Part 12
Doch der Neger müßte nicht Neger sein, wenn er sich nicht trotz alledem der Tätigkeit des Hellereinnehmens mit Begeisterung hingäbe. Und sein Geschäft blüht jetzt! Es paßt zu dem Bilde des Diogenes wie die Faust aufs Auge, wenn hinter dem laternenschwingenden Moritz der Mgonimann Mambo sasa durch die sonnige Landschaft zieht, hoch oben auf dem krauswolligen Haupte ein stattliches Gefäß mit gleißender Münze. Es sind frisch in Berlin geprägte Kupferheller, mit denen ich die Negerherzen zu betören ausziehe.
Nach langem, doch durchaus nicht langweiligem Ableuchten aller Salons der Negerpaläste kehre ich, geblendet von der überhellen Tropensonne, an das Tageslicht zurück; mit verständnisvollem Schmunzeln schleppt meine Leibgarde -- das sind diejenigen meiner Leute, die immer um mich sind und die mit der dem Natursohn eigenen Auffassungsgabe rasch begriffen haben, worum es sich handelt -- einen Haufen Krimskrams hinterher; mit gemischten Gefühlen, erwartungsvoll und zweifelnd zugleich, folgen schließlich Hausherr und Hausfrau. Jetzt beginnt das Feilschen. Einen kleinen Vorgeschmack hat der Ausreisende schon in Neapel und Port Said, in Aden und Mombassa bekommen; hier spielt sich das Verfahren nicht wesentlich anders ab. „~Kiassi gani?~ Was kostet der ganze Plunder?“ fragt man so leichthin, mit einer summarischen Handbewegung den ganzen Haufen umschließend. Diesem Verfahren steht der glückliche Besitzer jener Kostbarkeiten gänzlich ohne Verständnis gegenüber; er sperrt Mund und Nase weit auf und schweigt. So geht’s also nicht; diese abgekürzte Methode wäre auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus zu verwerfen. „~Nini hii?~ Was ist das?“ Und ich halte ihm irgendeins der Stücke unter die Augen. Dies erst ist der richtige Weg. Jetzt öffnet sich der vordem so schweigsame Mund, und nun heißt es sich schnell auf die Kollegbank der seligen Fuchsenzeit zurückversetzt denken und eifrigst nachschreiben, was zur Abwechselung einmal nicht aus dem Munde hochwohlweiser Professoren auf das Auditorium herniederplätschert, sondern dem prachtvollen Zahngehege eines ganz unbeleckten Schensi entströmt. Und wenn ich dann alles weiß, den Zweck, den Namen, die Herstellungsart und die Wirkungsweise, dann endlich ist auch der Schwarze geneigt und imstande, den Einzelpreis zu fixieren. Bis jetzt habe ich dabei zwei Extreme feststellen können: die eine Kategorie der Verkäufer fordert ohne Rücksicht auf die Art des Verkaufsobjektes ganze Rupien, ~Rupia tatu~ oder ~Rupia nne~, 3 oder 4 Rupien; die andere verlangt ebenso konsequent den Einheitspreis eines Sumni. Dieser Sumni ist im hiesigen Sprachgebrauch der vierte Teil einer Rupie, gilt also 33⅓ Pfennig. In der Währung Ostafrikas ist er ein bildhübsches, zierliches Silberstück von etwas kleinerer Größe als unsere halbe Mark. Vielleicht ist es diese Handlichkeit, verbunden mit dem ungebrochenen Glanz gerade meiner funkelnagelneuen Stücke, was dieser Münze seine Bevorzugung sichert.
