Negerleben in Ostafrika

Part 14

Chapter 143,537 wordsPublic domain

Gegen Abend dieses denkwürdigen Tages ist es, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Mit keckem Schritt tritt ein kleines Bürschchen von 8 bis 9 Jahren an meinen Tisch heran, breitet auf mein „~Karibu~, tritt näher“, eine ganze Anzahl wunderhübsch verzierter, kleiner Kämme vor meinen Augen aus und bleibt in erwartungsvoller Pose stehen. Die Dinger sind in der Tat reizend; der eigentliche Kamm selbst ist aus feinen, gerundeten Holzstäbchen zusammengesetzt, der ganze Oberteil aber bedeckt mit buntfarbigem Stroh, das zu schönen geometrischen Mustern geordnet ist. „Wo werden die Dinger gemacht?“ frage ich den kleinen Kaufmann. „~Karibu sana~, hier ganz in der Nähe“, lautet die prompte Antwort. „Und wer macht diese Kämme?“ „Ein Fundi, ein Meister“, ertönt es daraufhin, etwas verwundert diesmal, denn der Weiße sollte doch billig wissen, daß hierzulande alles von Berufshandwerkern, von Fundi, gefertigt wird. Schnell werden wir handelseins, ebenso schnell habe ich meinen Tropenhelm mit dem leichten Filzhut vertauscht, habe noch Kibwana, der merkwürdig schnellfüßig mit einem rasch umgehängten Gewehr heranspringt, angeschnauzt, er solle seine Donnerbüchse nur ruhig wieder weghängen und so mitkommen, da sind wir auch schon mitten drin im schönen, grünen Urwald. Der kleine Mann eilt mit erstaunlich raschen Schritten fürbaß, 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. „Na, wo ist denn dein Fundi?“ frage ich ihn schon ungeduldig. „~Karibu sana~“, tönt es beschwichtigend zurück. Aus den 15 Minuten werden 30, werden 40; die Sonne ist schon hinter dem nächsten Bergrücken verschwunden. Auf meine Anfragen stets eine ausweichende Antwort: Dort, wo die Schambe ist, dort wohnt der Fundi, oder aber: Unmittelbar hier vor uns, da ist es. Schließlich springe ich den kleinen, flinken Führer unversehens von hinten an, indem ich ihn in Ermangelung eines anderen passenden Angriffspunktes bei beiden Ohren nehme. Strenges Verhör unter sanfter Nachhilfe an den Ohrläppchen. Da kommt es denn heraus: es sei reichlich noch einmal so weit, als wir schon gelaufen seien, und es sei hoch oben in den Bergen. Demnach wäre ich also frühestens zwischen 7 und 8 Uhr ans Ziel gekommen, in vollkommen dunkler Nacht, gänzlich unbewaffnet, ohne jede Unterkunft. So weit ging meine Begeisterung für das Studium der Negertechnik denn doch nicht; ich zog, unter Zugrundelegung unserer europäischen Ansichten über Nah und Fern, aber zur schmerzlichen Verwunderung des Autochthonen, diesem noch einmal die Ohren lang, entließ ihn dann mit leichtem Klaps und zog unverrichteter Dinge wieder heim. Damals war ich stark entrüstet über dieses unberechenbare Negervolk; heute muß ich zugeben, daß es bei uns doch eigentlich wenig anders ist; dem einen sind 20 Kilometer ein Katzensprung, dem andern die halbe Meile ein Tagemarsch. Das aber habe ich schon gemerkt: der Neger rechnet ganz allgemein mit viel größeren Entfernungen und auch mit größeren Marschleistungen als wir. --

Wieder brennt die Lampe mit unsicher flackerndem Licht unter Nakaams Barasa. Zwar ist diese besser abgedichtet als gestern, aber der Sturm braust heute ungleich gewaltiger wie den Abend vorher.

