Part 16
Einer etwas anderen Mimik bediente sich Nakaam in Mwiti, als er mir die Geschichte der Yao erzählte. Nakaam unterscheidet reine Yao und unreine; zu jenen rechnet er die Chiwäula, die Katuli und die Kalanje. Das sind alles Begriffe, die bisher in der völkerkundlichen Literatur über die Wayao noch nicht existieren; es muß auch einer späteren Kritik vorbehalten bleiben, den intelligenten, aber doch vielleicht etwas windigen Gewährsmann von Chiwata auf die Zuverlässigkeit seiner Angabe hin nachzuprüfen. Die Heimat der reinen Yao ist nach Nakaam Likopólŏe, eine Hügellandschaft im Gebiet von Chissi, auf portugiesischem Gebiet zwischen Mataka und dem Unanguhügel. Von dort habe sie der Häuptling Mputa verjagt, als Nakaams Mutter ein kleines Kind war, das auf allen Vieren kroch. Nakaam ist nach seiner eigenen Aussage das vierte Kind seiner Mutter; heute kann er 40 bis 45 Jahre alt sein. Nach Mputa kamen andere Makua und zersplitterten die Yao noch weiter. Absolute Zahlenwerte waren auch selbst aus dieser Perle von Intelligenz, als die Nakaam unzweifelhaft zu gelten hat, nicht herauszuholen. Dafür entschädigte bis zu einem gewissen Grade die Drolligkeit seines Anblicks, als der wohlbeleibte Häuptling, der sonst die personifizierte Würde selbst war, fortgerissen durch die Lebhaftigkeit seiner Schilderung, plötzlich alle Rücksicht auf seine erhabene Stellung vergaß und uns das Krabbeln seiner Mutter im Babyalter mit verblüffender Naturwahrheit vorführte.
Matola ist so ziemlich in allem das Gegenstück zu Nakaam. Schon bei der Kleidung fängt es an; Nakaam kleidet sich nach Küstenart in das schneeweiße, lange Kansu, Matola hingegen ist oben Europäer, unten Yao; seinen Oberkörper umhüllt nämlich ein ganz normales europäisches Jackett, Lenden und Oberschenkel aber ein buntfarbiger Baumwollschurz, wie ihn seine Untertanen tragen. Der Charakter des Verschmitzten, der für Nakaam so bezeichnend ist, fällt hier ganz weg; Matola macht den Eindruck eines Biedermannes, der er auch nach den Schilderungen aller Europäer von Lindi, die jemals mit ihm in Berührung gekommen sind, in Wahrheit ist. Er ist stets geschäftig; entweder hält er unter seiner Barasa Hof, d. h. er erzählt sich etwas mit dem Dutzend oder den zwei Dutzend Männern, die von früh bis spät sich dort herumtreiben, oder aber er hat es mit uns und der Besorgung unserer Wünsche zu tun. In seinen Manieren weicht er wenig von seinen Untertanen ab. Rauchen ist hier fast unbekannt, dafür wird Tabak stark geschnupft und gekaut. Eine Folge dieser Gewohnheit ist, daß die Leute schrecklich spucken. Auch Matola macht keine Ausnahme; zudem hat er die andere Gewohnheit, sich unausgesetzt zu kratzen. Das tut auch die Mehrzahl der übrigen Leute hier. Hat man einen Haufen von ihnen um sich, so ist es tatsächlich schwer, inmitten des allgemeinen Gekratzes sich dieser lieblichen Gewohnheit selbst zu enthalten. Ich nehme an, daß sie eine Folge der Unreinlichkeit ist, die hier alle Welt beherrscht; das bißchen Wasser aus den paar Löchern im nächsten Bachbett langt eben für Atzung und Trunk; für die Reinigung des Gesichtes oder gar des ganzen Körpers ist von dem kostbaren Naß nichts übrig.
