Part 33
Auf harmlosere Bahnen hat mich heute ein Makondealter mit einer kleinen Gabe zurückgeführt. Wir hatten uns über die Zeitrechnung der hiesigen Völker unterhalten, und dabei war herausgekommen, daß sie in dieser Beziehung noch ebenso rückständig sind wie in der Bezeichnung der Tageszeit selbst, jedoch auch ebenso praktisch. Die Knotenschrift ist eine geistige Errungenschaft, die von der Menschheit zu den verschiedensten Zeiten und an den verschiedensten Orten gemacht worden ist; sie ist nicht nur in dem berühmten Quippu der Peruaner verkörpert, sondern ist in der Südsee nachgewiesen worden und auch in Westafrika. Hier auf dem Makondeplateau wird sie noch heutigestags frisch und fröhlich geübt; denn die Zahl der Kinder, die in den deutschen Regierungsschulen von Lindi und Mikindani das Schreiben mit der Feder erlernen, ist noch sehr gering. Mit artiger Gebärde überreicht mir der Makondemann eine etwa fußlange Bastschnur; 11 Knoten sind darin, in genau gleichen Abständen geschürzt.
„Das ist ein Reisekalender“, setzt mir der bisherige Besitzer durch Sefus Vermittelung auseinander; „will ich meine Reise antreten, so sage ich zu meiner Frau: Dieser Knoten (dabei tupft er auf den ersten) ist heute, da breche ich auf; morgen (ein Tupf auf den zweiten Knoten) bin ich unterwegs; auch den dritten und vierten marschiere ich noch; hier aber (ein energischer Griff an Knoten Nr. 5), da komme ich ans Ziel. Dort bleibe ich den sechsten Tag, am siebenten aber trete ich den Rückmarsch an. Der dauert diesen siebenten Tag und den achten und den neunten; am zehnten aber, da mußt du aufpassen, Frau, vergiß ja nicht, an jedem Tage einen Knoten zu lösen; an diesem zehnten Tage, da mußt du Essen für mich machen, denn siehe, hier am elften, da werde ich zurückkommen.“
Also hier ebenfalls wieder ein Überlebsel, eine Erinnerung an eine Kulturstufe, die auch unsere Vorfahren vor langer Zeit einmal durchlebt haben werden. Vor langer Zeit? Ist denn unser Knoten im Taschentuch etwas wesentlich anderes als jene 11 Knoten in der afrikanischen Bastschnur? Die Menschheit ist nicht nur ideenarm in dem Sinn, daß ihre Erfindungen über die ganze Erde hin sich stets auf dieselben einfachen Grundgedanken zurückführen lassen, sie ist bei allem technischen und geistigen Fortschritt doch auch selbst in ihren höchsten Gliedern recht konservativ. Der Knoten im Schnupftuch ist nur einer unter vielen Belegen dafür.
Das Knotensystem scheint im übrigen auch hier durchaus nicht so simpel zu sein, wie man nach dem Kalenderbeispiel vielleicht glauben möchte. Soeben legt mir ein anderer Makondemann ein ganzes Bündel von Knotenschnüren auf den Tisch; das rühre vom Jumben Soundso her, der könne nicht behalten, wer von seinen Dorfleuten schon die Hüttensteuer bezahlt habe und wer nicht, da helfe er sich in dieser Weise, und es gehe mit dem Verfahren ganz gut.
