Part 17
Zu dem vorstehenden Liede ist nicht viel zu bemerken; ich zweifelte zunächst den Begriff ~Mwana ya Kundungu~ an, aber Matola und Daudi bestanden auf ihrer Erklärung, nach der es wirklich „ein Kind Gottes“ heiße. Welchen Sinn das Wort hier hat, kann ich nicht sagen; vielleicht ist gar ein Aufständischer damit gemeint; weiter im Norden, in Usagara, Ukami und am Rufidyi belegen sich die Majimaji-Führer in der Tat mit einem Titel von derselben Bedeutung. Das Präfix „~ku~“ in dem Namen ~Kunampuye~ ist gleichbedeutend mit dem Präfix „~che~“; beide bedeuten Herr oder Frau. --
Endlich sind wir mit Textniederschrift und Übersetzung fertig. Vollkommen stumm haben die Mütter unserem Beginnen zugeschaut; um so lebhafter sind dafür die Geräusche gewesen, die von den Kleinen ausgehen. Man hat in der Afrikaliteratur so unendlich viel von der Glückseligkeit der frühen Kindheit des Negers gesprochen; die Angabe hält jedoch der Probe nicht stand. Kaum ist das kurze Wochenbett vorüber, so wandert das Neugeborene in den Rucksack auf den Rücken der Mutter. Dort hockt es den ganzen Tag; ob die Mutter sich von ihrer Nachbarin die kurzen, krausen Haare zu kunstvoller Frisur aufarbeiten läßt; ob sie am Brunnen ein Schwätzchen macht; ob sie im glühenden Sonnenbrand auf dem Felde hackt, jätet oder erntet; ob sie schließlich in stundenlangem Rhythmus an Reibstein und Mörser das harte Korn zu schneeigem Mehl verarbeitet, oder am abendlichen Herdfeuer kauert, niemals verläßt das junge, rosige Menschenkind diese enge, warme, doch hygienisch durchaus nicht einwandfreie Behausung. Mit der Rosigkeit ist es denn auch bald zu Ende. Die Schärfe des Urins und der Schmutz der Fäkalien, für deren Aufsaugung keine Windel sorgt, beizen tiefe und lange Risse in die Epidermis der Gelenkbeugen; die schrecklichen afrikanischen Fliegen legen wahre Brutherde an den Augenrändern der unglücklichen Kleinen an, ohne daß Vater oder Mutter auch nur eine Hand zum Verjagen der Quälgeister erhöbe -- sie sind ja für sich selbst schon, ach! so tolerant gegen jene kleinen Bestien. Triefend und trüb schaut denn auch das Kinderauge, das wir bei unseren europäischen Kleinen mit Recht als das Wunderbarste und Schönste im organischen Leben der Erde bezeichnen dürfen, in die Welt hinaus; Schwämme und Pilze wuchern in dichter, weiß-bläulich schimmernder Masse aus Mund und Nase heraus. Dazu die ewigen Katarrhe. Sie sind die Folge des starken Temperaturwechsels zwischen Tag und Nacht. Vater und Mutter können sich durch ihr nächtliches Feuer und ihre Matten schützen; das Kind benäßt sich, bleibt unberührt und unbeachtet liegen, verliert eine große Menge Wärme und erkältet sich. Daher das allgemeine Gekeuche und Geschnaufe in unserer Barasa.