Ich bin ein Geruchsmensch; von allen meinen Sinnen ist der des Geruchs am besten ausgebildet. Das bringt mir viele Qual an jedem Tag; schon in ziemlicher Entfernung kann man es förmlich riechen, wenn eine Schar von Eingeborenen mir die Ehre ihres Besuches angedeihen zu lassen gedenkt. Unsere Sprache ist zu arm, als daß sie diese Mischung von Rassengeruch, Schweiß, ranzigem Öl, Rauch und hundert andern unbestimmbaren Ingredienzien spezifizieren könnte; die meiste Ähnlichkeit hat wohl die Ausströmung einer größeren Schafherde. Schön ist anders.
Und dann die Fliegen! Mit dem gleichsam als Spitze voranmarschierenden Duft kommen auch sie in Scharen auf den unglücklichen Europäer zugestürzt. Ich habe geglaubt, wer weiß wie vorsichtig zu sein, indem ich mir von Leipzig zwei Brillen mit dunkelgrauen Gläsern mitgenommen habe. Eine von ihnen sitzt längst auf Moritzens Nase. Der Bursche kam eines schönen Tags mit einer akuten Bindehautentzündung an. Heute ist diese, dank meiner energischen Behandlung, längst behoben, aber es fällt dem eitlen Fant durchaus nicht ein, nun jene Brille, die ich ihm in einer Anwandlung von Überhumanität zur Verfügung gestellt hatte, wieder zurückzugeben. Daß er ihrer nicht mehr benötigt, wird aufs klarste dadurch bewiesen, daß er sie in der prallen Sonne meist absetzt; dafür trägt er sie aber im Dunkel des Hauses und stolpert dabei selbstverständlich über jeden Gegenstand. Das andere Exemplar tut mir im Freien ausgezeichnete Dienste, unter der dunkeln Barasa indessen verschluckt sie zu viel Licht; daher bin ich genötigt, mich den Fliegenschwärmen der Eingeborenen wehrlos auszusetzen. Gegen diese afrikanischen Insekten sind unsere europäischen Stubenfliegen die reinen Waisenkinder; wie ein Blitz ist das die Größe einer kleinen Biene erreichende Tier herangesaust, nicht senkrecht auf das Auge zu, sondern tangential; es fährt förmlich unter dem ganzen Augenlid hin, doch so fabelhaft schnell, daß eine Abwehr gänzlich ausgeschlossen ist. Und das wiederholt sich das eine um das andere Mal; man sieht mit Staunen und mit Grauen, wie sich diese kleinen Biester erst an den entzündeten Augenrändern der Eingeborenen auf die boshafte Attacke vorbereiten; man schlägt instinktiv wild um sich; es nützt alles nichts, der Streifzug des Gegners ist inzwischen längst erfolgreich verlaufen. Knudsen leidet weniger unter dieser Plage, anscheinend auch weniger unter der des Geruches, denn während mir nach mehrstündigem Schauri stets mehr oder minder übel wird, sitzt der blonde Norweger ungerührt ganze Tage zwischen den Leuten.
Wenig ist hier von den Frauen des Landes zu sehen; Matola hat immer und immer wieder den strengen Befehl ausgegeben, daß sie alle zum Photographieren kommen sollen; vier oder fünf sind erschienen, das ist alles. Mich sehen und so schnell ausreißen, wie es die angeborene Würde und die Eigenart der weiblichen Fortbewegungsmethode gestattet, ist eins. Um so ausdauernder werde ich von der männlichen Jugend des Ortes belagert; wie eine Mauer hocken Dutzende von kleinen Kerlen an der Peripherie unseres Wohnraums; alle Mann hoch die Mäuler weit offen, blöd und regungslos den fremden weißen Mann anstarrend. Dieser offene Mund ist bei der Jugend hier ganz allgemein, desgleichen auch der bekannte Hängebauch, über dessen Entstehung man sich nicht wundern kann, wenn man sieht, was so ein Negerbub an schwer verdaulichen Vegetabilien tagsüber in sich hineinstopft. Wodurch diese unbeabsichtigte Verunstaltung des Leibes später verloren geht, entzieht sich meiner Beurteilung; aber sie muß entschieden verschwinden, denn die Erwachsenen sind ausnahmslos sehr wohlgestaltete Erscheinungen.
