Part 15
Doch auch Matolas Wohnhaus ist ein gar stattlicher Bau. Rings um das Ganze natürlich, wie immer, die vom weitausladenden Dach beschattete Veranda, gegen Regen und Ungeziefer um eines Fußes Breite gegen die übrige Welt erhöht. Unter ihr hält Matola Tag für Tag und den ganzen Tag Hof. Das ist interessant für mich, aber nicht gerade angenehm, denn der Audienzplatz liegt nur 25 Meter von meinem Sitz ab, und Negerstimmen sind wenig gewohnt, sich Zwang anzutun. Und gar erst, wenn weibliche Wesen auftauchen, um an dem allgemeinen Konvent teilzunehmen oder sich im Schauri zu verteidigen. Dann wird’s furchtbar.
Den stattlichen Abmessungen des Matolaschen Hauses entspricht die Ausstattung seines Innern nicht. Die ganze Vorderfront entlang läuft zunächst, was Matola die Abendbarasa nennt, ein langer, schmaler Raum, in den die Hausbewohner und ihre Freunde sich an unfreundlichen Abenden vor den Unbilden der Witterung zurückziehen. Eine einzige Kitanda, ein Bettgestell im Küstenstil, bildet das Mobiliar. Der übrige Teil des Hauses wird von drei Zimmern von je 25 Ouadratmeter Grundfläche eingenommen. Die beiden seitlichen sind Schlafräume; ihr Zweck wird dokumentiert durch je ein paar Bettstellen und große Aschenhaufen, die Reste des kräftigen Feuers, das jeder Eingeborene allnächtlich zur Seite seines Ruhelagers unterhält. Beide Räume sind lediglich durch eine nach dem Mittelraum führende Tür zugängig, fensterlos und daher stockdunkel. Der Mittelraum dient als Küche; aber wie urwüchsig und primitiv nimmt sich Matolas Herd gegen den seines Kollegen Susa aus! Bei Susa ein nach Material und Technik stilgerechter Unterbau zu dem System der Herdsteine, Koch- und Vorratstöpfe und des sonstigen Küchengeräts; bei Matola nichts als ein wüstes Aschenchaos, auf dem irgendwo ein paar kopfgroße Klumpen von Termitenerde die ZubereitungsstelIe der königlichen Nahrung andeuten. Und dabei steht der Yaoherrscher im Ruf, für afrikanische Verhältnisse ein geradezu reicher Mann zu sein, der irgendwo in seinen Häusern versteckt große Mengen silberglänzender Rupien verborgen halte.
Um so interessanter ist dafür Matolas Hof. War Matola bei dem ersten Besuch, den ich ihm machte, angesichts der Dürftigkeit seines Hausinneren etwas befangen und verlegen, so führte er mich durch die hinteren Räumlichkeiten seines Anwesens mit sichtbarem Stolze. Er hat auch allen Anlaß dazu. Schon die ganze Hinterbarasa seines Hauses ist lückenlos besetzt mit Vorratsbehältern der verschiedensten Größen und Formen. Da gibt es mehr als mannshohe bienenkorbartige Behälter für Hirse und Mais: daneben stehen zylindrische, nur wenig niedrigere Gefäße für Erdnüsse, Bohnen und Erbsen; in den Zwischenräumen aber findet das Auge im Halbdunkel kleinere Behälter aus Baumrinde oder Ton zur Aufbewahrung der Nahrungspflanzen zweiten Grades. Alle diese Vorratsbehälter sind, wie wir es schon in Massassi kennen gelernt haben, gegen tierische Schädlinge und die schädlichen Einflüsse der Atmosphäre durch eine dicke, feste Lehmschicht geschützt. Wendet man sich dem hinteren Teile des großen, rechteckigen Hofes zu, der durch eine hohe Palisadenwand gegen den Einblick und das Eindringen Unberufener geschützt ist, so erblickt das Auge auch hier die Beweise einer zweifellos sehr weit- und vorsichtigen Wirtschaftsmethode, denn hier ist ebenfalls alles auf das Hinüberretten der diesjährigen Ernte bis zum nächsten Erntetermin eingerichtet. Kleine und große Vorratsbehälter ringsum, zwischen allem aber ein gewaltiger Speicher, in dessen unterem Raum einige Frauen am Herde hantieren, während der ganze große Dachraum mit Ähren und Kolben gefüllt ist. Und tritt man aus dem Hofraum nach Osten ins Freie, so zieht sich längs der ganzen Palisadenwand ein langes Gerüst hin, mehr als 2 Meter hoch, auf gegabelten Pfählen ruhend, dazu mehr als 2 Meter breit, auf dem auch jetzt noch, trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit, reichliche Mengen abgeernteter Ähren endgültig an der Sonne getrocknet werden. Wandert man schließlich um das ganze Anwesen herum bis zu seiner linken Giebelseite, so steht man plötzlich vor der Krone des ganzen Wirtschaftssystems, einem Speicher von wahrhaft gigantischer Größe und zweifellos sehr rationeller Konstruktion. Er ist am Anfang dieses Kapitels wiedergegeben.