Die Frauen haben gemerkt, daß wir mit der Programmnummer 1 zu Ende sind; leise, aber wiederum nicht unmelodisch, hebt dieselbe Solostimme wie vorhin an:
~Seletu seletu, ssongo katole, tungande ssongo katole.~
Auch dieses Lied ist ein Wechselgesang zwischen Solo und Chor wie der vorige. Ich verstehe schon so viel vom Kiyao, um die beiden Wörter: „~ssongo katole~“ übersetzen zu können; ihre Bedeutung: „bringe sie her, die Schlange Ssongo“, macht mich neugierig auf die Bedeutung des übrigen. Und mit Recht, denn wie man jemand auffordern kann, dieses giftigste Reptil des ganzen Ostens, dessen Biß auf der Stelle tötet, zu sich heranzubringen, ist mir einstweilen noch schleierhaft. Dennoch bin ich liberal genug, erst noch das folgende Lied anzuhören. Man könnte es auch bloß als eine weitere Strophe des Ssongogesanges bezeichnen, denn es besitzt dieselbe Melodie und behandelt lediglich ein anderes Tier, nämlich den Löwen. Hier der Text:
Solo: ~Seletu seletu, simba katole.~
Chor: ~Seletu seletu, simba katole.~
Solo: ~Seletu seletu, simba okotu.~
Chor: ~Seletu seletu, simba okotu.~
Ich habe ein gutes Gehör, bin aber sonst musikalisch leider gänzlich unkultiviert. Niemals habe ich diesen Mangel meiner allgemeinen Bildung so aufrichtig bedauert wie hier im Innern Afrikas und besonders im Hinblick auf meinen kranken Phonographen. Wie nett wäre es gewesen, hätte ich die einfache Tonfolge gleich im Notizbuch festhalten können; so muß ich wohl oder übel auf eine Wiedergabe der Melodie verzichten.
Die Vortragsweise ist auch bei diesen beiden Liedern so, daß jeder von der Solostimme vorgetragenen Strophe die Wiederholung desselben Textes durch den gesamten Chor folgt; dies wiederholt sich unendlich viele Mal, bis zur Ermüdung.
Die Übersetzung ergibt in beiden Fällen einen sehr einfachen Wortlaut:
1) ~Seletu seletu~, die Schlange Ssongo, bringe sie her zum Spielen; die Schlange Ssongo, bringe sie her.
2) ~Seletu seletu~, den Löwen, bringe ihn her, ~seletu seletu~, der Löwe ist schön.
Das ist alles. Ich kann mir den Ausdruck der Bewunderung, der in beiden Fällen ein den Einwohnern höchst gefährliches Lebewesen betrifft, weniger als einen Ausfluß des Naturgefühls oder der ästhetischen Freude an der schillernden Farbe der Schlange und der kraftvollen Gestalt des Löwen erklären, als ihn vielmehr als eine Art ~captatio benevolentiae~ auffassen. Die Ssongo beschäftigt groß und klein mehr als jedes andere Tier; sie soll in klippigem Gelände leben, einen Kamm wie ein Hahn haben und auch über bestimmte Locktöne verfügen. Auf ihre Opfer stürzt sie sich schnell wie der Blitz von den Bäumen herunter, die hart am Negerpfade stehen; sie schlägt den Unglücklichen ins Genick; dieser sinkt um und ist tot. Dutzende von Malen haben mir das die Schwarzen vorgemacht. Erklärlicherweise wird diese Schlange über alles gefürchtet; im Hinblick auf so manchen anderen gleichartigen Vorgang in den übrigen Teilen der menschlichen Kulturentwicklung liegt es auch hier nahe, diesen fürchterlichen Gegner dadurch milde stimmen zu wollen, daß man ihn ansingt und als zum Spielen geeignet preist. Genau so ist es beim Löwen.
Doch nun wird’s lustiger; „~Chindāwi~“, zu deutsch etwa: „Ich will dir mal was sagen“, ertönt es von der einen Seite, „~Ajīse~, nur zu (komm)“, von der anderen.
„~Adju adji~“ macht jetzt die erste Sprecherin und fährt mit der wagerecht ausgestreckten Rechten in raschen, kühnen Kurven durch die Luft. Ich weiß nicht, was ich aus dem ganzen Vorgang machen soll, auch nicht, was die Antwort „~Kyuwilīri~“ von der Gegenseite bedeutet. Die anfängliche stumme Scheu der Frauen hat längst einer gelinden Heiterkeit Platz gemacht, die durch mein ratloses Gesicht nicht gerade abgeschwächt wird. Endlich kommt die Lösung und damit auch die Erlösung. „~Adju adji~“ heißt lediglich „dies und das“; das Hin- und Herfahren der Hand über dem Erdboden ist eigentlich als im Schein der senkrecht stehenden Sonne ausgeführt gedacht. Dann huscht auch der Schatten dieser Hand ebenso rasch und geisterhaft über den Boden Afrikas hin, und „~Kyuwiliri~, Schatten“, ist denn auch die Lösung dieses urafrikanischen Rätsels.
