Negerleben in Ostafrika

Part 13

Chapter 133,524 wordsPublic domain

Salim hat geschworen, den Weg ganz genau zu kennen; die Karte ist hier etwas unzuverlässig; nach unserer Berechnung müßten wir längst in Mwiti sein. Mit einem plötzlichen Entschluß hämmere ich meinem im schönsten Träumen dahinpendelnden Maultier die Absätze in die Weichen, so daß es erschreckt einen kurzen Galopp anschlägt, und sprenge zu dem mit langen Schritten weit voraneilenden Führer vor. „~Mwiti wapi?~ Wo liegt Mwiti?“ herrsche ich ihn an. „~Si jui, bwana~, ich weiß es nicht, Herr“, kommt es jetzt ziemlich kläglich aus dem Munde meines Vertrauten. „~Simameni~, das Ganze halt!“ brülle ich, so laut ich kann, zurück. Großes Schauri. Von meinen Trägern ist keiner landeskundig; auch von den Askari und ihren Boys scheint keiner mit diesem durchschnittenen Gebiet vertraut zu sein. Ergebnis also: Marschieren nach der Karte, das heißt für uns kurz, aber wenig erfreulich: Das Ganze kehrt, marsch zurück bis zum Mwitibach und diesen aufwärts, bis wir an das gleichnamige Nest selbst kommen. Ziemlich spät am Nachmittag haben wir auch endlich das immer sehnsüchtiger herbeigewünschte Ziel erreicht. Salim Matola aber brachte mir jetzt unter Protest ein halbes Rupienstück zurück, von dem er behauptete, es sei „schlecht“. Es war nun keineswegs schlecht, sondern lediglich das Kaiserbildnis war ein ganz klein wenig verletzt. Des jungen Mannes Abgang ist in diesem Fall nicht gerade sehr langsam gewesen. Was doch ein energischer Griff nach dem Kiboko, der Nilpferdpeitsche, für Wunder tut! Aber so ist der Neger nun einmal.

Afrika ist der Erdteil der Gegensätze. In Massassi mit seiner Höhenlage zwischen 400 und 500 Meter war es im allgemeinen ganz angenehm kühl gewesen; die Niederung zwischen den Inselbergen und dem Makondeplateau hatte uns beim Durchmarsch halb gebraten; in Mwiti hätte man gerne einen recht dicken Pelz gehabt, so rauh und schneidend kalt fegt von Sonnenuntergang an ein sturmartiger Wind von dem kühlen Hochland mit seinem Luftdruckmaximum hinunter in die soeben noch sonnendurchglühte Ebene mit ihren stark aufgelockerten Luftschichten. Und gerade unser Lagerplatz war ein Windfang sondergleichen. Mit geradezu verblüffendem strategischem Scharfblick hat Nakaam als Bauplatz für sein hiesiges Palais die Nase eines langgestreckten Höhenzuges gewählt, der ganz steil auf drei Seiten zu einer scharfen Schleife des Mwitiflusses abfällt; nur nach Süden zu besteht ein bequemer Zugang. Wenn ich sage Palais, so ist das wirklich nicht übertrieben. Nakaam steht nicht nur im Ruf, der geriebenste aller Neger des Südens zu sein, sondern er muß auch für Negerverhältnisse ganz beträchtliche Barmittel besitzen, denn sonst hätte er sich doch kaum einen bewährten Küstenbaumeister leisten können. Der hat nun ein wahrhaft stolzes Haus mit vielen Zimmern unter einem steilen, hohen Dach errichtet. Die Zimmer sind nicht einmal dunkel, sondern besitzen wirkliche Fensteröffnungen. Wo sich aber der Harem des Negergewaltigen befindet, da sind diese Fensteröffnungen durch Jalousien verschließbar. Die Krone endlich hat der Baumeister seinem Werk dadurch aufgesetzt, daß er alles Holzwerk im typischen Küstenstil mit Kerbschnittarabesken verziert hat. Verwundert mustere ich von meinem Liegestuhl aus, in den ich mich ermüdet geworfen habe, die von breiter Veranda überschattete Fassade des in seiner Umgebung doppelt merkwürdigen Gebäudes. Mit einem Male reißt’s mich nach oben; über das Gewirr der Reisekisten und Blechkoffer, die von den Trägern soeben unter der Veranda niedergelegt worden sind, springe ich hurtig an eins der Fenster. Ei, was muß ich sehen! Eine Swastika, ein Hakenkreuz, das uralte Zeichen des Glücks, hier mitten im dunkeln Erdteil! „Auch mir sollst du Glück bringen“, murmele ich halblaut, doch immer noch höchst verwundert. In sauberer, aus Elfenbeinplättchen gefertigter Einlegearbeit tritt mir in der Tat ein Gebilde entgegen, das eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem bekannten Zeichen aufweist. Unmittelbar nach unserer Ankunft haben wir einen Eilboten nach Chiwata hinaufgeschickt mit dem Auftrage, Nakaam nach Mwiti einzuladen. Kaum vier Stunden später ist der Häuptling angelangt. Eine meiner ersten Fragen nach der üblichen würdevollen Begrüßung ist die nach Namen und Bedeutung des merkwürdigen Elfenbeingebildes in seiner Hauswand gewesen. Ich erwartete, den Ausdruck tiefster Symbolik zu vernehmen; um so größer war meine Enttäuschung, als Herr Nakaam mir schlicht und leichthin antwortete: „Nyota, ein Stern“. Die Swastika ist demnach hier beim Neger des Innern zweifellos etwas Fremdes und Uneingebürgertes; im vorliegenden Fall ist sie, wie auch das übrige Ornament, eine Einfuhr des Küstenbaumeisters.