Eins muß man der hiesigen Bevölkerung im Gegensatz zu der Schwefelbande von Neapel, Port Said und Aden nachrühmen: keiner von ihnen zetert und jammert, wenn wir ihm statt des geforderten Talers den zwanzigsten oder zehnten Teil bieten. In voller Gemütsruhe geht der Neger in seiner Forderung nach und nach bis zu einer billigen Einigung herunter, oder aber er sagt gleich beim ersten Gegenangebot: „~Lete~, gib’s her.“ In diesem Augenblick beginnt dann die Glanzrolle des Knaben Moritz und meines Hellertopfes. Mit raschem Griff hat der Boy das Gefäß vom Haupte seines Freundes Mambo sasa heruntergeholt; mit Kennerblick mustert er den Kassenbestand, und dann zahlt er aus mit der Würde, wenn auch nicht mit der Geschwindigkeit des Kassierers einer großen Bank.
So oder ähnlich spielt sich das Handelsgeschäft auch um die übrigen Stücke ab. Es ist viel zeitraubender als mir lieb ist, jedoch nicht zu umgehen. Schließlich ist auch das letzte Stück erhandelt; mit der staunenswerten Geschicklichkeit, die ich an meinen Trägern sooft bewundere, haben diese die Beute im Handumdrehen zu großen Bündeln verschnürt; noch ein prüfender Rundblick nach photographischen Motiven, ein anderer Blick nach dem ob seines Reichtums schmunzelnden Hausbesitzer; dann ein kräftiges „~Kwa heri~, leb’ wohl“, und Laterne samt Hellertopf ziehen weiter.
Bei uns im alten Uleia haben Fürstensöhne im allgemeinen nicht viel Muße; sie müssen viel oder zum mindesten doch vielerlei erlernen und sind deshalb in ihrer Jugend stark angespannt. O wie anders und um wieviel besser hat es da mein edler Prinz Salim Matola! Kaum hatten wir uns hier in Massassi etwas menschlich eingerichtet, da erschien die junge Hoheit schon auf dem Plane; ein überschlanker, sehr langgewachsener Jüngling von 17 bis 18 Jahren; nach der Sitte des Landes sehr vornehm mit einer europäischen Weste bekleidet und sehr zutraulich. Salim ist seither kaum von mir gewichen; er kann alles, weiß alles, findet alles und schleppt erfreulicherweise auch alles herbei; er macht die besten Fallen, zeigt mir, mit welch teuflischer Gerissenheit seine Landsleute Leimruten stellen, spielt meisterhaft auf allen Instrumenten und bohrt mit einer Geschwindigkeit Feuer, daß man über die Kraft dieses schmächtigen Körpers billig erstaunt sein muß. Er ist mit einem Wort eine ethnographische Perle.
Nur eins scheint mein junger Freund nicht zu kennen: Arbeit. Sein Vater, der bereits erwähnte, stets feucht-fröhliche Massekera-Matola, ist im Besitz eines sehr stattlichen Gehöfts und sehr ausgedehnter Schamben. Ob der alte Herr selbst und in höchsteigener Person sich jemals merkbar auf diesem Grundbesitz betätigt, kann ich leider nicht beurteilen, da er augenblicklich durch seine biervertilgende Tätigkeit sehr stark in Anspruch genommen ist; aber daß die weiblichen Hausgenossen fleißig die Hände rühren, um auch den letzten Teil der Ernte noch einzubringen, habe ich bei jedem Besuche gesehen. Nur das Prinzlein scheint über jede plebejische Betätigung erhaben zu sein; seine Hände sehen nicht nach Schwielen aus, und seine Muskulatur läßt auch stark zu wünschen übrig. Mit frohem Mut und heiterm Sinn schlendert er durchs Dasein hin.
Achtes Kapitel.
Marsch nach Süden. Meine Karawane.
+Chingulungulu+, Anfang August 1906.
Das Suchen auf der Karte nach meinem jetzigen Standort wird schon schwieriger; ich selbst habe Massassi und seine Lage auf dem Kartenblatt bereits seit vielen Jahren gekannt, aber von der Existenz dieses Ortes mit dem wunderlichen Namen, in dem ich seit ein paar Tagen meine Zeltpflöcke eingeschlagen habe, habe ich erst gehört, nachdem ich in den Dunstkreis der Binnenstämme eingetreten war.
