Part 34
Ich habe meine kostbare einzige Karte selbstverständlich stets zur Hand. Ein Blick auf sie belehrt mich, daß Namagone wirklich existiert, unter 38° 26′ östlicher Länge auf dem rechten Rovuma-Ufer; so weit nach Osten ist also schon der damalige Rückzug des einen Trupps dieser Wangoni erfolgt. Im gleichen Augenblick wird mir dieses auch schon von einigen der Beisitzer bestätigt; Kambale erzählt, daß er als Knabe bei Namagone gewesen sei, Liambaku aber, der etwas jüngere Bruder Madyaliwas, berichtet, auch er sei am Lukimua geboren.
Makachu will gerade in seiner Erzählung fortfahren, da öffnet Madyaliwa, der Senior, seinen nur noch von Zahnruinen besetzten, welken Mund: „Vom Lukimua sind wir zu Kandūlu gegangen, dem Yaohäuptling. Von da haben uns die Wangoni vertrieben; erst sind wir zu Namagone gegangen und dann zu Makachu. Hier haben wir ein Jahr gesessen, dann aber sind die Wangoni auch hierher gekommen und haben uns von neuem verjagt; da sind wir bis Nchichira gegangen. Doch auch hier sind wir noch einmal von den Wangoni überfallen worden, und das ist zu der Zeit gewesen, wo schon ihr Wadachi, ihr Deutschen, eure Boma in Lindi gebaut hattet.“
Es meldet sich kein Redner weiter, also kann jetzt ich einsetzen:
„Ihr erzählt immer so viel von den bösen Wangoni, sind denn das nicht eure Brüder?“
Lebhaftes Gestikulieren ringsum: „Aber nein,“ erschallt es im gleichen Augenblick, „sie sind unsere schlimmsten Feinde.“
„Doch unterhalten könnt ihr euch miteinander?“
Auch hier ein einhelliges, glatt ablehnendes Nein. Aus dem weiteren Verhör geht dann folgendes hervor:
„Wir Leute von Nchichira nennen uns selbst Wangoni, die Leute aber von Ssongea nennen wir Mafiti. Die sind vor langer Zeit von weither gekommen; woher sie aber gekommen sind, das wissen wir nicht. Unsere Väter haben stets am Lukimua gesessen, und wären nicht die bösen Mafiti so oft gekommen und hätten Krieg mit uns gemacht, so säßen auch wir, ihre Söhne, noch immer am Lukimua. Mit den Wamatambwe sind wir nicht verwandt, doch mit den Yao sind wir gute Freunde; unsere Väter sind stets zu ihnen geflüchtet.“
Das ist also das Bild, welches ich auf Grund eines eingehenden Studiums von den Wangoni von Nchichira gewonnen habe. Sie sind in Wirklichkeit, wie ich oben schon sagte, ein Konglomerat aller möglichen Elemente, die sich in den langen Mafitiwirren hier in diesen entlegenen Winkel geflüchtet und zu einer Art Volkstum verdichtet haben. Wie sehr sie den Yao gleichen oder doch zu gleichen streben, zeigt nichts besser als das fast ausschließliche Vorkommen des Kipini, des Nasenpflocks, bei ihren Frauen; die Lippenscheibe ist bei diesen eine Seltenheit. Den Reiz des Neuen und Fremden, den diese Wangoni als wirkliche Kaffern auf mich ausgeübt haben würden, wenn sie sich tatsächlich als Südostafrikaner herausgestellt hätten, haben sie unter diesen Umständen natürlich für mich verloren. Immerhin bin ich sehr stolz darauf, die alte, falsche Ansicht, die man an der Küste von diesen Leuten bis heute hegt, endlich einmal berichtigt zu haben. Indes vermag ich nicht zu leugnen, daß das Ergebnis meiner Untersuchung stark mit dazu beigetragen hat, mir den Abschied von Nchichira leichter zu machen, als er mir sonst wohl geworden wäre.