Der schwarze Erdteil liebt mich nicht; schon auf dem Marsch hat er mich täglich mit seinen Wirbelwinden belästigt; hier in Chingulungulu sucht er mich ganz systematisch aus seinem Innern hinauszutreiben. Knudsen und ich nehmen unser Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr ein. Ursprünglich war es auf präzise 12 Uhr angesetzt. Gemessenen Schrittes nahen Moritz und Knudsens Ali von der Küche am Gefängnis herüber mit dem unvermeidlichen Teller Knorrscher Suppe. Diese Präserven sind etwas ganz Vorzügliches; sie allein wären, glaube ich, imstande, den Körper hier über Wasser zu halten. Mit einem fröhlichen „Gesegnete Mahlzeit“ machen wir uns über das Gericht her, jeder, wie es hier so Sitte ist, an seinem eigenen Expeditionstisch. Horch, was ist das? Ein gewaltiges Brausen. Es kommt näher und näher; Staub, Gras und Laub wirbeln auf; instinktiv hält man Hand oder Mütze über den Teller. Es ist zwecklos; ein wirbelndes Chaos von Asche, Staub, Strohbündeln und allen jenen Schmutzmassen, die man nur hier in Afrika studieren kann, rast von rückwärts heran; die Barasa ächzt in allen Balkenlagern; die Boys fliegen willenlos und widerstandslos auf den freien Platz hinaus; dann ist alles vorüber. Bringt man es fertig, die Augen unter der Schmutzkruste, die jetzt alles überzieht, zu öffnen, so erblickt man eben noch, wie weit vor uns das Dachstroh einer Eingeborenenhütte im fröhlichen Wirbel durch die Lüfte tanzt; dann verschwindet die Erscheinung auch schon im Pori. Den ersten Tag waren wir natürlich gegen das Phänomen wehrlos; den zweiten Tag dachten wir an nichts Böses, da war es auch schon da; den dritten Tag schlug ich vor, das Diner um eine Viertelstunde zu verlegen. Es hat alles nichts geholfen; auch die Windhose kam um diese Viertelstunde später. Wir haben dann im Lauf der Zeit einen förmlichen Krieg mit dieser Mittagshose geführt, aber die Besiegten sind auf der ganzen Linie wir. Stets kommt sie, wenn die Suppe aufgetragen ist; kaum können Moritz und Ali noch schnell den Blechdeckel einer Reisekiste über den Teller stülpen, so ist sie auch schon da. Teils zum Schutz gegen sie, zum andern aber gegen die immerhin lästige Neugier der Landeskinder, der großen und der kleinen, haben wir uns unter Matolas Architekturwunder eingebaut; wir haben eine bis ans Dach reichende Wand aus Hirsehalmen quer durch die Halle selbst gezogen und haben diese Wand rechts und links von uns in zwei konvergierenden Linien weitergeführt, so daß wir jetzt wie in einem Zimmer sitzen. Aber auch in diesen geschlossenen Raum kommt meine intime Feindin, die Mittagshose.
Ein besonderes Kapitel sind die Wasserverhältnisse dieser Gegend. Von allen Reizen Chingulungulus hatte Knudsen gerade sie am höchsten gepriesen; wenn man auch noch so krank und elend sei, von diesem herrlichen Labetrunk werde auch der siechste Körper gesund. Einer unserer ersten Gänge nach der Absolvierung unseres gemeinsamen Einzugsfiebers hat dem Besuche der Hauptquellen des Ortes gegolten. Sie liegen unmittelbar an der Barrabarra nach Susas Residenz zu und hätten von mir schon beim Einzuge gesichtet werden müssen, wäre ich an jenem Tage nicht mehr tot als lebendig gewesen. Erwartungsvoll wandle ich den sonnenheitern, nur ein paar hundert Meter langen Weg auf jene Stelle zu; ein großer Troß von Knaben und halbwüchsigen Burschen hinter uns drein. „So, hier sind wir“, heißt es plötzlich, als wir in drei mannstiefen, geräumigen Gruben eine Anzahl mit dem Pelele behafteter Weiber und mehrere jugendliche Töchter des Landes kauern sehen.