In einem gleicht sich der Orient überall. Aus der Ferne gesehen sind seine Städte Wunderwerke menschlicher Siedelungskunst, tritt man aber in sie ein, so offenbaren sie sich meist als Schmutzgruben in des Wortes verwegenster Bedeutung, und an die Stelle begeisterter Illusionen tritt das Grau der Ernüchterung. Was hat mir Nils Knudsen nicht alles von Chingulungulu vorgeschwärmt! Eine herrliche Barasa, das Prunkstück negroider Baukunst im ganzen Osten; köstlich klares Wasser in Hülle und Fülle; Fleisch aller Art nach Belieben; Früchte und Gemüse von idealer Beschaffenheit. Dazu eine Bevölkerung, die sich aus lauter vornehmen Gentlemen zusammensetze, schöne Frauen und stattliche Häuser, und zum Schluß die Gelegenheit, nach allen Weltgegenden der ganzen weiten Ebene die bequemsten Rundtouren machen zu können. Ich bin noch zu kurze Zeit hier, als daß ich die so begeistert gepriesenen Vorzüge in allen ihren Einzelheiten schon hätte nachprüfen können, aber das habe ich doch schon heraus: ganz so paradiesisch wie der allerdings etwas lokalpatriotisch angehauchte Nils mir die Residenz Matolas II. gepriesen hat, ist weder Ort noch Bevölkerung.
Doch alles zu seiner Zeit; zwischen Massassi und Chingulungulu liegt nicht nur ein großer Streifen Afrika, sondern zwischen dem Ende der Schilderung meines dortigen Aufenthaltes und dem Anfang dieses Kapitels liegt auch ein zeitlich ziemlich großer Zwischenraum, groß wenigstens für einen Mann, auf den die neuen Eindrücke in solcher Fülle und mit solcher Wucht einstürmen wie auf mich.
Der Aufbruch von Massassi ist früher erfolgt, als er ursprünglich geplant war. Es waren eine ganze Reihe von Übelständen, die unsern Weitermarsch als notwendig erscheinen ließen. Zu meinem großen Mißvergnügen mußte ich bei meinen späteren Photographier-, Sammlungs- und Zeichenbummeln bemerken, daß an die Stelle der ursprünglichen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit der die Einwohner uns das Betreten ihrer Grundstücke gestattet, und des Entgegenkommens, mit der sie in den Verkauf ihres Hausinventars gewilligt hatten, eine entschieden entgegengesetzte Stimmung getreten war; fast überall fanden wir verschlossene Türen und anscheinend völlig menschenleere Gehöfte. Auch diese Erscheinung gehört zum Kapitel der Rassenpsychologie; selbst wenn der Besuch eines Fremden ihm nur wirtschaftliche Vorteile bringt, will der Neger in seinen vier Pfählen nicht gestört sein.