„Und 60 Millionen Menschen wohnen in Uleia?“ fragt mich Nakaam ganz verwundert. „60 Millionen? Aber was ist eine Million? Ist es ~elfu elfu elfu~, 1000 mal 1000 mal 1000?“

Donnerwetter, denke ich, der geht aber in die vollen; 1000 mal 1000 mal 1000, das ist ja eine Milliarde! 60 Milliarden Deutscher, armes Vaterland! Es lebe die Bevölkerungsstatistik!

Doch soll ich den Nigger enttäuschen? Keinesfalls; wir haben an Prestige sowieso nicht viel mehr zuzusetzen. So antworte ich ihm denn: ~Ndio, elfu elfu elfu~ und belasse es bei den 60 Milliarden.

Und wieviel Askari hat der Sultani ya Uleia, der deutsche Kaiser?

Hier konnte ich ruhig bei der Wahrheit bleiben, denn in bezug auf unsere Wehrmacht sind wir Gott sei Dank einstweilen noch allen möglichen Gegnern über.

„Wenn wir keinen Krieg machen, haben wir 600000 Askari; wenn wir aber Krieg machen, dann sind es 6 Millionen.“

Nakaam ist keiner von denen, die sich leicht imponieren lassen, aber als er jetzt stumm nachrechnete: 6 mal ~elfu elfu elfu~, da wuchsen wir in seinem Ansehen ganz offensichtlich. Doch er ist nicht nur kritisch veranlagt, sondern auch mit der Tagesgeschichte wohlvertraut.

„Nicht wahr?“ sagt er, „in dem großen Kriege zwischen den Russen und den Japanern haben die Russen Haue bekommen?“ Diese Tatsache konnte ich allerdings mit dem besten Willen nicht wegleugnen, doch hielt ich es für durchaus angebracht, meiner bejahenden Antwort in einem Atem hinzuzufügen, das wolle nichts bedeuten, denn wir, die Wadachi, wir seien viel stärker als sie alle zusammen, als die Russen, die Japaner und auch die Engländer. Nakaam setzte jetzt endlich eine überzeugte Miene auf; aber ob sie wirklich echt gewesen ist, wer kann das bei diesem schlauen Fuchs ermessen.

In der Geographie hatte bis vor kurzem mein Boy Moritz die beste Note; er hielt seinen Freunden, und auch wer ihm sonst zuhören mochte, lange Kollegien über Uleia und Amerika, sprach von Berlin, Hamburg und Leipzig und erklärte dem wißbegierigen Auditorium mit gleichbleibender Geduld, welchen Daseinszweck auf dieser Erde nun auch ich, sein Herr und Gebieter, dort im fernen Uleia habe. Ich sei der Bwana kubwa eines großen, großen Hauses, und in diesem großen Hause, da seien die Matten und die Stühle und die Töpfe und die Löffel und die Kokosreiber aller Völker der Erde, und ich sei hier ins Land gekommen, um nun auch von hier alle diese schönen Dinge nach Uleia zu bringen. Moritz war also, das muß man billig anerkennen, ein ganz guter Interpret meiner Ziele, aber sein Ruhm war verblaßt, als ein paar Tage vor unserm Abmarsch von Massassi Ali, der Weitgereiste, von Lindi herauf nach Massassi gekommen war, um von neuem in Knudsens Dienste zu treten. Jetzt verstummte Moritzens quäkige Stimme, denn nun konnte Ali berichten, was er mit eigenen Augen in Berlin und Hamburg gesehen hatte. Als Diener eines weißen Herrn war er in der Tat im fernen Deutschland gewesen. Nur daß er Leipzig nicht kannte, betrübte ihn.

Nakaams topographische Kenntnisse waren, wie die Moritzens, auch nur theoretischer Natur; er kannte zudem nur Berlin. Doch welch tiefes Interesse hatte dieser Mann an allen möglichen Einzelheiten einer europäischen Stadt! Die Länge der Straßen wollte er wissen, die Höhe der Häuser, und wie man hoch oben auf diese Türme von Häusern hinaufkäme; und wieviel Menschen in einem Hause wohnten, und wo sie ihre Chakula, ihr Essen, kochten, und hundert andere Dinge mehr. Für mich mit meinem immerhin geringen Suaheliwortschatz war es natürlich ganz unmöglich, diese Wißbegier in ihrem ganzen Umfange zu befriedigen; um so dankbarer konnte ich Knudsen für seine Aushilfe sein.