Doch damit sei es genug der Einzelheiten aus dem unerschöpflichen Schatz des höheren und niederen Volkstums. Angesichts dieser schier unübersehbaren Fülle von Erscheinungen, wie sie sich mir drunten im Tiefland und nun seit fünf Wochen hier oben auf der Kante des Makondehochlandes Tag für Tag aufgedrängt haben, komme ich mehr und mehr, auch auf Grund meiner eigenen Forscherpraxis -- aus den Schätzen unserer ethnographischen Museen und der völkerkundlichen Literatur weiß ich dies schon lange --, zu der Überzeugung, daß kaum ein Ausdruck so verfehlt und falsch ist wie der Ausdruck Naturvölker. Freilich sie alle, die Indianer und die Eskimo und die Hyperboräer und die Neger und viele Süd- und Südostasiaten, die Mehrzahl der Malaien, die Ozeanier und die Australier, sie alle leben zweifellos inniger in und mit der sie umgebenden Natur als wir, die wir uns lediglich von Kultur umgeben wähnen. Aber hat in Wirklichkeit jede einzelne dieser von uns so hochmütig über die Achsel angesehenen Menschheitsgruppen nicht auch Kultur, und zwar genau so ihre eigene Kultur wie wir die unsere? Setzt sich, um gleich beim Nächstliegenden zu bleiben, das materielle und das geistige Leben meiner Neger hier im Stromgebiet des Rovuma nicht auch aus tausend und tausend Einzelzügen zusammen, die untereinander nicht viel weniger differenziert sind als unsere eigenen Lebensbetätigungen? Allerdings, dem Neger bringt sein Hackbau, bringt seine Technik nicht jene Summe von Lebensannehmlichkeiten, wie sie der wohlsituierte Weiße von heute für sich in Anspruch nimmt; aber leben manche Teile der Landbevölkerung selbst im deutschen Vaterlande denn nicht ebenso schlecht und vielleicht noch schlechter als diese Barbaren, denen freilich das schreckliche Odium anhaftet, nicht einmal ihren Namen schreiben zu können! Ich bin wahrlich sehr weit davon entfernt, diese sogenannten Naturvölker mit allem ihrem Tun und Lassen durch eine rosige Brille zu betrachten; aber wenn ich in Betracht ziehe, daß die ungeheuren Errungenschaften, wie sie die Erfindung der Buchdruckerkunst, das Zeitalter der großen Entdeckungen und die Reformation im Gefolge gehabt haben, doch allem unserm Hochmut zum Trotz in Wirklichkeit nur einem geringen Bruchteil der weißen Rasse, gleichsam einer nicht einmal lückenlosen Schicht, veredelnd in Fleisch und Blut übergegangen sind, dann komme ich immer wieder auf meine Ansicht zurück: nein, wir sind durchaus nicht die alleinigen Pächter der Kultur. --
Du aber, Newala, mit deinem brausenden Abendsturm, deinen kühlen Morgenstunden, deinen Sandflöhen und deinem so lehrreichen Völkergemisch, lebe wohl! Die langen Wochen meines Verweilens in deinem Palisadenzaun haben mir Arbeit über Arbeit gebracht, Tag für Tag rund das Doppelte an Zeit von dem, was unsere demokratischen Apostel im hetzenden und gehetzten fernen Uleia für den vierten Stand erträumen, erhoffen und fordern; und gerade darum bist du mir lieb und wert geworden. Ohne Fleiß kein Preis! Morgen beim grauenden Tag heißt es dich verlassen. Ob mir hier auf den Höhen dieses merkwürdigen geologischen Gebildes, Makondeplateau genannt, noch viel zu tun bleiben wird, ich weiß es nicht und ich ahne es nicht, doch auch die Zukunft soll mich zu jeder Forscherarbeit gerüstet finden.
Siebzehntes Kapitel.
Wiederum zum Rovuma.
Am +Rovuma+, 23. Oktober 1906 etwa 39° 40′ östl. Länge.
Von den mehr als 700 Meter Seehöhe Newalas habe ich mich auf höchstens 60 Meter erniedrigt, dafür aber lasse ich statt der 24 bis 25 Grad Mittagstemperatur dort auf dem hohen Westrande des Makondeplateaus deren augenblicklich 36 über mich ergehen. Es ist schrecklich heiß hier in dem baumartigen Gestrüpp, in dem wir notgedrungen unser Lager haben aufschlagen müssen; und das trotz der unmittelbaren Nähe der Fluten meines alten Freundes, des großen Rovuma. Wie hatte mir sein breites Bett so oft zu dem Plateaurande von Nchichira heraufgewinkt, nach Süden in gerader Linie abgeschlossen durch die gewaltige, keilförmige, glitzernde Fläche des großen Nangadisees, rechts, mehr nach Südwesten zu, flankiert von dem kleineren Lidedesee. Doch ich muß wohl auch hier chronologisch verfahren, um verstanden zu werden.