Auch mit unserer Unterkunft in dem Rasthause erlebten wir auf die Dauer keine ungetrübte Freude. Knudsen, der in dieser Beziehung recht empfindlich war, behauptete, es sei feucht. Tatsächlich brauchte man nur ein klein wenig in den Boden zu graben, so kam das Grundwasser zutage; in ganz geringer Entfernung unterhalb des Hauses trat es als starker Quell an die Oberfläche hervor. Knudsen hatte bereits auf dem Marsche von der Küste aus vereinzelte Fieberanfälle gehabt; jetzt häuften sie sich derart, daß er kaum noch arbeitsfähig war. Rührend war dabei die Anhänglichkeit und Treue, mit der sein alter Diener Ali den kranken Herrn pflegte; er wich auch des Nachts nicht von seinem Bett. Ich selbst hatte bereits des öftern ein merkwürdiges Kribbeln auf meinem Haupte verspürt; jedesmal vorgenommene Untersuchungen hatten indessen über die Ursache keine Aufklärung erbracht. Eines schönen Tages nun eile ich, ein paar gewässerte Platten in der Hand, aus der Dunkelkammer zum Rasthaus hinüber. Da kribbelt es wieder äußerst intensiv in meinem spärlichen Gelock. „Moritz,“ rufe ich, „nimm mir mal den Hut ab und schau nach, was das ist.“ Moritz nimmt den Tropenhut her, besieht ihn außen, beschaut ihn innen, guckt hinter das Futter und wird dann aschfahl. „~Wadudu wabaya~“, bringt er mit sichtlichem Entsetzen heraus, „bösartige Insekten“. Jetzt interessiert der Fall mich doch etwas mehr; ich setze meine Platten ab und unterziehe Moritzens Fund ebenfalls einer genaueren Untersuchung. Es sind verschiedene kleine Tierchen, die sich hinter dem Futter meiner Kopfbedeckung tummeln; auch vereinzelte zeckenartige größere Lebewesen sind dabei. Nun ist es ein eigen Ding um die Beeinflussung des menschlichen Geistes durch bestimmte Vorstellungen. Über die Malaria und ihre Bekämpfung bin ich von Hause aus vollkommen beruhigt nach Afrika gegangen, ich schwöre auf Koch und fürchte nichts. Um so unangenehmer ist mir der Gedanke an Rückfallfieber. Was hat man mir in Daressalam nicht alles von dieser neuesten Entdeckung des großen Berliner Bakteriologen erzählt! Es werde durch ein kleines, unscheinbares, zeckenartiges Insekt hervorgerufen, das sich überall da, wo Eingeborene gewohnheitsmäßig lagern, in Erdlöchern einniste. Das Moskitonetz schütze zwar vor den ausgewachsenen Papassi, so heißen diese Zecken, nicht aber vor deren hoffnungsvollem Nachwuchs, der glatt und unbehindert selbst die feinsten Netzmaschen passiert. Und dann die Scheußlichkeit des Fiebers selbst; man sei zwar nicht schwer krank, doch auch niemals so recht gesund und arbeitsfähig, und nichts, weder Chinin noch irgend etwas anderes, nütze im mindesten gegen die Wiederkehr der alle paar Tage erfolgenden Anfälle. „~Wadudu wabaya~, und noch dazu von Zeckenform; das können doch nur Papassi sein“, fährt es mir blitzschnell durchs Gehirn. Auch ich bin sicher bleich geworden in diesem Augenblick, denn wenn so ein Rückfallfieber auch wohl nicht ans Leben geht, so bedeutet seine Erwerbung in diesem Augenblick nichts mehr und nichts weniger als das unrühmliche Ende meines kaum begonnenen Unternehmens. Gerade zu Arbeiten, wie ich sie tagaus tagein zu bewältigen habe, gehört eine absolute Gesundheit und eine vollkommen ungeschwächte Energie.
Noch ein drittes hygienisches Moment hat uns schließlich aus dem Orte vertrieben. Daß Massassi nichts weniger als der Hort aller Tugenden ist, hatte ich bereits früher bemerkt; unter den Soldaten des Polizeipostens war ein ziemlich großer Prozentsatz geschlechtskrank. Jetzt kam noch etwas für mich ganz Neues hinzu. Der Akide, ein früherer Schutztruppen-Unteroffizier, ist der glückliche Besitzer einer kleinen Rinderherde. Liebenswürdig wie der Neger nun einmal ist, übersendet mir der Beamte Tag für Tag ein kleines Töpfchen mit Milch, die ich mit aufrichtigen Dankgefühlen gegen den edlen Spender ebenso regelmäßig genieße. Da verbreitet sich, immer bestimmter auftretend, das Gerücht, der Akide habe den Aussatz. Damit war es natürlich um meinen Milchgenuß geschehen; der Beamte schickte sie zwar unentwegt weiter, und ich konnte sie ebenso selbstverständlich nicht zurückweisen; so kam sie mir gerade zum Fixieren meiner Bleistiftzeichnungen recht.