„Na, und der Brunnen?“ frage ich, mir vor meinem geistigen Auge immer noch die glühenden Schilderungen des Norwegers ausmalend.
„Nun, da unten, dort die Löcher, das sind die Quellen; sehen Sie doch, wie die Weiber schöpfen.“ Das sah ich nun allerdings, und im Nu waren alle meine Illusionen verflogen. Doch ebenso rasch war auch schon das wissenschaftliche Interesse erwacht, und nach einem Rundgang um diese Löcher und einem Abstieg in jedes von ihnen war ich sehr bald über die Hydrographie dieses Landes im allgemeinen und Chingulungulus im besondern im Bilde.
Die Flüsse und Bäche hier im Regenschatten des Makondeplateaus sind Wadi, wie man sie in Nordafrika heißt, oder Omuramben, wie man es im fernen Deutsch-Südwestafrika nennt; sie sind zwar das ganze Jahr wasserführend, doch nur im Grundwasserspiegel; oberflächlich fließt ihr Wasser nur in und unmittelbar nach der niederschlagsreichen Jahreszeit. Diese ist schon seit Monaten zu Ende, und darum ist es kein Wunder, wenn die Leute gegenwärtig immer tiefer in die Bachbetten hineingraben müssen, um zum lebenspendenden Naß zu gelangen. Hier sind sie stellenweise schon durch die gesamte Auflagerungsschicht hindurchgedrungen, und Moritz weiß nicht genug dieses Wasser zu rühmen, das aus reinem Fels entspringe. Es mag in der Tat bakterienarm und auch für Europäer unschädlich sein, aber mich haben die nähern Umstände seiner Gewinnung doch vom ersten Moment meiner hiesigen Anwesenheit veranlaßt, mein seit Lindi geübtes Verfahren des Alaunisierens, Filtrierens und Kochens alles meines Trinkwassers beizubehalten und streng durchzuführen.
Das ist ein Fest, diese ständige Sorge um sein bißchen Flüssigkeitszufuhr. Auf keinem Gebiete des täglichen Lebens kommt dem Kulturmenschen und besonders dem verwöhnten Großstädter der Unterschied zwischen dem alten Kulturlande Europa und dem jungfräulichen Afrika so schneidend zum Bewußtsein wie gerade in der Sorge um den gewohnten Trunk. Im vornehmen Uleia ein leichter Griff an den Wasserhahn, und kristallklares, kühles, wohlschmeckendes und gesundes Wasser rinnt ins peinlich saubere Glas; im plebejischen Afrika brütet am schlammigen Erdloch ein nicht viel weniger schlamm- und schmutzüberzogenes Weib. Hinter ihr auf hohem Grubenrande thront das rundbauchige Tongefäß. Stumpf stiert sie in die schmale Vertiefung hinein; in der Rechten das gewohnte Schöpfgefäß, die quer halbierte Hohlfrucht mit durchgestecktem Holzstiel. Endlich lohnt es, das Schöpfgefäß in die trübe Flut zu versenken; nicht ohne Grazie, mit jenem unnachahmlichen Wiegen der Beckenpartie, wie es nur der Negerin eigen ist, steigt sie nach oben, und in milchweißem Strahl ergießt sich die Ausbeute in das Sammelgefäß. Dies wiederholt sich, bis der große, schwere Krug gefüllt ist. Ein kurzer Gang zum nächsten Busch; mit einer Handvoll frischgrüner Zweige kehrt sie zurück und versenkt den Strauß mit liebevoller Sorgfalt in den weiten Hals des großen Wassertopfes. „Also ein Bukett ~à l’Afrique~,“ denke ich, „etwas barbarisch zwar, aber doch wohl der Beweis eines beginnenden Gefühls für die Schönheiten der Natur.“ Weit gefehlt, so weit ist der Neger und auch die Negerin noch lange nicht; wir eingebildeten Europäer haben es zu diesem heute so viel gerühmten Naturgefühl ja auch erst vor noch nicht zu langer Zeit gebracht; der Neger ist vor allen Dingen praktisch, ja er ist überhaupt nichts als praktisch. Würden die bis fast an den Rand gefüllten Gefäße dieses Straußes ermangeln, ein Meer von Wasser würde sich bei jedem Schritt über Kopf und Körper des Trägers oder der Trägerin ergießen. So wird kein Tropfen verschüttet; die Zweige und Blätter verhindern jede Wellenbewegung in dem engen Becken. ~Probatum est.~
