeichen unseres katarrhalischen Zeitalters heran; ich forme einen Filter aus dem feinen, weißen Stoff und lasse die Pombe hineinschütten. Ja, was ist denn das? Kein Tropfen rinnt in das untergestellte Gesäß. Ich rüttele und schüttele; es nützt alles nichts. „Nun,“ sage ich, „der Stoff wird zu dicht sein; ~Lete sanda, Kibwana~, bring etwas von dem Leichentuch.“ Wie? Leichentuch? Verroht denn dieser dunkle Erdteil selbst deutsche Professoren so fürchterlich, daß sie sogar Leichentücher zu ihrem Wirtschaftsbetriebe heranziehen? Gemach, meine Gnädigste! Freilich, ein Leichentuch ist dieses Sanda oder Bafta, daran läßt sich nicht drehen noch deuteln; aber erstens hat dieser Stoff den Vorzug, noch nicht gebraucht zu sein, und zweitens möge es das Schicksal verhüten, daß er jemals seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden wird. Wer ins Innere von Afrika geht, der rechnet wohlweislich mit den Tücken dieses Landes und auch mit den Sitten seiner Bewohner, indem er sich mit einem Ballen eines stark appretierten weißen, leichten Stoffes versieht, wie ihn die Neger bei ihren Begräbnissen gebrauchen. Sie lieben es nicht, auch im Tode mit der bloßen Mutter Erde in Berührung zu kommen, sondern lassen ihre Leiber in ein Stück solcher Sanda einnähen. Und je reiner und weißer der Stoff ist, um so sicherer ist dem Verblichenen das Paradies.

Warum sollte ich also Sanda nicht als Filter benutzen, wohlgemerkt erst, nachdem durch Herauswaschen der Appretur nur ein weitmaschiges Netz feiner Fäden zurückgeblieben war! Doch auch das nützte nichts; ein paar spärliche Tropfen rannen an dem Beutel herab, das war alles. Ich habe dann mein Teesieb versucht und mein Kaffeesieb; auch sie waren einem solchen Aggregatzustande nicht gewachsen. „Prosit, Herr Knudsen!“ rief ich deshalb, das letzte Sieb dem in der Türe stehenden Koch in hohem Bogen in die geschickt auffangende Hand werfend. Es ist auch so gegangen; und nicht einmal schlecht schmeckt das Zeug, ein wenig nach Mehl zwar, aber sonst doch mit einem merkbaren Anklang an unseren Studententrank aus dem Bierdorfe von Jena. Ich glaube sogar, ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Diese Angewöhnung scheint bei den Männern von Massassi leider zu sehr erfolgt zu sein. Gewiß, ich gönne den würdigen Hausvätern nach der schweren Arbeit der Ernte ihren Bürgertrunk von Herzen, nur will es mir nicht so recht behagen, daß meine Studien unter dieser ewigen Fröhlichkeit leiden sollen. Eine größere Anzahl von Erwachsenen ist überhaupt nicht zusammenzutrommeln, um sich von mir auf ihr Volkstum, ihre Sitten und Gebräuche auspressen zu lassen; die wenigen aber, die es mit ihrer Zeit und ihren Neigungen vereinbaren können, sich für kurze Zeit von ihrem ambulanten Kneipleben zu trennen, sind sehr wenig geneigt, es mit der Wahrheit genau zu nehmen. Selbst als ich neulich eine Schar dieser wackeren Zecher herbestellt hatte, um mir ihre Flechttechnik anzusehen, hatte das seine Schwierigkeiten; die Männer flochten mir zwar was vor, aber zu langen Auseinandersetzungen über die einheimischen Namen der Materialien und des Geräts waren sie unmöglich zu gebrauchen; ihr Morgentrunk war zu ausgiebig gewesen.