In Mwiti sind wir anderthalb Tage und zwei Nächte verblieben. Für das Wachstum meiner ethnographischen Sammlung ist dieser Aufenthalt sehr wenig fruchtbar geworden, denn entweder hatte Nakaam wenig Einfluß auf seine Untertanen, oder aber die Zahl dieser Untertanen kann nicht übergroß sein. Beurteilen kann der flüchtig Durchreisende dies nicht, denn das stark gebirgige Gelände läßt immer nur ein kleines Gebiet übersehen. Bei der weitläufigen Wohnweise der hiesigen Stämme gibt das kein Bild vom Ganzen.

Um so mannigfaltiger und interessanter sind auch hier wieder meine psychologischen Beobachtungen gewesen. Nakaam selbst ist ein sehr behäbiger, untersetzter Mann in mittleren Jahren, ganz nach Suaheliweise in ein weißes Kansu, das hemdartige lange Obergewand, gekleidet. Über seine Stammeszugehörigkeit war ich bereits vorher unterrichtet worden; die bierfröhlichen Männer von Massassi hatten mir mit hämischem Grinsen erzählt, Nakaam gebe sich zwar aus Eitelkeit für einen Yao aus, er sei aber in Wirklichkeit doch „nur“ ein Makua.

Abends saßen Nakaam, Knudsen und ich unter der Veranda beim traulichen Schein der Tippelskirchlampe, deren lichtspendende Tätigkeit heute allerdings mehr als je gefährdet war. Wohl hatten wir alle verfügbaren Decken und Matten an der Windseite als Schutz anbringen lassen, aber dennoch verlöschte das Licht unter den Böen des vom steilen Plateaukamm herniederbrausenden Sturmes mehr als einmal. Mit Würde hat Nakaam zwei Flaschen sogenannten Yumbenkognaks, die sich in meinen Vorräten befinden, entgegengenommen. Die Unterhaltung hat sich bis jetzt um Chiwata, seine Lage, seine Bevölkerungszahl, deren Stammeszugehörigkeit und ähnliches gedreht. Wir haben festgestellt, daß Nakaams Untertanen vorwaltend Wayao sind. „Und du,“ fahre ich fort, „bist du auch ein Yao?“ „~Ndio~, jawohl“, klingt es sehr überzeugungsfest zurück. „Ja aber,“ kann ich mich nicht enthalten ihm zu erwidern, „alle Männer hier im Lande sagen, du seiest kein Yao, sondern ein Makua.“ Der Neger kann leider nicht rot werden, es wäre sonst zweifellos sehr interessant gewesen, festzustellen, ob auch dieser edle Vertreter jener Rasse diesem Reflex unterworfen war. So krümmte er sich eine Weile, und dann kam es in einem unnachahmlichen Tonfall heraus: „Vor ganz langer Zeit, da bin ich freilich einmal ein Makua gewesen, aber jetzt bin ich schon lange, lange ein Yao.“

