Negerleben in Ostafrika

Part 35

Chapter 353,539 wordsPublic domain

Ja, diese Kühle! Wenn wir doch nur einen winzigen Teil von ihr hier unten in dieser Höllenglut hätten. Im Zelt bei Tage auch nur minutenlang zu verweilen, ist schier unmöglich; dort steigt das Thermometer hoch in die 40°, doch auch unter unserer Banda, dem schnell errichteten derben Strohdach, sitzen und schwitzen wir bei 36 und 37°. Dabei fehlt der sonst so gefürchtete Abendwind hier ganz; an seine Stelle ist, so scheint es, eine Legion von Moskitos getreten, gegen die man sich nur durch schleuniges Verkriechen hinter dem Bettnetz schon kurz nach Sonnenuntergang zu schützen vermag.

„Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“ habe ich soeben den unermüdlichen Knudsen gefragt. „Ich meine, haben Sie sonst noch etwas ethnographisch Merkwürdiges ~in petto~?“ füge ich hinzu, als der total Erschöpfte mich nicht sogleich begreift.

„Nicht daß ich wüßte“, ist die Antwort.

„Gut, dann werden wir noch heute marschieren, zunächst wieder bis zur Barasa von Nchichira, morgen früh aber um ¾5 von Nchichira nach Mahuta.“

„Machen wir“, sagt Herr Knudsen und trollt sich in sein Zelt, um den total durchnäßten Khakirock gegen eine bessere Garnitur einzutauschen.

Achtzehntes Kapitel.

Die Meisterzeit.

+Mahuta+, 8. November 1906.

Das also ist der Nachtisch zu meinem Forschermahle! Nun, dieses Mahl ist nicht in allen seinen Teilen gleich schmackhaft gewesen, aber es hat doch eine lange Reihe von guten Gängen und vielen Leckerbissen gebracht, und das Dessert entspricht dem ganzen Charakter dieser vielmonatigen Schlemmerei: keinerlei Weiterbelastung des Magens, nein, ein durchaus angenehmer, einschmeichelnder, sachter Übergang zu der Dinerzigarre, dem Mokka und dem Verdauungsschnäpschen. So ist mir bisher Mahuta erschienen.

Schon der Empfang, wie feierlich war er! Freilich, die Neger sind Männer von Takt und guter Erziehung, ganz gleich, ob sie sich bereits mit dem weißen Kansu des Suaheli bekleiden, oder ob sie noch mit dem kümmerlichen Lendenschurz des Urmenschen einherlaufen. Es ist demgemäß ganz selbstverständlich gewesen, daß, wo ich hier im Lande auch erschien, die Spitzen des Dorfes mir mehr oder weniger weit entgegengeschritten kamen, um dem seltenen Besuch ihren Salam zu entbieten. Der Wali Abdallah bin Malim hat sie alle an Akkuratesse des Empfangs übertroffen; er ist nicht umsonst der Vornehmste im ganzen Lande, und fast möchten wir beiden, vom langen Marsch über und über bestaubten und beschmutzten Reisenden uns unseres durchschwitzten, auch sonst schon arg mitgenommenen Khakis schämen, als uns noch weit vor Mahuta die in das lange, schwarze, seidengestickte Gewand des Küstenarabers gekleidete Gestalt des Wali mit feierlicher Würde, das silberbeschlagene, kostbare Schwert in der Hand, entgegentritt.