Die Sitte afrikanischer Völker, nach reichlicher Ernte einen Teil der Körnerfrüchte in Bier umzuwandeln und in dieser Form rasch und in großen Massen zu vertilgen, ist bekannt; sie vor allen Dingen hat wohl zur Stärkung jener Ansicht beigetragen, nach der der Schwarze im Besitz des Überflusses alles vertut und verpraßt, um nachher zu darben und zu hungern. Ein Fünkchen oder vielleicht gar ein ziemlich großer Funken göttlichen Leichtsinns läßt sich unserem schwarzen Freunde allerdings nicht absprechen, aber man darf ihn doch noch nicht auf ein einziges Indizium hin verurteilen. Ich habe vorhin schon betont, wie ungemein schwierig es für den schwarzen Ackerbauer ist, sein Saatgut zu überwintern. Noch viel schwieriger würde es für ihn sein, die ungleich größere Menge der zum Lebensunterhalt der Familie bestimmten Erntevorräte über einen großen Teil des Jahres hin genießbar aufzubewahren. Daß er es versucht, bezeugen die zahlreichen Vorratsbehälter bei jedem größeren Gehöft; daß es ihm nicht immer gelingt und daß er daher vorzieht, diesen dem Verderben ausgesetzten Teil seiner Ernte in einer Weise anzulegen, die das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er ihn in der Form seines ganz annehmbaren Bieres vertilgt, beweisen dagegen die bei aller Fröhlichkeit doch harmlosen Früh- und Abendsitzungen. Sie weichen übrigens von unserem europäischen Schankbetrieb insofern ab, als sie reihum gehen; es kommt jeder als Wirt an die Reihe, und jeder ist auch Gast; im ganzen eine herrliche Einrichtung.

Der gelinde chronische Alkoholdusel der Männerwelt ist es nicht allein, was mir Schwierigkeiten bereitet. Zunächst die Not mit dem Photographieren. Im fernen Europa ist man froh, wenn die liebe Sonne dem Amateur das Handwerk erleichtert; und meint sie es ein wenig zu gut, nun, so hat man hohe, dichtbelaubte Bäume, grünendes Buschwerk, hochragende schattige Häuser. Nichts von alledem in Afrika. Zwar hat man Bäume, aber sie sind weder hoch, noch schattig; Büsche, aber sie sind nicht grün; Häuser, aber sie sind im besten Fall höchstens von doppelter Mannshöhe, und dann auch nur in der Firstlinie. Dazu der unheimlich hohe Sonnenstand schon von 9 Uhr morgens an und bis über 3 Uhr nachmittags hinaus, und eine Lichtstärke, von der man sich am besten dann einen Begriff machen kann, wenn man einmal versucht, die Hautfarben der Neger an der Hand der Luschanschen Farbentafel festzustellen. Nichts als Licht und Glast hier, nichts als schwarzer, tiefer Schatten dort. Und dabei soll man weiche, stimmungsvolle Bilder machen! Herr, lehre mich diese Kunst, und ich will dir danken ewiglich.

Auch das Thema Dunkelkammer ist wenig erbaulich. Die deutsche Regierung ist fürsorglich; sie baut, um Hungersnöten unter den Eingeborenen vorzubeugen, wohl mehr aber noch, um in einem etwaigen neuen Aufstande von der Landesbevölkerung unabhängig zu sein, in der Boma von Massassi augenblicklich ein stolzes Haus. Es ist der einzige Steinbau im ganzen Lande und bis zur Küste hin, nur einstöckig zwar, aber mit starken, nur von engen, schießschartenartigen Löchern durchbrochenen Mauern und festem, flachem Lehmdach. In diesem Architekturwunder lagern schon jetzt ungezählte Säcke mit Hirse neuer Ernte und Berge roher Baumwolle. Ich habe mir beides zunutze gemacht: mit der Baumwolle habe ich die Luftlöcher verstopft, auf den Säcken aber sitze ich; auf ihnen ruht gleichzeitig mein Dunkelkammer-Arbeitstisch. Dieser war bis jetzt der wesentliche Bestandteil einer Baumwollpresse, die draußen auf dem Hofe einsam über ein verfehltes Dasein dahintrauert. Den Türverschluß endlich habe ich durch eine Kombination dicker, von meinen Trägern gefertigter Strohwände und einiger meiner Schlafdecken hergestellt. Dergestalt kann ich zur Not sogar am Tage entwickeln, nur herrscht schon jetzt, nach so kurzer Tätigkeit, eine erstickende Atmosphäre in dem auch sonst wenig anheimelnden Raum. Gerne entrinne ich ihm daher, um mich neuen Taten zuzuwenden.