Auch eine Kaffeemaschine ist zu recht vielen Dingen nützlich. Mein Koch Omari hat auf die Benutzung eines solchen Instruments von vornherein verzichtet; daher kam mir der Blechtrichter mit den beiden feinen Sieben ausgezeichnet zur Konstruktion eines Wasserfilters zustatten. Holzkohle gibt es überall; sie ist bald zu feinen Stücken zerschlagen und in starker Schicht in den Trichter gebettet. Dieser ist damit zu einem feinen Filter geworden, der Einfachheit mit leichter Beweglichkeit verbindet und stets reparierbar ist. Mit ihm müssen sich Moritz und Kibwana weit mehr beschäftigen, als diesen faulen Schlingeln lieb ist. Aus meiner frühern Zeit als Ozeanograph, wo ich mich lange mit dem Problem des Sedimentabsatzes in den verschiedenen Wasserarten befaßt habe, weiß ich noch, daß Salze den Niederschlag alles Festen sehr stark beschleunigen. Für die Expedition ist Alaun das gegebene Klärungsmittel. Eine mäßig große Blechbüchse voll ist beim Inder bald erstanden; in langer Reihe haben die Träger die von den Eingeborenen rasch hergeliehenen Tontöpfe und Kalabassen in den Schatten der Barasa gesetzt. „~Daua ya uleia~“, rufe ich Kibwana zu. ~Daua~ ist das Wort für alles, was in den Augen des Negers irgendeine unerklärliche Wirkung hervorbringt; uleia ist ihm gleicherweise alles, was nicht zu seinem geliebten heimischen Erdteil gehört: Europa, auch Deutschland im besondern; selbst das amerikanische Petroleum kommt ihm aus ~uleia~. Hier ist damit die Alaunbüchse gemeint. Eine Prise von dem Salz fliegt in jedes der Gefäße; das gleichzeitige Umrühren ihres Inhalts zeigt dessen erschreckliches Ausmaß von Trübung und Unreinheit. Für Moritz ist diese Brühe gleichwohl ein ~maji msuri~, ein köstliches Wasser. In meinen Augen ist es das erst nach Verlauf mehrerer Stunden. Dann ist die Flüssigkeit in der Tat kristallklar; man gießt sie vorsichtig ab; die Boys jagen sie zwei-, drei-, auch viermal durch den Kohlenfilter. Omari kocht unter Androhung der schwersten Strafen das Wasser 10 Minuten lang; die Nacht über kühlt es ab; morgens ist es dann ein Göttertrank; freilich auch nur erst durch meine Reiseflasche, sodann durch die Fruchtkonserven der guten, alten Hansestadt Lübeck. Selbstverständlich hat man mich in Berlin auch mit der üblichen, großen Aluminiumflasche für Expeditionen ausgerüstet; ich denke gar nicht daran, sie zum Gebrauch heranzuziehen. Wie anders ist da der Hauptmann Seyfried zu preisen! Der hat mich ~nolens volens~ in Lindi zum Inder geschleppt. „So, da sehen Sie die große Pulle; die erstehen Sie sich mal für 1 Rupie.“ Gesagt, getan. „Und nun nehmen Sie Ihren schlauesten Träger her, der mag sie Ihnen mit Kokosstricken so umgürten, daß ihr nichts passieren kann. Und jetzt ziehen Sie los in Gottes Namen.