Mein Abmarsch ist nicht direkt nach Mahuta zurück erfolgt. Nils Knudsen hatte die ganze Zeit über, wo ich mit den Wangonigelehrten volkskundliche Studien trieb, seinen Jagdfreuden gehuldigt. Immer wieder war er den auch hier außerordentlich steilen Plateaurand hinuntergestiegen, um unten in der alluvialen Rovumaebene mit ihrem reichen Wechsel von dichtem, hohem Wald, struppigem Gebüsch und wiesenartigen Flächen dem hier häufigen Dickhäuter aufzulauern und auch andere, kleinere Tiere zur Strecke zu bringen. Oft glaubte ich seine Büchse knallen zu hören, so nahe liegen die Jagdgründe unter der Boma von Nchichira, und mehr als einmal habe ich mir an meinem Standort auf dem Plateaurande eingebildet, die gebückte Gestalt des rasch und doch vorsichtig Vorwärtseilenden da unten auf dem Talgrunde verfolgen zu können.
Der gegebene Abendspaziergang für Nchichira ist nur sehr kurz, doch bietet er eine Überfülle des Schönen. Soeben ist der Sonnenball dort im Westen hinter dem fernen Nyassa zur Rüste gegangen. Aufs äußerste erschöpft, lege ich Notizbuch und Bleistift zur Seite, stecke mir eine frische Zigarre ins Gesicht -- wir haben wieder welche, doch keine vom Inder, sondern echte Leipziger; hei, ist das ein Genuß nach jenem Rattengift von Lindi! --, winke meiner Apparatgarde und verlasse mit raschen Schritten die Boma. An ihrem Palisadenzaun schreiten wir entlang, bis er zu Ende ist; damit sind wir auch schon am Ziel: das Rovumatal mit seiner ganzen Herrlichkeit liegt unmittelbar zu meinen Füßen. Das Phänomen eines Sonnenunterganges zu schildern, ist schon an und für sich keine leichte Aufgabe; hier, wo zu der eigenartigen Oberflächengliederung des Landes, seinem merkwürdigen Gegensatz zwischen stärkster Erosion und machtvollster Auflagerung, ein geradezu unerhörter Farbenreichtum des Abendhimmels tritt, versagt die Feder einfach schon aus dem Grunde, weil es angesichts dieser Herrlichkeit für einen fühlenden Menschen überhaupt nicht möglich ist, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Hätte ich Farbenphotographie, das wäre ein Objekt! So muß ich mein Heil mit ganz gewöhnlichen oder höchstens orthochromatischen Platten versuchen; von der wirklichen Farbenpracht bringen diese natürlich nichts, da wird später daheim das Notizbuch aushelfen müssen.
Das Plateau ist hier, an seinem mittleren Südrande, bei weitem niedriger als bei Newala; man kann es auf 400 bis 450 Meter schätzen. Immerhin ruft das 10 bis 15 Kilometer breite, an seiner Sohle kaum 60 Meter über dem Meer gelegene Rovumatal den Eindruck einer gewaltigen, tiefeingeschnittenen Schlucht hervor. Seine beiden Ränder sind absolut gleich; einem Kinde muß es klar werden, daß drüben das Maviaplateau und hier das Makondehochland desselben Alters und eines Ursprungs sind. Es ist der Rovuma mit seiner Sägekraft gewesen, der dies alte Tafelland cañonartig auseinandergeschnitten hat. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, sieht der Fluß kläglicher aus denn je: ganz dünn rieselt seine kümmerliche Wasserader in dem kilometerbreiten, von ungeheuren Kies- und Sandbänken erfüllten Flußbett. Um so gewaltiger wird er in der andern Jahreszeit einherfluten; zu meinen Füßen verfolgt das bloße Auge ein ganzes System von Hochflutbetten; auch drüben auf der portugiesischen Seite läßt das Fernglas ähnliches erkennen. Bei Hochwasser muß die Niederung einen großartigen Anblick gewähren; heute waltet mehr der Grundzug des Lieblichen, Heiteren vor. Der graue Streifen mit dem blinkenden Silberfaden darin liegt vor