Dieser Speicher ist ein Pfahlbau, wie alle übrigen Vorratsbehälter; während aber bei den gewöhnlichen Formen der Pfahlrost nur 50 bis 70 Zentimeter hoch ist und 1 bis 1½ Meter im Quadrat mißt, liegt er bei diesem Riesen in fast doppelter Manneshöhe und nimmt eine Fläche von mindestens 3-4 Meter im Quadrat ein. Auf der Plattform ruht der eigentliche Kornbehälter. Er ist von stattlicher Tiefe und großem Inhalt, am besten einem europäischen Maischbottich vergleichbar. Zur Stunde ist er erst zur Hälfte mit Hirserispen gefüllt, daher auch noch der mangelnde Verschluß. Über dem Ganzen breitet sich dann das gewohnte, weitausladende, schwere Dach aus. -- Und der Zugang zu diesem Bau- und Wirtschaftswunder? Dieser wirkt allerdings wieder urafrikanisch urwüchsig, denn er besteht aus derselben vorsintflutlichen Leiter, die meine Lachlust bereits in Massassi erregt hat: ein paar derbe ästige Knüppel als Leiterbäume; daran in meterweitem Abstand, nur schwach befestigt, ein paar ebenso elende Sprossen.
Das Allerbeste und Höchste seiner ganzen Ökonomie hat Matola sich bis zuletzt aufgespart. Was quiekt und grunzt dort behaglich im Schatten jenes düstern Gebäudes, als dessen Endzweck mir der eines Gefängnisses genannt wird. Ein Gefängnis in Afrika? Jawohl, ein wirkliches und wahrhaftiges Gefängnis; auch der Neger ist kein Engel, und als „Kette“ muß er doch irgendwo hausen. Jetzt interessiert uns mehr der Ursprung jenes zweifellos tierischen Geräusches. Eine Muttersau ist es, mit zwölf lustigen Ferkeln um sich herum. Die fröhliche Gesellschaft ist überall; sie untersuchen das Gepäck der Askari, statten Nils Knudsen in seinem Zelt Besuche ab, mit Vorliebe aber finden sie sich nach dem Diner in unserer Küche ein, um dem Koch und seinem Jungen die Säuberung unserer Töpfe und Teller abzunehmen. Das ist ihnen gar bequem gemacht, denn erstens besteht unsere Küche aus weiter nichts als einer geschützten Ecke unter der Dachveranda des Gefängnisses, zweitens aber könnte man einen Neger, wenn er sich vollgegessen hat und wie ein geprellter Frosch schnarchend in seiner gewohnten Siesta daliegt, mit aller Seelenruhe in Stücke hacken, ohne daß er bei diesem doch immerhin tief eingreifenden Vorgang erwachte. So bietet sich denn allmittäglich das merkwürdige Schauspiel dar, daß ein khakibekleideter Europäer unter wütendem Geschelt auf die faulen, schwarzen Halunken und ihren ganzen Erdteil kibokoschwingend über den Festplatz von Chingulungulu eilt, um seine Kochtöpfe von dem Besuch der zärtlichen Schweinemama und ihrer Kleinen zu befreien. Ohne einen gelegentlichen Jagdhieb auf das nachlässige Küchenpersonal geht es selbstverständlich nicht ab, doch das kümmert meinen lieben Omari recht wenig. Den Ferkeln aber haben Knudsen und ich dahin Rache geschworen, daß wir sie eines schönen Tags wirklich in unseren Töpfen haben wollen, doch dann sehr wider ihren Willen.