Auch unsere Unterkunft ist vielversprechend. Durch einen unglaublich engen Schlitz in der Palisadenwand haben wir unsere schlanken Körper in die Boma gezwängt. Ei, ist die fein! Sie ist fast doppelt so groß als alle anderen im Lande, mit einer breiten Mittelallee von Kautschukbäumen und Mauritiusagaven zwischen den beiden Toren; zu beiden Seiten dieser Allee liegen die Wohnhäuser genau ausgerichtet. Angesichts des solid gebauten Rasthauses innerhalb der Boma fällt es mir sehr leicht, auf das Professorenhaus draußen an der Schlucht zu verzichten. Bald stehen unsere beiden Zelte auf dem freien Platz, Träger und Soldaten verteilen sich ihrer Gewohnheit gemäß in die Hütten und Kammern der Bomabewohner, da fühlt Abdallah bin Malim auch schon das Bedürfnis, mir seinen Besuch zu machen. Er ist noch immer festlich gekleidet; das berechtigt ihn seiner Ansicht nach wohl am meisten dazu, Knudsens Liegestuhl für sich in Anspruch zu nehmen. Ich für meine Person habe wieder einmal stark mit meinem linken, auf dem „Prinzregent“ versprungenen Fuß zu tun, der mir die ganzen Monate hindurch eine Unsumme von Pein und Schmerzen verursacht hat; auch jetzt ist er wieder arg geschwollen und will gekühlt sein. Abdallahs Stimme ist nicht melodisch, um so rascher aber ist der Tonfall, der den wulstigen Lippen des Wali entströmt. Wie ein Wasserfall geht das, es rollt, donnert, braust und zischt. Ja wirklich, es zischt: wie eine Rakete saust es durch die Luft; klatsch! spritzt es vor meinen Füßen auf. Ich bin in die Pflege meines unglücklichen Hinterbeins sehr vertieft und schaue kaum auf. Hscht -- klatscht schon wieder eine Ladung seitwärts vor mir nieder. Jetzt werde ich auf den anscheinend doch recht interessanten Würdenträger aufmerksam, und wahrlich, er hat es verdient; eine solche Virtuosität im Spucken dürfte selbst für den größten Yankeekünstler auf diesem Gebiet ein unerreichbares Ziel bleiben! Ich habe allerhand Hochachtung vor den von der deutschen Regierung eingesetzten Organen, selbst den farbigen, aber im Interesse meiner Selbsterhaltung habe ich es doch vorziehen müssen, den Wali durch Knudsen auf das Unziemliche seines Betragens hinzuweisen; nicht einmal die Schensi täten das in Gegenwart des Bwana kubwa, da würde er es als feiner Mann wohl erst recht lassen können. Der Hinweis hat auch sofort geholfen.

Es ist morgens 8 Uhr; die Sonne steht schon ziemlich hoch in ihrer Bahn, die zu dieser Jahreszeit vollkommen senkrecht über Mahuta hinwegführt; mit unendlichem Behagen schlürfen die beiden Europäer die würzige Morgenluft. Mahuta ist aber auch der reine Luftkurort; nichts von lästiger Hitze und unbehaglicher Kälte; kein Nebel und kein Sturm; ein treffliches Trinkwasser am nahen Plateaurand; eine reinliche Barasa und Hühner in Menge; da schmeckt die Morgenzigarre, daß es eine Lust ist. Da horch! Ist das rollender Donner in der Ferne, oder machen die Makonde Krieg mit uns? Näher kommt’s, lauter und lauter wird das rollende, rhythmische Geräusch; jetzt vermag das Ohr auch schon verschiedene Ursprungsrichtungen zu unterscheiden; von Osten kommt’s und von Westen und anscheinend von Norden auch. Unverkennbar mischt sich nunmehr Gesang in den Trommelton, denn solcher ist’s. Wir treten aus dem Schutz des Daches und hinter den Zelten hervor, da quillt es auch schon herein durch die engen Pforten: einer hinter dem andern, immer mehr und mehr, als wolle es nie enden. Schon sind die schwarzen Massen in der Mitte des geräumigen Bomaplatzes zusammengestoßen, doch von beiden Seiten her strömt es noch immer von neuem herzu; die Allee ist voll, das schwarze Meer breitet sich über die Seitenteile des Platzes aus; es wogt und wallt, die Trommeln donnern, die Stimmen kreischen, trillern, singen; über dem allen an langen Stangen wehende Fahnen, schön bunt zu schauen wie geblümte Taschentücher; ganz hoch oben aber unabsehbare Scharen flockiger Zirruswölkchen und strahlender Sonnenschein. Es ist ein Bild, einzig in seiner Art, und sicherlich angetan, in seiner Wildheit den Pinsel eines Brueghel zu locken.