mir, als wenn ich ihn greifen könnte, und dabei sagt Knudsen, man müsse zwei starke Stunden wandern, bevor man am Ufer des Stromes stände. Dermaßen täuscht die merkwürdig klare Luft. Freilich, Rauchwolken steigen auch hier zum Himmel auf; besonders drüben auf der andern Seite, zwischen dem Strom und dem Nangadisee, sind sie zuzeiten recht dicht und häufig. Fast möchte ich meinen, die guten Mavia wollten den unglücklichen Portugiesen, der dort in seiner, mit dem Glase ganz deutlich wahrnehmbaren Boma wohl darüber nachdenken soll, wozu er eigentlich hierher verdammt worden ist, ausräuchern, so konzentrisch legen sich die Flammengürtel um das Haus des einsamen Europäers. Wendet sich aber das Auge mehr nach rechts: fast unabsehbar dehnt sich das graue Rovumabett mit seinen grünen Rändern gen Westen. Der Lidedesee ist nicht gar nahe, aber auch er liegt in dieser Perspektive noch fast zu unsern Füßen, so weit vermag mein scharfes Auge noch über ihn hinaus in das Innere des Erdteils zu schauen. Über dem allen das Erglühen des ganzen westlichen und südlichen Horizonts in tausend leuchtenden Tinten. Fast scheint es, als wolle auch die Sonne dieser Schönheit zuliebe nicht so rasch scheiden, wie sie das sonst zwischen den Wendekreisen zu tun beliebt; nur ganz langsam und allmählich werden der Farben weniger, wird ihre Leuchtkraft geringer. Nur mit Mühe habe ich mich von dem Bilde losreißen können, um mit kleinster Blende ein paar Aufnahmen dieser wunderbaren Szenerie auf die Platte zu bannen; stumm und sichtlich ebenso ergriffen wie ihr weißer Herr stehen auch meine schwarzen Freunde hinter mir. Erst dunkelt es langsam, dann senken sich rascher immer schwerere Schatten auf den Lidede und den Nangadi hernieder; auch über die Matten und den grünen Wald streichen jetzt die ersten dunkeln Töne dahin, nur das helle Grau des Strombettes hebt sich noch eine Weile aus der sinkenden Nacht hervor. Ich bin ein durchaus nüchtern veranlagter Mensch, aber ich gebe gern zu: ich hätte die Ziele eines Marsches bis zum entlegenen Nchichira als erreicht angesehen, selbst wenn dort keine Wangoni wohnten; ein einziger Sonnenuntergang hätte mich für alle Mühsal entschädigt.
In diesem Stromtal hatte also Nils Knudsen als ein gewaltiger Nimrod gewaltet. Es brauchte nur der erste beste Neger zu kommen und ihm zu sagen: „Herr, viele Elefanten stehen da unten“, so war er zehn Minuten später schon, so schnell es sein Seemannsgang erlaubt, auf dem Marsch. Verständigerweise vertraut er aber seinen eigenen Donnerbüchsen nicht mehr, sondern hat mich um eins meiner trefflichen Gewehre gebeten. Wie immer, sitze ich an einem Nachmittag mit meinen Gelehrten zusammen. Mit dem Kingoni will es gar nicht vorwärtsgehen; heiße ich die „Intelligenz“ Saidi übersetzen: Dein Vater ist gestorben, so kommt unweigerlich ein Satz zutage, der sich bei der Nachkontrolle herausstellt als: Mein Vater ist gestorben, und lasse ich ihn sagen: Mein Vater ist gestorben, so übersetzt er von seinem Standpunkt aus ganz richtig: Dein Vater ist gestorben. Solche Scherze sind mir seit langem geläufig, sie regen mich nicht mehr auf; schlimmer wird es schon, wenn man die persönlichen Fürwörter: ich, du, er, wir, ihr, sie festlegen will; Herrgott, welche Mühe haben mir diese schon bei den doch wahrlich nicht dummen Lehrern von Newala verursacht! Hier geht’s überhaupt nicht; ich mag anstellen, was ich will, die dritte Person Singularis und Pluralis sind nicht zu erzielen. Die erste und zweite habe ich glücklich noch herausgebracht, selbstverständlich