Wie Matola zu diesem für den Dunstkreis des Islam -- denn in diesem befinden wir uns hier zweifellos -- seltenen Borstentier mit seinem Nachwuchs gekommen ist, habe ich bis jetzt noch nicht erfahren; ich nehme aber an, daß er sie ebenso durch die Vermittlung der englischen Mission bekommen hat wie seine allerdings viel zahlreichere Rinderherde. Diese ist in einem Pferch untergebracht, der sich unmittelbar neben Matolas Haus befindet. Er ist ein einfacher Palisadenverschlag, in den die Tiere abends kurz nach Sonnenuntergang hineingetrieben werden, um ihn vormittags nach dem Verdunsten des Nachttaus unter der Obhut einer Anzahl Knaben wieder zu verlassen. Die Herde umfaßt rund 20 Tiere, alles Buckelrinder, von denen die Mehrzahl sichtlich tsetsekrank ist; nur ein junger starker Bulle und ein paar Rinder bringen durch ihr stattliches, frisches Äußere und ihren Übermut einiges Leben in die ganze Trauergesellschaft. Erfreulicherweise sind auch einige Mutterkühe in der Schar; von ihnen stammt das Töpfchen Milch, das Matola mir täglich in unsere Barasa herübersendet.
Das ist Matolas Residenz im engeren Sinn. Will man seinen ganzen Machtbereich kennen lernen, so steigt man am besten in den Sattel, denn Chingulungulu ist eine außerordentlich weitgedehnte Siedelung. Schnurgerade, mit Kautschukbäumen bepflanzte breite Wege führen von dem Platz um die Barasa nach Norden, Osten und Westen; links und rechts von ihnen dehnen sich weite Felder, über denen hie und da das Graubraun eines mehr oder minder stattlichen Hüttendaches auftaucht. Ich bin die ganze Zeit, die ich hier bei Matola sitze, immer von neuem in die Einzelheiten dieser Negersiedelung untergetaucht, und ich muß gestehen, daß die Reize dieser Tätigkeit mich bis jetzt über einen Übelstand hinweggetröstet haben, der mir unter andern Verhältnissen den Aufenthalt in dieser Gegend längst verleidet hätte. Das ist nämlich die Schwierigkeit, mich über die interneren Sitten, Gebräuche und Anschauungen zu unterrichten und damit in das Geistesleben des Volkes selbst so tief einzudringen, wie ich es unbedingt will. In Massassi war die epidemische Bierfröhlichkeit der ganzen Männerwelt ein für diesen Endzweck gänzlich unvorhergesehenes Hindernis; hier in Chingulungulu scheint Matola entweder nicht den Einfluß zu besitzen, mir weise Männer zum Ausfragen stellen zu können, oder aber er hat gar kein Interesse daran, dem Fremden die Weistümer seines Volkes zu offenbaren. Vieles weiß er übrigens selbst; er hat auch schon manches Mal mit uns gesessen und aus der Geschichte seines Volkes erzählt; aber wenn man ihn haben will, ist er plötzlich verschwunden. Er jage am Rovuma, heißt es dann.
Anthropologisch ist die Bevölkerung hier, im politischen Zentrum der großen Ebene zwischen den Massassibergen und dem Rovuma, ebenso bunt zusammengesetzt wie in Massassi selbst, nur daß hier unten die Wayao zunächst an Zahl überwiegen und daß sie ferner ganz allein im Besitz der politischen Vorherrschaft sind. Neben ihnen gibt es auch hier Makua, Wangindo, Wamatambwe und Makonde, und genau wie im Norden wohnt alles regellos durcheinander.