„~Chindawi -- Ajise~“ geht das Spiel auch schon weiter. „~Gojo gojo kakuungwa?~“ lautet diesmal die Frage. Hier heimelt mich die Lösung viel mehr an als bei der Einleitung. „Was klappert in seinem Haus?“ bedeuten jene Worte; „~Belemende~, die Basi-Erbse“, ist die Lösung. Die Erbse ist natürlich noch in der Schale gedacht, an dem unserm Liguster ähnlichen Strauch, auf dem ihre reifen Früchte im frischen Morgenwind tatsächlich ein klapperndes Geräusch hervorbringen.
Aber weiter: „~Chindawi -- Ajise~“ ertönt es zum drittenmal; „~Achiwanắngu kulinganá~“ lautet diesmal die Aufgabe. Ich bin wieder vollständig hilflos; da springt Matola in seiner gewohnten Lebhaftigkeit mitten in den Kreis, bückt sich rasch und deutet mit beiden ausgestreckten Händen auf seine Knie. Murmelnder Beifall lohnt sein Beginnen: „Meine Kinder sind gleich groß“, ist die Aufgabe gewesen, „~Malongo~ -- die Knie“, das ist die unerwartete Lösung. Uns Europäern mit unserm erschrecklich kühl denkenden Verstande ist die beneidenswerte Fähigkeit unserer frühen Kindheit, auch Teile eines Ganzen für dieses Ganze selbst ansehen zu können, längst abhanden gekommen; dem Neger hat ein gütiges Geschick diese Fähigkeit bis ins höchste Alter bewahrt.
Ich wundere mich nun über gar nichts mehr. „~Chindawi -- Ajise~“ ertönt es zum viertenmal. „~Ambudje adyigele utandi~“ schmettert eine neue frische Frauenstimme in den Kreis. Dieser blickt geschlossen auf den Europäer hin, der sich wiederum nur durch ein der Verlegenheit entsprungenes: „~Si jui~, ich weiß es nicht“ aus der Affäre ziehen kann. Hier liegt aber auch die Lösung gar zu weit von unserer ganzen Denkweise ab. „Mein Herr bringt Mehl“ hat die Aufgabe geheißen. „~Uli~, weiße Haare“, wird mir triumphierend als die Lösung zugerufen. Das Rätsel versetzt uns gleichsam in die Rokokozeit; ein bejahrter Neger mit weißem Haar erweckt in der Tat den Eindruck, als wenn sein Haupt mit Mehl gepudert sei. Dies mag zur Entstehung der Rätselfrage den Anlaß gebildet haben.
Aber nun die letzte Nummer des selbst für einen verwöhnten Forscher überreichen Programms:
„~Chindawi -- Ajise~“ erschallt es zum letztenmal. „~Pitaku pite akuno tusimāne apá.~“ Die allgemeine Gespanntheit, mit der diesmal wieder alles auf mich hinschaut, ist womöglich noch größer als bisher; alles hat das sichtliche Gefühl der geistigen Überlegenheit über den weißen Mann, der von alledem nichts versteht. Aber diesmal hat sie alle ihr Übereifer verraten; ihr Gebärdenspiel hat mir dargetan, was ihre Sprache mir verschloß: mit beiden Händen hat alles die Bewegung des Gürtelschließens ausgeführt. ~Lupundu~, das Gürtelband, ist denn auch die Lösung dieses Rätsels, das selbst in dem Tonfall der Übersetzung: „Geht links herum, geht rechts herum und trifft sich in der Mitte“ an den Tonfall deutscher Kinderrätsel gemahnt, wie es z. B. das allbekannte: „Oben spitz und unten breit, durch und durch voll Süßigkeit“ ist.