Dem der Völkerkunde Afrikas Fernerstehenden wird diese Metamorphose etwas seltsam erscheinen; man kann sie auch nur verstehen, wenn man sich die Bevölkerungsvorgänge gerade dieses Erdenwinkels im Laufe des letzten Jahrhunderts vergegenwärtigt. Noch zu Zeiten Livingstones, also vor 50 und 40 Jahren, herrscht im ganzen Rovumagebiet eine himmlische Ruhe; die alteingesessenen Völker bauen ihre Hirse und ihren Maniok und gehen auf die Jagd, sooft es ihnen behagt. Da brechen vom fernen Südafrika her in verschiedenen Wellen feindliche Elemente ins Land; westlich und östlich vom Nyassasee wälzt es sich nach Norden. Reisige Scharen sind es, die in überraschendem, sich durch nichts verratendem Angriff die wenig wehrhaften alten Völker über den Haufen werfen und aufrollen. Erst in der Höhe des Nordendes vom Nyassa kommt die Flut zum Stehen; ein paar Sulureiche -- denn Angehörige dieses kriegerischen, tapferen Volkes sind diese neuen Eindringlinge -- werden gegründet, und man richtet sich ein.

Doch welche Folgen hat diese Einrichtung für den ganzen Osten Afrikas gezeitigt! In immer und immer wiederholten Kriegs- und Raubzügen über viele Hunderte von Kilometern haben die neuen Herren des Landes aus dem alten, dichtbebauten Gebiet eine Einöde gemacht. Unter dem Namen der Masitu sind sie schon am Ende der 60er Jahre der Schrecken zwischen Nyassa und Tanganyika; unter dem Namen der Mafiti sind sie später, in den ersten Zeiten unserer deutschen Kolonialherrschaft, der noch weit größere Schrecken des ganzen riesigen Gebietes zwischen dem Nyassa und der Ostküste; unter den weiteren Bezeichnungen Wamatschonde, Magwangwara und Wangoni spricht man von ihnen an den Lagerfeuern der Karawanen mit unangenehmen Gefühlen. Heute indes ist dieser Schrecken kaum mehr gerechtfertigt, denn gerade im Laufe der letzten Jahre ist es auch mit der Vorherrschaft dieser Sulu zu Ende gegangen; die deutschen Hiebe sind doch zu nachhaltig gewesen. Nur ein einziger ihrer Führer, der bereits obenerwähnte Schabruma, macht mit einer kleinen Schar von Anhängern noch das Land unsicher; alle anderen haben sich unseren Friedensbedingungen rückhaltlos unterworfen.

Diese Wangoni-Einwanderung -- Wangoni ist der Name, unter dem wir heute nach stillschweigender Übereinkunft alle diese eingewanderten südafrikanischen Elemente zusammenfassen -- ist zunächst die Ursache für den folgenden seltsamen Vorgang geworden.