Die Geschichte der Yao bis zu ihrem gegenwärtigen Wohn- und Ruhepunkt in dieser Ebene ist bunt und wechselvoll genug. Lange Zeit, von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an bis fast in die Gegenwart, hat man sie anstandslos zu der Kaffernfamilie gerechnet. Da sie wie die Wangoni und fast gleichzeitig mit ihnen ebenfalls vom Süden nach dem Norden zogen, d. h. aus dem Gebiet östlich vom Schire und südlichen Nyassa zum Rovuma und Ludjende; da sie zudem körperlich ebenso frisch und frank erschienen wie jene reisigen Scharen aus dem fernen Südosten des Erdteils, und weil sie schließlich ebenso bewaffnet und gekleidet waren wie jene, so lag es nahe, sie gleichfalls als Einwanderer aus dem subtropischen Südafrika und als Kaffern zu betrachten. Heute ist man davon zurückgekommen; ihre Sprache gehört offenkundig in die Gruppe der östlichen Bantuidiome; heute weiß man auch, daß sie mit dem Süden des Erdteils nichts zu tun haben.
Läßt man sich die Geschichte dieses Volkes von den Männern erzählen, die entweder auf Grund ihres hohen Alters noch selbst einen großen Teil des jahrzehntelangen Wanderlebens mitgemacht haben, oder aber welche, wie Matola, Susa und Nakaam, durch ihre soziale Stellung die geborenen Träger der Stammestradition sind, so kehrt als Ausgangspunkt aller dieser meist unfreiwilligen Wanderungen stets das Gebiet am Ostrand des südlichen Nyassasees wieder.
„Einst saßen die Yao,“ so berichteten mir ein paar alte Angehörige dieses Stammes, die wir unabhängig von Matola durch ein paar handfeste Askari herbeizitiert hatten, „am Kuisale Kuchechepungu. Kuchechepungu ist der Name des Häuptlings, unter dem sie in dem Hügellande Kuisale friedlich lebten. Da kam ein Krieg, in dem die Yao geschlagen wurden. Und sie zogen in die Nähe des Makuahäuptlings Mtarika. Aber das ist schon sehr lange her; ich, Akundonde (so hieß der Sprecher dieser Geschichtskommission), weiß es auch nur von älteren Leuten. Auch bei Mtarika erging es den Yao schlecht, denn dieser starke Makuahäuptling überzog sie mit Krieg und verjagte sie. Und sie zogen nach Malambo; das aber liegt hinter Mkula. In Malambo saßen die Yao lange; schließlich aber wurden sie durch denselben Mtarika von neuem vertrieben. Jetzt ließen sie sich am Fluß Lumesule im Dondegebiet nieder; von dort sind sie später nach Massassi weitergezogen.“
Das war, als Akundonde ein großer Junge war. Da dieser alte Herr jetzt zum mindesten 60 und einige Jahre zählt, so ist dieser Zug in die Massassi-Ebene an das Ende der 1850er Jahre zu setzen. Bei Massassi sind die Yao von den Wangoni überfallen worden, haben sie aber besiegt und in der Richtung aus Kilwa Kiwindje zurückgeschlagen. Dennoch seien die Yao auf das sichere Makondeplateau gezogen. Hier, bei Mahuta, seien sie später noch einmal von den Wangoni angegriffen worden, aber das sei schon unter der Herrschaft des ältern Matola gewesen. Dann kam Bakiri von Sansibar, und damit beginne eine ganz neue Zeit.