Den nächsten Tag sind wir bis zu einem gottverlassenen Nest namens Mkululu marschiert; es ist noch auf keiner Karte verzeichnet. Wie stachen die elenden Hütten hier von Nakaams Palast ab, und wie unendlich schmutzig und verwahrlost waren Dorfplatz und Barasa! Beide bedurften erst einer gründlichen Reinigung, bevor wir unsere Zelte unmittelbar am Rasthaus selbst aufrichten konnten. Und doch müssen wir dem Schicksal danken, daß wir ganz instinktiv den Schutz dieses dörflichen Strohdaches gesucht haben. Der Sturm, der uns in Mwiti die Abende so verleidet hatte, setzte auch hier bald nach Sonnenuntergang ein. Im Freien wäre überhaupt keines Bleibens gewesen, so wirbelten Staub und Laub und Gras und Zweige in der Luft herum; doch auch unter der Barasa war es nicht zum Aushalten. Also marsch ins Zelt und ins warme Bett hinein. Aber was ist das? Das Bett will heute gar nicht warm werden; ich nehme zu der einen, gewohnten Kamelhaardecke noch die zweite. Es nützt alles nichts; ein wahnsinniger Frost schüttelt meine Glieder, und die Zähne klappern, daß es zeitweise selbst das Brausen des Sturmes übertönt. Dieses Brausen ist mit jeder Viertelstunde lauter und fürchterlicher geworden; ich schiebe mein Frieren auf den üblichen abendlichen Temperatursturz und stehe auf, um das Zelt noch dichter zu machen. Ich bin gar nicht einmal ganz aus seinem Innern ins Freie getreten; dennoch bin ich heilfroh, mich wieder in seinen Schutz zurückgerettet zu haben. Ein wahrer Hexensabbat umtobte Barasa und Zelt; heulend, sausend, pfeifend umrasten dicke Wolken von Staub und Unrat meine schwanke Segeltuchhütte, und wirbelnd umfaßte mich die Windsbraut, als ich nur ein wenig ins Freie trat. Dazu ein unaufhörliches Krachen und Brechen ringsum; starke Äste mußten es sein, die von den hohen Dorfbäumen herabgeschleudert wurden, und selbst die Bäume schienen einem solchen Aufruhr der Natur nicht standhalten zu können. Ich habe in jener Nacht kein Auge schließen können; der starke Schüttelfrost wich bald einem starken Schweißausbruch; nur der unerbittliche Zwang weiter zu marschieren, hat mich am frühen Morgen auf die Beine gebracht.

Über den Gewaltmarsch von Mkululu bis Chingulungulu möchte ich mich am liebsten ausschweigen; eine rühmliche Rolle kann ich in meinem Zustand in den Augen unserer Mannschaft an jenem Tage kaum gespielt haben. Auch Knudsen hatte Fieber. Am frühen Morgen, solange es noch kühl und der Wald frisch und grün war, ging es noch. Zwar mit dem Reiten war es nichts. Der Weg führte zunächst am Westfuß des Makondeplateaus entlang. Es ist dies ein Gebiet hoher Aufschüttung, zugleich auch eines starken Quellenreichtums. Alle paar hundert Meter steht infolgedessen die Karawane am Rande einer viele Meter tief senkrecht eingeschnittenen Schlucht, die sich die Gewässer in das lockere Erdreich gegraben haben. Unsicheren Fußes stolpert man den steilen Abhang hinunter; nur mit Anspannung aller Kräfte des fiebergeschwächten Körpers kommt man an der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. So geht das mehr als ein dutzendmal; da biegt der Führer vom Wege ab und verschwindet rechts im Pori. Dieses wird lichter und lichter, je weiter die Steilwand des Plateaus hinter uns zurückbleibt; schließlich ist es die typische lichte Baumgrassteppe: ein Baum genau wie der andere, frisches Grün nur hier und da; Unterholz auch nur spärlich, aber wo es auftritt, von dorniger Beschaffenheit; das Gras an den meisten Stellen bereits abgebrannt. Dann wirbelt in der glühenden Mittagshitze eine undurchdringliche Aschenwolke, hervorgerufen durch lokale Wirbelwinde, mehr wohl noch durch die Tritte der Marschierenden, um uns herum, alles mit einer dichten schwarzen Schicht überziehend. Ich habe die Zügel meines Tieres längst aus der Hand gelassen; zweimal ist es in seinem angeborenen Stumpfsinn und in seinem natürlichen Bestreben, stets den geraden Weg zu gehen, in einen Dornenbusch gelaufen, so daß ich wohl oder übel mich habe nach hinten fallen lassen müssen. Endlich die erste Erlösung: das stolze Haus des Yaohäuptlings Susa taucht vor uns auf; wenige Minuten später liegen Herren und Diener keuchend in seinem Schatten.