Diese sind denn auch wirklich von viel ansprechenderer Natur. Bei einem meiner ersten Bummel bin ich inmitten einer Schambe auf ein zierliches Etwas gestoßen, das mir als ~Tego ya ngunda~, als Taubenfalle bezeichnet wird; ein System von Stäbchen, Bügeln und feinen Schnüren, von denen einer mit einem kräftigen, starkgekrümmten Bügel verbunden ist. Mich interessiert von Jugend auf alles Technische, um wieviel mehr hier, wo wir in frühere Entwicklungsphasen des menschlichen Intellekts tiefe Einblicke zu tun die beste Gelegenheit haben. Also daheim Appell aller meiner Leute und möglichst zahlreicher Eingeborener, und Ansprache an alles versammelte Volk des Inhalts, daß der Msungu ein großes Gewicht darauf legt, alle Arten von Fallen für alle Arten von Tieren zu sehen und zu besitzen. Versprechen recht annehmbarer Preise bei Lieferung authentischer, guter Stücke und zum Schluß die höfliche, aber bestimmte Aufforderung: „~Nendeni na tengeneseni sasa~, nun geht los und baut eure Dinger zusammen.“

Wie sind sie geeilt an jenem Tage, und wie eifrig sind alle meine Mannen seitdem Tag für Tag an der Arbeit! Ich habe meine Träger bisher für lauter Wanyamwesi gehalten; jetzt ersehe ich an der Hand der Kommentare, die mir jeder einzelne zu seinem Kunstwerk geben muß, daß sich unter meinen 30 Mann eine ganze Reihe von Völkerschaften verbirgt. Zwar das Gros sind Wanyamwesi, doch daneben gibt es Wassukuma und Manyema und sogar einen echten Mgoni von Runssewe, also einen Vertreter jenes tapfern Kaffernvolkes, das vor einigen Jahrzehnten vom fernen Südafrika bis ins heutige Deutsch-Ostafrika vorgedrungen ist und dabei eine seiner Gruppen, eben diese Runssewe-Wangoni, bis weit oben an die Südwestecke des Viktoria-Nyansa vorgeschickt hat. Und nun meine Askari erst! Es sind zwar nur 13 Mann, aber sie gehören nicht weniger als einem Dutzend verschiedener Völkerschaften an, vom fernen Darfor im ägyptischen Sudan bis zu den Yao in Portugiesisch-Ostafrika. Und alle diese Getreuen zermartern ihr Gehirn und üben in Busch und Feld von neuem die Künste ihres Knaben- und Jünglingsalters, und dann kommen sie heran und errichten auf dem weiten, sonnigen Platz neben meinem Palais die Früchte ihrer schweren Geistesarbeit.

Der typische Ackerbauer steht in der Literatur als Jäger und Fallensteller nicht hoch im Kurse; sein bißchen Geist soll durch die Sorge um sein Feld völlig absorbiert werden; nur Völker vom Schlage des Buschmanns, des Pygmäen und des Australiers hält unsere Schulweisheit für fähig, das flüchtige Wild in Wald und Steppe mit Geschick zu erlegen und mit List und Geistesschärfe in schlau ersonnener Falle zur Strecke zu bringen. Und doch, wie weit schießt auch diese Lehrmeinung am Ziel vorbei! Freilich, unter den Völkern meines Gebietes gelten die Makua sogar als gute Jäger; dabei sind sie in der Hauptsache genau wie die anderen Völker typische Hackbauern, d. h. Leute, die ihre mühselig urbar gemachten Felder Jahr für Jahr unverdrossen mit der Hacke beackern. Sind ihre Tierfallen nicht trotz alledem Beweise eines geradezu bewunderungswürdigen Scharfsinns? Ich gebe einige meiner Skizzen als Belege bei; die Konstruktion der Fallen und die Art ihrer Wirksamkeit ergibt sich aus der Zeichnung von selbst. Wer aber der Kunst technischen Sehens gänzlich ermangeln sollte, für den füge ich bei, daß alle diese Mordinstrumente auf folgendes Prinzip hinauslaufen: entweder die Falle ist für einen Vierfüßer bestimmt; dann ist sie so eingerichtet, daß das Tier beim Vorwärtsschreiten oder -laufen mit der Nase gegen ein feines Netz oder mit dem Fuß gegen eine feine Schnur stößt. Netz und Schnur werden dadurch vorwärts gedrückt; jenes gleitet mit seinem oberen Rande nach unten, das Ende der Schnur hingegen bewegt sich etwas seitwärts. In beiden Fällen wird durch diese Gleitbewegung das Ende eines kleinen Hebels frei, eines Holzstäbchens, das in einer in der Zeichnung klar ersichtlichen Weise die Falle bisher gespannt erhalten hat. Es schlägt jetzt blitzschnell um sein Widerlager herum, bewegt von der Spannkraft eines Baumes oder eines sonstwie angebrachten Bügels. Dieser schnellt nach oben und zieht dabei eine geschickt angebrachte Schlinge zu; das Tier ist gefangen und stirbt eines qualvollen Erstickungstodes. Ratten und ähnlich lieblichem Getier geht der schwarze Fallensteller zwar nach ähnlichen Prinzipien, doch noch grausamer zu Leibe, und leider stellt er auch den Vögeln mit gleicher Gerissenheit nach. Vielleicht finde ich später noch einmal Gelegenheit, auf diese Seite des hiesigen Völkerlebens zurückzukommen; verdient hat sie es, denn auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich die Erfindungsgabe auch des primitiven Geistes so schön und deutlich ausgeprägt wie in dieser Art des Kampfes ums Dasein.