Dieser Bakiri von Sansibar und sein Auftreten am Rovuma offenbart uns in höchst unzweideutiger Weise, wie wenig wir im Grunde genommen vom Neger und seiner Geschichte wissen. Der kaiserliche Bezirksamtmann Ewerbeck sitzt seit dem Anfang der 1890er Jahre im Lande, er hat sich seit jeher auch für die früheren Schicksale seines Bezirks im höchsten Maße interessiert, doch auch ihm sind nur unklare Gerüchte über eine Gesandtschaft des Sultans von Sansibar zu Ohren gekommen. Um so lebhafter ist die Erinnerung an dieses Ereignis bei den Beteiligten im Lande selbst. Bei Akundonde und seinen Altersgenossen ist das nicht verwunderlich, denn sie müssen damals schon erwachsen gewesen sein; aber auch Matola und seine Generation, also Leute, die sich damals noch im Kindesalter befanden oder auch noch gar nicht einmal geboren waren, werden sofort lebhaft, wenn auf den sagenberühmten Bakiri und seinen denkwürdigen Zug die Rede kommt.
Dieser Zug, der nach Ewerbecks Erkundigungen die Kohlenlager am Ludjende, dem großen rechtsseitigen Nebenfluß des Rovuma, zum Ziel gehabt hat, ist im Bewußtsein der hiesigen Völkerschaften seines Charakters als Reise verloren gegangen; er hat dafür die Form des landesüblichen Schauri angenommen; aber dieses Schauri, diese Zusammenkunft aller Großen des Landes und ihrer Völker, haftet nunmehr um so fester im Gedächtnis. Es ist das berühmte Schauri von Nkunya, einem noch heute bestehenden Ort an der Südwestecke des Makondeplateaus. Über seine Vorgeschichte, seinen Verlauf und seine Folgen erzählt Matola der Jüngere folgendermaßen:
„Die Yao saßen vorzeiten viel weiter im Westen und Süden, aber dort erging es ihnen schlecht; der alte Makuahäuptling Mtarika von Metho machte Krieg mit ihnen, und wenn er abgezogen war, dann kamen die bösen Masitu von der andern Seite und machten auch Krieg. Dabei wurden die Männer der Wayao zu Sklaven gemacht oder getötet, die Frauen aber und die Kinder wurden von den Feinden hinweggeführt. Das ist geschehen, als der ältere Matola ein ganz junger Mann war. Jetzt würde er ein ganz alter Mann sein, aber er lebt nicht mehr; er ist vor zwölf Jahren gestorben, als er zwar auch schon sehr alt, doch noch immer sehr rüstig war.
„Matola mußte schließlich fliehen; er ging zunächst an den oberen Bangala und zog dann diesen abwärts bis drei Stunden vom Rovuma. Dort starb sein zweiter Bruder. Matola war hier nur ein sehr kleiner Häuptling, denn er hatte nur ganze fünf Hütten. Aber er war klug und tapfer; er war ein Räuber, und er war ein Jäger, der viel Wild erlegte und für das Fleisch Getreide kaufte. Vom unteren Bangala zog Matola an den Fluß Newala und baute dort seine Hütten unten im Tale am Fuße des Makondeplateaus. Dort lebte er lange. Das Land aber gehörte Mawa, einem Makua. Da kam ein Mann von Mikindani herauf, Bakiri mit Namen, nach Nkunya, um Schauri zu halten. Er rief alle Stämme zusammen: Wayao, Makua, Matambwe und Wangoni. Von allen Stämmen kamen sie in Haufen. Bakiri hielt Schauri. Die Wangoni und Matambwe wurden ängstlich und liefen weg; auch die Makua liefen weg. Es blieben nur Mawa, Matola und einige andere Makua. Das Schauri dauerte vom Morgen bis zum Abend und die Nacht hindurch bis zum andern Morgen. An diesem Morgen sagte Bakiri zu Matola: ‚Ich gebe dir das ganze Land; zwar habe ich von dir und deiner Herrschaft bisher nur wenig gehört, aber die andern sind alle weggelaufen, nur du bist geblieben; du bist also zuverlässig. Herrsche daher über das ganze Land.‘ Auch Mawa schloß sich dem an: ‚Ich bin alt‘, sagte er, ‚und werde bald sterben; herrsche also du über das ganze Land.‘ Und so geschah es. Und Matola I. herrschte weise und gerecht, wenn auch streng. Erst zog er nach Mikindani und pflanzte Palmen. Dann zog er in das Land zurück bis halbwegs nach Newala; von dort endlich nach Newala selbst. Erst wohnte er oben auf dem Plateau, dann unten im Tal, dann zog er wieder auf die Höhe. Den Grund hierfür bildeten die Masitu-Überfälle. Oben in Newala ist er dann gestorben, und dort liegt er auch begraben.“