In ihrer Gesamtheit bedeuten alle die aufgezählten kleinen Übelstände nicht mehr als eine Summe von Nadelstichen; doch auch solche kleinen Eingriffe in das menschliche Wohlbefinden vermögen schließlich die Freude am Dasein merkbar herabzusetzen. In diesem Fall winkte uns überdies noch das Paradies Chingulungulu; was Wunder also, wenn zwischen dem ersten Auftauchen des Planes, nach Süden zu wandern, und seiner Ausführung nur ein paar kurze Tropentage liegen. Mit gewohnter affenartiger Fixigkeit verschnürten eines Abends meine Träger einen großen Haufen ethnographischer Lasten; ebenso rasch war an den kommandierenden Gefreiten Saleh und den Trägerführer Pesa mbili der Befehl ausgegeben: „Morgen früh 6 Uhr ~safari~!“ Damit war unsererseits so ziemlich alles getan, was getan werden konnte.
Neben dem Yaohäuptling Matola von Chingulungulu wird niemand mehr im Lande genannt als sein erlauchter Kollege, der Yaohäuptling Nakaam von Chiwata auf der Nordweststrecke des Makondeplateaus. An der Küste, unter den Europäern ist man sich nicht einig, wer von ihnen der größere und bedeutendere sei; hier im Innern indes scheint es, als ob Matola sich eines weit größeren Ansehens der Leute erfreut als der Herrscher von Chiwata. Trotzdem hielt ich es für unumgänglich nötig, auch ihm und seinen Untertanen einen Besuch abzustatten. Eine festgebundene Marschroute besteht in meinem Reiseplan überhaupt nicht, sondern ich habe mir vorbehalten, stets das auszuführen, was unter den betreffenden Orts- und Zeitverhältnissen als am günstigsten erscheint. Ich muß mir in diesem Augenblicke freilich sagen, daß ich in Massassi wohl einen ganz hübschen Einblick in die materielle, die äußere Kultur seiner Bewohner gewonnen habe, daß mir aber unter der Ungunst der geschilderten Verhältnisse der zweifellos ebenso interessante Einblick in den andern Teil des Kulturbesitzes, in die Sitten und Gebräuche und die Anschauungen der Schwarzen über dies und das, in einem unerwünscht hohen Grade entgangen ist. Doch auch da hat Nils Knudsen rasch einen wirksamen Trost zur Hand. „Was wollen Sie, Herr Professor?“ sagt er. „Die Leute hier sind ja doch eine schrecklich zusammen- und durcheinandergewürfelte Gesellschaft, bei der alles Ursprüngliche verwischt und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen worden ist; verlieren Sie hier in dem greulichen Massassi doch keine Zeit mehr, sondern kommen Sie mit nach Chingulungulu; Sie können gar nicht ahnen, wie schön es dort ist.“
Der frühe Morgen des 31. Juli hat mir eine wundervolle geographische Überraschung gebracht. Die Barrabarra verläuft, wie ich schon einmal bemerkt habe, im Massassibezirk unmittelbar am Ostfuße der großen Inselbergkette. Dieser Fuß ist immerhin ziemlich erheblich mit Verwitterungsprodukten der großen Gneiskuppen aufgefüllt, so daß die Straße einen weiten Ausblick in die Ebene nach Osten und Süden gewährt. In die Ebene? Ein Meer ist es, was sich da vor unseren Augen ausbreitet, ein weißes, unendlich weites Meer, und ein an Inseln reich gesegnetes. Hier ein Eiland und dort ein anderes, und dahinten am verschwimmenden Horizont gleich ganze Archipele. Ziemlich hart am Strande dieses Ozeans wandert der lange Zug der Karawane dahin; auch wir befinden uns demnach wohl auf den Rändern einer solchen Insel. Und so ist’s. Es ist eben nur ein Nebelmeer, was sich da heute vor unseren Augen ausbreitet und über dessen Spiegel die unabsehbare Schar der Inselberge regellos die zackigen Häupter erhebt. Gleichzeitig ist dieses vor dem aufsteigenden Tagesgestirn rasch vergehende Gebilde ein wunderbarer Spiegel einer weitentlegenen Vergangenheit. So und nicht anders muß diese Gegend ausgesehen haben -- einmal oder mehrfach, wer vermag das zu sagen --, wenn die blauen Wogen uralter Ozeane dort rollten, wo jetzt der blaue Rauch niederer Negerhütten zum Himmel aufsteigt.