Malen kann ich nun zwar nicht, aber wozu habe ich denn 30 mit Platten wohlbewaffnete Kassetten; heraus mit euch aus Ledersack und Tasche! Doch wohin sich wenden bei dieser Überfülle von Motiven? Hier ein gewaltiger Kreis von Männern, Frauen und Kindern; in rasendem Takt donnern sechs gewaltige Trommeln zum Himmel, rhythmisch, wie von Geisterhand bewegt, regt die ganze, große Schar Arm und Bein, Mund und Hand im Takte. Und hinter diesem Riesenkreis, was ist das? Nun, Mädchen sind’s in jugendlicher Schlankheit und doch knospender Fülle. Im höchsten Diskant durchschwirrt ihr Triller die Luft, klapp klapp klapp klapp klapp arbeiten die hochgehobenen Handflächen gegeneinander. „Ä, die Liquata -- Menschheit ist doch recht ideenarm.“ Enttäuscht wenden wir uns weiter; dort ganz hinten, die ganze Hälfte der einen Platzseite beanspruchend, exerzieren ein paar Schützenlinien im Feuer, aber echt afrikanisch. Deckung verschmäht der Neger, er ist Fatalist; trifft’s ihn, nun Inschallah! Das kommt ganz treffend in der Majimaji-Ngoma, der mimischen Darstellung des letzten Aufstandes, zum Ausdruck; unbekümmert selbst um das unheimliche rak-rak-rak-rak der „Bumbum“, jener teuflischen Maschinen, aus denen die Wadachi, diese verfluchten Deutschen, gleich tausend Kugeln in der Minute auf den Gegner schleudern, stürmt die schwarze Angriffslinie vorwärts. Vergebens: nicht einmal die starke Daua des Hongo, des kriegsgewaltigen Zauberers, schützt vor Tod und Verderben. Und da flutet auch schon der Gegner heran; sollen sie standhalten, die Majimaji? Die Bajonette der Askari sind scharf und spitzig, instinktiv taumelt die ganze Linie zurück, soweit das „Schlachtfeld“ es gestattet; unter heulendem Gesang stürmen sie gleich darauf wieder vor. Das wiederholt sich stundenlang.

Mit Kamera und Kino habe ich getan, was in meinen Kräften steht; sie sind jetzt erschöpft, ebenso der Plattenvorrat. Die Sonne ist mittlerweile auch bis zum Zenit emporgeklommen; ermüdet, hungrig und durstig steht und lungert mein schwarzes Halbtausend unter den schattenlosen Kautschukbäumen herum. Uns aber rufen die Köche zu Suppe, Huhn und Bananeneierkuchen.

Abdallah hat es zu gut gemeint mit seinem Zustrom von Eingeborenen; eine solche Menge am gleichen Tag, die nützt mir nichts, das habe ich schon am ersten Morgen gesehen. Nach einiger Zeit hat es auch der Wali begriffen. Da hat er die Jumben von nah und fern von neuem entboten und hat ihnen eine lange Rede gehalten: „Morgen kommst du mit deinem Dorf, um 8 Uhr“ -- der Arm zeigt im Winkel von 30° genau nach Osten -- „und mitbringen sollt ihr ~midimu~ und ~mitete~, Tanzmasken und Schnupfbüchschen, soviel ein jeder davon hat; und auch alle anderen Dinge sollt ihr mitbringen, die ihr in Haus und Hof, in der Schambe und im Pori habt; der weiße Mann liebt diese Dinge, und er wird euch Heller und Rupien dafür zahlen. Und übermorgen“, fährt er zum nächsten gewendet fort, „kommst du mit deinen Leuten, und auch ihr bringt alles mit, was ich eben aufgezählt habe.“ Zum Zeichen des Verständnisses fährt der Jumbe salutierend mit seiner Hand an die Mütze; dann folgt der nächste, und so fort.