Es ist in mehrfacher Beziehung hochinteressant, diese schwarzen Herren gerade bei ihren historischen Rückblicken zu beobachten. Im allgemeinen sprechen sie gut, eine Kunst, die vom Neger seit jeher bekannt ist; es ist die natürliche Beredsamkeit, die die gekünstelten Phrasen vermeidet, den einfachen, naheliegenden Ausdruck aber rasch findet und in das Satzgefüge eingliedert. Nur dem einen oder andern, vor Alter stumpfen Greise geht die Rede nicht so glatt aus dem zahnlosen Munde heraus. Um das Gebiß der alten Neger ist es nämlich keineswegs so glänzend bestellt, wie man nach dem blitzenden Zaun der Zähne, die das Jugendstadium der schwarzen Rasse auszeichnet, annehmen sollte. Ursache für die rasche Abnutzung der Zahnkronen ist die Beimischung reichlichen Schleifmehls, wie es bei der Zubereitung der täglichen Nahrung auf dem Reibstein entsteht. Schwer und hart gleitet der Läufer über die breite Unterlage dahin; er zermalmt und zerkleinert zwar vor allem das ihm zugeführte Getreide: Hirse, Mais und Reis, aber gleichzeitig schleifen beide Steine sich doch auch einander gegenseitig ab, wie die tiefe Aushöhlung der Unterlage und die rasche Abnutzung des Läufers lehren. Die feinen Steinsplitter aber gereichen den Kauwerkzeugen der Landeskinder nicht gerade zum Nutzen. Auch die Verunstaltung der Zähne durch Absplitterung der Seitenteile zum Zweck der Zuschärfung, die bei den Männern noch vielfach Sitte ist, trägt nicht wenig zum vorzeitigen Ruin des Gebisses bei.
Sodann das Zusammenarbeiten der Geister. Von Hause aus soll der europäische Forscher dem Neger und seinen Angaben über irgendwelchen Gegenstand sehr kritisch gegenüberstehen, denn mit der Wahrheit nimmt es unser schwarzer Bruder notorisch nicht genau. Doch hier, auf dem historischen Gebiet, kontrollieren sich die Erzähler -- bewußt oder unbewußt, das kann ich nicht entscheiden -- gegenseitig. Einer hebt an; der Strom der Rede fließt eine kurze Weile ruhig dahin; „~ă ă~“ fährt ihm plötzlich unverhofft ein anderer dazwischen. Es ist ein unnachahmlicher, kurz ausgestoßener Doppellaut, begleitet von einer noch unnachahmlicheren Gebärde der Abwehr, als wollte sie sagen: Freundchen, halt, du schwindelst. Aber der Einwurf sitzt, der Erzähler stutzt, revidiert sein historisches Gewissen und bringt nun die Tatsache, um die es sich gerade handelt, in der Fassung wieder, die auf meine Frage hin auch die Billigung der andern findet.
Es liegt ganz in der Natur des hiesigen Völkerlebens, daß der einzelne Erzähler stets nur gerade die Geschichte seiner eigenen, engen Stammesgruppe wiederzugeben vermag; die Leute sind allesamt, ganz gleich, ob sie den Völkerschaften der Yao oder der Makua angehören, in numerisch kleinen Abteilungen, mag man sie Horde, Sippe oder Trupp nennen, im Lande umhergewirbelt worden. Ein ausgeprägtes, historisch begründetes Stammesbewußtsein hat sich dabei nicht bilden können, oder wenn es jemals bestanden hat, hat es die beste Gelegenheit gehabt, verloren zu gehen. So können sie auch nur von sich und ihrer nächsten Umgebung berichten. Es ist die Aufgabe der Volksforschung, möglichst viele dieser Einzelberichte zu sammeln, um aus ihnen schließlich das Gesamtgebäude einer Stammesgeschichte im großen zu errichten. Soweit es an mir liegt, soll es an Fleiß und Ausdauer in der Zusammentragung dieser Erzählungen nicht fehlen.