Die alteingesessenen Völker, soweit ihre Männer nicht von den Wangoni erschlagen, ihre Frauen und Kinder nicht in die kühlen, feuchten Gefilde am Ostufer des nördlichen Nyassa abgeführt und dem Stammestum der Wangoni einverleibt worden waren, sahen, daß der Mgoni mit seinem kurzen Speer, seinem ovalen Fellschild und seinem phantastischen Schmuck aus Geierfedern, Fellstreifen vom Leoparden, der Wildkatze und ähnlichem Getier, unwiderstehlich war. Daß diese Unwiderstehlichkeit nur zu einem sehr geringen Teil auf dem furchtbaren Äußern des Feindes beruhte, in Wirklichkeit vielmehr in der größeren Tapferkeit und dem geschlossenen Angriff der Kaffern mit dem kurzen, festen, im Handgemenge allerdings schrecklichen Speer bestand, haben die Leute hier nie begriffen. Sie nahmen den Schein für die Wirklichkeit, kleideten sich fortan wie die Wangoni und suchten auch deren sonstige kriegerische Ausrüstung nachzuahmen. In diesem Zustande befinden sich diese Völker auch heute noch. Biologisch läßt sich dieser ganze Vorgang als eine Art Mimikry auffassen, die auch deswegen überaus interessant ist, weil sie weiter im Norden der Kolonie, am Kilimandscharo und in den Gegenden westlich und südwestlich davon, ihr genaues Gegenstück gefunden hat. Dort haben die alteingesessenen Bantuvölker die Erfahrung gemacht, daß die Massai mit ihren Riesenspeeren, ihren großen, festen Lederschilden und ihrem phantastischen Kriegsschmuck ihnen weit überlegen waren; flugs haben auch sie ihre Schlüsse daraus gezogen, und heute trifft man alle diese Völker, die Wadschagga, Wapare, Wagueno, Wagogo usw. in einer Verfassung, die den ihnen beigelegten Spottnamen der Massai-Affen sehr gerechtfertigt erscheinen läßt.

Hier im Süden ist indessen mit der Nachäffung der Wangoni die Mimikry im Negerleben noch nicht erschöpft. Veranlaßt durch die ungeheuer weitgreifenden Wirren, die seit dem 1818 erfolgten Auftreten des Sulukönigs Tschaka den ganzen Osten des Erdteils nicht wieder zur Ruhe haben kommen lassen, sind auch andere Völkerschaften als die Sulu selbst von einer süd-nördlichen Wandertendenz ergriffen worden. Das sind vor allem die Makua und die Wayao; jene drängen aus ihren Ursitzen zwischen dem Rovuma im Norden und dem Sambesi im Süden langsam aber nachhaltig über den Rovuma hinüber ins deutsche Schutzgebiet hinein, die Wayao aber kommen ebenso unmerklich, doch vielleicht noch nachhaltiger aus dem weiter westlich gelegenen Gebiet am Südende des Nyassa aus südöstlicher Richtung zu uns herüber. So stoßen beide Völkerwellen gerade hier in meinem Forschungsgebiet im spitzen Winkel zusammen, und das ist gerade einer der Hauptgründe für mich gewesen, statt nach dem aufstanddurchloderten Iraku hier nach dieser entlegenen Ecke zu reisen. Nun scheint es den Makua oder doch wenigstens einzelnen von ihnen zu ergehen wie so manchem Deutschen im Auslande: er sieht sich und sein Volkstum als etwas Minderwertiges und Verächtliches an und hat nichts Eiligeres zu tun, als die letzte Erinnerung an Vaterland und Muttersprache zugunsten der neuen Nationalität abzustreifen. Hier im Lande sind, nachdem der Wangonischrecken seit den 1880er Jahren, dem Zeitraum der letzten Einfälle, im Bewußtsein der heranwachsenden Generation verblaßt ist, die Wayao die Vornehmen; was Wunder, wenn gerade eine so eitle Persönlichkeit, wie Nakaam es unzweifelhaft ist, sein eigentliches Volkstum glatt verleugnet, um als vollwertig und ebenbürtig zu gelten.

Höchst spaßhaft klingt es, wenn die Angehörigen der hiesigen Sprachen einen Begriff als etwas ganz Außerordentliches hervorheben wollen, z. B. als sehr hoch oder sehr weit entlegen, als sehr schön oder in ferner Zukunft erst zu erwarten, und dergleichen. Das tun diese Leute durch eine unnachahmliche Hinaufschraubung des betreffenden Adjektivs oder Adverbs zur höchsten Fistel. Ich werde später noch auf diesen sprachlich so ungemein interessanten Punkt zurückkommen; jetzt kann ich nur mit innigem Behagen an mein Lustgefühl zurückdenken, welches ich empfand, als Nakaam in seinem „~Mimi Makua, lakini ya samāni~, ich bin ein Makua, aber einer von ganz, ganz weitentlegener Zeit“, die beiden Silben „~māni~“ so lang dehnte und das „~ni~“ so in die Höhe schraubte, daß man fürchten konnte, er möchte den Rückweg zur Gegenwart nicht wiederfinden.