Der frühe Morgen des 11. Oktober war ebenso neblig, rauh und kalt wie alle seine Vorgänger, doch in unseren Augen glich er ihnen nicht im mindesten. Das Schauspiel der ausgelassensten Freude, wie es mir meine Leute beim Aufbruch von Chingulungulu geboten hatten, wiederholte sich hier in womöglich noch gesteigertem Grade; Newala war für die armen Kerle ja in der Tat alles andere als ein Kapua gewesen. Selbst Pesa mbili II., ein sonst sehr behäbiger, wohlbeleibter Manyema, ist ganz schlank geworden. Als ich ihn gestern fragte: „~Tumbo lako wapi?~ Wo ist dein Bauch?“, da antwortete er mit traurigem Blick auf die Stelle verflossener Herrlichkeit: „~Tumbo limekwenda, bwana~, fort ist er gegangen, der Bauch, Herr.“ ~Tumbo limekwenda~ kann übrigens auch ich sagen, desgleichen Freund Knudsen; unsere Khakigewänder schlottern nur so um unser kärgliches Gebein.
Für meine weiteren Makondestudien konnte lediglich Mahuta in Frage kommen. Mahuta ist nicht nur der politische Mittelpunkt des ganzen Hochlandes, in dem hier als oberster Verwaltungsbeamter der Wali residiert, sondern auch geographisch ist es für meine Zwecke äußerst dienlich gelegen. Straßen führen von hier nach allen Richtungen, ich kann also leicht zu allen Eingeborenen gelangen, oder, was bequemer und besser sein wird, die Schwarzen werden zu mir kommen können. Doch einstweilen winkte mir ein anderes Ziel: der Südrand des Plateaus mit einer Enklave von Wangoni.
Über diese Wangoni hatte ich bereits seit Lindi das Mannigfaltigste zu hören bekommen; selbstverständlich sollten sie Brüder und Stammesgenossen der gleichnamigen Kaffernvölker oben am Ostufer des Nyassa sein. Sie seien bei einem der vielen Raubzüge, durch welche diese Kaffernvölker, sei es unter dem Namen der Masitu oder Mafiti oder Magwangwara oder Wamatschonde oder Wangoni, seit den 1860er Jahren den ganzen Süden von Deutsch-Ostafrika zu einer mehr oder minder menschenleeren Wüste umgestaltet haben, durch den tapfern Gegenangriff der Yao unter Matola I. vom Haupttrupp abgesprengt und in den Bezirk von Nchichira auf der Südkante des Makondeplateaus verschlagen worden. Nils Knudsen wußte sogar noch viel mehr; prachtvolle große Kriegergestalten seien es, die in jeder Beziehung himmelhoch über ihren gegenwärtigen Nachbarn und selbst noch über seinen geliebten Wayao ständen. Und wenn ich endlich einmal wirklich geschlossene Dörfer sehen wolle, Haus an Haus, mit schönen Straßen dazwischen, dann müsse ich nach Nchichira gehen. „Werde ich auch, aber Sie gehen natürlich mit.“ Das hat sich der brave Nils nicht zweimal sagen lassen; Rovuma und Elefantenjagd sind für ihn zwei untrennbare Begriffe; ich glaube, er würde stracks bis zum mittleren Kongo laufen, wenn ihm einer sagte, dort stehe ein großzahniger Elefant. Aber er schießt auch gut, trotz seiner recht klapprigen Donnerbüchsen.
Also erst Nchichira und die Wangoni, dann, als Nachtisch zum ganzen Forschungsdiner, noch einige Wochen Mahuta. Damit, denke ich, wird es genug sein des grausamen Spiels; schon jetzt bekomme ich ab und zu gelinde Anwandlungen von wissenschaftlicher Übersättigung, und ich fürchte, wenn es mit dem Zuströmen neuer Eindrücke so weiter geht, wird meine Aufnahmefähigkeit eines schönen Tages doch einmal versagen.