Unser erstes Tagesziel war Mwiti. Nach der Einzeichnung auf der Karte zu urteilen, mußten wir eine stattliche Negersiedelung erwarten. Unmittelbar vor der Missionsstation Massassi biegt der Weg nach Mwiti rechts von der Küstenstraße ab. Ich lasse halten; die Kolonne schließt auf. „~Wapagasi kwa Lindi~, die Träger für Lindi!“ rufe ich laut in den frischen Morgen hinein. Wie ein Schiff der Wüste pendelt ein baumlanger Träger heran. Es ist Kofia tule, der älteste und gleichzeitig auch der längste meiner Träger, ein Mnyamwesi von ausgesprochenstem Massaitypus. Sein Name verursachte mir in der ersten Zeit unseres Zusammenwirkens manches Kopfzerbrechen. Daß Kofia Mütze hieß, wußte ich, aber auf den Gedanken, im Wörterbuch nach der Bedeutung des Wortes tule nachzusehen, kam ich merkwürdigerweise nicht; zudem nahm ich an, es sei ein Kinyamwesi-Wort. Daß es was Drolliges sein mußte, konnte ich mit einiger Sicherheit dem allgemeinen Gelächter der anderen entnehmen, sooft ich mich von neuem nach dem Sinn dieses Namens erkundigte. Schließlich haben wir es herausgebracht: Kofia tule heißt niedrige Mütze. Das ist an sich schon ein seltsamer Name für einen Menschen; als Bezeichnung für diesen schwarzen Übermenschen mit dem unglaublich unintelligenten Gesicht wirkt er doppelt lächerlich.
Also Kofia tule tritt langsam heran; hinter ihm ein halbes Dutzend weitere Wanyamwesi und mehrere Söhne des Landes selbst, die ich zur Fortschaffung der Lasten als Hilfsträger gedungen habe. Kofia tule soll sie alle als Mnyampara nach Lindi hinunterführen, allwo meine Sammlungsgegenstände in den Kellerräumen des Bezirksamtes bis zu meiner eigenen Rückkehr an die Küste lagern sollen. Er bekommt noch einmal meine Instruktion; dann kommandiere ich: „Ihr hier, ihr geht links; wir anderen gehen rechts. Los!“ Die Marschordnung will heute noch nicht so recht funktionieren; doch schließlich ist alles wieder in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick nach Norden hinüber lehrt uns, daß auch Kofia tule mit seinen Getreuen das richtige Safaritempo angeschlagen hat; da tauchen wir auch schon im unbesiedelten, jungfräulichen Pori unter.