Es ist doch etwas Stolzes um die Willensstärke eines Vollkulturmenschen. Trotz unseres jammervollen Befindens hat es uns nicht fünf Minuten auf unseren Reisestühlchen gelitten, da standen Knudsen und ich auch schon in Susas Haus und fragten und forschten und skizzierten und sammelten. Dieses war auch sehr wohl angebracht, denn Susa scheint nicht nur persönlich ein ganz einzigartiger Vertreter seiner Rasse zu sein, sondern auch sein Haus ist eingerichtet, wie man es beim Neger niemals erwartet hätte. Er selbst mit langem, schwarzem Vollbart, gut und sauber in weiße Stoffe gekleidet, von intelligentem Gesichtsausdruck; seine Räume hoch, außerordentlich sauber mit Lehm ausgestrichen, hell und luftig. Der Herd ein wirkliches kleines Kunstwerk; zwar auch die üblichen drei kopfgroßen Steine, aber diese Steine liegen auf einer erhöhten Plattform aus Lehm, die sich die ganze Küche hindurch in Meterbreite an der Wand entlang zieht. Rings um das Feuer eine ganze Reihe höchst merkwürdiger, ebenfalls aus Lehm hergestellter Konsolen, die, wie der Augenschein lehrt, den rundbäuchigen Töpfen als Standfläche dienen. Und nun erst der Raum des Hausherrn selbst! Zu europäischen Kanapees, wie der Kamerunnigger sie längst in seiner Hütte besitzt, hat es der Ostafrikaner Gott sei Dank noch nicht gebracht; dafür sehen wir aber hier die Urform eines Ruhebetts: ebenfalls eine Plattform aus Lehm, 30 Zentimeter hoch, mehr als meterbreit, die Kanten nach außen abgeschrägt; als Ruhelager für Kopf und Oberkörper eine schiefe Ebene am oberen Ende; das Ganze endlich mit schönen, sauberen Matten überdeckt.

Und doch kann ein Mann wie Susa nicht aus seiner Haut. Nach Besichtigung aller Räume umschreiten wir das Haus. Was hängt denn da? rufe ich und greife nach einer prächtigen Leberwurst, die an einem fingerdicken Holzstabe von der Dachtraufe herniederhängt. Freilich, Form und Aussehen unseres heimatlichen, schätzenswerten Genußmittels hat das Ding wohl, auch führt der Baum, auf dem es heranreift, im Munde der Weißen tatsächlich den Namen Leberwurstbaum, aber im übrigen bestehen zwischen Leberwurst und Kigelia weiter keine Beziehungen. Nach einigem Zögern rückte Herr Susa mit einer Erklärung heraus. Es war natürlich eine Daua, eine Medizin oder ein Amulett oder wie man solch ein Schutzmittel nennen will. Die Frucht hatte die nicht leichte Aufgabe, das Dach des Hauses vor den Folgen der hier in der Ebene angeblich sehr häufigen, starken Windhosen zu schützen, von denen es hieß, sie trügen mit Vorliebe Hausdächer davon. Welche Ideenverknüpfung dazu geführt hat, der harmlosen Baumfrucht die Fähigkeit zuzusprechen, die Natur selbst in ihren stärksten Kraftäußerungen zu besiegen, war aus Susa nicht herauszubekommen.