Unser Weg von Newala bis Nchichira hat uns über Mahuta geführt. War das ein bequemes Marschieren! Hätte ich nicht mein bewährtes altes Maultier gehabt, ich hätte mir tatsächlich ein Fahrrad wünschen mögen; selbst ein Auto hätte auf diesen Wegen ungehindert fahren können. Kein steiler Berg und kein schroff eingerissenes Erosionstal; dafür eine sanft und fast unmerklich nach Osten abfallende Ebene, in ihrer ganzen Ausdehnung von dichtem Busch bestanden; aus diesem die ausgedehnten Felder der fleißigen Makonde ausgespart; für den Wanderer endlich aufs beste zugerichtet breite, manchmal kilometerlang schnurgerade gehauene Straßen. Auch hier haben die Makonde diese breiten Barrabarra keineswegs aus eigenem Interesse an einem verbesserten Verkehrswesen hergerichtet, es hat vielmehr auch in diesem Teil des Landes eines sehr starken Druckes von Lindi aus bedurft; aber dafür entsprechen nun diese Wege bei einer Breite, die fast überall einer Sektion, stellenweise sogar einem Halbzuge das Marschieren gestattet, jedem strategischen Zwecke. Nur der lockere tiefe Sand ist geeignet, die Freuden des Wanderns herabzumindern; er findet sich Gott sei Dank nicht überall, sondern nur an den tiefergelegenen Stellen des Weges, wohin er von der Höhe herabgeflossen ist; dort ist er schier unergründlich.
Doch die Freude über den endlichen Ortswechsel würde auch größere Hindernisse überwinden als diese Bagatelle. Der Busch ist grün, die Sonne hat soeben den Nebel siegreich niedergekämpft und strahlt nun mit einer Freundlichkeit auf Schwarz und Weiß hernieder, daß die Träger gar nicht anders können, sie müssen singen. Und nun heben sie an mit ihren schönen alten Wanyamwesiliedern, die uns sooft schon über manche kleine Mißstimmung hinweggeholfen haben, und auch mit neukomponierten, die ich heute zum erstenmal höre. Sie sind noch viel schöner als der alte Bestand.
Nur eine einzige größere Ansiedelung liegt am Wege zwischen Newala und Mahuta; es ist der Ort Hendereras, eines alten klumpfüßigen Makondejumben. In seiner ganzen Häßlichkeit hat er anscheinend selbst meinen Trägern imponiert, wenigstens hat ihn mir einer unter ihnen wenige Tage später, aufs getreueste abkonterfeit, im Skizzenbuch überbracht. Der Ort Hendereras ist ein auffallend groß angelegter Weiler; der Platz, um den sich die Hütten scharen, könnte gut einer deutschen Kompagnie als Exerzierplatz dienen; mein einsames Dutzend tapferer Krieger nimmt sich auf ihm jedenfalls recht spärlich aus.