auch wieder in der bekannten Umkehrung; will ich haben: „Ich“ und deute unwillkürlich dabei auf mich, so bekomme ich unfehlbar „du“ heraus, und umgekehrt. Resigniert will ich mir gerade eine Beruhigungszigarre anbrennen, da entsteht ringsum eine merkliche allgemeine Aufregung. In einem Tempo, gegen welches die Geschwindigkeit des Läufers von Marathon ein Schneckengang gewesen sein muß, rast einer der Diener Knudsens heran; sein Mund sprudelt irgend etwas hervor, von dem ich nichts verstehe; erst aus dem Munde meiner rasch zusammengelaufenen Leute und der Bomaeinwohner erfasse ich, daß Knudsen erfolgreich gewesen ist und einen stattlichen Elefanten zur Strecke gebracht hat. So groß, und dabei spreizen die Kerle ihre Gibbonarme auseinander, soweit es nur irgend geht, seien die Stoßzähne, und Fleisch gäbe es jetzt! Ich sah förmlich, wie den Burschen das Wasser im Munde zusammenlief.
Dieser und der nächste Tag haben ganz unter dem Zeichen des getöteten Elefanten gestanden. Wahre Berge von Fleisch wurden herangeschleppt, die ganze Gegend roch nach afrikanischer Küche, jedoch nichts weniger als schön. Dann kamen die vier Füße; darauf die Zähne; endlich der erfolgreiche Jäger selbst. So stolz der wackere Nils auch einherschritt, sehr glücklich war er über den Schuß nicht, denn in Wirklichkeit waren die Zähne im Verhältnis zu der Größe des Tieres nur sehr klein, nach unserer Schätzung höchstens 40 Pfund schwer. Dafür brachte mein Nimrod mir aber eine andere, für mich viel frohere Kunde: die Leute dort unten, die wohnten ganz anders als hier oben, fein und fremdartig zugleich; mehrstöckige Häuser seien es, die man da unten zu sehen bekäme! Nils hat erst einen Schwur tun müssen, daß er nicht lüge. Als er ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, geleistet hatte, da hat es mich auch nicht mehr länger oben gehalten, und schon am nächsten Frühmorgen sind wir wie die Affen an den Klippen und Felsen des Plateaurandes in die Stromebene hinuntergestiegen.
Seit ein paar Tagen nun sitzen wir hier im kümmerlichen Schatten verkrüppelter Bäume inmitten eines Gewirrs von Röhricht und hohem Grase, in dem unsere Leute nur mit Mühe den Platz für die Zelte freimachen konnten, unmittelbar am linken Ufer des Hauptstromes. Es ist eine Stelle, die den Ausblick aufwärts und abwärts auf eine weite Strecke gestattet; auch geradeüber liegt ausnahmsweise keine der sonst häufigen Inseln, so daß der Blick ungehindert über ein wahres Meer von Sandbänken bis ans jenseitige Ufer schweifen kann. Die vom mittleren Rovuma her sattsam bekannten steilen Abbruchsufer sind auch hier die Regel; sitzt man auf solch hoher Böschung, so ist es schon eine Kunst, das unvermutet und schnell auftauchende Flußpferd mit der Kugel zu treffen; selbst der sonst unfehlbare Nils knallt unter zornigem Knurren vorbei. Diese Steilwände sind aber auch das einzig Malerische in der weiten Einöde des Flußbettes selbst, sonst nur Kies und Sand und Sand und Kies, wohin man blickt. Zwischen ihren Massen verkrümelt sich der Rovuma noch mehr als weiter oben an der Bangalamündung, und die Wamatambwe, die hier zahlreicher schweifen als weiter oben, haben es keineswegs nötig, zu ihren berühmten Schwimm- und Tauchkünsten zu greifen; ganz gemächlich waten sie durch die einzelnen Rinnsale hindurch. Freund Nils kommt damit um eine wunderschöne Gelegenheit, mich von der Wahrheit einer Geschichte zu überzeugen, die er nicht müde geworden ist, mir stets von neuem zu erzählen, sooft von den Wamatambwe die Rede war.