Das neue System bewährt sich gut; morgens habe ich volle Muße, die Leute einzeln zu photographieren, Tänze und Spiele auf den Kinofilm zu bannen, Walzen zu füllen und anderes mehr zu treiben; der Mittag verfließt im Studium der unsagbar mannigfaltigen Körperverzierungen der hiesigen Eingeborenen; der Nachmittag endlich ist den Männern und dem Feilschen um ihren materiellen Kulturbesitz gewidmet.

Nein, diese Weiber! Eng aneinander geschmiegt, die Köpfe einheitlich nach vorn und zu Boden gesenkt, steht eine Schar von 30 bis 40 Makondefrauen in einem Winkel der Boma von Mahuta. Bis jetzt hat es noch geplappert und geschwatzt, daß es eine Art hatte; da naht der fremde Mann im gelben Rock, und alles ist mäuschenstill; nur die 20 bis 30 Babys auf dem Rücken und den Hüften ihrer Mütter schnarchen weiter, brüllen oder suchen den mütterlichen Born. Längst kenne ich den Umgang mit Frauen, ein Scherz, und verflogen ist die Scheu, die Gesichter fliegen hoch, die richtige Stimmung ist da. Sie ist auch nötig, denn was gibt es an diesen Köpfen und Leibern alles zu sehen! Nur das frohe Lachen ringsum veranlaßt die einzelne, sich vom weißen Mann begucken und vielleicht auch berühren zu lassen. Sodann aber ist der Fremde ja auch unermeßlich reich, ganze Säcke und Kisten voll Pesa hat er mitgebracht, und jeder schwarzen Frau läßt er durch seinen Diener blankes Geld zahlen, wenn sie alles tut, was er will; die Freundin aus dem Nachbardorf hat es gesagt, und die muß es doch wohl wissen.

Der bisherige Verlauf meiner Reise hat mir bereits so viele Auswüchse menschlichen Eitelkeitstriebes gezeigt, daß ich mich gegen weitere Überraschungen völlig gefeit wähne. Kurzsichtiger Tor, der du bist, du Fremdling aus Uleia, so raunt mir der Makondebusch zu, dring ein in meine Tiefen, da siehst du Wunder über Wunder! Und ein Wunder will es mich wirklich dünken, daß diese zarten Lippen so ungeheure Massen schweren Holzes in sich tragen können; riesengroß, eine Hand breit im Durchmesser und drei Finger breit in der Höhe, klemmt sich das Ungetüm von Klotz, den die Hand der eitlen Trägerin mit feingeschlämmtem Kaolin täglich schneeweiß zu färben versteht, in den schmalen, straffgespannten Saum der so grausam durchbohrten, ausgeweiteten Oberlippe. Als die Kleine noch ein Kind war, da hat es begonnen; da kam ein böser Onkel und stach sie in den Mund, daß es arg blutete. Das Blut ist gestillt worden, aber das Loch ist geblieben. Erst hat die Mama einen feinen Strohhalm hineingetan und dann immer mehr und immer mehr, und dann haben sie eine kleine Rolle hineingesteckt in die Öffnung; ein Palmfiederblatt ist es gewesen. Das hat gespannt, daß man förmlich merkte, wie das Loch sich geweitet hat. Und dann ist ein großer Festtag gekommen, und sie haben ihr einen Holzpflock in die Lippe gesteckt. Das ist der erste gewesen; dem sind seither viele andere gefolgt, aber stets ist einer größer gewesen als der andere. Immer hat sie ihr Mann geschnitzt, und jedesmal, wenn er aus dem Pori heimkommt, bringt er die feine, weiße Erde mit. Ja, sie hat einen guten Mann, deswegen heißt sie ja aber auch Ngukimachi, das will besagen, daß sie gar keinen Anlaß hat, ihn zu betrügen, wie es alle die anderen Frauen mit ihren Männern tun. Aber er weiß auch, wie gut gerade ihr das Pelele steht; das ragt so geradeaus in die Weite, daß es eine wahre Lust ist zu schauen; und wenn sie nun gar erst lacht, dann blitzen ihre Zähne in schimmernder Pracht. Wie häßlich sind dagegen jene Alten dort! Denen sind die Zähne schlecht geworden; und wenn sie die Ugalikugel, die sie mit zitternder Hand aus dem Breiberg heraus geformt haben, zum Munde führen, dann sieht das schrecklich aus; wie in einem dunkeln Abgrund verschwindet die Speise in dem zahnlosen Munde, nachdem die andere Hand das Pelele vorsichtig emporgehoben hat.