Die Boma von Mahuta kündigt sich schon von weitem durch ihren Palisadenzaun und ein außergewöhnlich weites Schußfeld an. Wald und Busch treten in der Tat nirgends näher als ein paar hundert Meter an die Befestigung heran. Vor deren kaum mannsbreitem Eingangspförtchen sehe ich schon von weitem die gesamte Heeresmacht des Wali aufmarschiert: fünf Baharia, schwarze Kerle in khakigelben Matrosenkostümen, die sich krampfhaft bemühen, unter der Leitung ihres baumlangen Kommandeurs in leidliche Richtung zu kommen. Der Wali ist nicht zu sehen; er ist an der Küste, heißt es. Der Kommandeur brüllt gerade: „Das Gewehr über!“, da bin ich boshaft genug, von der Richtung auf die Boma abzubiegen und rechts einzuschwenken; einige hundert Meter seitlich hinter der Boma sehe ich nämlich das Haus, das längst nach mir genannt worden ist und in dem ich doch nun pflichtschuldigst Quartier nehmen muß. „Das Haus zum weggebliebenen Professor“ ist es, ein Bau, den Herr Ewerbeck in Voraussicht unseres gemeinsamen Wirkens in Mahuta dort bereits vor Monaten für uns beide hat ausführen lassen. Der Erbauer ist damals zum festgesetzten Einweihungstermin pünktlich zugegen gewesen, den Gast hatte jedoch die Völkerkunde Chingulungulus wie mit eisernen Klammern festgehalten. Halb betrübt, halb ärgerlich hat Freund Ewerbeck die Taufe des Hauses mit jenem Namen allein vollzogen, und dann ist auch er abmarschiert. Kaum haben die fünf Matrosen meine Absicht gemerkt, hei, wie fliegen die nackten Füße auch schon davon! Ich bin in scharfem Trabe hinterhergeritten, aber gleichwohl erfolgt das „Achtung, präsentiert das Gewehr! Augen links!“ doch noch vollkommen rechtzeitig. Ja, fix sind sie, die schwarzen Jungens!
Das „Haus zum weggebliebenen Professor“ liegt wunderschön; steht man auf seiner Barasa oder seiner Freitreppe, so öffnet sich eine gähnende, tiefe Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen. Ein stolzer, grüner Hochwald zur Linken und zur Rechten -- an Steilabhänge wagen sich die Makonde mit ihrem Raubbau nicht heran --, ganz hinten aber, dort, wo die wohl 20 Kilometer lange Schlucht durch zwei in scharfer Linie vorspringende Plateaunasen abgeschlossen wird, ein hellgrauer Streif mit silbernem Bande darin. Das ist der Rovuma. Hinter ihm ein großer glänzender Spiegel: der Lidedesee, und hinter diesem in dunklen, mattgrünen Konturen die ebene Fläche des Maviaplateaus. Nach so viel monotonem Makondehochland ist Mahuta landschaftlich eine wahre Erquickung.
Schon am nächsten Tage geht es weiter. Stunde um Stunde marschiert die lang auseinandergezogene Karawane zwischen den grünen Wänden des Busches dahin. Dieser ändert jetzt sein Aussehen beträchtlich: er wird an Höhe geringer, an die Stelle der schrecklichen Dornen treten in wucherndem Übermaß Pflanzenformen, die mich an unseren Teufelszwirn erinnern. Die Sonne steigt immer höher, der Engpaß des Weges wird immer glühender, der Sand des Bodens immer feiner und tiefer. Endlich ist Nchichira erreicht; es ist eine Boma wie Massassi, Newala und Mahuta auch: ein von arm- bis beinstarken Palisaden umzäunter, quadratischer Raum von rund 100 Meter Seitenlänge, in dem das Haus des Akiden steht, und wo auch die übrigen Elemente einer untergeordneten deutschen Verwaltungsstelle wohnen. In den langen Monaten haben meine Leute eine glänzende Übung im Auf- und Abbauen des Lagers bekommen. Eins, zwei, drei steht mein Zelt; ebenso schnell sind wir auch schon unter der niedrigen Barasa eingerichtet. Sie ist ebensowenig komfortabel wie unsere früheren Wohnpaläste, aber so ein festes Strohdach ist mir doch tausendmal lieber als die Notwendigkeit, im heißen Zelt wohnen zu müssen, oder als der Aufenthalt unter einer frisch gebauten Banda mit ihrer Unsumme gräßlichsten Ungeziefers. In solchen Neubauten regnet es Insekten ohne Unterlaß aus dem frischen Stroh auf Kopf und Körper, in Schüssel und Teller herunter.
Die zwölf Tage Nchichira sind mir wie im Traum vergangen. Nicht, daß ich wirklich geträumt hätte, dazu hat mir das auch hier vorhandene Übermaß von Arbeit keine Muße gelassen. Gerade weil ich unter der Wucht der Eindrücke noch nicht recht zur Besinnung gekommen bin, das reiche Mahl sozusagen noch nicht verdaut habe, erscheint mir die ganze Zeit wie ein wirrer Traum. Seine Einzelheiten kann und will ich hier nicht schildern; nur das Markanteste sei hervorgehoben.