Auch der vorherige Marsch durch das Pori hat mir Gelegenheit zu ein paar hübschen Beobachtungen gegeben. In malerischem Durcheinander lagert meine Karawane zur Frühstückspause an einer verhältnismäßig grünen Stelle im Walde; Knudsen und ich sitzen etwas abseits, weil meine Geruchsnerven in diesem Fieberstadium noch sensibler sind als gewöhnlich. Da schlagen faule Witze an unser Ohr, ganz im Charakter der unserer Soldaten, wenn ein weibliches Wesen in Rufnähe an einer Kriegerschar vorüberkommt. Tatsächlich ist die Sachlage die gleiche; im Abstande von 20 bis 30 Metern sucht ein junges Weib die Gruppe der Fremdlinge zu umgehen. Das ist nun an sich weiter nichts Aufregendes, aber plötzlich rufen alle meine Mannen, die ja längst wissen, was mich am meisten interessiert: „~Kipini, bwana~, siehe den Nasenpflock, Herr!“ Im nächsten Augenblick haben einige von ihnen die Maid auch schon zu uns herangeführt. Es ist allerdings ein ausnehmend herrliches Exemplar von Ebenholzpflock, was diese Schöne in ihrem linken Nasenflügel trägt, womöglich noch zierlicher und geschmackvoller mit Zinnpflöckchen ausgelegt, als man es sonst zu sehen gewohnt ist. Zuerst steht die Frau unsern Kaufangeboten glatt ablehnend gegenüber, schließlich aber scheint doch die Furcht vor so viel wild aussehenden fremden Männern wirksamer zu sein als selbst der Glanz eines Viertelrupienstücks. Zögernd fährt sie mit der Linken an die Nase, fast gleichzeitig folgt die Rechte nach. Mit einem geschickten Druck muß die Linke das Kipini aus seinem gewohnten Lager befreit haben, denn schon reicht sie das Ding herüber. Sichtbar ist der ganze Vorgang nicht gewesen, denn mit einer geradezu unerklärlichen Ängstlichkeit und Beharrlichkeit hat sie die ganze Nasenpartie mit der ausgebreiteten Rechten überdeckt. Auch jetzt, nachdem sie längst ihr Silberstück in Empfang genommen hat, steht sie noch in dieser Haltung da; meine Leute witzeln von neuem, doch immer fester drückt die Frau die Rechte auf die entblößte Stelle. Mit diesem Hinweis auf die lokale Nacktheit haben wir den Vorgang psychologisch unzweifelhaft richtig gedeutet; mit der Entfernung des Kipini wird das Schamgefühl verletzt, daher das krampfhafte Zudecken jener Stelle.