Psychologisch interessant ist das Verhalten der Eingeborenen gegenüber meiner eigenen Tätigkeit bei der Lösung dieses Teils meiner Forschungsaufgabe. Wenn wir beiden Europäer unser karges Mittagsmahl verzehrt haben, Nils Knudsen sich zum wohlverdienten Schlummer niedergelegt hat und das Geschnarch meiner Krieger zwar rhythmisch, aber nicht harmonisch aus der Barasa herübertönt, dann sitze ich im sengenden Sonnenbrand, dem schattenlosen Schlemihl gleich, und nur kümmerlich geschützt durch den größeren meiner beiden Tropenhelme draußen auf dem Aufstellungsplatz meiner Tierfallen und zeichne. Bis in mein 30. Lebensjahr habe ich zum Spott für alle meine in dieser Hinsicht recht begabten Verwandten als talentlos gegolten; da „entdeckte“ ich mich als königlich preußischer Hilfsarbeiter im Berliner Museum für Völkerkunde eines schönen Tags selbst, und wenn einer meiner Freunde mich dereinst einer Biographie für würdig erachten sollte, so mag er nur ruhig betonen, daß mir in meiner wissenschaftlichen Entwicklungszeit meine bescheidenen zeichnerischen Leistungen eigentlich mehr Freude und Genugtuung bereitet haben als die schriftstellerischen. Für den ethnographischen Forschungsreisenden ist die Fähigkeit, von welchem Forschungsobjekt es auch immer sei, eine genaue Skizze rasch und mit wenigen Strichen entwerfen zu können, eine Zugabe, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Photographie ist gewiß eine wunderbare Erfindung, im Kleinkram der täglichen Forschungsarbeit versagt sie indessen häufiger als man glaubt, und nicht nur im Dunkel der Negerhütte, sondern auch bei tausend anderen Sachen in heller Luft.

Also ich sitze und zeichne. Kein Lüftchen regt sich; die ganze Natur scheint zu schlafen. Auch mir wird die Feder müde, da höre ich unmittelbar hinter meinem Rücken Geräusch. Ein flüchtiger Blick lehrt mich, daß das Moment allgemein menschlicher Neugier selbst die Urkraft negroider Faulheit überwunden hat. Meine Träger sind’s, ein ganzer Haufen; auch Eingeborene dabei. Sie müssen leise herangetreten sein, was auf dem weichen Sandboden und bei dem Mangel an Schuhen nicht befremdlich ist. Gespannt schaut die enggedrängte Schar über meine Schulter hinweg ins Skizzenbuch. Ich lasse mich nicht stören; Strich folgt auf Strich; das Werk nähert sich seinem Ende; schließlich ist es fertig. „~Sawasawa?~“ (wörtlich: „gleich?“, hier etwa in dem Sinn: „Na, ist das Ding denn getroffen?“) frage ich gespannt zurück. „~Ndio~, jawohl“, ertönt es mir unverzüglich und mit einer Begeisterung in die Ohren, daß die Trommelfelle platzen möchten. „~Kisuri?~ Ist es schön?“ „~Kisuri sana kabissa~, ausgezeichnet!“ gellt es noch stärker und begeisterter in meine Hörorgane. „~Wewe Fundi~, du bist ein Meister.“ Es sind meine Kunstverständigen, die ausübenden Künstler selbst, die hier in für mich so schmeichelhafter Art das Richteramt üben; die paar Schensi, die unbeleckten, von der Muse ungeküßten, die nicht zum Kreis meiner Künstler gehören, haben nur als Herdenvieh mitgebrüllt.