Vom Heldentum der Wangoni keine Spur, die Kerle sind durchaus nicht anders gestaltet und sicherlich nicht besser geartet als irgendeine andere Gruppe im Reigen der hiesigen Völker; ja, wenn ich’s ehrlich gestehen soll, so fallen sie physisch sogar noch ab. Und krank sind auch viele. Welch schreckliches Bild bot sich mir eines Tages dar, als ich der Fährte einer Riesenschlange folgte, wie ich vermeinte. So etwa mag die von einem Python in den Sand gezogene Spur aussehen. Ich trete um ein Haus herum: ein Skelett hockt vor mir; keine Spur Fleisch, kein Muskel am ganzen Körper des kranken Mannes, dem ein kleiner Junge mitleidig forthilft. Ububa heißt die Krankheit; die Fährte aber rührt von der Fortbewegungsart des Unglücklichen her; er ist auf dem Gesäß hierhergezogen worden.
Von wirklich stattlicher Größe ist nur der alte Makachu, der Jumbe des gleichnamigen benachbarten Dorfes und gleichzeitig der Chef der einen der beiden Sippen, in welche diese Wangoni zerfallen. Ich habe Makachu gemessen, er ist 181 Zentimeter hoch; wenn er bei diesem Höhenmaß einherschreitet wie Saul, so zeigt das, wie kläglich die ganze übrige Gesellschaft bezüglich ihrer Körperhöhe ausgestattet sein muß. In der Tat, ganz ausgemergelt infolge ständiger Unterernährung schleppen sich die alten Männer des Stammes zum Schauri herbei, und auch der Nachwuchs verspricht wenig. Nein, das sind keine Kaffern, habe ich mir schon beim Einzuge gesagt, und seitdem habe ich es auf die mannigfaltigste Weise bestätigt gefunden.
Zunächst Siedelungs- und Bauart; nicht ein Zug Südafrikanisches in ihr. Die weitgedehnten Dörfer, durch die man die letzten Stunden des Weges von Mahuta her marschiert, sie gleichen aufs genaueste den Dörfern im Tiefland westlich des Plateaus, höchstens, daß die Felder hier besser gepflegt erscheinen und auch von Hause aus besser urbar gemacht worden sind. Es ist aber auch ein ander Ding, einen derben Waldbestand niederzulegen als hier oben das bißchen Busch zu verbrennen.
Auch in Einzelheiten des Baues kein Unterschied; das Hütteninnere genau so unordentlich wild mit Vorratsbehältern, Töpfen und Rindengefäßen, mit schwelendem Herdklotz und mit Bettstellen ausgestattet wie in Mchauru oder Akundonde; die Außenwände aber genau so mit kindlichen Malereien überklext wie auch sonst überall im Lande.
Und dann erst die Sprache und die Geschichte dieser Volksgruppe. Unter meiner Mustertruppe von Trägern befindet sich in Gestalt des edlen Mambo sasa auch ein echter Kaffer, ein Mgoni von Runsewe. Diese Wangoni sind die Nachkommen jener Kaffernwelle, die von allen am weitesten nach Norden gedrungen ist. Während das Gros der reisigen Scharen, die vor einem halben Jahrhundert oder etwas mehr über den Sambesi heraufkamen, sich an beiden Ufern des Nyassa niederließ und unter blutigen Kämpfen Reiche begründete, zogen diese Wangoni am Ostufer des Tanganyika entlang immer weiter nach Norden. Im nordwestlichen Unyamwesi endlich kam auch diese Welle zum Stehen. Unter dem Namen Watuta haben die Nachkommen jener ersten Eroberer jahrzehntelang ein wildes Räuberleben geführt; in den 1890er Jahren hat sie der Hauptmann Langheld endlich in dem genannten Busch von Runsewe seßhaft gemacht.