„Schwimmen können die,“ hatte er immer gesagt, „das Krokodil ist nichts dagegen, und Furcht vor dem Reptil hat ein ordentlicher Matambwe auch nicht; erstens hat er seine Daua dagegen, und dann ist er im Wasser auch viel gewandter als das Tier. Wenn aber der Rovuma Hochwasser hat, und die Matambwe können mit ihren Einbäumen nicht über den reißenden Strom, da laufen sie einfach hinüber.“
„Wie, Herr Knudsen, die Leute laufen hinüber? Wie machen sie denn das? Etwa auf Wasserschuhen, oder wie sonst?“
„Unten durch“, sagt Nils darauf und dabei macht er eine so bezeichnende Gebärde, daß man den Eindruck hat, er selbst sehe sich in diesem Augenblick auf dem Grunde des hochgeschwollenen Stromes dahinkrabbeln.
„Aber Mann,“ wage ich angesichts dieser Entschiedenheit nur noch ganz schüchtern einzuwerfen, „der Fluß ist dann doch über 1000 Meter breit; selbst wenn die Matambwe in der Minute 100 Meter abspazierten, was selbst in ruhigem Wasser nicht einmal möglich ist, geschweige denn in dem pfeilschnell fließenden Strom, so würden sie doch volle zehn Minuten unter Wasser sein müssen.“
Nils hat nicht nur den Dickschädel des echten Nordgermanen, er hat auch den Vorzug des bessern Landeskenners; daher wundert es mich gar nicht, daß nur eine Art bedauernder Blick mich streift. „Aber Neuling, was verstehst denn du davon?“ soll der mir besagen.
Also von diesen Taucherkünsten des sonst ganz amphibischen Volkes bekomme ich jetzt nichts zu sehen. Dagegen scheint mir auf Grund eigener Beobachtung das Zutrauen zu der berühmten Krokodildaua keineswegs so groß zu sein, wie Nils das behauptet; kommen die Matambwemänner, die Knudsen unentwegt über den zu unseren Füßen rauschenden Stromarm hinüberschickt, um die von ihm erlegten zahlreichen Enten zu holen, unversehens einmal in eine tiefere Stelle, ei wie ängstlich schauen sie da um sich und wie schnell hasten sie dem rettenden Ufer zu.
Doch darum bin ich ja gar nicht zum Rovuma hinabgestiegen; zu meinem Lobe kann ich auch gestehen, daß ich von der mir so karg zugemessenen Muße immer nur die Nachmittage auf den Strom verwendet habe; der Vormittag ist stets der Erscheinung gewidmet gewesen, von der Knudsen so viel Aufhebens gemacht hatte. Und diesmal hat er endlich einmal recht gehabt; selbst die einfachste Photographie besagt mehr als die langatmigste Beschreibung, daher verweise ich auf die beigegebenen schönen Bilder und beschränke mich in meinem Kommentar zu dieser merkwürdigen Erscheinung der Pfahlbauten lediglich auf das, was dem Völkerkundler und Kolonialfreund zu wissen unumgänglich notwendig ist.