Nunmehr zum Schluß noch die obligate Zugabe. Es ist kein Geringerer als Matola selbst, dessen Munde das ernste Wort entströmt:
„~Chikalakasa goje kunganda, kunganda yekwete umbo~“; zu deutsch:
„Schädel spielen nicht; es spielt nur, wer Haare (auf dem Kopfe) hat.“
Mit dem schwierigen Werk des Übersetzens geht hierzulande auch stets das des Kommentierens Hand in Hand, und so weiß auch ich denn schon nach kurzer Zeit, daß der Sinn dieser Sentenz etwa der ist: „Freut euch des Lebens“, oder aber: „Nur der Lebende hat recht.“ „~Chikalakasa goje kunganda, kunganda yekwete umbo~“, spreche jetzt auch ich feierlich, zu Matola und Daudi gewandt, Moritz aber rufe ich mit starker Stimme zu: „~Bilauri nne ya pombe~, einen Becher Bier für jeden von uns vieren; nur der Lebende hat recht.“ Schon schlägt der graugelbe Trank in unseren Trinkbehältern, zwei Gläsern und zwei Blechtöpfen, Blasen -- von perlender Pombe kann man beim afrikanischen Rassentrank mit dem besten Willen nicht reden --, ein „~Skål~, Herr Knudsen!“, „Prosit, Herr Professor!“, ein stummes Neigen des Hauptes bei den beiden Negern. Mit innigem Behagen lassen wir das kühle Naß in unsere durstigen Kehlen rinnen -- „~kunganda yekwete umbo~“, es spielt nur, wer Haare aus dem Kopfe hat. Still, stumm und fast unmerklich sind die schwarzen Doppelgestalten von Mutter und Kind davongeschlichen; „~Kwa heri, Bwana~“, tönt es von Matolas Lippen und von denen des schwarzen Pastors. Ein rasches Davonhuschen, und der Norweger und ich sind allein.
Grauslich nimmt sich das Schicksal der Frau bei den Naturvölkern in unseren Büchern über Völkerkunde aus; Lasttier, Sklavin, das sind die Ausdrücke, denen der Leser auf Schritt und Tritt begegnet. Zum Glück für die Betroffenen ist die Sache nur halb so schlimm, ja, wollte man z. B. die Küstenkultur Äquatorial-Ostafrikas als Maßstab für die ganze große Welt der Naturvölker im allgemeinen annehmen, so würde sich das Bild zwar nicht gerade umkehren, wohl aber außerordentlich stark verwischen. Es reißt sich keine ein Bein aus, wie unsere derbe, aber treffende deutsche Redensart lautet; kein Weißer hat jemals eine schwarze Maid eiligen Schrittes laufen sehen; und selbst die unvermeidliche Hausarbeit geht ihnen allen so behaglich und behäbig von der Hand, daß manch eine unserer deutschen Hausfrauen über dieses Ausmaß von Muße schier neidisch werden könnte. Bei den Binnenstämmen ist das Los der Frau freilich etwas härter; der Luxus der Küstenfrau fällt hier mehr oder minder weg, auch der Kinderreichtum ist wohl im allgemeinen größer und schafft mehr Sorge; vor allen Dingen aber fehlen den Negerdörfern die Markthallen und die zahlreichen Inderläden, wo man alles in ganz gleicher Weise kaufen kann wie im weitentfernten Europa. Daher geht es denn wohl nicht gut anders: Frau und Tochter müssen schon früh beim ersten Sonnenstrahl heran an den Mörser, an die Wanne, an den Reibstein.