Also Nakaam war, wenn auch nicht gerade zu seiner freudigen Genugtuung, seiner eigentlichen Stammeszugehörigkeit überführt worden. Gerade wollten wir zu einem anderen, für ihn erquicklicheren Gesprächsgegenstande übergehen, da saßen wir plötzlich im Dunkeln. Das Brausen des Sturmes war im Lauf des Abends immer stärker, die Böen waren immer häufiger und heftiger geworden; jetzt umraste ein wirklicher Orkan Swastikapalais und Zelte; unsere Matten und Decken schlugen uns wie gepeitschte Segel um die Ohren. Das schwere Hausdach ächzte und stöhnte in allen seinen Bindelagern; unsere Zelte hielten nur mit sichtlicher Mühe dem riesigen Winddruck stand. Jeder Versuch, die Lampe wieder zu entzünden, wäre vergeblich und im Hinblick auf die ganze Umgebung auch im höchsten Grade feuergefährlich gewesen. So blieb denn nichts anderes übrig, als die Unterhaltung für dieses Mal gerade da abzubrechen, wo sie anfing interessant zu werden, und sich in sein Tippelskirchbett im Zelt zu verkriechen.

Mit dem Schlaf in Afrika ist es ein eigen Ding. Freilich, die riesenbreiten Eisenbettstellen der Küste gewährleisten einen Schlummer, wie er erquicklicher auch bei uns im kühlen Europa nicht gedacht werden kann; die Trogform des Safaribettes ist an sich schon weniger bequem; kommt nun zu dem Temperaturminimum etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, das den Schläfer stets erwachen und nach einer zweiten Decke greifen läßt, auch noch das Hustenkonzert einer größeren Karawane, dann ade süßer Schlummer! Bei unserem Marsch von Lindi bis Massassi hatte sich die große Schar der Polizeisoldaten stets im engen Kreis, die Köpfe nach außen, um unsere Zelte gelagert; dann war in den schneidend kalten Nächten von Nangoo und Chikugwe alsbald ein Gehuste und Gespucke losgegangen, daß man wirklich nicht wußte, ob man die unglücklichen frierenden Kerle draußen oder aber sich selbst mehr bedauern sollte. Hier in Mwiti hätte ich meine Leibgarde wie auch meine Träger sehr gern weit von unserem Zeltplatz untergebracht, aber der kommandierende Gefreite hat mir erklärt, daß das nicht gehe; die Wangoni seien im Anzuge. So hat sich mein Dutzend Krieger, denn so viel hat mir Herr Ewerbeck als Schutztruppe mitgegeben, wieder rings um uns herum gelagert; wieder tönt das Gehuste ohne Unterlaß in mein warmes Zelt hinein, so daß an Schlaf kaum zu denken ist; aber diesmal ist das Mitleid mit den Kriegern doch größer als der Ärger über die unausgesetzte Störung. Und es ist auch nur zu berechtigt. Die kleine Ebene vor Nakaams Palais, auf der wir lagern, ist fast baumlos; steil von oben, durch nichts aufgehalten, stürzt auf sie der eisigkalte Plateauwind herunter. Zwar hat sich jeder Soldat neben der Matte, auf der er liegt, und dem Pfahl, an dem Gewehr und Patronengürtel hängen, ein kräftiges Feuer gemacht, doch was nützt das den Männern, deren Körper durch das dünne Khaki trotzdem einer ungehinderten Ausstrahlung ausgesetzt sind.