Unser Abmarsch von Nchichira hat sich um ein weniges verzögert; Ursache: ein warmer Regen, der in langen, senkrechten Linien auf den pulvertrocknen Sand „herunternieselt“. Ein förmliches Aufatmen ringsumher bei Natur und Mensch, ist es doch der erste Bote der rasch herannahenden Regenzeit. Doch nur zu bald tritt wieder die unbarmherzige Sonne in ihre Rechte, der Zug setzt sich in Bewegung und verschwindet rasch im nahen Abgrund. Schon nach wenigen Metern Abstieg hört die Schlüpfrigkeit des steilen Pfades auf, heiß und trocken knirschen Stein und Fels unterm Fuß, heiß und trocken ist auch die Atmosphäre, in die wir mit jedem Schritt um den Bruchteil eines Meters hineintauchen; daß hier der Regen noch im Fallen hat verdunsten müssen, versteht man wohl. Endlich sind wir unten; ein dichter Urwald von gewaltigen Stämmen nimmt uns auf, doch auch hier nichts von der Kühle des deutschen Waldes; heiß, feucht und moderdunstig schlägt die Luft uns entgegen, und nur unsicher tastet der Fuß über den schwanken Boden hin. „Wenn das die Forstverwaltung wüßte; hier ist Nutzholz zu holen“, sage ich noch eben zu mir selbst, da hört auch schon die Herrlichkeit auf. Hat ein Orkan hier gehaust, oder ist die Lawine herniedergegangen vom jähen Steilabhang nebenan? Wie geknickte Streichhölzer liegen die gewaltigen Stämme kreuz und quer, durch- und übereinander; ein wahrer Jammer ist’s, das Ausmaß dieser Vernichtung mit dem ökonomischen Auge des Europäers sehen zu müssen. Mühselig springen und klettern wir weiter; der Boden wird trockner, jetzt tritt der Fuß hie und da in dichte Aschenhaufen; noch ein forschender Blick ringsum, dann ist mir alles klar. Auch hier unten ist es der Mensch, der die Natur nicht in Frieden lassen kann. Das Makondeplateau wäre mit seinen 10000 Quadratkilometern wahrlich groß genug, um lumpigen 80000 oder 90000 bedürfnislosen Negern das bißchen Lebensunterhalt zu gewähren. Nein, in Wirklichkeit genügt es diesem Neger, wie man sieht, nicht; in weitem Umkreis hat er mit seiner scharfen Hacke das Unterholz niedergeschlagen und verbrannt, den Riesenbäumen aber ist er in seiner gewohnten Weise mit Axt und Feuer zu Leibe gegangen; überall glimmt es an den Enden und Seiten der Stämme, und weiße Aschenleichen zeugen, genau wie an den jungfräulichen Stellen oben auf dem Plateau, von der verschwundenen Pracht stattlicher Laubbäume. Und da bringen sie auch schon einen der Sünder heran; bei Gott, es ist der alte Madyaliwa selbst; zum Überfluß grinst er auch noch, ganz stolz auf sein Zerstörungswerk. Und sein Beil hat der alte, schwache Mann noch in der Hand.
An wirklichen Wäldern mit brauchbarem Nutzholz ist Deutsch-Ostafrika wahrlich nicht reich; der berühmte Schumewald in Usambara und einige andere, ob ihrer Seltenheit angestaunte Wälder helfen uns über diese bedauerliche Tatsache nicht hinweg. Um so gebieterischer ergibt sich für uns die Notwendigkeit, die bisher unberührten Hochwaldkomplexe hier am Rovuma vor dem Raubbau der Eingeborenen zu schützen. Wir haben ein wohlbegründetes Recht dazu, den Anwohnern dieses Tales jeden Axthieb in ihm zu untersagen, denn die Besitzergreifung dieses neuen Kulturbodens außerhalb ihres altangestammten Plateaus ist lediglich eine Folgewirkung der durch die Deutschen herbeigeführten neuen, sicheren Verhältnisse. Schaute nicht hoch oben die Boma von Nchichira so kühn und trutzig ins Tal und zu den Mavia hinüber, keinem Mgoni und keinem Makonde würde es einfallen, auch nur ein Korn Mais außerhalb des Plateaurandes zu pflanzen. Heute wissen die Leute ganz genau, daß sie unter unserm Schutze auch da unten vor Überfällen vom andern Ufer aus sicher sind, daher steigen sie hinab und zerstören uns unsere schönsten Wälder.