Eine solche „Verlagerung“ des Schamgefühls ist in der Völkerkunde nichts Seltenes. Mit innigem Behagen lese ich in meiner Bibel, der Peschelschen Völkerkunde, immer wieder jene köstliche Stelle, wo der Autor schildert, was ein frommer Moslim aus Ferghana tun würde, wenn er einem unserer Bälle beiwohnte. Peschel meint, daß dieser brave Moslim, wenn er die Entblößungen unserer Frauen und Töchter, die halben Umarmungen bei unseren Rundtänzen wahrnähme, im stillen nur die Langmut Allahs bewundern würde, der nicht schon längst Schwefelgluten über dieses sündhafte und schamlose Geschlecht habe herabregnen lassen. Denselben Anschauungen entspricht es, daß die Araberin Fuß, Bein und Busen ohne Verlegenheit sehen läßt, daß aber die Entblößung des Hinterhauptes bei ihr für noch unanständiger gilt als die des Gesichts, das ja auch sorgsam verborgen wird. Wieder eine andere Verlagerung des Schamgefühls ist die ängstlich angestrebte Bedeckung des Nabels bei den Malaiinnen und auch auf den Tonga-Inseln, während jeder andere Körperteil skrupellos zur Schau gestellt wird. Noch weiter von unseren Anschauungen weicht schließlich diejenige der Chinesen ab, wo es als höchstes Ausmaß der Unanständigkeit angesehen werden würde, wenn die Frau einem Manne ihren künstlich verkrüppelten Fuß zeigte; gilt es dort doch sogar für unschicklich, auch nur von ihm zu sprechen. Würde man in gleicher Weise die ganze Erde absuchen, eine Unsumme der verschiedensten, nach unseren Begriffen seltsamsten Anschauungen über Anstößiges und Gestattetes würde uns dabei entgegentreten. Unsere eigenen Ansichten über diesen Punkt sind in dieser langen Reihe auch nur eine von den vielen; auch ist ihre Berechtigung durchaus nicht besser begründet als irgendeine der anderen, denn alle diese Anschauungen haben genetisch das gemeinsam, daß ~a priori~ überhaupt nichts als verwerflich und anstößig erscheint; erst nachdem sich eine bestimmte Ansicht darüber gebildet hat, welcher Körperteil zu verhüllen und welcher unbekleidet zu lassen sei, wird ein Verstoß gegen diese Ansicht zu einer verwerflichen Handlung; nicht früher.

Die andere Beobachtung hat einen ernsthafteren Einschlag. In dumpfem Brüten zieht die Karawane durch das Pori dahin; alles „döst“, wie man bei uns in Norddeutschland den Zustand zwischen Nichtdenkenwollen und Nichtdenkenkönnen bezeichnet. Plötzlich fliege ich halb aus dem Sattel; mein Reittier ist jäh zur Seite gesprungen und macht Miene, in den dritten Dornenbusch hineinzurasen. Da ist auch schon die Ursache. Ein schräg aus dem Waldboden herausragendes Etwas, das sich bei näherem Zusehen als ein eingegrabener Baumrindenzylinder entpuppt. Das Ding ist reichlich einen halben Meter lang und an dem oberen, unbedeckten Teil mit ein paar vorgesteckten Rindentafeln verschlossen. Von meinen Leuten weiß niemand aus dem Funde etwas zu machen, wohl aber bringen ein paar zufällig des Weges kommende Landeskinder die gewünschte Aufklärung. Es ist ein Kindergrab, und zwar das eines totgeborenen Kindes. Diese werden bei den Makua immer in dieser Weise beerdigt, heißt es.

Nach kurzer Rast bei Susa sind wir von neuem aufgebrochen, um am selben Tage noch Chingulungulu zu erreichen. Dabei werden Knudsen und ich von neuem vom Fieber erfaßt; krampfhaft halte ich mich auf meinem Maultier; auch Knudsen kann sich nur mit Mühe aufrecht erhalten. In ewigem Einerlei gleitet das lichte Pori an uns vorüber; Baum für Baum; es ist kein Ende abzusehen. Ich auf dem Reittier fühle meine Beine nicht mehr; alle paar Minuten schaue ich nach der Uhr; im Schädel hämmert’s und pocht’s -- es ist eine Qual. Endlich, endlich ein fester Punkt im schrankenlosen Meer der Bäume: ein umgestürzter Koloß versperrt den Weg. Wie ein Klotz ist der Norweger auf ihn niedergesunken; nur nach langem Zureden bringe ich den Fiebernden wieder empor. Noch einmal geht’s weiter; da hört das Ohr Stimmengewirr. Wie durch einen Schleier erkenne ich Matola, der mir in Massassi bereits begegnet ist; bei ihm sind eine Anzahl weißgekleideter Männer, die sich immerfort feierlich verneigen. Ich lächle und winke mit der Hand. Wir kommen an ein von vielen Säulen getragenes Haus; unendlich mühsam steige ich vom Reittier, ich klappere vor Frost trotz des fast senkrechten Sonnenstandes. Mit freundlicher Miene stellt mir Matola sein Säulenhaus zur Verfügung; ebenso freundlich kredenzt er mir einen Krug kühler Milch. Mein Sinn ist nicht nach materiellen Genüssen; nur ins Bett -- nichts weiter. Mein Blick sucht Knudsen. Taumelnd verschwindet er gerade im rasch errichteten Zelt. Zwei Minuten später bin auch ich in zwei warme Kamelhaardecken gewickelt. Tut das wohl! Und nun hinein ins erste Fieber!