“ Die Flasche hat griechische Form, aber indischen Ursprung; sie ist unglasiert, sehr porös und transpiriert ausgiebiger als selbst der schwerstbelastete meiner Träger. Das ist aber auch gerade bei beiden beabsichtigt, beide sollen sich durch diese Transpiration abkühlen. Bei meinen Trägern interessiert mich der Prozeß nicht weiter, um so erquicklicher ist dafür die auch im tollsten Sonnenbrand stets gleich kühle Temperatur meines Trinkwasservorrats, den der lange Kofia tule mit mehr Würde als Grazie auf seinem wolligen Haupte trägt. Höchst spaßhaft ist es übrigens, daß Knudsen durchaus nichts von einer Alaunbehandlung seines Trinkwassers wissen will; er hält dieses weiße Pulver ganz wie seine schwarzen Freunde für eine „~Daua ya uleia~“, für etwas Unheimliches, dem man nicht trauen darf, und trinkt lieber die trübe, schmutzige Brühe als mein kristallklares frisches Getränk. ~Habeat sibi.~
Nur in unserer Begeisterung für selbstfabriziertes Selterwasser mit Konserven stimmen wir beide vollkommen überein. Jenes stellt sich der Reisende mittels des Sodorapparats her, einer starken Flasche, die oben einen besondern Verschluß trägt. Dieser ist eingerichtet zur Aufnahme einer kleinen Kohlensäurepatrone, die man an jedem Küstenplatze das Hundert zu etwa 10 Mark kauft. Man füllt die Flasche zu fünf Sechstel mit Wasser, legt die Patrone ein und dreht an einer Schraube. Mit lautem Gezisch fährt das Gas in die Flüssigkeit; man schüttelt die Flasche eine Minute, dann ist der „Sauerbrunnen“ fertig. Für sich allein und ohne Zusatz getrunken, schmeckt er nicht gerade berühmt, doch immer noch besser als gemeines Wasser schlechthin; opfern wir aber eine meiner vielen Lübecker Blechdosen mit ihrem verlockenden Inhalt an Kronsbeeren, Birnen, sauren Pflaumen u. dgl. und nehmen deren Saft als „Schuß“, so ist das Ergebnis ein wirklich hervorragendes Getränk. Es schmeckt selbst besser als die schönste Pombe von Chingulungulu, dem bierberühmten.
Zehntes Kapitel.
Mit und unter den Yao.
+Chingulungulu+, 20. August 1906.
Matolas größtes Verdienst ist bisher die Veranstaltung von ein paar Soireen mit den Frauen des Ortes, die er schließlich doch so weit gezähmt hat, daß sie sich in die Höhle des Löwen wagten. Es ist Abend. Knudsen und ich haben unser nicht gerade üppiges Mahl soeben hinter uns; Knudsen unterhält sich wie gewöhnlich mit seinem Freunde, dem schwarzen Prediger Daudi (David); ich sitze an meinem Arbeitstisch und verarbeite in meinen Notiz- und Tagebüchern die wissenschaftliche Ausbeute des wie immer höchst arbeitsreichen Tages. Daudi gehört der englischen ~Universities Mission~ an; er hat seine Ausbildung zum großen Teil in Sansibar erhalten und spricht mit mir mit Vorliebe englisch. Für volkskundliche Aufnahmen ist er leider nicht sehr geeignet, da seine Anschauungen viel zu sehr christianisiert worden sind. Der Ostwind, jener Gruß vom Indischen Ozean, der uns sonst allabendlich trotz aller Schutzmaßregeln die Lampe auszublasen droht, ist heute seltsamerweise ausgeblieben; ruhig brennt der „Tippelskirch“ inmitten unserer fremdartigen Umgebung; die Zigarre schmeckt heute ebenfalls ganz ausgezeichnet, alles atmet Behagen und Befriedigung mit dieser Art des Daseins. Da nahen Schritte, leise und fast unhörbar. Das ist hier immer so; der lockere Sandboden dämpft selbst den Schall unserer