Es ist 6 Uhr morgens. Unruhig wälzt sich der Europäer im Zelt auf seinem harten Bett; wälzen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck; in dem engen Trog ist eine derartig freie Bewegung nur bei vollem Bewußtsein und auch dann nur bei dem Besitz turnerischer Gewandtheit möglich; die Nacht ist nur wenig erquicklich gewesen. Zunächst hat es am Abend vorher beim Zubettgehen noch eine kleine Feuersbrunst gegeben. Kibwana, der ungeschickte, dumme Kerl aus Pangani, hat meinen letzten Zylinder beim Putzen um die Hälfte seiner ursprünglichen Länge gekürzt. Jetzt ermöglicht der messingene Windschützer zwar das Weiterbrennen der Lampe, aber sie strahlt eine wahnsinnige Hitze aus. Nur so ist es zu erklären, daß ich in dem Moment, wo ich blitzschnell unter dem eben gelüfteten Moskitonetz hindurch auf mein Ruhelager schlüpfe -- blitzschnell, um den stets auf der Lauer liegenden Moskitos ein Schnippchen zu schlagen -- über und hinter mir einen auffallend hellen Schein bemerke. Umdrehen und mit beiden Händen zuschlagen ist eins. Der Schlag hat Gott sei Dank gesessen; gleichwohl haben die drei Sekunden zwischen dem Aufflammen des leichten Netzstoffes über der wohl etwas zu dicht am Bett stehenden Lampe und meinem instinktiven Zuschlagen genügt, um ein quadratfußgroßes Loch in die vordere Netzwand zu brennen. Kibwana wird es am nächsten Vormittag mit einem Stück Sanda zunähen müssen; es wird nicht schön aussehen, aber vollkommen zweckentsprechend sein; einstweilen tut es auch das Zustecken des großen Loches mit ein paar Nadeln.
Müde und abgespannt bin ich endlich auf mein Lager gesunken und in einen unruhigen Schlaf verfallen. Es mag 2 Uhr nachts sein; verwirrt und dumpf im Kopfe fahre ich empor. Was dringt laut, mit immer gewaltigerem Brausen an mein Ohr? Was rüttelt an meinem Zelt, daß die derben Eschenstangen schier brechen möchten? Ist der Indische Ozean aus seinem Bett getreten, um sein altes Eigentumsrecht an dieser weiten Ebene von neuem geltend zu machen? Ist es ein Taifun, der mit seiner unwiderstehlichen Gewalt alles niederlegen will, Bäume, Häuser und Zelt? Ein ungeheurer Aufruhr durchtobt die Natur; in das Brausen des Sturmes aber mischen sich jetzt neue Töne; ein vielstimmiges Brüllen von der Rückwand des Zeltes her, Rufen, Schreien und Schelten vom Gefängnis herüber, wo meine Soldaten munter geworden sind und nun direktionslos im schwarzen Dunkel der Nacht auf dem Platz um die Barasa hin und her stolpern. Da, ein furchtbares Gebrüll dicht an der Zeltwand. Ist die Löwenplage, die bei Hatia und um Massassi so viele Menschenleben gefordert hat, auch hierher gedrungen? Rasch wie der Gedanke habe ich mich unter dem Netz hindurch in den freien Zeltraum genestelt; ein Griff nach dem gewohnten Platz der Streichholzschachtel; sie ist nicht da. Auch nirgendwo anders ist sie zu finden. Ich gebe die Suche auf und fahre in meine Khakigewandung hinein, indem ich gleichzeitig aus vollem Halse nach dem Posten unterm Gewehr rufe und den Lärm dadurch noch mehr vergrößere. Doch kein Posten naht. Jetzt trete ich hinaus und sehe die Bescherung, soweit die von den Kriegern geschwungenen Feuerbrände den Schauplatz übersehen lassen. Sie kämpfen gegen eine enggeschlossene Schar schwarzer, großer Tiere, doch keine Löwen sind es, sondern Matolas friedliche Rinder. Man hat einer jungen Mutter unter ihnen vorgestern das Kalb genommen; die ganze vorige Nacht und den ganzen Tag hat sie nicht aufgehört, mit kläglichem „Muh“ nach ihrem Kinde zu rufen; jetzt im Aufruhr der Elemente ist sie aus dem leichten Corral ausgebrochen, und alle anderen Tiere hinter ihr drein. Mit wildrollenden Augen glotzen die beiden Bullen in die zur Abwehr geschwungenen Feuerbrände der Soldaten; ängstlich brüllt das Jungvieh dazwischen. Schließlich gelingt es, die Herde zurückzutreiben und mit unsäglicher Mühe wieder in den Pferch zu sperren.