Und gar jene beiden anderen erst, wie sind die zu bedauern! Sie sind beide noch jung, die eine ein Mädchen, die andere eine junge Frau, aber stets traurig sind sie; sie haben auch beide Anlaß dazu, denn der Schmuck des Pelele ist ihnen versagt. Wieviel Daua hat die Mutter und auch der Onkel ihnen schon auf den Mund gestrichen, doch immer schlimmer und böser ist die Wunde geworden. Ein ganzes Loch hat der Eiter schon gefressen, und bei der Großen ist die Lippe nun ganz auseinandergefallen; sie sieht mit ihren großen, breiten Zähnen, die so weiß durch die Lippe schimmern, jetzt aus wie der Sungura, der Hase. Schön ist das nicht, und auch der weiße Mann mit seiner großen Dauakiste wird sie nicht heilen können. Daher sind sie auch wohl so traurig.

Auch Alitengiri dort drüben ist ernst; bei ihr zu Hause ist der Tod ständiger Gast; er hat in ihrer Sippe jüngst so reiche Ernte gehalten, daß nicht einmal ihre Schambe bestellt werden kann. Sonst ist sie doch so lustig gewesen und hat zu plappern gewußt, daß das Pelele kaum zu verfolgen war. Und ein schönes, großes Pelele hat sie gehabt, so groß, daß die Lippe es kaum noch zu tragen vermochte. Jetzt sieht sie stark verändert aus; sollte sie krank sein? Oder ist das Pelele etwa gar geschrumpft? Aber das geht doch nicht, das ist ja aus Holz; erkundigen wir uns doch einmal, was ihr fehlt. -- Nein, sie ist doch auch zu hochnasig, die Alitengiri, nicht einmal geantwortet hat sie mir; ganz stumm und dumm hat sie dagestanden! Aber ich habe es wohl gesehen, sie hat gemogelt. An ihrer Lippe hat sie etwas; die ist sicher zerrissen, und da hat sie sie geflickt; ich habe den blauen Zeugstreifen sehr wohl bemerkt, den sie über jene Stelle gepappt hat. Und jetzt darf sie nicht sprechen und auch nicht einmal lachen, denn dann reißt die Wunde wieder auf.