Neuntes Kapitel.

Bei Matola.

+Chingulungulu+, Mitte August 1906.

Ein Gutes hat so ein richtiges, tüchtiges Fieber bei allen Übeln doch; ist es zu Ende, so hat der Rekonvaleszent einen Appetit, daß unser sanfter Ausdruck „essen“ sich zu dieser Tätigkeit des Nahrungvertilgens verhält wie der liebliche Ton der Hirtenschalmei zum donnernden Schlachtgetöse. Ein ganzes gebratenes Huhn ist in dieser Lebenslage für ein Frühstück gerade knapp ausreichend, wohlgemerkt, wenn man vorher noch einen großen Teller Knorrscher Suppe vertilgt hat und hinterher einem noch viel größeren Eierkuchen mit eingebackenen Bananen entgegensieht. Aber es geht dann auch schnell mit der Wiederherstellung; sehr bald schmeckt wieder die Zigarre, bekanntlich der beste Maßstab des Wohlbefindens seit Wilhelm Busch. Nur ein gewisses „Brägenschülpen“, das Gefühl, als wenn das Gehirn den ihm zur Verfügung stehenden Raum nicht ganz ausfüllte und daher bei jeder Kopfbewegung an den Rändern Wellen schlüge, erinnert noch ein paar Tage lang in allerdings sehr wenig angenehmer Weise an den schweren Fieberanfall.

Traum und Wirklichkeit oder Poesie und Prosa, so könnte man das berühmte Chingulungulu mit Fug und Recht benennen. Man muß in der Tat wie Nils Knudsen ein Jahrzent im Busch gesessen haben, um dieses Emporium alles Schmutzes, Dreckes und Staubes für das Paradies anzusehen, welches Chingulungulu nach Knudsens Ansicht auch heute noch darstellt. Selbstverständlich haben wir unsern Wohnsitz unter der berühmten Barasa aufgeschlagen. Sie ist wirklich ein gar stolzes Gebäude. Eigentlich ist es nur ein von Säulen getragenes Strohdach, aber dieses Strohdach hat 15 Meter Durchmesser und liegt mit seiner Spitze mindestens 6 bis 7 Meter über dem Estrich. Auch architektonisch ist es eine beachtenswerte Leistung: um den Mittelpfeiler stehen die übrigen Säulen in drei konzentrischen Kreisen; der Fußboden ist gestampfter Lehm, mit Asche vermischt. Gestampft ist nicht der richtige Ausdruck, die Leute benutzen hier vielmehr einen im stumpfen Winkel gebogenen Schlegel, mit dessen breitem, flachem Schlagende die nötige Bodenfestigkeit erzielt wird. Rings um die ganze Peripherie der Halle verläuft, nur an drei um je 120° voneinander abstehenden Lücken unterbrochen, ein um etwa 40 Zentimeter erhöhter Wall. Das sind die Sitze für die Thingmänner, denn diese Barasa ist in der Tat nichts anderes als das Parlamentsgebäude der dörflichen Gemeindevertretung. Der Thingammann thront in der Mitte des weiten Baues; rings um ihn in dichter Scharung kauern, sitzen und stehen die schwarzen Mitbürger. Eine solche Barasa hat jedes Negerdorf, aber von ihnen allen ist die von Chingulungulu am berühmtesten. Matola ist denn auch nicht wenig stolz, daß er seinen beiden Gästen gerade eine solch hervorragende Unterkunft gewähren kann.