Der weiße Mann im Zelte träumt; ihm hat sich das Nachtgefecht mit Feuerbränden gegen den vierfüßigen Gegner in ein anderes mit Pulver und Blei gegen die bösen Wangoni von Ssongea gewandelt. In merkwürdig regelmäßigen Zwischenräumen krachen die Schüsse von einem Gegner zum andern. Plötzlich hört das Feuergefecht auf. Was kann das bedeuten? Plant der kampfgewohnte Gegner eine Umgehung meiner schwachen Truppe, oder schleicht er unhörbar im Busch, im dichten hohen Grase heran? „Sprung auf marsch marsch!“ kommandiere ich und fahre mit einem gewaltigen Satz aus der Schützenlinie nach vorn. Im gleichen Augenblick stoße ich mit der Nase auf Blechkoffer Nr. 3, der gleichzeitig meine Kriegskasse ist und deshalb dem Tippelskirchbett gegenüber im Zelt Aufnahme gefunden hat. Mein Sprung hat mich unbewußt von allen Traumgefahren befreit und in Raum und Wirklichkeit zurückversetzt. Schon hebt auch das Pelotonfeuer von neuem an: bum, bum, bum, bum, bum, bum. Nach der ereignisreichen Nacht ist mir wirr und dumpf im Kopfe; dennoch muß ich laut auflachen. Dieses so regelmäßige Schützenfeuer ist das rhythmische Stampfen zweier Wayaofrauen in Matolas Gehöft gewesen, die für ihren königlichen Herrn und seinen Hof das tägliche Quantum an Hirse- und Maismehl herzustellen im Begriff waren.
Ich habe die Frauen und Mädchen bei dieser Arbeit oft gesehen, aber heute ist mir’s, als müsse ich gerade diesen Grazien, weil sie mit mir nun doch schon in geistigen Konnex getreten sind, meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Rasch ist Toilette gemacht, ebenso rasch das Riesenquantum Houtenschen Kakaos getrunken und der übliche Bananeneierkuchen vertilgt, dann bin ich auch schon mit meiner engeren Leibgarde: Pesa mbili, Yuma, Mambo sasa, Kasi uleia II. und wie sie alle heißen die Braven, Treuen, von denen auf mein Kommando jeder wie ein Windhund nach seinem Apparat oder dessen Einzelheiten greift, mit Kamera und Kinematograph hinter jener Frauengruppe aufmarschiert.
Vier weibliche Wesen sind es; zwei von ihnen schwingen noch immer und unentwegt ihre schwere, lange Mörserkeule weiter. Diese tönt jetzt nicht mehr dumpf wie Kanonenschlag oder der Schuß aus dem Vorderlader, sondern es ist ein mehr klatschendes Geräusch geworden. Matola erklärt mir, jetzt hätten die Frauen Mais in ihrem Mörser, während sie am frühen Morgen Hirse verarbeitet hätten; bei dieser donnere der Mörser so; die Behandlung der verschiedenen Körner sei nämlich die folgende. Die Hirse werde trocken enthülst und geworfelt, sodann gewaschen und eine halbe bis zu einer Stunde in einem flachen Korbe zum Trocknen in die Sonne gestellt; dann erst könne sie auf dem Steine zu Mehl verrieben werden. Der Mais dagegen werde in einem etwas nassen Mörser enthülst; dann quelle er drei Tage in kaltem Wasser. Erst nach Ablauf dieser Frist werde er gewaschen und dann erst gestampft. Das Mehl könne durch Trocknen konserviert werden.
Nach kurzer Weile hört das Stampfen auf; aufatmend wischen sich die Frauen den Schweiß von Stirn und Brust. Es ist eine harte Arbeit gewesen, und wenn an der sonst so grazilen Gestalt der Negerin nichts mehr auffällt als eine unproportioniert starke Ausbildung der oberen Armmuskulatur, so ist vor allem dieses tägliche Mörserstampfen die Ursache davon.