In den Abmessungen ihrer Lippenscheiben schlagen die Makondefrauen um Mahuta zweifellos alle ihre Schwestern im ganzen weiten Süden; Klötze von 7, ja 7½ Zentimeter Durchmesser und 3 bis 5 Zentimeter Höhe sind nichts Seltenes. Zählt man zu dieser hier stets schneeweiß schimmernden Mundzier die fast nie fehlenden schwarzen oder weißen, runden Scheiben in den talergroß aufgeweiteten Ohrläppchen, so machen diese drei Schmuckstücke allein schon ein Ganzes aus, das man auf dieser Erde in solcher Absonderlichkeit nicht wieder findet. Jedoch der Makondefrau genügt das nicht; wozu hat sie ihre schönen braunen Wangen und die von krausem Wollhaar umrahmte Stirn, den schlanken und doch kräftigen Arm, die üppige Brust, den schlanken Leib und den glänzenden Rücken? Drüben die Nachbarin, die läßt schon lange den Fundi kommen; der macht Schnitt auf Schnitt in die sammetweiche kühle Haut, und dann reibt er feine Daua, selbstgebrannte Pulver, in die kleinen Wunden. O, das tut sehr weh, aber es sieht doch auch gar zu schön aus, wenn erst alles verheilt ist. Doch das dauert noch lange, denn mit einemmal geht das nicht; immer wieder schneidet der Fundi an dieselbe Stelle, Schnitt neben Schnitt. Endlich wird er einmal fertig werden; ach, wird dann die Nachbarin schön sein! Es wird wohl nicht anders gehen, auch sie muß den Fundi bitten.

Die Zahl der Ziernarbenmuster, mit denen die Makondefrau Gesicht und Körper, diesen bis zum Gesäß und bis zu den Oberschenkeln hinunter, schmückt, erweckt auf den ersten Anblick den Eindruck, als sei sie Legion; in Wirklichkeit lassen sie sich auf eine nur verblüffend geringe Anzahl von Elementen zurückführen. Der Neger von heute hat für diese Grundbestandteile Namen wie Chitopole, die Taubenfalle, oder Chikorombwe, der Fischspeer, oder Teka u. a. m. Jenes erste Muster ist ein Bügel, wie ihn die Taubenfalle in der Tat besitzt; das Chikorombwe gleicht mehr einem Tannenbaum, die Teka einer Chitopole mit Mittelachse. Ob diese Muster in irgendwelcher Beziehung zur Taubenfalle oder zum Fischspeer stehen, kann ich nicht sagen, denn auch die Eingeborenen wissen es nicht; aber so viel weiß ich bestimmt, keins dieser Muster kann heute mehr als wirkliches Stammesabzeichen gelten. Als Neuling im Fach huldigt man dieser Ansicht so lange, bis man eines anderen belehrt wird; bei mir hat der alte Makachu dies in trefflichster und kürzester Weise besorgt. Der alte Herr ist über und über mit Mustern bedeckt, mit ganz den gleichen, wie sie die Frauen hierzulande tragen, nur daß bei ihm manche schon recht verwittert und verwischt sind.

„Warum trägst du das?“ frage ich ihn, in der sichern Erwartung, ein langes Kolleg über Stammeszeichen und ähnliche Einrichtungen zu hören zu bekommen.

„~Ninapenda~, es gefällt mir so“, ist die ganze Antwort des Riesen.

Mit diesem Hinweis auf den persönlichen Geschmack haben wir in der Tat die einwandfreie Lösung für die Narbenverzierung selbst, sodann auch für die Wahl der jeweiligen Muster. Ich habe während meines Aufenthaltes in Newala, in Nchichira und vor allem jetzt hier in Mahuta Hunderte und Aberhunderte von Einzelwesen entweder photographiert oder doch wenigstens körperlich besichtigt, das Ergebnis, soweit ich es jetzt schon übersehen kann, ist die vollkommene Unmöglichkeit, aus dem Vorwalten bestimmter Figurengruppen auf die Stammeszugehörigkeit ihres Trägers zu schließen; „~ninapenda~“ will jede einzelne dieser Figuren besagen.