Der Marsch in diesem lichten Urwald hat etwas Monotones, Ermüdendes an sich. Es geht bereits stark auf Mittag; schläfrig sitze ich auf meinem Maultier. Da, was ist das? Ein paar schwarze Gestalten, das Gewehr schußfertig in der Hand, lugen vorsichtig um die nächste Waldecke herum. Sind das Wangoni? -- --
Seit Tagen schon umschwirren uns Gerüchte von einem Überfall, den Schabruma, der berühmte Wangoniführer im letzten Aufstand und der einzige Gegner, den wir auch bis heute noch nicht untergekriegt haben, gerade auf diese Gegend plant; er soll es auf Nakaam abgesehen haben. Gerade will ich mich nach meinem gewehrtragenden Boy umsehen, um mich in einen etwas verteidigungsfähigeren Zustand zu versetzen, da erschallt von hinten aus einem Dutzend Kehlen der Freudenruf: „Briefträger!“ Ich hatte bis dahin noch keine Erfahrung über den Betrieb unserer deutschen Reichspost im dicksten Afrika; nunmehr weiß ich, daß dieser Betrieb direkt mustergültig, wenn auch für die Unternehmerin keineswegs lukrativ ist; es mag wie eine Hyperbel klingen, entspricht aber trotzdem der Wahrheit, daß dem Adressaten jede Postsendung, und sei es eine einsame Ansichtskarte, unverzüglich zugestellt wird, ganz gleich, wo er sich im Bestellbezirk befinde. Für die schwarzen Stephansjünger oder Krätkemänner, wie man die schwarzen Läufer wohl zeitgemäßer nennen muß, erstehen damit ganz andere Bestellgänge als für unsere heimischen Beamten mit ihren wenigen Meilen am Tage. Briefe und Drucksachen in eine wasserundurchlässige Umhüllung von Ölpapier und Wachstuch verpackt, das Vorderladegewehr stolz geschultert, so zieht der Bote seines Wegs dahin; er legt ganz ungeheure Entfernungen zurück, Strecken, welche die einer gewöhnlichen Karawane oft um das Doppelte übertreffen sollen. Führt der Weg durch unsichere Gebiete, wo Löwen, Leoparden und feindliche Menschen den einzelnen gefährden können, so wächst der friedliche Botengang sich zu einer richtigen Patrouille aus, denn dann marschieren die Männer zu zweien.
Rasch sind die beiden schwarzen Gestalten herangekommen; stramm und exakt nehmen sie Gewehr bei Fuß und melden ganz ordnungsgemäß: Briefe von Lindi für den Bwana kubwa und den Bwana mdogo, für den großen Herrn und den kleinen Herrn. Solange der kaiserliche Bezirksamtmann Herr Ewerbeck bei uns weilte, war die Abstufung für die Neger nicht leicht gewesen; ich galt bei ihnen ja als ein neuer Hauptmann, und den konnten sie doch unmöglich als den Bwana mdogo bezeichnen. Jetzt aber sind sie aus aller Not; wir sind nur noch zwei Europäer, von denen ich einmal der ältere, sodann auch der Expeditionsführer bin; somit steht dieser im ganzen Osten üblichen Rangabstufung kein Hindernis mehr im Wege.
Es ist bereits weit über Mittag geworden; die vordem flachwellige Ebene hat längst einem starkzerschnittenen Hügelgelände Platz gemacht; silberklare Bäche kreuzen alle Augenblicke in senkrecht eingeschnittenen, für mein Reittier und die schwerbepackten Träger nur schwierig zu passierenden Schluchten unseren Weg. Die Vegetation ist dichter und grüner geworden; aber auch um so heißer und stickiger ist jetzt die Glut gerade in jenen schmalen Tälern. Trotzdem ist die Anhänglichkeit an die Heimat, an Weib und Kinder größer als die Sorge um die Fährlichkeiten des Weges; unbekümmert um die hundert starken Baumstämme, die sich quer über den schmalen Negerpfad gelegt haben, nicht achtend aus Dornen und Busch, versuche ich im Sattel meines träge dahinziehenden Maultiers den Inhalt der reichen Post zu genießen. Weit voran marschiert der Führer. Es ist Salim Matola, der schlanke Allerweltskünstler, den ich tags zuvor seiner zahllosen Tugenden wegen durch einen festen Kontrakt an meine Person gekettet habe; er ist feierlich und vor versammeltem Volk zu meinem Hof- und Leibsammler ernannt worden. Vollkommen konsequent hat er diese Tätigkeit damit zu beginnen versucht, daß er sogleich einen stattlichen Vorschuß erheischte. Ländlich sittlich. Leider zieht so etwas bei mir längst nicht mehr, dazu bin ich doch schon zu afrikaerfahren. „Zeig erst einmal, was du kannst,“ heißt es da recht kühl meinerseits, „dann kannst du nach einigen Wochen wiederkommen; und nun geh, aber etwas plötzlich!“