Mit raschem Griff hat die dritte Frau dem Mörser die Masse entnommen. Diese ruht jetzt in einem weiten, flachen Korbe von wohl 60-70 Zentimeter Durchmesser. Doch nur einen Augenblick, dann beginnt es Schlag um Schlag; 10 Sekunden, 20 Sekunden; Hand und Korb beschreiben einen nach unten offenen Halbkreis, aber nicht gleichmäßig, sondern ruckweise. Jetzt sondert sich die leichte Spreu vom schweren Korn; der Endzweck des Mörsers wird sichtbar. Auch ich bekomme jetzt endlich den richtigen Begriff von seiner Rolle: er hat gar nichts mit dem Zerkleinern des Korns zu tun, sondern dient lediglich zum Enthülsen.
Das Worfeln in dem flachen Korb, der Wanne oder wie wir ihn sonst nennen wollen, ist rasch vonstatten gegangen; mit einem besonders kräftigen Ruck sind die blanken Körner in einen andern Korb geflogen. Nach diesem greift jetzt das vierte Wesen, ein junges Ding mit vollen Formen. Es hat bis dahin untätig an der Universalmühle der Urmenschheit gekauert, dem flachen Reibstein. Jetzt kommt Leben in die Maid: knirschend fährt der harte, flache Läufer über die erste Hand voll Körner dahin; Schub auf Schub; feiner und weißer wird die Masse; der Arbeiterin aber wird sichtlich warm. Schließlich ist das erste Quantum fertig; mit langer, eleganter Bewegung gleitet es, vom Läufer nach vorn geschoben, in die dort hart unter den Stein geschobene, flache Schale. Ein Aufatmen, dann ein rascher Griff nach neuem Korn; die Arbeit hebt von neuem an.
Diese Mehlbereitung ist, genau wie bei den Völkern der frühen Antike oder wie auch bei den Indianern des maisverzehrenden Amerika, die Hauptarbeit des weiblichen Geschlechts. Es ist, wie das in der primitiven Natur des Handwerksgeräts begründet ist, wahrlich keine leichte Arbeit, doch trifft sie das hiesige weibliche Geschlecht noch lange nicht so hart wie bei uns zulande die Feldarbeit die Frau jedes Tagelöhners, jedes ländliche Dienstmädchen oder Frau und Tochter des kleinen Landwirts. Die Negerin möchte ich sehen, die auch nur eine einzige deutsche Ernte durchkosten würde, ohne mit Protest davonzulaufen.
Auch die Besorgung des Haushalts drückt nicht überschwer. Die Frau des kleinen Mannes bei uns verfügt gewißlich nicht über eine allzu reichliche Abwechselung in ihrem Speisezettel, doch ist ihre Küche noch immerhin großzügig gegen das ewige Einerlei des schwarzen Küchenrepertoires: Ugali aus Hirse heute, Ugali aus Mais morgen, Ugali aus Maniok übermorgen; dann hebt der Turnus von vorne an. Nun mag die Herstellung dieses afrikanischen Nationalgerichts an und für sich nicht einmal einfach sein -- mir ist immer der Vergleich mit dem Thüringer Kloß aufgestiegen, den ja auch nur ganz gottbegnadete Hausfrauen in vollkommen einwandfreier Weise herzurichten vermögen --, aber schließlich muß doch auch das stumpfste Negerweib einmal hinter das Ugaligeheimnis kommen. Knudsen mit seiner Begeisterung für alles echt Afrikanische verspeist das Zeug mit innigem Behagen; mir schmeckt es immer wie ein Stück Wäsche, das eben der Lauge entnommen ist. Im Prinzip ist die Herstellung einfach: man bringt das Wasser in dem großen Topf zum Kochen; dann schüttet man nach und nach und unter stetem Umrühren ganz gleichmäßig das nötige Mehl hinzu. Die richtige Konsistenz ist erreicht, wenn der ganze Topfinhalt zu einer glasigen, durchscheinenden Masse eingedickt ist. Um ein europäisches Gericht zum Vergleich heranzuziehen, braucht man nur auf die norditalienische Polenta zu verweisen, die in ganz ähnlicher Weise hergestellt wird und auch ganz ähnlich schmeckt.