Nun ist nicht zu leugnen, daß es auch in dieser Narbenzier Moden gibt. Von irgendwoher ist eine neue Figur eingeschleppt worden; sie findet Anklang, erst bei der einen Mutter, dann bei der anderen und dritten; wie mit einem Schlage hat sie sich über eine ganze Generation verbreitet, wird von dieser durchs Leben getragen und kann so in der Tat als eine Art Stammesabzeichen gelten. Vielleicht hat in früherer Zeit jede der hiesigen Völkergruppen auf diesen Teil ihres Kulturbesitzes einen höheren Wert gelegt; nachweisen läßt sich dies heute nicht mehr, wie denn überhaupt die Sitte unter dem Ansturm der neuen Zeit zu schwinden scheint. Es bereitet nicht nur mir, sondern auch den Betroffenen selbst stets ein ganz ungeheures Vergnügen, wenn ich die Männer und Jünglinge plötzlich auffordere, sich einmal etwas zu dekolletieren, d. h. ihr Hemd abzulegen und mir Brust, Bauch und Rücken zu zeigen. Bei den Alten eine wahre Menagerie von Antilopen, Schlangen, Fröschen, Schildkröten und anderem Getier, Chikorombwe, Chitopole oder Teka auf der breiten Männerbrust, bei der heranwachsenden Generation wenig oder nichts. Bei dieser gilt es eben nicht mehr als fein; sie schielt nach der Küste mit ihrer Hyperkultur und begnügt sich, wenn sie sich überhaupt herabläßt den Körper zu ritzen, mit den beiden senkrechten Schläfenschnitten der Suaheli. Bei den Yao und den Nchichira-Wangoni sind diese Schnitte schon heute sehr allgemein, bei den anderen Völkern werden sie es von Jahr zu Jahr mehr.

Der Leiter eines ethnographischen Museums muß schon daheim in Europa ein tüchtiger Kaufmann sein; geht dieser selbe Mann aber unter die Neger, so muß er einen Armenier an Schlauheit, Gerissenheit und Geduld übertreffen. Ich habe schon früher mit wehem Herzen auf die ungeahnten Schwierigkeiten gerade des Sammelns hinzuweisen Gelegenheit gehabt und kann mir daher neue Jeremiaden ersparen, doch leicht machen mir die Herren Makonde das Zusammentragen ihrer Kulturgüter keineswegs. In dichter Kolonne rückt der schwarze Schwarm heran.

„Na, was hast du denn da?“ spricht man leutselig und herablassend zum Vordersten; ein völlig abgenutzter Rührlöffel liegt in meiner Hand. „Für den Msungu ist der noch gut genug“, hat sein holder Besitzer gedacht und ihn aus der Müllgrube, wohin er schon gewandert war, herausgeholt.

„Schensi!“ ist die milde Anerkennung dieses löblichen Verfahrens, „so, hier hast du deine Kostbarkeit wieder; zeig’ mal her, was du sonst noch hast; wo hast du denn deine Maske?“

„Ich habe keine, Herr.“

„So, dann will ich dir Gelegenheit geben, noch einmal gründlich nachzusehen, morgen früh bist du wieder hier, aber dann mit deinem ~mdimu~; vergiß auch deine Schnupfbüchschen nicht.“

So wiederholt sich das im Laufe der Stunden wohl ein dutzendmal und mehr; in einigen Fällen hat der Bußgang Erfolg gehabt, in den anderen ist es den Leuten gar nicht eingefallen wiederzukommen. Seitdem wir das gemerkt haben, belieben wir ein anderes Verfahren: jetzt machen wir einfach den Jumben verantwortlich, und seitdem geht es, geht ganz ausgezeichnet sogar; allabendlich haben Knudsen, alle Boys und auch die Trägerelite alle Hände voll zu tun, um die am Tage erworbenen Schätze zu registrieren und zu bergen.

Es lohnt sich wohl, das Sammeln hierzulande, vom wissenschaftlichen wie vom künstlerischen Standpunkt aus. Ostafrika gilt ja im Gegensatz zum Kongobecken, zu Nordkamerun und einigen andern Teilen des Westens als ein ethnographisch langweiliges Gebiet, und künstlerische Ansprüche an Form und Ausstattung der Waffen und Geräte seiner Völker darf man im allgemeinen nicht stellen.