Es begreife die Negerseele wer da kann. Ich habe am nächsten Morgen Soldaten und Träger versammelt und habe ihnen gesagt: „Kerls, ihr friert doch wie die Schneider; gleich geht los und baut euch Strohhütten, oder, wenn euch das zuviel ist, wenigstens Windschirme.“ „~Ndio, Bwana~, jawohl, Herr!“ hat die ganze Schar geantwortet; als ich mich aber am Nachmittag erkundigte, wo denn ihre Bauten seien, da kam’s heraus: ich marschiere, hieß es, doch bald weiter, da hätte es keinen Zweck, erst noch Wände zu bauen. „Gut,“ habe ich ihnen da sehr kühl erwidert, „dann friert ihr eben. Wer mir aber in den nächsten Tagen mit Katarrh kommt -- fügte ich für mich in Gedanken hinzu --, den werden wir zur Abwechselung einmal nicht mit dem lieblichen Aspirin behandeln, sondern mit Chinin, notabene ohne Wasser, und kauen sollen die Burschen diese schöne, kräftige Daua vor meinen Augen.“ So verdirbt Afrika den Charakter, leider nicht nur den der Schwarzen.

Mein zweiter Tag in Mwiti hat mir auch noch manches Lehrreiche geboten. Mir mußte das Fieber, von dem ich soeben erst erstanden bin, bereits in den Gliedern stecken; in merkwürdiger körperlicher Erschlaffung war ich vormittags in meinem Liegestuhl unter Nakaams Barasa sanft entschlummert. Klatsch -- huuh; klatsch -- huuuh; klatsch -- huuuh, tönt es dem Erwachenden ans Ohr. Ein Blick nach links lehrt mich, daß der blonde Nils in seiner Eigenschaft als interimistischer Unterpräfekt wie ein zweiter Salomo als Richter waltet. Nun kenne ich zwar Gerichtssitzungen schon seit Lindi, aber sie sind hier immer interessant, und so war ich im nächsten Augenblick zur Stelle. Der Delinquent hatte unter bedeutendem Wehgeheul inzwischen seine fünf wohlgezählten Hiebe erhalten; er stand jetzt wieder aufrecht und rieb sich mit erklärlichen gemischten Gefühlen die wunde Stelle; doch frech sah er immer noch aus. Nach gegenwärtiger Landessitte etwas angesäuselt, hatte er sich im Verhör erkühnt, Nils Knudsen mit einem besonderen Namen, anscheinend dem Spitznamen des Norwegers bei den Negern, zu belegen; dies durfte natürlich nicht ungerochen bleiben, und daher die Exekution. Der Neger betrachtet sie übrigens als ganz selbstverständlich; er würde sich aufs höchste wundern, wenn nicht jede Ungebühr in dieser Weise und ohne Verzug gesühnt würde, ja er würde uns direkt für schlapp und keineswegs als seine Herren betrachten.

Einen ebenso tragikomischen Anstrich hatte auch der nächste Fall, zu dem ich ebenfalls erst am Schluß des Verhörs der drei Beteiligten hinzukam. Ich sehe, wie der Gefreite Saleh mit einem derben Kokosstrick, wie er von den Trägern benutzt wird, ihre Last durch Umschnüren mit ihm handlich zu gestalten, über den Platz eilt. Im selben Augenblick hat er auch schon einem vor dem Richter Nils stehenden schwarzen Jüngling die Arme stramm auf dem Rücken gefesselt. Dieser hat die Prozedur stillschweigend über sich ergehen lassen; nun aber erhebt sich ein unglaublich lebhaftes Gerede. Mit einer Art Lassowurf hat Saleh einem ebendort stehenden jugendlichen Frauenzimmer, an dem mir nichts so sehr auffällt wie die geradezu hottentottenhaft weit ausladende Gesäßpartie, das andere Ende des Strickes um die Hüfte geworfen; blitzschnell ist auch sie gefesselt und gefangen. „Nanu, was ist denn hier los?“ wage ich in den merkwürdigen Auftritt hineinzuwerfen.