Doch weiter geht es, eine Bodenwelle hinauf; dort ist endlich das Wunder, und gleich in doppelter Gestalt sogar. Staunend stehe ich vor einem Turm, und verständnislos glotzen auch meine Leute das fremdartige Bauwerk an. Madyaliwas neues Palais -- hierher also hat sich der Alte täglich nach unserem Schauri zurückgezogen -- ist nun zwar nicht dreistöckig, wie Nils Knudsen behauptet hatte, doch zwei Stockwerke und eine Mansarde bekommt man mit einiger Sophistik sehr wohl heraus. Das Parterre beherbergt die Wirtschaftsräume; in Wirklichkeit ist es ein mit Stroh umhüllter quadratischer Raum, in dessen Mitte das übliche Herdfeuer zwischen den drei Klumpen Termitenerde glimmt, und der wie immer angefüllt ist mit Töpfen, Löffeln, Kellen und anderem Hausrat der Negerin. In der „Beletage“ ist es weit feiner; nur der Aufgang läßt an Bequemlichkeit zu wünschen übrig. Als alter Turner bin ich im Nu oben, dem ungelenkeren Nils machen die in meterweitem Abstand an die Tragpfeiler des Hauses gebundenen Sprossen dagegen arge Pein, und wie der alte steifbeinige Madyaliwa nebst Gemahlin allabendlich diese Hühnerstiege emporklimmt, ist mir erst recht ein Rätsel. Doch dafür entschädigt ihn dann das ganz behagliche Schlafkabinett: eine dicke Strohlage bedeckt den Knüppelboden, die dürren Leiber aber hüllen sich in gar nicht üble Matten. Die Wangoni haben kein Mutterrecht, daher verstößt es nicht wider den Anstand, wenn Abdallah, der Kronprinz, oben das Dachgeschoß bewohnt; auch dieses ist für Negerverhältnisse ganz nett mit weichem Lager, Matten und Vorratskörben eingerichtet.
Das ist meine erste Berührung mit den Pfahlbauten der hiesigen Gegend gewesen; an sie schlossen sich noch sehr ausgiebige Studien, das Gesamtbild aber ist folgendes. Selbstverständlich dachte ich, als ich den ersten Orientierungsmarsch beendet und überall nur Pfahlbauten vorgefunden hatte, an die Furcht vor Moskitos und Überschwemmungen als Entstehungsursache dieser Bauart; manche der hochragenden Hütten liegen ja auch in Wirklichkeit unmittelbar im Bereich der Hochflut des Stromes. Indessen die Mehrzahl befindet sich auf den Rücken von Hügelwellen, die ganz außerhalb des Hochwasserbereichs liegen. Fragen wir also die Eingeborenen selbst, warum sie gerade so und nicht anders bauen. Gesagt, getan. „~Pembe~, der Elefant“ antwortete uns der eine, „~pembe~“ sagt auch der folgende, „~pembe~“ sagen auch die übrigen. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen; der Elefant ist doch ein überaus scheues Tier, das die Nähe des Menschen unter allen Umständen meidet; da berichten uns die Eingeborenen, daß die hiesigen Vertreter der Spezies Elephas ein wenig anders geartet seien als ihre Brüder anderswo; erst vor wenigen Tagen habe ein solches Untier einen friedlich des Weges wandelnden Mgoni ganz ungereizt ergriffen und in die Höhe geworfen. Auch wenn ich mir den derben Palisadenbau betrachte, der so manche dieser hohen Bauten umgibt, so muß ich mir sagen: so ganz unrecht scheinen die pembefürchtenden Helden hier doch nicht zu haben. In jedem Fall hat mir die Entdeckung dieses Pfahlbautenstrichs hier dicht unter der Küste eine fast ebenso große Freude bereitet wie mein glückliches Erfassen der alten Stammesaufteilung im kühlen Newala.