derben Europäerstiefel bis fast zur Lautlosigkeit. In seiner raschen Weise ist Matola unter uns und unsere hundert Kisten und Kasten getreten. Schon sitzt er auf seiner gewohnten Kiste. Doch nun quillt es herein, braun, schwarz und weiß; braun und schwarz die Leiber mit den glänzenden Gesichtern, hier und da auch Lippenscheibe, Nasenpflock und Ohrschmuck, weiß bei ganz Vereinzelten das Pelele, das in dieser Variation seinen ersten Gruß vom Makondeplateau herunterschickt. Wohl an 30 Frauen und Mädchen sind es, die Mehrzahl von ihnen mit einem Baby behaftet, das ruhig und friedlich, oder auch schnaufend und ächzend im Tragtuch auf dem Rücken der Mutter der Zukunft entgegenschlummert. Stumm hat sich die ganze Gesellschaft, dicht aneinandergedrängt, zwischen uns niedergekauert. Ich lasse ihnen durch Knudsen, der das Kiyao zwar ungrammatisch, aber sonst fließend spricht, auseinandersetzen, was ich von ihnen will: Erzählungen und Lieder, und harre der Dinge, die da kommen sollen. Lange Zeit kommt aber nichts; nur ein halbwüchsiger Junge, der sich mit eingeschlichen hat, fängt an, eine lange Tierfabel zu erzählen; doch spricht er so rasch, daß ich unmöglich folgen kann. Seine Geschichte mir langsam in die Feder zu diktieren, ist er natürlich nicht fähig. Das ist eine Erfahrung, die ich bereits häufig gemacht habe; die Leute singen und sprechen mit beneidenswerter Virtuosität in den Phonographentrichter hinein; sollen sie dann ihren Text langsam zum Niederschreiben wiederholen, so stehen sie rat- und hilflos da. So etwas ist auch eine zu ungewohnte Arbeit.
Wir haben uns den Jungen für eine spätere Gelegenheit aufgespart; alles schweigt. Da erhebt sich, schüchtern zuerst, aber bald stärker und kühner, eine helle weibliche Stimme. Schon fällt auch der Chor ein; Solo und Vorgesang wechseln nun in regelmäßigem Turnus für längere Zeit:
„~Chakalakāle, mwāna ya Kundúngu, mwắnya kwa tāti. ‚Anányile litálla kwa tati Kunampūye.‘ Nikwā́ola ku litīmbe, kuwalimāgắ Chenampūye. Newáidje ku mūssi kwa atati wao. Nigómbaga uti nekugawíraga mussi nekutamăgá.~“
Zu deutsch heißt das:
„Chakalakale, ein Kind Gottes, reiste zu (seinem) Vater. ‚Zeigen Sie (mir) den Weg zum Vater Kunampuye.‘ Er ging zum Flußbett, wo den Acker bestellte Chenampuye. Er kam zu (seiner) Heimat und zu seinem Vater. Dann wurde geschossen und (ihm) ein Dorf zugeteilt. Und er bleibt zu Haus.“
Soweit ist alles ganz schön und gut gegangen. Das Lied ist verklungen; mit nicht geringer Mühe haben Matola, Daudi, Knudsen und ich schließlich den authentischen Text festgestellt; auch die Übersetzung ist zur Zufriedenheit vor sich gegangen. Leider aber muß ich es mir nunmehr versagen, die nicht üble Melodie des Liedes auf die Walze zu bannen. Nach den letzten Mißerfolgen in Lindi, hervorgerufen durch die infolge der Hitze eingetretene Weichheit der Aufnahmewalzen, habe ich mein Heil später in Massassi versucht; doch auch dort ist bis auf geringe Ausnahmen nicht viel Brauchbares herausgekommen. Für die Aufnahme allein schadet die Weichheit der Walzenmasse nichts, im Gegenteil, sie ermöglicht sogar ein kräftigeres Eindringen des Stiftes; doch wie will man nachher beim Diktat des Textes dessen Fassung kontrollieren, wenn nicht an der Hand einer Wiedergabe der Aufnahme selbst!