Und nun kommt der Versuch einer Nutzanwendung. Ich erhebe mich von meinem Stühlchen, stelle mich in Positur und lege meinen Kunstjüngern nahe, da sie nun sähen, wie ich, der Fundi, eine solche Falle zeichne, so wäre es angezeigt, daß nun doch auch sie sich einmal an einem solchen schwierigeren Gegenstand versuchten; immer bloß ihre Freunde abzumalen, oder aber Bäume und Häuser und die Tiere, das sei langweilig; außerdem seien sie doch so kluge Kerle, daß ihnen eine solche Vogelfalle kaum Schwierigkeiten bieten würde. Ich habe auf den Ausdruck verschämter Verlegenheit, wie er mir beim Beginn meiner Studien in Lindi entgegentrat, schon einmal hingewiesen; hier kam er noch verstärkter und auch allgemeiner zum Ausdruck. Ich habe dabei das bestimmte Gefühl gehabt, daß den Leuten jetzt zum erstenmal der Begriff dessen klar wurde, was wir Perspektive nennen. In ihren Gegenreden und Gebärden suchten sie sichtlich etwas Derartiges auszudrücken, sie verfolgten mit den Fingern die merkwürdig verkürzten Kurven, die doch in Wirklichkeit Kreisbögen waren, kurz sie standen etwas Neuem, vorher nie Gekanntem und Geahntem gegenüber, und das brachte ihnen einesteils das Gefühl ihrer geistigen und künstlerischen Unterlegenheit zum Bewußtsein, während es sie andererseits wie ein Magnet an mein Skizzenbuch bannte. Bis jetzt hat noch keiner von ihnen sich an die Wiedergabe einer solchen Tierfalle herangewagt.

Alle Afrikareisenden früherer Tage oder in weniger gut erschlossenen Ländern, als Deutsch-Ostafrika es ist, haben durch nichts mehr zu leiden gehabt als durch die Schwierigkeiten des Tauschverkehrs. Mit wieviel Hunderten von Lasten der verschiedenartigsten Zeugstoffe, mit wieviel Perlensorten ist noch ein Stanley zu seinen Entdeckertaten ausgezogen; wie unsicher war es bei alledem, ob man gerade den Geschmack der Eingeborenen seines Forschungsgebietes getroffen hatte; und wie ungeheuer vergrößerte diese primitive Art des Geldes den Troß jeder Expedition. Bei uns in Deutsch-Ostafrika mit seiner sooft zu Unrecht angefeindeten Kolonialregierung reist der Weiße heute fast ebenso bequem wie daheim im Mutterlande. Zwar sein Kreditbrief reicht nur bis zur Küste; trägt sein Unternehmen jedoch wie das meinige amtlichen Charakter, so ist jede Station und jeder Posten, der über eine Regierungskasse verfügt, angewiesen, dem Reisenden unter Beachtung sehr einfacher Formalitäten Kredit zu gewähren und ihn mit Barmitteln auszustatten. Des Rätsels Lösung ist sehr einfach: unsere Rupienwährung gilt nicht nur an der Küste, sondern zwingt auch alle Völker des Innern, sich ihr wohl oder übel anzubequemen. Meine Operationsbasis ist auch in finanzieller Hinsicht das Städtchen Lindi mit seinem kaiserlichen Bezirksamt; von dort habe ich mir ein paar große Säcke mit ganzen, halben und Viertelrupien und für den ersten Bedarf auch einige Kisten mit Hellern mitgenommen. O dieser unglückliche Heller! Was wird er, sein echt „afrikanischer“ Name und seine Einführung überhaupt von den bösen, weißen Küstenmännern bespöttelt, und wie schlecht sind die Witze, die über ihn gemacht werden! Der billigste ist noch der, daß der gegenwärtige Zolldirektor in der Landeshauptstadt, der in der Tat den Namen dieses bei uns längst veralteten Zahlmittels führt, bei der ostafrikanischen Scheidemünze Gevatter gestanden habe. So viel merke ich schon jetzt: den Eingeborenen geht es wie bei uns den alten Leuten vor 30 Jahren; ebenso wie diese sich nicht an die Mark gewöhnen konnten und ruhig mit dem guten, alten Taler weiterrechneten, so zählt hier alles höchst despektierlich und illoyal nach Pesas weiter, der alten Kupfermünze der vierundsechzigteiligen Rupie. Dies ist auch viel einfacher und bequemer; ein Ei kostet einen Pesa, und damit basta. Seinen Wert in Heller umzurechnen fällt niemandem ein.