„Na, Mambo sasa, was wirst du mir schön dolmetschen können“, sage ich zu meinem ewig lustigen Freunde. Mambo ist in der Tat der Spaßmacher der ganzen Kompagnie; seine Stimme ist nicht melodisch, dafür aber laut und ausdauernd; seine Improvisationen verstummen denn auch niemals am Tage, weder auf dem Marsch noch im Lager. Schon stehen sich die Wangoni von Nchichira und der Mgoni von Runsewe einander gegenüber; nach meinem bewährten Verfahren beginne ich meine ethnologische Aufnahme. Mambo hat die Frage verstanden, er gibt sie in der Sprache seiner Jugend weiter. Es erfolgt keine Antwort; verständnislose Mienen ringsum. Das wiederholt sich noch mehrere Male, stets mit demselben negativen Erfolg; die Namensgenossen verstanden einander einfach nicht. In der Folge habe ich die beiden Elemente getrennt vorgenommen und von beiden Sprachen soviel aufgezeichnet, wie es mir angesichts des geradezu fabelhaften Unverstandes sowohl des guten Mambo sasa, wie auch der Stammesgelehrten von Nchichira möglich war. Das Ergebnis lautet, soweit mir eine Übersicht schon jetzt möglich ist, wirklich so, wie ich vermutet hatte: die Wangoni von hier haben mit den gleichnamigen Leuten oben bei Ssongea in Wirklichkeit nur den Namen gemein, nichts weiter; sie sind eine genau so durcheinandergewürfelte Horde von allen möglichen Stammesresten, wie sie in andern Teilen des Südens auch noch existieren.
Einen klipp und klaren Beweis für die letztausgesprochene Vermutung hat mir schließlich das Durchsprechen der Stammesgeschichte selbst gebracht. Neben dem Riesen Makachu ist mein Hauptgewährsmann der alte Madyaliwa, in dessen Dorfbereich die Boma erbaut worden ist, bei dem wir also sozusagen zu Gaste sind, und der der Chef der andern der beiden Sippen zu sein die hohe Ehre hat. Das jüngere und gleichzeitig „gebildete“ Element wird durch Herrn Saidi, den Lehrer von Nkundi, repräsentiert, der auf meinen Hilfeschrei endlich auch herbeikam, um mich aus allen Aufnahmenöten zu retten. Die Leute hier sind aber auch zu hinterwäldlerisch! Mehr als Staffage neben jenen drei Säulen dient ein halbes Dutzend anderer, meist älterer Männer, denen es anscheinend mehr darauf ankommt, meine Barasa vollzuspucken, als meine geschichtlichen Kenntnisse ihres Stammes zu bereichern.
Zunächst stellen Madyaliwa und Makachu ihre beiderseitige Sippenzugehörigkeit fest; jener gehört zur Lukohu der Makāle, Makachu zur Lukohu der Wakwāma. Unaufgefordert beginnt der Recke Makachu, dessen Stattlichkeit leider durch einen sehr tief zwischen den Schultern sitzenden Kopf beeinträchtigt wird, zu erzählen, er sei am Lukimuafluß geboren, aber sein Volk sei an den Mluhesi vertrieben worden, als er ein Junge gewesen sei. Ganz mechanisch ist bei dem Worte Junge der Arm des Sitzenden bis zur Wagerechten in die Höhe gegangen, ebenso mechanisch hat sich die Hand senkrecht zum Arm emporgerichtet. Es seien die bösen Wangoni gewesen, vor denen sie hätten davonlaufen müssen.
„Die Wangoni?“ frage ich daraufhin ganz erstaunt, „du bist doch selbst Mgoni.“
„Allerdings, aber es waren doch die Wangoni.“
Ich habe es für das Klügste gehalten, den Alten einstweilen nicht aus dem Konzept zu bringen, und so erzählte er weiter: „Als ich anfing einen Bart zu bekommen -- heute ist Makachus kurzer Kinnbart fast weiß --, da kamen die Wangoni wieder; diesmal aber wurden wir bis zum Häuptling Namagone vertrieben, und die Wangoni waren zahlreich wie die Heuschrecken.“