Nun aber der letzte und netteste Zug, ein urecht afrikanischer. Dem Neger fehlt bei dem Mangel einer Schrift jede Möglichkeit einer genauen Zeitrechnung. Schon das Erstaunen ist unbeschreiblich, wenn man jemanden nach seinem Alter fragt. „Aber wie kann ich denn wissen, wie alt ich bin?“ Das etwa mag der Blick bedeuten, mit dem man auf jede Frage nach dem Alter eines Eingeborenen verwundert angestaunt wird; auch die Eltern und Großeltern sind niemals in der Lage, über das Alter ihrer Kinder und Enkelkinder auch nur annähernd genaue Zahlen anzugeben. Das Leben eines Negers fließt zu ereignislos und eintönig dahin; zudem wird sein Dasein so voll und ganz durch seine kleinen Sorgen und seine kleinen Freuden ausgefüllt, daß er für besondere Gedächtnisübungen keine Zeit haben würde, selbst wenn die geringste Lust für eine derartig überflüssige Geistesbelastung vorhanden wäre. Schließlich aber, und das ist wohl das Wesentliche und Ausschlaggebende, fehlt jeder Zwang; es gibt keine Behörde, kein Amt, und so wächst der kleine schwarze Weltbürger heran, unbekümmert um Zeit und Raum; er nimmt sich ein Weib oder ein paar, vermehrt sich, und kein Hahn kräht jemals danach, ob er und sein Alter gebührend registriert und kontrolliert worden sind.
Dieses Fehlen und dieser gänzliche Mangel einer absoluten Chronologie tritt vor allem auch in der Stammesgeschichte zutage. Ich war zuerst ratlos, wie ich mich angesichts der geschilderten Erhabenheit über Zeit und Raum mit meiner Fragestellung einrichten sollte. Auf diese kommt aber im wissenschaftlichen Verkehr mit den Eingeborenen schließlich alles an; man hält es gar nicht für möglich, welch irreführende Ergebnisse eine Frage veranlassen kann, die falsch gestellt, d. h. dem Verständnis und der Denkweise des Naturmenschen nicht angepaßt ist. Ich bin zu meinem Glück bei all meinen bisherigen historischen Studien aller Schwierigkeiten durch die Erzähler selbst überhoben worden, und zwar durch eine ebenso naturwüchsige wie relativ zuverlässige Methode.
„Wann war das, als ihr am Lumesule saßet?“ frage ich den alten Akundonde. Ohne ein Wort zu erwidern, streckt er seinen rechten Arm seitlich aus, etwa in der Körperhöhe eines 12jährigen Jungen, und biegt die Hand graziös senkrecht nach oben, so daß sie mit dem Unterarm nahezu einen rechten Winkel bildet. Ich sehe mir die Manipulation mit stummem Erstaunen an, aber schon gibt mir Knudsen die erwünschte Erläuterung: in dieser geschilderten Weise gibt der Eingeborene die Höhenmaße des Menschen und damit gleichzeitig auch die Zeitlage eines in dessen Leben fallenden Ereignisses an; streckt er hingegen die Hand in der Verlängerung des Armes in der gleichen, wagerechten Richtung aus, so dient diese Manipulation zur Kennzeichnung der Körperhöhe eines Tieres. Ich muß gestehen, unter dem vielen Fremdartigen und Neuen, das in Afrika bisher auf mich eingestürmt ist, hat diese feine und doch so vielsagende Unterscheidung zwischen Mensch und Tier den allergrößten Eindruck auf mich gemacht.