„Sehen Sie sich nur einmal den andern an“, sagt der moderne Salomo. „Dieser hier und das Weibsbild sind Mann und Frau; mit dem andern aber hat die Frau, während der Mann verreist war, monatelang zusammengelebt. Und als der ahnungslose Ehemann zurückkommt und das Pärchen hübsch beisammen findet, da hat ihn dieser Halunke hier zum Überfluß auch noch in die Hand gebissen.“

„So, und zur Belohnung binden Sie das saubere Pärchen nun auch noch zusammen?“

„Zur Belohnung gerade nicht, aber die beiden müssen nach Lindi hinunter zu ihrer Aburteilung -- ein paar Monate Kette wird er wohl schon kriegen -- und da weiß ich wirklich nicht, wie ich sie anders transportieren soll.“

Ich habe selten ein paar so vergnügte Gesichter gesehen wie die Visagen dieses netten Pärchens, als sie abgeführt wurden.

Schon den ganzen Tag hatte ich einen meiner Träger um mein Zelt herumschleichen sehen. Am Nachmittag kam der Bursche näher; er wolle Daua, sagte er. Wofür? frage ich ihn kühl. Für eine Wunde, lautet die Antwort. Ich, in der Meinung, der Mensch habe sich eine Verletzung auf dem Marsch zugezogen, lasse den braven Stamburi holen, jenen Askari, dem ich die therapeutische Behandlung aller jener Fälle anvertraut habe, die ich nicht selbst behandeln mag. Stamburi befreit mit nicht geringer Mühe das fragliche Bein erst von einer fingerdicken Dreckkruste; neugierig bin auch ich näher getreten, doch was muß ich sehen! Eine uralte Wunde vorn auf dem Schienbein, wie eine Handfläche groß, stinkfaul und bis auf den Knochen durchgefressen. Entrüstet fahre ich Herrn Cigaretti -- so heißt der Schmierlümmel -- an, er habe mich betrogen, er sei kein Träger, sondern ein Kranker, der ins Hospital gehöre; seine Wunde sei nicht frisch, sondern schon Monate alt; er werde mit der nächsten Gelegenheit nach Lindi hinuntergeschickt werden. Sehr ruhig und frech heißt es darauf: ~Lindi hapana, Bwana~, er sei für sechs Monate gedungen, und eher zu gehen fiele ihm gar nicht ein. Ich bin nun in einer etwas unangenehmen Lage, da ich die bezüglichen Bestimmungen nicht kenne; behalte ich den Burschen bei mir, so wird er eines schönen Tags selbst transportunfähig oder geht wohl gar ein; jage ich ihn aber in den Busch, so fressen ihn die Löwen. In jedem Fall ist es mir sehr interessant, zu sehen, wie einseitig das Rechtsgefühl dieses braven Mannes ausgebildet ist; er besteht auf seinem Schein, jedoch nur soweit er ihm zu seinem Vorteil gereicht.

Und dann dieses schreckliche Wort ~hapana~! Man würde die ganze schwarze Rasse am besten mit zwei kleinen Wörtern charakterisieren können. Das eine ist „~hapana~“, wörtlich: es ist nicht, es gibt nicht, verallgemeinert: nein; das andere lautet: ~bado~, noch nicht. Einen von den beiden Ausdrücken bekommt man unter hundert Fragen mindestens 99mal zur Antwort. „Hast du das und das getan?“ oder: „Ist das und das zur Stelle?“ fragt der Europäer. „~Bado~“ heißt es das eine Mal, ~hapana~ zum andern. Ich habe schon den Vorschlag gemacht, die ganzen Bantu-Idiome des Ostens unter dem Kollektivbegriff des Kihapana oder des Kibado zusammenzufassen. Zunächst macht die Sache dem Weißen Spaß, zumal besonders das ~bado~ dem Gehege der Zähne mit einem Schmelz entflieht, daß jede höhere Tochter der sprachberühmten Städte Braunschweig und Celle über eine solche Geziertheit der Aussprache des „a“ neidisch werden könnte; hat man indessen immer bloß ~bado~ und immer bloß ~hapana~ zu hören bekommen, und niemals ein „~Ndio~“ oder ein „~Me kwisha~, ich bin fertig“, so wird man wild und greift am liebsten zum Kiboko. --